in der Kunst gemessen , die reine Fratzenhaftigkeit unseres idealen Reinmenschlichen , das wir so unübertrefflich verkörpern .... Und doch hat der Kritiker der Neuesten Nachrichten Recht und der Romanzier Zola hat Unrecht . Es kann nicht die Aufgabe der Dichtung sein , die gute Gesellschaft zu beleidigen , und Zola beleidigt sie durch seine Brutalitäten und Geschmacklosigkeiten . Wir ertragen im Leben vieles , was in der künstlerischen Darstellung einfach unerträglich wirkt . Es gibt im Häßlichen und Wahrhaftigen eine Grenze , die nicht überschritten werden darf . Auch in seinen Büchern darf der Schriftsteller den Vertreter der guten Gesellschaft nicht verleugnen .... Zolas fixe Idee ist die Sinnlichkeit . In jedem Menschen sieht er nur die lauernde schmutzige Bestie . Du lieber Himmel , wenn jedermann mit Zolaschem Wahrheits-Fanatismus den Roman seiner sinnlichen Gedanken , Worte und Werke niederschreiben wollte , das würde nicht bloß die gesamte Litteratur , sondern auch das gesamte Leben verpesten . Wäre das schön ? Wäre das zweckmäßig ? Litteratur und Kunst sind ja gerade dazu auf der Welt , die Sinnlichkeit zu veredeln und geläutertes Vergnügen zu bereiten . Und dann gar erst dieser grundsätzliche Pessimismus : überall nichts als Verworfenheit und Nichtswürdigkeit in der Menschheit ! Nein , nein , wir dürfen uns von diesen trübseligen Naturalisten nicht den letzten Rest behaglichen Lebensgenusses vergällen und jede heimliche Freude mit Schmutz anstreichen lassen . « Plötzlich zuckte wieder der bittere Zug über Drillingers Antlitz . Knarrend schlug die Thür zurück . Herr Bankier Weiler wälzte sich herein . » Bitte vielmals um Entschädigung , Herr Baron , wegen der Störung und des langen Wartens . Böse Abwickelungen gegen den Monatsschluß ! Und dieses Hundewetter ! Bitte Platz zu behalten . « Herr Weiler warf seinen Überzieher ab und wischte sich die Brillengläser mit den Fingern . Sein kleines , rundes , pfiffiges Gesicht glühte unter dem dichten schwarzen Kraushaar . Er ließ den kurzen wurstartigen Leib in den Armstuhl fallen und schlug die O-Beine übereinander . Die Nähe des dicken , schwitzenden , eine ganze Wolke von sehr gemischten Ausdünstungen um sich verbreitenden Bankiers , trieb dem Baron wahre Angstschweißtropfen auf die Stirn . Er zog sein weißes Reserve-Battisttaschentuch mit dem eleganten , von der Freiherrnkrone überschwebten Monogramm in blaugelber Stickerei aus der Tasche - das andere lag noch auf dem Sitze - und strich und fächerte in nervöser Erregung im Gesichte herum . » Kommen wir rasch zur Sache , Herr Weiler , bitte ! Was sollte eigentlich die Depesche ? Es ist doch keine Katastrophe in Sicht ? Oder habe ich ein großes Los gewonnen ? « » Hat sie Sie erschreckt , bester Herr Baron ? Keine Furcht , ich vermute , etwas Gutes für Sie zu haben . Wollte mir die Ehre eines kleinen Plauderstündchens ausbitten zur Erörterung einiger Fragen , die allerdings einer gewissen Dringlichkeit nicht entbehren . War gerade auf dem Telegraphenamt , als mir der Gedanke kam .... « » Ohne Umschweife , bitte ! « » Sind so pressiert , heute , bester Herr Baron ? Oder ein wenig nervös ? Dieses Hundewetter ! « » Ich befinde mich allerdings nicht ganz wohl . Ich habe einen schlechten Morgen gehabt . « » Sehr bedauerlich ; genehmigen Sie den Ausdruck meiner tiefsten Teilnahme . Wird doch nichts Ernstliches sein ? Am Ende nur kleine Nachwehen einer lustigen Nacht , eines feinen Soupers à deux im Götterwinkel bei Danner oder Arnold ? « In diesem Augenblick trat ein Kunde ins Kontor : ein böhmischer Musikant , der einige Ersparnisse in österreichische