. Zur Zeit sind wir nur noch die Beati possidentes . Sei im Besitze , und du bist im Recht ist vorläufig noch für uns geschrieben . Warum sich selbst um diesen Besitz bringen und auf eigene Kosten eine Zukunft heraufbeschwören , von der vielleicht keiner profitiert , und wir gewiß nicht . Adam , Neubeginn der Menschheit , Paradies und Rousseau - das alles sind wundervolle Themata , für die sich in praxi alle diejenigen begeistern mögen , die dabei nur gewinnen und nichts verlieren können , die Halderns aber tun gut , all dies in der Theorie zu belassen und nicht persönlich danach zu handeln . « Der junge Graf lächelte vor sich hin . » Ja , Onkel , das ist das Allgemeine , das Alltäglich-Gültige . Gewiß , ich weiß es . Da gilt das , was du sagst . Und laß mich dir versichern , ich bin weit ab davon , den Welt- oder auch nur den Gesellschaftsreformator machen zu wollen . Dazu hab ich nicht die Schultern . Aber das Besondre , das Besondre . « » Welches Besondre ? « » Stine . « » Ja so , die « , sagte der alte Haldern und ließ in allem erkennen , daß er im Laufe des Gesprächs den Ausgangspunkt so gut wie vergessen hatte . » Ja , Stine ... Dummes Zeug . Ich kenne das . Ein Junggeselle , der über fünfzig hinaus ist , ist mehr als einmal in Gefahr gewesen , an dieser Klippe zu scheitern . Aber das sind Anwandlungen , Fieberanfälle . Solange sie dauern , legt man sich die Weltgeschichte nach dem kleinen Gefühl zurecht , das einen gerade beherrscht ; aber von heute auf morgen , oder wenn es hoch kommt von heute bis übers Jahr , hat man sich besonnen und sieht die Dinge nicht mehr durch das Trug- und Zauberglas unserer erhitzten Phantasie , sondern durch die Fensterscheibe der Alltäglichkeit . Stine ! Du sollst nicht brüsk mit ihr brechen , im Gegenteil , besuche sie , solange dich ' s dazu treibt ; habe deine Plauderstunde mit ihr ruhig weiter ; aber es muß der Augenblick kommen , wo sich ' s ausgeplaudert hat und wo du deinen Irrtum empfindest . Eines schönen Tages fällt es dir wie Schuppen von den Augen , und du siehst in einen Abgrund . « » In welchen ? « » Das wag ich nicht vorherzusagen , vielleicht bloß in den der Langweile , vielleicht auch in einen schlimmeren . Und den Tag danach schreibst du ihr einen Abschiedsbrief und trittst deine dritte Römerfahrt an . Rom paßt ohnehin für die Halderns , alt zu alt . Aber nicht Amerika . Ja , für die Diggings oder ein Goldgräbercamp ist mir , offen gestanden , auch Stine zu schade . Beiläufig , was Stine von Amerika braucht , ist eine Singersche Nähmaschine . « Waldemar erhob sich von seinem Platze . » Du hast , Onkel , von deinem Standpunkt aus , ein Recht , so zu sprechen , ja , vielleicht härter und herber noch ; es liegt dir fern , mich kränken zu wollen , ich höre das heraus , und ich danke dir dafür . Aber alles , was du gesagt , kann mich nicht umstimmen ; es muß bleiben , wie es ist . Ich fühle mich zu diesem liebenswürdigen Geschöpf , das nichts ist als Wahrhaftigkeit , Natürlichkeit und Güte , nicht nur hingezogen , das sagt nicht genug , ich fühle mich an sie gekettet , und ein Leben ohne sie hat keinen Wert mehr für mich und ist mir undenkbar geworden . Es braucht nicht Amerika zu sein ; es findet sich auch wohl ein Winkel hier ... « » Was Gott verhüte ... « » Dann also drüben . Und ich bitte dich , mir bei den Eltern in Groß-Haldern , wenn nichts weiter , so doch das Ausbleiben eines großen , aufgesteiften Protestes erwirken zu wollen . Eine gegen mich verhängte Familienacht möcht ich , wenn ' s irgend geht , vermieden sehen , sowenig Schreckliches alle Bann- und Achterklärungen von jeher für mich gehabt haben . Ich erwarte kein Ja , keinen Segen ; ich