wollte - , » verleumdete und Sie die Frau eines anderen wurden ... Es wäre heldenhaft gewesen , ich weiß , schweigend in die Verbannung zu gehen - aber zu so hoher Tugend vermag ich mich nicht aufzuschwingen , und Sie sollen wissen ... « » Also wirklich in die Verbannung « , unterbrach sie ihn ; » da bedaure ich ja sehr die kleine Nicolette . « Das hätte sie nicht sagen dürfen ! Oh , wie sie das wußte , als es zu spät , als es schon gesagt war und spöttischer Triumph aus den Augen des Herzenskundigen leuchtete , der in ganz verändertem und leichtfertigem Tone fragte : » Die Kleine - Sie erinnern sich ihrer ? War sie nicht nett ? « Sie sprach ihn nicht mehr an diesem Abend , den er ihr , den sie selbst sich vergällt hatte , den sich ins Gedächtnis zurückzurufen ihr peinlich wurde . Sie hörte , daß er einen » exotischen « Posten angenommen hatte und Österreich und Europa für Jahre verlassen sollte , sehr bald wahrscheinlich , vielleicht schon in einigen Wochen ; der Zeitpunkt war noch nicht genau bestimmt . Fast täglich führte die ruhelose Geselligkeit , in der sie lebten , sie zusammen . Sie trafen einander auf dem Eise , im Prater , bei Diners , in Soireen . Und er , mit großer Geschicklichkeit , mit steter Beherrschung seiner selbst , wußte immer da zu sein , wo sie war , und sich dann mit allen außer mit ihr zu beschäftigen . Er machte auf das eifrigste der und jener koketten Frau in Marias Gegenwart den Hof , er verschwendete die Schätze seines Geistes und seines Witzes an irgendeine hübsche Dutzend-Komtesse . Das war so seltsam , so unerwartet nach seinem kühnen Versuch einer Erklärung auf dem Balle . Sie belächelte es , fand es kindisch , ihrer und seiner unwürdig und nahm den Kampf dennoch auf , den er ihr bot . Allerdings beschäftigte sie sich dabei mehr als billig mit ihm , dachte an ihn - immer und immer ! Anfangs rang sie gegen diese törichte Besessenheit , dann erinnerte sie sich des großen Wortes : » Wir befreien uns von unseren Leidenschaften , wenn wir sie denken . « - Von unseren Leidenschaften - um wieviel eher denn von einer Marotte . Überdies stand Tessin am Morgen seiner Abreise ; er einmal fort , und der kleine Krieg , den sie miteinander geführt , und die Laune , die ihn heraufbeschworen hatte , waren vergessen . Gräfin Dolph , zu deren , wie sie selbst sagte , senilen Eitelkeiten es gehörte , mit der Marquise du Deffand verglichen zu werden , nannte Tessin , der sich regelmäßig in ihrem auswattierten , vor jedem Zuglüftchen sorgfältigst verwahrten Salon einfand , ihren Horace Walpole . Sie sang sein Lob in allen Tonarten , und ein Massenchor von schönen Damen stimmte ein . Tessin war nie so ausschließend und siegreich in der Mode gewesen wie jetzt , da sein Nimbus dadurch noch erhöht wurde , daß er einen Scheidenden umgab . Die aus Überzeugung Unwissenden , die geschworenen Feindinnen der Geographie begannen diese verachtete Wissenschaft zu pflegen . Landkarten von Asien fanden nie dagewesenen Absatz in aristokratischen Häusern , die Wege , die Tessin nehmen sollte oder konnte , wurden mit farbigen Stiften auf denselben eingezeichnet . Eine unerhörte Wanderlust regte sich plötzlich in hundert jungen weiblichen Herzen . Es versteht sich von selbst , daß die Abende bei der Gräfin Dolph , die sonst wenig Anziehungskraft besaßen , bis zum Ende