, und auch Bob hält in seinem Attachement aus . Er geht darin ein wenig zu weit , denn seine Zärtlichkeitsbezeigungen haben immer etwas Überfallartiges . Mit einemmal springt er mich an , immer noch die Tigernatur . Die Fahrt zur Heinrichsbaude hinauf ist vertagt worden . Man will noch einen frischen Schneefall abwarten , denn es heißt : je mächtiger die Schneedecke , desto schöner die Fahrt talwärts und desto gefahrloser ; der Schlitten fliegt dann über die Felsblöcke weg , als ob es Maulwurfshügel wären . Unser Leben hier ist ziemlich still , wenig Besuch , und außer unserm Adamsdorfer Prediger , der dann und wann vorspricht , kommen meist nur Prediger aus der Nachbarschaft und ein alter Oberst aus der Stadt ; außerdem auch noch ein Amtsgerichtsrat und seine Frau . Diese Besuche freuen mich immer sehr , aber auch ohne sie habe ich Unterhaltung die Hülle und Fülle , weil die Tante gern aus ihrem Leben erzählt , am liebsten aus ihren Kindertagen , die sie noch in Armut verbrachte . Zu dem allem haben wir auch noch eine merkwürdige Bildergalerie hier , deren Grundstock aus verschiedenen Bildnissen aus der Klosterzeit her besteht : Heiligenbilder ( nicht viele ) , zu denen sich die Porträts von Äbten und Prioren und sogar ein Fürstbischof von Breslau gesellen ; dazwischen allerlei spezifisch Preußisches : Friedrich der Große ( dreimal ) , Prinz Heinrich , General Tauentzien und zum Schluß ein Dutzend Bildnisse von Personen aus der Familie des ersten Mannes der Tante . Lauter Leysewitze . Von den Poggenpuhls nichts ; nicht einmal das Porträt des Onkels . Ich nahm vor ein paar Tagen Gelegenheit , leise darauf hinzuweisen , worauf er lachend erwiderte : » Ja , Fiechen « ( so nennt er mich immer ) , » das Poggenpuhlsche fehlt ganz und gar , was aber recht gut ist ; es herrscht hier schon ein ungeheures Durcheinander , und wenn auch noch der Hochkircher und der Sohrsche hinzukämen , so wäre die Konfusion vollständig . « Der gute Onkel hat solchen bon sens , daß ihm der Hang , auch Mitglieder seiner eigenen Familie hier einziehen und mit den altschlesischen Adligen in Wettstreit treten zu sehen , gänzlich fernliegt . Und damit hängt es auch wohl zusammen , daß die Wappentellerfrage ruht . Onkel Eberhard war wohl von Anfang an dagegen und hat nur schließlich , ich will nicht sagen gern , aber doch ohne lange Kämpfe nachgegeben . All das hat sich aber geändert . Eine ganz andere Aufgabe harrt jetzt meiner , die mich stolz und glücklich macht . Was dies andre nun ist , davon das nächste Mal . - Wenn Briefe von Wendelin oder Leo bei Euch eintreffen , so schickt sie mir , zunächst natürlich meinetwegen , aber doch auch des Onkels halber , der sich für beide ganz aufrichtig interessiert und von jedem was erwartet , von Wendelin gewiß , aber auch von Leo . Leo , sagte er noch heut , ist ein Glückskind , und das Beste , was man haben kann , ist doch immer das Glück . Die Tante wurde dabei ganz ernsthaft und bestritt es , beruhigte sich aber , als er verbindlich und mit einer chevaleresken Handbewegung sagte : » Hab ich dich verdient oder war es Glück ? « Sie gab ihm einen Kuß , was mich rührte , denn es war kein Zärtlichkeitskuß , den ich bei alten Leuten nicht sehen mag , sondern nur echte Zuneigung und Dankbarkeit . Und mit Recht . Denn so gewiß diese Verheiratung ihn glücklich gemacht hat , so gewiß auch sie . - Du siehst aus