wand . Nicht lange , und ein weißes Gewand schimmerte durch das Grün . Nun hob er den Fuß mit Vorsicht . Er wollte mit dem Uebermut seiner fünfundzwanzig Jahre die Schwägerin erschrecken . War er doch der einzige , mit dem Adrienne je lachte , denn seiner unverwüstlichen Frohnatur widerstand ihre Teilnahmlosigkeit nicht . Der Weg öffnete sich zu einer kleinen Rundung , in deren Mitte eine Riesenfichte himmelan strebte . Eine Bank stand unter dem Baum , doch an der andern Seite , so daß die darauf Sitzende Joachim den Rücken oder vielmehr in einer halben Wendung den Seitenumriß ihrer Gestalt zeigte . Das Gesicht und Haar , die man bei dieser Stellung auch in den Profilinien hätte sehen müssen , waren unter einem jener mächtigen Gartenhüte aus weißem Musselin verborgen , die man Helgoländer nennt und die mit ihrem niederfallenden Stoffteil selbst noch den Nacken decken . Die Dame hatte ihre Ellenbogen auf den Rand des vor ihr stehenden Kinderwagens gestemmt und drehte in den zusammen emporgehaltenen Händen mechanisch eine Rose . Es war ein hübsches Bild ; durch die Baumverzweigungen fielen einzelne Lichtflecke auf das im Schatten stehende weiße Gewand . Joachim stand einige Sekunden und freute sich daran . Seine Gedanken flogen nach dem fernen Weltteil zum geliebten Bruder . Was der für eine Freude hätte , wenn er jetzt hier so lauschen könnte ! Und wie voll und rund Adrienne geworden war bei aller Schlankheit ! Daß sie eine so wunderbare Figur , so entzückende Händchen habe , war Joachim nie aufgefallen . Er schlich näher , und über die Schultern der vor ihm Sitzenden hinweg plötzlich ihre Hände fassend , küßte er sie mit kühner Wendung über das Hutungeheuer hinweg auf den Mund . In der Sekunde oder vielmehr in dem Bruchteil der Sekunde , welcher verstrich von da an , daß Joachims Augen das Gesicht unter der weißen Umrahmung erfaßten , bis er auch schon seine Lippen auf den Frauenmund preßte , war es blitzgleich ihm gewesen , als sei ' s ein fremdes Gesicht . Aber Geberde und Lust zum Kusse waren in der winzigen Zeitspanne eines Herzschlags nicht mehr aufzuhalten . Auch war Joachim nicht der Mann , seine Lippen zu schließen , wenn ein Frauenmund nicht weiter von ihnen war als kaum eines Fingers Breite . So , halb im Irrtum , es sei Adrienne , halb im jähen Schreck , sie sei es nicht , küßte Joachim einen heißen , blühenden Mund und starrte dann in zwei dunkle , entsetzte Augen . In der Stummheit einer halben Minute , die zwischen den beiden sich verdutzt Anschauenden brütete , war Joachim von dem angenehmen Bewußtsein erfüllt , daß er für die Verwechslung nicht verantwortlich und gar nicht strafbar sei . Ja , er schaute mit begreiflichem Interesse auf das Gesicht , das - er mußte es sich zugeben - nicht schön , aber unglaublich interessant war . » Meine Gnädigste , « begann er endlich mit aller Mühe , sehr ernst auszusehen , » ich bitte um Vergebung . Aber Frau Förster sagte mir , Adrienne sei mit meinem Neffen im Park , und da ich Gründe hatte , mir Adrienne in Weiß gekleidet vorzustellen , so war die Ueberrumpelung gewiß verzeihlich . « » Also Herr von Herebrecht ? « fragte sie , ihn immer noch groß ansehend . » Allerdings ! Und soll ich auf die Gegenwart der Hausherrin warten , um in feierlicher Vorstellung auch Ihren Namen , meine Gnädigste , zu erfahren ? « fragte Joachim in seinem flottesten Ton entgegen . » Ich heiße Severina , « sagte sie und errötete