Kapitän Hansen da , diesem glücklichsten und beneidenswertesten und zugleich leichtsinnigsten aller Ehemänner ? Wenn ich solche Frau hätte , hätt ich mich für ein Metier entschieden , das mich jeden Tag runde vierundzwanzig Stunden ans Haus fesselte ; Schiffskapitän wäre jedenfalls das letzte gewesen . « Witwe Hansen war sichtlich erheitert , rückte sich aber doch einigermaßen ernsthaft zurecht und sagte mit einer gewissen Matronenwürde : » Ach , Herr Baron , wer immer auf seinen Mann wartet , der denkt nicht an andere . Mein Seliger war ja auch Kapitän . Und ich habe immer bloß an ihn gedacht ... « Pentz lachte . » Nun , Frau Hansen , was einem die Frauen sagen , das muß man glauben , das geht nicht anders . Und ich will ' s auch versuchen . « Und dabei nahm er Holk am Arm , um ihn zu gemeinschaftlichem Abendessen und obligater Plauderei zu Vincents Restaurant zu führen . Baron Erichsen folgte mit einem Gesichtsausdruck , der die voraufgegangenen Kordialitäten mit der Wirtin zu mißbilligen schien , trotzdem er sie als Pentzsche Verkehrsform genugsam kannte . Die Witwe Hansen ihrerseits aber hatte bereits die Glocke von einer der beiden Lampen genommen und leuchtete hinab , bis die drei Herren das Haus verlassen hatten . Pentz und Erichsen waren Gegensätze , was nicht ausschloß , daß sie sich ziemlich gut standen . Mit Pentz stand sich übrigens jeder gut , weil er nicht bloß zu dem holländischen Sprichworte : » Wundere dich allenfalls , aber ärgere dich nicht « , von ganzem Herzen hielt , sondern diesen Weisheitssatz auch noch überbot . Er hatte nämlich auch das » sich wundern « schon hinter sich ; auch das war ihm schon um einen Grad zuviel . Er bekannte sich vielmehr zu » ride si sapis « und nahm alles von der heiteren Seite . Dem alten Pilatusworte » Was ist Wahrheit ? « gab er in Leben , Politik und Kirche die weiteste Ausdehnung , und sich über Moralfragen zu erhitzen - bei deren Erörterung er regelmäßig die Griechen , Ägypter , Inder und Tscherkessen als Vertreter jeder Richtung in Leben und Liebe zitierte - war ihm einfach ein Beweis tiefer Nichtbildung und äußerster Unvertrautheit mit den » wechselnden Formen menschlicher Vergesellschaftung « , wie er sich , unter Lüftung seiner kleinen Goldbrille , gern ausdrückte . Man sah dann jedesmal , wie die kleinen Augen pfiffig und überlegen lächelten . Er war ein Sechziger , unverheiratet und natürlich Gourmand ; die Prinzessin hielt auf ihn , weil er sie nie gelangweilt und sein nicht leichtes Amt anscheinend spielend und doch immer mit großer Akkuratesse verwaltet hatte . Das ließ manches andere vergessen , vor allem auch das , daß er , all seiner Meriten unerachtet , doch eigentlich in allem , was Erscheinung anging , eine komische Figur war . Solange er bei Tische saß , ging es ; wenn er dann aber aufstand , zeigte sich ' s , was die Natur einerseits zuviel und andererseits zuwenig für ihn getan hatte . Seine Sockelpartie nämlich ließ viel zu wünschen übrig , was die Prinzessin dahin ausdrückte , » sie habe nie einen Menschen gesehen , der sowenig auf Stelzen ginge wie Baron Pentz « . Da sie dies Wort immer nur zitierte , wenn in seinem Sprechen etwas moralisch sehr » Ungestelztes « vorausgegangen war , so genoß sie dabei die Doppelfreude , ihn mit ein und demselben Worte ridikülisiert und beglückt zu haben . Er war von großer