Lene für die meisten eine schöne , aber faule Gredel , und jetzt ... « » Das verstehst du nicht ; eine Frau , die so schön ist , verdient eine schönere Behandlung , alle Leut sagen das , die nobelsten Leut , und das G ' richt gibt ihr recht , nicht ihm . « Der Wisperton , in dem die beiden sprachen , erregte die zürnende Frau immer mehr , sie keifte ihrem Kinde beinahe in die Ohren , verzog spöttisch den Mund , rieb die Handballen ineinander , daß es knarrte , und freute sich fast , als sie das graubleiche Gesicht der Hanne so verstört und furchtsam sah . » Aber Frau Mutter « , flüsterte sie besänftigend . » Gered ' t ist gered ' t. Schau , daß du bald heimkommst , sonst hol ich dich , aber anders ! « Frau Walter streifte die Ärmel so weit hinauf , als sie sich schieben ließen , und ging breitspurig durch die Küchentüre hinaus in den Hof . Draußen lauerten schon die Nachbarinnen , neugierig , ob die resolute Mutter das dumme Mädel mitbrachte oder ob die Wirtschaft so weitergehen würde . Sie zuckten nur mitleidig die Achseln , als die Alte allein kam , und steckten die Köpfe zusammen , als sie , ohne ihnen lange Rede zu stehen , davonging . Sechs Wochen hatten wirklich genügt , um die Menschen in der Blauen Gans zu ändern , ihre Stimmung zu festigen und ihre Meinungen abzuklären . Die Weiber redeten ja Tag und Nacht über die Geschichte mit der Lene , und so hatten sie gerade genug Zeit gehabt , um die meisten Männer windelweich zu schwatzen . Daß die Weiber recht hatten , bestätigte das Gericht , weil es die junge Frau nicht dazu verhielt , zu ihrem Manne zurückzukehren . Die Weisen der Blauen Gans und vor allem der Laternanzünder hatten vorhergesagt , daß die Ausreißerin mit Schande und Spott heimgebracht werde , und nun nahm sie das Gericht in Schutz . Sie mußte nicht in die große Stube der seligen Frau Weis , das wollte etwas sagen in jenem Winkel , wo sich die armen kleinen Leute von der Gewalt des Gerichtes auch den Begriff der Unfehlbarkeit machten und davor eine gruselnde Scheu wie die Kinder vor Gespenstern hatten . Darum war und blieb der Leopold jetzt für sie im Unrecht , und die Lene hatte den Weg eingeschlagen , den ein junges schönes Weib geht , wenn sie ihr Mann schlecht behandelt . Die junge schöne Frau hatte auch wirklich schnell Freunde gefunden , die ihr bald ihr Recht begreiflich machten . Da war zuerst die Schwester des » Herrn « , des großen » Handschuhmachers « , wie sie den Fabrikanten bezeichneten , für den die Hälfte der Leute in der Blauen Gans arbeitete . Die zierliche kleine Frau , eine unternehmende Französin , hatte sich von ihrem Bruder getrennt und auf eigene Faust einen » Salon für Damenbekleidung « eröffnet ; das wollte sagen , daß sie von den ungewöhnlichsten Hütchen angefangen bis zu den geschmackvollsten Stiefeletten herab alles feil hatte , was zu dem Putz einer eleganten Frau gehört . Sie hatte diese neue und vornehme Idee von ihrer Vaterstadt , von Paris , hergebracht und sie klug zu verwerten begonnen . Alle älteren Geschäftsleute sperrten Maul und Augen auf , denn mit einigen wandhohen Spiegeln , Samtsofas und einer Menge künstlicher Blumen , kurz , mit allerhand solchem Firlefanz , an den ein aufrechter Kaufmann gar nicht denkt , schnappte sie ihnen doch die allerschönsten Kunden vor der Nase weg . In dem Salon der » Madame Margot « gab es auch keine bedienenden jungen Herren , die regelrecht frisiert in den elegantesten Modezeitungstellungen herumlehnten oder mit krebsroten , aber zierlich gebogenen Fingern die Stoffe in genial hingehauchte Wogen zu bauschen wissen . Einfache , schwarzgekleidete Frauen sprachen sachkundig mit der Modedamenwelt , sie prüften Gesichtszüge , Haarfarbe und Gestalt genau , unterzogen die Abstufungen der Farben einem