lief ihm heiß und kalt über den Rücken herab , denn er wußte nun , wer es war . Er ließ einen verschämten Blick über seine Arbeitskleider gleiten und machte sich daran , den Knoten des Lakens loszulösen , aber der hatte sich in den Nacken zurückgeschoben , so daß er ihn nicht erreichen konnte . » Komm doch so , wie du bist , « rief die Stimme , und nun sah er auch , wie ihr Oberkörper sich in der Matte emporrichtete , während ein Buch mit rot und goldenem Einband ihren Händen entglitt und zur Erde fiel . Zögernd kam er näher , indem er heimlich versuchte , die Stiefel , an denen der Schmutz des feuchten Ackers klebte , in dem Moose abzuwischen . Sie ihrerseits hatte noch im letzten Augenblicke bemerkt , daß ihre Füße mitsamt den weißen Strümpfen unter dem Kleide hervorguckten , und machte sich eilig daran , sie mit dem Tuche , das sie um die Schultern geschlungen hatte , zu verdecken . Aber sie vermochte nicht , es unter ihren Armen hervorzuzerren , und da sie keinen anderen Rat wußte , so kauerte sie sich schnell zusammen , so daß sie dasaß wie ein brütendes Hühnchen , während die Hängematte heftig hin und her schwankte . Vielleicht hatte sie die Absicht gehabt , ihm durch ihre Sicherheit und ihre frisch erlernte gesellschaftliche Bildung ein wenig zu imponieren , aber das Schicksal fügte es nun , daß sie ihn nicht minder rot und verlegen anstarren mußte als er sie . Er seinerseits bemerkte nichts von ihrer Gemütsverfassung , er fand nur , daß sie sehr schön geworden war , daß ihr Haar sich zu einem vornehmen Knoten schürzte und daß ihre Busenschleife auf einer wogenden Rundung leise zitterte . Letzteres machte ihm vollends klar , daß sie inzwischen eine Dame geworden war . Es verging eine ganze Weile , ehe eines von beiden ein Wort hervorbrachte . » Guten Tag - du , « sagte sie dann mit einem leisen Auflachen und streckte ihm ihre Rechte entgegen , denn sie merkte , daß sie die Oberhand hatte . Er schwieg und lächelte sie an . » Hilf mir ein bißchen mein Tuch hervorziehen , « fuhr sie fort . Er tat es . - » So , nun kehr dich um . « Auch damit war er einverstanden . » Nun ist ' s gut . « Sie hatte sich wieder hingelegt , das Tuch rasch über die Füße geworfen und guckte nun zwischen den Maschen der Hängematte hindurch schelmisch zu ihm empor . » Es ist wirklich ' ne Freude , daß ich wieder bei dir bin , « sagte sie , » du bist doch der Beste von allen . Hast du dich auch nach mir gebangt ? « » Nein , « erwiderte er wahrheitsgetreu . » Ach geh - du , « erwiderte sie und versuchte , sich schmollend nach der anderen Seite zu drehen , aber da die Hängematte wieder in ein heftiges Schwanken geriet , so blieb sie liegen und lachte . Er wunderte sich innerlich , daß sie so lustig war . Er hatte außer den Zwillingen noch niemanden so lachen gesehen . Und das waren Kinder . Aber dieses Lachen gab ihm die Unbefangenheit wieder , denn er fühlte instinktiv , um wieviel älter er inzwischen geworden war als sie . » Es ist dir wohl sehr gut gegangen - die ganze Zeit über ? « fragte er . » Gott sei Dank - ja , « erwiderte sie . » Mama kränkelt ein bißchen , aber das ist auch alles . « - Ein Schatten flog über ihr Angesicht , war aber im nächsten Augenblick wieder verschwunden , und dann fuhr sie plaudernd fort : » Ich bin in der Stadt gewesen - ach , du - was ich da alles durchgemacht hab ' - das muß ich dir bei Gelegenheit einmal erzählen . Tanzstunden hab ' ich genommen . Auch Verehrer hab ' ich gehabt - du kannst mir ' s glauben . Fensterpromenaden haben sie mir gemacht , anonyme Blumensträuße haben sie mir geschickt , auch Verse , selbstgemachte Verse . Ein Student war darunter , mit einem weißen Schnurrock und einer grün-weiß-roten Mütze - o , der verstand ' s ! Was der einem nicht alles zu sagen wußte - hinterher hat er sich mit der Betty Schirrmacher verlobt , einer Freundin von mir , das heißt ganz heimlich , außer mir weiß es keiner . « Paul atmete erleichert auf , denn der Student hatte schon begonnen , ihm den Kopf warm zu machen . » Und hast du dich nicht geärgert ? « fragte er . » Weshalb ? « » Daß er dir untreu wurde . « » Nein , darüber sind wir erhaben , « erwiderte sie und zuckte die Achseln . » O , du - das sind ja alles grüne Jungen im Vergleich mit dir ! « Ein heißer Schreck überlief ihn bei dem Gedanken , daß man einen Studenten einen grünen Jungen nennen konnte und noch dazu mit ihm selber verglichen . » Mein Bruder ist kein grüner Junge , « erwiderte er . » Ich kenne deinen Bruder nicht , « meinte sie mit philosophischer Ruhe , » der mag vielleicht keiner sein . - - Ja , ich bin viel , viel älter geworden , « fuhr sie fort . » Literaturstunden hab ' ich genommen - da hab ' ich viel Schönes gelernt . « Ein quälender Neid erwachte in ihm . » Heb mal das Buch auf ! « - Er tat ' s. - » Kennst du das ? « Er las auf dem roten Deckel in goldener Pressung die Worte : » Heines Buch der Lieder « und schüttelte traurig den Kopf . » Ach , dann kennst du nichts . - Was da alles drinsteht ! Du , das Buch muß ich dir leihen ! Das lies - da lernt man was draus ! Und wenn man eine Weile drin gelesen hat - dann kommt einem meistens das Weinen an . « » Ist es denn so traurig ? « fragte er und besah den roten Deckel mit beklommener Neugier . » Ja , sehr traurig , so schön und so traurig wie - wie - bloß von Liebe ist die Rede , von weiter gar nichts , und man fühlt , wie die Sehnsucht einen übermannt , wie man fliegen möchte nach dem Ganges , wo die Lotosblumen blühen und wo - « Sie stockte , dann lachte sie hell auf und meinte : » Ach , das ist zu dumm - nicht ? « » Was ? « » Was ich da schwatze . « » Nein - ich möcht ' dich mein Lebtag so reden hören . « » Ja - möchtest du ? - Ach , du - hier ist es mollig ! Ich komm ' mir so geborgen vor , wenn du dabei bist . « - Und sie streckte sich in dem Netzwerk aus , als wollte sie mit dem Kopf nach seiner Schulter hin . Ein seltsames Gefühl von Glück und Frieden überkam ihn , wie er es lange nicht gekannt hatte . » Warum schaust du fort ? « fragte sie . » Ich schaue nicht fort . « » Doch ... du mußt mich anschauen ... Das hab ' ich gern ... du hast so ernste , treue Augen - du , jetzt weiß ich auch , womit ich die Lieder da vergleichen soll ! « » Nun , womit ? « » Mit deinem Pfeifen . Das ist auch so - so - - na , du weißt schon ... Pfeifst du denn auch noch manchmal ? « » Selten ! « » Und die Flöte hast du wohl auch nicht spielen gelernt ? « » Nein . « » O pfui ! - Wenn du mich liebhast , dann tust du ' s ... Ich werde dir auch das nächste Mal eine schöne Flöte schenken ! « » Ich habe nichts , dir wieder zu schenken ! « » Doch - du schenkst mir all ' die Lieder , die du spielst . Und wenn dir recht wehe ums Herz ist ... na , lies nur in dem Buche - da steht alles . « Paul besah es von allen Seiten . » Was muß das für ein seltsames Buch sein ? « dachte er . » Und nun erzähl mir von dir ! « sagte sie . » Was tust du ? Was treibst du ? Was macht deine liebe Mama ? « Paul sah sie dankbar an . Er fühlte , daß er heute würde reden können , ganz wie ihm ums Herz war - da fuhr ' s ihm plötzlich durch den Sinn , daß die Frühstückspause längst vorüber und daß der Knecht mit den Pferden auf ihn wartete . Bis Mittag mußte er fertig sein , denn nach dem Essen sollte das Fuhrwerk mit einer Fuhre Torf , die er heimlich hatte stechen lassen , in die Stadt . » Ich muß an die Arbeit , « stammelte er . » Ach , wie schade ! Und wann bist du fertig ? « » Um Mittag . « » So lange