Gedanken den Sprecher . Gegen acht Uhr brachen sämtliche Gäste auf . Mein Vater wollte sie noch alle zurückhalten und auch ich murmelte verbindlich ein paar gastliche Phrasen , wie » Doch wenigstens noch eine Tasse Thee ? « aber vergebens . Jeder brachte eine Entschuldigung vor : der eine wurde im Kasino , der andere in einer Soirée erwartet ; eine der Damen hatte ihren Logentag in der Oper und wollte den vierten Akt der Hugenotten hören ; die zweite erwartete noch Gäste bei sich ; kurz , man mußte sie - und nicht so ungern als es den Anschein hatte - ziehen lassen . Tilling und Doktor Bresser , die sich gleichzeitig mit den anderen erhoben hatten , empfahlen sich zuletzt . » Und was haben Sie beide noch Wichtiges vor ? « fragte mein Vater . » Ich eigentlich nichts , « antwortete Tilling lächelnd ; » da aber sämtliche Gäste sich entfernen , wäre es unbescheiden - « » Dasselbe gilt von mir , « fiel der Doktor ein . » Nun , dann lasse ich keinen von beiden fort . « Ein paar Minuten später hatten mein Vater und der Doktor am Spieltisch Platz genommen und vertieften sich in eine Partie Piket , während Baron Tilling sich an meine Seite zum Kamin setzte . - » Eine einschläfernde Geschichte dieses Diner ? - Nein , wahrlich , angenehmer und anregender hätte sich mir kein Abend gestalten können - « flog es mir durch den Sinn , und laut : » Eigentlich sollte ich Ihnen Vorwürfe machen , Baron Tilling : warum haben Sie nach Ihrem ersten Besuche den Weg in mein Haus vergessen ? « » Sie hatten mich nicht aufgefordert , wiederzukommen . « » Ich teilte Ihnen doch mit , daß an Samstagen - « » Ja , ja , zwischen Zwei und Vier ... Das dürfen Sie mir nicht zumuten , Gräfin . Aufrichtig : ich kenne nichts Schrecklicheres , als diese offiziellen Empfangstage . In einen mit fremden Leuten angefüllten Salon eintreten ; - sich vor der Hausfrau verbeugen ; - am äußersten Ende eines Halbkreises Platz nehmen ; - Bemerkungen über das Wetter austauschen hören und , wenn man zufällig neben einen Bekannten zu sitzen kam , eine eigene Bemerkung hinzufügen ; - von der Hausfrau über alle Hindernisse weg mit einer Frage ausgezeichnet zu werden , die man eifrigst beantwortet , hoffend , daß sich nun mit derjenigen , die man besuchen wollte , ein Gespräch entspinnen werde - vergebens : soeben tritt wieder ein anderer Gast ein , der begrüßt werden muß und der sich hierauf auf das nächste leere Plätzchen des Halbkreises niederläßt und - in der Meinung , das Thema sei noch nicht berührt worden - eine neue Bemerkung über das Wetter in Umlauf bringt ; dann nach zehn Minuten - wenn abermals Besuchsverstärkung kommt , womöglich eine Mama mit vier heiratsfähigen Töchtern , für die nicht genug Sessel mehr frei wären - im Verein mit einigen anderen aufstehen , von der Hausfrau sich empfehlen und gehen ... nein , Gräfin , so etwas übersteigt meine ohnehin nur schwachen geselligen Fähigkeiten . « » Sie scheinen überhaupt der Gesellschaft sich fern zu halten - man sieht Sie nirgends . Sie sind ein Menschenfeind ? ... Doch nein , diese Frage nehme ich zurück . Aus manchem , was Sie sagten , habe ich herausgehört , daß Sie alle Menschen lieben . « » Die Menschheit liebe ich , aber alle Menschen ? - Nein . Es gibt zu viele nichtswürdige , bornierte , selbstsüchtige , kaltblütig grausame darunter - die kann ich nicht lieben , wenngleich ich sie bedaure , daß ihnen Erziehung und Umstände nicht gestattet haben , liebwert zu sein . « » Umstände und Erziehung ? Der Charakter hängt doch hauptsächlich von den angeborenen Anlagen ab - meinen Sie nicht ? « » Was Sie angeborene Anlagen nennen , sind doch weiter nichts als auch Umstände , ererbte Umstände . « » Dann sind Sie der Ansicht , daß ein schlechter Mensch an seiner Schlechtigkeit unschuldig und darum nicht zu verabscheuen sei ? « » Der Nachsatz ist durch den Vordersatz nicht bedingt : unschuldig wohl - aber dennoch zu verabscheuen . Sie sind an Ihrer Schönheit auch unschuldig und darum doch bewunderungswürdig . « » Baron Tilling ! Wir haben angefangen , als zwei vernünftige Leute ernste Dinge zu sprechen - verdiene ich da , plötzlich als komplimentensüchtige Salondame behandelt zu werden ? « » Verzeihen Sie mir - so war es nicht gemeint . Ich habe nur das mir zunächst liegende Argument gebraucht . « Es entstand eine kleine Pause . Tillings Blick hing mit einem bewundernden , fast zärtlichen Ausdruck an meinen Augen , die ich nicht senkte ... Ich weiß wohl , daß ich hätte wegschauen sollen - aber ich that es nicht . Ich fühlte meine Wangen erglühen und wußte , daß , wenn er mich hübsch fand , ich in diesem Augenblick noch hübscher erscheinen mußte ... es war ein angenehmes , » bösgewissiges « , verwirrendes Gefühl und dauerte eine halbe Minute . Länger durfte es nicht dauern ; ich hob den Fächer vors Gesicht und veränderte meine Stellung . Dann in gleichgültigem Tone : » Sie haben vorhin dem Minister Allerdings eine vortreffliche Antwort gegeben . « Tilling schüttelte den Kopf , als ob er sich aus einem Traume risse : » Ich ? ... Vorhin ? ... Ich erinnere mich nicht . Im Gegenteil : mir scheint , daß ich Ärgernis gegeben habe , mit meiner Bemerkung über den Springauf - Hopsauf - oder wie der brave Schütze hieß . « » Hupfauf . « » Sie waren die Einzige , der ich zu Dank gesprochen . Die Exzellenzherren hingegen habe ich mit meiner , für einen k. k. Oberstlieutenant höchst unpassenden Äußerung natürlich verletzt ... hartes Herz , von einem , der so braves Bestschießen auf den Feind leistet : Lästerung ! Soldaten sind doch bekanntlich - je kaltblütiger sie töten - desto gutmütigere Kumpane ; es giebt keine sentimentalere Rührfigur im melodramatischen Repertoir , als den schlachtenergrauten , weichherzigen Krieger : keiner Fliege könnte der stelzfüßige Veteran etwas zu Leide thun . « » Warum sind Sie Soldat geworden ? « » Mit dieser so gestellten Frage beweisen Sie , daß Sie mir ins Herz geschaut haben . Nicht ich - nicht der neununddreißigjährige Friedrich Tilling , der drei Feldzüge gesehen , habe den Beruf gewählt , sondern der zehn- oder zwölfjährige kleine Fritzl , der unter hölzernen Streitrossen und bleiernen Regimentern aufgewachsen und den sein Vater , der ordensgeschmückte General , und sein Onkel , der mädchenerobernde Lieutenant , aufmunternd fragten : Junge , was willst Du werden ? Was sonst als ein wirklicher Soldat , mit einem wirklichen Säbel und einem lebendigen Pferd ? « » Für meinen Sohn Rudolf wurde mir heute auch eine Schachtel Bleisoldaten gebracht - ich werde sie ihm nicht geben . - Doch warum - als der Fritzl zum Friedrich sich entwickelt hatte , warum haben Sie da nicht einen Stand verlassen , der Ihnen verhaßt geworden ? « » Verhaßt ? Das ist zu viel gesagt . Ich hasse den