das Kleine , das Nebensächliche . « » Ja und nein , Distelkamp . Das Nebensächliche , soviel ist richtig , gilt nichts , wenn es bloß nebensächlich ist , wenn nichts drinsteckt . Steckt aber was drin , dann ist es die Hauptsache , denn es gibt einem dann immer das eigentlich Menschliche . « » Poetisch magst du recht haben . « » Das Poetische - vorausgesetzt , daß man etwas anderes darunter versteht als meine Freundin Jenny Treibel - , das Poetische hat immer recht ; es wächst weit über das Historische hinaus ... « Es war dies ein Schmidtsches Lieblingsthema , drin der alte Romantiker , der er eigentlich mehr als alles andere war , jedesmal so recht zur Geltung kam ; aber heute sein Steckenpferd zu reiten verbot sich ihm doch , denn ehe er noch zu wuchtiger Auseinandersetzung ausholen konnte , hörte man Stimmen vom Entree her , und im nächsten Augenblicke traten Marcell und Corinna ein , Marcell befangen und fast verstimmt , Corinna nach wie vor in bester Laune . Sie ging zur Begrüßung auf Distelkamp zu , der ihr Pate war und ihr immer kleine Verbindlichkeiten sagte . Dann gab sie Friedeberg und Etienne die Hand und machte den Schluß bei ihrem Vater , dem sie , nachdem er sich auf ihre Ordre mit der breit vorgebundenen Serviette den Mund abgeputzt hatte , einen herzhaften Kuß gab . » Nun , Kinder , was bringt ihr ? Rückt hier ein . Platz die Hülle und Fülle . Rindfleisch hat abgeschrieben ... Griechische Gesellschaft ... und die beiden anderen fehlen als Anhängsel natürlich von selbst . Aber kein anzügliches Wort mehr , ich habe ja Besserung geschworen und will ' s halten . Also , Corinna , du drüben neben Distelkamp , Marcell hier zwischen Etienne und mir . Ein Besteck wird die Schmolke wohl gleich bringen ... So ; so ist ' s recht ... Und wie sich das gleich anders ausnimmt ! Wenn so Lücken klaffen , denk ich immer , Banquo steigt auf . Nun , Gott sei Dank , Marcell , von Banquo hast du nicht viel , oder wenn doch vielleicht , so verstehst du ' s , deine Wunden zu verbergen . Und nun erzählt , Kinder . Was macht Treibel ? Was macht meine Freundin Jenny ? Hat sie gesungen ? Ich wette , das ewige Lied , mein Lied , die berühmte Stelle Wo sich Herzen finden , und Adolar Krola hat begleitet . Wenn ich dabei nur mal in Krolas Seele lesen könnte . Vielleicht aber steht er doch milder und menschlicher dazu . Wer jeden Tag zu zwei Diners geladen ist und mindestens anderthalb mitmacht ... Aber bitte , Corinna , klingle . « » Nein , ich gehe lieber selbst , Papa . Die Schmolke läßt sich nicht gerne klingeln ; sie hat so ihre Vorstellungen von dem , was sie sich und ihrem Verstorbenen schuldig ist . Und ob ich wiederkomme , die Herren wollen verzeihen , weiß ich auch nicht ; ich glaube kaum . Wenn man solchen Treibelschen Tag hinter sich hat , ist es das schönste , darüber nachzudenken , wie das alles so kam und was einem alles gesagt wurde . Marcell kann ja statt meiner berichten . Und nur noch soviel , ein höchst interessanter Engländer war mein Tischnachbar , und wer es von Ihnen vielleicht nicht glauben will , daß er so sehr interessant gewesen , dem brauche ich bloß den Namen zu nennen , er hieß nämlich Nelson . Und nun Gott befohlen . « Und damit verabschiedete sich Corinna . Das Besteck für Marcell kam , und als dieser , nur um des Onkels gute Laune nicht zu stören , um einen Kost- und Probekrebs