Nimm mich mit ... Geh nicht allein ... ich seh dich nie mehr , wenn du allein weggehst ... Sie lassen dich nie mehr zu mir ... Nie mehr ! « Ihr Schreien endete in nicht unterscheidbaren Lauten , in einem heiseren Husten . Pavel stöhnte ; der Hilferuf der Kleinen schnitt ihm ins Herz , und doch blieb er unbefangen genug , um zu denken : Was sie verlangt , ist unmöglich , was sie sich zutraut , geht weit über ihre Kräfte . Sie schwieg endlich - gewiß vor Erschöpfung . Pavel konnte sie nicht sehen - drei- und vierfach waren allmählich die Reihen geworden , welche die Klosterfrauen zwischen ihr und ihm bildeten . Statt der überangestrengten Stimme seiner Schwester vernahm der Bursche eine reine , glockenhelle , die ermahnte , zusprach , gleichmäßig , eindringlich und immer leiser ... Pavel hielt den Atem an und horchte-die Kleine blieb ruhig . - Nur aufseufzen hörte er sie manchmal aus tiefster , schmerzzerrissener Brust , und scheinen wollte ihm , als nenne sie dabei seinen Namen . Und er hielt sich nicht länger , er stürzte vor , den Kreis zu durchbrechen , der ihm den Anblick seiner Schwester entzog . Er hatte Widerstand erwartet und fand keinen ; wie auf ein gegebenes Zeichen wichen die Klosterfrauen zu beiden Seiten aus , und er sah Milada vor sich stehen , an der Hand der Oberin , bleich , zitternd , das Köpfchen wieder schief geneigt , die rotgeweinten Augen gesenkt - die um ihn rotgeweinten Augen ! ... Eine fast unüberwindliche Lust ergriff ihn , sie in seine Arme zu nehmen und mit ihr zu entfliehen . Die Tür war offen , ein paar Sätze , und er hätte das Freie erreicht , und einmal draußen , sollten sie ihm nur nachlaufen , die Klosterfrauen ! ... Aber dann ? Wohin führst du das Kind ? fuhr es ihm durch den Kopf , und die Antwort lautete : Ins Elend ! und er überwand die rasch und heiß auflodernde Versuchung . » Tritt näher « , sprach die Oberin , » sage deiner Schwester Lebewohl . « Er folgte dem Geheiß und setzte aus eigener Machtvollkommenheit hinzu : » Am nächsten Sonntag komm ich wieder . « Die Kleine brach von neuem in Tränen aus und flüsterte , ohne aufzublicken : » Darf er ? « » Das kann ich nicht im voraus sagen « , erwiderte die Ehrwürdige : » es hängt ja nicht von mir ab , sondern von dir , von deiner Aufführung . Dein Bruder darf immer kommen , wenn du gut , gehorsam und « - sie legte besonderes Gewicht auf diese Worte - » nicht ungeduldig bist . « » So schau ! « rief Pavel fröhlich aus . Die Bedingnis , an welche sein Wiedersehen mit der Schwester geknüpft worden , enthielt für ihn die trostreiche Verheißung . Er begriff nicht , warum Milada traurig und ungläubig den Kopf schüttelte , als er , sie küssend und umarmend , versprach , sich in acht Tagen gewiß wiedereinzufinden . Und als die Kleine hinweggeführt worden , und als er , dem Befehl der Pförtnerin gehorchend , die Halle verlassen hatte und nun draußen stand auf dem Platz vor dem Kloster , lachte er vor sich hin . Er lachte über das törichte Kind , das die Trennung von ihm jahrelang guten Mutes ertragen und das sich nun , da es einen Abschied für eine Woche galt , so bitter grämte . Die arme Kleine , wie liebte sie ihn ! Wann hätte er sich ' s träumen lassen , daß sie ihn so sehr liebe ! - Alles wäre sie bereit gewesen um ihn aufzugeben , das schöne Haus , in dem sie