Zustand der Dinge , der uns Menschen so grausige Pflichten auferlegt , wie das Kriegführen ; da dieser Zustand nun aber einmal da ist - unvermeidlich da ist - so kann ich die Leute nicht hassen , welche die daraus erwachsenden Pflichten auf sich nehmen und gewissenhaft , mit Aufwand ihrer besten Kräfte , erfüllen . Wenn ich den Militärdienst verließe , würde darum weniger Krieg geführt ? Gewiß nicht . Es würde nur an meiner Stelle ein Anderer sein Leben einsetzen - das kann ich schon auch selber thun . « » Könnten Sie Ihren Mitmenschen nicht in einem anderen Stande mehr Nutzen bringen ? « » Ich wüßte nicht . Ich habe nichts Anderes gründlich gelernt als die Soldaterei . Man kann um sich herum immer Gutes und Nützliches wirken ; ich habe Gelegenheit genug , den Leuten , die unter mir dienen , das Leben zu erleichtern . Und was mich selber betrifft - ich bin ja sozusagen auch ein Mitmensch - so genieße ich den Respekt , welchen die Welt meinem Stande entgegenbringt ; ich habe eine leidlich gute Karrière gemacht - bin bei den Kameraden beliebt , und freue mich dieser Erfolge . Vermögen besitze ich keins , als Privatmann hätte ich weder die Mittel , anderen noch mir zu nützen - aus welchem Grunde hätte ich da meine Laufbahn aufgeben sollen ? « » Weil Ihnen das Totschlagen widerstrebt . « » Wenn es gilt , das eigene Leben gegen einen anderen Totschläger zu verteidigen , so hört die persönliche Tötungsverantwortung auf . Der Krieg ist oft und ganz zutreffend ein Massenmord benannt worden , aber der einzelne fühlt sich nicht als Mörder . Daß mir jedoch der Kampf widerstrebt , daß mir die Jammerauftritte des Schlachtfeldes Schmerz und Ekel einflößen - das ist wahr . Ich leide dabei , leide intensiv ... aber so muß auch mancher Seemann während des Sturmes von der Seekrankheit leiden , und dennoch , wenn er ein halbwegs braver Kerl ist , hält er aus auf Deck , und wagt sich , wenn es sein muß , immer wieder hinaus ins Meer . « » Ja , wenn es sein muß . Muß der Krieg denn sein ? « » Das ist eine andere Frage . Aber mitziehen muß der einzelne - und das giebt ihm , wenn auch nicht Lust , so doch Kraft zu seiner Amtserfüllung . « So sprachen wir noch eine Zeit lang fort - in leisem Ton , um die Piketspieler nicht zu stören - und wohl auch , um von ihnen nicht gehört zu werden , denn unsere getauschten Ansichten - Tilling schilderte noch einige Schlachtenepisoden und seinen dabei empfundenen Abscheu , ich teilte ihm die von Buckle aufgestellten Betrachtungen über den mit steigender Civilisation abnehmenden Kriegsgeist mit - diese Reden paßten nicht für die Ohren des Generals Althaus . Ich empfand , daß es ein Zeichen großen Vertrauens von seiten Tillings war , mir über dieses Thema so rückhaltlos sein Inneres aufzudecken - es war da ein Strom von Sympathie von einer Seele zur anderen übergegangen ... » Ihr seid ja dort in sehr eifriges Geflüster vertieft ! « rief einmal beim Kartenmischen mein Vater zu uns herüber . » Was komplottiert Ihr denn ? « » Ich erzähle der Gräfin Feldzugsgeschichten - « » So ? Das ist sie schon von Kindheit an gewohnt . Ich erzähle dergleichen auch zuweilen . Sechs Blatt , Herr Doktor , und eine Quartmajor - « Wir nahmen unser Geflüster wieder auf . Plötzlich , während Tilling sprach - er hatte seinen Blick wieder in den meinen gesenkt und aus seiner Stimme klang so inniges Vertrauen - fiel mir die Prinzessin ein . Es gab mir einen Stich und ich wandte den Kopf ab . Tilling unterbrach sich mitten in seinem Satz : » Was machen Sie so ein böses Gesicht , Gräfin ? « fragte er erschrocken ; » hab ' ich etwas gesagt , das Ihnen mißfallen ? « » Nein , nein ... es war nur ein peinlicher Gedanke . Fahren Sie fort . « » Ich weiß nicht mehr , wovon ich sprach . Vertrauen Sie mir lieber Ihren peinlichen Gedanken an . Ich habe Ihnen die ganze Zeit über so offen mein Herz ausgeschüttet - vergelten Sie mir das . « » Es ist mir ganz unmöglich , Ihnen das mitzuteilen , woran ich vorhin dachte . « » Unmöglich ? Darf ich raten ? ... Betraf es Sie ? « » Nein . « » Mich ? « Ich nickte . » Etwas Peinliches über mich , was Sie mir nicht sagen können ? ... Ist es - « » Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf ; ich verweigere jede weitere Auskunft ! « Dabei stand ich auf und blickte nach der Uhr . » Schon halb zehn .. Ich werde Dir jetzt adieu sagen , Papa - « Mein Vater schaute von seinen Karten auf : » Gehst Du noch in eine Soirée ? « » Nein , nach Hause - ich bin gestern sehr spät zu Bett gegangen - « » Und da bist Du schläfrig ? Tilling , das ist kein Kompliment für Sie . « » Nein , nein , « protestierte ich lächelnd , » den Baron trifft keine Schuld ... wir haben uns sehr lebhaft unterhalten . « Ich verabschiedete mich von meinem Vater und dem Doktor ; Tilling bat sich die Erlaubnis aus , mich bis zu meinem Wagen zu geleiten . Er war ' s , der mir im Vorzimmer den Mantel umhing und der mir über die Treppe hinab den Arm reichte . Beim Hinuntergehen blieb er einen Moment stehen und fragte mich ernsthaft : » Nochmals , Gräfin , habe ich Sie etwa erzürnt ? « » Nein - auf Ehre . « » Dann bin ich beruhigt . « Indem er mich in den Wagen hob , drückte er fest meine Hand und führte sie an die Lippen . « » Wann darf ich Ihnen meine Aufwartung machen ? « » An Samstagen bin ich - « Er verneigte sich und trat zurück . Ich wollte ihm noch etwas zurufen , aber der Bediente schloß den Wagenschlag . Ich warf mich in die Ecke zurück und hätte am liebsten geweint - Thränen des Trotzes , wie ein erbostes Kind . Ich war auf mich selber wütend : wie konnte ich nur so kalt , so unhöflich , so beinahe grob mit einem Menschen sein , der mir so warme Sympathie einflößte ... Daran war diese Prinzessin schuld - wie ich die haßte ! Was war das ? ... Eifersucht ? Jetzt blitzte mir das Verständnis dessen auf , was mich bewegte : ich war in Tilling verliebt - - - - » Verliebt , liebt , liebt « rasselten die Räder auf dem Pflaster , » Du liebst ihn , « leuchteten mir die vorüberfliegendem Straßenlaternen zu - » Du liebst ihn , « duftete es mir aus dem Handschuh , den ich an meine Lippen führte - an der Stelle , die er geküßt . Tags darauf trug ich in die roten Hefte folgende Zeilen ein : » Was mir gestern die Wagenräder und die Straßenlaternen sagten , ist nicht wahr , oder doch zum mindesten sehr übertrieben . Ein sympathischer Zug zu einem edlen und gescheidten Menschen : - ja ; aber Leidenschaft ? - nein . Ich werde doch mein Herz nicht so hinschleudern an jemand , der einer Anderen gehört . Auch er empfindet Sympathie für mich - wir verstehen uns in vielen Dingen ; vielleicht bin ich die Einzige , der er seine Gedanken über den Krieg mitteilt - aber darum ist er noch lange nicht verliebt in mich - und ebensowenig