der Fastenzeit besucht wurden wie ein Gnadenort . Die gastlich geöffnete Zimmerreihe der großen Wohnung , welche die Gräfin im Hause ihres Bruders beibehalten hatte , stand fast leer , während das Gelaß , in dem die Hausfrau ihren Günstling empfing , immer überfüllt war . Der Graf mied diese Gesellschaften , weil Tessin ihr Mittelpunkt war , und Maria fand sich so selten ein , als unauffälligerweise geschehen konnte . Einmal aber kam sie nach der Oper , begleitet von Hermann , und bald nach ihnen erschien Wolfsberg . Er befand sich in schlechter Stimmung ; um seinen Mund lagerte der böse Zug , den Maria einst gefürchtet hatte und der ihr jetzt noch unangenehm war , weil er eine Härte verriet , zu welcher ein Überlegener wie er sich gegen Geringere nicht hinreißen lassen durfte . Er schritt durch das Gedränge bis in die Nähe der Gräfin Dolph , die in ihrem kissenreichen Lehnstuhl am Ende des Zimmers ruhte und mit dem auf einem Taburett neben ihr sitzenden Tessin scherzte . Ein kleiner Hofstaat von besonders eifrigen Anhängern umgab sie und mischte sich gelegentlich in ihr Gespräch . » Begum Somru und Dyce « , sagte Wolfsberg im Vorübergehen zu seiner Tochter , und sie versetzte : » Nein , Stuwer & amp ; Nachfolger - sie sprechen ein Feuerwerk . « Der Graf reichte seiner Schwester die Hand , würdigte einige der Damen seiner freundlichen Beachtung und bemerkte erst nach einer Weile , daß Tessin aufgestanden war und der Erwiderung seines Grußes harrte . Nun sah er ihn . Die Blicke beider Männer kreuzten sich wie blanke Schwerter . Der jüngere senkte seine Augen nicht , und Wolfsberg sprach : » Sind Sie reisefertig ? « » Seit vier Wochen , Exzellenz . « » Um so besser , denn Sie werden wohl kaum noch ebenso viele Tage hier zubringen . Was meinen Sie ? « » Immer das , was Euer Exzellenz meinen . « » In all und jedem « , fiel die kleine Gräfin Felicitas Soltan , genannt Fee , ein , die zu den ausgesprochenen Lieblingen Wolfsbergs gehörte . Er lauschte gern dem reichen Quell des Unsinns , der aus ihrem hübschen Mund sprudelte , und fand , ihr Plaudern sei ein höchst anmutiges Geräusch , bei dem er ausruhe . - Fee war reich und elternlos zu sechzehn Jahren durch ihre Verwandten an einen viel älteren Mann verheiratet worden , der sie zwei Jahre später zur Witwe machte . Jetzt genoß sie ihr junges Dasein und das sich selbst erteilte Privilegium , alles zu sagen , was ihr durch den Kopf fuhr . Es hatte viel Staub aufgewirbelt in diesem Fasching , daß sie sieben Heiratsanträge ausgeschlagen , weil sie , ihrer eigenen Behauptung nach , seit ihrer Kindheit in Tessin verliebt war » bis über die Ohren « . Jüngst hatte er sich einige Tage lang auffallend mit ihr beschäftigt und vernachlässigte sie jetzt wieder ebenso auffallend . Maria durchschaute sein Spiel . Sie wußte wohl , wessen Befremden es erregen sollte , und daß es ohne weiteres eingestellt worden , als es seinen geheimen Zweck verfehlt hatte . Jetzt rief die kleine Fee sie an und zwang sie , neben ihr Platz zu nehmen . » Hörst du « , fragte sie , » wie bald Tessin uns verlassen soll ? ... Ihr könnts euch um ihn kränken , wenn ' s euch freut . Ich kränk mich nicht - ich reis ihm nach . « Alle lachten , und Tessin sprach achselzuckend : » Sie wären in größter Verlegenheit , Gräfin . Sie haben ja keine Ahnung von dem