» Kann ich ! « sagte Lehnert , und sein Auge suchte das des Försters , um sich mit ihm zu messen . Aber das Gefühl seines Unrechts war doch stärker als sein Trotz , und er senkte den Blick wieder . Opitz lächelte . » Guten Abend , Frau Menz . Ich werde meine Frau von Euch grüßen . Und auch Christinen . Und nun Gott befohlen ! « Und ohne weiter ein Wort oder einen Blick an Lehnert zu richten , verließ er das Haus und ging auf den Steg zu . Diana folgte . Zehntes Kapitel Die Alte war ihm bis in den Vorgarten gefolgt und rechnete darauf , daß er sich noch einmal umsehen würde , für welchen Fall sie devotest zu knicksen vorhatte , schließlich aber gewahr werdend , daß auf einen gnädigen Abschiedsblick nicht mehr zu rechnen sei , gab sie ' s auf und ging in die Stube zurück . Hier stand Lehnert noch am alten Fleck und sah vor sich hin . » Ach , Lehnert , wenn du ' s doch nicht getan hättest ... Und Speck will er uns auch noch schicken . Sieh , so ist er immer und meint es gut . Aber wenn ich ihn auch mit Schmand brate , schmecken tut er mir doch nicht . Wie kann er mir auch schmecken ? Wenn man Angst hat , schmeckt einem nichts , gar nichts , und will nicht runter , und ich fühle schon , wie ' s mir hier sitzt und ordentlich vor der Brust steht . « » Ach , Mutter , was soll das ? Aber so bist du . Du willst alles haben , und wenn dann nachher was passiert , was nach Gerichtsvorladung aussieht , oder wenn du gar zu glauben anfängst , nun ist es mit dem Schinkenknochen und dem Liesenschmalz drüben vorbei , dann heißt es wieder : ja warum auch ? warum hast du geschossen ? « » Ich habe nichts gesagt , ich habe dir nicht zugeredet . « Lehnert stampfte heftig auf , fiel aber rasch wieder ins Lachen und sagte : » Wir wollen uns vertragen , Mutter . Du bist , wie du bist . Nein , zugeredet hast du nicht . Du kamst bloß , als ob wenigstens das Haus in Brand stünd , und riefest : Ein Has , ein Has ! Nun sage , was hieß das ? was sollte das ? Sollt ich kommen und mir das Wundertier ansehn ? Oder ihn wegjagen ? Kannst du nicht selber einen Hasen wegjagen ? Ich habe just das getan , was du wolltest , und du hast dabei gedacht : Opitz wird heute still sein von wegen dem Hahn und vielleicht auch von wegen der neuen Freundschaft . Und weil es nun anders gekommen , so bist du wieder mit Vorwurf und Klage bei der Hand und weimerst mir wieder was vor , weil ich geschossen hab , und sähest es am liebsten , ich ginge gleich rüber und würfe mich ihm zu Füßen und küßte seinen Rockzipfel . Aber davon wird nichts . Er mag nun wieder seine Schreiberei machen und alles zur Anzeige bringen . Aufschreiben und Anzeigen versteht er , das war schon seine Kunst , als er noch bei den Soldaten war . Aber ich werde mich schon zu verteidigen wissen und werde vor Gericht aussagen , daß ich meinen Kohl und meinen Hafer , oder was es sonst ist , nicht für Opitz und seine Hasen ziehe . Geschossen hätt ich blind drauflos , was dann aus dem Hasen geworden , das wüßt ich nicht und braucht ich nicht zu wissen , und wenn Opitz eines Hasen Schweiß gefunden habe , was ja sein könne , so sei ' s nicht der , um den sich ' s hier handle , der sei lustig in die Welt gegangen . « » Aber dann werden sie dir einen Eid zuschieben . Willst du schwören ? « » Nein , das will ich nicht . Schwören tu ich nicht . Aber ich werde schon was finden , um aus der Geschichte rauszukommen . « Er sagte das so hin , halb um der Mutter zu widersprechen , halb um sie zu beruhigen , war aber klug genug , zu wissen , daß er schwerlich eine Ausrede finden und somit sehr wahrscheinlich einer zweiten Verurteilung entgegengehen werde . Das war ihm ein schrecklicher Gedanke , so schrecklich , daß ihm alle Lust an der Arbeit auf ganze Tage verlorenging und er umherzutabagieren begann , was er ohnehin liebte . Den Tag über sprach er in dieser oder jener Baude vor oder ging auch wohl ins Böhmische hinüber , wo er , bis nach Sankt Peter und Trautenau hin , viel Anhang hatte , abends aber saß er in den nächstgelegenen Kretschams umher , im » Waldhaus « , in Brückenberg , in Wang , heute hier und morgen da , und erzählte jedem , der ' s hören wollte , daß wieder ein Krieg in der Luft sei , drüben in Böhmen wüßten sie schon davon , und daß er seinerseits warten wolle , bis es wieder losginge . Krieg in Frankreich , das sei das einzig vernünftige Leben ; wenn es aber nicht wieder losginge , nun , dann ginge er , und er wiß auch schon wohin . Er wolle zu den Heiligen am Salzsee , da hätte jeder sieben Frauen , und wenn er auch immer gesagt habe , daß eine schon zuviel sei , was auch eigentlich richtig , so woll er ' s doch mal mit sieben versuchen ; es sei doch mal was anderes . Er war sehr aufgeregt und sprach immer in diesem Ton , und sein einziges Vergnügen war , daß man ihn für einen Ausbund von Klugheit hielt und sich wunderte , wo er das alles herhabe . Ja , das schmeichelte seiner Eitelkeit und gab ihm eine momentane Befriedigung , die meiste Zeit aber war er nicht bloß unzufrieden mit aller Welt , sondern auch mit sich selbst und konnte zu keinem festen Entschluß kommen . All das Sprechen von Krieg und Auswanderung und Salzsee war doch nur ein müßiges Spiel , im Grunde seines Herzens hing er mit Zärtlichkeit an seinem Schlesierland und dachte gar nicht an Fortgehen , wenn ihm der Boden unter den Füßen nicht zu heiß gemacht würde . Aber das war es eben . Machte » der da drüben « Ernst , so war der heiße Boden da und zugleich der Augenblick , wo das , was er bisher bloß an die Wand gemalt hatte , Wirklichkeit werden mußte . Denn zum zweiten Mal ins Gefängnis , das zu vermeiden , war er fest entschlossen , und so hing denn alles an der Frage : wird Opitz Ernst machen oder nicht ? Nach seinem ersten unmittelbaren Gefühle war an diesem Ernste wohl nicht zu zweifeln , aber das Weibervolk drüben hatte großen Einfluß , und wenn Bärbel und Christine die rechte Stunde wahrnahmen , so war es doch am Ende möglich , daß sie den trotz aller Schroffheit und Bärbeißigkeit auch wieder sehr bestimmbaren Hausherrn dahin brachten , die Sache fallenzulassen . Und warum auch nicht ? Was war es denn groß ? Ein Has . Und daß der Hase wirklich in dem Kornfeld gesessen , darüber war kein Zweifel , dem konnte sich auch Opitz nicht entziehen , und wenn er , Lehnert , in seinem Stolz und seinem Übermut auch keine Nachsicht verdienen mochte , so doch die alte Frau , die so gut wie eine Bettlerin war , wenn man ihr den Sohn noch einmal ins Gefängnis schickte . So vergingen , ohne daß auf seiten Lehnerts etwas geschehen wäre , gegen anderthalb Wochen , und wär auch wohl noch weiter so gegangen , wenn nicht die Plaudertasche , die Christine , gewesen wäre , die beständig alles , was drüben in der Försterei vorging , zu den Menzes hinübertrug . Unter den kleinen Freiheiten , die sie sich regelmäßig nahm , war auch die , daß sie den Opitzschen Schreibtisch beim Aufräumen und Staubabwischen einer gründlichen Revision unterzog , so daß sie jederzeit wußte , wie die Dienstsachen standen . War das nun schon ihr alltägliches Tun , so doppelt , seitdem Lehnert in Gefahr schwebte , der Gegenstand oder das Opfer einer Opitzschen Schreibübung zu werden . Eine ganze Woche lang hatte sich nichts finden lassen , heut aber , es war der Tag vor dem vierten Sonntage nach Trinitatis , war ihr der lang erwartete Bericht an den Grafen , in