kann ich nicht warten , sonst ängstigt sich Mama . Aber in den nächsten Tagen komm doch wieder einmal ausschauen - vielleicht findest du mich . Jetzt will ich noch eine Stunde hier liegen und dir zugucken . Es sieht prächtig aus , wenn du mit deinem schneeweißen Tuche auf und nieder schreitest und die Körner um dich her sprühen . « Er reichte ihr stumm die Hand und ging . » Das Buch werd ' ich hier liegen lassen , « rief sie ihm nach , » hol ' s dir , wenn du fertig bist ... « Der Knecht lächelte verschmitzt , als er ihn kommen sah , und Paul wagte kaum die Augen zu ihm aufzuschlagen . Jedesmal , wenn er in seiner Arbeit an der Stelle vorüberging , an der sie drüben im Walde ruhte , richtete sie sich halb auf und winkte ihm mit dem Taschentuche . Gegen zwölf Uhr wickelte sie ihre Hängematte zusammen , trat an den Waldesrand und rief durch die hohle Hand ihr Lebewohl ... Er nahm zum Dank die Mütze ab , der Knecht aber schaute nach der anderen Seite und pfiff sich eins , als wollte er nichts bemerkt haben ... Während der heutigen Mittagsmahlzeit wandte die Mutter keinen Blick von ihrem Sohne , und als sie mit ihm allein war , trat sie auf ihn zu , nahm seinen Kopf in ihre beiden Hände und sagte : » Was ist dir passiert , mein Junge ? « » Weshalb ? « fragte er verwirrt . » Dein Auge leuchtet so verfänglich . « Er lachte laut auf und lief von dannen ; als sie ihn aber beim Abendbrot noch immer anschaute - fragend und traurig zugleich - , da tat es ihm weh , daß er ihr kein Vertrauen geschenkt hatte , er ging ihr nach und gestand ihr , was ihm widerfahren war . Da flog es wie Sonnenschein über ihr vergrämtes Gesicht , und als er mit glühenden Backen verschämt von dannen schlich , schaute sie ihm feuchten Auges nach und faltete die Hände , wie um zu beten . Er saß bis gegen Mitternacht in seiner Kammer , den Kopf in die Hände gestützt . Das geheimnisvolle Buch lag auf seinen Knien , aber darin lesen konnte er nicht , denn der Vater hatte ihm verboten , abends Licht zu brennen . Er mußte warten bis zum Sonntag . Er dachte darüber nach , wie anders sie geworden war . - Hätte sie nur nicht so oft gelacht . Ihr Frohsinn entfremdete sie ihm , und das volle , blühende Leben , von dem sie sich tragen ließ , rückte sie weit , weit fort in jenes ferne Land , wo die Glücklichen wohnen . Und schien sie an Lieb ' und Güte auch die alte , sie mußte ihn ja verachten lernen , er war ja bloß ein Bauernjunge und dumm und linkisch und trübselig dazu . In seinem Kopfe wogte ein wirres Durcheinander von Glück und Scham und Selbstvorwürfen , denn er fand , daß er sich weit würdiger und weit vornehmer hätte benehmen können . - Hierin mischte sich eine rätselhafte Angst , die ihm fast die Kehle zuschnürte - wiewohl er vergebens in seiner Seele nachforschte , wem sie wohl gelten mochte . Am nächsten Vormittag sah er vom Hofe aus , auf dem er Pfähle eingrub , etwas Weißes am Waldrande sich hin und her bewegen . - Er biß die Zähne zusammen in Weh und Ingrimm , aber er brachte es nicht übers Herz , seine Arbeit zu verlassen . Noch zwei Tage lang fand das Weiße sich ein - dann blieb es verschwunden . Am Sonntagvormittag holte er sich das Liederbuch aus seinem Kasten und wanderte damit nach dem Walde - zur Mahlzeit blieb er aus - , und am Abend fanden ihn die Zwillinge , die auf der Heide Haschen spielten , pfeifend unter einem Wacholderbusch liegen , während ihm die Tränen über die Wagen liefen . So übersetzte er sich das » Buch der Lieder « in seine Sprache . