« Er schlug ihr noch allerlei andres vor , aber Lene bat , auf ihr Zimmer gehn zu dürfen , » wenn er dann komme , sei sie wieder munter . Sie sei nur angegriffen und brauche nichts , und wenn sie nur Ruhe habe , so werd es vorübergehen . « Damit verabschiedete sie sich und stieg in die mittlerweile hergerichtete Giebelstube hinauf , begleitet von der in durchaus irrigen Vermutungen befangenen Wirtin , die sofort neugierig fragte , » was es denn eigentlich sei « , und , einer Antwort unbedürftig , im selben Augenblicke fortfuhr : ja , das sei so bei jungen Frauen , das wisse sie von sich selber , und eh ihr Ältester geboren wurde ( jetzt habe sie schon vier und eigentlich fünf , aber der mittelste sei zu früh gekommen und gleich tot ) , da hätte sie ' s auch gehabt . Es flög einen so an und sei dann wie zum Sterben . Aber eine Tasse Melissentee , das heißt Klostermelisse , da fiele es gleich wieder ab und man sei mit eins wieder wie ' n Fisch im Wasser und ordentlich aufgekratzt und fidel und ganz zärtlich . » Ja , ja , gnäd ' ge Frau , wenn erst so vier um einen rumstehn , ohne daß ich den kleinen Engel mitrechne ... « Lene bezwang nur mit Müh ihre Verlegenheit und bat , um wenigstens etwas zu sagen , um etwas Melissentee , Klostermelisse , wovon sie auch schon gehört habe . Während oben in der Giebelstube dies Gespräch geführt wurde , hatte Botho Platz genommen , aber nicht innerhalb der windgeschützten Veranda , sondern an einem urwüchsigen Brettertisch , der , in Front derselben , auf vier Pfählen aufgenagelt war und einen freien Blick hatte . Hier wollt er sein Abendbrot einnehmen . Er bestellte sich denn auch ein Fischgericht , und als der » Schlei mit Dill « , wofür das Wirtshaus von alter Zeit her ein Renommee hatte , aufgetragen wurde , kam der Wirt , um zu fragen , welchen Wein der Herr Baron , er gab ihm diesen Titel auf gut Glück hin , beföhle . » Nun ich denke « , sagte Botho , » zu dem delikaten Schlei paßt am besten ein Brauneberger oder sagen wir lieber ein Rüdesheimer , und zum Zeichen , daß er gut ist , müssen Sie sich zu mir setzen und bei Ihrem eigenen Weine mein Gast sein . « Der Wirt verbeugte sich unter Lächeln und kam bald danach mit einer angestaubten Flasche zurück , während die Magd , eine hübsche Wendin in Friesrock und schwarzem Kopftuch , auf einem Tablett die Gläser brachte . » Nun lassen Sie sehn « , sagte Botho . » Die Flasche verspricht alles mögliche Gute . Zuviel Staub und Spinnweb ist allemal verdächtig , aber dieser hier ... Ah , superbe . Das ist siebziger , nicht wahr ? Und nun lassen Sie uns anstoßen , ja auf was ? Auf das Wohl von Hankels Ablage . « Der Wirt war augenscheinlich entzückt , und Botho , der wohl sah , welchen guten Eindruck er machte , fuhr deshalb in dem ihm eigenen leichten und leutseligen Tone fort : » Ich find es reizend hier , und nur eins läßt sich gegen Hankels Ablage sagen : der Name . « » Ja « , bestätigte der Wirt , » der Name , der läßt viel zu wünschen übrig und ist eigentlich ein Malheur für uns . Und doch hat es seine Richtigkeit damit , Hankels Ablage war nämlich wirklich eine Ablage , und so heißt es denn auch so . « » Gut . Aber das bringt uns nicht weiter . Warum hieß es Ablage ? Was ist Ablage ? « » Nun wir könnten auch sagen : Aus- und Einladestelle . Das ganze Stück Land hierherum « ( und er wies nach rückwärts ) » war nämlich immer ein großes Dominium und hieß unter dem Alten Fritzen und auch früher schon unter dem Soldatenkönige die Herrschaft Wusterhausen . Und es gehörten wohl an die dreißig Dörfer dazu , samt Forst und Heide . Nun sehen Sie , die dreißig Dörfer , die schafften natürlich was und brauchten was , oder was dasselbe sagen will , sie hatten Ausfuhr und Einfuhr , und für beides brauchten sie von Anfang an einen Hafen- oder Stapelplatz , und konnte nur noch zweifelhaft sein , welche Stelle man dafür wählen würde . Da wählten sie diese hier , diese Bucht wurde Hafen , Stapelplatz , Ablage für alles , was kam und ging , und weil der Fischer , der damals hier wohnte , beiläufig mein Ahnherr , Hankel hieß , so hatten wir eine Hankels Ablage . « » Schade « , sagte Botho , » daß man ' s nicht jedem so rund und nett erklären kann « , und der Wirt , der sich hierdurch ermutigt fühlen mochte , wollte fortfahren . Eh er aber beginnen konnte , hörte man einen Vogelschrei hoch oben in den Lüften , und als Botho neugierig hinaufsah , sah er , daß zwei mächtige Vögel , kaum noch erkennbar , im Halbdunkel über der Wasserfläche hinschwebten . » Waren das wilde Gänse ? « » Nein , Reiher . Die ganze Forst hierherum ist Reiher-Forst . Überhaupt ein rechter Jagdgrund , Schwarzwild und Damwild in Massen , und in dem Schilf und Rohr hier Enten , Schnepfen und Bekassinen . « » Entzückend « , sagte Botho , in dem sich der Jäger regte . » Wissen Sie , daß ich Sie beneide . Was tut schließlich der Name ? Enten , Schnepfen , Bekassinen . Es überkommt einen eine Lust , daß man ' s auch so gut haben möchte . Nur einsam muß es hier sein , zu einsam . « Der Wirt lächelte vor sich hin , und Botho , dem es nicht entging , wurde neugierig und sagte : » Sie lächeln . Aber ist es nicht so ? Seit einer halben Stunde hör ich nichts als das Wasser , das unter dem Steg hingluckst , und in diesem Augenblick oben den Reiherschrei . Das nenn ich einsam , so hübsch es ist . Und dann und wann ziehn ein paar große Spreekähne vorüber , aber alle sind einander gleich oder sehen sich wenigstens ähnlich . Und eigentlich ist jeder wie ein Gespensterschiff . Eine wahre Totenstille . « » Gewiß « , sagte der Wirt . » Aber doch alles nur , solang es dauert . « » Wie das ? « » Ja « , wiederholte der Gefragte , » solang es dauert . Sie sprechen von Einsamkeit , Herr Baron , und tagelang ist es auch wirklich einsam hier . Und es können auch Wochen werden . Aber kaum , daß das Eis bricht und das Frühjahr kommt , so kommt auch schon Besuch , und der Berliner ist da . « » Wann kommt er ? « » Unglaublich früh . Oculi , da kommen sie . Sehen Sie , Herr Baron , wenn ich , der ich doch ausgewettert bin , immer noch drin in der Stube bleibe , weil der Ostwind pustet und die Märzensonne sticht , setzt sich der Berliner schon ins Freie , legt seinen Sommerüberzieher über den Stuhl und bestellt eine Weiße . Denn sowie nur die Sonne scheint , spricht der Berliner von schönem Wetter . Ob in jedem Windzug eine Lungenentzündung oder Diphtheritis sitzt , ist ihm egal . Er spielt dann am liebsten mit Reifen , einige sind auch für Boccia , und wenn sie dann abfahren , ganz gedunsen von der Prallsonne , dann tut mir mitunter das Herz weh , denn keiner ist darunter , dem nicht wenigstens am andern Tage die Haut abschülbert . « Botho lachte . » Ja , die Berliner ! Wobei mir übrigens einfällt , Ihre Spree hierherum muß ja auch die Gegend sein , wo die Ruderer und Segler zusammenkommen und ihre Regatten haben . « » Gewiß « , sagte der Wirt . » Aber das will nicht viel sagen . Wenn ' s viele sind , dann sind es fünfzig oder vielleicht auch mal hundert . Und dann ruht es wieder und ist auf Wochen und Monate hin mit dem ganzen Wassersport vorbei . Nein , die Clubleute , das ist vergleichsweise bequem , das ist zum Aushalten . Aber wenn dann im Juni die Dampfschiffe kommen , dann ist es schlimm . Und dann bleibt es so den ganzen Sommer über oder doch eine lange , lange Weile . « » Glaub ' s « , sagte Botho . » ... Dann trifft jeden Abend ein Telegramm ein . Morgen früh neun Uhr Ankunft auf Spreedampfer » Alsen « . Tagespartie . 