darf ich es in ihn sein . Daß ich ihn nicht aufforderte , mich an einem anderen Tage , als an den ihm so verhaßten offiziellen Empfangstagen zu besuchen , mochte wohl nach dem vorausgegangenen , vertrauensvollen Gedankenaustausch etwas unfreundlich geschienen haben ... Aber es ist vielleicht besser so . Wenn nur erst ein paar Wochen über die geistigen Eindrücke , die mich so tief erschüttert haben , verstrichen sind , dann werde ich Tilling wieder ganz ruhig begegnen können , mit der Idee vertraut , daß er eine andere liebt und mich harmlos an seinem freundschaftlichen und geistanregenden Umgang erlaben . Denn es ist wahrhaft ein Vergnügen , mit ihm zu verkehren - er ist so anders , so ganz anders als alle anderen . Ich bin wirklich froh , daß ich das heute so gelassen konstatieren kann - gestern mußte ich einen Augenblick schon fürchten , daß es um meine Ruhe geschehen sei , und daß ich die Beute quälender Eifersucht würde ... heute ist diese Furcht verflogen . « Am selben Tage besuchte ich meine Freundin Lori Griesbach - dieselbe , bei der ich den Tod meines armen Arno erfahren . Sie war unter den jungen Frauen meiner Bekanntschaft diejenige , mit welcher ich am meisten und am intimsten verkehrte . Nicht , daß wir in vielen Hinsichten übereinstimmten , oder daß wir uns gegenseitig vollkommen verstanden - wie dies doch die Grundlage echter Freundschaft sein soll ; - aber wir waren als Kinder Gespielinnen , als jung verheiratete Frauen Stellungsgenossinnen gewesen ; hatten damals fast täglich verkehrt und so war eine gewisse Gewohnheitsvertraulichkeit zwischen uns entstanden , welche - trotz so mancher Grundverschiedenheit unserer Wesen - unseren gegenseitigen Umgang zu einem recht angenehmen und gemütlichen gestaltete . Es war ein gewisses , engbegrenztes Gebiet , auf dem wir uns begegneten , aber auf dem waren wir einander aufrichtig gut . Ganze Seiten meines Seelenlebens blieben ihr ganz verschlossen . Von den An-und Einsichten , zu welchen ich in meiner stillen Studienzeit gelangt war , hatte ich ihr nie ein Wort mitgeteilt und fühlte auch kein Bedürfnis dazu . Wie selten kann man sich einem Menschen ganz geben ! Das habe ich recht oft im Leben erfahren , daß ich dem einen nur diese , dem anderen nur jene Seite meiner geistigen Persönlichkeit erschließen konnte ; daß , so oft ich mit diesem oder jenem verkehrte , sozusagen nur ein gewisses Register sich aufzog , die ganze übrige Klaviatur aber stumm blieb . Zwischen Lori und mir gab es der Gegenstände genug , die uns zu stundenlangem Plaudern Stoff boten : unsere Kindheitserinnerungen , unsere Kleinen , die Ereignisse und Vorkommnisse unseres Gesellschaftskreises , Toilette , englische Romane und dergleichen mehr . Loris Knabe , Xaver , war im Alter meines Sohnes Rudolf und dessen liebster Spielkamerad ; und Loris Töchterchen , Beatrix , damals zehn Monate alt , wurde scherzweise von uns bestimmt , einst Gräfin Rudolf Dotzky zu werden . » Sieht man Dich endlich wieder ! « empfing mich Lori . » Du bist ja in letzter Zeit ganz Einsiedlerin geworden . Auch meinen künftigen Schwiegersohn habe ich schon lange nicht die Ehre gehabt bei mir zu sehen - Beatrix wird das sehr übel nehmen ... Jetzt erzähle , Kind , was treibst Du ? ... Und wie geht es Rosa und Lilli ? Für Lilli habe ich übrigens eine interessante Nachricht , die mir mein Mann gestern aus