Guldenzettel umgewechselt haben wollte . Hinter ihm folgte eine Kundin : eine verschleierte Dame in einen langen Regenmantel geknüpft , der ihre schmächtige , fast elegante Gestalt in scharfen Umrissen herausstellte . Drillinger schaute auf und verschluckte seinen Unmut . Er fühlte sich abgespannt . Weiler war aufgesprungen und hatte die Dame vom Schalter weg sanft in eine Ecke gedrückt . » Pardon , meine Gnädige , das besorgen wir eigenhändig . Große Ehre , angenehme Kundschaft - « und dann im Flüsterton , kurz und pikiert , fast zornig : » Sie hätten auch eine anständigere Stunde wählen können - diese auffällige Zudringlichkeit - ich verbitte mir dergleichen für die Zukunft ! Also wieviel macht ' s ? « Die Verschleierte sprach kein Wort , nur ihre Augen blitzten auf den dicken , bebrillten Krauskopf herab . Sie zog mit einiger Umständlichkeit ein Papier aus der Tasche . Weiler schnitt ein böses Gesicht und wackelte ungeduldig mit dem Kopfe ; hastig griff er nach dem Papier . » Natürlich wieder aus Hirschbergs Modebazar , « knirschte der Bankier und überflog die Zifferreihe . » Gepfeffert ! Das hätte man auch um die Hälfte haben können . Vierhundert Mark ! Unverschämt .... « Der Bankier ließ die Dame in der Ecke stehen , wälzte sich , ohne seinen Ärger vollständig bemeistern zu können , an den Geldschrank - die Kontorjünglinge duckten sich ganz in die Bücher - nahm einige Noten heraus , wickelte sie in die Rechnung und drückte sie der Verschleierten in die Hand . » Heute Abend nach dem Theater ! « wollte er ihr ins Ohr zischen , kam aber mit seinem Mund kaum bis an ihre Achsel . Dabei wippte er auf den Zehen des rechten Fußes , während er mit dem linken einen anmutigen Halbkreis zu schleifen versuchte . Der Halbkreis kam wohl heraus , aber nicht die Anmut . Herr Weiler lebte auf einem ebenso großen wie täppischen Plattfuße , den der modische absatzlose Schnabelschuh nach Kräften karikierte . » Also auf Wiedersehen , Gnädige ! « sprach er laut , überlaut dann : » Sehr angenehm gewesen , verehrte Frau , ergebenster Diener . « Mit einem tiefen Bückling öffnete er die Thür . Lautlos wie sie gekommen , war die verschleierte Kundin hinausgeschritten . Die Kontorjünglinge erhoben vorsichtig spähend die Köpfe und tauschten über die Bücher hinweg pfiffig lächelnde Blicke . Kaum war der Chef im Hinterzimmer verschwunden , flüsterte der jüngere dem älteren zu : » Die versteht ' s. Mit der verplempert sich der alte Schweinehund doch noch . Die hat ihn fest am Bändel . « Allein der ältere war heute sichtlich nicht in übermäßiger Laune moralischer Überhebung über den Brodherrn und gab dem eleganteren , mit hübschen schwarzen Ringellöckchen verzierten Kollegen die Bosheit zurück : » Sie sind freilich schlauer ; Sie verplempern sich nicht , Sie machen die Liebe rentabel , Sie spekulieren in Gefühl . Was hat die blonde Bräumeisterin , der Sie dazu noch in Versen Ihre Liebesaktien offeriert , eingebracht ? « » Sie sind ein Lästermaul ; Ihnen sag ' ich gewiß nichts mehr . « » Also Herr Baron , was ich sagen wollte - vielleicht Zigarette gefällig ? « » Ich rauche heute nicht , danke . « Drillinger hatte der Erschlaffung nachgegeben und war tief in die Sofaecke gesunken . Der müde melancholische Zug trat scharf in seinem Gesicht hervor , die eigentümliche Luft und Hantierung der Umgebung wirkten betäubend auf ihn . In solchen Augenblicken bemächtigte sich seines Geistes eine Empfindung träumerischer Wurstigkeit und wahllos ließ er die Eindrücke auf sich wirken , meinte aber doch , der Führung des Gesprächs sich nicht ganz entschlagen zu können . » Eine