diesem allem , wie glücklich ich hier bin , aber mitunter sehne ich mich doch nach Dir und möchte Dir die Hände streicheln . Ängstige Dich nur nicht zu viel . Es wird noch alles gut . Das läßt Dir der Onkel noch eigens durch mich vermelden . Er sagte mir heut , es gäbe einen Wappenspruch , der laute : » Sorg , aber sorge nicht zu viel , es kommt doch , wie ' s Gott haben will . « Und gegen diesen Spruch , so schloß er , verstießest Du mehr , als recht sei . Ich hab übrigens nicht , wie Du vielleicht glaubst , mit eingestimmt , hab ihm vielmehr gesagt : » Wie weh etwas tut , weiß nur der , der das Weh gerade hat . « Da hat er mir auch einen Kuß gegeben . Es ist ein herrlicher Mann , und ich kann nicht herauskriegen , wer besser ist , er oder sie . Nun aber lebe wohl . Deine Sophie Schloß Adamsdorf , 19 Januar Heut , meine liebe Mama , nur eine Karte . Vorgestern ist Schnee gefallen ; er liegt um das Schloß her wie eine Mauer . Seit heute früh aber klarer blauer Himmel , milde Kälte , himmlisches Wetter . Wir wollen nun in den nächsten Tagen zu Fuß und zu Wagen bis auf den Kamm des Gebirges und dann in Hörnerschlitten zu Tal . Der Pastor und ein Assessor aus der Stadt wollen teilnehmen . Ich freue mich unendlich darauf . Ergeh es Euch gut . Deine Sophie Heinrichsbaude , 22. Januar Wieder nur eine Karte . Diesmal aber mit einem Bilde drauf ( Heinrichsbaude ) . Wir sind nämlich hier oben und werden wenigstens noch bis morgen bleiben , bleiben müssen . Und daran bin ich schuld . Ich verfehlte , gleich als ich den Schlitten bestiegen und das Niedersausen begonnen hatte , den rechten Weg und wäre , rettungslos verloren , in den Krater gestürzt - den sie , weil er unten Wasser hat , den » kleinen Teich « nennen - , wenn nicht ein in der richtigen Richtung fahrender Schlitten , der dies sah , mit allem Vorbedacht von der Seite her in meinen Hörnerschlitten hineingefahren wäre . Bei diesem , ich muß sagen glücklichen , weil mich rettenden Zusammenstoß wurde ich herausgeschleudert und mußte , weil ich , etwas verletzt , nicht gehen konnte , hierher zurückgetragen werden . Wir erwarten in ein paar Stunden den Arzt aus Krummhübel . Das ist das nächste große Dorf . Ängstigt Euch nicht . Auf Hörnerschlittenfahrten aber laß ich mich nicht wieder ein . Mein Retter war ein junger Assessor ( adlig ) und schon verlobt . Wie immer Deine Sophie Schloß Adamsdorf , 25. Januar Zwei Telegramme des guten Onkels werden Dich über mein Befinden beruhigt haben . Von Gefahr keine Rede mehr ; Oberschenkelbruch ; in vier Wochen , spätestens in sechs , kann ich wieder tanzen . Der Arzt ist vorzüglich und sehr dezent ; Sohn eines Webers hier aus der Nähe ( Notiz für Therese ) . Meine Rettung , wie ich Dir , glaub ich , schon schrieb , verdanke ich allein dem Assessor ; er ist natürlich Reserveleutnant und will , wenn es zum Kriege kommt , dabeibleiben . Akten sind ihm zuwider , was der Amtsgerichtsrat , sein Vorgesetzter , lächelnd bestätigt . Daß ich so viele Wochen ruhig liegen muß , würde mir hart ankommen , wenn mir der Doktor nicht freie Bewegung meiner Arme gestattet hätte . Die Tante ließ mir denn auch sofort eine Stellage herrichten , so daß ich ohne Mühe schreiben und zeichnen kann . Ich mache davon den reichlichsten Gebrauch und fertige Skizzen über Skizzen . Und da ist es denn auch wohl an der Zeit , Dir , meine gute Alte , von dem neuen Plan