gebeten hatte , sagte Schmidt : » Fange nur erst an . Artischocken und Krebse kann man immer essen , auch wenn man von einem Treibelschen Diner kommt . Ob sich vom Hummer dasselbe sagen läßt , mag dahingestellt bleiben . Mir persönlich ist allerdings auch der Hummer immer gut bekommen . Ein eigen Ding , daß man aus Fragen der Art nie herauswächst , sie wechseln bloß ab im Leben . Ist man jung , so heißt es hübsch oder häßlich , brünett oder blond , und liegt dergleichen hinter einem , so steht man vor der vielleicht wichtigeren Frage Hummer oder Krebse . Wir könnten übrigens darüber abstimmen . Andererseits , soviel muß ich zugeben , hat Abstimmung immer was Totes , Schablonenhaftes und paßt mir außerdem nicht recht ; ich möchte nämlich Marcell gern ins Gespräch ziehen , der eigentlich dasitzt , als sei ihm die Gerste verhagelt . Also lieber Erörterung der Frage , Debatte . Sage , Marcell , was ziehst du vor ? « » Versteht sich , Hummer . « » Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort . Auf den ersten Anlauf , mit ganz wenig Ausnahmen , ist jeder für Hummer , schon weil er sich auf Kaiser Wilhelm berufen kann . Aber so schnell erledigt sich das nicht . Natürlich , wenn solch ein Hummer aufgeschnitten vor einem liegt und der wundervolle rote Rogen , ein Bild des Segens und der Fruchtbarkeit , einem zu allem anderen auch noch die Gewißheit gibt , es wird immer Hummer geben , auch nach Äonen noch , geradeso wie heute ... « Distelkamp sah seinen Freund Schmidt von der Seite her an . » ... Also einem die Gewißheit gibt , auch nach Äonen noch werden Menschenkinder sich dieser Himmelsgabe freuen - ja , Freunde , wenn man sich mit diesem Gefühl des Unendlichen durchdringt , so kommt das darin liegende Humanitäre dem Hummer und unserer Stellung zu ihm unzweifelhaft zugute . Denn jede philanthropische Regung , weshalb man die Philanthropie schon aus Selbstsucht kultivieren sollte , bedeutet die Mehrung eines gesunden und zugleich verfeinerten Appetits . Alles Gute hat seinen Lohn in sich , soviel ist unbestreitbar . « » Aber ... « » Aber es ist trotzdem dafür gesorgt , auch hier , daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen , und neben dem Großen hat das Kleine nicht bloß seine Berechtigung , sondern auch seine Vorzüge . Gewiß , dem Krebse fehlt dies und das , er hat sozusagen nicht das Maß , was , in einem Militärstaate wie Preußen , immerhin etwas bedeutet , aber dem ohnerachtet , auch er darf sagen : ich habe nicht umsonst gelebt . Und wenn er dann , er , der Krebs , in Petersilienbutter geschwenkt , im allerappetitlichsten Reize vor uns hintritt , so hat er Momente wirklicher Überlegenheit , vor allem auch darin , daß sein Bestes nicht eigentlich gegessen , sondern geschlürft , gesogen wird . Und daß gerade das , in der Welt des Genusses , seine besonderen Meriten hat , wer wollte das bestreiten ? Es ist , sozusagen , das natürlich Gegebene . Wir haben da in erster Reihe den Säugling , für den saugen zugleich leben heißt . Aber auch in den höheren Semestern ... « » Laß es gut sein , Schmidt « , unterbrach Distelkamp . » Mir ist nur immer merkwürdig , daß du , neben Homer und sogar neben Schliemann , mit solcher Vorliebe Kochbuchliches behandelst , reine Menufragen , als ob du zu den Bankiers und Geldfürsten gehörtest , von denen ich bis auf weiteres annehme , daß