unten ein Seidel holen - willst auch eins haben ? Ja , thu mir den Gefallen , kannst mal bei mir zu Gast sein . « So saßen sie gemüthlich noch eine halbe Stunde und stießen auf treue Kameradschaft an . Aber während er auf sie einredete , versank sie in tiefe Gedanken . Grade so kam ihre außergewöhnliche Schönheit zur besten Geltung . Aber als er plötzlich sagte : » Wie edel und gut Du jetzt aussiehst ! « da lachte sie auf und es war kein schönes Lachen . - Man verabredete sich am nächsten Freitag zu treffen . Er wollte absichtlich eine so lange Zeit verstreichen lassen bis zum nächsten Wiedersehn . Der Contrakt mit dem Hamburger Wirth war wirklich abgeschlossen ; er lief auch bis zum 1. Januar ; sie hatte ihm den Contrakt vorgelesen , ihm auch gleich die Hamburger Adresse aufgeschrieben . Am 1. September sollte sie die Stelle antreten . Es war ihm ja aus verschiedenen Gründen nur zu recht . Rother konnte bis dahin die erste Oeffentlichkeit passirt haben , während sie fern blieb . Als er nach Hause wanderte , fiel ihm wieder die Unveränderlichkeit des ganzen Verhältnisses centnerschwer zu Herz . Nun , sie wollte es ja nicht anders ; bei den Umständen gegen sie war ihre zeitweilige Entfernung auch nöthig und für Rother selbst so angenehm ; auch dir Probezeit für die gegenseitige Neigung schien vernunftgemäß . Und doch ! Warum durfte er nicht offen sie an sein Herz drücken , der ganzen Erde trotzend ! Konnte er denn überhaupt sofort heirathen ? Was für verfahrene Verhältnisse , was für unheilschwangere Widersprüche ! Als er am Freitag dorthin fuhr , kaufte er unterwegs ein Rosenbouquet . Es war ihm doch immer etwas beklemmend , in diese , so ganz der westlichen Cultur entrückten Stadttheile den Zug nach dem Osten anzutreten . Um so unerfreulicher wirkte es natürlich , als die Wirthin ihm ein Billet Kathis einhändigte : » Herr Rother , leider kann ich Sie heute nicht sprechen , weil ich Nachricht bekomme , betreffs einer Stelle welche ich während der drei Wochen wahrscheinlich noch annehme . Näheres nächstens . Mit Gruß Kathi Kreutzner . « Eduard wunderte sich ein wenig , dachte sich aber nichts Arges dabei , und ließ seinen Rosenstrauß in ihrem Wasserglase stehn . Angenehm war es ihm natürlich nicht , den weiten Weg aus dem Vorstadtviertel zurückmachen zu müssen . Dabei gerieth er halb zufällig in die Nähe des Café Bammer und trank dort seine Mélange , indem er eine heitere zufriedene Miene zur Schau trug . Ziemlich spät erschien plötzlich der elegante Wirth und indem er » Herrn Professor « höflich grüßte , warf er lachend hin : » Wollen Sie die Kathi sehn ? Die sitzt im Sedan-Panorama mit dem Kerl da aus Hamburg zusammen . « » Ach was ? « machte Jener gleichmütig , aber er wurde bleich wie der Tod . Bammer fuhr fort : » Ich schlendre da ganz zufällig hinein . Und wen find ich ? Meine Kathi ! Zärtlich umschlungen sitzt sie in einer Nische mit dem da zusammen . Sie erschrak mörderlich , als sie mich sah ; wollte sich noch ihr Haar in die Stirne streichen , um sich unkenntlich zu machen . Aber ich lachte laut auf und ging an Beiden vorbei . « » Nu , was wird da sein ! « Rother ermannte sich zu vertrauensvoller Selbstüberwindung . » Das ist ja wohl ihr neuer Prinzipal . Dahinter braucht noch nichts