einer verhört und über das nichtsnutzige Ergebnis ein Protokoll eingesandt , der Betreffende hingegen samt seinem Gelde , das offenbar aus der Kasse der Uferbank herrührte , freigegeben , und das war sogar auf englischem Grund und Boden geschehen und hatte so viel gekostet , daß Salander sich scheute , dem Teufel noch den Weihkessel nachzuwerfen , wie er sagte . Doch gab es in Brasilien Geschäftsleute , welche dafürhielten , Martins berühmte Anweisung sei ihm noch in guten Treuen ausgestellt worden , weil die Uferbank in jenem Augenblicke noch nicht daran gedacht habe , aufzufliegen . Hierüber war nun eben nichts Aktenmäßiges zu erfahren . In Münsterburg hatte Wohlwend nach langen Verhandlungen seine Gläubiger mit einigen bettelhaften Prozenten abfinden können , wobei Salanders Forderung gar nicht in Betracht kam . Das Guthaben der überseeischen Bank , welches gerichtlich in Beschlag genommen war zu seinen Gunsten , ließ sich bei dem Mangel aller gutwilligen Aufschlüsse nicht ausscheiden , und der Anwalt hielt nichts als die dunkle , nicht angenommene Anweisung in der Hand . Nachher verschwand Wohlwend aus der Gegend . Sein Haus hatte der Baumeister an sich ziehen müssen , der dabei zu Verlust kam . Der Maler des Arnold von Winkelried erhielt gar nichts . » Ich bin überzeugt , « sagte der Anwalt , » daß er schon vor zehn Jahren gerade durch den Betrag Ihrer Bürgschaft , den Sie auf dem Platz erlegen mußten , um das Falliment herumgekommen ist ; und so glaube ich , daß er auch diesmal durch Ihr Geld , das er ganz oder zum Teil in die Klauen bekam , in den Stand gesetzt wurde , sich mit den Gläubigern , wenn auch noch so elend , abzufinden ; denn natürlich hat er den Löwenanteil für sich behalten . Aber dennoch , ich kann mir nicht helfen , ist er ein interessantes Subjekt , juristisch genommen . Da mich die unverbrüchlich kalte , schweigsame Haltung , die er stets der Anweisung gegenüber einnahm , ohne sich je mit einem Worte in Verlegenheit zu setzen , betroffen machte , geriet ich auf den Einfall , ein etwas ungewöhnliches Experiment mit ihm auszustellen . Ich kenne einen sehr erfahrenen Irrenarzt ; der hat als Vorsteher einer auswärtigen Heilanstalt die Simulanten von Verrücktheit zu behandeln , welche ihm in Untersuchungsprozessen übergeben werden , wenn sie mit solchen Künsten dem Geständnis entrinnen wollen . Er hat eine treffliche Übung darin und bringt diese Spitzbuben in der Regel binnen zwei Tagen oder auch zwei Stunden zur gesunden Vernunft zurück , soweit sie ihnen überhaupt beschieden ist . Freilich bindet er sich nicht an die Schranken , die dem Untersuchungsrichter vorgezeichnet sind . Als der Mann zu jener Zeit sich einige Tage hier aufhielt , erzählte ich ihm von Louis Wohlwend und seinem putzigen Benehmen . Wir wurden einig , daß er als Vertreter eines fremden Beteiligten an dem überseeischen Bankhandel , der auch mit mir Rücksprache gepflogen habe , zu Wohlwend gehen und ihn unter dem Vorwand einer geschäftlichen Erkundigung beobachten und ausholen solle . Es gelang ihm , den Mann länger als eine Stunde hinzuhalten , aber nicht , ihn auf einem verfänglichen Worte zu ertappen . Es gebe , sagte der Arzt , einzelne Menschen , welche die Macht haben , ein unbequemes Faktum sozusagen in ihrem Bewußtsein so gut aus dem Wege zu räumen , daß sie nicht einmal im Schlafe , geschweige im Wachen davon sprechen , wenn sie nicht sollen . Und es seien das durchaus nicht geistig starke Leute , vielmehr solche , denen jedes Bedürfnis mangle , sich mit sich selbst auseinanderzusetzen . Dieser Mangel vermische sich dann mit einer ordinären Verschmitztheit und bilde sich zu einer nützlichen Kraft aus . Nur die Nähe des natürlichen Todes vermöge