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Kurze Zeit darauf hörte er , daß Frau Douglas von den Ärzten ein dauernder Aufenthalt im Süden angeordnet sei und daß Elsbeth sie begleiten werde . » Es ist ganz gut so , « sagte er sich , » dann wird sie mir nicht mehr so viel im Kopfe herumspuken . « Lange war er unschlüssig , ob er ihr das entliehene Buch wiederschicken sollte oder nicht ; er hätte es gern behalten , aber sein Gewissen ließ das nicht zu . Er wartete auf eine günstige Gelegenheit - bis er erfuhr , daß sie abgereist sei . Da gab er sich zufrieden . 9 Fünf Jahre vergingen - fünf Jahre voll Sorgen und Mühen . Paul ließ sich das Leben gar sauer werden , er schaffte von morgens früh bis in die Nacht hinein , seine fleißige Hand lag auf jeglichem Werke , und was er anfaßte , gedieh . Aber er merkte es kaum , denn allstündlich ging sein Geist sorgend in die Zukunft . Seine Stirn trug zu allen Stunden die gleichen Falten , sein Auge schaute mit dem gleichen gedankenschweren , grüblerischen Ausdruck vor sich nieder , gleichsam ins Innere hinein , und oft vergingen Tage , ohne daß er bei Tisch und bei der Arbeit ein einzig Wort gesprochen hätte . Er trug die Überzeugung , daß im Grunde sein Schaffen ein hoffnungsloses war . Auf des Vaters Dank hatte er niemals rechnen können , und er lernte leicht , ihn verschmerzen , aber was er schwerer lernte , war , sich geduldig fügen , wenn des Vaters Laune in einer Stunde zerstörte , was er mühsam durch Wochen hin aufgebaut hatte . Wenn der Vater von seinen Reisen heimkam , so geschah es nicht selten , daß er ihn vor den Ohren der Knechte einen Pinsel , einen Dummkopf schalt und sich bitter beklagte , die Wirtschaft in so unfähigen Händen zurücklassen zu müssen , wenn die Pflicht - niemand wußte , welche Pflicht dies war - ihn in die Ferne rief . Paul schwieg alsdann , denn tief in seinem Herzen ruhte das Gebot : » Du sollst Vater und Mutter ehren . - Den Vater um der Mutter willen , « so hatte er es umgemodelt - aber sein Auge glitt mit einem düster spähenden Blicke von einem der Knechte zum andern , und wen er lächeln oder in heimlicher Schadenfreude des Nachbarn Ellbogen streifen sah , den entließ er am folgenden Morgen . Einen unter den Knechten gab es , der fast die ganze Zeit über auf dem Heidehof gearbeitet hatte . Er hieß Michel Raudszus und war litauischer Herkunft . Er bewohnte auf der Heide , unweit von Helenental , eine armselige , verfallene Kate , deren Wände mit Torf belegt waren , damit sie der Sturm nicht umfegte . Er hatte ein verwahrlostes Weib , das schon zweimal im Gefängnis gesessen hatte und die Kinder zum Betteln anhielt . Er war ein schweigsamer , finsterer Gesell , der seine Arbeit musterhaft verrichtete und ohne ein Wort des Murrens von dannen ging , wenn man ihn nicht mehr brauchte , aber pünktlich zur Stelle war , wenn es von neuem Arbeit gab . Paul hatte ihn anfangs nicht leiden mögen , denn sein wortkarges , einsames Wesen und seine scheuen , düsteren Mienen hatten auf ihn einen unheimlichen Eindruck gemacht , aber dann war ' s ihm plötzlich eingefallen , daß er selber sich nicht viel anders betrüge , und seit dieser Stunde hatte er ihn in sein Herz geschlossen . Der Vater seinerseits schien einen gewissen Respekt vor ihm zu haben , denn obwohl er , wenn er betrunken war , die Knechte durchzuprügeln pflegte , hatte er ihn noch niemals angerührt . - Es war , als ob der Blick , den der Mensch unter seinen buschigen Brauen hervor ihm zuwarf , ihn im Zaume hielte . Dieser Knecht war Pauls treuester Gehilfe . Ihm konnte er selbst den Marktverkauf des Getreides anvertrauen , und stets wußte er die höchsten Preise zu erhandeln . - - - Auf dem stillen Heidehof hatte sich in diesen fünf Jahren langsam und unmerklich eine große Veränderung vollzogen . Mehr und mehr verloren sich die Spuren der Armut , seltener und seltener kehrte die Not bei Tische ein . - Im Garten zeigten sich zierliche