zu erzählen , hinsichtlich dessen ich schon vor ein paar Wochen , bald nach meinem Eintreffen hier , einige kurze Andeutungen machte . Statt mit dem Malen von Wappentellern bin ich nämlich , höre und staune , mit Ausmalung unsrer protestantischen Kirche ( das Dorf hat , wie fast überall hier , auch eine katholische ) betraut worden , und zwar sollen in all die tiefer liegenden Felder , die sich um die Kirchenempore herumziehen , auf Holz gemalte biblische Bilder eingelassen werden , jedes etwa von der Größe eines zusammengeklappten Spieltisches . Eine freilich etwas sonderbare Maß- und Größenangabe , wenn ich bedenke , daß es sich um eine Kirche handelt . Natürlich wird es nichts großartig Kunstmäßiges werden , dafür ist gesorgt , aber doch auch nichts Schlechtes , und , was mich am meisten beglückt , ich werde die Aufgabe ganz neu zu lösen trachten . Also : » Joseph wird nach Ägypten hin verkauft « , » Judith und Holofernes « , » Simson und Delila « - all dergleichen denk ich fallenzulassen und dafür das zu nehmen , worin das Landschaftliche vorherrscht . Meine Bemühungen gehen mithin zunächst dahin , in der Bibel nach Stoffen mit guter Szenerie zu suchen und solche , wenn ich sie gefunden , in wenig Strichen hinzuwerfen , so gut es in meiner gegenwärtigen Lage geht . Aus der Länge meines Briefes siehst Du , daß es mir trotz alledem und alledem sehr gut ergeht . Manon wird dies vielleicht bestreiten und sich darauf berufen , daß man , weil man Briefe vorläufig noch mit der Hand schreibe , keine Schlußfolgerungen daraus auf das Wohlbefinden des Fußes ziehen dürfe . Das ist aber falsch . Wenn man einen kranken großen Zehen hat , d.h. wirklich krank , so kann man ebensowenig schreiben , wie wenn es ein kranker Daumen wäre . Laß mich recht ausführlich hören , wie ' s Euch geht . Auch Friederike soll mir schreiben ; Dienstbotenbriefe sind immer so reizend , so ganz anders wie die der Gebildeten . Die Gebildeten schreiben schlechter , weil weniger natürlich ; wenigstens oft . Das Herz bleibt doch die Hauptsache . Nicht wahr , meine liebe gute Alte ? ! Du weißt das am besten . Und Therese soll mir eine Beschreibung von der Soiree bei Bronsarts machen und ob lebende Bilder gestellt wurden und welche . Und Manon soll mir von Bartensteins schreiben und dem Ball und ob sie mitgetanzt hat und mit wem . Und welche Toilette sie hatte . Manon versteht es , aus ein bißchen Tüll und einem Rosaband ein Feenkostüm zu machen . Und nun lebe wohl . Die Tante will noch ein paar Zeilen ( vielleicht einen Krankenbericht ) mit beilegen . Wie immer Deine Dich herzlich liebende Sophie Elftes Kapitel Während der Wochen , wo diese Korrespondenz zwischen Berlin und Schloß Adamsdorf ging , ging auch ein Briefwechsel zwischen Berlin und Thorn . Leo begann mit einer Karte an Manon , die , nachdem sie geschrieben , wohlweislich noch in ein Couvert gesteckt worden war . Thorn , 8. Januar Seit drei Tagen wieder da . Kopernikus steht noch . Im ganzen Neste riecht es nach Bierfisch , was übrigens nicht ganz richtig ist , denn sie kochen hier die Karpfen mit Pfefferkuchen und Ungarwein . In diesen Stücken sind wir Euch überlegen ; freilich geht man etwas mißbräuchlich damit vor . - Wendelin empfing mich am Bahnhof , furchtbar artig , aber doch auch sehr gnädig . Er übertreibt es ; Gönnermiene , ganz Generalstab . Und er ist es noch nicht mal . Natürlich