240 Personen . Und dann folgen die Namen derer , die ' s arrangiert haben . Einmal geht das . Aber die Länge hat die Qual . Denn wie verläuft eine solche Partie ? Bis Dunkelwerden sind sie draußen in Wald und Wiese , dann aber kommt das Abendbrot , und dann tanzen sie bis um elf . Nun werden Sie sagen , das ist nichts Großes , und wär auch nichts Großes , wenn der andre Tag ein Ruhetag wär . Aber der zweite Tag ist wie der erste , und der dritte ist wie der zweite . Jeden Abend um elf dampft ein Dampfer mit 240 Personen ab , und jeden Morgen um neun ist ein Dampfer mit ebensoviel Personen wieder da . Und inzwischen muß doch aufgeräumt und alles wieder klargemacht werden . Und so vergeht die Nacht mit Lüften , Putzen und Scheuern , und wenn die letzte Klinke wieder blank ist , ist auch das nächste Schiff schon wieder heran . Natürlich hat alles auch sein Gutes , und wenn man um Mitternacht Kasse zählt , so weiß man , wofür man sich gequält hat . Von nichts kommt nichts , sagt das Sprüchwort und hat auch ganz recht , und wenn ich all die Maibowlen auffüllen sollte , die hier schon getrunken sind , so müßt ich mir ein Heidelberger Faß anschaffen . Es bringt was ein , gewiß , und ist alles schön und gut . Aber dafür , daß man vorwärtskommt , kommt man doch auch rückwärts und bezahlt mit dem Besten , was man hat , mit Leben und Gesundheit . Denn was ist Leben ohne Schlaf ? « » Wohl , ich sehe schon « , sagte Botho , » kein Glück ist vollkommen . Aber dann kommt der Winter , und dann schlafen Sie wie sieben Dächse . « » Ja , wenn nicht gerade Silvester oder Dreikönigstag oder Fastnacht ist . Und die sind öfter , als der Kalender angibt . Da sollten Sie das Leben hier sehen , wenn sie , von zehn Dörfern her , zu Schlitten oder Schlittschuh , in dem großen Saal , den ich angebaut habe , zusammenkommen . Dann sieht man kein großstädtisch Gesicht mehr , und die Berliner lassen einen in Ruh , aber der Großknecht und die Jungemagd , die haben dann ihren Tag . Da sieht man Otterfellmützen und Manchesterjacken mit silbernen Buckelknöpfen , und allerlei Soldaten , die grad auf Urlaub sind , sind mit dabei : Schwedter Dragoner und Fürstenwalder Ulanen , oder wohl gar Potsdamer Husaren . Und alles ist eifersüchtig und streitlustig , und man weiß nicht , was ihnen lieber ist , das Tanzen oder das Krakeelen , und bei dem kleinsten Anlaß stehen die Dörfer gegeneinander und liefern sich ihre Bataillen . Und so toben und lärmen sie die ganze Nacht durch , und ganze Pfannkuchenberge verschwinden , und erst bei Morgengrauen geht es über das Stromeis oder den Schnee hin wieder nach Hause . « » Da seh ich freilich « , lachte Botho , » daß sich von Einsamkeit und Totenstille nicht gut sprechen läßt . Ein Glück nur , daß ich von dem allen nicht gewußt habe , sonst hätt ich gar nicht den Mut gehabt und wäre fortgeblieben . Und das wäre mir doch leid gewesen , einen so hübschen Fleck Erde gar nicht gesehen zu haben ... Aber Sie sagten vorhin , was ist Leben ohne Schlaf , und ich fühle , daß Sie recht haben . Ich bin müde trotz früher Stunde ; das macht , glaub ich , die Luft und das Wasser . Und dann muß ich doch auch sehn ... Ihre liebe Frau hat sich so bemüht ... Gute Nacht , Herr Wirt . Ich habe mich verplaudert . « Und damit stand er auf und ging auf das stillgewordene Haus zu . Lene , die Füße schräg auf dem herangerückten Stuhl , hatte sich aufs Bett gelegt und eine Tasse von dem Tee getrunken , den ihr die Wirtin gebracht hatte . Die Ruhe , die Wärme taten ihr wohl , der Anfall ging vorüber , und sie hätte schon nach kurzer Zeit wieder in die Veranda hinuntergehn und an dem Gespräche , das Botho mit dem Wirte führte , teilnehmen