Schlimmes zu stecken . « » Ach natürlich ! Herrgott , und wie verwüstet sie aussah ! « Der Wirth lachte laut auf und das Gespräch über , Kathi gerieth wieder ins gewöhnliche Fahrwasser . - Ihm war , als ob der Sommerabend eisigen Tod verhauche , als ob öde Finsternisse langsam herniederwuchteten . Der so unerwartet Getäuschte schlief die Nacht nicht . Gerade durch den Zweifel der Untreue erregt , waren all seine Sinne aufgestachelt und des schönen Weibes Besitz setzte ihn in brennenden Farben vor . So faßte er nun den Entschluß , der Sache auf den Grund zu gehen und sofort am andern Morgen sie zu überführen . Er fuhr dorthin . Frau Lämmers war nicht wenig erstaunt , ihn so unerwartet erscheinen zu sehn . Doch klärte er sie gleich auf . Sie gab zu , daß Kathi spät nach Hause gekommen sei . » Aha , sie hat wieder eine furchtbare Dummheit gemacht , « sagte Rother stirnrunzelnd hin . Sie war noch nicht aufgestanden . Als die Wirthin klopfte und ihr ankündigte , Rother wolle sie um jeden Preis sprechen , - - verrieth ihre antwortende Stimme Aerger und Furcht . Nach kurzem Parlamentiren wurde ausgemacht , daß er in einer halben Stunde wiederkommen solle , bis sie sich angezogen habe . Er verbrachte die Zwischenzeit in einem nebenan liegenden Budikerkeller . Die Leute dort , Arbeiter und kleine Handwerker beim Frühschoppen und Morgenimbiß , starrten ihn fragend und verwundert an , wie er einen » Bittern « nach dem Andern hinuntergoß . Er besah sich im Spiegel ; wie bleich er war ! Er fühlte Beklemmung im Herzen oder vielmehr in der Magenhöhle - man verwechselt ja so oft die innigsten Gefühle ... » Was wollen Sie denn so früh ? « fragte sie mit einer Stimme , in der zugleich Zorn und etwas wie Furcht sich mischten . Da er sie nur fest anschaute - sie hielt die Thür in der Hand - , fuhr sie höchst ungnädig fort : » Ist dies eine Zeit , Besuche zu machen ? « Er zuckte mit den Achseln und trat ruhig ein , indem er sie stets noch fest fixirte . Sie trug einen losen Schlafrock und um den bloßen Hals hatte sie ein schwarzes Tuch geschlungen . Die Haut des Halses erschien gelblich und nicht fest genug . Seltsam , daß Rothers Künstlerauge dies in einem solchen Augenblick bemerkte . Sie sah überhaupt sehr schlecht aus und hatte - » Sieh da , es ist also richtig ! « sagte Rother laut , indem er sie fest betrachtete . » Was ? « fuhr sie unwirsch auf , » hören Sie nicht auf , mich zu quälen ? « » Blaue Ränder um die Angen ! « fuhr er finster fort , » das stimmt . « » So , hab i blaue Ränder ? « Es zuckte humoristisch um ihre Lippen . » Jo , dafür kann i nix . Da müssen ' s dem lieben Gott bestellen , er soll ' s anders einrichten . « » Wie ? « machte er zurückfahrend , » wollen Sie damit sagen - « » Nun , was haben ' s denn eigentlich wieder ? « » Gestern im Sedan-Panorama , nicht wahr ? « herrschte er sie an . Sie stutzte und sagte ernst : » Ja , da war ich . Aber das konnt ' ich doch nicht abschlagen . Wissen ' s , das war mein Prinzipal . Er traf mich auf der Straße und drang so in mich - ich mußt ' mitkommen . « » So und da hast Du zärtlich umarmt mit ihm gesessen ? « Sie fuhr entrüstet auf , mit bebenden Lippen . » So , sieh einmal diese Gemeinheit ! Am Buffet hab ich mit ihm gesessen , die Buffetdame kann ' s Ihnen