ernsten Studium und wählten dann erst Form und Stoffe . Diesen sorgfältig zu Werke gehenden Frauen waren zwei schöne junge Mädchen beigegeben , eine üppige Brünette und eine schlanke Blondine ; die beiden mußten die gewählten Gegenstände versuchsweise in Gebrauch nehmen und in diesem meist kostbaren Putz auf und nieder gehen , sitzen , sich drehen und wenden , so daß die Käuferinnen die Wirkung an einer lebendigen Gestalt erproben konnten . Seit fünf Wochen war anstelle der allzu schlanken Blondine ein Rotkopf getreten , der die Damen durch seine Schönheit entzückte , es war die Lene , die » Mademoiselle Madeleine « hieß . Als sie ihrem Manne davonlief , ging sie geradenwegs zu Madame Margot und erzählte ihr den ganzen Jammer . Die kleine Frau hörte aus der Geschichte mehr und anderes , als darin lag , dafür aber sah sie die schöne Gestalt des jungen Weibes ganz genau . Madame Margot war seit Jahren von ihrem Gatten getrennt , und das traurige Ereignis , das sie da hörte , war nach ihrer Auffassung nur ein neuer Beweis für die Niederträchtigkeit » von die Mann « . Es gab demnach mehr als einen Grund , daß sie diesen empörenden Fall in die winzigen Hände nahm , nachdem er von ihr zurechtgelegt war , einem geschickten Advokaten übergab und das mißhandelte schöne Weib frischweg in ihr Geschäft nahm . Ehe die Lene sich noch ganz mit sich zurechtgefunden hatte , waren schon ein Bündel Federn zerschrieben an einer langen Anklageschrift . Darin stand , daß der Leopold ein Wüstling sei , ein Säufer , daß er sein Weib fast erschlagen und daß die Lene einen solchen Widerwillen gegen ihn habe , daß sie in ehelicher Gemeinschaft nicht mehr mit ihm weiterleben könne . Der Leopold lag aber schon drei Wochen todkrank da , als ihm die Schrift in sein Haus flog , er konnte sie nur mühsam lesen und verstand sie kaum , er wußte auch nicht viel zu erwidern , als acht Tage darauf der Advokat kam und ihm das alles mündlich sagte . Der Mann mußte zugeben , daß er sein entlaufenes Weib geschlagen habe , daß sie ihm treu gewesen , daß sie nichts verschwendet und seine Wirtschaft in gutem Stand erhalten . » Gegen die Abneigung Ihrer geschätzten Frau gibt es kein Mittel , Zwang würde nichts nützen « , meinte der Advokat , » und , verzeihen Sie , lieber Mann , Sie dürfen sich bei alldem , was Sie getan haben , gar nicht wundern , wenn sich eine schöne ehrbare Frau von Ihnen lossagt « , schloß der Geschickte mit einem Hinblinzeln über die hilflose , krüppelhafte Gestalt des Kranken und mit einer würdevollen Handbewegung , die sich wie eine Verurteilung ansah . Der Leopold glotzte den Advokaten an , er wunderte sich gar nicht über das Gebaren seiner Frau , er besann sich nur , daß alles , was ihm dieser abgeschliffene und gemessene Herr da sagte , schon in der langen Schrift zu lesen war , und dann - ja - das gute Gedächtnis seiner Lene brachte ihn ein wenig aus dem Geleise ; jede Kleinigkeit , die vorgekommen war , während sie noch im Frieden miteinander gelebt hatten , wußte sie und hatte sie den fremden Leuten erzählt , nur um ihn zu verkleinern ... Wie lange muß sie da in einem Atem geredet haben , und immer nur Böses von mir , dachte er , und da wußte er auch mit einem Male , daß sie ihm niemals auch nur gut gewesen sei und daß ihr kein Fünklein von der Liebe , die er allzeit für sie gefühlt hatte , im Sinn geblieben war . Der Advokat stand geräuschlos auf und frug noch einmal : » Ist nicht alles so ? Hat Ihre geschätzte Frau eine Unwahrheit gesagt ? « » Ach Gott ! Nein ... Es ist so ... meine geschätzte Frau hat nicht gelogen . Ja , ja , ja ! « Seine Wangen glühten vor Fieberhitze und Scham , weil er sein Unglück so ruhig anhören mußte , als ob ihm einer die Geschichte zweier anderer ihm fernstehender Menschen erzählen