verzichte darauf , schon einfach , weil ich muß . Es verlangt mich nur zu hören , daß man sich in das Unvermeidliche gefunden hat , daß man sich ihm unterwirft , als wär es eine Schickung , oder welch sonstige fromme Bezeichnung man dafür wählen mag . Der junge Pastor kann ja Worte zur Auswahl stellen . Lebte der alte Buntebart noch , so wär es besser . Der Besitz fällt meinem jüngeren Bruder zu , trotzdem Groß- und Klein-Haldern Primogenitur sind ; ich werde den Verzicht gerichtlich aussprechen . Nur ein Pflichtteil erbitt ich mir , um das Nötigste durchführen zu können . Und nun noch einmal , willst du mein Fürsprecher sein , der wenigstens das Schmerzlichste von mir abwendet und mir für die Zukunft , und wenn es die fernste wäre , die Möglichkeit einer Versöhnung offenhält ? « Der alte Graf schüttelte den Kopf . » Also nein . Und auch das ist gut , weil es etwas Bestimmtes ist . Ich danke dir , daß du mich angehört und mich mit Standesredensarten und vor allem auch mit jenem französischen Worte , das bei solchen Gelegenheiten in unseren Kreisen gang und gäbe ist , verschont hast . Und nun lebe wohl ; ich sehe dich nicht wieder . Alles , was noch zu tun oder zu sagen bleibt , wird durch andere geschehen . « Der alte Graf hatte sich ebenfalls erhoben und schritt , über den Teppich hin , auf und ab . Jetzt aber blieb er stehen und sprach nicht ohne Bewegung vor sich hin : » Und daran bin ich schuld ... ich . « » Schuld ? Du ? Schuld an meinem Glück ? Nein , Onkel , nur Dank und wieder Dank . « Und dabei nahm er den Hut , um zu gehen , hielt aber noch einmal an , augenscheinlich in Zweifel , ob er dem Oheim die Hand reichen solle oder nicht . Der alte Graf sah es und trat seinerseits einen Schritt zurück . So verbeugte sich denn der Neffe nur in aller Förmlichkeit und schritt dann auf die Tür zu , die nach dem Korridor hinausführte . Draußen stand Johann , der gehorcht hatte , mit dem Überzieher schon in der Hand und ließ es an Dienstbeflissenheit nicht fehlen . Aber das nachdrückliche Schweigen , in dem er verharrte , schien doch auch seinerseits eine Mißbilligung ausdrücken zu sollen . War er doch lange genug im Haldernschen Dienst , um über Mesalliancen noch strenger zu denken als sein Herr . Dreizehntes Kapitel Erst als er wieder allein war , wurde sich der alte Graf alles dessen , was er gehört hatte , voll bewußt . Allerdings war ihm gleich im ersten Augenblick das Blut zu Kopf gestiegen , Waldemars ruhiges Sprechen aber und vielleicht mehr noch ein ihm tief im Blute steckender Hang nach dem Aparten und Abenteuerlichen hatte seinen Unmut zurückgehalten . Indessen dieser Zustand konnte nicht dauern , und jetzt , wo Waldemar fort und die Diskussion einer ihn prickelnden Frage geschlossen war , war auch der Moment wieder da , die zurückgedrängten ersten Empfindungen : Entrüstung und Schreck , wieder auflohen zu lassen . In der Tat auch Schreck . Er war Grund und Ursach all dieser Wirrnisse , die nicht gekommen wären , wenn er , für seine Person , auf die törichte Laune , Waldemar bei der Pittelkow einzuführen , verzichtet hätte . Dieser faux pas seinerseits mußte früher oder später zur Kenntnis seines älteren Bruders , des Majoratsherrn auf Groß- und Klein-Haldern , kommen , und wenn er sich dann verklagt sah , gleichviel laut oder leise , wie wollt er da bestehen ? Und wenn vor ihm , dem Bruder , wie vor ihr , der Frau Schwägerin . Sie war die stolzeste Frau weit und breit , eine von Petersburger Erinnerungen getragene kurländische Dame , vor der selbst die Halderns nur mit Mühe bestehen konnten und der eine Schwiegertochter im Stile von Stine Rehbein einfach Tod und Schande bedeutete . Was half