kommt er dazu . Soviel Tugenden kann sich der Staat nicht entgehen lassen . Verzeih diese Malicen , aber wenn man sich so verschwindend klein fühlt , hat man nichts als Schändlichkeiten , um sich vor sich und andern zu behaupten . Der Wurm krümmt sich . Ich schreibe morgen wieder , vielleicht noch heute , wenn mir das Rekrutenexerzieren nicht den Lebensodem nimmt . » Dobry , dobry « und dazwischen » Schafskopp « . Tausend Grüße . Dein Leo An den Rand der Karte war noch eine Nachschrift gekritzelt . » Eben kommt eine Einladung zu heut abend ; engster Zirkel . Wohin , brauche ich Dir wohl nicht erst zu sagen . Esther übrigens heute früh schon am Fenster gesehen - pompös , ja fast Pomposissima , was mich ein wenig ängstigt . Denn sie ist erst 18. Wohin soll das am Ende führen ? « Drei Tage nach Empfang antwortete Manon . Berlin , 12. Januar Mein lieber Leo ! Habe Dank für Deine Zeilen , die mich herzlich erfreut haben , weil sie so ganz Du selbst waren . Deine Karte , glücklicherweise couvertiert , kam zugleich mit einem Briefe von Sophie . Da sah man so recht den Unterschied . Sophie immer , ich möchte sagen , Palette in Hand , immer künstlerisch , immer gefühlvoll und immer dankbar . Namentlich dies letztere läßt sich Dir nicht vorwerfen . Dein älterer Bruder ( und der bessere dazu ) macht Dir den Hof , und Du bespöttelst ihn . Ei , ei ; poggenpuhlsch ist das jedenfalls nicht . Die Poggenpuhls sind pietätvoll . Ich glaube , Dein Hang zu kleinen Spöttereien und Überheblichkeiten fliegt Dir so an , ist Umgangseinfluß oder , was dasselbe sagen Will , eine Folge des Tons , dem Du im Hause der pompösen Esther oder der » Pomposissima « , wie Du schreibst , begegnest . Ich kenne diesen Ton auch von Bartensteins her , wiewohl diese selbst nicht daran teilnehmen und verlegen werden , wenn er überhaupt angeschlagen wird . Daß dies geschieht , können aber freilich selbst Bartensteins nicht verhüten , denn sie haben , bei der eigentümlichen Zusammensetzung ihrer Gesellschaft , das Spiel nie ganz in der Hand . Um nur eins zu nennen , die Verwandtschaft , die sich allsonntäglich bei ihnen versammelt , ist immer wie aus zwei Welten : der eine Onkel war vielleicht dreißig Jahre lang in London oder Paris , der andre dreißig Jahre lang in Schrimm . Und das macht denn doch einen Unterschied . Ich sprach von Umgangseinfluß . Er ist da ; seine Macht verspür ich an mir selbst , und wenn ich Therese ansehe , so bestätigt sich mir dieser Einfluß , von der andern Seite her , wie eine Probe aufs Exempel . Therese , wenn auch manches an ihr anders sein könnte , weiß doch jederzeit , was sich schickt , und das verdankt sie der Wilhelmstraßenluft , in der sie nun mal lebt . Ich weiß nicht , in welcher Straße Esther wohnt ( vielleicht auch in einer Wilhelmstraße ) , nur das weiß ich , daß es in der unsrigen keine Pomposissimas gibt . Ich muß mich hier unterbrechen . Eben hat es geklingelt , und aus dem Korridorgespräch , das Friederike führt , hab ich gehört , daß Flora gekommen und bei der Mama eingetreten ist . Sie wird mich einladen wollen . Über das vorstehende Thema nächstens mehr . Deine ganze Zukunft , soviel wird mir immer klarer , dreht sich um die Frage : Esther oder Flora . Flora , Gott sei Dank , ist blond , sogar hellrotblond . Lebe wohl . In alter Liebe Deine Manon Berlin , 15. Januar Lieber Leo ! Du hast meinen zweiten Brief , der den ersten vervollständigen sollte , gar nicht abgewartet und mir umgehend geantwortet . Das ist sehr liebenswürdig , aber leider auch ängstlich , und wenn schon die bloße Raschheit der Erwiderung etwas Mich-besorgt-Machendes hatte , so mehr noch die einzelnen Wendungen Deines Briefs . Ich will doch nicht fürchten , daß die Einladung zum 8. abends , von der Du auf Deiner Karte schriebst , verhängnisvoll für Dich geworden ist . Ich weiß , daß dunkler Teint Dir immer gefährlich war . Und Esther ! Es ist merkwürdig , daß manchem Namen etwas wie eine mystische Macht innewohnt , eine Art geistiges Fluidum , das in rätselhafter Weise weiterwirkt . Raffe Dich auf , sei stärker , als Ahasverus war ( ich meine den Perserkönig ) , der auch der Macht der Esther erlag . Eben habe ich Deine Zeilen noch einmal überflogen und wieder den Eindruck davon gehabt , als hättest Du Dich bereits engagiert . Ist dem so , so weiß ich sehr wohl , daß die Welt darüber nicht zugrunde gehen wird , aber mit Deiner Karriere ist es dann vorbei . Denn in der Provinz , und speziell in Deiner Provinz , ist das religiöse Gefühl - oder , wie sie bei Bartensteins immer sagen , das » Konfessionelle « ( sie wählen gern solche sonderbar verschränkten Ausdrücke ) - von viel eigensinnigerem Charakter , und der Übertritt wird von den Eltern einfach verweigert werden . In diesem Falle bliebe Dir also nur Standesamt , ein , so aufgeklärt ich bin , mir geradezu schrecklicher Gedanke . Solch ein Schritt würde Dich nicht nur von der Armee , sondern , was mehr sagen will , auch von der » Gesellschaft « ausschließen , und Du würdest von da ab in der Welt umherirren müssen , fremd , abgewiesen , ruhelos . Und da hätten wir dann den andern Ahasverus . Tu uns das nicht an . Therese würd es nicht überleben . Deine Manon Berlin , 18. Januar Mein lieber Leo ! Gott sei Dank . Nun kann noch alles gut werden . Du glaubst nicht , wie erlöst ich mich fühle , daß dieses Wetter an uns allen und nicht zum wenigsten an Dir selber vorübergegangen ist . Du lachst mich aus über meine Besorgnisse , neckst mich und stellst die Frage , was denn , wenn ' s nun wirklich sich so gestaltet hätte , was denn für ein Unterschied gewesen wäre zwischen den so verpönten Blumenthals und den mit so vielem Empressement empfohlenen Bartensteins . Ja , Du fügst hinzu , Blumenthal führe seit Jahr und Tag den Kommerzienratstitel und solche Staatsapprobation durch eine doch immerhin christliche Behörde sei zwar nicht die Taufe selbst , aber doch nahe daran , und so sei denn Haus Blumenthal dem Hause Bartenstein eigentlich um einen Pas voraus . Ach , lieber Leo , das klingt ganz gut , und als einen Scherz will ich es gelten lassen , aber in Wahrheit liegt es doch anders . Bei Bartensteins war der Kronprinz , Bartenstein ist rumänischer Generalkonsul , was höher steht als Kommerzienrat , und bei Bartensteins waren Droysen und Mommsen ( ja , einmal , kurz vor seinem Hinscheiden , auch Leopold von Ranke ) , und sie haben in ihrer Galerie mehrere Bilder von Menzel , ich glaube einen Hofball und eine Skizze zum Krönungsbild . Ja , lieber Leo , wer hat das ? In einem Damenkomitee für das Magdalenum sitzt Frau Melanie , das ist der Vorname der Frau Bartenstein , seit einer Reihe von Jahren , Dryander zeichnet sie bei jeder erdenklichen Gelegenheit aus ... Und dann Esther und Flora selbst ! Es ist ein Unterschied , muß ein Unterschied sein . Ich beschwöre Dich : überlege - vor allem aber - und das ist das , was ich Dir nicht genug ans Herz legen kann - , vor allem wiege Dich nicht in der eitlen Vorstellung , daß man hier , bloß weil ich es im stillen so sehr , sehr wünsche , daß man hier etwa bang und sehnlichst auf Dich wartete . Die Wünsche beider Eltern , auch Floras selbst , gehen unzweifelhaft nach der Adelsseite hin , aber doch sehr mit Auswahl , und wenn beispielsweise bei Frau Melanie - die sich ihrer und ihres Hauses Vorzüge sehr wohl bewußt ist - die Entscheidung läge , so weiß ich ganz bestimmt , daß sie ' s unter einem Arnim oder Bülow nicht gern tun wurde . Und nun berechne danach die Chancen der Poggenpuhls ! Sie sind , trotz Therese , nicht eben überwältigend , und Deine persönliche Liebenswürdigkeit würde schließlich doch viel , viel mehr den Ausschlag zu geben haben als das Maß unsrer historischen Berühmtheit . Demungeachtet ist auch diese ein durchaus in Rechnung zu stellender Faktor , ganz besonders Flora gegenüber , die , im Gegensatz zu beiden Eltern , einen ausgesprochen romantischen Sinn hat und mir erst vorgestern wieder versicherte , daß ihr , als sie neulich in Potsdam die Grenadiermützen vom 1. Garderegiment gesehen hätte , die Tränen in die Augen gekommen seien . - Alles in allem , Leo , Du hast noch keine volle Vorstellung davon , um was und um wieviel Du wirbst und daß es , trotz meiner guten und , ich kann wohl sagen , intimsten Beziehungen , immer noch Mühen und Anstrengungen kosten wird , die Braut heimzuführen . Weise also nicht hochmütig das , was ich Dir noch vorzuschlagen haben werde , zurück , ein Leichtsinn , gegen den ich Dich durch Deinen guten Verstand und Deine schlechte Finanzlage gleichmäßig geschützt glaube . ... Aber da kommt eben Flora , um mich zum » shopping « ( sie wählt gern englische Wendungen ) abzuholen , und ich muß hier abbrechen , ohne mich über meinen Plan : eine Familiengeschichte der Poggenpuhls , höre und staune , durch Dich geschrieben zu sehen , näher ausgesprochen zu haben . Nur noch soviel : Wendelin muß das Beste dabei tun und hinterher natürlich Onkel Eberhard . Überleg ' s. Vor allem aber Mut und Schweigen . Flora weiß nichts , ahnt nichts . Wie immer Deine Manon Umgehend antwortete Leo . Thorn , 19. Januar Meine liebe Manon ! Ich fühle mich wie beschämt durch Deine Liebe und Fürsorge . Ein vorzüglicher Plan , geradezu großartig . Aber , aber ... Und ach , dies Aber läßt mich Dir in ziemlich schwermütiger Verfassung antworten . Wendelin , der es doch schließlich machen müßte , will nicht . Er findet es einfach ridikül . Und warum ? Weil , seiner aufrichtigen Meinung nach , das Poggenpuhlsche nicht mit den Kreuzzügen , sondern einfach mit Wendelin von Poggenpuhl anfängt . Was seit hundert Jahren unter dem » Hochkircher « und dem » Sohrschen « geschah , war Alltagsarbeit ; in Front stehen und Hurra schreien bedeutet ihm nicht viel , er ist für strategische Gedanken . Jedenfalls denkt er mehr an sich als an die Familie . Er hilft mir zwar regelmäßig und ist in vielen Stücken eine glänzende Nummer , aber es muß immer was sein , was ihm zugleich in aller Augen zu Vorteil und Ehre gereicht ; wenn es ihm so vorkommt , daß er persönlich damit bei hohen Vorgesetzten anstoßen oder wohl gar in einem fragwürdigen Lichte dastehen könnte , so ist es mit allem