würde , aber rechtfertigen wollte er sich vor dem eiskalten Manne da nicht . Er verschwieg , wie tief ihn die Lene gekränkt und beschimpft hatte , und jede Leichtfertigkeit , der sie ihn beschuldigte , empfand er weniger beschämend als die Mißachtung , die Abneigung , die sie für den Krüppel hatte . Als aber der Advokat noch an der Türe umkehrte und sich wieder an das Krankenbett setzte und über die Scheidungsfrage deutlich zu unterhandeln anfing , da wurde der Leopold wild , denn ganz im Hintergrunde aller seiner Gedanken stand doch die Hoffnung , daß sie bald wieder heimkehren werde ; jetzt aber wurde der Gedanke durch untilgbare Furcht verdrängt , sie könne einem anderen angehören , wenn er sich für immer von ihr lossagte . Er biß die Zähne übereinander und konnte das Bild nicht loswerden . - Der schöne , weiße , kühle Leib in den Armen eines anderen Mannes , die roten Lippen geküßt von anderen , fremden Lippen , die schöne Statue vielleicht lebendig . » Jetzt ist es genug , jetzt gehen Sie , das ist mein Zimmer , Herr , und wenn ich ein Flegel bin , so sollen Sie sehen , was ein Flegel tut « , würgte Leopold heraus und zeigte nach der Türe . Ein höfliches Schwingen der feinen Gestalt , und der Advokat war verschwunden . Dem Kranken aber war der Kopf wieder recht schwer . » Weißt , Hanne , mir tut alles weh , der Kopf und ... « Der Leopold redete nicht aus , er griff nur nach dem Herzen . Sie ist eine ehrbare Frau , hatte der Advokat gesagt , und daß sie dreißig Gulden Monatsgehalt bei der Madame Margot hat , daß sie dort nur mit Damen verkehren muß , gar keinen Mann zu sehen bekomme , daß sie sehr sparsam und allein lebe und sonst keinen Wunsch habe , als von ihrem Manne loszukommen . » Bin ich ein miserabler Lump ! « sagte er ingrimmig , » hab ich das arme Weib so unglücklich gemacht , so beschimpft und geschlagen . « Er ließ seine Augen langsam von einem Gegenstand zum andern gehen ; das alles , was für ihn so großen Wert hatte , das alte Hausgeräte von Großvaterszeit her , das sie Stück um Stück so oft berührt hatte , das stand da auf demselben Flecke , sie aber war auf und davon , nichts hatte sie zurückhalten können , nicht die Gewohnheit , die alle Leute festhielt da in dem Winkel , nicht das kranke Kind , das ihrem eigenen Leib entsprossen , nicht er , der alles für sie tat und ließ , seit sie zueinander gehörten , nichts , gar nichts hatte Macht gehabt über das wortkarge , gedankenscheue Weib . Und sie sei in ihrem Rechte , hatte der studierte Herr gesagt ? ... Wenn dem Advokaten , der jetzt da bei ihm saß , inzwischen daheim sein eigenes Weib davonliefe , würde er auch diesem das Recht zusprechen ? Gewiß nicht , weil ... weil er zwei Arme hat ... mit dem Krüppel durften sie alle umspringen , wie sie wollten . Mit solchen Gedanken schlug sich der Leopold herum , und wahrlich nicht zu seinem Heil . Manchmal schlief er die langen Tage vor Erschöpfung , und die Nächte schrie und jammerte er im Fieber . Wie die Zeit hinrann , wußte er sich nicht zu sagen , nur ab und zu frug er einen Kameraden , der nachsehen kam : » Was ist heut für ein Tag ? « Und dennoch rechnete er , sobald er zeitweilig heller denken konnte . Jetzt aber wußte er bestimmt , daß er sechs Wochen schon da auf ein und derselben Stelle lag , er hatte gehört , wie draußen die alte Walter ihre Tochter abkanzelte , er hatte sich angestrengt , ihre Worte zu vernehmen , aber von dem langen derben Gerede war nichts in seinem Kopfe haftengeblieben als die sechs Wochen . » So lang ! « seufzte er , » sechs Wochen hab ich sie nicht gesehen . Weiß sie denn nicht , wie elend es mir geht ? « Sie wußte es wohl , daß er krank dalag ; ein leichter Schlaganfall , das sei vom Trinken gekommen , sagte der Arzt , bei dem Madame Margot