tief . » Merkwürdig - hat sie keinen weitern Namen ? Ums Himmels willen , sollte es am Ende eine Bonne oder so was sein ? Dann könnte ich gleich noch einmal ... aber nein , dazu ist sie zu ... ja ... wie denn ? - zu apart , « dachte Joachim . » Ich gehöre ins Pfarrhaus und habe Frau von Herebrecht Gesellschaft geleistet , die eben gegangen ist , sich zum Essen anzukleiden , « fuhr Severina fort . » Also das Pastorentöchterlein ! « rief Joachim lachend ; » da muß ich mit erhöhter Eindringlichkeit um meines Ueberfalls willen Vergebung erflehen ; denn meine Begrüßung als fromme Gewohnheit werkeifriger Nächstenliebe aufzufassen , dürfte ... « » Dürfte selbst einem Landpastor die Herzenseinfalt fehlen , « fiel Severina ihm in die Rede , ebenfalls lachend , aber wie ihn däuchte , in etwas erregtem Tonfall . Er sah ihr in die sprühenden Augen und hielt ihr die Hand hin . » Schlagen Sie ein , darauf , daß dieser kleine Vorfall unter uns bleibe und unserem Verkehr - auf den wir doch wohl angewiesen sind - nichts von seiner Harmlosigkeit nimmt . « Sie legte ihre Hand in die seine . Er sah auf die kühlen Finger nieder und unterdrückte mühsam die Bemerkung , daß es die schönste Hand sei , die er je gesehen . Severina sah aber den Blick der Bewunderung , erglühend zog sie ihre Hand zurück . In diesem Augenblick schrie das Kind im Wagen kurz auf . » O , ich Rabenonkel ! « rief Joachim ; » ich vergesse über schönen Augen und heißen Lippen unsern Herebrechtschen Stammhalter . « Das entfuhr ihm so , er schien überhaupt Severina ganz vergessen zu haben , stand über dem Wägelchen gebückt und plauderte dem Kleinen das unglaublichste dumme Zeug vor . Das Kind sah mit großen , wundernden Augen zu dem fremden Mann empor . Die liebevolle , wohllautende Stimme war ihm ein unterhaltendes Geräusch , es blieb ganz stumm . Severina sah dem drolligen Bild zu . Joachim war entzückt , mehr als das , er war stolz , in dem Kleinen ein so klugäugiges , rundbackiges Wesen zu finden , und erging sich in Ausdrücken der unbegrenzten Bewunderung . Schließlich war es ja natürlich - Arnolds Sohn konnte kein Alltagskind sein . Und wie der Bengel Arnold ähnlich sah ! Die ganze unendliche Liebe zum Bruder brach in leuchtender Wärme aus dem fast kindischen Gebahren . » Wie muß er ihn lieben ! « dachte Severina . » Wer auch einen Bruder hätte - auch so geliebt würde ! « fügte sie bitter für sich hinzu . Ihre Augen hafteten dabei mit einem seltsamen Gemisch von Teilnahme und Neid auf Joachim , der die kleinen Fingerchen seines Neffen einzeln küßte . Und plötzlich begegnete er diesem Blick . Er schnellte in die Höhe . » Was ist hier denn für ein Lärm ... Joachim ... Joachim ! « rief Adrienne . Es war das erstemal , daß Severina die Stimme dieser Frau lebhaft erschallen hörte . Mit einem Freudenruf sprang Joachim auf sie zu und fiel ihr um den Hals . » Nun haben wir beide uns doch , da ist ' s leichter zu tragen , daß Arnold weg ist , « sprach er . » Du guter Junge ! Und wie Du wohl aussiehst ! « Adrienne küßte ihn . Dabei sah Joachim an ihrem Haupt vorbei auf Severina , so übermütig , als wollte er sagen : » Das haben wir schon abgemacht . « » Hat Arnold kürzlich geschrieben ? « » Nein . « » Kann der Junge schon Onkel sagen ? « » Wo denkst Du hin ! Noch nichts . Er ist ja noch kein halbes Jahr . « » Ich verstehe nichts von Babies . « So ging das schnelle Reden hin und her . Severina fühlte sich namenlos