Familiengefühl und aller Bereitwilligkeit rasch vorbei . Er heißt Poggenpuhl , aber er ist keiner , oder doch ganz auf seine Weise , die von der unsrigen sehr abweicht . Darüber aber kein Wort zu Mama ; die ist imstande und schreibt es ihm , und dann bin ich an den Pranger gestellt . Ich bin ohnehin schon immer verlegen , wenn er bei mir in die Stube tritt . Er hat so ' n verdammt superiores Lächeln , und ich muß mich ducken . Überhaupt - und das ist das Fatale der ganzen Karriere - , man muß sich immer ducken . Aber statt dieser Confessions lieber zurück zur Hauptsache , zu der zu schreibenden Ruhmesbroschüre . Wendelin , wie gesagt , will nicht , und ich selber kann nicht , kann nicht und wenn sich ' s darum handelte , die Königin von Madagaskar als Braut heimzuführen . Ach , Manon ! ... » über Madagaskar fern im Osten seh ich Frühlicht glänzen « - ja , dahin muß ich , damit endet ' s , damit muß es enden ! Denn ich werde Flora nie » mein nennen « ( so drücken sich manche aus ) , wenn die Familiengeschichte durchaus geschrieben werden muß . Und daneben , und das ist das Schlimmste , weil zugleich das Beschämendste , daneben hab ich die Leidenschaft Esthers für mich stark überschätzt . Oder vielleicht auch , daß mir über Nacht ein Rival , ein bevorzugter Mitbewerber erstanden . In diesem Falle würde ich Esther hassen müssen . Und um mit nichts zurückzuhalten , ach , Manon , auch von dem Quitzowabend , der sich so glänzend anließ oder wenigstens so glänzend abschloß , ist seit einer Woche so gut wie nichts mehr da . Trauriges Dasein und draußen Tauwetter . Ich könnte den Hamletmonolog deklamieren , aber ich wähle das Kürzere : » Nymphe , bete für mich . « Es wird wohl falsch zitiert sein ; die meisten Zitate sind falsch . Dein Leo Zwölftes Kapitel Diese Korrespondenz zwischen den zwei jüngeren Geschwistern setzte sich bis in den Februar hinein fort , wenig zur Freude Theresens , die gelegentlich einen von Leos Briefen las und es jedesmal beklagte , daß sich » das Poggenpuhlsche so weit verirren könne « , wobei sie übrigens der Schwester die Hauptschuld zumaß . » Meiner Meinung nach « , so hieß es regelmäßig , wenn dies Thema zur Sprache kam , » ist der ganze Briefwechsel überhaupt überflüssig ; wenn er aber stattfinden soll , so möcht ich wohl , daß er einen andern Inhalt hätte . Du wirst ihn noch ganz zu dir hinüberziehen , in jene gesellschaftliche Sphäre , darin du dich leider wohl und immer wohler fühlst . Du willst nicht einsehen , daß die Welt , die du leichtfertig und hochmütig , und bloß um dich zu mokieren , als die christlich-germanische bezeichnest , daß diese Welt mehr bedeutet als ein halbes Dutzend Gersons - denn so viele werden es doch wohl nachgerade sein . Es kommt auf das innerliche Leben an , nicht auf das äußerliche : die Äpfel mit der schönen Schale sind meist wurmstichig . « » Und die grauen Reinetten überdauern den ganzen Winter . « Therese zuckte die Achseln und brach ab , nahm auch nicht Veranlassung , darauf zurückzukommen , und zwar um so weniger , als sich das , was ihr die Mama in dieser Streitsache begütigend gesagt hatte , sehr bald erfüllen sollte . » Laß doch die beiden « , so etwa waren die Worte der Majorin bei jener Gelegenheit gewesen , » du solltest doch Leo kennen und wissen , wie wenig das alles auf sich hat . Heute will er das und morgen das . Ehe drei Wochen um sind , hört die