Blumenrabatten , in langen Reihen standen die Schoten-und die Spargelstauden , und der brüchige Bretterzaun war längst durch einen neuen ersetzt worden . - Die Herde wuchs alljährlich um zwei oder drei wertvolle Kühe , und der Milchwagen , der allmorgendlich nach der Stadt fuhr , brachte am Ersten manchen schönen Groschen heim . Daß trotzdem von einem beginnenden Wohlstand keine Rede sein konnte , daran war nur der Vater schuld , der den größten Teil der Einkünfte verspekulierte , wenn er sie nicht durch die Gurgel jagte . Hinter seinem Rücken hatte Paul es möglich gemacht , daß wenigstens für die Geschwister allmonatlich ein paar Taler erübrigt wurden . Die Brüder brauchten mehr Geld denn je . Max hatte das Staatsexamen gemacht und absolvierte nun unentgeltlich sein Probejahr bei einem Gymnasium ; und Gottfried , der Kontorist , war alljährlich etliche Monate außer Stellung . Die beiden schrieben Bittbriefe in allen möglichen Tonarten , von der jovialen Forderung : » Pump mir mal sofort dreißig Taler , « bis zum herzzerreißenden Flehen : » Wenn Du nicht willst , daß ich zugrunde gehen soll , so habe Erbarmen « und so weiter . Paul verbrachte manche schlaflose Nacht über dem Sinnen , wie ihnen zu helfen , und nicht selten geschah es , daß er sich das Geld an seinem eigenen Leibe absparte . Einmal hatte ihm Gottfried geschrieben , daß er gänzlich abgeledert sei und notwendig einen Sommeranzug brauche . Paul wollte sich gerade einen Sonntagsrock machen lassen , denn sein alter war ihm ausgewachsen ; seufzend packte er das Geld , das er dafür bestimmt hatte , in ein Kuvert und schickte es dem Bruder , ließ aber in dem Begleitbriefe etwas davon einfließen , daß es mit seiner eigenen Garderobe nicht minder übel bestellt sei . Der Bruder zeigte sich großmütig , er schickte ihm vierzehn Tage später ein Paket mit Kleidern und einen Brief , in dem es hieß : » Ich schicke Dir anbei einen abgelegten Anzug von mir . Du in Deiner anspruchslosen Stellung wirst ihn wohl noch verwerten können . « Auch den Zwillingen hatte Paul eine glänzendere Zukunft ermöglicht , als die gedrückten Verhältnisse des Hauses es erwarten ließen . Er hatte dahin gewirkt , daß die Pfarrerin , eine ehemalige Gouvernante , sie in die Privatschule aufnahm , die sie für die Töchter wohlhabender Besitzersfamilien aus der Umgegend errichtet hatte . Das Schulgeld war nicht das schlimmste dabei - auch die Bücher und Hefte ließen sich wohl auftreiben - aber schwer , sehr schwer war es , die nötige Garderobe instand zu halten , denn sein Stolz litt es nicht , daß die Schwestern hinter ihren Freundinnen zurückblieben und etwa als Bettlerkinder von ihnen betrachtet würden . Er selbst hatte das Gefühl , über die Achsel angesehen zu werden , allzu sehr an sich kennen gelernt , um es den Schwestern zu gönnen . An der Mutter fand er selbst für diese weiblich gearteten Sorgen keinen Rückhalt mehr . Sie war nun durch die steten Scheltreden ihres Mannes so sehr verängstigt , daß sie nicht mehr den Mut fand , einen Fetzen Band auf eigene Verantwortung einzukaufen . » Was du tust , mein Sohn , wird gut sein , « sagte sie ; und Paul fuhr zur Stadt und ließ sich von dem Manufakturisten und der Schneiderin betrügen . Die Zwillinge blühten empor , sorglos und übermütig , ohne eine Ahnung davon , welch ein Trauerspiel sich in ihrer nächsten Nähe abspielte . In ihrem zehnten Jahre prügelten sie sich mit den Jungen des Dorfes herum , im zwölften gingen sie mit ihnen auf den Birnendiebstahl , und im fünfzehnten ließen sie sich von ihnen Veilchensträuße schenken ... Sie galten nun weit und breit als die schönsten Mädchen der Gegend . Paul wußte das wohl und war nicht wenig stolz darauf , aber was er nicht wußte , war , daß