überflüssig und ging schnell davon . Es sah wie eine Flucht aus , und ihr Herz klopfte dabei . » Er sieht aus wie das Glück und die Freude selbst , « dachte sie , und ein Zittern lief durch ihre Glieder . » Warum geht sie ? « fragte Joachim . » Sie denkt zu stören . « » Für eine Pastorentochter sieht sie recht wenig zahm aus , « sagte Joachim , der Gestalt mit dem graziösen Gang eifrig nachsehend . » Sie ist ein Pflegekind . Eine Verwandte der Frau Pastorin hatte das Unglück , bei der Geburt einer Tochter zu sterben , ohne kundgethan zu haben , wer der Vater sei . Severina , das Mädchen mit dem ernsten Kalendernamen , ist nun von der Pastorin auferzogen und ausersehen , als Büßerin durchs Leben zu wandern . Aber was von Natur einmal darin steckt : die Energie , die Liebe zum Schönen und Anmutigen , der selbständige Geist , das bringt kein fortwährendes Predigen heraus , « erzählte Adrienne . » Armes Mädchen ! « rief Joachim , von starker Teilnahme ergriffen . » Dank Fannys Eingreifen , dem die Pastorsleute nicht widerstreben können , ist Severinas Bestimmung , eine asketische Betschwester zu werden , immer noch ihrer Erfüllung sehr fern . Fanny zieht das Mädchen viel in ihre Nähe , kleidet sie ganz und gar , wenn auch einfach , so doch , wie Du siehst , sehr anmutig , und wenn sie ausfährt , ja sogar auf Reisen nimmt sie Severina mit . Dafür betet diese natürlich Fanny an , als sei sie kein Weib , sondern ihr Gott . « » Das begreift sich . « » Aber nun komm ins Haus , in Deine Stuben . « Joachim ließ es sich nicht nehmen , den Kinderwagen zu schieben , Adrienne ging neben ihm her . » Langweilen werde ich mich hier nicht , « dachte er zufrieden , » so viel nette Frauen ! Erstens meine Schwägerin , sodann die Hausfrau , die offenbar ebenso gütig als verständig ist , und endlich das Mädchen mit dem Gesicht , das aussieht , als könne aus Augen und Mund ein Flammenstrom sich ergießen ... du bist ein Glückspilz . « An der Terrasse kam ihnen die Magd entgegen , die den Kinderwagen an sich zog . Joachim und Adrienne schritten durch den Saal , über den Flur in die Zimmer , welche für den neuen Hausgenossen fertiggestellt waren . Sie lagen vorn , nach dem Gutshof hinaus . » Hier aus Deiner Wohnstube führt die Thür links in Dein Schlafkabinet , rechts in die sogenannte Amtsstube , welche Fannys Audienz- und Arbeitszimmer ist . Ihre Privatzimmer liegen gerade über den Deinen , « erklärte Adrienne . » So ist es recht , « scherzte er , » das Auge der Regentin und ihres ersten Ministers muß das Arbeitsreich jederzeit im Auge haben . « Behaglich sah er sich in den einfachen , wohnlichen Räumen um . Als er dann über dem Sofa ein kleines , hübsch eingerahmtes Bild seines Bruders fand , drückte er der Schwägerin gerührt die Hand . » An so etwas denkt nur eine Frau . Wie liebevoll ersonnen ! Und ein Epheukränzchen ist darum . « » Ich that das nicht , « sagte Adrienne verlegen ; » Fanny weiß , daß Du Arnold so lieb hast . « Joachim wollte alle Briefe lesen , die bislang von Arnold eingetroffen seien , Adrienne holte sie herbei , man las und plauderte zusammen , dann wollte Joachim auch ihre Wohnung sehen . » Donnerwetter , « sagte er oben , » Fanny muß ebensoviel Geld als Gutmütigkeit haben . « Der gewisse Respekt , den wohlangewendeter Reichtum immer einflößt , erfüllte schon Joachims Seele . So wurde es Mittag , und erst kurz vor der Essensstunde , die auf Mittelbach um vier Uhr