wohnte , ihre guten Kleider , das gute Essen ... ja sogar die sichere Aussicht auf das Himmelreich ... Das will er ihr lohnen , er weiß schon wie ; er wird sich ihrer Liebe würdig machen . Wonniger Stolz , die herrlichste Zuversicht erfüllten ihn ; etwas Köstliches , Unbegreifliches schwellte sein Herz . Er gab sich keine Rechenschaft davon , er hätte es nicht zu nennen gewußt , es war ihm ja so neu , so fremd , es war ja - Glück . Unter dem Einfluß des Wunders , das sich in ihm vollzog , meinte er auch von außen kommende Wunder erwarten zu müssen . Und wie er so langsam dahinschritt , gestaltete sich aus seinen wehenden Träumen immer deutlicher die Überzeugung , daß er einer großen Veränderung seines Schicksals entgegengehe , dem geheimnisvollen Anfang zu einem schöneren , besseren Leben . Eine Stunde wanderte er bereits und hatte kaum den vierten Teil des Weges zurückgelegt , da überholte ihn ein Bote , der gleichfalls aus der Stadt kam und nach dem Dorfe ging ; ein alter Bekannter , der Nachtwächter Wendelin Much . Der Mann wurde jeden Sonntag am frühen Morgen von der Baronin nach dem Kloster geschickt . Er überbrachte das Taschengeld für Milada , einen Brief für die Oberin und Geschenke für ihre Armen und hatte den Wochenbericht über den Schützling der gnädigen Frau in Empfang zu nehmen . Demjenigen , den die Ehrwürdige heute sandte , waren in Eile folgende Zeilen hinzugefügt worden : » - Die Zusammenkunft der beiden Kinder hat den erwarteten Erfolg nicht gehabt . Dieselbe gab vielmehr dem Tropfen Vagabundenblut , der leider in den Adern unseres Lieblings rollt , Gelegenheit , sich wieder zu regen . Wir fürchten , es werde langer Zeit bedürfen , bevor es uns gelingt , den üblen Eindruck , den dieses erste und , wenn Frau Baronin unseren Rat befolgen , auch letzte Wiedersehen der Geschwister auf Maria hervorgebracht hat , zu verwischen . « 8 Als Pavel am späten Nachmittag heimkehrte , sah er schon am Beginn der Dorfstraße die Virgilova wie auf der Lauer stehen . Sie rief ihn von weitem an und begrüßte ihn voll Freundlichkeit und fragte teilnehmend nach seinen Erlebnissen . Er gab einsilbige Antwort , schielte mißtrauisch nach der Alten und dachte : Was will sie mir antun , die Hexe ? Seine Ungewißheit über ihre Absichten dauerte nicht lange , die Hartnäckigkeit , mit der sie sich an seine Fersen heftete , ihre eifrig und ängstlich wiederholten Ermahnungen : » Wart doch ! ... Renn nicht so ! « führten ihn auf die rechte Spur : Von der Hütte wollte die Alte ihn fernhalten , in der Hütte ging etwas vor , dessen Zeuge er nicht sein sollte ... Den Verdacht kaum gefaßt , und sofort versetzte er sich in Trab , war bald an Ort und Stelle , stieß heftig die Tür auf und sprang in den Flur . Sein erster Blick richtete sich nach der Stube . Dort saß Vinska auf dem Bette , schön und nett angetan , hielt die Hände vor dem Gesicht und schluchzte . Vor ihr stand der Peter mit einer wahren Armensündermiene , war feuerrot und hatte sein Hütlein , das drei Pfauenfedern schmückten , weit zurück ins Genick geschoben . Als Pavel auf der Schwelle erschien , erhob Vinska sich rasch : » Bist wieder da ? was willst ? was suchst ? « rief sie . Er blickte finster und grimmig die Federn auf Peters Hütlein an und fragte : » Hast ihm die geschenkt ? « Eines Atemzugs