sie sich hinter dem Gartenzaune Stelldichein gaben und daß die Hälfte ihrer Konfirmationsbrüder sich rühmen durfte , ihre süßen , roten Lippen geküßt zu haben . - 10 Es war im Monat Juni an einem sonnigen Sonntagnachmittag . Aus dem Walde herüber erscholl leise Trompetenmusik . Dort wurde heut ein großes Fest gefeiert . Eine städtische Musikkapelle hatte sich anwerben lassen , ein Konzert zu geben . Von weit und breit waren die Landbewohner herbeigeströmt , selbst die Rittergutsbesitzer hatten nicht verschmäht , ihre Teilnahme zuzusagen , denn dergleichen ereignete sich nicht häufig in dem stillen Hinterwald . Von Mittag an waren lange Wagenreihen an dem Heidehof vorübergezogen , und der alte Meyhöfer , der nicht gern zu Hause saß , wenn irgendwo was los war , hatte plötzlich einen Anfall von Güte bekommen und den Weibern zugerufen , sich schleunigst bereit zu machen , er wolle sich opfern und sie zum Feste führen . Die Zwillinge , die schon lange mit begierig glänzenden Augen zum Fenster hinausgestarrt hatten , brachen in lauten Jubel aus , Frau Elsbeth lächelte still zu ihnen hinüber und wandte sich dann zu Paul , der in einer Ecke saß und ruhig an seinen Blumenstöcken weiterschnitzelte , als ob ihn das alles nichts anginge . » Willst du nicht mit ? « fragte sie . » Paul kann kutschieren , « rief Meyhöfer nachlässig . Er dankte und meinte , sein Rock sei zu schäbig , auch wolle er die Tagelöhner kontrollieren , die sich mit Sonnenuntergang einzufinden hatten . Morgen sollte die Heuernte beginnen . Die Zwillinge sahen ihn an , steckten die Köpfe zusammen und kicherten dann , als er zur Tür hinausschritt , hängten sie sich an ihn , und Käthe zischelte : » Du , wir wissen was ! « » Na , was wißt ihr denn ? « » Was Schönes ! « meinte Grete geheimnisvoll . » ' raus damit ! « » Elsbeth Douglas ist wieder zu Hause . « Und in ein helles Gelächter ausbrechend , jagten sie von dannen . Paul empfand zuerst einen großen Zorn , daß sie ihn zu verspotten wagten , dann seufzte und lächelte er und wunderte sich , daß sein Herz plötzlich so laut zu pochen begann . Eine halbe Stunde später fuhren die Seinen ab . » Komm bald nach ! « rief ihm die Mutter vom Wagen zu , und Käthe raunte ihn beim Aufsteigen ins Ohr : » Ich glaub ' , sie werden auch da sein . « Nun stand er allein auf dem verödeten Hof ... Die Mägde waren zum Melken auf die Weide gegangen , - keine lebendige Seele weit und breit . Die Enten in ihrem Tümpel hatten die Köpfe unter die Flügel gesteckt , der Kettenhund schnappte schläfrig nach Fliegen . Paul setzte sich auf den Gartenzaun und starrte nach dem Walde hinüber , an dessen Rande der Schein von hellen Kleidern hin und her flirrte , während hie und da ein helles Leuchten aufblitzte , wenn die Sonnenstrahlen sich in dem Geschirr der harrenden Fuhrwerke widerspiegelten . Der Abend kam . Noch war er unschlüssig , ob er es wagen dürfte , den Seinen nachzufolgen . Tausend Gründe fielen ihm ein , die sein Zuhausebleiben dringend notwendig machten , und als es ihm vollständig klargeworden war , daß er ins Haus gehöre und nirgends anders hin , zog er sich seinen Sonntagsrock an und ging zum Feste . Es fing an zu dunkeln , als er über die duftende Heide dahinschritt . Das Herz schnürte sich ihm zu in tiefgeheimer Angst . - Er wagte nicht nach den Gründen zu forschen , doch als er an dem Wacholderbusche vorbeischritt , unter dem er einst Elsbeth sein schönstes Lied gepfiffen , da zuckte ein Schmerz durch seine Brust , als hätte ein Stich ihn getroffen . Er hielt an und überlegte , ob er nicht lieber umkehren sollte . - - » Mein Rock ist viel zu schlecht , « sagte er sich , » ich kann mich in anständiger Gesellschaft nicht sehen lassen . « Er zog ihn aus