miserable Bude hier , Herr Weiler , ich empfinde das heute mehr als je ; aber man gewöhnt sich daran , nicht wahr ? Nach Grabbe soll man sich sogar an die Hölle gewöhnen . « » Ich habe nicht das Vergnügen , Herrn Grabbe zu kennen - war er auch von der Finanz ? - aber die Ewigkeit ist gewiß eine ausreichende Frist , um selbst der Hölle Reize abzugewinnen . Gewohnheit ist alles . Übrigens sind wir die längste Zeit hier gewesen , Herr Baron . « » Wie so ? « » Der Plan ist noch nicht ganz reif , steht aber in seinen Grundzügen fest : ich beschreite mit einem « Konsortium hervorragender Bankleute und Architekten ein neues Feld der Thätigkeit . Bauspekulationen im großen Stil , verehrter Herr Baron ! Ich werde mich hart an der Isar ansiedeln . Die Isar ist der Goldstrom für das neue München . Wir müssen uns der Isar bemächtigen , das heißt : ihrer Wasserkräfte , ihrer Ufer und ihrer Inseln . Was für Baugründe , was für Villen- was für pompöse Zukunftsstraßen ! Nichts spricht deutlicher für die wirtschaftliche Beschränktheit der Altmünchener , als daß sie für ihre Stadt jahrhundertelang nichts aus der Isar zu machen wußten . Das wird jetzt mit einem Schlage anders : zunächst Ausbau der Quaistraße , Regulierung der Prater- , der Feuerwerks- und der Kohlen-Insel und Einbeziehung in den Bebauungsplan ; sodann Ausnützung der riesigen Wasserkraft , welche uns das Hochgebirge gratis in ungeheurem Schwall herunterschickt , zur elektrischen Beleuchtung der Stadt . Die Isar wird das Zentrum einer wunderschönen Verjüngung Münchens , hier wird sich die Kunst , der Reichtum , die Aristokratie ansiedeln in pompösen , komfortablen Bauten ; außen herum , auf der Ebene ein Gürtel von Fabriken , von großartigen industriellen Etablissements ; sodann banen wir eine Isarthalbahn von hier bis an den Fuß der Alpen , damit das Hochgebirge uns sozusagen vor der Thür liegt .... « » Herr Weiler , Sie rhapsodieren Finanz-Romantik . Amüsant , Ihr Isar-Ausbeutungsplan . Ich habe gar nicht gewußt , daß Sie zu Zeiten auch phantasieren . « » Nein , ich rechne , Herr Baron , nichts weiter . « » Lassen Sie der alten , rauschenden Isar ihre einsame Wildheit , ihre Poesie - Sie nimmersatter Geldmensch ! Diese neuen Bauprojekte sind von einer ausgemachten , infamen Häßlichkeit und ihre Rentabilität immerhin fraglich . « » Warten Sie einmal gefälligst , bis ich mein neues Zentral-Bankhaus mit höchst moderner Barockeinrichtung an der Ecke der neuen Quai- und Zweibrückenstraße erbaut und die Baracken der Wasserstraße für den Abbruch erworben habe . Es gibt nur ein Interesse in der Welt , das wirtschaftliche ; alles übrige ist Garnitur . Merkwürdig , Herr Baron , Sie sind trotz Ihrer großen , vornehmen Bildung und Ihrer Lebenserfahrung - erlauben Sie das harte Wort - ein antiker Mensch .... « » Sie wollen sagen ein antiquierter Mensch , ein veraltetes Möbel .... Reichen Sie mir eine Zigarette für das Kompliment . « » Bitte , hier ! Sie irren , geschätzter Herr Baron ; ich meinte , Ihre Anschauung hat etwas Antikes insofern , als Sie sich heldenhaft gegen Dinge wehren , deren Unabwendbarkeit Sie zwar einsehen , aber nicht zugeben wollen . Der moderne , der wirklich moderne Mensch hingegen antizipiert das Unabwendbare , das uns von der Zukunft - ich finde das Wort nicht , den Satz zu vollenden , verstehen Sie mich ? Diese Umwälzung in allein , diese .... diese .... « » Ja , ich verstehe Sie , scheußliches Finanzgenie , schon ehe Sie den Mund öffnen . Haben Sie mir darum depeschiert , um mir hier in diesem Räuberloch zu singen und zu sagen von der Märchenwelt , welche sich der Kapitalismus aus