Dauer war Vinska verwirrt , der Bürgermeisterssohn aber warf sich in die Brust . » Was untersteht sich der Hund ? - Geht ' s dich an ? « sprach er . » Troll dich ! « Pavel spreizte die Beine aus und stemmte sie auf den Boden , als ob er an ihn anwachsen wolle . » Für dich hab ich die Federn nicht gestohlen . Sie gehören der Vinska . Gib sie der Vinska zurück ! « Peter wandte den Kopf , ohne ihn zu erheben , brüllte ein langgedehntes drohendes » Du ! « und holte mit der Faust gegen Pavel aus . Im selben Augenblick glitt Vinska ihm in den Arm und lehnte sich an ihn mit der ganzen Wucht ihrer kräftig zierlichen Gestalt . Sie trocknete an seiner Schulter eine Träne ab , die ihr noch auf der Wange stand . » Tu ihm nichts , er weiß ja nichts « , sprach sie , » er ist so dumm ! « » Wer ? « stieß Pavel hervor , und kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn . » Der fragt ! « antwortete das Mädchen , » und jetzt hör an und merk dir : Was mir gehört , gehört auch dem « - sie tippte mit dem Finger auf Peters Brust - , » ich brauch es ihm nicht erst zu schenken , weil ich selbst ihm gehöre mit Haut und Haar . Und solange er mich behalten will , ist ' s recht , und wenn er mich einmal nicht mehr will , geh ich in den Brunnen . « Der Bürgermeisterssohn wiederholte sein früheres » Du ! « aber diesmal richtete es sich an die Geliebte . Seine Drohung schloß einen zärtlichen Vorwurf ein , und so stämmig und selbstbewußt er dastand , und so hilflos und voll Hingebung sie an ihm lehnte , die Stärkere - schien sie . » Greine nur , ich weiß doch , daß ich in den Brunnen muß « , sprach sie seufzend ; » heiraten kann ja mein Liebster mich armes Mädel nicht . « » Heiraten , der- dich ? « Pavel brach in ein plumpes Gelächter aus . » Heiraten ? ... Das hast dir gedacht ? « » Nie - « entgegnete Vinska schwermütig . » Ich hab mir nie etwas anderes gedacht als : Er ist halt mein erster Schatz , ich werd schon loskommen von ihm , kommen ja so viele los von ihrem ersten Schatz ... Jetzt aber merk ich - ich kann ' s nicht , und wenn ' s heute heißt : der Peter gehorcht dem Vater und heiratet die reiche Miloslava , sag ich kein Wort und geh nur in den Brunnen . « » Mädel ! Mädel ! « schrie Peter , stampfte mit dem Fuße , faßte ihr rundes Köpfchen mit seinen beiden Händen und drückte einen leidenschaftlichen Kuß auf ihren Mund . Pavel stürzte aus der Hütte . Draußen schüttelte er sich , als ob er in einen Bremsenschwarm geraten wäre und das giftige Getier , das ihn von allen Seiten anfiel , loszuwerden suche . Dann begann er , so müde er war , ein rastloses Wandern durch das Dorf . Daß die Vinska , trotz des Versprechens , das er ihr abgerungen , die Geliebte Peters geblieben war , daran - suchte er sich einzureden - lag ihm nichts mehr . Aber daß sie , die Tochter des Trunkenbolds Virgil und seines verachteten Weibes , es darauf abgesehen hatte , die Frau des Bürgermeistersohnes zu werden , das erschien ihm unverzeihlich und frevelhaft ; dafür konnte die Strafe nicht ausbleiben und dafür mußte die Vinska am Ende wirklich in den Brunnen . Bei dem Gedanken ergriff ihn ein schneidendes , unerträgliches Weh und zugleich eine wütende Lust , den anderen etwas mitzuteilen von seiner Pein . Die Dunkelheit war hereingebrochen , tiefe Ruhe herrschte , und ihr Frieden empörte