zuweilen den Bann zu brechen . Zu diesen scheine Herr Wohlwend zu gehören , wenn auch als merkwürdige Abart . Während der Unterredung habe er nicht krampfhaft vorsichtig getan , sondern ganz unbefangen geplaudert , aufmerksam , scheinbar , zugehört und sich gestellt , als ob er nach gutem Rat suche , den Kopf geschüttelt und schließlich gesagt : Es ist eine verzwickte dumme Geschichte ! Ich würde Ihrem Klienten raten , es zu machen wie der andere , der Herr Salander , und selbst hinzureisen nach Rio ; es muß dort noch eher etwas auszurichten sein als hier ! Dabei habe er sich mit einer alten Pappschachtel beschäftigt , in welcher ein Dutzend zerzauste Schmetterlinge und Käfer , von Staub bedeckt , auf einem Häufchen gelegen . Diese verjährten Lebewesen auseinandersuchend und auf frische Korkhölzchen befestigend , habe er schließlich mit einem untiefen Seufzer gerufen : Ja , ja , mein lieber Herr ! ohne das bißchen Wissenschaft würde man oft nicht mehr den Mut zum Leben behalten in dem Wirrsal dieser Welt ! Haben Sie sich nie mit Insektenkunde befaßt ? « Die Männer schwiegen einige Zeit , wohl um sich zu besinnen , was sich über das ärgerliche Vorhandensein eines so unbequemen Gesellen weiter denken lasse , der gewissermaßen , gleich einer Qualle , sich selbst aufzuheben vermöge , wenn er merke , daß er ausgeforscht werde . Mittlerweile betupfte Möni Wighart mit dem Finger seine Nase , bis er unversehens rief : » Wie ist mir denn ? Da geht mir etwas im Kopfe herum , das ja ganz hierher gehört und just von der heutigen Überraschung zurückgedrängt wurde ! Richtig ! Nicht lang ist ' s her , daß ich von einem hiesigen Holzhändler hörte , er habe tief in Ungarn den Louis Wohlwend gesehen , munter wie ein Fisch , verheiratet mit einer schönen jungen Frau , und schon gesegnet mit zwei kleinen Kindern ! Den Ort kann ich nicht mehr nennen . Ich fragte den Holzhändler , ob er ihn gesprochen habe . Freilich habe er ihn gesprochen und Wohlwend ihm erzählt , wie ihm durch diese glückliche Heirat nicht nur ein hübsches Weibchen , sondern auch ein artiges Weibergut zuteil geworden sei . Er habe aber nicht viel mit ihm reden können , weil jener sich kurzerhand entfernt . In einer Gaststube der Sache nachfragend , sei sie ihm von seßhaften Leuten bestätigt worden mit der näheren Angabe , der Schwiegervater Wohlwends , ein Schweinehändler , habe einer seiner Töchter vor der Hochzeit ein schönes Vermögen nicht nur vorbestimmt , sondern gerichtlich verschrieben als künftiges Erbe , und sich zugleich verpflichtet , bis zu seinem Ableben dem Wohlwend die Zinsen davon jährlich zukommen zu lassen . Einige bezweifeln allerdings die Geschichte , weil der Schwiegervater keineswegs für so wohlhabend gelte , daß er jeder Tochter ein solches Erbe zuteilen könnte ; andere dagegen weisen darauf hin , daß das betreffende Frauenzimmer eine Tochter aus erster Ehe sei und nur ihr Mütterliches beziehe , während eine dritte Partei behaupte , sie sei gar nicht das rechte Kind des Schweinehändlers . Eine vornehme Dame habe es heimlich zur Welt und bei dem Manne untergebracht . « » Kurz und gut , « ergriff Martin Salander das Wort , » mein Louis Wohlwend hat ohne Zweifel im Osten Europas einen Schweinehändler drangekriegt ! « » Hm ! « machte der Rechtsanwalt , » ich möchte fast lieber sagen , ein östlicher Schweinehändler hat den Meister Louis drangekriegt ! « » Ei wieso denn ? « » Nun , wieso denn ? Wie wäre es , wenn er seine beiseitegebrachten Raubgelder , die schönen Contos de Reis des Herrn Martin Salander , ganz still an die Grenze der Türkei geschleppt und auf diese geniale Weise in Weibergut verwandelt hätte ? Und wie wäre es , wenn der Ferkelkrösus den Schlaukopf um Kapital und