es , wenn Waldemar aus dem Lande ging und sich für immer expatriierte ? Die Tatsache der » Encanaillierung « eines Haldern blieb bestehen und mit ihr der Skandal , die Blâme , das Ridikül . Und das letztere war das schlimmste . » Nein , es geht nicht « , überlegte der Graf , während er , immer erregter und nervöser werdend , in seinem Zimmer auf und ab schritt . » Ich werde mit Gewalt dazwischenfahren . Ich bin schuld , ja und nochmals ja , und immer wieder ja - ich will es nicht von mir abwälzen . Aber meine Dummheit allein hat es nicht dahin gebracht , da steckt meine gute Freundin dahinter , dieser schwarze Gottseibeiuns , meine gute Pittelkow , die jeden Tag rappelköppischer wird . Denn soviel bon sens sie hat , so ist sie doch vom Hochmutsteufel besessen , und während sie nach links hin sich einbildet , mit mir machen zu können , was sie will , will sie nach rechts hin die blonde Schwester mit ihrer langweiligen Tugendgrimasse direkt in unsere Familie hineinspielen . Aber ich werde dem Hause Pittelkow mit all seinen Annexen zeigen , daß es denn doch die Rechnung ohne den Wirt gemacht hat . Undankbare Kreatur . Aus dem Kehricht hab ich sie aufgelesen , und als Lohn für meine Guttat zahlt sie mir in dieser Münze . « Während er noch so sprach , traf sich ' s , daß sein Blick von ungefähr in den Spiegel fiel . Er trat denn auch heran , rückte sich das rote Halstuch zurecht und lachte : » So also sieht ein Ehrenmann aus , ein Witwenretter und Waisenvater ... Habe die Ehre . « Und er bekomplimentierte sich selbst . » Immer das alte Lied . Sowie man in der Patsche sitzt , spielt man sich auf den Unschuldigen hin aus , schimpft über die Komplizen , die meist viel weniger Schuld haben als man selbst , und läßt andere die Dummheiten entgelten , die man höchst eigenhändig gemacht hat . Und in meinem Falle nennt sich diese schnöde Weißwascherei noch aristokratische Gesinnung und erhebt sich über die Pittelkows , die sich wenigstens nicht mit Noblesse oblige durch die Welt zieren . Jammervoll . Wohin man sieht , hat man sich zu schämen . Und doch muß etwas geschehen , und wenn meine Schuld noch zehnmal größer wäre . « Bei diesen Worten zog er die Klingelschnur . » Eine Droschke , Johann . « Und während dieser sich nach dem nächsten Halteplatz aufmachte , machte der alte Graf Toilette , sorglich und vor dem Spiegel , aber doch mit der Raschheit eines alten Militärs . Eine halbe Stunde später hielt die Droschke vor dem Eingange zum Invalidenpark . Der alte Graf stieg aus und ging , über den Damm fort , auf das ihm wohlbekannte Haus zu , das im grellen Scheine der Mittagssonne wie ausgestorben dalag . Pauline stand am Fenster und erkannte den Grafen , als er hastigen Schrittes auf ihre Wohnung zusteuerte . » Jott « , sagte sie , » nu schon bei Dage ! « Dabei rückte sie aber doch den Kragen zurecht und warf ihre Küchenschürze hinter den Ofen . Und jetzt hörte sie ' s klingeln . » Mama zu Haus ? « Olga wollte » nachsehen « , aber der Graf war nicht in der Laune , sich auf seinem eigensten Territorium allerlei lächerlichen Anmeldeförmlichkeiten zu unterwerfen , und trat also , während er Olga folgte , gleichzeitig mit dieser in das Vorderzimmer ein . » Guten Tag , Witwe . « Die Pittelkow sah , daß er schlechter Laune war , und erwiderte deshalb , ohne sich von ihrer Fensterstelle zu rühren , im gleichgültigsten Tone : » Guten Tag , Graf ... Eine schmähliche Hitze ... « Der alte Graf bezeugte keine Lust , sich in ein Wettergespräch einzulassen , warf sich vielmehr ohne weiteres ins Sofa und sagte , während er sich mit dem Taschentuch etwas frische Luft zufächelte : » Komme heut in einer ernsten Sache , Pauline . Was