anberaumt war , konnte Joachim Fanny begrüßen . Sie hieß ihn nochmals mit gütigen Worten willkommen und stellte ihn dem eben von Driesa herübergekommenen Lanzenau vor , der seinerseits dem jungen Mann mit väterlichem Wohlwollen die Hand schüttelte . » Wo ist denn das interessante Fräulein , das ich heute morgen im Park sah ? « fragte Joachim . Lanzenau und Fanny lächelten über die unbefangene Art , sogleich nach dem einzigen jungen Mädchen des Ortes sich zu erkundigen . » Severina ist nach Hause gegangen , kommt aber mit der ganzen Familie heute nachmittag her . Zur Feier Ihrer Ankunft muß unser kleiner Kreis sich doch vereinen , « sagte Fanny . Adrienne wurde rot . Der Gedanke , daß Joachim mit dem jungen Doktor Magnus Hesselbarth bekannt werden würde , sich vielleicht gar mit ihm befreunden könne , war ihr seltsam unbehaglich . Während des Speisens mußte Joachim von dem Gut und der Familie erzählen , wo er bisher als Oekonomievolontär gelebt . Er that es mit heiterem Freimut . Fanny neckte ihn sogar ein wenig mit der » kleinen Elly « , die in seinem Brief eine so große Rolle gespielt habe , und Lanzenau schenkte ihm allemal sein Glas voll , wenn er es leergetrunken . Es war eine Art zärtlicher Protektion , mit der ihn alle hier behandelten . Joachim empfand es angenehm , aber nicht auffallend ; er war es eben gewöhnt , daß alle Welt herzlich und fröhlich mit ihm verkehrte . Gott mochte wissen , woher das kam ; er war innerlichst davon überzeugt , soweit ein ganz ehrenhafter , braver Junge zu sein , aber was Bedeutendes hatte er nie geleistet noch an sich gehabt , noch würde er je dergleichen vollbringen . So war ' s denn seine Pflicht , allen Menschen für das gütige Entgegenkommen durch ein möglichst lustiges und bescheidenes Wesen zu danken . » Ein zu lieber , netter junger Mensch , « sagte Fanny nach Tisch vergnügt zu Lanzenau . » Ja , er ist das , was man einen liebenswürdigen Jungen nennt . Eins von den Sonntagskindern , die einem das Herz erfreuen schon durch ihr bloßes Dasein , « meinte Lanzenau . Als Fanny dann in ihrem Arbeitszimmer mit den Dorfbewohnern - davon täglich der eine oder die andere erschien - deren Weh und Ach überlegte und verbesserte , war es ihr eine angenehme Empfindung , nebenan jemand rumoren und pfeifen zu hören . Joachim packte seine eben angekommenen Sachen aus . Als er damit fertig war , klopfte er an und trat von seiner Wohnstube aus ein . » Wir haben , meine gnädigste Frau , « begann er , » mein Hieherkommen durch einen Depeschenwechsel abgemacht . Vielleicht haben Sie selbst schon daran gedacht , daß es doch noch einige Punkte zu erledigen gibt , deren wichtigster wohl der ist , den Umfang meiner Thätigkeit zu bestimmen . « Fanny , die eben den letzten Bittsteller entlassen , drehte sich auf ihrem Stuhl Joachim zu , steckte die Feder hinter das Ohr , trommelte mit den Fingern der Rechten auf den Tisch , während sie die Linke in ihrem Schoß ruhen ließ , und sagte eifrig : » Natürlich , natürlich . Auch Ihr Gehalt ... « » Bitte , das ist vorerst nebensächlich . Das sag ' ich aber nicht , weil ich in lächerlichem Hochmut es peinlich empfände , vom Geld als dem Lohn meiner Arbeit zu sprechen , sondern weil die Arbeit selbst mir meiner Lage nach zunächst das Wichtigste ist . Was mir notthut , um meine Laufbahn gut zu beginnen , ist ein großes und verantwortliches Thätigkeitsfeld . Wenn Sie mir dies nicht anweisen können , Frau