Beweglichkeit und hätte danach ein ewiges Leben versprochen , wenn nicht sein Embonpoint , sein kurzer Hals und sein geröteter Teint gewesen wären , drei Dinge , die den Apoplektitus verrieten . Als Pentz ' Gegenstück konnte Erichsen gelten ; wie jener ein Apoplektikus , so war dieser ein geborener Hektikus . Er stammte aus einer Schwindsuchtsfamilie , die , weil sie sehr reich war , die Kirchhöfe sämtlicher klimatischer Kurorte mit Denkmälern aus Marmor , Syenit und Bronze versorgt hatte . Die Zeichen der Unsterblichkeit auf eben diesen Denkmälern waren aber überall dieselben , und in Nizza , San Remo , Funchal und Kairo , ja prosaischerweise auch in Görbersdorf , schwebte der Schmetterling , als wenn er das Wappen der Erichsen gewesen wäre , himmelan . Auch unser gegenwärtiger Kammerherr Erichsen , seit etwa zehn Jahren im Dienste der Prinzessin , hatte den ganzen Kursus » durchschmarutzt « , ihn aber glücklicher absolviert als andere seines Namens . Von seinem vierzigsten Jahre an war er seßhaft geworden und konnte sich die ruhigen Tage gönnen , was er so weit trieb , daß er kaum noch Kopenhagen verließ . Er hatte das Reisen satt bekommen , zugleich aber aus seinen ärztlich verordneten Entsagungstagen auch eine Abneigung gegen alle Extravaganzen in sein derzeitiges Hofleben mit herübergenommen . Daran gewöhnt , von Milch , Hühnerbrust und Emser Krähnchen zu leben , fiel ihm , wie Pentz sagte , bei Festmahlen und Freudenfeiern immer nur die Aufgabe zu , durch seine lange , einem Ausrufungszeichen gleichende Gestalt , vor allem , was an Bacchuskultus erinnern konnte , zu warnen . » Erichsen das Gewissen « war einer der vielen Beinamen , die Pentz ihm gegeben hatte . Von dem Hause der Witwe Hansen in der Dronningens-Tvergade bis zu Vincents Restaurant am Kongens Nytorv war nur ein Weg von fünf Minuten . Erichsen mußte , nach Pentz ' Weisung , rekognoszierend vorangehen , » weil ihm seine sechs Fuß einen besseren Überblick über die Vincentschen Platzzustände gestatten würden « . Und zu dieser vorsichtigen Weisung , so scherzhaft sie gegeben war , war nur zu guter Grund vorhanden ; denn als eine Minute nach Erichsen auch Pentz und Holk in das Lokal eintraten , schien es unmöglich , einen noch unbesetzten Tisch zu finden . Aber schließlich entdeckte man doch eine gute Ecke , die nicht nur ein paar bequeme Plätze , sondern auch ein behagliches Beobachten versprach . » Ich denke , wir beginnen mit einem mittleren Rüdesheimer . Doktor Grämig , beiläufig der lustigste Mensch von der Welt , sagte mir neulich , es sei merkwürdig , daß ich noch ohne Podagra sei , worauf ich nicht bloß meiner Lebensweise , sondern ganz besonders auch meiner Lebensstellung nach einen sozusagen historisch verbrieften Anspruch hätte . Je mehr er aber damit recht haben mochte , je mehr gilt es für mich , die noch freie Spanne Zeit zu nutzen . Erichsen , was darf ich für Sie bestellen ? Biliner oder Selters oder phosphorsaures Eisen ... « Ein Kellner kam , und eine kleine Weile danach , so stießen alle drei mit ihren prächtig geschliffenen Römern an , denn auch Erichsen hatte von dem Rüdesheimer genommen , nachdem er sich vorher einer Wasserkaraffe versichert hatte . » Gamle Danmark « , sagte Pentz , worauf Holk , ein zweites Mal anstoßend , erwiderte : » Gewiß , Pentz , gamle Danmark . Und je gamler , desto mehr . Denn was