den Ruinen der verwüsteten Natur , der vergewaltigten Schönheit der Isar und der Einfachheit des ländlichen Vorstadt-Lebens hervorzuzaubern gedenkt ? « » Nein , nicht darum ! « rief Weiler und brach in ein breites Lachen aus , während seine Augen mit unverhehlter kritischer Überlegenheit über den Baron in der Sofaecke hinstreiften , der mit seiner weichen , müden Stimme so komisch-pathetische Anläufe nahm .... » Nein , nicht darum , Herr Baron . Sie sind ein Edelmann und ich ein Erwerbsmann , wir haben von Jugend auf in grundverschiedenen Büchern buchstabieren gelernt , und so liest auch jeder aus dem Buche des Lebens grundverschiedene Dinge heraus . Sie träumen noch von geistigen Interessen , um die sich hellte im Grunde keilt Mensch kümmert , diejenigen am wenigsten , die sie offiziell zu vertreten berufen sind . Die Erfahrung hat Sie leider noch nicht gewitzigt ; Sie lassen sich von der konventionellen Maske immer noch verführen . Ich nicht . Wir werden uns in gewissen Fragen niemals verstehen , fürchte ich . « » Ist schließlich auch gar nicht nötig , « bemerkte der Baron leise , mit gereiztem Accent . Dann laut : » Lieber Herr Weiler , wir verschwatzen die Zeit und Zeit ist Geld - für Sie , nicht für mich , leider ! - Sie müssen heute schon rasend gute Geschäfte gemacht haben , wenn Sie jetzt so verschwenderisch sein dürfen . Und Verschwendung ist hoch sonst Ihre Sache nicht ! « » Sie scherzen , Herr Baron ; die Bank-Geschäfte gehen momentan schlecht - man muß zwar viel arbeiten , aber der Nutzen ist gering . « » Ich würde mich z.B. mit Ihrem geringen Nutzen gern begnügen , wenn ich heute einen passenden Platz unter Euch Erwerbsleuten fände ... Das wissen Sie aus unserem seitherigen Verkehr , daß ich der Not des Lebens Konzessionen zu machen verstehe . Ich habe Ihnen meine und meiner Wirtschafterin Gelder anvertraut ; Sie haben mir gewisse Spekulationen erleichtert und aus alter Freundlichkeit manchen kleinen Vorteil verschafft . Dafür bin ich Ihnen verbunden , meine sonstigen Ideen und Meinungen werden davon nicht berührt . Die Pflege Praktischer Beziehungen wird doch durch keine Philosophie beeinträchtigt , nicht wahr ? Offengestanden , ich habe alle Hochachtung vor geregeltem Erwerb aus eigener Kraft .... « Mit einem : » Verzeihung , meine Herren , wenn ich störe , aber ich .... pardon , messieurs ! « wurde die Unterhaltung von einem unangemeldet hereinfliegenden Menschen , offenbar Kommis-Voyageur , plötzlich unterbrochen . Schon an der Außenthür hatte er die Kontorjünglinge angeschrieen : » Herr Weiler ist doch da ? « mit dem einen Fuß noch auf dem Wagentritt . Die Droschke hielt hart am schmalen Trottoir . Die vorübergehenden Arbeiter fluchten , sich vorbeizwängen zu müssen . Es war ein vieux beau , eine Figur , wie aus dem Grévinschen » Journal amusant « geschnitten , mittelgroß , hager , in einen hellbraunen Sackanzug gekleidet , darüber einen eleganten , frêmefarbigen Überrock , aufgeknöpft , zurückgeschlagen , damit das fein abgesteppte blaue Seidenfutter herauskokettieren konnte , und das Beinkleid über den Schnabelschuhen bis an die Knöchel aufgekrempelt , so daß noch ein roter Streifen vom Strumpf sichtbar wurde . Die dünnen , graumelierten Haare , in der Mitte gescheitelt und glänzend glatt gestrichen , bedeckten die halbe Stirn : auf der langen , schlanken Nase saß ein Binocle , das den flimmerigen Glanz der dunkeln , tiefliegenden Augen durch Spiegelung erhöhen half . Zwei schmale Streifchen Backenbart , schwarz gefärbt , wie das keck aufgezwirbelte Schnurrbärtchen , ein kreideweißer Stehkragen und eine grellrote Kravatte