Förster , so wäre mein Hiersein herzlich überflüssig . Ich bin gekommen , gleich und freudig , weil ich mir dachte , wenn Sie mir nicht schaffen können , was ich fordern muß , so werden Sie Adriennens Schwager gewiß ein paar Wochen als Gast behalten , bis er eine Stellung gefunden . Mich bei Ihnen , verehrte Frau , in einer Zwitterstellung als Gast und Verwandter einerseits und Gutsinspektor andererseits auf die faule Seite zu legen , wäre eine - eine - ja , eine Unanständigkeit , die ich weder vor Arnold noch vor mir selbst verantworten könnte . « Fanny sah mit ihren großen , klugen Augen in sein Gesicht , das in diesem Augenblick von männlichem Stolz durchleuchtet war . » Ich habe vor wenig Tagen meinen Verwalter von Driesa entlassen müssen , weil jener sich ein Gütchen im Mecklenburgischen gepachtet . Anstatt wieder für Driesa jemand zu suchen , ist Lanzenau hinübergesiedelt , ich reite jeden Morgen dahin . Sie , mein lieber Joachim , sollen alleiniger Administrator von Mittelbach sein , « sagte Fanny herzlich . » Sie werden eine Ueberfülle von Obliegenheiten finden . Daß Sie , wenn dieselben erledigt sind , als Familienmitglied sich in meinem Heim zu Hause fühlen mögen , ist natürlich mein Wunsch . « » Weshalb haben Sie mir nicht Driesa zugewiesen ? « fragte Joachim . » Es wäre bequemer für Sie gewesen . « » Gewiß - ja , « sagte Fanny etwas befangen . » Aber da Lanzenau früher Eigentümer von Driesa war und noch sein Vermögen darin stehen hat , so werden Sie begreifen - daß ein besonderes Interesse Lanzenaus ... « Sie stockte . Das Lügen ging ihr nicht von der Zunge . Joachim war zufrieden . Als alleiniger Verwalter des großen Gutes fühlte er sich vollkommen beruhigt wegen seiner Stellung . Fanny nannte ihm die Summe , die sie sich als seinen Gehalt gedacht . Diese war durchaus in den Grenzen der für solche Stellung natürlichen Besoldung . Als Joachim in der ersten Sekunde über die Höhe derselben erschrecken wollte , erinnerte er sich in der zweiten , daß sein Freund Soundso , der das Gut des Grafen Soundso verwaltete , einen ähnlichen Gehalt bekomme . Die bei einer Frau so seltene Unbefangenheit , mit der Fanny auch diesen Punkt erläuterte , berührte ihn sehr angenehm . Wahrlich , es schien , als stehe sie allezeit über den Dingen . » Es fährt ein Wagen in den Hof , « bemerkte Joachim , zum Fenster hinsehend . » Der Jagdwagen des Grafen Taiß ! « rief Fanny und sprang auf . Geschwind schloß sie Bücher und Geldnapf in die Schublade ihres Schreibtisches , aber noch ehe sie damit zu Ende war , öffnete der Diener schon die Thür vom Flur her und meldete : » Der Herr Graf ! « Taiß folgte augenblicklich , Fanny streckte dem hohen , bärtigen Mann beide Hände entgegen . » Haben Sie einen Platz für mich an Ihrem Abendtisch , teure Frau , und eine Stätte für mein Haupt zur Nacht ? « » Beides . Fritz , « rief sie dem Diener nach , » das Zimmer für den Herrn Grafen ! « Der Graf , eine stolze Erscheinung , gut gewachsen und tadellos gekleidet , mit jener Eleganz , die der letzten Mode zu folgen weiß und doch das Geckenhafte vermeidet , hatte ein sonnenverbranntes Gesicht , dessen untere Hälfte sich in einem kurz gehaltenen dunklen Vollbart verbarg , über den die flatternden Enden des viel hellern Schnurrbarts hingen . Aus den nicht schönen , aber angenehmen Zügen traten eine wohlproportionirte Nase und ein helles , adlerscharfes Augenpaar hervor . Dies streifte jetzt