anfragen ließ . Die Weiber in der Blauen Gans fanden auch diese Krankheit natürlich und stellten sie ihren Männern als abschreckendes Beispiel hin . Der Leopold war eben an jenem Unglückstage bis nach Mitternacht droben in der verschrienen Kneipe gewesen , hatte getrunken , und die Strohschneider-Marie hatte ihn um den Hals gehabt ; das hat die Laternenanzünderin , die nach ihrem Mann auf die Suche ging , durch das Wirtshausfenster alles erspäht . » Der Einarmige hat auch meinen armen Mann unter das Gesindel geschleppt « , schluchzte sie , sobald auf dieses Ereignis hingewiesen wurde . » Na ja , daß einen da unser Herrgott straft , daß einen wenigstens der Schlag trifft , ist doch ganz natürlich « , sagte gewichtig die Frau Walter . Somit war das Unglück des Weis Leopold zurechtgelegt und der Lene ein Stein in das Brett geschoben . Am Anfang der Krankheit hatte noch hie und da eine der Frauen die Hanne auf einige Stunden vom Nachtwachen abgelöst , als aber das Kind ganz außer Gefahr war , hatten sie die Pflege des Vaters dem jungen Mädchen allein überlassen , und je mehr sich die gute Stimmung der Lene zuwandte , desto weniger kümmerten sich die Nachbarinnen um die Krankenstube , an welcher sie tagsüber doch so oft vorbeigehen mußten . Alles das währte nun gerade sechs Wochen . » Also sechs Wochen ! « sagte der Leopold sehr laut , als die Hanne in die Stube trat , » das ist recht lang ... Hast du die ganze Zeit nichts von ... von meinem Weib gehört ? « » Gar nichts « , erwiderte das Mädchen und setzte sich verstört an das Fenster . » Bist müd ? Ich glaub es dir . « In dem Gesichte des Kranken begannen die Muskeln zu zucken . » Du , Lene ! ... ah ! Hanne wollt ich sagen , deine Alte kann wild sein ... morgen steh ich auf ... morgen . « Die Hanne wendete sich erschrocken um und murmelte etwas , dann erhob sie sich und sagte langsam : » Das muß dir erst der Herr Doktor erlauben . « » Ich halte es aber so nimmermehr aus , ich muß schauen , daß ich wieder zu meinem Straßendienst komme ... sechs Wochen ! ... Du , da wird bald Schmalhans der Kuchelmeister . « » Es reicht schon noch eine Weile mit deinem Ersparten « , sagte das Mädchen verlegen . » Freilich , das Geld hat sie uns ja im Haus gelassen . So viel Ehre hat sie doch gehabt . « » Lepold ! Kannst du sie denn keinen Augenblick vergessen , denkst du denn alleweil und alleweil nur an die Davongelaufene ? « frug die Hanne mit zitternder Stimme . » Aufgeschaut ! ... sie ist eine ehrbare Frau , hat der Herr Advokat gesagt . Mußt niemals so eine ehrbare Frau werden , Mädel ! « » Ich ! - Dummes Zeug ! « Die Hanne drehte sich jäh um und nahm wieder ihre Arbeit auf ; nach einer Weile pochte der blanke Fingerhut gleichmäßig und flink an die flimmernde Metallplatte . Seit kurzer Zeit konnte es der Leopold schon ertragen , daß sie in der Stube nähte , früher war sie draußen in der Küche gesessen , recht nahe an der Türe , die nach dem Hofe führte , so daß ein schwacher Lichtschein durch das Guckloch gerade auf ihre Maschine fiel . Das war ein mühseliges Arbeiten gewesen , und mit geschwächten Augen schaute sie jetzt auf das scharfglänzende Arbeitszeug . » Es hilft alles nichts , ich muß morgen aufstehen . Mußt mich halt auf die Strecke führen , wenn ich nicht allein gehen kann « , begann der Kranke und ließ seine abgemagerten Füße über den Bettrand hängen . Langsam versuchte er alsdann , den Körper nachzuschieben , und dazwischen lachte er und machte sich lustig über seine Schwäche . Die Hanne schaute nicht nach ihm um , die Späße , die er machte , taten ihr weh ; sie verstand die Bitterkeit dieser Selbstbespöttelei nicht , sie dachte nur , wie kann so ein kranker unglücklicher Mensch lustig sein ? Manchmal schon wäre sie selbst gerne aus seiner Stube