uns je trennen könnte - gebe Gott , daß der Tag fern sei - , das ist das neue Dänemark . Das alte , da bin ich mit dabei , dem trink ich zu . Friedrich VII. und unsere Prinzessin ... Aber sagen Sie , Pentz , was ist nur in meine guten Kopenhagener gefahren und vor allem in diese gemütliche Weinstube ? Sehen Sie doch nur da drüben , wie das alles aufgeregt ist und sich die Blätter aus den Händen reißt . Und Oberstlieutenant Faaborg , ja es ist Faaborg , den muß ich nachher begrüßen , sehen Sie doch nur , der glüht ja wie ein Puter und fuchtelt mit dem Zeitungsstock in der Luft umher , als ob es ein Dragonersäbel wäre . Auf wen redet er denn eigentlich ein ? « » Auf den armen Thott . « » Arm ? Warum ? « » Weil man , soviel ich weiß , Thott im Verdacht hat , daß er auch mit im Komplott sei . « » In welchem Komplott ? « » Aber Holk , Sie sind ja wenigstens um ein Menschenalter zurück . Freilich , da Sie gestern gepackt haben und heute gereist sind , so sind Sie halb entschuldigt . Wir haben hier allerdings so was wie ein Komplott : Hall soll über die Klinge springen . « » Und das nennen Sie Komplott . Ich entsinne mich übrigens , Sie schrieben mir schon davon ... Ich bitte Sie , lassen Sie den guten Hall doch springen . Er wird sich selber nicht viel daraus machen , das aus den Fugen gehende Dänemark , woran ich übrigens noch lange nicht glaube , wieder einzurenken . Schon Hamlet wollte nicht . Und nun gar Hall . « » Nun , der will auch nicht , darin haben Sie recht . Aber unsere Prinzessin will es , und das gibt den Ausschlag . Sowenig Vertrauen sie zu dem König hat , was mit ihrer Abneigung gegen die Danner zusammenhängt , soviel Vertrauen hat sie nun mal zu Hall ; nur Hall kann retten , und deshalb muß er im Amte bleiben . Und wie die Prinzessin denkt - ich bitte Sie , sich mit Ihrer entgegengesetzten Meinung ihr gegenüber nicht etwa decouvrieren zu wollen - , so denken viele . Hall soll bleiben . Und deshalb sehen Sie auch Faaborg mit seinem Zeitungsstock wie einen Gladiator fechten . « Erichsen war der erregten Szene drüben ebenfalls gefolgt . » Ein Glück , daß de Meza am Nachbartische sitzt « , sagte er , » der wird es wieder in Ordnung bringen . « » Ach , gehen Sie mir , Erichsen , mit wieder in Ordnung bringen . Als ob Faaborg , dieser Stockdäne , der Mann wäre , sich beruhigen zu lassen , wenn er mal in Unruhe ist . Und nun gar von de Meza . « » De Meza ist sein Vorgesetzter . « » Ja , was heißt Vorgesetzter ? Er ist sein Vorgesetzter , wenn er die Brigade inspiziert , aber nicht sein Vorgesetzter hier bei Vincent oder irgendsonstwo , geschweige wenn es sich um Politik handelt , um dänische Politik , von der de Meza nichts versteht , wenigstens nicht in Faaborgs Augen . De Meza ist ihm ein Fremder , und es hat auch was für sich . De Mezas Vater war ein portugiesischer Jude , alle Portugiesen sind eigentlich Juden , und kam , was Holk vielleicht nicht weiß , vor soundso viel Jahren als ein Schiffsdoktor hier nach Kopenhagen herüber . Und wenn es auch nicht sicher verbürgt wäre - Sie können es übrigens in jedem Buche nachschlagen , und de Meza selbst macht auch gar kein Hehl daraus - , so könnten Sie ihm die Abstammung von der Stirne lesen . Und dazu dieser Portugiesenteint . « Erichsen hatte seine Freude daran und nickte zustimmend . » Und wenn er bloß den südlichen Teint hätte « , fuhr