Joachim , den Fanny alsbald vorstellte . » Ich bin auf einer Rundtour . Weshalb ? - später . Für jetzt bin ich nur froh , daß Sie daheim sind und nicht alle Fremdenstuben voll haben ! « rief Graf Taiß . » Sie wissen , ich lebe immer still für mich weg . Nur im September ist es lebendig hier . « » Meine Frau und meine Schwester senden tausend Grüße - sie werden sich wie alljährlich im September einfinden , « sagte der Graf . » Leonore hatte die größte Lust , mich heute zu begleiten , aber das mochte ich nicht wagen , Sie gleich mit der Gattin zu überfallen . « » Sie hätten es nur thun sollen . Frau von Herebrecht ist auch hier . Bitte , lieber Joachim , benachrichtigen Sie Adrienne . Herr Graf wird sich in seinem Zimmer vom Staub der Landstraße befreien wollen - Pastors werden auch inzwischen kommen - also : Rendezvous auf der Terrasse ! « Taiß küßte Fanny die Hand und ging hinaus . Joachim sah dem eleganten Mann mit dem langen rehfarbigen Paletot nach . » Ist das der bekannte Konservative ? « fragte Joachim . » Ja . Aber , bitte , sagen Sie Adrienne Bescheid . « Zwei Stunden später saß die ganze Gesellschaft um den Theetisch auf der Terrasse . Der Samowar stand vor Severina , die den Thee einschenkte . Joachim saß neben ihr und sah es als sein Recht und seine Pflicht an , ihr zu helfen , wie er sich denn überhaupt immer unwillkürlich zu ihr gesellte , kraft der Zusammengehörigkeit der Jugend . Die Pastorin strickte mit rasender Geschwindigkeit . Adrienne lag in den Schaukelstuhl zurückgelehnt und hatte die zarten Hände im Schoß gefaltet . Fanny nähte an einem Flanelljäckchen . Die Herren rauchten Cigarretten , mit Ausnahme des Pastors , der nur Erlaubnis tagsüber zu zwei Pfeifen hatte . Magnus sah von Zeit zu Zeit flüchtig über Adrienne hin , schien aber sonst ganz beschäftigt , respektvoll dem Gespräch zuzuhören , das Graf Taiß und Lanzenau leiteten . Es hatte sich sehr lange und lebhaft mit den neuen Kolonien beschäftigt , wozu Arnolds Reise die natürlichste Veranlassung gegeben . Adrienne konnte den Binnenlandsbewohnern manche kleinen Dinge aus dem Leben der Marineoffiziere erzählen , die neu und interessant waren . Aber seit Graf Taiß erzählt hatte und durch eine Notiz aus der Kreuzzeitung zu belegen wußte , daß das Kommando der Offiziere und Besatzung der » Maria « schon klimatischer Verhältnisse wegen nach einem Jahr abgelöst werden würde , seitdem war sie in Schweigen versunken , ein Schweigen , das sowohl Fanny als Magnus auffiel . » Sie scheint nicht glücklich darüber , « dachten beide . Und Magnus sah sie darauf öfters an . Die Pastorin warf , je angeregter Taiß im Gespräch wurde , um so häufiger einen Seitenblick auf den Whisttisch , der am andern Ende der Terrasse aufgerichtet war . » Wissen Sie , « sagte Taiß , » daß unser bisheriger Vertreter im Reichstag , der alte von Behren , sein Mandat wegen Altersschwächlichkeit niederlegt und daß wir an eine Neuwahl denken müssen ? « Fanny sah ihn sehr mißtrauisch an . » Sind Sie deshalb gekommen ? « Taiß nickte . » O weh , « sagte sie , » mir wird bange ! « » Vor der Politik - das kennen wir , « meinte Lanzenau , » aber vielleicht ist Taiß nur gekommen , uns zu sagen , daß er selbst das seit fünfzehn Jahren von Behren innegehabte Mandat übernimmt . « » Keineswegs , « erklärte Taiß ; » ich werde meinem bisherigen Wählerkreis nicht untreu . Schmettow will für uns kandidiren , aber es ist ein sozialdemokratischer