den Friedlosen , der umherirrte , grollend , mit kochendem Blut . Er hatte das Bereich der Häuslerhütten verlassen , er schritt am hoch eingeplankten Wirtsgarten dahin , dem gegenüber das Haus des Bürgermeisters sich erhob . Die Tür desselben wurde eben geöffnet , zwei Männer traten heraus , Pavel erkannte sie an ihren Stimmen , als sie jetzt über die Straße herüberkamen : es waren die zwei ältesten Geschworenen . » Steht schlecht mit ihm , wird ' s nicht mehr lang machen was meinst ? « sagte der eine . » Kaum mehr lang « , erwiderte der andere . Wer ? - Um Gottes willen , wer wird ' s nicht mehr lang machen ? ... Der Bürgermeister ... Pavel besann sich plötzlich , daß er dem Manne jüngst begegnet war und ihn erst nicht erkannt hatte , weil er so verändert ausgesehen ... Der Bürgermeister ist krank und wird sterben , und dann ist Peter sein eigener Herr und kann die Vinska heimführen ... wenn er will ... Die Bauern schritten dem Wirtshaus zu , Pavel folgte ihnen , ihren Reden lauschend , aber nicht fähig , eine Silbe zu unterscheiden . Ein heftiges Hämmern und Brausen in seinem Kopf übertönte den von außen kommenden Schall . Der Gedanke , der ihn einen Augenblick rasend gemacht , hatte seine Schrecken verloren vor einem anderen , nicht minder peinlichen , aber viel ungeheuerlicheren , weil er das Unmögliche als möglich erscheinen ließ und ihm die Gehaßte , die Geliebte zeigte vor dem Altar , im Brautkranz , der ihr nicht mehr gebührte . Ein unleidlicher Schmerz ergriff ihn , und dem tobenden Kampf in seiner Seele entstieg der zornige Wunsch : Wenn sie doch lieber in den Brunnen müßte ! Den vor ihm langsam herschreitenden Männern schlossen sich andere an , die Gruppe blieb eine Weile im schleppenden , wortkargen Gespräch vor der offenen Wirtshaustür stehen und trat dann in die Gaststube . Pavel schlich nach bis in den Flur , weiter wagte er sich nicht . Das Zimmer war überfüllt , doch gab es heute weder Tanz noch Musik ; man spielte Karten , man rauchte , man trank , man zankte . Einige Bursche traktierten ihre Mädchen mit Braten und Wein . An einem Tisch saß Arnost zwischen der Magd und dem Knecht des Herrn Postmeisters bei einem Glase Bier , aus dem die drei abwechselnd tranken . Der schmächtige Häuslerssohn hatte sich in der letzten Zeit tüchtig herausgemacht , sah wohlgenährt aus , war ordentlich gekleidet , befand sich sogar im Besitz einer Tabakspfeife . Vor einem Jahre hatte er das Glück gehabt , seinen liederlichen Vater zu verlieren , seitdem ging es ihm gut ; er erhielt sich und die Mutter von seiner Hände Arbeit und erlaubte der Alten nicht mehr , das Diebshandwerk zu treiben . Als sie es unlängst wieder versuchte und er sie dabei betraf , prügelte er sie erbarmungslos durch und schwor , er werde die alte Katze schon lehren , das Mausen aufzugeben . Mit den Genossen seiner Jugendstreiche ließ er sich nicht mehr ein und hätte den Pavel nicht einmal mit einem Hölzchen anrühren mögen ; doch erwies er ihm hie und da kleine Wohltaten in Erinnerung der vielen Schläge , die jener einst an seiner Stelle einkassiert hatte . Als er den Hirtenjungen hereingucken sah , machte er die anderen auf ihn aufmerksam und meinte , dem Buben sähe doch immer der Hunger aus den Augen . Die kleine Gesellschaft erhob sich , Arnost bezahlte , behielt aber