Zinsen zu prellen wüßte und ihm obendrein das Weibchen auf dem Halse ließe ? Was mich allein stutzen macht , ist die Schwatzhaftigkeit , mit welcher er sich dem Holzhändler entdeckt hat , nach dem , was ich vorhin von dem Psychiater erzählte . Er muß eben ungemein fidel gewesen sein oder wie Homer ein Schläfchen getan haben ! Der Umstand , daß wahrscheinlich hier zwei Hechte am nämlichen Karpfen stehen , hindert mich auch , Herr Wighart , Sie jetzt schon zu ersuchen , Sie möchten Ihren Gewährsmann um genaue Bezeichnung von Orts- und Personennamen angehen . Ich will nur meine Phantasiearbeit noch einige Tage überlegen und werde mir dann erlauben , bei Ihnen anzuklopfen , natürlich im Einverständnis meines Herrn Klienten , sofern er sich überhaupt noch als solchen betrachtet ! Eigentlich aber würde es sich sofort um eine Kriminalsache handeln und für die Behörden der Anlaß dasein , von sich aus vorzugehen . « » Überlegen Sie , Herr Fürsprech ! « erwiderte Salander ; » am Ende schadet es nichts , wenn wir den Schadenmüller , den Hecht , wenigstens ein bißchen aufstören und herumjagen können ! « Die drei Männer unterhielten sich noch eine Viertelstunde und brachen dann auf , um sich , jeder an geeigneter Stelle , zu verabschieden . Martin Salander ging nach Hause . Der Eindruck , den er von seinem Gang durch das neue Volk und von dem Auftritt mit dem Maulhelden davongetragen , erwachte wieder , als er unter dem alten Sternenhimmel dahinschritt , und das quälende Verhältnis zu dem alten Freunde Wohlwend , an den er wie mit eisernen Ketten gebunden schien , verdunkelte die trübe Stimmung noch mehr , die ihn befallen . Er nahm sich vor , den Advokaten von der weiteren Verfolgung Wohlwends abzumahnen , damit der Mensch aus seinem Gedächtnis eher verschwinde . Aber trotz dieses Vorsatzes bedurfte es des freundlich erleuchteten Wohngemaches , in das er trat , und der um den Tisch versammelten Kinder , die seiner harrten , um ein leichteres Herz zu gewinnen . Die Gattin , die seine trüben Augen noch schnell gesehen , kam mit einer sorglichen Ansprache schon zu spät . Als Martin bald darauf zu seinem Advokaten ging , fand er diesen schon selbst von dem Gedanken abgekommen , amtliche Nachforschungen über die Natur des Wohlwendschen Frauenvermögens zu veranlassen . Es schien ihm doch nicht tunlich , auf Grund unbestimmter Gerüchte und einer bloßen witzigen Vermutung in entlegenen Ländern so vorzugehen . » Wenn wir die Angel jetzt auswerfen , « sagte er , » so wird sie uns kurz abgerissen ; halten wir sie aber noch zurück , so kann sie uns unversehens einmal nützlich werden . « VII Martin säumte nun nicht , seine Handelsgeschäfte wiederaufzunehmen , d.h. sich für deren Fortführung auf dem Platze Münsterburg einzurichten . Er mietete die nötigen Räume für Kontor und Magazine , und bald saß auch ein Schreiber am Pult und lief ein Lehrling ab und zu . Frau Marie bat sehr , ihr die kleine Handelsanstalt im Hause zu lassen , und er tat es mit Vergnügen , da er ihr gewisse Gegenstände zuzuweisen gedachte , deren Bewältigung ihm selbst zu umständlich und wenig lohnend schien . Aber es stellte sich heraus , daß die wackere Frau nicht so leicht auf alles einging , sondern bereits so gut ihre Grundsätze besaß wie ein altbewährtes Handelshaus . Sie wollte sich mit nicht vielen , aber als gut bekannten Waren begnügen , für welche sie eine sichere Kundschaft wußte ; diese vermehrte sich unausgesetzt , aber gemächlich und ohne Gedränge , so daß sie nie genötigt war , den Bedarf in ungeordneter Weise zu decken ; kurz , ihr Geschäft war eines von denen , welche man ein stilles Goldgrüblein zu nennen pflegt . Der Mann hütete sich , sie hierin zu stören , und ließ sie gerne