Pentz fort , » er ist aber überhaupt auf den Süden , um nicht zu sagen auf den Orient eingerichtet , und Wetterglas und Windfahne sind so ziemlich die größten Unentbehrlichkeiten für ihn . Er friert immer , und was andere frische Luft nennen , das nennt er Zug oder Wind oder Orkan . Ich möchte wohl wissen , wie sich unser König Waldemar der Sieger , der alle Jahre wenigstens dreiundfünfzig Wochen auf See war , zu de Meza gestellt hätte . « Bis dahin war Erichsen unter Zustimmung gefolgt , aber all dies letzte war doch wieder sehr unvorsichtig gesprochen und traf den angekränkelten langen Kammerherrn viel , viel mehr noch , als es de Meza traf . » Ich begreife Sie nicht , Pentz « , nahm er , der sonst nie sprach , jetzt empfindlich das Wort . » Sie werden schließlich noch beweisen wollen , daß man absolut ohne Wolle leben muß , um überhaupt als Soldat zu gelten . Ich weiß , de Meza steckt in Flanell , weil er immer friert , aber sein fröstelnder Zustand hat ihn nicht abgehalten , bei Fridericia Anno 49 sehr viel und bei Idstedt , das Jahr darauf , eigentlich alles zu tun . Ich für meine Person bezweifle nicht , daß Napoleon geradesogut nach dem Thermometer gesehen hat wie andere Menschen ; in Rußland war es freilich unnötig . Übrigens seh ich , daß man drüben in der Offiziersecke wieder beim Zeitungslesen ist und das Streiten uns überläßt . Ob wir hinübergehen und de Meza begrüßen ? « » Ich denke , wir lassen es « , sagte Holk . » Er könnte nach diesem und jenem fragen , worauf ich gerade heute nicht antworten möchte . Nicht de Mezas wegen bin ich ängstlich , der jede Meinung respektiert , aber der andern Herrn halber , unter denen , nach meiner freilich schwachen Personalkenntnis , einige Durchgänger sind . So , wenn ich recht sehe , Oberstlieutenant Tersling , da links am Fenster . Und dann denk ich auch an unsre Prinzessin , der als einer politischen Dame alles gleich zugetragen wird . Ich bange ohnehin vor dem Kreuzverhör , dem ich morgen oder in den nächsten Tagen ausgesetzt sein werde . « Pentz lachte . » Lieber Holk , Sie kennen doch hoffentlich die Frauen ... « Erichsen machte schelmische Augen , weil er wußte , daß Pentz , trotz seines Glaubens , er kenne sie , sie sicherlich nicht kannte . » ... Die Frauen , sag ich . Und wenn nicht die Frauen , so doch die Prinzessinnen , und wenn nicht die Prinzessinnen , so doch unsre Prinzessin . Sie haben ganz recht , es ist eine politische Dame , und mit einem schleswig-holsteinschen Programm dürfen Sie ihr nicht kommen . Darin ist nichts geändert , aber auch nichts verschlimmert , weil sie , trotz aller Politikmacherei , nach wie vor ganz ancien régime ist . « » Zugegeben . Aber was soll ich für meine Person daraus gewinnen ? « » Alles . Und ich wundre mich , daß ich Sie darüber erst aufklären muß . Was heißt ancien régime ? Die Leute des ancien régime waren auch politisch , aber sie machten alles aus dem Sentiment heraus , die Frauen gewiß , und vielleicht war es das Richtige . Jedenfalls war es das Amüsantere . Da haben Sie das Wort , auf das es ankommt . Denn das Amüsante , was in der Politik wenigstens immer gleichbedeutend ist mit Chronique scandaleuse , spielte damals die Hauptrolle , wie ' s bei unsrer Prinzessin noch heute der Fall , und wenn Sie sich vor einem politischen Kreuzverhör fürchten , so brauchen Sie nur von Berling