dem Kaffeehaus mitgebracht : es ist einer sehr verliebt in sie - einer , von dem ich glaubte , er machte Dir die Kour ... doch das erzähle ich später . Was Du da für ein hübsches Kleid hast - von der Francine , nicht wahr ? Das habe ich gleich erkannt - sie hat doch ein eigentümliches Cachet ... Und der Hut von Gindreau ? Steht Dir allerliebst ... Er macht jetzt auch Kostüme , nicht nur Hüte ... auch mit ungeheurem Geschmack . Gestern Abend bei Dietrichstein - warum bist Du nicht gekommen ? - hatte die Nini Chotek eine Gindreausche Toilette an und sah beinahe hübsch aus ... « So ging es eine Zeit lang fort und ich antwortete im selben Tone . Nachdem ich das Gespräch geschickt auf die in der » Welt « kursierenden Klatschereien gelenkt , stellte ich in möglichst unbefangener Weise die Frage : » Hast Du auch gehört , daß Prinzessin * * * ein Verhältnis mit - mit einem gewissen Baron Tilling haben soll ? « » Ich habe so etwas gehört - aber jedenfalls ist das de l ' histoire ancienne . Heute ist es eine allbekannte Sache , daß die Prinzessin für einen Burgschauspieler schwärmt . Interessierst Du Dich etwa für diesen Baron Tilling ? Du wirst rot ? Da hilft kein verneinendes Kopfschütteln - beichte lieber ! Es ist ohnedies unerhört , daß Du so lang kalt und fühllos bleibst ... es wäre mir eine wahre Genugthuung , Dich einmal verliebt zu wissen ... Freilich , eine Partie für Dich wäre Tilling nicht - da hast Du glänzendere Bewerber - er soll gar nichts haben . Nun , Du bist selber reich genug - aber er ist auch zu alt für Dich ... Wie alt wäre jetzt der arme Arno ? ... Das war doch gar zu traurig damals ... den Augenblick werde ich nie vergessen , da Du mir meines Bruders Brief vorgelesen ... Ja , es ist doch eine schlimme Einrichtung , der Krieg ... Für manche - für andere ist er eine wunderschöne Einrichtung : mein Mann wünscht sich nichts sehnlicher , als daß es bald wieder zu etwas käme ; er möchte sich so gern auszeichnen . Ich begreife dies - wenn ich ein Soldat wäre , würde ich mir auch wünschen , eine Großthat machen zu können , oder doch in der Karriere vorwärts zu kommen - « » Oder verkrüppelt oder totgeschossen zu werden ? « » Daran dächt ' ich nie . Daran soll man nicht denken - und es trifft ja doch nur die , denen es bestimmt ist . - So war es Deine Bestimmung , Herz , eine junge Wittwe zu werden . « » Darum mußte der Krieg mit Italien ausbrechen ? « » Und wenn es meine Bestimmung ist , die Frau eines verhältnismäßig jungen Generals zu sein - « » So muß es nächstens zu einem Völkerkonflikt kommen , damit Griesbach schnell avanciren könne ? Du zeichnest der Weltordnung einen sehr einfachen Lauf vor . - Was wolltest Du mir mit Bezug auf Lilli erzählen ? « » Daß Euer Vetter Konrad für sie schwärmt . Ich vermute , er wird nächstens um sie anhalten . « » Das bezweifle ich . Konrad Althaus ist ein viel zu flatterhafter und toller Bursch ' , um ans Heiraten zu denken . « » Ach , toll und flatterhaft sind sie ja alle und heiraten doch , wenn sie sich vernarren ... Glaubst Du , daß er der Lilli gefällt ? « » Ich habe nichts bemerkt . « » Er wäre eine sehr gute Partie . Wenn sein Onkel Drontheim stirbt , so erbt er die Herrschaft Selavetz . Apropos Drontheim - weißt Du , daß der Ferdi Drontheim , derselbe , der sein Vermögen mit der Tänzerin Grilli durchgebracht hat , jetzt eine reiche Bankierstochter