Wege , den Sie nehmen müßten . « Fee zog ihr feines Kindergesicht in ernste Falten : » Ich werd halt fragen , ich werd auf die Bahnhöf fahren , ich werd an jeden Stationschef schreiben in die vier Weltteil . « » Immer schlimmer « , versetzte Tessin , und seine Augen ruhten mit unbarmherzigem Spotte auf ihr , » denn nur im fünften leben Gelehrte , die Ihre Schrift lesen können . « Sie suchte nach einer Antwort und fand keine . » Schau , wie er mit mir is « , flüsterte sie ihrer Nachbarin zu . Ihr Mund verzog sich zum Weinen ; sie sprang auf und sprach mit einem Schluchzen in der Stimme : » Das is hier eine Hitz , nicht zum Aushalten ! « Maria folgte ihr . Sie traten beide ans Fenster ; Fee preßte ihre glühende Stirn an die Scheibe . Tränen flossen über ihre Wangen . Eine halbe Stunde später verließ das Ehepaar Dornach die Gesellschaft und wurde auf der Treppe von Tessin eingeholt . » Ich begreife nicht « , sagte Hermann zu ihm , » wie du Freude daran finden kannst , eine Frau , die dich liebt , lächerlich zu machen . « » Mich liebt ? « erwiderte Tessin mit einer weder durch diese Worte noch durch den Ton , in dem sie gesprochen waren , gerechtfertigten Gereiztheit . » Ein Wetterfähnchen , das liebt ? « » Der Tausend ! - Du wirst doch niemandem aus seiner Unbeständigkeit einen Vorwurf machen ? « » Jedem den schwersten « , sprach Tessin mit großem Nachdruck . Am folgenden Morgen erhielt Hermann ein Telegramm von dem Gewissensrat seiner Mutter , Pater Schirmer . Er berichtete auf eigene Faust , daß die Gräfin - wenn auch unbedenklich - erkrankt sei . Der Entschluß , am selben Abend zu reisen , war sogleich gefaßt . Die Anordnungen dazu wurden getroffen , das Kind mit seiner Kamarilla unter der Obhut Lisettens nach Dornach gesandt . Maria geleitete den Kleinen zur Bahn , nahm Abschied von Tante Dolph und schickte ihrem Vater eine Zeile der Nachricht ins Ministerium . Nach Hause zurückgekehrt , betrat sie das leere Kinderzimmer und verließ es schnell wieder - es machte ihr einen peinlichen Eindruck . Sie ging zu Hermann hinüber ; er war zu seinem Geschäftsmanne gefahren und hatte gesagt , man solle ihn nicht vor der Essenszeit , sieben Uhr , erwarten . Nun lehnte Maria etwas müde in ihrem Fauteuil am Schreibtisch . In dieser ganzen letzten Vergangenheit hatte sie sich geklammert an die Liebe zu ihrem Kinde , hatte jede Stunde , die ihr angestrengtes Weltleben ihr übrigließ , mit Hermann zugebracht . Bald sollte sie nur für diese beiden leben , durch nichts zerstreut , durch nichts in Anspruch genommen sein als durch die berechtigten , die heiligen Empfindungen , die in ihr Dasein getreten waren wie zum Ersatz zweier anderer , völlig verwandelter : der anbetenden Liebe zu ihrem Vater , der innigen Zuneigung zu der einzigen Freundin , die sie jemals zu haben geglaubt . Ich bin reich genug , sagte sie sich und hatte das Gefühl , daß noch einige Stunden vergehen müßten , ehe sie zu dem vollen Genuß dieses Reichtums kommen könne . Dann würde die unerklärliche Sehnsucht , die ihr jetzt immer und immer die Seele beklemmte , verschwunden , und sie würde frei sein - frei - - Die Tür des Salons , der an ihr Schreibzimmer grenzte , wurde geöffnet , ein Kammerdiener trat ein und fast zugleich mit ihm derjenige , den er anmeldete : Graf Tessin . 