von den Kreuzern , die er auf seine Silbermünze herausbekam , einen in der Hand und schleuderte ihn prahlerisch , noch aus der Mitte des Zimmers , dem Pavel zu . Der fing ihn auf , hielt ihn ein Weilchen in der erhobenen , geschlossenen Hand , öffnete sie aber plötzlich und ließ das Geldstück zu Boden gleiten . Arnost fuhr auf : » Dummer Kerl ! such ihn jetzt , such den Kreuzer . « Pavel aber streckte die Hände in die Taschen : » Such selbst , ich brauch dein Geld nicht , ich hab Geld ! « antwortete er , zog seinen Beutel hervor und schwenkte ihn triumphierend , daß die Silbergulden klapperten . - Geld ! Der Lump , der Bettler hatte Geld ! Da gab ' s nur einen Aufschrei , da wurde die Aufmerksamkeit allgemein , viele Leute verließen ihre Sitze , in der Tür entstand ein Gedränge . Der Knecht packte Pavel am Kragen , schüttelte ihn und wetterte : » Woher hast du ' s ? woher ? Dieb ! « und nun konnte der Junge sich freuen , daß seine Jacke so morsch war und nachgab , als er den Fuß gegen die Beine des Knechtes stemmte und sich mit einem kräftigen Ruck losriß . Einen Fetzen des alten Kleidungsstücks in den Händen seines Bedrängers zurücklassend , schnellte er davon , sprang zur Tür und über die Stufen hinaus in das bergende Dunkel . Kaum entronnen , aber die Verfolger auf den Fersen , rief er noch zurück : » Woher ich ' s hab ? - Gestohlen hab ich ' s ! « und stob davon mit höhnendem Gelächter und , durch ihn selbst auf die richtige Fährte geleitet , eine Schar junger Bursche , Arnost an der Spitze , fluchend und drohend ihm nach . Er rannte die Dorfstraße wieder hinauf bis zu dem Gäßchen , das , von zwei Häusern gebildet , auf den Platz führte , auf dem die Schule stand . In das Gäßchen warf er sich , prallte an den friedlich daherschreitenden Nachtwächter an , fegte den Alten so glatt nieder , daß dieser hinfiel wie ein Armvoll Getreide unter einer scharfen Sense , stolperte selbst , schnellte wieder empor und lief weiter , indes der Nachtwächter durch sein Geschrei die hinter Pavel Herjagenden , die seine Spur schon verloren hatten , wieder auf dieselbe lenkte . Dem Gehetzten blieb eben noch Zeit genug , die Schule zu erreichen . Er fand die Tür unverschlossen , trat ein , schlug sie zu , schob den Riegel vor und polterte die Treppe zur Stube des Lehrers hinauf , indes Arnost und seine Gefährten schon an der Haustür pochten und lärmten . Habrecht saß am Tische mitten im Zimmer , beim Schein einer kleinen hell brennenden Lampe , und las . Er hatte die Ellbogen auf den Tisch und die Wangen auf die geballten Fäuste gestützt , und diese sonst so fahlen Wangen waren gerötet , und die sonst immer so matt und müde blickenden Augen glühten in seltsam schmerzlicher Begeisterung . Wie aus einer höheren , traurig schönen Welt ins irdische Elend zurückgezerrt , sah er , halb zürnend , halb erschrocken , zu dem ungestümen Eindringling hinüber und verbarg dabei mit einer unwillkürlichen Bewegung beider Hände die Blätter des aufgeschlagen vor ihm liegenden Buches . » Herr Lehrer ! « keuchte Pavel atemlos , » Herr Lehrer , heben Sie mir mein Geld auf ! « Er hielt ihm sein Beutelchen hin und berichtete in hastigen , abgebrochenen Sätzen , wie er zu dem Reichtum gekommen war und in welchen Verdacht er sich bei den Leuten gesetzt hatte , die nun da unten Spektakel