sie gut essen ... « » Mir ganz unzweifelhaft . « » Nun , sieh , Schmidt , diese Herren von der hohen Finanz , darauf möcht ich mich verwetten , sprechen nicht mit halb soviel Lust und Eifer von einer Schildkrötensuppe wie du . « » Das ist richtig , Distelkamp , und sehr natürlich . Sieh , ich habe die Frische , die macht ' s ; auf die Frische kommt es an , in allem . Die Frische gibt einem die Lust , den Eifer , das Interesse , und wo die Frische nicht ist , da ist gar nichts . Das ärmste Leben , das ein Menschenkind führen kann , ist das des petit crevé . Lauter Zappeleien ; nichts dahinter . Hab ich recht , Etienne ? « Dieser , der in allem Parisischen regelmäßig als Autorität angerufen wurde , nickte zustimmend , und Distelkamp ließ die Streitfrage fallen oder war geschickt genug , ihr eine neue Richtung zu gehen , indem er aus dem allgemein Kulinarischen auf einzelne berühmte kulinarische Persönlichkeiten überlenkte , zunächst auf den Freiherrn von Rumohr und im raschen Anschluß an diesen auf den ihm persönlich befreundet gewesenen Fürsten Pückler-Muskau . Besonders dieser letztere war Distelkamps Schwärmerei . Wenn man dermaleinst das Wesen des modernen Aristokratismus an einer historischen Figur werde nachweisen wollen , so werde man immer den Fürsten Pückler als Musterbeispiel nehmen müssen . Dabei sei er durchaus liebenswürdig gewesen , allerdings etwas launenhaft , eitel und übermütig , aber immer grundgut . Es sei schade , daß solche Figuren ausstürben . Und nach diesen einleitenden Sätzen begann er speziell von Muskau und Branitz zu erzählen , wo er vordem oft tagelang zu Besuch gewesen war und sich mit der märchenhaften , von » Semilassos Weltfahrten « mit heimgebrachten Abessinierin über Nahes und Fernes unterhalten hatte . Schmidt hörte nichts Lieberes als Erlebnisse der Art , und nun gar von Distelkamp , vor dessen Wissen und Charakter er überhaupt einen ungeheuchelten Respekt hatte . Marcell teilte ganz und gar diese Vorliebe für den alten Direktor und verstand außerdem - obwohl geborener Berliner - gut und mit Interesse zuzuhören ; trotzdem tat er heute Fragen über Fragen , die seine volle Zerstreutheit bewiesen . Er war eben mit anderem beschäftigt . So kam elf heran , und mit dem Glockenschlage - ein Satz von Schmidt wurde mitten durchgeschnitten - erhob man sich und trat aus dem Eßzimmer in das Entree , darin seitens der Schmolke die Sommerüberzieher samt Hut und Stock schon in Bereitschaft gelegt waren . Jeder griff nach dem Seinen , und nur Marcell nahm den Oheim einen Augenblick beiseite und sagte : » Onkel , ich spräche gerne noch ein Wort mit dir « , ein Ansinnen , zu dem dieser , jovial und herzlich wie immer , seine volle Zustimmung ausdrückte . Dann , unter Vorantritt der Schmolke , die mit der Linken den messingenen Leuchter über den Kopf hielt , stiegen Distelkamp , Friedeberg und Etienne zunächst treppab und traten gleich danach in die muffig schwüle Adlerstraße hinaus . Oben aber nahm Schmidt seines Neffen Arm und schritt mit ihm auf seine Studierstube zu . » Nun , Marcell , was gibt es ? Rauchen wirst du nicht , du siehst mir viel zu bewölkt aus ; aber verzeih , ich muß mir erst eine Pfeife stopfen . « Und dabei ließ er sich , den Tabakskasten vor sich herschiebend , in eine Sofaecke nieder . » So ! Marcell ... Und nun nimm einen Stuhl und setz dich und schieße