10 » Entschuldigen Sie , Gräfin « , sagte er , am Eingang erscheinend und stehenbleibend , » daß ich Ihnen nicht Zeit lasse , mich fortzuschicken . Ich hörte aber , daß Sie heute reisen , und habe noch dringend mit Ihnen zu sprechen . « Es war unmöglich , ihn abzuweisen in Gegenwart des Dieners . Maria ging dem Besucher in den Salon entgegen und nahm Platz an einem Tischchen , auf dem ihre Arbeit lag . Sie bot alle ihre Kräfte auf , um eine unbefangene Haltung zu bewahren , und wies Tessin einen Sessel ihrem Kanapee gegenüber an . Gott im Himmel , wie fassungslos fühlte sie sich , wie seltsam war ihr zumute ! Die Zunge klebte ihr am Gaumen , eine eiserne Faust schnürte ihr die Kehle zu , ihr Herz klopfte , ihre Pulse flogen - und diesen tollen Aufruhr ihres ganzen Wesens brachte - Schmach und Verbrechen ! - seine Nähe hervor . Er hatte das Wort genommen , und sie , nur mit sich selbst beschäftigt , hörte , ohne zu verstehen , ohne sich Rechenschaft von dem zu geben , was er sagte . Er bat für jemanden um Nachsicht und Schonung , er tat es in seiner eindringlichen , bestrickenden Weise . So warm , so sanft , so bescheiden hatte ihn wohl noch niemand bitten gehört . Nichts Einschmeichelnderes auf Erden als der Klang seiner Stimme . Der Name , der immer wieder auf seine Lippen kam , war der Almas . Plötzlich raffte Maria sich auf aus ihrem schweren Kampfe . » Was wollen Sie eigentlich ? « fragte sie rauh . » Was soll ich für Alma tun ? « » Was ich für sie erflehe . « » Und das ist ? « » Oh - Sie schenken mir nicht einmal soviel Aufmerksamkeit als dem ersten besten Bettler , der Sie auf der Straße anspräche « , rief Tessin vorwurfsvoll . » Woran denken Sie ? Immer nur an den Glückseligen , der durch Sie der Erste unter den Menschen geworden ist . Ja , ja , ja ! der ist der Erste , der sich rühmen darf , das höchste Erdengut zu besitzen , eine Frau wie Sie . « » Er rühmt sich nicht « , wandte sie ein . Tessin lachte : » Es wäre menschlich - und er hat die Verpflichtung , eine Vollkommenheit zu sein , und wird ihr gerecht . Aber auch ein anderer , ein Geringerer , dem sein Glück zugefallen wäre , hätte verstanden , sich dessen ebenso würdig zu machen ... Gräfin , Gräfin ! - Mir selbst traue ich zu , daß ich an Ihrer Seite nicht nur gut , daß ich sogar ein Vorkämpfer des Guten hätte werden können . « Maria neigte sich über ihre Arbeit und sprach : » Man tut das Gute um des Guten willen . Aus einem anderen Grunde getan ist es wertlos . « » Sie leugnen die Bekehrungen durch Heilige , durch Propheten « , entgegnete Tessin , » die hinreißende Macht des Beispiels ? - Ich gehöre nicht zu den Auserwählten , die am Urquell schöpfen . Ich bedarf einer Freundeshand , großmütig genug , es für mich zu tun und mir dann etwas mitzuteilen von der herrlichen Labe ... Der Wohltäter des Menschen ist immer nur der Mensch . Ich gäbe jeden göttlichen Schutz und das sogenannte Walten und Vorsehen einer unendlichen Weisheit um die Treue eines Herzens , das mich liebt , und beneidenswert wäre ich , wenn es mir freistände den Tausch einzugehen ... Gräfin « , begann er nach kurzem Schweigen wieder , » so unwichtig ich Ihnen auch bin , haben Sie vielleicht doch bemerkt , daß eine große Veränderung mit mir vorgegangen ist in der kurzen schönen Zeit , in der ich gewagt habe , die Augen zu Ihnen zu erheben ... So voll Ehrfurcht , so demütig und - so töricht kühn ... Oh , wenn ich noch erröten könnte , bei dem Geständnisse müßte ich ' s « - und eine dunkle Blutwelle stieg ihm ins Gesicht - , » denn ich hoffte , Sie zu erringen ... Kindisches Wagnis , nach solchem Ziele zu streben . - Ein Verwandter Alma Tessins darf nicht der Schwiegersohn des Grafen Wolfsberg werden . Ich hätte es wissen und auf das gefaßt sein sollen , was geschah . « » Was geschah ? « » Ich wurde gestrichen aus den Reihen Ihrer Bewerber ... « » Meiner Bewerber ? ... Sie hätten um mich geworben ? « » Sie wissen es nicht ? Ihr Vater hat es Ihnen verschwiegen ! « rief Tessin bitter und ironisch aus . » Das ist Wolfsbergische Politik ! Weder offenherzig noch gerecht , aber klug . Warum Sie vor eine Wahl stellen , da man doch entschlossen ist , Ihnen keine Wahl zu lassen ? - Über Sie war verfügt ; Sie waren , ehe Sie es ahnten , dem Grafen Dornach versprochen . « » Versprochen ? « rief Maria mit Entrüstung aus . » Sagen wir denn : bestimmt . Über mich schritt Ihr Vater einfach hinweg , nachdem ich entwurzelt worden in Ihrer guten Meinung ... durch ihn - ich bitte , leugnen Sie nicht - , durch ihn . Auf welche Weise , frage ich nicht . Das Leben eines Weltmannes , der jede Mode berufsmäßig mitmacht , bietet Blößen genug . Und ich trage keinen Harnisch . Jeder gegen mich abgesandte Pfeil trifft meine unbeschützte Brust ... Sie aber , Gräfin , - so weise , so gerecht , so hochherzig , Sie hatten für mich nicht eine Entschuldigung , nicht einen milden Gedanken . Sie wandten sich von mir ab , stumm und verächtlich - ich werde die Art nie verschmerzen , in der Sie sich von mir abgewandt haben ! « Sie war erschüttert von seiner Anklage , sah ihn an und sprach , alle Geistesgegenwart verlierend : » Auch Sie blieben stumm - hätten Sie damals gesprochen . Jetzt ist es zu spät . « » Zu Ihnen gesprochen ? « fragte er rasch , ihre letzten Worte überhörend , » zu Ihnen , in deren Herzen nichts für mich sprach ? Nichts , sonst würden Sie mich nicht so leicht aufgegeben haben . Auch ist ein Verschmähter nicht immer aufgelegt , sich zu rechtfertigen . Ein Verschmähter ist leicht gekränkt , ist reizbar . Nein , ich wollte warten , bis ich Ihnen zugleich sagen konnte : Leben Sie wohl , und Ihnen wenigstens meine Uneigennützigkeit beweisen . Unglaublich albern , nicht wahr ? Es ist zum Lachen . Das nennt man doch Torheit um Torheit begehen ... Wahrhaftig , ich hätte es anders angefangen , wenn ich nicht das Unglück haben würde - Sie zu lieben . « Was sollte sie erwidern ? Sie gab ihm recht im stillen . Ihr gegenüber hatte er seine Verführungskünste nicht ausgeübt . Der Mann , von dem es hieß , daß er sich nie vergeblich um Frauengunst bemüht habe , nie von denen , die er verließ , vergessen worden sei , ihr war er nie anders als bescheiden genaht . Sie konnte ihm nicht widersprechen , als er von neuem begann : » Sagen Sie mir , ob ein Gymnasiast sich gegen die stumm und heiß Vergötterte ungeschickter , blöder hätte benehmen können , als ich mich gegen Sie benahm ? ... Vorbei ! Mein freudenreiches Leben bleibt leer , ist nichts . Nun will ich ' s mit dem Ehrgeiz versuchen « , fuhr er mit einem tiefen Seufzer fort , » dem Auskunftsmittel so manches Gescheiterten . Wenn Sie einmal hören , daß ich irgend etwas geworden bin , das zu sein der Mühe