fernerhin ihre besondere Rechnung führen , die er geprüft und in Ordnung gefunden hatte . Freilich mußte er dabei die buchmäßigen Posten des Soll und Haben aus ihren verschiedenen Heften und Büchelchen zusammensuchen , und Marie Salander schaute ihm etwas ängstlich zu , was wohl herauskommen werde ; doch lachte sie vergnügt , als schließlich bis auf den letzten Franken alles in schwarzer und roter Tinte an seinem Orte stand , mit Bilanz und Nachweis . So hauste Martin Salander mit den Seinen wieder auf altem Grunde und konnte beruhigt in die Welt und in die Jahre hinausschauen , soweit es der Mensch verlangen kann ; denn wer auch nicht Welt und Zeit zu überholen strebte , dem kamen sie von selbst vor die Füße gerollt . Trotz der Täuschung , die ihm auf seinem Sonntagsspaziergang ins Volk so trübselig zerflossen war , mußte er die Augen doch wieder auf die öffentlichen Dinge richten und sich näher mit ihnen vertraut machen , wie sie sich nun darstellten . Die neue Verfassung , die die Münsterburger angenommen hatten , wurde von den vorgeschrittensten Staats- und Gesellschaftsfreunden fremder Länder als etwas Zufriedenstellendes belobt , womit sich erreichen lasse , was man mit Entschlossenheit wolle ; und die gleichen Grundsätze , welche man dem Volke in einem gemäßigten , ja bescheidenen Sinne hatte belieben können , sollten schon in ihrer jetzigen wörtlichen Gestalt genügen , von Tag zu Tag die ungeheuersten Veränderungen einzuführen , an welche dasselbe Volk nicht gedacht hatte . In diesen ersten Jahren summte es denn auch wie ein Bienenkorb von Gesetzesvorschlägen und Abstimmungen , und Salander sah mit Verwunderung , wie im Halbdunkel eines Bierstübchens zwei Projektenmacher den Entwurf eines kleinen , Millionen kostenden Gesetzes oder Volksbeschlusses fix und fertig formulieren konnten , ohne daß die vom Volke gewählte Regierung ein Wort dazu zu sagen bekam . Dazu erhielten die massenhaften Wahlen aller kleinen und großen Beamten in Verwaltung , Gericht , Schule und Gemeinde , sich in kurzen Zwischenräumen drängend , die stimmberechtigte Bevölkerung unaufhörlich auf den Beinen , und da Martin Salander keine dieser Pflichten versäumte , so befand er sich unvermerkt mitten in der Strömung . Um sich besser zu unterrichten , besuchte er die politischen Versammlungen , fing an mitzureden und Vorschläge zu machen , und da seine Unabhängigkeit bekannt war und man daher wußte , daß er für sich nichts wollte , wurde er in allerhand Ausschüsse gewählt , deren Arbeiten er sich mit ehrlichem Eifer unterzog , obgleich ein Umherreisen im Lande damit verbunden und er eigentlich kein Vagant war . Auf diesem weitläufigen Wege geriet er in die unmittelbare Volksleitung oder unterschlächtige Regierung hinein , welche in Gestalt von Wanderlehrern dem Volke die schwierigeren Punkte seiner Selbstbestimmung zu erklären , d.h. vom übel unterrichteten an das besser zu unterrichtende Volk zu appellieren hatte . Zwar gab es Gegenstände , die ihm selber nicht recht geläufig waren , weshalb er sich vorher rasch mit ihnen bekanntmachen oder die gedruckten Aktenstücke auf Treu und Glauben verteidigen mußte . Indessen ließ er sich dergleichen nicht oft zuschulden kommen , während er es an anderen häufiger beobachtete . Zuweilen wollte ihn eine trübe Ahnung beschleichen , als ob das Personal der politischen Ober- , Mittel- und Unterstreber gegen früher im ganzen ein klein wenig gesunken wäre , so daß die etwas geringere Beschaffenheit der einen Schicht diejenige der anderen bedinge und erkläre . Allein er faßte bald wieder guten Mut , auf den unverlierbaren guten Ackergrund des Volkes vertrauend , der stets wieder gradgewachsene hohe Halme hervorbringe . Und er gelobte