können . Aber ihr war nicht gesprächig zu Sinn , und so stand sie nur auf , um sich in dem Zimmer umzusehen , für das sie bis dahin kein Auge gehabt hatte . Und wohl verlohnte sich ' s. Die Balkenlagen und Lehmwände hatte man aus alter Zeit her fortbestehen lassen , und die geweißte Decke hing so tief herab , daß man sie mit dem Finger berühren konnte , was aber zu bessern gewesen war , das war auch wirklich gebessert worden . An Stelle der kleinen Scheiben , die man im Erdgeschoß noch sah , war hier oben ein großes , bis fast auf die Diele reichendes Fenster eingesetzt worden , das ganz so , wie der Wirt es geschildert , einen prächtigen Blick auf die gesamte Wald- und Wasserszenerie gestattete . Das große Spiegelfenster war aber nicht alles , was Neuzeit und Komfort hier getan hatten . Auch ein paar gute Bilder , mutmaßlich auf einer Auktion erstanden , hingen an den alten , überall Buckel und Blasen bildenden Lehmwänden umher , und just da , wo der vorgebaute Fenstergiebel nach hinten oder , was dasselbe sagen will , nach dem eigentlichen Zimmer zu die Dachschrägung traf , standen sich ein paar elegante Toilettentische gegenüber . Alles zeigte , daß man die Fischer- und Schifferherberge mit Geflissentlichkeit beibehalten , aber sie doch zugleich auch in ein gefälliges Gasthaus für die reichen Sportsleute vom Segler- und Ruderclub umgewandelt hatte . Lene fühlte sich angeheimelt von allem , was sie sah , und begann zunächst die rechts und links in breiter Umrahmung über den Bettständen hängenden Bilder zu betrachten . Es waren Stiche , die sie , dem Gegenstande nach , lebhaft interessierten , und so wollte sie gerne wissen , was es mit den Unterschriften auf sich habe . » Washington crossing the Delaware « stand unter dem einen , » The last hour at Trafalgar « unter dem andern . Aber sie kam über ein bloßes Silbenentziffern nicht hinaus , und das gab ihr , so klein die Sache war , einen Stich ins Herz , weil sie sich der Kluft dabei bewußt wurde , die sie von Botho trennte . Der spöttelte freilich über Wissen und Bildung , aber sie war klug genug , um zu fühlen , was von diesem Spotte zu halten war . Dicht neben der Eingangstür , über einem Rokokotisch , auf dem rote Gläser und eine Wasserkaraffe standen , hing noch eine buntfarbige , mit einer dreisprachigen Unterschrift versehene Lithographie : » Si jeunesse savait « - ein Bild , das sie sich entsann in der Dörrschen Wohnung gesehen zu haben . Dörr liebte dergleichen . Als sie ' s hier wiedersah , fuhr sie verstimmt zusammen . Ihre feine Sinnlichkeit fühlte sich von dem Lüsternen in dem Bilde wie von einer Verzerrung ihres eigenen Gefühls beleidigt , und so ging sie denn , den Eindruck wieder loszuwerden , bis an das Giebelfenster und öffnete beide Flügel , um die Nachtluft einzulassen . Ach , wie sie das erquickte ! Dabei setzte sie sich auf das Fensterbrett , das nur zwei Handbreit über der Diele war , schlang ihren linken Arm um das Kreuzholz und horchte nach der nicht allzu entfernten Veranda hinüber . Aber sie vernahm nichts . Eine tiefe Stille herrschte , nur in der alten Ulme ging ein Wehen und Rauschen , und alles , was eben noch von Verstimmung in ihrer Seele geruht haben mochte , das schwand jetzt hin , als sie den Blick immer eindringlicher und immer entzückter auf das vor ihr ausgebreitete Bild richtete . Das Wasser flutete leise , der Wald und die Wiese lagen im abendlichen Dämmer , und der Mond , der eben wieder seinen ersten Sichelstreifen zeigte , warf einen Lichtschein über den Strom und ließ das Zittern seiner kleinen Wellen erkennen . » Wie schön « , sagte Lene hochaufatmend . » Und ich bin doch glücklich « , setzte sie hinzu . Sie mochte sich nicht trennen von dem Bilde . Zuletzt aber erhob sie sich , schob einen Stuhl vor den Spiegel und begann ihr schönes Haar zu lösen und wieder einzuflechten . Als sie noch damit beschäftigt war , kam Botho . » Lene , noch auf ! Ich dachte , daß ich dich mit einem Kusse wecken müßte . « » Dazu kommst du zu früh , so spät du kommst . « Und sie stand auf und ging ihm entgegen . » Mein einziger Botho . Wie lange du bleibst ... « » Und das Fieber ? Und der Anfall ? « » Ist vorüber , und ich bin wieder munter , seit einer halben Stunde schon . Und ebensolange hab ich dich erwartet . « Und sie zog ihn mit sich fort an das noch offenstehende Fenster : » Sieh nur . Ein armes Menschenherz , soll ihm keine Sehnsucht kommen bei solchem Anblick ? « Und sie schmiegte sich an ihn und blickte , während sie die Augen schloß , mit einem Ausdruck höchsten Glückes zu ihm auf . Dreizehntes Kapitel Beide waren früh auf , und die Sonne kämpfte noch mit dem Morgennebel , als sie schon die Stiege herabkamen , um unten ihr Frühstück zu nehmen . Ein leiser Wind ging , eine Frühbrise , die die Schiffer nicht gern ungenutzt lassen , und so glitt denn auch , als unser junges Paar eben ins Freie trat , eine ganze Flottille von Spreekähnen an ihnen vorüber . Lene war noch in ihrem Morgenanzuge . Sie nahm Bothos Arm und schlenderte mit ihm am Ufer entlang an einer Stelle hin , die hoch in Schilf und Binsen stand . Er sah sie zärtlich an . » Lene , du siehst ja aus , wie ich dich noch gar nicht gesehen habe . Ja , wie sag ich nur ? Ich finde kein anderes Wort , du siehst so glücklich aus . « Und so war es . Ja , sie war glücklich , ganz glücklich und sah die Welt in einem rosigen Lichte . Sie hatte den besten , den liebsten Mann am Arm und genoß eine kostbare Stunde . War das nicht genug ? Und wenn diese Stunde die letzte war , nun , so war sie die letzte . War es nicht schon ein Vorzug , einen solchen Tag durchleben zu können ? Und wenn auch nur einmal , ein einzig Mal . So schwanden ihr alle Betrachtungen von Leid und Sorge , die sonst wohl , ihr selbst zum Trotz , ihre Seele bedrückten , und alles , was sie fühlte , war Stolz , Freude , Dank . Aber sie sagte nichts , sie war abergläubisch und wollte das Glück nicht bereden , und nur an einem leisen Zittern ihres Arms gewahrte Botho , wie das Wort » Ich glaube , du bist glücklich , Lene « ihr das innerste Herz getroffen hatte . Der Wirt kam und erkundigte sich artig , wenn auch mit einem Anfluge von Verlegenheit , nach ihrer Nachtruhe . » Vorzüglich « , sagte Botho . » Der Melissentee , den Ihre liebe Frau verordnet , hat wahre Wunder getan , und die Mondsichel , die uns gerade ins Fenster schien , und die Nachtigallen , die leise schlugen , so leise , daß man sie nur eben noch hören konnte , ja wer wollte da nicht schlafen wie im Paradiese ? Hoffentlich wird sich kein Spreedampfer mit 240 Gästen für heute nachmittag angemeldet haben . Das wäre dann freilich die Vertreibung aus dem Paradiese . Sie lächeln und denken Wer weiß ? , und vielleicht hab ich mit meinen Worten den Teufel schon an die Wand gemalt . Aber noch ist er nicht da , noch seh ich keinen Schlot und keine Rauchfahne , noch ist die Spree rein , und wenn auch ganz Berlin schon unterwegs wäre , das Frühstück wenigstens können wir noch in Ruhe nehmen . Nicht wahr ? Aber wo ? « » Die Herrschaften haben zu befehlen . « » Nun , dann denk ich unter der Ulme . Die Halle , so schön sie ist , ist doch nur gut , wenn draußen die Sonne brennt . Und sie brennt noch nicht und hat noch drüben am Walde mit dem Nebel zu tun . « Der Wirt ging , das Frühstück anzuordnen , das junge Paar aber setzte seinen Spaziergang fort , bis nach einer diesseitigen Landzunge hin , von der aus sie die roten Dächer eines