gelaufen , hinüber in ihre stille Kammer . Es war ihr oft , als ob sie da ersticken müßte in der Nähe des fieberhaften Mannes , aber was sollte dann aus dem Kinde und aus ihm werden ? Auch jetzt war wieder die schmerzliche , quälende Ungeduld über sie gekommen , zum ersten Male im Leben hatte sie das Gefühl , als müsse sie sich mit einem starken Handgriff selbst herausreißen und etwas , was auf ihren Schultern , auf ihrer Brust lag , abschütteln . - Und doch , hatte sich andererseits nicht ein Lebenswunsch erfüllt , hatte sie nicht alle die Jahre hindurch gewartet und gewartet , daß eine Stunde komme , wo sie für den Leopold etwas tun könne , was ihm Freude machte ? Waren nicht alle ihre Gedanken , Träume und Hoffnungen von Kinderzeit her immer und immer herübergeflogen und wie verscheuchte Schwalben um das Fenster geirrt , an dem sie jetzt saß , da er niemand auf der Welt hatte als sie ? Draußen im Hofe zischelten und keiften die Leute miteinander und schielten von der Seite nach ihr hin . » Wo anpacken ? « fragte sie sich . Wenn sie es auch versuchen wollte , die Lene umzustimmen , und wenn es ihr auch gelingen würde , die Übermütige heimzuführen , können die Eheleute jemals wieder miteinander in Frieden leben ? Wo aber sonst anpacken , um dem Gebrochenen wieder auf- und weiterzuhelfen ? Wenn er nur nicht so kichern und wispern würde hinter ihr ; glaubt er , sie könne lachen , weiß er denn gar nicht , wie traurig sie ist ? Während die Hanne so grübelte und hastig nähte , hatte sich der Leopold in die Decke gewickelt und war bis zu ihrem Stuhl hingeschlichen . » Da schau her ! Da bin ich ! « Das Mädchen sprang auf und breitete ihre Arme aus , um den Schwankenden zu halten , wenn er wieder zusammenfallen sollte wie vor sechs Wochen , als sie ihn am Boden fand . Der Leopold schlang aber seinen Arm um ihren Hals , stützte sich fest auf ihre schmalen Schultern und wankte zurück zu seinem Bette . » Schau , schau , wie schwach ich bin , und du , Mädel , wie ... stark ! « Er setzte sich auf das Lager und lehnte seinen schweren Kopf an ihre Brust . » Ich kann morgen doch nicht auf die Strecke , ich kann dich auch noch nicht entbehren ... Hanne ... deine Frau Mutter ... freilich , freilich ... bist ein blutjunges Mädel ... aber schau ... dem Weis Leopold ist nichts geblieben als dein gutes Herz und sein kleiner Bub . « Wo waren jetzt die dunklen , ungeduldigen Gedanken von früher ? Daher gehörte sie , mögen die Nachbarn den Leopold schimpfen oder loben . » Sei nicht so kleinmütig , wirst bald wieder stark werden . Ich bleibe da bei dir , solange du mich dahaben willst , und gehe halt , wenn du mich nimmer brauchst « , sagte die Hanne fest . » Da wirst du lange bleiben müssen , Mädel ... « » So lang , bis ... « » Bis ? « Sie verschluckte einen Seufzer und setzte sich schweigend an ihre Arbeit . Wieder war über eine Woche um , und der Leopold saß nun schon neben der Hanne am Fenster , und sein schwacher Arm zitterte , als er den kleinen Buben vor sich auf dem Schoß halten wollte . » Mein Herr Sohn ist stärker , als ich bin « , witzelte er und zog mit den Lippen seinen Schnurrbart zwischen die Zähne . Es war Feierabend , und paarweise gingen die Nachbarn an dem Fenster vorüber , nur manchmal winkte einer flüchtig hinein zu den drei Menschen , aus den Mienen der meisten aber las man den Unwillen . » Sitzen beisammen wie verheiratete Leut « , brummte der Hausmeister , » bin neugierig , wann die Walterin Ordnung macht ; was zuviel ist , ist zuviel ! « » Jetzt ist er schon auf , Walterin , jetzt kann die barmherzige Schwester , dein Mädel , doch schon wieder zu dir kommen , ein verheirateter Mann ist und bleibt er halt doch « , raunte die Laternenanzünderin der Frau Walter zu und zog die Augenbrauen so