heiraten soll ? - Nun - empfangen wird sie doch niemand ... Kommst Du heute Abend zur englischen Botschaft ? Wieder nicht ? Eigentlich hast Du recht - in diesen Gesandtschafts-Raouts fühlt man sich doch nicht so ganz unter sich : es sind so viele fremdartige Leute dabei , von denen man nicht sicher weiß , ob sie comme il faut sind ; jeder durchreisende Engländer , der sich bei seinem Gesandten vorstellen läßt , wird da eingeladen - wenn es auch ein bürgerlicher Gutsbesitzer , oder gar Industrieller oder so etwas ist . Ich habe die Engländer nur in der Tauchnitz-Edition gern ... Hast Du » Jane Eyre « schon ausgelesen ? - nicht wahr , wunderhübsch ? Wenn Beatrix zu sprechen anfängt , werde ich ihr eine englische Bonne nehmen ... Mit der Französin des Xaver bin ich gar nicht zufrieden ... Neulich bin ich ihr auf der Straße begegnet , wie sie den Kleinen ausführte , und ein junger Mann - anscheinend ein Kommis - ging nebenher , in angelegentlichstem Gespräch mit ihr . Plötzlich stand ich vor ihnen - die Verlegenheit hättest Du sehen sollen ! Überhaupt , mit den Leuten hat man sein Kreuz ! ... Da ist meine Jungfer , die hat mir gekündigt , weil sie heiratet - jetzt , wo ich sie gewohnt war - es ist nichts unausstehlicher , als neue Gesichter zum bedienen ... Was ? Du willst schon fort ? « » Ja , liebes Herz - ich muß noch einige unaufschiebbare Besuche machen ... adieu . « Und ich ließ mich nicht bewegen auch » nur noch fünf Minuten ! « zu bleiben , obwohl die unaufschiebbaren Besuche erlogen waren . Sonst hatte ich es doch stundenlang ausgehalten , solch ' inhaltsloses Geplapper anzuhören und mitzuplappern - aber an diesem Tage widerte es mich an . Eine Sehnsucht ergriff mich : ... Ach nur wieder so ein Gespräch wie gestern abends - ach Tilling - Friedrich Tilling ... Die Wagenräder hatten also doch recht mit ihrem Refrain ! ... Es war eine Wandlung mit mir geschehen - ich war in eine andere Gefühlswelt hinaus gehoben ; diese kleinlichen Interessen , in welche meine Freundin so ganz vertieft war : Toiletten , Bonnen , Heirats- und Erbschaftsgeschichten aus der Gesellschaft - das war doch gar zu nichtig , zu erbärmlich , zu erstickend ... Hinaus , hinauf in eine andere Lebensluft ! Und Tilling war ja frei : die Prinzessin » schwärmt für einen Burgschauspieler « ... Die hat er wohl nie geliebt ... ein vorübergehendes - ein vorübergegangenes Abenteuer , weiter nichts . Es verstrichen mehrere Tage , ohne daß ich Tilling wiedersah . Jeden Abend ging ich ins Theater und von da in eine Soirée , in der hoffenden Erwartung ihm zu begegnen , aber vergebens . Mein Empfangstag brachte mir viele Besuche , aber natürlich nicht den seinen . Den hatte ich auch nicht erwartet . Es sah ihm nicht ähnlich , nach seinem bestimmten » Gräfin , das dürfen Sie mir nicht zumuten « und seinem am Wagenschlag gesagten » Ich verstehe - also gar nicht « sich dennoch an einem solchen Tage bei mir einzufinden . Ich hatte ihn an jenem Abend gekränkt , das war gewiß ; und er vermied es , mit mir zusammenzukommen , das war offenbar . Allein , was konnte ich thun ? Ich brannte danach , ihn wieder zu sehen , meine damalige Unfreundlichkeit wieder gut zu machen und eine neue solche Plauderstunde zu erleben , wie jene in meines Vaters Haus ; eine Plauderstunde , deren Reiz mir jetzt noch hundertfach erhöht worden wäre , durch das mir nunmehr