vollendeten den Eindruck geckenhaft-liebevollster Pflege der äußersten Modejournal-Schönheit . Die Herren hatten sich vor dem Ankömmling erhoben . Weiler stellte halbfranzösisch vor : » Monsieur le Baron de Drillinger , Monsieur Paillard aus Paris , Repräsentant des Hauses Trippier und Kompagnie in Bordeaux und Paris , mein alter Geschäftsfreund . « » Ah ! « machte der Franzose . Drillinger verneigte sich stumm , ärgerlich über die Störung . Der Bankier schob hastig seinen Stuhl dein Franzosen hin . Da keiner sich zuerst setzen wollte , zog jedermann vor , im Wettstreite der Höflichkeit einstweilen stehen zu bleiben . Der Franzose schwatzte fast ohne Unterbrechung : » Bin nur gekommen , Monsieur Weiler , wegen Rendez-vous heute Abend . Superbe Geschäfte gemacht , auch mit Ihrem Konkurrenten da unten an der Isar , in der Quaistraße ; große Bestellung in Kognak - hat sich sogar angeboten , Vertretung unseres Hauses zu übernehmen ; ja , Monsieur Raßler scheint ein Mann von Welt , hat da magnifikes Haus , splendide Einrichtung , herrliches Weib .... « Bei dem Namen Raßler fuhr ein schielender Blick über Weilers Brille blitzartig zu Drillinger hinüber . Drillinger verzog zwar keine Miene , aber seine Hand fühlte unwillkürlich nach dem Brief in der Brusttasche . Zum erstenmale hatte der Name Raßler im fremden Munde für sein Ohr einen unangenehmen Klang und bei der Erwähnung des Weibes fühlte er etwas wie einen bitteren Geschmack auf der Zunge . Der näselnde Klang des französisch ausgesprochenen Raßläär summte ihm jetzt während der ganzen Unterredung durch den Kopf . Raßläär .... Raßläär .... » In der That , bedeutende Bestellungen , hauptsächlich in fine Champagne . Ach , München , die Stadt des Bieres , fängt an , sich zu entwickeln , es gewinnt Geschmack an den großen Weinen und Likören Frankreichs .... Also wegen heute Abend , nach dem Theater etwa , Monsieur Weiler .... « » Das trifft sich unglücklich , Monsieur Paillard ; ich bin gerade heute Abend durch dringende Geschäfte abgehalten . « » Sehr bedauerlich ; ich hätte für Amüsement gesorgt . Den ganzen Tag in Arbeit , freute ich mich doppelt auf Ihre angenehme Gesellschaft . Es geht wirklich nicht ? « » Wirklich nicht . « » Das ist hart . Ah , Monsieur le Baron , es ist schwierig , sich in München zu amüsieren , wenn die besten Freunde ausschlagen . Was soll ich denn ganz allein anfangen ? Ins Theater gehen ? Gut , ich gehe ins Theater . In welches ? Die Wahl ist nicht groß : ich gehe ins Gärtnertheater . Lauter bekannte , alte Gesichter - das reine Konservatorium . Schadet nichts , ich gehe jedesmal hin . Ich ärgere mich zwar , aber das macht nichts . Hernach , wenn das Theater aus ist , von 9 bis 12 Uhr , bis Nachmitternacht - was fangen wir da an in München ? Das ist das große Problem für jeden Fremden und zumal für einen Pariser , für einen Boulevardier ! Nun hatte ich gerade für heute Abend ein reizendes Programm ersonnen - mein Geheimnis ! Und Sie lassen mich im Stich , Herr Weiler ? Das ist sehr garstig , gar nicht freundschaftlich . « » Geschäfte , nichts als Geschäfte , Monsieur Paillard , « entgegnete Weiler und sah sich nach seinem Stuhle um . Der Franzose hatte ihn mit Hut und Überrock belegt . » Geschäfte , nichts als Geschäfte ! « imitierte der Weinreisende und streifte einen Handschuh ab . Er ließ sich auf dem Sofa nieder . » Die Herren gestatten , ich bin ein wenig müde . Geschäfte ! Machen wir vielleicht auch ein Geschäft , Herr Baron ? Ach , das wäre prächtig . Mein Haus , Trippier und Kompagnie - erlauben Sie , daß ich Ihnen unsere Karte überreiche - würde es als große Ehre