bedeutsam in die Höhe , daß die Alte kirschrot im Gesichte wurde und ohne jede Antwort geradenwegs in die Stube des Leopold rannte . » Heimgehen ! « schrie sie kurz der Hanne zu , die , ohne den Kopf zu heben , in die Tasche griff und aus einem gestrickten Beutelchen zusammengelegtes Papiergeld nahm ; sie hielt es ihrer Mutter hin , sah ihr aber nicht in die Augen . » Mein Arbeitsgeld von dieser Woche , Frau Mutter « , sagte sie bittend , » es ist so viel wie alleweil , ich habe nichts versäumt . « Die Alte riß das Geld an sich , warf dem Leopold einen verachtenden Blick zu und schrie dann wieder : » Aufpacken und heimgehen ! « » Mutter ! Der Bub gibt die ganzen Nächte keine Ruh , der Leopold kann ihn doch nicht ganz allein pflegen , und ... « » Was geht das mich an ? Wer hat meine Kinder gepflegt ? Ich ! « » Mutter , ich bitt ... « » Schämst dich nicht ? Sitzt da bei einem verheirateten Mann ! Weißt , was die Leut sagen im Haus , und nicht nur die nächsten Nachbarn , nein , überall , weißt was ? « zeterte die Frau . » Na also , was denn in Dreiteufelsnamen ? « brummte der Leopold verbissen . » Daß sie eine Liebschaft mit dir hat « , kreischte das Weib und spuckte vor ihm auf den Boden . Der Leopold war kreidebleich , und der kleine Bube wackelte bedenklich auf seinen Knien , die erstaunten Augen wendeten sich mit Widerwillen von der Alten und suchten das Gesicht der Hanne . » Siehst , Mädel , das ist der Dank für dein gutes Herz . Sei nicht böse ; daß die Leut so schlecht sein können , habe ich nicht gewußt . Pack zusammen und geh mit deiner Frau Mutter ... Ich dank dir tausendmal ... ich kann nichts dafür ... Geh , es ist die höchste Zeit ... « Er stand auf , legte das Kind in sein Bett , knöpfte sich den Rock mit einem scharfen Rücken der rechten und der linken Achsel fest zu , als ob er hinaus müßte in eine frostige Wetternacht , und dann sagte er laut : » Den Leuten , die so niederträchtig über die Walter Hanne und den Weis Leopold geredet haben , sagen Sie , daß sie ein Gesindel sind , mit dem ein ehrlicher Kerl nichts mehr zu schaffen haben will . « » Gesindel ? Unsere Nachbarn ? « stotterte die Frau . » Ja , das seid ihr alle miteinander . Hanne , geh ! « » Du willst es , Leopold , du kannst mich also nimmer brauchen ? « fragte das Mädchen mit ersterbender Stimme . » Hörst du denn nicht , was sie reden ... « » Darum ? « » Ich meine , das Darum ist genug « , sagte er verwundert . » Und der Bub ? Du ? « » Wir zwei ? ... Frage nicht nach uns ... « , erwiderte der Mann traurig . » Na wird es ? « drängte die Alte . » Leopold ! Frau Mutter ! Ich bitt euch . « » Willst etwa dableiben bei dem verheirateten Mann , na so tu es nur « , höhnte die Frau ; gleichsam um ihr Kind zu erschrecken , setzte sie hinzu : » Es gibt genug wilde Ehen , bist nicht die erste und nicht die letzte . « Das Mädchen stand auf , wickelte ihre Arbeit zusammen , wischte mit einem Lederlappen die Maschine sorgfältig ab und wollte sie eben vom Boden aufheben , als sie sah , daß der Fenstervorhang , der neben ihrer Maschine niederhing , sich bewegte , als ob er geschüttelt würde , sie wollte nach den Vorhangstangen schauen , ob etwas losgemacht sei , und da begegnete sie plötzlich der Hand des Leopold , der verstohlen das weiße Zeug gepackt hatte und dastand , als ob er sich daran aufrecht hielte . Die zuckende Hand , sein bleiches , verzerrtes Gesicht , die zusammengekniffenen Lippen , die halb ohnmächtige Haltung erschütterten das junge Mädchen , sie streckte beide Hände nach dem Manne aus , als wollte sie ihn stützen und trösten , er aber schaute unverwandt auf das graue Steinpflaster des Hofes nieder . » Leopold ! « Der Vorhang schüttelte sich heftiger , und als sie fragend zu dem Manne trat , da sah sie , wie an den