bezeugen , ganz offen ; und nachher kam sein Freund , der Horether Buchsing , dazu und dessen Frau . Ach , es ist empörend , diese Verleumdungen ! Als ob alle Welt nur mich zu beobachten hätte . « » So ist das wirklich .. « stammelte er unschlüssig . » I geb Ihn ' mein heiliges Ehrenwort ! « rief sie , indem sie mit der abwärts gekehrten Handfläche eine bezaubernde Bewegung machte , die ihr eigenthümlich war . Übrigens , glauben ' s auch nicht , wenn Sie wollen . I weiß was wahr ist , und das genügt mir . « » Es ist ja möglich , daß Sie wahr reden . Aber ich will mich doch von Ihnen trennen . Und darum bitt ich Sie , geben Sie mir zurück , was Sie brieflich von mir haben . « » Ich hab nichts mehr , « sagte sie störrig , indem sie sein Auge vermied . » Das haben Sie damals auch gesagt . - Ich will es , « betonte er , indem er sie stirnrunzelnd maß . Ueber ihr Gesicht ging es wie eine convulsivische Zuckung . Dann öffnete sie ihren Koffer und kramte darin : » Hier ! Da ! Nehmen Sie Alles ! Weiter nichts mehr da . Hab Alles verbrannt ! « Sie , öffnete einen Parfümeriekasten aus Alfenidesilber . Und siehe da , er fand dort einige Zeichnungen , die er vor seiner Abreise ihr hinterlassen , hingesudelte Kritzeleien , die sie aber doch sorgfältig bewahrt hatte , und einige Zeilen von seiner Hand aus früherer Zeit . Die Papiere , ganz von Parfümgeruch durchsättigt - ohne eine Wort zu sagen , nahm er Alles an sich . Sie stand dabei mit gekreuzten Armen , ohne sich zu rühren , den starren Blick auf den Kasten geheftet . » O mein Gott ! « rief er plötzlich aus . » Ahnen Sie denn gar nicht , was ich leide ? Um Sie leide ? « » Nun , was leiden ' s denn ? « fragte sie schnippisch , indem ein bitteres Lächeln ihre Lippen schürzte . » Was , ja was ! Ich habe nie so etwas gefühlt , nie . Das kennen Sie eben nicht , das ist die Liebe . Weiß Gott , wenn Sie da draußen in Lumpen auf der Straße umherirrten oder Ihr Gesicht von Pocken zerrissen würde , ich liebte Sie noch grade so . Ach ich rede so hin - das läßt sich nur fühlen ! « Sie sah starr ins Weite und war sehr blaß . Ihr Auge brannte wie von unvergossenen Thränen , mit einem trüben Glanz . » Haben Sie denn nun die Stellung ? « fragte er nach einer Pause . Sie bestätigte ihm trocken , daß sie in ein Café an der Jannowitzbrücke bis zum ersten September eintreten werde , dessen Besitzer sie schon lange bestürmt habe , zu ihm zu kommen . » Und soll ich Sie dort besuchen ? « » Wie Sie belieben , « erwiderte sie ernsthaft nach einer Pause . » Ich fordere Sie nicht dazu auf . Es kann ja doch nur Schlimmes .. « Sie wandte sich ab . Er betrachtete sie noch einmal fest und schüttelte den Kopf . » Ja ja , die blauen Ränder um die Augen , Woher kommt das ? « Sie zuckte ungeduldig die Achseln . » Die Scham verbietet .. « Unwillkürlich fiel sein Auge auf die Waschschüssel , - es lag ja noch Alles unaufgeräumt umher - die er bisher noch nicht bemerkt hatte . Da war ihm mit einmal Alles klar und mit einem gewissen » Ach so ! « nahm er Abschied . Beide nickten sehr schweigend zu . Wie hat die Natur das Weib doch übervorgetrieben . Zu wie falschen Schlüssen giebt ihr physischer Zustand Veranlassung ! Der Mann ist oft aus Unbewußtheit ungerecht . Was ist überhaupt Wahrheit ! - Wenn