machten . » Hat dich wieder der Teufel geritten ? « fuhr Habrecht ihn an , lief zum Fenster , öffnete es , schrie hinab , so laut er konnte , und befahl der brüllenden Meute , sich zurückzuziehen . Er nehme den Buben in Gewahrsam , er stehe gut für ihn , er werde ihn morgen schon selbst dem Bürgermeister vorführen . Half alles nichts , er mußte seine Warte verlassen und sich hinunter zu den Stürmern begeben , um sie wenigstens daran zu hindern , ihm die Tür einzurennen . Und derweil der Alte auf der Straße parlamentierte , stand Pavel in der Stube , mit brennendem Kopf , die Hände , die seinen durch ihn selbst gefährdeten Schatz festhielten , an die Brust gepreßt . Ich will ' s nicht wieder tun , ich will so etwas nicht mehr sagen , dachte er . Eine ihm endlos dünkende Zeit verstrich , der Lärm nahm allmählich ab , es ward still . Arnost und seine Begleiter traten den Rückzug an , doch hörte man noch lange ihre erregten Stimmen . Der Lehrer betrat die Stube , er war sehr erhitzt , und eine unerhörte Verwirrung herrschte in seinen dünnen , nach allen Richtungen flatternden Haaren . » Jetzt sind sie fort « , sagte Pavel , und Habrecht brummte : » Wenn sie nur nicht wiederkommen . « » Sie sollen sich unterstehen ! « rief der Junge mit einem bedeutsamen Blick auf den Krug , der im Winkel neben dem Bette stand . » Wenn sie wiederkommen , schütte ich ihnen Wasser auf den Kopf . « » Das wirst du bleiben lassen , denk erst daran , dein Geld zu verstecken . Schau her ! « Der Lehrer rückte den Tisch gegen die Wand und hob ein Stück der Diele , auf welcher derselbe gestanden , in die Höhe . Es zeigte sich ein kleiner hohler Raum , in den der Lehrer das Buch , mit dem Pavel ihn beschäftigt gefunden , und das Geld legte und den er sorgsam verdeckte . Der Junge hatte ihm mit der größten Aufmerksamkeit zugesehen , und nachdem alles in Ordnung gebracht war und der Tisch wieder auf dem alten Fleck stand , fragte er : » Was ist ' s denn mit dem Buch ? Ist ' s ein Hexenbuch ? « Habrecht geriet in Zorn : » Wie töricht redest du und wie frech ; weißt nicht , was mich am meisten verdrießt , willst auch mich zum Feinde haben , hast noch nicht Feinde genug ? Manchmal « , fuhr er , immer mehr in Hitze geratend , fort , » habe ich mich gewundert , daß sie alle gegen dich sind , ich hätte mich nicht wundern sollen , es kann nicht anders sein , es ist deine eigene Schuld . Wen magst denn du ? Vor wem hast denn du Achtung ? ... Nicht einmal vor mir ! ... Ein Hexenbuch ! « Er wiederholte das Wort mit einem neuen Ausbruch der Entrüstung und rang die anklagend erhobenen Hände . Pavels Gesicht hatte sich gerötet und sah förmlich angeschwollen aus , um seinen Mund zitterte es , als ob er in Tränen ausbrechen wollte . Mit vieler Mühe würgte er das Geständnis hervor , daß er entschlossen sei , von heute an ein neues Leben anzufangen , wie er es am Morgen seiner Schwester Milada habe versprechen müssen . Nun entsetzte sich der Lehrer noch mehr und lachte grimmig . Das war das Rechte , das hatte der Junge gut gemacht - vernünftig gewollt , unsinnig gehandelt , weiß beschlossen , schwarz getan . Plötzlich griff er sich an den Kopf und stöhnte im tiefsten Schmerze auf . » Dummer Kerl , armer Teufel , ich kenn das ! ich könnt etwas davon erzählen , ich - aber dir noch nicht « , unterbrach er sich und fuhr mit dem Zeigefinger dicht vor Pavels Nase hin und her , als er sah , wie dieser in hoher Spannung aufhorchte . » Das ist keine Geschichte für dich , jetzt noch nicht , später vielleicht einmal , wenn du gescheiter geworden bist - und wunder . Jetzt kriegst du die Wunden erst , aber du spürst sie noch nicht oder oberflächlich , vorübergehend ; warte , bis sie sich werden eingefressen haben dann wirst du an mich denken , dann - im Alter . Dann wirst du wissen : Das ist das Ärgste , im Alter leiden um einer Jugendtorheit willen . Nicht einmal groß , Tausende haben Schlimmeres getan und leben in Frieden mit sich und mit der Welt . Ein Übermut - eine närrische Prahlerei - kaum eine Lüge , und doch just genug , um eine Hölle da drinnen anzufachen . « Er klopfte sich mit der Faust auf die eingedrückte Brust , sank auf den Sessel zurück , warf sich über den Tisch und vergrub den Kopf in die verschränkten Arme . So lag er lange , wie von Fieberfrösten durchrieselt , und Pavel betrachtete ihn mitleidig und wagte nicht , sich zu rühren . Was tat denn der Herr Lehrer ? ... Schluchzte er ? War es der Krampf eines unaufhaltsamen Weinens , was diesen gebrechlichen Körper so erschütterte ? Du lieber Gott , worüber kränkte sich der Mann ? Worin bestand das Unrecht , was er in seiner Jugend begangen hatte und das ihn im Alter nicht mehr froh werden ließ ? ... Neugier war sonst Pavels Sache nicht , das Geheimnis des Lehrers aber hätte er gern ergründet . Und geholfen hätte er ihm auch gern , ihm und sich selber mit . In welcher Weise , war ihm bereits eingefallen ; es gab ja heute einen solchen Sturm und Sturz von Gedanken in seinem Kopf , daß er sie ordentlich sausen und krachen hörte . » Herr Lehrer « , begann er , näherte sich ihm und tippte leise mit dem Finger auf seine Schulter . » Herr Lehrer , hören Sie , ich will Ihnen etwas sagen . « Habrecht richtete sich auf , lächelte trübsinnig und sprach : » Bist noch da , dummer Junge , geh nach Hause . - Geh ! « wiederholte er streng , als seine erste Aufforderung ohne Wirkung blieb . Pavel jedoch stand fest wie ein verkörperter Entschluß , blickte dem Lehrer ruhig in die Augen und beteuerte , nach Hause gehe er nicht , heute müsse er etwas anfangen . Er habe schon im Kloster anfangen wollen , dort sei es aber nichts gewesen , und so bäte er , beim Herrn Lehrer anfangen zu dürfen . » Was « , fragte der , » was denn anfangen ? « » Das neue Leben « , erwiderte Pavel und wußte erstaunlich gut Bescheid darüber zu gehen , wie er sich dasselbe vorstelle . Im Kloster hatte er demütig gebeten , man möge ihn behalten ; dem Lehrer versprach er in beinahe tröstlicher Weise , er werde von nun an immer bei ihm bleiben und dafür sorgen , daß ihm ein rechter Nutzen aus dieser Hausgenossenschaft erwachse . Wie oft habe sich der Lehrer über die Nachlässigkeit ärgern müssen , mit welcher die Gemeinde ihrer Pflicht nachkam , das zur Schule gehörende Feld zu bestellen . Jetzt wolle er dieses Feld in seine Obhut nehmen und den Garten ebenfalls ; bald werde man sehen , ob das Feld noch schlecht bestellt , ob der Garten noch eine Wildnis sei . Nicht eben breit , aber sehr langsam setzte Pavel auseinander , wie fleißig er sein und zum Entgelt nichts ansprechen wolle als ein Obdach und die Kost . Geld verdienen