blonden Wimpern zwei schwere Tropfen hingen ... Sie schluckte und schluckte und wollte reden und fand kein einziges Wort . Sie hörte das ungeduldige Seufzen ihrer Mutter nicht mehr . Angst und Mitleid schnürten ihr das Herz zusammen . Sie , die Hanne , die zu ihm hielt , seit sie denken konnte , sie verlor jetzt , wo ihn alle verließen , den Mut und ging auch von dem Manne , der krank , hilflos und wehrlos dastand ... Ist es recht , was sie tut , darf sie so handeln wie die anderen ? Was fürchtet sie noch , das Schlimmste haben sie ja schon gesagt von ihr , verurteilt ist sie ohne Schuld . Noch immer steht sie vor ihm und sinnt und kriecht in sich zusammen und schämt sich , daß die alte Frau neben ihr wartet und ihr vom Gesichte ablesen kann , wie schwer ihr der Schritt über diese Türschwelle hinaus wird . Der Leopold kann es nicht sehen , denn er hat die Augen geschlossen und seinen Kopf an die Mauer gelehnt . » Du armer Mann « , sagte die Hanne leise , und langsam rückte sie ihre Maschine wieder an den alten Platz , rollte das Papier auseinander , legte ihr Arbeitszeug auf dem Fensterbrette zurecht und flüsterte , weil sie nicht laut reden konnte vor Zaghaftigkeit : » Behalt mich , Leopold , bis die Lene kommt . Die Leut sollen reden . « » Über meinen Türstaffel kommst du nimmer - nimmer - wenn du jetzt nicht mitgehst ! « stammelte die Frau Walter , als sie ihre Stimme wiedergefunden hatte . Der Mann sprach nicht , er schüttelte der Hanne die Hand wie einem treuen Kameraden , und dann ging er hinter der Alten bis unter die Dachtraufe , dort schwenkte er um , ließ die Tür ins Schloß fallen , drehte den Schlüssel um und schob den Riegel vor , als ob er alles Leid dieser Stunde hinaussperren könne samt jener , die es gebracht hatte . Sie blieben also beisammen , der Leopold und die Hanne . In den ersten Wochen nach dieser Entscheidung stand die ganze Blaue Gans wie ein Mann da und erklärte dem Mädchen offenen Krieg ; von dem friedfertigsten ältesten Greis bis herab zu den Kindern , die noch nicht laufen konnten , schmähten sie alle und geiferten gegen das stille Geschöpf . Zuerst meinte der Leopold , das sei nicht zu ertragen , und er frug sich nur , ob er dreinschlagen solle oder mit seinem Buben und der Hanne aus dem Hause gehen und sich in einer anderen Gasse einmieten . Zum Raufen war er zu schwach , und davongehen ? Anderswo mochten sie wirklich für zusammengelaufenes Gesindel gelten , da in der Blauen Gans wußten die Leute doch wenigstens , wer sie seien , und allmählich werden sie doch begreifen , daß die Hanne nur ein seelengutes Mädel ist und nicht sein Schatz ... Nach der Lene ! Als ob irgendeine mit seinem Weibe einen Vergleich aushalten könnte , und endlich , die Lene wird ja doch wiederkommen , es ist ja nicht menschenmöglich , daß eine Frau Mann und Kind bei klarer Besinnung für immer im Stiche läßt . So beruhigte sich der Leopold , wenn er die Nachbarn schmähen hörte und die boshaften Gesichter sah , die ihm und der Hanne nachglotzten , wenn sie ihn durch den langen Hof auf die Trockenwiese führte , wo er mit seinem Buben die Hälfte des Tages hinbrachte . Luft und Sonnenschein taten dem schwachen Menschenleib so wohl , denn nur langsam kam seine Kraft wieder ; die stete Unruhe , der Schmerz um seines Weibes willen , die Sehnsucht nach ihr und endlich die Sorge , die jetzt , da er wieder denken konnte , breit vor ihm stand und sich nicht verjagen ließ , das war mehr als zuviel für den kranken Körper und für das weiche Herz des Mannes . Bis nun hatte er auch im guten Glauben dahingelebt , daß er von seinen eigenen Ersparnissen esse und trinke , aber ganz zufällig kam er darauf , daß die Hanne ihren Arbeitslohn in seine Wirtschaft schmuggelte ; das war auch so ein Spornstoß für ihn ,