wert scheint , dann erinnern Sie sich dieser Stunde und wägen die Bedeutung ab , die äußerer Glanz des Daseins für mich haben kann . « Er hielt inne , er wartete , Maria schwieg . Schüchtern beinahe kam Tessin nach einer Weile auf seine erste Bitte zurück , sprach wieder von Alma : » Haben Sie Mitleid mit einer Unglücklichen , ein wenig Mitleid , Gräfin . Sie selbst wagt es nicht , Sie anzuflehen . Sie glaubt nicht einmal , an einem Orte mit Ihnen wohnen zu dürfen ; sie vergräbt und verzehrt sich auf dem Lande in Einsamkeit und Reue ... « » Sie tut recht « , unterbrach ihn Maria kalt und leise . » Mit welcher Stirn vermochte sie es früher , mit mir zu verkehren und - es ist unfaßbar - mit hundert Menschen , die alle in Kenntnis waren von ihrer unsühnbaren Schuld . « » Unsühnbar ? Ich meine , sie sühnt . « » Möge sie es versuchen . « Damit erhob sie sich , und er sprang auf : » Sie entlassen mich ? « » Leben Sie wohl . « » Ihre Hand ! ... Reichen Sie mir zum Abschied die Hand . Ein paar Duellanten reichen sich die Hand , wenn einer den anderen entwaffnet hat . Gräfin Maria , ich habe die grausamste Niederlage erfahren , ich habe alles verloren , Hoffnung , Mut , Kraft . Sie haben sogar den elenden Stolz gebrochen , der mich noch aufrecht hielt - aus Erbarmen , geben Sie mir die Hand ! « Seine Zähne knirschten , sein edles stolzes Gesicht war leichenblaß . Maria machte eine verneinende Bewegung mit dem Haupte . Nach einem letzten fragenden , beschwörenden Blick verneigte er sich und trat aus dem Zimmer . Maria blickte ihm nach . Da war ja ein vollständiger Sieg über sich selbst von ihr errungen worden ; denn wahrlich , das Erbarmen , um das er gebeten hatte , füllte ihre Brust zum Zerspringen , und süß und wonnig wäre es ihr gewesen , die Hand zu erfassen , die er beim Abschied nach ihr ausstreckte , und ihm zu sagen : Sie leiden nicht allein . Nehmen Sie diesen Trost mit sich . Aber sie hatte ihm die Hand nicht reichen dürfen . Er würde gefühlt haben , daß sie zitterte und eisig war , weil alles Blut zu dem aufrührerischen Herzen strömte , das ihm so toll entgegenschlug . Knapp vor der Abfahrt des Zuges trafen Hermann und Maria auf dem Bahnhofe ein , und wenige Minuten später dampfte die Lokomotive durch die Halle . » Ist das nicht Tessin ? « fragte Hermann , auf eine dunkle Gestalt deutend , die im Schatten eines Pfeilers stand und den fortrollenden Wagen nachblickte . Maria hatte ihn längst gesehen : » Ja , es ist Tessin . « » Mit dem Gesicht eines Selbstmörders « , versetzte Hermann . » Er ist mir unheimlich seit einiger Zeit . « Es war wieder eine laue , schöne Frühlingsnacht wie vor zwei Jahren , als sie ihre Hochzeitsreise nach Dornach angetreten hatten . Maria drückte sich in eine Ecke und schloß die Augen , und wieder , wenn sie sich öffneten , begegneten sie dem treuen , liebevollen Blick des Mannes , der über ihr wachte . Ihre Verstimmung war ihm sogleich aufgefallen . Er schrieb sie der überstürzten Abreise zu , die allen eben jetzt besonders reichlich gebotenen Vergnügungen der Stadt ein plötzliches Ende machte , fand sie sehr begreiflich und bedauerte , Marias Opfer egoistisch angenommen und zugegeben zu haben , daß sie ihn nach Dornachtal begleitete . » Wenn wir meine Mutter getrost verlassen können « , sagte er , » fahren wir im Mai nach Wien