oder der Danner oder von Blixen-Finecke zu sprechen und nur anzudeuten , was in Skodsborg oder in der Villa der guten Frau Rasmussen an Schäfer- und Satyrspielen gespielt worden ist , so fällt jedes politische Gespräch sofort zu Boden , und Sie sind aus der Zwickmühle heraus . Hab ich recht , Erichsen ? « Erichsen bestätigte . » Ja , meine Herren « , lachte Holk , » ich will das alles gelten lassen , aber ich kann leider nicht zugeben , daß meine Situation dadurch sonderlich gebessert wird . Die Schwierigkeiten lösen sich bloß ab . Was mich vor dem politischen Gespräch bewahren soll , ist fast noch schwieriger als das politische Gespräch selber . Wenigstens für mich . Sie vergessen , daß ich kein Eingeweihter bin und daß ich Ihr Kopenhagener Leben , trotz gelegentlicher Aufenthalte , doch eigentlich nur ganz oberflächlich aus Dagbladet oder Flyveposten kennenlerne . Die Danner und Berling oder die Danner und Blixen-Finecke - davon soll ich mit einem Male sprechen ; aber was weiß ich davon ? Nichts , gar nichts ; nichts , als was ich dem neusten Witzblatt entnommen , und das weiß die Prinzessin auch , denn sie liest ja Witzblätter und Zeitungen bis in die Nacht hinein . Ich habe nichts als die Witwe Hansen , die mir doch als Bezugsquelle nicht ausreicht . « » Ganz mit Unrecht , Holk . Da haben Sie keine richtige Vorstellung von der Witwe Hansen und ihrer Tochter . Die sind ein Nachschlagebuch für alle Kopenhagner Geschichten . Wo sie ' s hernehmen , ist ein süßes Geheimnis . Einige sprechen von Dionysosohren , andere von einem unterirdischen Gange , noch andere von einem Hansenschen Teleskop , das alles , was sich gewöhnlichen Sterblichen verbirgt , aus seiner Verborgenheit herauszuholen weiß . Und endlich noch andere sprechen von einem Polizeichef . Mir die verständlichste der Annahmen . Aber ob es nun das eine sei oder das andere , soviel ist gewiß , beide Frauen , oder auch Damen , wenn Sie wollen , denn ihr Rang ist schwer festzustellen , wissen alles , und wenn Sie jeden Morgen mit einer Frau Hansenschen Ausrüstung zum Dienst erscheinen , so verbürg ich mich , daß Sie gefeit sind gegen intrikate politische Gespräche . Die Hansens , und speziell die junge , wissen mehr von der Gräfin Danner als die Danner selbst . Denn Polizeibeamte haben auf diesem interessanten Gebiete sozusagen etwas Divinatorisches oder Dichterisches , und wenn nichts vorliegt , so wird was erfunden . « » Aber da lerne ich ja meine gute Frau Hansen von einer ganz neuen Seite kennen . Ich vermutete höchste Respektabilität ... « » Ist auch da in gewissem Sinne ... Wo kein Kläger ist , ist kein Richter ... « » Und ich werde mich , unter diesen Umständen , zu besondrer Vorsicht bequemen müssen ... « » Wovon ich Ihnen durchaus abreden möchte . Die Nachteile davon liegen obenauf , und die Vorteile sind mehr als fraglich . Sie können in diesem Hause nichts verbergen , selbst wenn Ihr Charakter das zuließe ; die Hansens lesen Ihnen doch alles aus der Seele heraus , und das Beste , was ich Ihnen raten kann , heißt Freiheit und Unbefangenheit und viel sprechen . Viel sprechen ist überhaupt ein Glück und unter Umständen die wahre diplomatische Klugheit ; es ist dann das einzelne nicht mehr recht festzustellen , oder noch besser , das eine hebt das andere wieder auf . « Erichsen lächelte . » Sie lächeln , Erichsen , und es