Jemand mit der Reinheit und Treue eines Weibes spielt , so kann man achselzuckend zweifeln . Und wenn man ein Weib der Untreue bezüchtigt , ganz ebenso . Nicht nur die Beweise sind immer strikt überzeugend , seien sie auch handgreiflich . So schoß es Rother durch den Kopf , als er heimkehrte . Er fing an , ein Lebensphilosoph zu werden - wenigstens war er auf dem rechten Weg dazu . Wie alle wahren Weisen , wenn sie Andern vorwerfen , sie ärgerten sich noch zu viel über Thorheit und Gemeinheit der Welt , bewahrte er natürlich die gleiche Nervosität nichtsdestoweniger . Ein Windstoß plötzlicher Erregung konnte das Kartenhaus seiner neuerworbenen Fassung zusammenblasen . Er wartete volle acht Tage , während welcher Zeit er mit rasenden Eifer arbeitete . Endlich ließ es ihm keine Ruhe mehr . - Das Erscheinen des Stahlstichs nach dem Bilde war immer noch von ihm verzögert worden . Dennoch schienen durch jenes unvorsichtige Versehen einzelne Abzüge in den Handel gekommen . Ihn quälte die Ungewißheit , ob Kathi von einem ihrer zahlreichen Verehrer vielleicht darüber au fait gesetzt sei . - Am achten Tage ließ es ihm keine Ruhe mehr . Er nahm ein Bad , das in der Zerstreuung ein heißes wurde , trotzdem nur kalte Bäder seinem gereizten Nervensystem nützen konnten , und setzte sich auf die Stadtbahn via Jannowitzbrücke . Als er das betreffende Lokal gefunden , zu seiner lebhaften Verwunderung von Kathi keine Spur ! Auch die Kellner wußten absolut nichts von ihr zu melden . Er eilte in umliegende Lokale - nichts , aufs nächste Polizeiamt - keine Ahnung . Er fuhr wieder zurück nach dem Café Bammer . Auch dort wußte Niemand von irgend etwas . Nur wurde erzählt , sie sei schon in Hamburg und der Kohlrausch sei überall mit ihr gesehen worden . » Einige sagen , « bemerkte der grienende Kellner , » er habe sie gleich als Frau mit ' rüber genommen . « » Als Frau ? Sie meinen , daß er sie heirathen wolle ? « Der Kellner fiel vor Erstaunen bald um . » Heirathen ? Wer heirathet denn solch communes Mensch ? « Rother biß sich auf die Lippen und erbleichte . Wenigstens ich jetzt die Wahrheit erfahren , dachte er . Wahrscheinlich ist sie setzt auf und davon . Jedenfalls muß ich die Wirthin sprechen . Er hatte ein Schnitzel heruntergeschlungen . Ein galliger Geschmack stieg ihm im Munde auf . Der zehrende Stimm erstickte ihn beinah . Es war unerträglich heiß ; sein eleganter Anzug wurde mit Staub berieselt von heftigen Windstößen , die hier und da über den Boden fegten . Hitze mit schneidendem Wind - ein Bild seiner eignen Gemüthsstimmungen ... Zu seinem Erstaunen rief die Wirthin , sobald sie seiner ansichtig wurde , mit ernstem Gesicht » Ich werde sie rufen . Bitte , treten Sie ein ! « » Wie , ist sie noch hier ? « fragte er unsicher und zögernd . » Ja gewiß . Gedulden Sie sich ein wenig , ja ? « So saß er wieder auf der alten Stelle . Auf dem Tische lagen wieder die Bücher umher , die sie mit dem Geschmack einer Salondame arrangirt hatte . Der » Trompeter von Säkkingen « , Karl Stielers Hochlandslieder , die » Lurlei « von Julius Wolff , daneben ein » Modemagazin « das stark nach Parfüm duftete . Auf der Kommode stak im Wasserglase ein Rosenstrauß : Als sein Auge darauf fiel , erkannte er den seinen , den er vor acht