zurück zu den Rennen . « Maria widersprach : » Das wollen wir nicht tun , du hast kein Interesse daran , und ich , glaube mir , ich sehne mich nach der Ruhe in Dornach . Dorthin wollen wir , sobald die Mutter unserer nicht mehr bedarf . Nach Dornach , Lieber - dort wird alles gut werden . « Unwillkürlich , mehr zu sich selbst als zu ihm , waren die letzten Worte gesprochen , und nicht mit Zuversicht - mit peinvollem Zweifel . Hermann ergriff ihre Hände : » Was soll erst gut werden ? was ist nicht gut ? ... Sprich , sag es mir , du mein alles , mein Kind und meine Gottheit . Beglückerin ! was fehlt dir zum Glücke ? « Sie entzog ihm ihre Hände , um sie auf seine Schultern zu legen , und sah tief in seine friedlichen Augen hinein : » Mein Freund ... Mein Freund « , wiederholte sie und dachte daran , ihm alles zu gestehen , ihm zu sagen : Hilf - befreie mich - ich ringe in entsetzlichen Banden . Es frißt mir am Herzen , es ist ein sündiges Mitleid , eine verbrecherische Sehnsucht . Hilf , hilf , rette mich vor dem Wirrsal , in das ich geraten bin ! Sollte sie so zu ihm sprechen ? Eines Augenblicks Dauer , und sie staunte , wie der Einfall ihr hatte kommen können . War denn nicht jede Gefahr vorbei ? Was galt es noch zu bekämpfen ? - Einen Sturm von Empfindungen , dessen sie allein Herr werden wollte . » Mir fehlt nichts « , sagte sie , » es sind Launen , Bester , die jeder Sterbliche hat , du allein ausgenommen . Ich kann nur wiederholen , was ich dir schon als Braut sagte : Habe Geduld mit mir . « Gräfin Agathe empfing ihre Kinder , als sie am nächsten Tage kurz vor dem Mittagessen bei ihr eintrafen , mit sehr absichtlich betonter Überraschung . Sie befand sich zwar noch zu Bette , aber nur aus Rücksicht für die viel zu weit getriebene Ängstlichkeit ihres Hausarztes . Es sei ihr höchst unangenehm , versicherte sie , den Kleinen allein in Dornach zu wissen - noch dazu ihretwegen . Eine Einwendung ließ sie nicht gelten und blieb dabei : » Ohne seine Mutter ist ein so junges Kind immer allein . Nur um mich keine Sorgen ! Was der Herr beschließt , haben wir in Demut hinzunehmen . Aber ich hoffe von seiner Gnade , daß er mein Gebet erhören und mich noch hier lassen wird , um meinen dritten Enkel zu segnen . Drei müssen es sein . Einer für Dornach , einer für Gott , einer für den Kaiser . « » Majoratsherr , Priester , Soldat « , murmelte Pater Schirmer , nickte dreimal dazu , kreuzte seine kleinen Hände über dem Magen und guckte aus winzigen Augen über die runden Polster der Wangen mit einer wahren Fülle von Wohlwollen und Freundlichkeit vor sich hin . Die Gräfin beruhigte sich erst , als Maria ein Telegramm nach Dornach abgesandt hatte , in dem sie ihr Eintreffen für den drittnächsten Tag ankündigte . Hermann wurde gebeten , länger zu bleiben . Es geschah auf Veranlassung Pater Schirmers , der , mit dem Amte eines Sekretärs betraut , infolge seines Bestrebens , » jede Störung der Harmonie zwischen Gutsbesitzer und Gutsverwaltung hintanzuhalten « , einen verderblichen Schlendergang in der Leitung der Geschäfte geduldet hatte . Mit Schrecken war er sich des Unheils bewußt worden , das seine Ohnmacht angerichtet . Das Eingreifen der festen Hand Hermanns war notwendig . So kam denn Maria allein in Dornach an . Auf der Station wartete Wilhelm und empfing seine Base bewegt wie