kleidet Ihnen . Außerdem aber mahnt es mich - denn ein Lächeln , weil es in seinen Zielen meist unbestimmt bleibt , kritisiert immer nach vielen Seiten hin - , daß es Zeit ist , unsren Holk freizugeben ; es ist schon ein Viertel nach elf , und die Hansens sind reputierliche Leute , die die Mitternacht nicht gern heranwachen , wenigstens nicht nach vorn heraus und mit Flurlampe . Drüben am Tisch ist übrigens auch schon alles aufgebrochen . Ich werde inzwischen die Berechnung machen ; erwarten Sie mich draußen an der Hauptwache . « Holk und Erichsen schlenderten denn auch draußen auf und ab . Als sich ihnen Pentz wieder zugesellt hatte , gingen sie auf die Dronningens-Tvergade zu , wo man sich , gegenüber dem Hause der Frau Hansen , verabschiedete . Das Haus lag im Dunkel , und nur das Mondlicht blickte , wenn die Wolken es freigaben , in die Scheiben der oberen Etage . Holk hob den Klopfer , aber eh er ihn fallen lassen konnte , tat sich auch schon die Tür auf , und die junge Frau Hansen empfing ihn . Sie trug Rock und Jacke von ein und demselben einfachen und leichten Stoff , aber alles , auf Wirkung hin , klug berechnet . In der Hand hielt sie eine Lampe von ampelartiger Form , wie man ihnen auf Bildern der Antike begegnet . Alles in allem eine merkwürdige Mischung von Froufrou und Lady Macbeth . Holk , einigermaßen in Verwirrung , suchte nach einer Anrede , die junge Frau Hansen kam ihm aber zuvor und sagte , während ihr die Augen vor anscheinender Übermüdung halb zufielen , ihre Mutter lasse sich entschuldigen ; so rüstig sie sei , so brauche sie doch den Schlaf vor Mitternacht . Holk gab nun seinem Bedauern Ausdruck , daß er sich verplaudert habe , zugleich die dringende Bitte hinzufügend , ihn , wenn es wieder vorkäme , nicht erwarten zu wollen . Aber die junge Frau , ohne direkt es auszusprechen , deutete wenigstens an , daß man sich ein jedesmaliges Erwarten ihres Hausgastes nicht nehmen lassen werde . Zugleich ging sie mit ihrer Ampel langsamen Schritts vorauf , blieb aber , als sie bis unten an die Treppe gekommen war , neben derselben stehen und leuchtete , die Linke auf das Geländer stützend , mit ihrer hocherhobenen Rechten dem Grafen hinauf . Dabei fiel der weite Ärmel zurück und zeigte den schönen Arm . Holk , als er oben war , grüßte noch einmal und sah , als sich gleich danach auch die junge Frau langsam und leise zurückzog , wie das Spiel der Lichter und Schatten auf Flur und Treppe geringer wurde . Horchend stand er noch ein paar Augenblicke bei halb geöffneter Tür , und erst als es unten dunkel geworden war , ließ er auch seinerseits die Tür ins Schloß fallen . » Eine schöne Person . Aber unheimlich . Ich darf ihrer in meinem Brief an Christine gar nicht erwähnen , sonst schreibt sie mir einen Schreckbrief und läßt alle fraglichen Frauengestalten des Alten und Neuen Testaments an mir vorüberziehen . « Elftes Kapitel Holk hatte sich vorm Einschlafen , trotz aller Ermüdung von der Reise , mit dem Bilde der jungen Frau Hansen beschäftigt , jedenfalls mehr als mit Politik und Prinzessin . Am anderen Morgen aber war alles verflogen , und wenn er der Erscheinung mit der Ampel auch jetzt noch gedachte , so war es unter Lächeln . Er sann dabei nach , welche Göttin oder Liebende , mit der Ampel umhersuchend , auf antiken Wandbildern abgebildet zu werden pflege , konnt es aber