Gegenkandidat zu fürchten , der bekannte Schneider Mülding . « » Wie schade ! « seufzte Fanny ; » ehedem erbte es sich von Periode zu Periode als Selbstverständlichkeit fort , daß Behren gewählt wurde . Nun gibt es Wühlereien , die Leute bekommen mir Raupen im Kopf , der Wirt verdient . Unser Idyll ist zerstört . So kann der Frömmste nicht im Frieden leben , wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt . « » Alle dem können Sie für Driesa , Mittelbach und Ihre Vorwerke vorbeugen , teure Frau , wenn Sie meinem Plan zustimmen . Versammeln Sie morgen Ihre Bauern , halten Sie ihnen eine Rede und sagen Sie den Leuten , daß sie unsern Kandidaten wählen sollen . Bei der blinden Verehrung , welche man Ihnen zollt , werden uns die hundertunddrei Stimmen Ihres Reiches bedingungslos zufallen . « » Ich , « rief Fanny mit blitzenden Augen , » ich sollte mich mit Politik befassen ? Niemals ! Die Rede , welche ich den Leuten halten würde , möchte ein Unikum sein und Ihnen für immer Stoff zum Lachen geben . « » Aber eine Frau muß doch Stellung nehmen zu den großen Fragen der Zeit ! « rief Taiß entgegen . » Die großen Fragen der Zeit , das sind für jede Partei nur ihre Prinzipienreitereien . « » So wollen Sie uns patriotische Ziele und ehrliche Bemühungen absprechen ? « » Keineswegs ; aber ihr alle , von welcher Farbe ihr auch sein mögt , ihr kommt mir oft vor wie Menschen , die einer Kugel nachschieben , die ohnehin schon rollt . Viel unnützer Aufwand ist dabei , « sagte Fanny . » So haben Sie gar keine politische Ueberzeugung ? So ist Ihnen die innere und äußere Entwicklung des Vaterlandes gleichgiltig ? So wollen Sie , eine Frau von hervorragender Intelligenz , teilnahmslos zusehen ? Was soll man dann von den minder Begabten , den minder Selbständigen erwarten ? Und überall sieht man doch die Frauen aus den bisherigen Grenzen hinausstreben , « sprach Graf Taiß lebhaft . » Das sind viele Fragen auf einmal , « sagte Fanny ruhig , » aber ich will sie Ihnen kurz beantworten . Ob die Kürze auch Bündigkeit ist , bleibe dahingestellt . Ich halte mich gern an den Ursprung der Dinge , um sie recht zu verstehen . Da die Natur nun einmal von Anfang an die große Teilung der Daseinsaufgaben vorgenommen und Mann und Weib je eine besondere Hälfte zugewiesen , so beuge ich mich kritik- und willenlos vor der großen Meisterin . Gewiß ist , daß im Laufe der Kulturentwicklung die Grenzen erweitert worden sind , die Wirkungs- und Ideenkreis der Frau einschlossen - er ist gewachsen mit dem des Mannes , der seinerseits , als die Frau sich mit Linnenweben und Kindertränken begnügte , auch bloß der Jagd und den primitivsten Staatsgeschäften , dem brutalsten Verteidigungskrieg oblag . Heute nimmt er an den grandiosen Formen des Weltverkehrs , des politischen Lebens , der wunderbarsten Erfindungen , der tausendfältigen Erwerbsthätigkeit als Mitwirkender oder Nutznießer oder wenigstens als kritischer Zuschauer teil . Soll das Weib ihm wie einst Gefährtin sein , so muß auch sie die Vorgänge der Zeit verstehen , wie sie ohne Zweifel damals verstehend zuhörte , wenn der Gatte vom Bärenfang , von wilder Schlacht erzählte . Die Mehranforderung verführt nun viele , die natürlichen Grenzen zu vergessen , und die Pflicht , zu begreifen , mit der Pflicht , zuzugreifen , zu verwechseln . Das heißt aber gegen ewige Gesetze sündigen . « Lanzenau nickte , er kannte Fannys Glaubensbekenntnis wohl . Die Pastorin nickte auch , dachte aber , daß Fanny nur einfach hätte sagen sollen , es stehe schon in der Bibel , und alles andere sei Teufelsversuchung . » So ordnen Sie das Weib dem Manne unter ? « fragte Magnus , in der Hoffnung , ein Ja zu hören . » Keineswegs , « sprach Fanny , ungestört an ihrem Jäckchen weiternähend ; » das ist , wenn es geschieht , eine ebenso große Lächerlichkeit , als wollte man beispielsweise sagen : Der Kaufmann ist wichtiger als der Landwirt , die Bildhauerei höher als die Musik , die Luft nötiger als Wasser . Die Verschiedenheit der Dinge gibt noch keine verschiedene Rangordnung . Jeder steht vollfähig und unentbehrlich an seinem Platz . Aber daß nur nicht die Plätze verwechselt werden ! Daraus entsteht Unheil . « Joachim , der mit wachsendem Staunen den Aeußerungen der Frau zuhörte , die er für emanzipirt gehalten , rief hier : » Aber Sie , verehrte Frau , Sie beweisen doch durch Ihr eigenes Leben , daß eine Frau ganz den Platz eines Mannes ausfüllen kann ! « Fanny , die gerade mit dem Fingerhut eine Naht auf dem Tisch glatt strich , sah auf und über den Tisch zu ihm hin . » Beweisen ? Ich ? « sagte sie . » Gott bewahre , ich will nichts beweisen . Ich lebe so , wie meine Individualität es heischt , ich erfülle meine Pflichten , zwischen denen freilich manche sind , die sonst der Hausherr trägt ; aber meine Kräfte reichen . « » Aber wenn Förster lebte , was hätten Sie dann bei minderer Beschäftigung mit dem Ueberschuß Ihrer Fähigkeiten angefangen ? « fragte Graf Taiß , der im Grunde von Fannys Ansichten entzückt war und nur für seine augenblicklichen Zwecke gern ein teilweises Zugeständnis vernommen hätte . » Ich weiß nicht . Hoffentlich wäre ich so gescheit gewesen , mir in der Armenpflege und in der Ausübung meines bißchen Maltalentes Beschäftigung zu machen . Sicherlich ist das Leben von Frauen , die mehr Leistungsfähigkeit haben , als ihre Stellung in ihrem besondern Dasein von ihnen fordert , immer ein gefahrvolles . Wenn sie durch Selbsterziehung oder durch einen liebevollen Gatten dahin geleitet werden , ihren Pflichtenkreis gesund zu erweitern , sind sie gerettet , andernfalls liefern sie einen starken Bruchteil zu den unverstandenen und somit auf abschüssigen Pfaden wandelnden Frauen . Gehen die Fähigkeiten aber sehr weit ins Männliche hinüber - die Natur liebte zu allen Zeiten solche Spielarten - so muß die Frau eben ihren Ausnahmeweg gehen . Aber glauben Sie mir , die George Elliot , die Angelika Kauffmann , George Sand , Maria Theresia , und wie die großen Frauen auf den verschiedenen Gebieten heißen , entbehrten das stille , reine Glück des Weibes . Sie hatten auch das Glück , aber es trug das Antlitz einer Sphinx , es hatte glühende , drohende Augen und ein bitteres Lächeln um den Mund . « Fanny war erregt geworden , und eine leichte Blässe lag über ihrem Gesicht . » Das rechte Glück kommt nur durch Glauben und Demut , « murmelte die Pastorin , auf Severina blickend , die mit großen Augen und gespannten Mienen zuhörte . » Auch wird jede Frau , « fuhr Fanny , zum Ausgangspunkt des Gesprächs zurückkehrend , fort , » wenn sie durch Verhältnisse gezwungen und durch Anlage befähigt ist , aus der Stille des Hauses herauszutreten , immer zuletzt irgendwo scheitern , und zwar nicht an Mangel von Verstand , sondern an Ueberschuß von Gefühl . Es kommt immer einmal eine Stunde , wo das Herz sie blind und ungerecht macht . « »