Nachbardorfes und rechts daneben den spitzen Kirchturm von Königs Wusterhausen erkennen konnten . Am Rande der Landzunge lag ein angetriebener Weidenstamm . Auf diesen setzten sie sich und sahen von ihm aus zwei Fischersleuten zu , Mann und Frau , die das umstehende Rohr schnitten und die großen Bündel in ihren Prahm warfen . Es war ein hübsches Bild , an dem sie sich erfreuten , und als sie nach einer Weile wieder zurück waren , wurde das Frühstück eben aufgetragen , mehr ein englisches als ein deutsches : Kaffee und Tee , samt Eiern und Fleisch und in einem silbernen Ständer sogar Schnittchen von geröstetem Weißbrot . » Ah , schau , Lene . Hier müssen wir öfter unser Frühstück nehmen . Was meinst du ? Himmlisch . Und sieh nur da drüben auf der Werft , da kalfatern sie schon wieder , und geht ordentlich im Takt . Wahrhaftig , solch Arbeits-Taktschlag ist doch eigentlich die schönste Musik . « Lene nickte , war aber nur halb dabei , denn ihr Interesse galt auch heute wieder dem Wassersteg , freilich nicht den angekettelten Booten , die gestern ihre Passion geweckt hatten , wohl aber einer hübschen Magd , die mitten auf dem Brettergange neben ihrem Küchen- und Kupfergeschirr kniete . Mit einer herzlichen Arbeitslust , die sich in jeder Bewegung ihrer Arme ausdrückte , scheuerte sie die Kannen , Kessel und Kasserollen , und immer wenn sie fertig war , ließ sie das plätschernde Wasser das blankgescheuerte Stück umspülen . Dann hob sie ' s in die Höh , ließ es einen Augenblick in der Sonne blitzen und tat es in einen nebenstehenden Korb . Lene war wie benommen von dem Bild . » Sieh nur « , und sie wies auf die hübsche Person , die sich , so schien es , in ihrer Arbeit gar nicht genugtun konnte . » Weißt du , Botho , das ist kein Zufall , daß sie da kniet , sie kniet da für mich , und ich fühle deutlich , daß es mir ein Zeichen ist und eine Fügung . « » Aber was ist dir nur , Lene ? Du veränderst dich ja , du bist ja mit einem Male ganz blaß geworden . « » O nichts . « » Nichts ? Und hast doch einen Flimmer im Auge , wie wenn dir das Weinen näher wäre als das Lachen . Du wirst doch schon Kupfergeschirr gesehen haben und auch eine Köchin , die ' s blank scheuert . Es ist ja fast , als ob du das Mädchen beneidetest , daß sie da kniet und arbeitet wie für drei . « Das Erscheinen des Wirts unterbrach hier das Gespräch , und Lene gewann ihre ruhige Haltung und bald auch ihren Frohmut wieder . Dann aber ging sie hinauf , um sich umzukleiden . Als sie wiederkam , fand sie , daß inzwischen ein vom Wirt aufgestelltes Programm von Botho bedingungslos angenommen war : ein Segelboot sollte das junge Paar nach dem nächsten Dorfe , dem reizend an der Wendischen Spree gelegenen Nieder-Löhme , bringen , von welchem Dorf aus sie den Weg bis Königs Wusterhausen zu Fuß machen , daselbst Park und Schloß besuchen und dann auf demselben Wege zurückkommen wollten . Es war eine Halbtagspartie . Über den Nachmittag ließ sich dann weiter verfügen . Lene war es zufrieden , und schon wurden ein paar Decken in das rasch instand gesetzte Boot getragen , als man vom Garten her Stimmen und herzliches Lachen hörte , was auf Besuch zu deuten und eine Störung ihrer Einsamkeit in Aussicht zu stellen schien . » Ah , Segler und Ruderclubleute « , sagte Botho . » Gott sei Dank , daß wir ihnen entgehen , Lene . Laß uns eilen . « Und beide brachen auf , um so rasch wie möglich ins Boot zu kommen . Aber ehe sie noch den Wassersteg erreichen konnten , sahen sie sich bereits umstellt und eingefangen . Es waren Kameraden , und noch dazu die intimsten : Pitt , Serge , Balafré . Alle drei mit ihren Damen . » Ah , les beaux esprits se rencontrent « , sagte Balafré voll übermütiger Laune , die jedoch rasch