empfinden , Sie zu unsern geschätzten Klienten zu zählen . Wir haben die ersten Namen von ganz München .... alle berühmten Künstler ; ich komme soeben von .... von , wie heißt er nur gleich , der die wunderschöne Villa da drüben über der Isar hat , neben dem Maximilianeum .... der die lustigen Bilder malt , wo immer getrunken wird .... « » Grützner meinen Sie ? « » Jawohl , Grützner . Der wird jetzt noch viel lustiger malen , wenn er unsern Kognak dazu trinkt . Das lockt Sie gewiß , Herr Baron , wenigstens eine Probe von unserm Kognak zu nehmen ? « Raßläär .... Raßläär .... herrliches Weib .... Raßläär .... summte es in Drillingers Kopf . Baron Drillinger lächelte mit einer nervösen Grimasse , indem er den linken Augendeckel zuklappte , und schüttelte den Kopf . » Unser Produkt ist auf dem ganzen Weltall bekannt . Nicht wahr , Herr Weiler ? In Kanada , Indien , Australien , Amerika , Marokko und anderen Erdteilen . Wenn ein Amerikaner oder Australier zwei Worte französisch kennt , sind es diese : Paris und Kognak , kennt er nur eines , so ist es sicher Kognak . Die Ausdehnung unseres Exportes ist erstaunlich . Sehen Sie aber auch einmal diese Preisliste ! « Damit überreichte der beredte modische Weinreisende eine zierlich ausgestattete Karte von Velinpapier . Die kleine Redepause während der Kartenüberreichung wollte der Bankier Weiler , dem ordentlich der Bauch weh that , so lange nicht zu Wort zu kommen , erhaschen , um schnell auch ein Sprüchlein einzuschalten . Allem er vermochte kaum die braunroten wulstigen Lippen zu einem : » Stimmt , Herr Baron , « zu öffnen , als der Franzose schon wieder weiter schnarrte : » Unser Haus hat in den berühmtesten Lagen , in Kognak , Agnac-Champagne , Château-Bernard , Saint-Preuil , Segonzac u.s.w. , hervorragende Besitzungen . Ach , Herr Baron , Sie sind gewiß Feinschmecker und für das flüssige Gold unseres Nektars begeistert wie ein Brillat-Savarin . Ich fühle mich unfähig , die Güte unseres Produktes nach Gebühr zu preisen . Da gehörte ein Poet dazu . Cela est matière de bréviaire , wie Bruder Jean des Entameurs sagen würde . Sehen Sie sich einmal diese Preisliste an ! Da findet sich das Vorzüglichste für alle Börsen , auch für die bescheidenen . Darf ich Ihnen wenigstens eine kleine Probesendung fine Champagne zusammenstellen ? Ich biete Ihnen jede Garantie für Echtheit .... « » Es ist mir in der That unmöglich , von Ihrer Liebenswürdigkeit Gebrauch zu machen . « » Das Glück verläßt mich . Der Herr Baron lehnt das Geschäft ab , der Herr Bankier , mein alter Freund , lehnt das Vergnügen ab . München steht noch nicht auf voller Höhe , man sage was man will . Erst wenn es dem Zauber des Weinlandes par excellence , wenn es der Seele Frankreichs sozusagen , willfährig sich hingibt , wird es eine wahrhaft geistreiche , künstlerische und poetische Stadt werden . Habe ich Unrecht ? « Die Herren lachten . Im Kontor ächzten die Schreibböcke . » Nein , antworten Sie , Messieurs , habe ich Unrecht ? O Herr Baron , ich will Ihnen nicht zu nahe treten , aber wie ich Sie hier vor mir sehe , hat Sie die gütige Natur nicht für das Bier und seine schläfrigen Freuden bestimmt . Aus Ihren Augen sprüht eine edlere Flamme .... Gewiß opfern Sie nicht auf dem Altar des Bierfasses und Ihr Vaterland ist nicht das Hofbräuhaus .... Besonders unser weißer Bordeaux würde Ihren vornehmen Neigungen behagen ... « » Verdammter Schwätzer von einem ranzigen Franzosen , « dachte Drillinger - und » Raßläär , Raßläär « summte es in seinem Kopfe . » Aber , hochverehrter Freund , « fuhr jetzt Weiler entschieden auf , legte die fetten