ist das mit der Stine ? « » Mit Stine ? « » Ja . Sie hat da mit meinem Neffen angebändelt . Und nun ist er verrückt geworden und will sie heiraten . Und wer ist schuld daran ? Du , Pauline . Du hast mir dies eingebrockt . Du , nur du . Stine macht nicht drei Schritte , geht nicht von hier bis ans Fenster , ohne dich zu fragen ; sie hat nie was andres getan , als was du gewollt oder gutgeheißen hast , und auf dich fällt dieser Skandal . Ich frage dich , ob ich Anspruch auf solche Behandlung habe ? Nun , wir wollen sehen , was wird . Wolle du , was du willst , ich will , was ich will . Die Welt ist verrückt genug geworden , aber so weit sind wir noch nicht , daß die Häuser Haldern und Pittelkow Arm in Arm ihr Jahrhundert in die Schranken fordern . Nein , Pauline . Solchen Unsinn verbitt ich mir , und was ich von dir fordre , ist das , daß du dieser Kinderei ein Ende machst . « » Kann ich nicht . « » Weil du nicht willst . « » Oh , ich will schon . Ich habe schon gewollt , gleich als ich die Geschichte kommen sah . Es ist ein Unglück für meine Stine . « » Was ? « » Es is ein Unglück für meine Stine . Ja , Graf . Oder denken Sie , daß ich so dumm bin , so was für ' n Glück zu halten ? Ach , du meine Güte , da sind der Herr Graf mal wieder aus Irrland , un ganz gehörig . Und nu hören Sie mal ein bißchen zu . Hier drüben wohnt ein Schlosser , ein Kunstschlosser , und hat ' nen Neffen , einen allerliebsten Menschen , der bei den Maikäfern gestanden - aber jetzt is er wieder ins Geschäft . Nu , der war letzten Sommer immer um die Stine rum , un wenn der das Mächen nimmt , dann geh ich nächsten Sonntag in ' n Dom oder zu Büchseln und weine mir aus und danke dem lieben Gott für seine große Guttat un Gnade , was ich nu schon eine gute Weile nich gedan habe . Ja , Graf , so steht es . Mein Stinechen ist kein Mächen , das sich an einen hängt oder mit Gewalt einen rankratzt , Graf oder nich , un hat ' s auch nich nötig . Die kriegt schon einen . Is gesund un propper un kein Untätchen an ihr , was nich jeder von sich sagen kann . He ? « » Komme mir nicht damit . Das sind Ausweichungen und Redensarten , bloß um von der Sache loszukommen . Darum handelt sich ' s nicht . Untätchen ! Was heißt Untätchen ? Ich habe der Stine nichts auf den Leib geredt , ich weiß , sie ist ein gutes Kind . Aber was soll das mit deinem Untätchen und was nicht jeder von sich sagen kann . Meinst du mich ? Meinetwegen . Mir tut ' s nichts ; ich bin drüber weg . Aber du meinst meinen Neffen , und das reizt mich und ärgert mich , weil ' s mal wieder deinen schlechten Charakter zeigt . Oder wenn nicht deinen schlechten Charakter , so doch , daß du hart bist und ohne rechte Güte . Was soll das mit dem anzüglichen Vorwurf und deinem spöttischen Gesicht dabei ? Waldemar ist ein armer , unglücklicher Mensch und kann freilich keinen Degen verschlucken oder sich einen Amboß auf die Brust legen lassen . Und wenn du das ein Untätchen nennen willst , nun so tu ' s. Aber seine Krankheit und sein Elend , das ist es ja gerade , was ihm vor Gott und Menschen zur Ehre gereicht . Denn woher hat er ' s ? Aus dem Krieg her hat er ' s. Er war noch keine neunzehn und ein schmächtiger dünner Fähnrich bei den Dragonern und sah aus wie ' ne Milchsuppe , das muß wahr sein . Aber ein Haldern war er . Und weil er einer war , war er der erste von der Schwadron , der an den Feind kam , und vor dem Karree , das sie sprengen sollten , ist er zusammengesunken , zwei Kugeln und ein Bajonettstich und das Pferd über ihn . Und das war zuviel für den jungen Menschen . Zwei Jahre hat er gelegen und gedoktert und gequient , und nun drückt er sich schwach und krank in der Welt herum , und weil er nicht weiß , was er machen soll , besucht er Stine und will sie heiraten . Das ist ein Unsinn . Aber komme mir nicht mit allerlei Spitzen und Anzüglichkeiten , die für den armen Jungen nicht passen . Er hat das Eiserne Kreuz , und ich will , daß du mit Achtung von ihm sprichst . « Pauline lachte . » Jott , Graf , wenn das einer hört , so muß er ja wahr und wahrhaftig denken , ich wollt einem einen Spott draus machen , daß er ein braver Junge gewesen . Aber das is auch so eine von euren Marotten , daß ihr immer denkt , wir verstünden nichts davon und wüßten nichts von Vaterland und knappzu von Courage . Aber wie steht es denn ? Alle Wetter , ich bin auch fürs Vaterland und für Wilhelm , und wer seine Knochen zu Markte getragen hat , vor dem hab ich Respekt un brauche mir nich erst sagen zu lassen , daß ich Respekt vor ihm haben soll . Un denn , Graf , man nich immer jleich mit die Halderns . Ich habe welche gekannt , die waren auch erst neunzehn und keine Halderns und saßen nich zu Pferde , nein , immer bloß auf Gebrüder Benekens , un mußten auch immer vorwärts . Un zuletzt , als es bergan ging un sie nich mehr konnten , da hielten sie sich an die Kusseln , weil sie sonst rücklings runtergefallen wären , un immer die verdammten Dinger dazwischen , die so quietschen un sich anhören wie ' ne Kaffeemühle . Ne , ne , Graf , die Halderns haben es nich alleine gemacht un der junge Graf auch nicht . Aber er hat seine Schuldigkeit getan un seine Gesundheit drangegeben , und da werd ich ihm doch nichts anreden - i , da biß ich mir ja lieber die Zunge ab . Ich habe bloß sagen wollen , daß an Stine kein Untätchen is . Un dabei bleib ich . Und da wir nu mal davon reden , dabei bleib ich auch , daß ans Gräfliche öfter so was is als an unserein , un nu gar erst an Stinechen . Ich weiß nicht , wie die Dokters es nennen , aber das weiß ich , es gibt Untätchen schon von ' n Urgroßvater her . Un die Urgroßväter , was so die Zeit von ' n dicken König war , na , die waren schlimm . Und die Halderns werden woll auch nich anders gewesen sein als die andern . « » Es ist gut « , sagte der alte Graf mit wiedergewonnener Ruhe . » Was du gleich zuerst gesagt hast von dem Schlosser drüben und seinem Neffen , das ist die Hauptsache , das hat mich überführt . Ich glaube jetzt , daß du unschuldig an der Sache bist , und muß auch einräumen , es sieht dir nicht ähnlich . Du bist viel zu klug und zu verständig , um solchen Unsinn in Gang zu bringen . Denn du sagst es ja selbst , ein Unsinn ist es und ein Unglück dazu . Und noch dazu für alle beide . « Pauline nickte zustimmend . » Also ein Unglück , sag ich . Und nun laß uns überlegen , wie wir da rauskommen oder es wenigstens eingrenzen und wieder Schick in die Sache bringen . Waldemar ist eigensinnig - alle Kranken sind es - und wird von seinem Vorhaben nicht lassen wollen , davon bin ich überzeugt . Es ist also nur dadurch etwas zu machen , daß wir auf den andern Part , auf deine Schwester , einen Einfluß gewinnen . « Die Pittelkow zuckte mit den Achseln . » Du willst sagen , es fehlt auch ihr nicht an Eigensinn . Und ich glaub es beinah . Außerdem ist alles Zureden umsonst , solange noch die Möglichkeit für Stine bleibt , Waldemar zu sehn und zu sprechen . Den wird sie natürlich lieber hören als uns . Jeder hört am liebsten , was ihm schmeichelt und wohltut . Ich seh also nur ein Mittel : sie muß fort . Und ich stelle dir alles dabei zur Verfügung . Überlege . Sie wird doch irgendwo in der Welt , in der Priegnitz oder Uckermark , eine Freundin oder Anverwandte haben , und wo nicht , so müssen wir so was erfinden . Da muß sie hin . Nur weg von hier , weg . Zeit gewonnen , alles gewonnen . Und ist erst eine Trennung da und haben beide vierzehn Tage lang eingesehn , daß sich auch ohne Mondscheinkuß immer noch leben läßt , so haben wir wenigstens einen guten Anfang gemacht . Und dann sehen wir weiter . « Die Pittelkow war im wesentlichen damit einverstanden und fiel , als ihr Haldern auch erzählt hatte , daß Waldemar nach Amerika wolle , rasch wieder in ihren Alltags- und Gemütlichkeitston . » Ich war von Anfang an dagegen . Und nu will er auch noch nach Amerika ! Du mein Gott , was will er da ? Da müssen sie scharf ran , un bei sieben Stunden in Stichsonne , da fällt er um . Erst heute früh haben sie hier einen vom Bau vorbeigebracht un war noch dazu ein Steinträger mit Schnurrbart und Soldatenmütze , was immer die Stärksten sind . Un nu solch armer Invalide . Graf , ich werd es schon machen un will gleich zu Wanda , die muß mir eine Geschichte zurechtlügen . Un wenn ich die habe , dann packen wir Stinen ein , nach Alt-Landsberg oder nach Bernau mit ' s Storchnest oder nach Fürstenwalde . Sie will immer beistehn un helfen , und wir müssen ihr so was vorreden von Beistand un Hilfe . « Der Graf war erfreut , und so trennten sie sich . Vierzehntes Kapitel Die Pittelkow , als der Graf fort war , warf sich in Staat , nahm ihren Umhang und ging in die Tieckstraße , um mit Wanda zu beraten , was zu tun und in welchem märkischen Neste Stine wohl am besten unterzubringen sei . Wanda , dessen entsann sie sich , hatte eine ältere , nach Teupitz hin an einen Schlächtermeister verheiratete Halbschwester ; vielleicht wenn man sagte , daß da was Kleines angekommen und der Mann , samt seinen vielen Kindern , eines Beistands in der Wirtschaft bedürftig sei ? » Ja , so muß es gehn . Un is erst wer in Teupitz , so kommt er so bald nich wieder weg . Und die Frau wird sie schon festhalten - so viel wird sie doch woll von Wandan haben , daß sie nich gleich lockerläßt . Und wenn jrade geschlachtet wird , kann Stine ja zusehn und hat en bißchen Zerstreuung . « In dieser Richtung gingen die Gedanken der Pittelkow , die , während sie diese Pläne machte , nicht ahnen konnte , daß ziemlich um eben diese Zeit bereits Entschlüsse gefaßt und Entscheidungen getroffen worden waren , die jeden weitern Klugheitsplan unnötig machten . Waldemar , als er den Onkel verlassen hatte , hatte seinen Weg erst bis Schloß Bellevue hin und von dort aus nach einem um ein paar hundert Schritte weiter flußabwärts gelegenen Sommerlokale genommen , das er für gewöhnlich an jedem Spätnachmittag , eh er zu Stine ging , aufzusuchen pflegte . Dort im Schatten alter Bäume niederzusitzen und zu sinnen und zu träumen war das , was er liebte . Wirt und Wirtin in diesem Lokale kannten ihn längst , ebenso war er Intimus der dort zahlreich ansässigen Spatzen , die , sobald er Platz genommen , den Tisch umhüpften und die Brocken und Krümel des eigens für sie bestellten Stück Kuchens aufzupicken pflegten . Das alles war heute geradeso wie sonst , und nur die ihre Köpfe neugierig zusammensteckenden Kellner beschäftigten sich augenscheinlich mit der Frage , was ihren regelmäßigen Spätnachmittagsgast heute schon zu so früher Stunde hierhergeführt haben könne . Denn es war erst zwei . Waldemar hatte seine Freude daran , diese kleine Neugier zu beobachten , und las aus den Mienen der Kellner den Gang ihrer Unterhaltung mit einer Sicherheit heraus , als ob er sie vom nächsten Baum her hätte belauschen können . Überhaupt entging ihm nichts , und wenn er eine Zeitlang die Qualmwolken aus dem gerade gegenüber gelegenen Borsigschen Eisenwerke hatte hervorquellen und nach der Jungfernheide hin abziehen sehen , so gab er seinem Blick mit einem