los . Was gibt es ? « » Das alte Lied . « » Corinna ? « » Ja . « » Ja , Marcell , nimm mir ' s nicht übel , aber das ist ein schlechter Liebhaber , der immer väterlichen Vorspann braucht , um von der Stelle zu kommen . Du weißt , ich bin dafür . Ihr seid wie geschaffen füreinander . Sie übersieht dich und uns alle ; das Schmidtsche strebt in ihr nicht bloß der Vollendung zu , sondern , ich muß das sagen , trotzdem ich ihr Vater bin , kommt auch ganz nah ans Ziel . Nicht jede Familie kann das ertragen . Aber das Schmidtsche setzt sich aus solchen Ingredienzien zusammen , daß die Vollendung , von der ich spreche , nie bedrücklich wird . Und warum nicht ? Weil die Selbstironie , in der wir , glaube ich , groß sind , immer wieder ein Fragezeichen hinter der Vollendung macht . Das ist recht eigentlich das , was ich das Schmidtsche nenne . Folgst du ? « » Gewiß , Onkel . Sprich nur weiter . « » Nun sieh , Marcell , ihr paßt ganz vorzüglich zusammen . Sie hat die genialere Natur , hat so den letzten Knips von der Sache weg , aber das gibt keineswegs das Übergewicht im Leben . Fast im Gegenteil . Die Genialen bleiben immer halbe Kinder , in Eitelkeit befangen , und verlassen sich immer auf Intuition und bon sens und Sentiment , und wie all die französischen Worte heißen mögen . Oder wir können auch auf gut deutsch sagen , sie verlassen sich auf ihre guten Einfälle . Damit ist es nun aber soso ; manchmal wetterleuchtet es freilich eine halbe Stunde lang oder auch noch länger , gewiß , das kommt vor ; aber mit einem Mal ist das Elektrische wie verblitzt , und nun bleibt nicht bloß der Esprit aus wie Röhrwasser , sondern auch der gesunde Menschenverstand . Ja , der erst recht . Und so ist es auch mit Corinna . Sie bedarf einer verständigen Leitung , das heißt sie bedarf eines Mannes von Bildung und Charakter . Das bist du , das hast du . Du hast also meinen Segen ; alles andere mußt du dir selber besorgen . « » Ja , Onkel , das sagst du immer . Aber wie soll ich das anfangen ? Eine lichterlohe Leidenschaft kann ich in ihr nicht entzünden . Vielleicht ist sie solcher Leidenschaft nicht einmal fähig ; aber wenn auch , wie soll ein Vetter seine Cousine zur Leidenschaft anstacheln ? Das kommt gar nicht vor . Die Leidenschaft ist etwas Plötzliches , und wenn man von seinem fünften Jahr an immer zusammen gespielt und sich , sagen wir , hinter den Sauerkrauttonnen eines Budikers oder in einem Torf- und Holzkeller unzählige Male stundenlang versteckt hat , immer gemeinschaftlich und immer glückselig , daß Richard oder Arthur , trotzdem sie dicht um einen herum waren , einen doch nicht finden konnten , ja , Onkel , da ist von Plötzlichkeit , dieser Vorbedingung der Leidenschaft , keine Rede mehr . « Schmidt lachte . » Das hast du gut gesagt , Marcell , eigentlich über deine Mittel . Aber es steigert nur meine Liebe zu dir . Das Schmidtsche steckt doch auch in dir und ist nur unter dem steifen Wedderkoppschen etwas vergraben . Und das kann ich dir sagen , wenn du diesen Ton Corinna gegenüber festhältst , dann bist du durch , dann hast du sie sicher . « » Ach , Onkel , glaube doch das nicht . Du verkennst Corinna . Nach der einen Seite hin kennst du sie ganz genau , aber nach der anderen Seite hin kennst du sie gar nicht . Alles , was klug und tüchtig und , vor allem , was espritvoll an ihr ist , das siehst