Tagen gebracht . Noch immer war sie hier ! Was trieb sie denn ! Ein fester rascher Schritt näherte sich . Sie trat ein , indem sie einen Korb Wäsche unter dem Arme trug . Ihre Wangen waren geröthet , ihre Stirn gerunzelt . Sie sah ihn nicht an und fragte mit einer Stimme , die sicher und barsch klingen sollte , aber vor Erregung zitterte : » Was steht zu Ihren Diensten ? « » Ich dachte , Sie hätten uns schon lange verlassen , « sagte er ruhig . » Ja , ich geh auch jetzt bald , « erwiderte sie rasch . » Am ersten . « » Und warum sind Sie denn nicht in die Stellung gegangen ? « » Warum ? Weil mir ' s nicht paßte . Weil « - Sie sah in die Luft und zuckte leicht die Achseln . » Nun , weil - ? « » Weil ich , so lange ich hier bin , lieber verhungern will , als in solcher Stellung noch mal hier auftreten - damit der Skandal wieder von vorne angeht . « » Nun gut . Ich bin einfach deswegen gekommen : Es fiel mir auf , daß Sie mir neulich sonst Alles wiedergaben , aber meine eigentlich compromittirenden Briefe nicht . Wie kommt das ? « » Ich hab ' sie nicht mehr . « » Können Sie mir das schriftlich geben ? « » Ja , das fehlte noch ! Wenn Ihnen mein Wort nicht genügt ! « Eine kleine Pause trat ein . Sie legte fortwährend ihre Wäsche zurecht , was auf ihn einen eigenen einheimelnden Reiz ausübte . » Ach , Du bist ja verrückt , « sagte er plötzlich halb ärgerlich . » So ? « gab sie resolut zur Antwort . » Wenn ich verrückt bin ( kann schon sein ) , dann sind Sie wenigstens mit mir verrückt . Das ist ein Trost . « » Sie haben selbst gesagt , daß Sie bösartig sind , « hob er wieder an . » Deswegen will ich mich eben schützen . Ich fürchte mich vor Ihnen . « » Sie - vor mir ? « - Sie lachte leise auf . » Vor mir haben Sie Ruhe ; da mögen ' s sicher sein . « Sie trat ans Fenster und sah hinaus . » O ich bin jetzt ganz ruhig . Wenn Sie nur so glücklich wären wie ich ! Bisher war ich gut , nun will ich recht schlecht werden . « » Schämen Sie sich nicht - « fuhr er auf . » O wenn Sie mich beschimpfen wollen , da laß ' ich Sie allein . Ich geh ' gleich weg . « Aber sie rührte sich nicht vom Fleck . » Ich fühle durchaus nicht das Bedürfniß dazu . - Was wird nicht wieder Alles über Sie zusammengeredet ! Sie sind schon nach Hamburg avisirt als Geliebte des ... Der hat das auch überall ausgesprengt . « Sie sah ihn gleichgültig an und zuckte wieder ungeduldig die Achseln . » Nun , wenn er das selber glaubt , ist ' s ja gut . « » Pah , das ist auch der richtige Hahurei , « brummte er in den Bart. » Was ist er ? « fragte sie aufmerksam . » O ich meine , wenn Sie den heirathen würden , könnten Sie nur gleich mit einem Andern durchgehn . « Er gab ihm hastig Feuer , als er sich eine Cigarette ansteckte . Dann sagte sie gedankenvoll : » Nun , mir soll künftig Keiner zu nahe kommen , das sag ich Ihnen . « » Welche Dummheit haben Sie doch gemacht ! « rief er aus . » Dort können Sie doch nicht bleiben . Da ist ' s ja viel zu langweilig . Und hier - welch ein Renommee haben Sie nun hier ! Ich bin ja doch der Einzige , der an Sie glaubt . « Plötzlich wandte sie sich um : » Sagen Sie , war Ihnen denn das wirklich Ernst , daß Sie mich heirathen wollten ? « » Ja , « sagte er fest . » Und ist es noch ? « » Ja , « wiederholte er bestimmt . » Nun gut denn . Ich gehe jetzt nach Hamburg . So will ich sehn , ob es mir dort gefällt . Und dann werde ich Ihnen schreiben . « » Aber seien Sie aufrichtig . « » Ja , ich werde sehr aufrichtig sein . « » Nun , und dann ? « » Ja , dann können wir uns heirathen ... Aber das sag ich Ihnen , wenn Sie mir kommen und sagen , was man über mich gesagt hat , dann krieg ' ich Sie am Cravatl . « » Oho ! Versuch das doch mal . « » Ach Du ! « Sie sah ihn schelmisch an . » Du wirst ohnehin der rechte Pantoffelheld . - Ja , machen ' s nur noch so große Augen ! Ich weiß das . « » Man sieht , wie wenig Du mich kennst , « sagte er gemessen . » Versuch ' s doch mal , mich am Kragen zu fassen , he ? Nein , zanken werd ich nicht mit Dir ; aber machst Du mir Geschichten , so schieß ich Dich einfach todt und mich nachher ... Ueberhaupt - was ich mir hier sagen lassen muß ! Hätte mir eine Andre den hundertsten Theil davon gesagt ! Und wenn Du wüßtest , wie verwöhnt ich bin ! « Er fühlte wieder das Bedürfniß , sich vor ihr ein mystisches Air zu geben . » Ja , Du mußt sehr verwöhnt sein ! « lächelte sie , » denn Du hast etwas an Dir , als ob Du auf den Köpfen der Menschen spazieren gingest . « » Ach , Du begreifst ja noch gar nicht , wer ich bin , « blähte er sich auf . » Nun , was bist denn ? « koste sie . » Sag mir ' s doch ! « Unwillkürlich fiel ihm die Sage von Merlin ein , dem die Nixe das eine bannende Wort ablocken will . » O ich meine nur so im Allgemeinen , « brummte er halblaut . » Nun muß ich aber arbeiten . Du weißt nicht , wieviel ich zu thun hab ' « , sagte sie rasch . » Jetzt laß mich allein . « » Gut denn , ich geh schon . Wann sehn wir uns also wieder , bevor Du fortgehst ? « » Am nächsten Montag um fünf Uhr . Und nun sag noch meiner Wirthin Adieu . « Er that es . » Ach sieh , ich bin größer wie Du , « lachte sie , indem sie an der Thürschwelle sich auf ihren hohen Stiefel-Hacken erhob , welche alle weiblichen Wesen der unteren Schichten für das untrüglichste Zeichen ladyliker Eleganz halten . » Noch was , Du mit Deinem Cothurn ! « Kindisch wie sie ( wie er denn unwillkürlich von diesem wundersamen neuen Umgangskreis in seiner ganzen Lebensauffassung angesteckt wurde ) , maß er mit der Hand die Höhenfläche ab , indem seine Augenbrauenhöhe mit ihrer Stirnhöhe auf gleicher Linie lag . » Schad ' t nichts . Wenn das Alles wahr ist , was für ein großer Künstlehr « ( sie sprach das Wort mit altberlinischem Accent ) » Du bist , so hätt ' st Du doch wenigstens etwas in die Breite wachsen sollen . So kommt mir ' s vor , als ob ich gar keinen ordentlichen Mann neben mir habe . « » Oho , das glaubst Du doch selber nicht ! Jeder Zoll ein Mann ! « Dabei gab er ihr einen Kuß und drückte sie an sich . » Ja , ich glaub ' s schon . Bist doch ein schneidiger Kerl , « näselte sie drollig , » wie ein Dragoner in Civil . « » Alter Puselkopp ! « Damit klopfte er sie über die Stirn und streichelte ihre Haare . Dann schüttelten sich Beide herzhaft die Hand und sie rief ihm übers Geländer nach : » Alter Puselkopp , auf frohes Wiedersehn ! « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - In gehobener Stimmung kehrte er heim und arbeitete mit zäher Entschlossenheit mehrere Tage lang ununterbrochen an seinem Bilde . Am