und musterte ihn von allen Seiten . Die Nähte des Rückens zeichneten sich als graue Streifen ab , auf den Ellbogen saß ein mattsilberner Glanz , und die Kanten der Brustaufschläge wiesen sogar kleine Fransen auf . » Es geht beim besten Willen nicht , « sagte er , und dann setzte er sich unter den Wacholderbusch und träumte davon , wie flott und elegant er aussehen würde , wenn er es erst bis zu einem neuen Rocke gebracht hätte . » Aber das wird wohl noch lange dauern , « fuhr er fort , » erst müssen Max und Gottfried fest in ihren Stellungen sitzen , und Grete und Käthe müssen die Ballkleider haben , die sie sich wünschen , und Mutters Lehnstuhl muß neu gepolstert sein , « - - und je mehr er nachdachte , desto mehr Sachen fielen ihm ein , die den Vorrang hatten . Hierauf sah er sich wieder mit einem funkelnagelneuen schwarzen Anzug angetan , Lackstiefel an den Füßen , eine modische Krawatte um den Hals geschlungen , wie er mit stolz emporgehobenem Haupte in nachlässig vornehmer Haltung den Ballsaal betrat , während Elsbeth ihm hochachtungsvoll entgegenlächelte . Plötzlich fuhr er aus seinen Träumen hoch . - » Pfui , ich bin ein rechter Geck geworden , « schalt er , » was hab ' ich mit Lackstiefeln und modefarbenen Krawatten zu tun ? Und jetzt geh ' ich grade in meinem alten Rock zum Walde . - - Zudem ist es ja auch schon fast dunkel geworden , « fügte er vorsichtig hinzu . Heller schallten die Trompeten . Jubel und Gelächter drangen durch die Fichtenzweige an sein Ohr . Eine runde Waldwiese war zum Festplatz umgewandelt worden . In der Mitte erhob sich ein Podium für die Musikanten , rechts davon stand die Bude des Schankwirts aus dem Dorfe , der saures Bier und süßen Kuchen verkaufte , und auf der linken Seite war ein Tanzplatz eingezäunt , dessen Betreten zehn Pfennig extra kostete , wie man auf einer großen weißen Tafel lesen konnte . In weitem Bogen ringsum waren Tische und Bänke aufgeschlagen , wo die Familien sich an dem mitgebrachten Abendbrot gütlich taten , und mittendurch drängte sich eine jubelnde , kichernde , gaffende Menge , die nach Liebe oder Prügeln lüstern war . Das Konzert war bereits zu Ende , der Tanz hatte begonnen ; auf dem festgestampften Moose drehten die Pärchen sich keuchend und stolpernd in die Runde . Der Schein des verglühenden Abends lag auf der Lichtung , während das rings daran grenzende Waldesterrain schon im Dunkel vergraben war . Hier hausten die Knechte und die Mägde aus den umliegenden Ortschaften , selbst die Kutscher hatten ihre Fuhrwerke verlassen , da sie ' s nicht übers Herz brachten , dem Liebesspiel von ferne zuzusehen . Jeder Busch des Unterholzes schien lebendig , und aus dem Schoße der Nacht drang leises , verliebtes Gekicher . Scheu wie ein Verbrecher schlich Paul sich rings um den Festplatz . Ein Bangen vor fremden Menschen war ihm schon immer eigen gewesen , aber noch nie hatte sein Herz sich so angstvoll zusammengekrampft wie in diesem Augenblicke . » Ob Elsbeth da ist ? « - Nirgends im Getümmel war von den Bewohnern des » weißen Hauses « eine Spur , aber auch die Seinen schienen spurlos verschwunden . Einmal war es ihm , als höre er das girrende Gelächter der Zwillinge an sein Ohr schlagen , aber im nächsten Augenblick hatte der Lärm es verschlungen . Zweimal war er schon in die Runde gegangen , da plötzlich - das Herz drohte ihm stille zu stehen in Schreck und Wonne - sah er ganz nah vor sich Vater und Mutter mit der Familie Douglas in friedlichstem Beieinander an einem Tische sitzen . Der Vater hatte die Ellbogen auf den Tisch gestützt und redete hochrot vor Eifer auf Herrn Douglas ein . Der breitschultrige Riese mit dem buschigen Graubart hörte ihm schweigend zu , nickte bisweilen und lächelte