du mit beiden Augen , aber was äußerlich und modern an ihr ist , das siehst du nicht . Ich kann nicht sagen , daß sie jene niedrigstehende Gefallsucht hat , die jeden erobern will , er sei wer er sei ; von dieser Koketterie hat sie nichts . Aber sie nimmt sich erbarmungslos einen aufs Korn , einen , an dessen Spezialeroberung ihr gelegen ist , und du glaubst gar nicht , mit welcher grausamen Konsequenz , mit welcher infernalen Virtuosität sie dies von ihr erwählte Opfer in ihre Fäden einzuspinnen weiß . « » Meinst du ? « » Ja , Onkel . Heute bei Treibels hatten wir wieder ein Musterbeispiel davon . Sie saß zwischen Leopold Treibel und einem Engländer , dessen Namen sie dir ja schon genannt hat , einen Mister Nelson , der , wie die meisten Engländer aus guten Häusern , einen gewissen Naivitäts-Charme hatte , sonst aber herzlich wenig bedeutete . Nun hättest du Corinna sehen sollen . Sie beschäftigte sich anscheinend mit niemand anderem als diesem Sohn Albions , und es gelang ihr auch , ihn in Staunen zu setzen . Aber glaube nur ja nicht , daß ihr an dem flachsblonden Mister Nelson im geringsten gelegen gewesen wäre ; gelegen war ihr bloß an Leopold Treibel , an den sie kein einziges Wort , oder wenigstens nicht viele , direkt richtete und dem zu Ehren sie doch eine Art von französischen Proverbe aufführte , kleine Komödie , dramatische Szene . Und wie ich dir versichern kann , Onkel , mit vollständigstem Erfolg . Dieser unglückliche Leopold hängt schon lange an ihren Lippen und saugt das süße Gift ein , aber so wie heute habe ich ihn doch noch nicht gesehen . Er war von Kopf bis zu Fuß die helle Bewunderung , und jede Miene schien ausdrücken zu wollen : Ach , wie langweilig ist Helene ( das ist , wie du dich vielleicht erinnerst , die Frau seines Bruders ) , und wie wundervoll ist diese Corinna . « » Nun gut , Marcell , aber das alles kann ich so schlimm nicht finden . Warum soll sie nicht ihren Nachbar zur Rechten unterhalten , um auf ihren Nachbar zur Linken einen Eindruck zu machen ? Das kommt alle Tage vor , das sind so kleine Capricen , an denen die Frauennatur reich ist . « » Du nennst es Capricen , Onkel . Ja , wenn die Dinge so lägen ! Es liegt aber anders . Alles ist Berechnung : sie will den Leopold heiraten . « » Unsinn , Leopold ist ein Junge . « » Nein , er ist fünfundzwanzig , gerade so alt wie Corinna selbst . Aber wenn er auch noch ein bloßer Junge wäre , Corinna hat sich ' s in den Kopf gesetzt und wird es durchführen . « » Nicht möglich . « » Doch , doch . Und nicht bloß möglich , sondern ganz gewiß . Sie hat es mir , als ich sie zur Rede stellte , selber gesagt . Sie will Leopold Treibels Frau werden , und wenn der Alte das Zeitliche segnet , was doch , wie sie mir versicherte , höchstens noch zehn Jahre dauern könne und , wenn er in seinem Zossener Wahlkreise gewählt würde , keine fünfe mehr , so will sie die Villa beziehen , und wenn ich sie recht taxiere , so wird sie zu dem grauen Kakadu noch einen Pfauhahn anschaffen . « » Ach , Marcell , das sind Visionen . « » Vielleicht von ihr , wer will ' s sagen ? aber sicherlich nicht von mir . Denn all das waren ihre eigensten Worte . Du hättest sie hören sollen , Onkel , mit welcher Suffisance sie von kleinen Verhältnissen sprach und wie sie das dürftige Kleinleben ausmalte , für das sie nun mal nicht geschaffen sei ; sie sei