könnte er im Spätherbst und im Winter in der Fabrik , wo sie bis zu einem Gulden Taglohn zahlen . Habe er deren hundert beisammen , dann ließe sich an den Ankauf von soviel Grund und Boden denken , als man brauche , um ein Haus darauf zu bauen . Seine Schwester werde ihrerseits weitersparen , und sooft als nur möglich wolle er sie besuchen - er wisse , wie gar sehr böse es für ihn gewesen sei , daß er sie so lange nicht habe sehen dürfen . Am Ende verfiel er wieder in seinen tröstlichen Ton und versprach , sich am Abend regelmäßig beim Lehrer einzufinden : » Damit Sie nicht so allein sind , da können Sie lesen in Ihrem - « schon wollte er sagen : Hexenbuch , verschluckte aber glücklich die zwei ersten Silben und sprach nur die letzte aus - , » und ich zähl indessen mein Geld . « Habrecht hatte ihn reden lassen und dabei einige Male vor sich hingeseufzt : » Dummer Bub « , aber Pavel konnte dennoch bemerken , daß der Lehrer nicht so abgeneigt war , wie er sich stellte , die Ausführbarkeit des vorgebrachten Planes zuzugeben . » Alles gut « , sagte er endlich , » oder wenigstens nicht so unvernünftig , wie man ' s von dir gewohnt ist ; aber doch alles nichts , kann alles nicht sein ohne Erlaubnis der Gemeinde . « Die werde zu haben sein , der Herr Lehrer solle sich nur recht ansetzen ! meinte Pavel und verfocht seine Meinung mit solcher Unerschütterlichkeit , wiederholte , wenn eine neue Antwort auf neue Einwände ihm nicht einfiel , mit so störrischem Gleichmut immer wieder die alte , bis der Lehrer sich überwunden gab und ausrief : » So bleib denn in Gottes Namen , wenn du schon nicht wegzubringen bist , Klette ! « Da machte Pavel einen Freudensprung , unter dessen Wucht der Boden zitterte , und jauchzte : » Ich hab ' s ja gewußt , der Herr Lehrer wird mir helfen . « Der Lehrer verwies ihm seine Plumpheit , seine Wildheit , und immerfort zankend , aber mit einem ungewohnten Ausdruck tiefinnerster Zufriedenheit in seinem armen , grauen Gesicht , traf er Anstalt zur Bewirtung und Aufnahme des Gastes . Pavel erhielt ein Butterbrot , das ihm so ausgezeichnet schmeckte wie noch nie zuvor und wie auch später niemals wieder ein Butterbrot , und wurde in die ans Zimmer stoßende Kammer gewiesen . Der Lehrer breitete einen Kotzen auf dem Boden aus : » Da streck dich aus und schlaf gleich ein « , befahl er , deckte den Jungen mit einem fadenscheinigen Radmantel zu und ging , die Tür hinter sich schließend . Pavel blieb im Dunkeln zurück und hatte den besten Willen , der letzten Weisung des Lehrers nachzukommen , doch gelang es ihm nicht , denn seine Seele war des Jubels zu voll . So hatte es denn angefangen , das neue Leben ! so lag er nicht mehr frierend , zusammengekauert im Flur der Hirtenhütte , in dem der Wind eiskalt und messerscharf durch die klaffenden Türspalten drang ; er lag unter einem Mantel aus wirklichem Tuch in einer Kammer , wo die Luft fest eingesperrt war und wo es vortrefflich roch , nach allerhand guten Sachen , nach altehrwürdigen Gewändern , nach Schabenkräutern , nach Stiefeln , nach saurer Milch . Wie wohl befand er sich und wie genoß er im vorhinein die Freude , die Milada haben würde an seinem Glück ! Im Gedanken an seine Schwester schloß er die Augen , und als er sie wieder öffnete , schimmerte die schlanke Sichel des jungen