geschnörkelter Abschrift und sauber zwischen zwei Löschblätter gelegt , zu Gesicht gekommen , und ehe noch eine Viertelstunde um war , war sie schon drüben , um ihre Neuigkeit vor die rechte Schmiede zu bringen . » Liebe Frau Menz , ich habe es nun alles gelesen . Es sind drei Seiten , alles fein abgeschrieben und unterstrichen , denn er hat ein kleines Pappelholzlineal , das nimmt er immer , wenn er unterstreichen will , und das sind allemal die schlimmsten Stellen . « » Jesus « , sagte Frau Menz und zitterte . » Sie können ihm doch nicht ans Leben , bloß um den Has , und war noch dazu so klein , als ob er keine drei Tage wär , und ich hab ihn eigentlich nicht essen können vor lauter Angst , bloß einen Lauf und das Rückenstück , weil es doch zu schade gewesen wäre . Ach , du meine Güte , wenn er um so was sterben sollte , da wäre ja keine Gerechtigkeit mehr , und der Kaiser in Berlin wird doch wissen , daß er ein so guter Görlitzer war und daß er ' s beinah gekriegt hätte ... « » Gott , liebe Frau Menz , was Sie nur alles reden , so schlimm ist es ja nicht . Und wär überhaupt gar nicht so schlimm , wenn es nicht das zweite Mal wär , oder was sie , die so was schreiben , den Wiederbetretungsfall nennen . Das ist das Wort , das drin steht . Und da machen sie denn gleich aus dem Floh ' nen Elefanten und tun , als ob es wunder was sei , nicht weil es wirklich was Großes und Schlimmes wäre , nein , bloß von wegen dem zweiten Mal , von wegen dem Wiederbetretungsfall . Und da sind sie denn wie versessen drauf , und das war auch die Stelle mit dem dicken Strich ... Das heißt die eine . « » Die eine ? Aber du mein Gott , war denn noch eine ? « » Gewiß war noch eine da , die war noch dicker unterstrichen , und das war die von seinem Charakter . « » Ach , du meine Güte . Von seinem Charakter ! Und die hat Opitz auch unterstrichen ? Ja , was soll denn das heißen ? Ein Charakter is doch bloß , wie man is . Und wie is man denn ? Man is doch bloß so , wie einen der liebe Gott gemacht hat , und wenn man auch nicht alles tun darf , aber seinen Charakter , ja , du mein Gott , den hat man doch nu mal , und den wird man doch haben dürfen , und den kann er nicht unterstreichen . Und ein Mann wie Opitz , den ich immer beknickst habe , wie wenn er der Graf wäre . Gott , Christine , sage , Kind , was steht denn drin , und was hat er denn alles gesagt ? « » Er hat gesagt , daß man sich jeder Tat von ihm zu gewärtigen habe , das steht drin , Frau Menz , und das Wort jeder ist noch extra rot unterstrichen und sieht aus wie Blut , so daß ich einen regulären Schreck kriegte und bloß nicht wußte , an wen ich dabei denken sollte , ob an Opitzen oder an Lehnert . Ja , liebe Frau Menz , jeder Tat , so steht drin , und daß er aus diesem Grunde beantrage , die Strafe streng zu bemessen , und zweitens auch deshalb , weil er viel Anhang und Zuhörerschaft habe und überall in den Kretschams herumsitze und den Leuten Widersetzlichkeit beibringe , was um so törichter und strafenswerter sei , als er eigentlich einen guten Verstand habe und sehr gut wisse , daß alles , was er so predige , bloß dummes Zeug sei . Er sei ein Verführer für die ganze Gegend , so recht eigentlich , was man einen Aufwiegler nenne , und rede beständig von Freiheit und Amerika und daß es da besser sei als hier , in diesem dummen Lande . Ja , Frau Menz , das alles hat Opitz geschrieben , und am Schlusse hat er auch noch geschrieben , daß man an Lehnert ein Exempel statuieren müsse , damit das Volk mal wieder sähe , daß noch Ordnung und Gesetz und ein Herr im Lande sei . « » Das alles ? « » Ja , Frau Menz , das alles . Denn das weiß ich schon , weil ich öfter so was lese ; wenn er erst mal im Zug ist , dann ist kein Halten mehr , und auf eine Seite mehr oder weniger kommt es ihm dann nicht an , schon weil er eine hübsche Handschrift hat und mitunter zu mir sagt : Nu , Christine , wie gefällt dir das große H ? , und vor allem , weil er gerne so was schreibt von Ordnung und Gesetz und dabei wohl denken mag , so was lesen die Herren gern und halten ihn für einen pflichttreuen Mann . Ja , liebe Frau Menz , so redt er in einem fort zu Haus , und so schreibt er auch , und dann stellt er sich vor meine gute Frau hin und sagt : Sieh , Bärbel , ich bin nur ein kleiner Mann , aber das tut nichts , jeder an seinem Fleck , und das weiß ich , ich sorge darfür , daß die Fundamente bleiben , und bin eine Stütze von Land und Thron . « Christine hätte wohl noch weitergesprochen , aber Lehnert , der schon von früh an oben im Dorf gewesen war , kam eben von Krummhübel zurück , wohin er eine Wagenachse abgeliefert hatte . Christine mocht ihm nicht begegnen , um nicht aufs neue in ein Gespräch verwickelt zu werden , oder vielleicht auch , weil sie die Wirkung der schlimmen Nachricht auf ihn nicht selber sehen wollte . So nahm sie denn ihren Weg über den nach der Waldseite hin gelegenen Brückensteg und kehrte auf einem Umwege und unter Benutzung einiger im Lomnitzbette liegender Steine nach der Försterei zurück . Elftes Kapitel Frau Menz hatte zu schweigen versprochen , aber sie war unfähig , etwas auf der Seele zu behalten , und so wußte Lehnert nach einer Viertelstunde schon , was Christine berichtet hatte . » Laß ihn , er wird nicht weit damit kommen ! « Er sagte das so hin , um die Mutter , so gut es ging , zu beruhigen , in seinem Herzen aber sah es ganz anders aus , und er ging auf das Fenster zu , das er aufriß , um frische Luft einzulassen . Er hatte diesen Ausgang wohl für möglich , aber , bei der Fürsprache drüben , keineswegs für wahrscheinlich gehalten , und nun sollte doch das Schlimmste kommen , und wenn er sich diesem Schlimmsten entziehen wollte , so gab es nur ein Mittel und mußte nun das geschehen , womit er bis dahin in seiner Phantasie bloß gespielt hatte : Flucht . Ungezählte Male war es ihm eine Freude gewesen , von dem elenden Leben in diesem Sklavenlande zu sprechen , von der Lust , dieser Armseligkeit und Knechterei den Rücken zu kehren und übers Meer zu gehen , und doch - jetzt , wo die Stunde dazu da war , das immer wieder und wieder mit Entzücken Ausgemalte zur Tat werden zu lassen , jetzt wurd er zu seiner eigenen Überraschung gewahr , wie sehr er seine Heimat liebe , sein Schlesierland , seine Berge , seine Koppe . Das sollte nun alles nicht mehr sein . Um nichts , oder um so gut wie nichts , war er das erstemal von Opitz zur Anzeige gebracht worden , und um nichts sollt es wieder sein . Was war es denn ? Ein Has , der in seinem Kornfeld gesessen und den er über Eck gebracht hatte . Das war alles , und dies alles war eben nichts . Und wenn es etwas war , wer war schuld daran ? Wer anders als » der da drüben « , der ihm den Dienst verleidet hatte , sonst wär alles anders gekommen , und er wäre , was eigentlich sein Ehrgeiz und seine Lust war , bei den Soldaten geblieben und hätte seinem König weiter gedient und hätte jedes Jahr Urlaub genommen und wäre dann mit dem Hirschfänger und dem Czako durch die Dorfstraße gegangen , und alles hätte gegrüßt und sich über ihn gefreut . » Um all das hat er mich gebracht , weil er mir ' s mißgönnte , weil er nicht wollte , daß wer neben ihm stünde . Ja , er ist schuld , er allein . Um das Kreuz hat er mich gebracht , aber mein Haus- und Lebenskreuz war er von Anfang an und hat mich geschunden und gequält , und wie damals , so tut er ' s auch heute noch . Er hat mir das Leben verdorben und mein Glück und meine Seligkeit . « Als er das letzte Wort gesprochen , brach er ab und sah vor sich hin . Alles , was in Nächten , wenn er nicht schlief , ihm halb traumhaft erschienen war , erschien ihm in diesem Augenblicke wieder , aber nicht als ein in Nebelferne vorüberziehendes Bild , sondern wie zum Greifen nah , und in seiner Seele klang es noch einmal nach : » und meine Seligkeit « . Es war Mittag , und Frau Menz brachte die Mahlzeit . Aber Lehnert aß nicht , und als die Alte ihm zuredete , wies er es kurzerhand ab , stand auf und ging in seine Kammer , um , was ihn peinigte , loszuwerden und Ruhe zu suchen . Wenn er hätte schlafen können ! Aber er fühlte nur , wie ' s hämmerte . Mit einem Male sprang er auf . » Nein , ich bleibe . Nicht fort . Ich will nicht fort . Einer muß das Feld räumen , gewiß . Aber warum soll ich denn der eine sein ? Warum nicht der andere ? Mann gegen Mann ... und oben im Wald ... und heute noch . Ich sage nicht , daß ich ' s tun will , ich will es nicht aus freien Stücken tun , nein , nein , ich will es in Gottes Hand legen , und wenn der es fügt , dann soll es sein ... Und das Papier drüben und alles , was drin steht , das will ich schon aus der Welt schaffen ... Und wenn ich ihm nicht begegne , dann soll es nicht sein , und dann will ich mich drein ergeben und will ins Gefängnis oder will weg und über See . « Lehnert war klug genug , alles , was in diesen seinen Worten Trugschluß und Spiegelfechterei war , zu durchschauen ; aber er war auch verrannt und befangen genug , sich drüber hinwegzusetzen , und so kam es , daß er sich wie befreit fühlte , nach all dem Schwanken endlich einen bestimmten Entschluß gefaßt zu haben . Er wartete bis um die sechste Stunde , legte dann , wie stets , wenn er ins Gebirge wollte , hirschlederne Gamaschen an und stieg , als er sich auf diese Weise marschfertig gemacht hatte , von seiner Bodenkammer wieder in die Wohnstube hinunter . Hier riß er aus dem unter der Jagdflinte hängenden Kalender ein paar Blätter heraus und wickelte was hinein , was wie Flachs oder Werg aussah . Alles aber tat er in eine Ledertasche , wie sie die Botenläufer tragen , gab dann der Alten , unter einem kurzen » Adjes , Mutter « , die Hand und ging auf das sogenannte » Gehänge « zu , den nächsten Weg zum Kamm und zur Koppe hinauf . Drüben in der Försterei schien alles ausgeflogen . Nur Diana lag auf der Schwelle und sah ihm nach . Lehnert verfolgte seinen Weg , der ihn zunächst an den letzten Häusern von Wolfshau vorüberführte . Von hier aus bis zu dem das gräfliche Jagdrevier auf Meilen hin einhegenden Wildzaun waren keine tausend Schritt mehr , ein mit Kusseln besetztes , von einem schmalen Weg durchschnittnes Waldvorland , auf dem sich in diesem Augenblick eine Krummhübler Kinderschar heranbewegte , lauter halbwachsene Mädchen , die , von ihrem Lehrer geführt , eine Tagespartie nach der Schwarzen Koppe hinauf gemacht hatten . Lehnert blieb stehen ; als sie näher kamen , sah er , daß sie Blumen in Haar und Hand trugen . Und dazu sangen sie : » Schlesierland ! Schlesierland ! Du bist es , wo meine Wiege stand . Wo die Schneekoppe hoch in die Wolken steigt , Wo der Kynast grau die Zinnen zeigt , Wo Rübezahl tief im Berge thront , Wo Liebe , Frohsinn , Treue wohnt , Schlesierland ! Schlesierland ! Du bist es , wo meine Wiege stand . « Es war dasselbe Lied , das er in seinen Knabentagen und dann später , bei den Jägern , auf manchem heißen Marsch in Frankreich gesungen hatte . Wie das Lied ihn jetzt ins Herz traf , und er trat zurück , um den jungen Dingern , von denen die meisten ihn kannten , den