nicht für Speck und Wruken und all dergleichen ... und du hättest nur hören sollen , wie sie das sagte , nicht bloß so drüber hin , nein , es klang geradezu was von Bitterkeit mit durch , und ich sah zu meinem Schmerz , wie veräußerlicht sie ist und wie die verdammte neue Zeit sie ganz in Banden hält . « » Hm « , sagte Schmidt , » das gefällt mir nicht , namentlich das mit den Wruken . Das ist bloß ein dummes Vornehmtun und ist auch kulinarisch eine Torheit ; denn alle Gerichte , die Friedrich Wilhelm I. liebte , so zum Beispiel Weißkohl mit Hammelfleisch oder Schlei mit Dill - ja , lieber Marcell , was will dagegen aufkommen ? Und dagegen Front zu machen ist einfach Unverstand . Aber glaube mir , Corinna macht auch nicht Front dagegen , dazu ist sie viel zu sehr ihres Vaters Tochter , und wenn sie sich darin gefallen hat , dir von Modernität zu sprechen und dir vielleicht eine Pariser Hutnadel oder eine Sommerjacke , dran alles chic und wieder chic ist , zu beschreiben und so zu tun , als ob es in der ganzen Welt nichts gäbe , was an Wert und Schönheit damit verglichen werden könnte , so ist das alles bloß Feuerwerk , Phantasietätigkeit , jeu d ' esprit , und wenn es ihr morgen paßt , dir einen Pfarramtskandidaten in der Jasminlaube zu beschreiben , der selig in Lottchens Armen ruht , so leistet sie das mit demselben Aplomb und mit derselben Virtuosität . Das ist , was ich das Schmidtsche nenne . Nein , Marcell , darüber darfst du dir keine grauen Haare wachsen lassen ; das ist alles nicht ernstlich gemeint ... « » Es ist ernstlich gemeint ... « » Und wenn es ernstlich gemeint ist - was ich vorläufig noch nicht glaube , denn Corinna ist eine sonderbare Person - , so nutzt ihr dieser Ernst nichts , gar nichts , und es wird doch nichts draus . Darauf verlaß dich , Marcell . Denn zum Heiraten gehören zwei . « » Gewiß , Onkel . Aber Leopold will womöglich noch mehr als Corinna ... « » Was gar keine Bedeutung hat . Denn laß dir sagen , und damit sprech ich ein großes Wort gelassen aus : die Kommerzienrätin will nicht . « » Bist du dessen so sicher ? « » Ganz sicher . « » Und hast auch Zeichen dafür ? « » Zeichen und Beweise , Marcell . Und zwar Zeichen und Beweise , die du in deinem alten Onkel Wilibald Schmidt hier leibhaftig vor dir siehst ... « » Das wäre . « » Ja , Freund , leibhaftig vor dir siehst . Denn ich habe das Glück gehabt , an mir selbst , und zwar als Objekt und Opfer , das Wesen meiner Freundin Jenny studieren zu können . Jenny Bürstenbinder , das ist ihr Vatersname , wie du vielleicht schon weißt , ist der Typus einer Bourgeoise . Sie war talentiert dafür , von Kindesbeinen an , und in jenen Zeiten , wo sie noch drüben in ihres Vaters Laden , wenn der Alte gerade nicht hinsah , von den Traubenrosinen naschte , da war sie schon geradeso wie heut und deklamierte den Taucher und den Gang nach dem Eisenhammer und auch allerlei kleine Lieder , und wenn es recht was Rührendes war , so war ihr Auge schon damals immer in Tränen , und als ich eines Tages mein berühmtes Gedicht gedichtet hatte , du weißt schon , das Unglücksding , das sie seitdem immer singt und vielleicht auch heute wieder gesungen hat , da warf sie sich mir an die Brust und sagte : Wilibald , Einziger , das kommt von Gott . Ich sagte halb verlegen etwas von meinem Gefühl und meiner Liebe , sie blieb aber dabei , es