klar gewordene Bewußtsein meiner Liebe . In Ermangelung Tillings brachte mir der nächstfolgende Samstag doch wenigstens Tillings Cousine - dieselbe , auf deren Ball ich ihn kennen gelernt . Als sie eintrat , fing mir das Herz zu pochen an ; jetzt konnte ich doch wenigstens etwas von demjenigen erfahren , der meine Gedanken so beschäftigte . Ich brachte es jedoch nicht über mich , eine diesbezügliche Frage zu stellen ; ich fühlte , daß ich nicht im stande wäre , den gewissen Namen auszusprechen , ohne verräterisch zu erglühen , und so unterhielt ich meine Besucherin von hundert verschiedenen Dingen - unter anderen auch vom Wetter - aber nur nicht von dem , was ich auf dem Herzen hatte . » Ah , Martha , « sagte jene unvermittelt , » ich habe eine Post an Sie zu bestellen : mein Vetter Friedrich läßt Sie grüßen - er ist vorgestern abgereist . « Ich fühlte , daß mir das Blut aus den Wangen wich . » Abgereist ? Wohin ? Wurde sein Regiment versetzt ? « » Nein ... er hat nur einen kurzen Urlaub genommen , um nach Berlin zu eilen , wo seine Mutter auf dem Sterbebette liegt . Der Arme , er dauert mich ; denn ich weiß , wie er seine Mutter vergöttert . « Nach zwei Tagen erhielt ich einen Brief von unbekannter Hand , mit dem Poststempel Berlin . Noch ehe ich nach der Unterschrift geschaut , wußte ich , daß das Schreiben von Tilling kam . Es lautete : » Berlin , Friedrichstr . 8 , 30. März 1863 . 1 Uhr nachts . Teure Gräfin ! Ich muß Jemandem klagen ... Warum gerade Ihnen ? Habe ich ein Recht dazu ? Nein - aber den unwiderstehlichen Drang . Sie werden mir nachfühlen - ich weiß es . Hätten Sie die Sterbende gekannt . Sie würden sie geliebt haben . Dieses weiche Herz , dieser helle Verstand , diese heitere Laune , diese Hoheit und Würde - und das alles soll jetzt ins Grab - keine Hoffnung ! Ich habe den ganzen Tag an ihrem Lager verbracht und werde auch die Nacht über hier bleiben - ihre letzte Nacht ... Sie hat viel gelitten , die Arme . Jetzt ist sie ruhig - die Kräfte schwinden , der Pulsschlug hat beinah schon aufgehört ... Außer mir wachen noch ihre Schwester und ein Arzt im Krankenzimmer . Ach , diese schreckliche Zerreißung : der Tod ! Man weiß doch , daß er alle fällen muß , und doch kann man ' s nie recht fassen , daß er auch unsere Lieben hinraffen darf . Was mir diese Mutter war , das vermag ich nicht zu sagen . Sie weiß , daß sie stirbt . Als ich ankam , heute morgen , empfing sie mich mit einem Freudengeschrei : - Also doch - sehe ich Dich noch einmal , mein Fritz ! Ich fürchtete so , Du kämst zu spät . - Du wirst ja wieder gesund werden , Mutter , rief ich . - Nein , nein - davon ist keine Rede , mein alter Bub ' . Nimm diesem unseren letzten Beisammensein nicht die Weihe durch die üblichen Krankenbettvertröstungen . Sagen wir uns Lebewohl - Ich fiel schluchzend an der Bettseite in die Knie . - Du weinst , Fritz ? Schau , ich sage Dir auch nicht das üble Weine nicht . Es ist mir lieb , daß Dir der Abschied von Deiner besten alten Freundin leid thut . Das bürgt mir , daß ich lange unvergessen bleibe - - Solang ' ich lebe , Mutter ! - Erinnere Dich dabei , daß ich viel Freude an Dir gehabt . Außer der Sorge , die mir Deine Kinderkrankheiten bereitet , und dem Bangen , während Du im Kriege warst , hast Du mir nur glückliche Gefühle verursacht und hast mir Alles tragen helfen , was das Schicksal mir