Schreiberei zwischen ihnen von selbst auf . « Und so kam es auch . Leo schloß sich , noch ehe der Januar zu Ende ging , einem katholischen Geistlichen an , der Dogmenstrenge mit Skat und Fidelität glücklich zu vereinigen wußte , welche neue Bekanntschaft denn auch sofort verhängnisvoll für die weitere Erörterung der Esther- und Flora-Frage wurde . Sie starb sehr bald ab . Ja , die Korrespondenz nach Thorn hin erlosch rasch , aber die zwischen Sophie und Manon setzte sich fort , und keine Woche verging , ohne daß ein Brief aus Adamsdorf eingetroffen wäre , meistens gleichzeitig mit einer sorglich gepackten Kiste , deren Eintreffen Friederike , wenn sie sie öffnete , jedesmal mit derselben Rede begleitete : » Wieder frische Eier und alle eingewickelt und in Häcksel . Ja , das laß ich mir gefallen , gnäd ' ge Frau . Denn erstens kriegt man keine frischen , wenn es auch draufsteht , und zweitens sind Eier doch immer besser , als was eben erst geschlachtet is . Ente geht noch , weil Ente fett ist ; aber schon bei Hühnern fängt es an , und ist es gar Kalb , dann hat es immer einen Stich ... Un ich werde auch gleich eins kochen , gnäd ' ge Frau ; Sie müssen sich auch mal was gönnen . Es ist wahr , Sie haben ja die Bonbons , aber das gibt keine Kraft un is bloß von wegen den Husten . « Sophiens Briefe teilten sich , der Zeit nach , in solche , die sich mit ihrer fortschreitenden Genesung und , als diese schließlich da war , mit ihrer malerischen Tätigkeit beschäftigten . Diese Briefe zu lesen war immer ein Vergnügen , und einzelne davon nahm Manon sogar mit zu Bartensteins , um sie da zum besten zu geben , aber freilich meist nur , wenn der Alte zugegen war , der so was gern hörte , während die Damen eigentlich nur aus Artigkeit folgten . Flora ( vielleicht weil sie wegen eines geplanten Ausfluges nach Olympia gerade Neugriechisch lernte ) hatte eine Neigung , alles » unbedeutend « zu finden , was Manon , so verliebt sie in die Freundin war , doch bestimmte , mit ihren Mitteilungen schließlich etwas zurückhaltender zu sein . In einem dieser Briefe hieß es : » Ich bin jetzt bei der Sündflut , die ja , wenn man will , auch ins Landschaftliche fällt . Wasser ist doch auch Gegend , und Gegend ist Landschaft . Und was denkt Ihr nun wohl , wie meine Sündflut aussieht ? Ganz anders wie andre , was ich , ohne unbescheiden zu sein , sagen darf , weil die Idee nicht von mir , sondern von Onkel Eberhard herrührt . Und auch eigentlich nicht von ihm , wie Ihr gleich hören werdet . Als ich mich nämlich vorige Woche beim Tee dahin äußerte , daß ich jetzt an die Sündflut herangehen wolle , sagte der Onkel : Ja , Fiechen , wie denkst du dir das nun eigentlich ? Oder richtiger , ich will es gar nicht wissen , ich will dir lieber gleich sagen , wie ich es mir denke und wie ich es mir wünsche . Als ich noch in Berlin bei » Alexander « stand , war ich mal auf Besuch in einer benachbarten Dorfkirche , drin viele Bilder waren , auch eine Sündflut . Und aus der Sündflut ragte nicht bloß , wie gewöhnlich , der Berg Ararat mit der Arche hervor , nein , neben dem Ararat befand sich auch noch in geringer Entfernung ein zweiter Berg , und auf diesem zweiten Berge stand eine Kirche . Und diese Kirche war genau die kleine märkische Dorfkirche mit einem Laternenturm und sogar einem Blitzableiter , in der wir uns in jenem Augenblick gerade befanden . Und das