nicht finden und gab schließlich alles Suchen danach auf . Dann zog er die Klingel und öffnete das Fenster , um noch vor dem Erscheinen des Frühstücks einen Zug frische Luft nehmen und einen Blick auf die Straße tun zu können . Es waren nur wenige , die zu so verhältnismäßig früher Stunde die Dronningens-Tvergade passierten , aber jedes einzelnen Haltung war gut , alles blühend und frisch , und er begriff den Stolz der Dänen , die sich als die Pariser des Nordens fühlen und nur den Unterschied gelten lassen , ihrem Vorbild noch überlegen zu sein . In diesem Augenblicke bauschten die Gardinen am Fenster , und als er sich umsah , sah er , daß Witwe Hansen mit dem Frühstückstablett eingetreten war . Man begrüßte sich , und nach der selbstverständlichen Frage , wie der Herr Graf geschlafen und was er geträumt habe , » denn der erste Traum gehe immer in Erfüllung « , legte die Hansen das Tuch und baute dann alles , was eben noch auf dem Tablett gestanden hatte , auf dem Frühstückstisch auf . Holk musterte die ganze Herrlichkeit und sagte dann : » Man ist doch nirgends besser aufgehoben als bei Witwe Hansen ; es lacht einen alles an , alles so blink und blank und am meisten Witwe Hansen selbst . Und das chinesische Geschirr zu dem Tee ! Man merkt an allem , daß Ihr Seliger ein Chinafahrer war , und Ihr Schwiegersohn , wie mir Baron Pentz gestern abend erzählt hat , ist es auch und heißt auch Hansen ; derselbe Name , derselbe Titel , so daß es einem passieren kann , Mutter und Tochter zu verwechseln . « » Ach , Herr Graf « , sagte die Hansen , » wer soll uns verwechseln ? Ich , eine alte Frau , mit einem langen und schwerer Leben ... « » Nun , nun . « » ... Und Brigitte , die morgen erst dreißig wird ! Aber Sie dürfen mich nicht verraten , Herr Graf , daß ich es gesagt habe und daß morgen Brigittens Geburtstag ist . « » Verraten ? Ich ? Ich bitte Sie , Frau Hansen ... Aber Sie stehen so auf dem Sprunge ; das nimmt mir die Ruhe . Wissen Sie was , Sie müssen sich zu mir setzen und mir etwas erzählen , vorausgesetzt , daß ich Sie mit dieser Bitte nicht in Ihrer Wirtschaft oder in noch Wichtigerem störe . « Die Hansen tat , als ob sie zögere . » Wirklich , lassen Sie dies Ihren ersten Besuch sein , den Sie mir in Ihrer Güte ja regelmäßig machen ; ich habe ohnehin so viele Fragen auf dem Herzen . Bitte , hier , hier auf diesen Stuhl , da seh ich Sie am besten , und gut sehen ist das halbe Hören . Ich hörte sonst so gut , aber seit kurzem versagt es dann und wann ; das sind so die ersten Alterszeichen . « » Wer ' s Ihnen glaubt , Herr Graf . Ich glaube , Sie hören alles , was Sie hören wollen , und sehen alles , was Sie sehen wollen . « » Ich seh und höre nichts , Frau Hansen , und wenn ich etwas gesehen habe , so vergeß ich es wieder . Freilich nicht alles . Da hab ich gestern abend Ihre Frau Tochter gesehen , Brigitte nannten Sie sie ; zum Überfluß auch noch ein wundervoller Name . Nun , die vergißt man nicht wieder . Sie können stolz sein , eine so schöne Tochter zu haben , und nur den Ehemann begreif ich nicht , daß er seine Frau hier in aller Ruhe zurückläßt und zwischen Singapor und Shanghai hin-und herfährt . So nehm ich wenigstens an , denn da fahren sie so ziemlich alle . Ja , Frau Hansen , solche schöne Frau , mein ich , die nimmt man mit vom Nordpol bis an den Südpol , und wenn man ' s nicht