Weg freizugeben . Sie nickten ihm zu , und eine gab ihm im Vorübergehen den Enzianenkranz , den sie hoch oben im Gebirge gepflückt und geflochten hatte . » Da , Lehnert ! « Und kaum , daß sie vorbei waren , so nahmen sie das Lied wieder auf und sangen die letzte Strophe : » Schlesierland ! Schlesierland ! Du bist es , wo meine Wiege stand , Ach , werd ich je dich wiedersehn , Im Schatten deiner Tannen gehn , Am Hügel meiner Eltern knien Und sehen , wie die Wolken ziehn ? Auch in der Ferne knüpft mich ein Band An dich , geliebtes Heimatland . « Lehnert , als sie so sangen , hatte die Schlußzeilen unwillkürlich mitgesungen und wiederholte sie sich , als ob er in diesem Augenblicke schon ein tiefstes Heimweh in seinem Herzen empfunden hätte . Dabei war er bis an den Wildzaun gekommen , bis an das Gatter , aus dem die Mädchen eine kleine Weile vorher herausgetreten waren . Er öffnete jetzt seinerseits das aus Holzstämmen zusammengefügte , schwer in den Angeln gehende Tor und ließ es wieder ins Schloß fallen , und der Ton , mit dem es einklinkte , durchfuhr ihn und ließ ihn zusammenschauern . Er war nun drin in dem Waldgehege . Was war geschehen oder doch vielleicht geschehn , wenn er wieder heraustrat ? Aber er entschlug sich solcher Gedanken und schritt die geradlinige , steile Straße hinauf , das » Gehänge « , das hier am Gatter seinen Anfang nahm und abwechselnd an hochstämmigem Wald und niedriger Kusselheide vorüberführte . Dann und wann kamen auch Wiesenstreifen und Streifen von Moorgrund . Es war jetzt um die siebente Stunde und die Sonne , für die Talbewohner , noch über dem Horizont , hier oben aber herrschte schon Dämmer und abendliches Schweigen , und nur dann und wann hörte man das Klucken und Glucksen eines bergabschießenden Wasserlaufes oder eine vereinzelte Vogelstimme . Kein Schmettern oder Singen , nur etwas , das wie Klage klang . Am Himmel , der hell leuchtete , wurde die Mondsichel sichtbar , ein blasser Ring , und einmal war es Lehnert , als ginge wer neben ihm her . Aber es war eine Sinnestäuschung , und wenn er seinen Schritt anhielt , schwieg auch der begleitende Schritt im Walde . So war er , das » Gehänge « hinauf , schon bis ziemlich hoch gekommen , und durch eine bergan steigende Lichtung im Walde konnt er bereits den Gebirgskamm in aller Deutlichkeit erkennen . Er sah aber nicht lange hinauf , sondern setzte sich , plötzlich der Ruhe bedürftig , auf eine Bank , die man hier , wohl zu Nutz und Frommen bergan steigender Sommergäste , zwischen zwei dicht nebeneinander stehenden Tannen angebracht hatte . Das dachartig überhängende Gezweige war Ursache , daß es um die ganze Stelle her schon dunkelte , trotzdem war es noch hell genug , um alles Nächstliegende deutlich erkennen zu können . An der anderen Seite des Weges sprang ein Quell aus einer nur wenig übermanneshohen Felswand , und der Umstand , daß man dem Quell eine zierliche Holzrinne gegeben und ihn in geringer Entfernung , davon in einen von Moos überwachsenen Steintrog geleitet hatte , gab diesem Rastplatz etwas von einem Waldidyll . An dem Steintroge vorbei zog sich , nicht allzu weit unter dem Kamm hin , ein dem Zuge desselben folgender Pfad , der zuletzt auf die Hampelbaude zulief . Lehnert wußte hier Bescheid auf Schritt und Tritt und hatte manch liebes Mal auf dieser Bank gesessen und nach dem Quell hinübergesehen und gehorcht , ob vielleicht Opitz aus dem Unterholz heraustreten würde . Fast zu gleichem Zwecke saß er wieder hier , und als sich ' s drüben einen Augenblick wie regte , schoß ihm das Blut zu Kopf , und er griff unwillkürlich nach links , wie wenn er , der doch noch ohne Waffe war , das Gewehr von der Schulter