einer gesetzteren Haltung wich , als er wahrnahm , daß er von der Hausschwelle her , auf der Wirt und Wirtin standen , beobachtet wurde . » Welche glückliche Begegnung an dieser Stelle . Gestatten Sie mir , Gaston , Ihnen unsere Damen vorstellen zu dürfen : Königin Isabeau , Fräulein Johanna , Fräulein Margot . « Botho sah , welche Parole heute galt , und sich rasch hineinfindend , entgegnete er , nunmehr auch seinerseits vorstellend , mit leichter Handbewegung auf Lene : » Mademoiselle Agnes Sorel . « Alle drei Herren verneigten sich artig , ja dem Anscheine nach sogar respektvoll , während die beiden Töchter Thibaut d ' Arcs einen überaus kurzen Knicks machten und der um wenigstens fünfzehn Jahre älteren Königin Isabeau eine freundlichere Begrüßung der ihnen unbekannten und sichtlich unbequemen Agnes Sorel überließen . Das Ganze war eine Störung , vielleicht sogar eine geplante , je mehr dies aber zutreffen mochte , desto mehr gebot es sich , gute Miene zum bösen Spiel zu machen . Und dies gelang Botho vollkommen . Er stellte Fragen über Fragen und erfuhr bei der Gelegenheit , daß man , zu früher Stunde schon , mit einem der kleineren Spreedampfer bis Schmöckwitz und von dort aus mit einem Segelboote bis Zeuthen gefahren sei . Von Zeuthen aus habe man den Weg zu Fuß gemacht , keine zwanzig Minuten ; es sei reizend gewesen : alte Bäume , Wiesen und rote Dächer . Während der gesamte neue Zuzug , besonders aber die wohlarrondierte Königin Isabeau , die sich beinah mehr noch durch Sprechfähigkeit als durch Abrundung auszeichnete , diese Mitteilungen machte , hatte man , zwanglos promenierend , die Veranda erreicht , wo man an einem der langen Tische Platz nahm . » Allerliebst « , sagte Serge . » Weit , frei und offen und doch so verschwiegen . Und die Wiese drüben wie geschaffen für eine Mondscheinpromenade . « » Ja « , setzte Balafré hinzu , » Mondscheinpromenade . Hübsch , sehr hübsch . Aber wir haben erst zehn Uhr früh , macht bis zur Mondscheinpromenade runde zwölf Stunden , die doch untergebracht sein wollen . Ich proponiere Wasserkorso . « » Nein « , sagte Isabeau , » Wasserkorso geht nicht , davon haben wir heute schon über und über gehabt . Erst Dampfschiff , dann Boot und nun wieder Boot , das ist zuviel . Ich bin dagegen . Überhaupt , ich begreife nicht , was dies ewige Pätscheln soll ; dann fehlt bloß noch , daß wir angeln oder die Ykleis mit der Hand greifen und uns über die kleinen Biester freuen . Nein , gepätschelt wird heute nicht mehr . Darum muß ich sehr bitten . « Die Herren , an die sich diese Worte richteten , amüsierten sich ersichtlich über die Dezidiertheit der Königinmutter und machten sofort andre Vorschläge , deren Schicksal aber dasselbe war . Isabeau verwarf alles und bat , als man schließlich ihr Gebaren halb in Scherz und halb in Ernst zu mißbilligen anfing , einfach um Ruhe . » Meine Herren « , sagte sie , » Geduld . Ich bitte , mir wenigstens einen Augenblick das Wort zu gönnen . « Ironischer Beifall antwortete , denn nur sie hatte bis dahin gesprochen . Aber unbekümmert darum fuhr sie fort : » Meine Herren , ich bitte Sie , lehren Sie mich die Herrens kennen . Was heißt Landpartie ? Landpartie heißt frühstücken und ein Jeu machen . Hab ich recht ? « » Isabeau hat immer recht « , lachte Balafré und gab ihr einen Schlag auf die Schulter . » Wir machen ein Jeu . Der Platz hier ist kapital ; ich glaube beinah , jeder muß hier gewinnen . Und die Damen promenieren derweilen oder machen vielleicht ein Vormittagsschläfchen . Das soll das gesundeste sein , und anderthalb Stunden wird ja wohl ausreichen . Und um zwölf Uhr Reunion . Menu nach dem Ermessen unserer Königin . Ja , Königin , das Leben ist doch schön . Zwar aus Don