Hände gefaltet auf den Bauch und betrachtete mit wiegendem Kopfe die Spitzen seiner Schnabelschuhe : » man kann doch niemand die Befriedigung einer Neigung aufzwingen . Im Geschäft ist ' s nicht wie in der Politik , wo man die herrlichen Wohlthaten von oben gar oft hinnehmen muß , auch wenn man nicht die mindeste Lust dazu verspürt . Der Herr Baron hat einen gut assortierten Weinkeller . Hier muß sich Ihre Geschäfts-Politik aufs Abwarten verlegen , wenn Sie einen neuen Kunden gewinnen wollen . Der französische Elan wirkt nicht mehr überall Wunder , wie Sie sehen . « » Also warten wir ab , « sagte der Franzose mit plötzlich verändertem , kühlerem Tone und griff nach Hut und Überrock . » Warten wir ab . Vielleicht entschließen Sie sich doch noch , mon cher Weiler , für heute Abend . Nachrichten finden mich bis drei Uhr im Hotel Max Emanuel . Au revoir , messieurs ! « An der Thür wandte er sich noch einmal um . » Darf ich mir für später Ihre werte Adresse notieren , Herr Baron ? « » Die können Sie stets bei mir erfragen , « antwortete Weiler und winkte mit der Hand abschiedgrüßend . ' » Bon . « Weiler schlug eine unbändige Lache auf , als der Reisende verschwunden war . » Der widerwärtige Schwätzer . Ich bin halb tot , « stöhnte Drillinger und fiel wie vernichtet in die Sofaecke . » Nicht wahr , der versteht sein Metier ? Das ist ein Mann der Zeit , unverschämt bis zum Exzeß , zudringlich wie eine Wanze , aber in höflicher Form , wie Sie nicht leugnen werden . « » Der echte Franzose , jeder Zoll ein Blagueur . « » Hat sich was mit der Echtheit ! Ein Landsmann vom seligen Jakob Offenbach , ein Kölner Jud , « rief Weiler und durchwackelte mit vergnügten Schritten den kleinen Raum . » Dieser Monsieur Paillard heißt eigentlich Strohsack ; ursprünglich war er zum Rabbiner bestimmt , dann wurde er Zeitungsschreiber , dann Theaterdirektor - was weiß ich , was noch alles ! - und jetzt ist er Reisender der französischen Weltfirma Trippier und Kompagnie . « » So , so . Darum auch das gewandte Deutsch in der affektiert radebrechenden Aussprache . Übrigens : Sie haben wirklich interessante Geschäftsfreunde , Herr Weiler , das muß ich sagen . « » Nun , war das nicht etwa eine lustige Szene , die er hier aufführte ? Das Vergnügen ist doch auch was wert ! « » Ich danke . « » Schätzen Sie eine Gratis-Komödie so gering in dieser verteufelt ernsthaften Zeit , wo der Glücklichste leicht das Lachen verlernt ? « » Mit Unterschied . Dieser Gratis-Komödiant scheint mir ein unverschämter Gauner . « » Gut , dann nehmen Sie die Komödie für eine lehrreiche Lektion . Ich sage Ihnen , dieser Mann mit seiner Aufdringlichkeit und Beharrlichkeit hat den rechten Weg gefunden . Er kennt die Menschen und hat ein festes System , sie zu behandeln . Es fallen mehr darauf herein , als Sie glauben . Der kluge Raßler z.B. mit seinem herrlichen Weib .... « » Hören Sie auf mit Raßler . Das ist ein ... « Ein Zwinkern unter Weilers Brille , und Drillinger unterdrückte das Wort , um ablenkend fortzufahren : » Warum haben Sie denn das lustige Stelldichein für heute Abend ausgeschlagen ? « Und Weiler fuhr brutal heraus mit bewußter Selbstgefälligkeit , nachdem er sich in sein großes rotes Foulard geschneuzt und mit dem Fuß die Thür ins Kontor zugestoßen hatte : » Unter uns , Herr Baron , weil ich diesmal das Glück in der Liebe dem Unglück im Spiel vorziehe . Paillard ist ein leidenschaftlicher Spieler .... « » Immer schöner , dieser praktische Idealmensch der Zeit . « » Bah , wenn es ihm einmal gelungen , mir das Portemonnaie zu erleichtern , so hat er mir ' s durch andere Gefälligkeiten wieder