sei von Gott , und dabei schluchzte sie dermaßen , daß ich , so glücklich ich einerseits in meiner Eitelkeit war , doch auch wieder einen Schreck kriegte vor der Macht dieser Gefühle . Ja , Marcell , das war so unsere stille Verlobung , ganz still , aber doch immerhin eine Verlobung ; wenigstens nahm ich ' s dafür und strengte mich riesig an , um so rasch wie möglich mit meinem Studium am Ende zu sein und mein Examen zu machen . Und ging auch alles vortrefflich . Als ich nun aber kam , um die Verlobung perfekt zu machen , da hielt sie mich hin , war abwechselnd vertraulich und dann wieder fremd , und während sie nach wie vor das Lied sang , mein Lied , liebäugelte sie mit jedem , der ins Haus kam , bis endlich Treibel erschien und dem Zauber ihrer kastanienbraunen Locken und mehr noch ihrer Sentimentalitäten erlag . Denn der Treibel von damals war noch nicht der Treibel von heut , und am andern Tag kriegte ich die Verlobungskarten . Alles in allem eine sonderbare Geschichte , daran , das glaub ich sagen zu dürfen , andere Freundschaften gescheitert wären ; aber ich bin kein Übelnehmer und Spielverderber , und in dem Liede , drin sich , wie du weißt , die Herzen finden - beiläufig eine himmlische Trivialität und ganz wie geschaffen für Jenny Treibel - , in dem Liede lebt unsre Freundschaft fort bis diesen Tag , ganz so , als sei nichts vorgefallen . Und am Ende , warum auch nicht ? Ich persönlich bin drüber weg , und Jenny Treibel hat ein Talent , alles zu vergessen , was sie vergessen will . Es ist eine gefährliche Person , und um so gefährlicher , als sie ' s selbst nicht recht weiß und sich aufrichtig einbildet , ein gefühlvolles Herz und vor allem ein Herz für das Höhere zu haben . Aber sie hat nur ein Herz für das Ponderable , für alles , was ins Gewicht fällt und Zins trägt , und für viel weniger als eine halbe Million gibt sie den Leopold nicht fort , die halbe Million mag herkommen , woher sie will . Und dieser arme Leopold selbst . Soviel weißt du doch , der ist nicht der Mensch des Aufbäumens oder der Eskapade nach Gretna Green . Ich sage dir , Marcell , unter Brückner tun es Treibels nicht , und Kögel ist ihnen noch lieber . Denn je mehr es nach Hof schmeckt , desto besser . Sie liberalisieren und sentimentalisieren beständig , aber das alles ist Farce ; wenn es gilt , Farbe zu bekennen , dann heißt es : Gold ist Trumpf und weiter nichts . « » Ich glaube , daß du Leopold unterschätzest . « » Ich fürchte , daß ich ihn noch überschätze . Ich kenn ihn noch aus der Untersekunda her . Weiter kam er nicht ; wozu auch ? Guter Mensch , Mittelgut , und als Charakter noch unter Mittel . « » Wenn du mit Corinna sprechen könntest . « » Nicht nötig , Marcell . Durch Dreinreden stört man nur den natürlichen Gang der Dinge . Mag übrigens alles schwanken und unsicher sein , eines steht fest : der Charakter meiner Freundin Jenny . Da ruhen die Wurzeln deiner Kraft . Und wenn Corinna sich in Tollheiten überschlägt , laß sie ; den Ausgang der Sache kenn ich . Du sollst sie haben , und du wirst sie haben , und vielleicht eher , als du denkst . « Achtes Kapitel Treibel war ein Frühauf , wenigstens für einen Kommerzienrat , und trat nie später als acht Uhr in sein Arbeitszimmer , immer gestiefelt und gespornt , immer in sauberster Toilette . Er sah dann die Privatbriefe durch , tat einen Blick in die