Freitag aber hatte er sich mit dem Componisten Henry Francis Annesley , einem jüngeren Freunde , verabredet , in einer Weinkneipe zusammenzutreffen . Annesley spielte sich als ein Bewunderer von Rothers originaler Künstlerschaft auf und lauschte daher andächtig , als dieser ihm feierlich docirte , wie er ein Bild » Jesus und die Ehebrecherin « untermalt habe , wobei er tiefsinnig über das Wesen des Christenthums sich äußerte . » Wer sich rein fühlt , der werfe den ersten Stein auf sie , « dieser Spruch des Heilands , in welchem die letzten Schranken durchbrochen werden , hatte Eduard natürlich besonders imponirt . Und wie bequem läßt sich der Sinn des leicht mißzuverstehenden Spruches zurechtstutzen : » Ihr sei viel vergeben , denn sie hat viel geliebt « ! ! Nachdem sie also in erhabenen Gefühlen geschwelgt , endeten sie logisch und naturgemäß mit dem schönen Triebe , einige Maria Magdalenen zu trösten . Eine blaue Laterne , als sie ziellos über die Straße schlenderten und sich in dem übelriechenden Gehege der weiblichen Asphaltblumen fortschoben , leuchtete ihnen freundlich zur gastlichen Herberge . Das » Café Calcutta « strahlte in seiner ganzen Pracht . An den Decken der Wein-Stuben tanzten indische Bajaderen in schreiend grellen Farben und beträchtlicher . » Märchen « -Nacktheit . Vorn in der Hauptschenkstube hingen zwo herrliche Gemälde : » Nena Sahib der große Nabob « und » Lord Clive , Eroberer von Indien « . Der Wirth , eine pikante Persönlichkeit mit aufgedunsenem Gesicht , gierigen Augen , lüsternen Lippen , schnüffelnder Fuchsnase , » aber immer elejant « mit Kneifer , schwarzem Leibrock und tadelloser Blondin-Frisur - der berühmte Anekdotenerzähler Herr Strieseke , bot mit freundlichem Grinsen seine Schnupftabacksdose den Ankömmlingen dar indem er zugleich mit würdevollem Bückling den Herren die Weinstuben empfahl . Die weibliche Bedienung , welche angeblich französisch , englisch , russisch , magyarisch , chinesisch , ostafrikanisch und - indisch sprach , erschien auf der Bildfläche in bengalischer Beleuchtung und Bekleidung . Letztere etwas kärglich zugeschnitten . Doch wenn sie auch unten und oben ausreichender Gewandung entbehrten , so schien dieses Armuthszeichen doch auf ihre sonstige Ernährung nicht von Einfluß gewesen zu sein . Ihr offenbar ergiebiger Futterkorb hatte sie meist so dickgemästet , wie eine deutsche Schriftstellerin in ausgeschnittener Schriftstellertag-Tournüre . Spanische Seidenmantillen und Spitzenschleier sowie rothe Fez mit blauer Troddel auf dem Chignon sollten augenscheinlich das indische Lokalkolorit veranschaulichen . Annesley schnitt eine dämonische Grimasse , strich genialisch einen Haarbüschel in die Stirn und pflanzte sich in einer malerischen Pose auf , als wolle er eine Arie singen . Offenbar erwartete er , daß sämmtliche Weiber sofort bei seinem Anblick auf den Rücken fallen würden , mit dem schmachtenden Aufschrei : » Dieses blasse Gesicht ist mein Schicksal ! « Da jedoch nichts Aehnliches eintrat und sein pantomimisches Ballet nur mit der zarten Aufforderung belohnt wurde : » Na , Blondchen , setze Dir man ! Ist Dir unwohl ? « , warf er sich mißmuthig auf ein Kanapee , nachdem er seinen Schlapphut in die Luft geschleudert und wieder aufgefangen . » Ich werde mir ein Weib erkiesen , « meinte er großartig . - » Um Gotteswillen nicht hier ! Denken Sie doch , noch neulich der Heilgehülfe - « » Was geht das Sie an ? « Das Zukunftsgenie bäumte sich auf , in seinen heiligsten Gefühlen gekränkt . » Uebrigens pumpen Sie mir bis übermorgen 10 Mark . Ich habe mein Portemonaie vergessen . « Das Lokal duftete nach abgestandener Lüderlichkeit und Eau de mille fleurs , wie gewöhnlich . Die Schenkheben - verkommen , aber nicht zu sehr - producirten alsbald die berüchtigten Porterflaschen à 1 Mark , woran der Wirth 90 Pfennige zu verdienen beliebt . » Darf ich mir auch eins holen ? « Diese stereotype Frage hatte Eduard als ausgepichter Mann der Erfahrung mit einem abwehrenden Grunzen beantwortet . Da fiel sein Blick auf eine Jungfrau am Nebentische , die mit einem Kneifer auf der Nase , einen keck überlegenen Ausdruck im Gesicht , ihn anstierte . » Die da soll herkommen ! « - Mit einer graziösen Verengung huschte sie heran , jedoch an Henry Francis Annesleys Seite , der sie gleichgültig musterte . Nachdem sie erst Annesleys , dann Eduards Hut aufgestülpt und sich in allerlei niedlichen Koketterieen geübt hatte , eröffnete der nachlässig hintenüber lehnende Maler in schläfrigem Ton ein Wortgeplänkel . Annesley hatte sich mit der ihm eigenen nervösen Unruhe in das Nebenzimmer geflüchtet , wo er plötzlich dem üblichen Klavierspieler eine seiner Lieder-Compositionen mit Stentorstimme vortrug . Als sie nun zum Aufbruch rüsteten und Eduard in einer Auswallung ungesunder Generosität eine Mark Trinkgeld spendirte , fühlte sich Fräulein Mary - so nannte sich die Kneiferbehaftete - innig zu ihm hingezogen und bat ihn mit ihren holdesten Schmeicheltönen , eine Flasche Wein mit ihr zu trinken . Halb zog sie ihn , halb sank er hin . Annesley wünschte gute Verrichtung . Eine Collegin band Eduardo die Mary dringend auf die Seele , da diese gerade kein » Verhältniß « habe , und die zärtlichste Schwärmerei à 16 Mark ( Zwei Flaschen Gift à 6 Mark 50 Pfennige und drei Portionen Oelsardinen , welche die » gute Freundin « so gerne aß , à 1 Mark ) entwickelte sich . Was thut man nicht , um in diesen distinguirten Kreisen populär zu werden ! Als Eduard sein Portemonnaie musterte , fand er leider nur 15 Mark darin und wollte doch wenigstens 5 Mark für weitere Auslagen behalten . Also deponirte er , 10 Mark zahlend , die Uhr . Fräulein Mary erschien , nachdem er eine Viertelstunde in gräulichem Zug vor der Hausthür gewartet , mit einem wundersamen Strohhut , dessen Krempe phantastische Blumen garnirten . Seltsame Menschennatur ! Trotz seiner alles beherrschenden Liebe für Kathi wußte ihn Mary derartig durch ihre stille Gluth zu bezaubern , daß er in ihren Armen sein Liebesweh gerne vergaß . Sie erzählte ihm eilig ihr ganzes Leben ( die übliche Wahrheit und Dichtung ) und betete ihn augenscheinlich an , wie dies bei dem ersten Eindruck gegenseitiger Neigung so häufig ein freundlicher Selbstbetrug gestattet . Als sie ihm eine Rührgeschichte von ihren Augen erzählte , wie sie am Staar erblindet gewesen und dabei von dem Mitleid eines Biedermannes unterstützt worden sei , der auch in der Blindheit ihr treuer Freund blieb - da trug sie das Alles so reizend vor , daß Eduard nicht umhin