Male wieder eine Seitwärtsrichtung und zählte dabei die Brückenpfeiler oder die Spreekähne , die von der Stadt her den Fluß herunterkamen . Er war ohne jede Spur besonderer Erregung und beschäftigte sich , was übrigens seinem Charakter entsprach , kaum noch mit dem Gespräche , das er eben erst mit dem Onkel gehabt hatte . Wenn er den Frieden nicht haben konnte , so war es schon viel für ihn , ihn seinerseits ehrlich und aufrichtig gewollt zu haben . Und das war ja der Fall . Aus diesem Bewußtsein erwuchs ihm etwas wie Trost und Ergebung , und wenn Ergebung auch nicht das absolut Beste , nicht der Friede selbst war , so war es doch das , was dem Frieden am nächsten kam . Er blieb wohl eine Stunde . Dann erst erhob er sich und ging auf den Ausgang zu . Von draußen her aber sah er noch einmal über den Staketzaun in den Garten zurück . Da war wieder die Musikestrade mit den wackeligen Notenpulten und gleich dahinter das primitive Büfett mit den eingeschnittenen Querhölzern , daran zahllose Weißbierdeckel wie kleine Schilde hingen . Und dicht daneben und halb überwachsen von einer Kugelakazie stand der eben von ihm verlassene Tisch , auf dessen grüner Platte jetzt die Lichter und Schatten tanzten . Er konnte sich nicht losreißen von dem allen und prägte sich ' s ein , als ob er ein bestimmtes Gefühl habe , daß er ' s nicht wiedersehen werde . » Glück , Glück . Wer will sagen , was du bist und wo du bist ! In Sorrent , mit dem Blick auf Capri , war ich elend und unglücklich , und hier bin ich glücklich gewesen . « Und nun ging er weiter flußabwärts bis an die Moabiter Brücke , weil er vorhatte , den Rückweg am anderen Ufer zu machen . Als er aber drüben war , nahm er langsam und unter gelegentlichem Verweilen seinen Weg auf den Humboldtshafen und zuletzt auf den Invalidenpark zu . Dort blieb er stehen und musterte das gegenübergelegene Haus . Stine stand oben am Fenster . Er grüßte mit der Hand und stieg dann in ihre Wohnung hinauf . Stine empfing ihn schon an der Tür , glücklich , ihn zu sehen , aber doch mit einem Anfluge von Sorge , weil er sonst nie vor Dämmerstunde kam . » Was ist ? « sagte sie , » du siehst so verändert aus . « » Möglich . Aber es ist nichts . Ich bin vollkommen ruhig . « » Ach sage nicht das . Wenn man sagt , man sei ruhig , ist man ' s nie . « » Woher weißt du das ? « » Ich glaube , das lernt jeder , dafür sorgt das Leben . Und dann weiß ich es von Pauline . Wenn die zu mir sagt : Stine , nun bin ich wieder ruhig , dann ist es immer noch schlimm genug . Aber nun sage , was ist ? « » Was ist ? Eine Kleinigkeit . Eigentlich nichts . Ich stand immer einsam unter den Meinigen , und nun soll ich noch etwas einsamer dastehn . Es wirkt einen Augenblick , aber nicht lange ... « » Du verschweigst mir etwas . Sprich ! « » Gewiß , deshalb bin ich hier . Und so höre denn . Ich war bei meinem Onkel , um ihm zu sagen ... ja , was , Stine ? um ihm zu sagen , daß ich dich liebhätte ... « Stine kam in ein Zittern . » ... Und daß ich dich heiraten wolle ... Ja , heiraten , nicht um eine Gräfin Haldern aus dir zu machen , sondern einfach eine Stine Haldern , eine mir liebe kleine Frau , und daß wir dann nach Amerika wollten . Und zu diesem Schritt erbät ich seine Zustimmung oder doch eine Fürsprache bei meinen Eltern . « » Und ? « » Und diese Fürsprache hat er mir verweigert . « » Ach , was hast du getan ? « » Sollt ich nicht ? « » Was hast du getan ? « wiederholte Stine , zugleich hinzusetzend : » Und ich Ärmste bin schuld daran . Bin schuld , weil ich ' s habe gehen lassen und mich nie recht gefragt habe : was wird ? Und wenn mir die Frage kam , so hab ich sie zurückgedrängt und nicht aufkommen lassen