reißen wollte . Rasch aber entschlug er sich seiner Erregung wieder , und an ihre Stelle trat ein Lächeln . War er doch mit nichts ausgerüstet als mit einer Tasche , wie sie die Führer und Botenläufer tragen , und wenn Opitz in diesem Augenblicke wirklich aus dem Walde drüben herausgetreten wäre , so hätt er ihm einen » guten Abend « bieten und trotz aller Bitterkeit im Herzen ein Gespräch über den Koppenwirt oder über den nächsten Krieg oder über die » Görlitzer « mit ihm haben müssen . Er wurd überhaupt wieder unsicher und verlangte nach einem weitern Zeichen , das ihm noch einmal sage , was er zu tun habe . So brach er denn einen dürren Zweig ab und machte zwei Lose daraus , in Länge nur wenig voneinander unterschieden , und tat beide in seinen Hut . Und nun schüttelte er und zog und maß . Er hatte das etwas längere Stück gezogen . » Gut dann ... es soll also sein ... « , und mit einer Raschheit , in der sich die Furcht vor einem abermaligen Schwanken und Unschlüssigwerden aussprach , erhob er sich von seiner Bank und schlängelte sich mit einer Findigkeit , die deutlich sein Zuhausesein an dieser Stelle zeigte , durch allerhand dichtes Unterholz bis auf eine Waldwiese , die , nach der einen Seite hin , ganz besonders aber in der Mitte , mit riesigen Huflattichblättern überwachsen war , während sie nach der anderen Seite hin in buschhohem Farrenkraut stand , das sich , heckenartig , an einer niedrigen Felswand entlangzog . In Front dieser Buschhecke war nirgends ein Einschnitt , weshalb Lehnert , der dies sehr wohl wußte , seinen Eingang von der Seite her nahm und sich zwischen dem Farrenkraut und der Felswand hindurchdrängte , mit seiner Rechten an dem Gesteine beständig hintastend . Als er bis in die Mitte war , war auch die Felsspalte da , nach der er suchte , freilich nur schmal und eng . Er streifte deshalb den Ärmel in die Höh , um bequemer mit Hand und Unterarm hinein zu können , und nahm , als ihm dies gelungen , aus einer in der Felsspalte befindlichen Nische sein Doppelgewehr heraus , das hier , bis an den Kolben in ein Futteral von Hirschleder gesteckt , seinen Versteck hatte . Gleich danach hielt er auch Pulverhorn und Schrotbeutel in Händen , und abermals einen Augenblick später von einem der von seiner Wohnung her mitgenommenen alten Kalenderblätter einen breiten Streifen abreißend , der als Schußpfropfen dienen sollte , lud er jetzt beide Läufe , setzte die Zündhütchen auf und hakte das mit zwei Drahtösen versehene Stück Werg , das ein falscher Bart war , über die Ohrwinkel . Und nun wand er sich , wie vorher zu diesem Versteck hin , so jetzt mit gleicher Raschheit durch Farrenkraut und Unterholz zurück und trat wieder auf die große Straße hinaus . Er war derselbe nicht mehr . Der flachsene Vollbart , der aus Zufall oder Absicht tief eingedrückte Hut , der Doppellauf über der Schulter - das alles gab ein Bild , das in nichts mehr an den Lehnert erinnerte , der vor einer Viertelstunde noch , schwankend und unsicher , auf der Bank am Quell gesessen hatte . » Nun , mit Gott « , sprach er vor sich hin und stieg höher hinauf , auf den Grat des Gebirges zu . Stiller wurd es , und niemand begegnete ihm . Nur einmal trat ein Rehbock auf eine Lichtung und stand , und Lehnert griff schon nach dem Gewehr , um anzuschlagen . Aber im nächsten Augenblicke war er wieder anderen Sinnes geworden . » Nein , nicht so . Sein Schicksal soll über ihn entscheiden , nicht ich . Ich will ihn nicht heranrufen ; ich hab es in eine höhere Hand gelegt . « Und sein Gewehr wieder über die Schulter hängend , schob er sich weiter an den Tannen hin . Aber es waren ihrer nicht allzu viele mehr , immer lichter wurd es