wett gemacht . « » So , so . « » Aber das ist mein Geschäftsgeheimnis , gestrenger Sittenrichter . « » Agropos , Geschäftsgeheimnis - alle Wetter , Sie haben mich wohl mit der Depesche genarrt ? Kommen wir doch endlich zu unserem Geschäftsgeheimnis ! « Das klang auffällig scharf und bestimmt . Drillinger hatte sich schlank aufgerichtet . » Bitte , noch einen Augenblick Platz zu behalten ; ich muß etwas in den Büchern nachsehen , lieber Herr Baron . Ich werde Ihnen unser Geheimnis sofort entschleiern . « Weiler ging ins Kontor und kramte in Büchern und Papieren . Drillinger war an das Fenster getreten und wischte mit dem Zeigefinger ein Guckloch in die beschlagenen Scheiben . Schnee und Regen gingen noch durcheinander , die Luft hatte einen schweren , bleiernen Ton , die Häuser trieften , die Straße war ein grauer , klebriger Brei mit Pfützen und Tümpeln , worin Schneeflocken und Regentropfen verrieselten . Die Vorübergehenden waren hoch herauf mit Kot bespritzt : Marktleute mit Körben und Säcken bepackt , Soldaten , Köchinnen , Zeitungsausträger , Lohndiener . Und alle hatten den nämlichen verdrossenen Zug im Gesicht . Nur ein barhäuptiger , krummbeiniger Schusterjunge mit halbnackten schmutzigen Annen patschte vergnügt durch den Dreck , ließ sich den Regen ins Gesicht schlagen und pfiff in den höchsten Tönen seine Liedel durcheinander vom himmelblauen See , vom alten Peter und der Münchener Gemütlichkeit , die unerschütterlich » so lang die alte Isar durch d ' Münchnerstadt noch geht « Dem Schusterjungen begegnete ein Metzgerjunge und machte ihm eine Fratze . Sofort schwang der Schusterjunge seine Stiefel und stellte sich gefechtbereit - der andere wandte ihm den Rücken und trat seitwärts , um sich scheinbar in den illustrierten brennend roten Maueranschlag einer Kirchenbaulotterie zu vertiefen und , dem davontrollenden gefoppten Fußbekleidungskünstler nachschielend , den neuesten » Meistergesang « vor sich hinzubrummen : Lehrbua bin i ' g ' wesen , Kreuzsapperlot ! Prügelt hab ' n mi ' d ' G ' sell ' n Und der Moaster halb tot ! G ' sell bin i ' word ' n ! Potzelement ! Prügelt hab ' i ' d ' Lehrbuab ' n Mit Füß ' und mit Händ ' . Jetzt bin i ' Moaster , Sternsakradi ! I ' prügel d ' Lehrbuab ' n , Mei ' Weib prügelt mi ' ! Drillinger setzte sich auf den Fenstersims und gähnte ärgerlich in die hohle Hand . Welt und Menschheit waren heute wirklich nicht dazu angethan , seiner flauen Stimmung aufzuhelfen . Er blickte gleichgültig durch die Scheiben ; der Metzgerjunge schien noch immer in das Studium der Plakat-Litteratur vertieft . Die Mauerwand war mit bunten Zetteln , roten , gelben , grünen , blauen , oft in Riesengröße und mit fußhohen Buchstaben bedruckten , hoch hinauf und der ganzen Breite nach bedeckt . Es war eine wüste , kreischende Kakaphonie der Reklame , wie sie die Gegenwart immer frecher ausbildet . Was wurde da nicht alles um die Wette annonciert ! Konzerte , Bälle , Wurstwaren , Kirchenbaulotterien , Schuhfabrikate , Zwerg-Ausstellung , Gemälde-Auktion , Einberufung der Ersatzmannschaften , Staatsanleihen , Rudersport , Bycicle-Klub , Vegetarianismus , Tanzunterricht , Ausverkauf , Zwangsversteigerung , Abzahlungs-Geschäft , Verein für deutsche Interessen im Auslande , Dampfschiffahrt auf dem Starnberger See , Münchener Kindl-Brauerei , Viehmarkt , Pferderennen . Orpheum , Westendhalle , Kils Kolosseum , Mähmaschinen , Zirkus , Kirchweihe , Schuhmacher-Innung , Militärmusik , Kinderbewahranstalt , Veteranen-Verein , Schlachtviehhof-Eröffnung , Bayerischer Kurier , ungespundetes Klosterbier , Vereinsbank , Panorama Kreuzigung