aus Liebe tut , so tut man ' s aus Angst und Eifersucht . Und ich für mein Teil , soviel weiß ich , ich würde mir immer sagen , man muß auch von der Jugend nicht mehr verlangen , als sie leisten kann . Nicht wahr ? In diesem Punkte , denk ich , sind wir einig ; Sie denken auch so . Also warum nimmt er sie nicht mit ? Warum bringt er sie in Gefahr ? Und natürlich sich erst recht . « » Ach , das ist eine lange Geschichte , Herr Graf ... « » Desto besser . Eine Liebesgeschichte dauert nie zu lang , und eine Liebesgeschichte wird es doch wohl sein . « » Ich weiß nicht recht , Herr Graf , ob ich es so nennen kann ; es ist wohl so was dabei , aber eigentlich ist es doch keine rechte Liebesgeschichte ... bloß daß es eine werden konnte . « » Sie machen mich immer neugieriger ... Übrigens ein kapitaler Tee ; man merkt auch daran den Chinafahrer , und wenn Sie mir eine besondere Freude machen wollen , so gestatten Sie mir , Ihnen von Ihrem eigenen Tee einzuschenken . « Damit stand er auf und nahm aus einer in der Nähe des Fensters stehenden Etagère eine Tasse heraus , darauf in Goldbuchstaben stand : Dem glücklichen Brautpaare . » Dem glücklichen Brautpaare « , wiederholte Holk . » Wem gilt das ? Vielleicht Ihnen , liebe Frau Hansen ; Sie lachen ... Aber man ist nie zu alt , um einen vernünftigen Schritt zu tun , und das Vernünftigste , was eine Witwe tun kann , ist immer ... « » Eine Witwe bleiben . « » Nun meinetwegen , Sie sollen recht haben . Aber die Geschichte , die Geschichte . Kapitän Hansen , Ihr Schwiegersohn , wird doch wohl ein hübscher Mann sein , alle Kapitäne sind hübsch , und Frau Brigitte wird ihn doch wohl aus Liebe genommen haben . « » Das hat sie , wenigstens hat sie mir nie was anderes gesagt , außer ein einziges Mal . Aber das war erst später , und ich spreche jetzt von damals , von der ersten Zeit , als sie sich eben geheiratet hatten . Da war wirklich eine große Zärtlichkeit , und wohin es ging , und wenn es eine gelbe Fiebergegend war , immer war sie mit ihm an Bord , und wenn sie wieder hier in Kopenhagen zurück war ... sie hatte aber damals eine selbständige Wohnung , denn mein alter Hansen , dessen sich der Herr Graf ja wohl noch von Glücksburg her erinnern werden , lebte damals noch ... , ja , was ich sagen wollte , immer wenn sie nach einer langen , langen Reise wieder hier war , wollte sie gleich wieder fort , weil sie jedesmal meinte : die Menschen hier gefielen ihr nicht und draußen in der Welt sei ' s am schönsten . « » Das ist aber doch wunderbar . War sie denn so wenig eitel ? Hatte sie denn gar kein Verlangen , sich umschmeichelt und umworben zu sehen , woran es doch nicht gefehlt haben wird ? Ich wette , die Kopenhagener werden es ihr wohl schon an ihrem Konfirmationstage gezeigt haben . « » Das haben sie freilich . Aber Brigitte war immer gleichgültig dagegen und blieb es auch in ihrer Ehe . Nur mitunter war sie so rabiat . Und so ging es bis Anno 54 , was ich so genau weiß , weil es gerade das Jahr war , wo die englische Flotte , die nach Rußland ging , hier vorüberkam . Und in demselben Sommer hatten wir hier in Kopenhagen einen blutjungen Offizier von der Leibgarde , der bei der Rasmussen - ich meine die Gräfin Danner , aber wir nennen sie noch immer so - aus und ein ging , und steckte so tief in Schulden , daß er nicht mehr zu halten war , und mußte den