ein Liebhaber . Er bestellte ein Willkomm-Lallen von seinem » Prachtneffen « , die wärmsten Grüße Helmis und Handküsse der Rangen . Er konnte die schriftlichen Nachrichten über das Befinden Wolf Forsters , die Doktor Weise im Laufe des Winters nach Wien geschickt hatte , bestätigen . Der Patient war wohl genug , um Dornach verlassen und die Fahrt nach einem Jagdschlößchen Hermanns , das ihm zum bleibenden Aufenthalt angewiesen wurde , unternehmen zu können . Er selbst freue sich sehr darauf und spreche nur noch von seiner lang gehegten und mühsam gebändigten » Passion « für das lustige Waidwerk . » Lauter Gutes , lieber Wilhelm , du bringst lauter gute Botschaft « , sprach Maria , und Tränen traten ihr in die Augen . » Das Beste bringen Sie « , rief er aus , » Sie bringen sich . « » Wie sagst du ? Sie ! ? « » Entschuldige ! das macht der Respekt ... Nach so langer Trennung kommt es mir ordentlich keck vor ... « Er wurde verlegen und schwieg . Sie rollten im raschen Trabe der Pferde dahin . Durchsichtig blau und wolkenlos wölbte sich über ihnen der Himmel . Im Westen , in einer Einsattelung der Bergkämme , bildete die untergehende Sonne einen blendenden Feuerherd und sandte ihre Strahlengrüße über die keimende , knospende , blühende Welt , die sie zu neuem Leben erweckt hatte . Ewig gelöstes , ewig unlösbares Rätsel , Frühlingswunder ! - Still ließ Maria es auf sich einwirken und betete die eine und einzige Kraft an , die webt und treibt im Hälmchen auf der Wiese , widerhallt aus der tönenden Brust der Nachtigall , unwiderstehlich lockt und ringt im Menschenherzen . Man war vor dem Schlosse angelangt , Wilhelm bestieg seinen Gaul und ritt heim , nachdem er versprochen hatte , sich morgen als Pater familias in Dornach einzufinden . Maria hielt ihr Kind in ihren Armen ; sie küßte und liebkoste es und wiederholte ihr Sprüchlein : » Alles gut - lauter Gutes - - « Ach , wenn der bittere Vorwurf nicht wäre ! der nagende , peinvolle Vorwurf gegen einen Menschen , der nicht in ihrer , nein , in dessen Schuld sie stand , unerbittlich grausam gewesen zu sein . Sie hätte sich überwinden , ihm die Hand reichen und sagen sollen - was hielt sie ab , welche Pflicht verbot es ihr ? - : Ich habe Sie geliebt . Dereinst , als ich noch frei war . Die Verhältnisse haben uns getrennt . Nun wollen wir unsere Schuldigkeit als brave Menschen tun und beim Wiedersehen nach Jahren , wenn die Empfindung , die uns jetzt noch bedrückt und verwirrt , erloschen sein wird , einander als alte Freunde entgegentreten . Hätte sie doch so gesprochen , so sprechen können ! Schwäche , Schwäche , daß sie es nicht gekonnt . Jetzt bleibt der Stachel in ihrer Brust , der Tropfen Gift in ihrem Blute . Sie sollte den Blick nie vergessen , den er ihr beim Scheiden zugeworfen . Als sich Maria in ihr Schlafgemach begeben hatte , erschien Lisette , um gute Nacht zu wünschen und eine Botschaft von Forster zu überbringen . » Er geht also fort « , sagte sie , » und läßt dich bitten , inständig , daß du morgen Klavier spielst und dann hinkommst in den Pavillon . Er möcht sich gar so gern bei dir empfehlen und dir auch den weiten Weg ersparen bis zur Hegerin . Wirst du kommen ? « » Ja . « » Noch etwas , denk dir . Heut hat er Besuch gehabt , der Wolfi . Ein Freund von ihm , der eine weite Reise macht , hat sich hier