Zeitungen und wartete , bis seine Frau kam , um mit dieser gemeinschaftlich das erste Frühstück zu nehmen . In der Regel erschien die Rätin sehr bald nach ihm , heut aber verspätete sie sich , und weil der eingegangenen Briefe nur ein paar waren , die Zeitungen aber , in denen schon der Sommer vorspukte , wenig Inhalt hatten , so geriet Treibel in einen leisen Zustand von Ungeduld und durchmaß , nachdem er sich rasch von seinem kleinen Ledersofa erhoben hatte , die beiden großen nebenan gelegenen Räume , darin sich die Gesellschaft vom Tage vorher abgespielt hatte . Das obere Schiebefenster des Garten- und Eßsaales war ganz heruntergelassen , so daß er , mit den Armen sich auflehnend , in bequemer Stellung in den unter ihm gelegenen Garten hinabsehen konnte . Die Szenerie war wie gestern , nur statt des Kakadu , der noch fehlte , sah man draußen die Honig , die , den Bologneser der Kommerzienrätin an einer Strippe führend , um das Bassin herumschritt . Dies geschah jeden Morgen und dauerte Mal für Mal , bis der Kakadu seinen Stangenplatz einnahm oder in seinem blanken Käfig ins Freie gestellt wurde , worauf sich dann die Honig mit dem Bologneser zurückzog , um einen Ausbruch von Feindseligkeiten zwischen den beiden gleichmäßig verwöhnten Lieblingen des Hauses zu vermeiden . Das alles indessen stand heute noch aus . Treibel , immer artig , erkundigte sich , von seiner Fensterstellung aus , erst nach dem Befinden des Fräuleins - was die Kommerzienrätin , wenn sie ' s hörte , jedesmal sehr überflüssig fand - und fragte dann , als er beruhigende Versicherungen darüber entgegengenommen hatte , wie sie Mister Nelsons englische Aussprache gefunden habe , dabei von der mehr oder weniger überzeugten Ansicht ausgehend , daß es jeder von einem Berliner Schulrat examinierten Erzieherin ein kleines sein müsse , dergleichen festzustellen . Die Honig , die diesen Glauben nicht gern zerstören wollte , beschränkte sich darauf , die Korrektheit von Mister Nelsons a anzuzweifeln und diesem seinem a eine nicht ganz statthafte Mittelstellung zwischen der englischen und schottischen Aussprache dieses Vokals zuzuerkennen , eine Bemerkung , die Treibel ganz ernsthaft hinnahm und weiter ausgesponnen haben würde , wenn er nicht im selben Moment ein leises Insschloßfallen einer der Vordertüren , also mutmaßlich das Eintreten der Kommerzienrätin , erlauscht hätte . Treibel hielt es auf diese Wahrnehmung hin für angezeigt , sich von der Honig zu verabschieden , und schritt wieder auf sein Arbeitszimmer zu , in das in der Tat die Rätin eben eingetreten war . Das auf einem Tablett wohlarrangierte Frühstück stand schon da . » Guten Morgen , Jenny ... Wie geruht ? « » Doch nur passabel . Dieser furchtbare Vogelsang hat wie ein Alp auf mir gelegen . « » Ich würde gerade diese bildersprachliche Wendung doch zu vermeiden suchen . Aber wie du darüber denkst ... Im übrigen , wollen wir das Frühstück nicht lieber draußen nehmen ? « Und der Diener , nachdem Jenny zugestimmt und ihrerseits auf den Knopf der Klingel gedrückt hatte , erschien wieder , um das Tablett auf einen der kleinen , in der Veranda stehenden Tische hinauszutragen . » Es ist gut , Friedrich « , sagte Treibel und schob jetzt höchst eigenhändig eine Fußbank heran , um es dadurch zunächst seiner Frau , zugleich aber auch sich selber nach Möglichkeit bequem zu machen