dann , obschon nun kein Jüngling mehr , auf sich selbst zu achten , wissentlich nie ein gemeiner Streber zu werden und das gedachte Niveau nicht auch herunterdrücken zu helfen . So löblichem Vorsatze getreu erlebte er aber nochmals einen Verdruß , ähnlich demjenigen des ersten Spazierganges nach seiner Rückkehr aus Brasilien . Ebenfalls an einem Sonntagnachmittage wohnte er in seinem eigenen Heimatorte der Besprechung einer Nahrungsfrage bei , die in allen Kulturstaaten dieselbe ist und die gleiche neutrale und rein sachliche Behandlung erfährt . Hier aber handelte es sich um den Vorschlag einer nicht nur absonderlichen , sondern ganz unsinnigen Einrichtung , die ein einzelner Kopf ausgeheckt und die in der Gegend einigen Anklang gefunden hatte . Martin Salander sollte im Einverständnis mit seinen Freunden dagegen auftreten . Erst hörte er die Begründung des Vorschlages und eine Anzahl weiterer Reden an , in welchen von ungeschulten , meist jüngeren Leuten statt eingehender Gründe nur immer das Wort Republik , republikanisch , Würde des Republikaners usw. vorgebracht und geschrien wurde . Dieses Pochen auf die Republik bei jedem passenden und unpassenden Anlaß hatte ihn schon lange betrübt , gerade weil er ein aufrichtiger Republikaner war in Ansehung seines Vaterlandes . Als er sich nun zu seinem Votum erhob , fühlte er sich gedrungen , eine diesfällige Ansprache vorauszuschicken , zumal ihm die anwesende Mannschaft einer wohlgemeinten Belehrung bedürftig schien . » Liebe Mitbürger ! « begann er mit möglichster Ruhe , » ehe ich meine abweichenden Ansichten von der vorwürfigen Sache darlege , kann ich nicht umhin , das auch mir teure Wort Republik zu berühren , das wir jetzt seit einer Stunde gewiß zwei Dutzend Male gehört haben . Unsere Vorfahren haben seit bald sechshundert Jahren die Republik in heißen Schlachten begründet und befestigt , ohne das Wort je in den Mund zu nehmen , und die vielen alten Bundesbriefe und Landbücher enthalten es nicht . Erst später haben es die Patrizier und Bürger der herrschenden Städte für sich angewendet , um mit dem schönen Wort ihrer irdischen Herrlichkeit einen antiken Glanz zu verleihen . Wir haben es jetzt im Sprachgebrauch , aber nicht zum Mißbrauch . Mich will bedünken , wer es immer im Munde führt und dabei auf die Brust klopft , könne ebensogut sich der Gleisnerei schuldig machen wie jeder andere Pharisäer oder Mucker ! Doch damit haben wir jetzt nichts zu schaffen ; nur darauf möchte ich aufmerksam machen , werte Mitbürger , daß auch der Republikaner alles , was er braucht , erwerben muß und nicht mit Worten bezahlen kann ; über Naturgesetze hat die Republik nicht abzustimmen , die Vorsehung legt ihr den Plan über die dem Landwirte nützliche Witterung der Jahreszeiten so wenig zur Annahme oder Verwerfung vor als den Untertanen der Könige und diesen selbst , und der Weltverkehr kümmert sich nicht um die Staatsformen der Länder und Weltteile , die er durchbraust . Dies wollte ich mir zu bemerken erlauben , ehe ich zur Eröffnung meiner Ansicht übergehe und dabei mich mehr mit den faktischen Verhältnissen beschäftige , als bisher geschehen ist . « Die unerwartete Predigt war nicht wohl angebracht . Nachdem schon früher ein Murren vernommen worden , unterbrach jetzt einer den Sprecher und verlangte das Wort : Es scheine wieder einmal Eile zu haben mit der Reaktion ! Kaum seien einige Jahre dahingeschwunden , so möge ein Kind dieser Landesgegend , ein ehemaliges Mitglied der Volksschule , freilich jetzt in goldenen Ketten hängend , so vermöge Herr Martin Salander das Wort Republik nicht mehr zu vertragen ! Unter solchen Umständen sei denjenigen , die sich noch dazu bekennen , nicht zuzumuten , in ernster Volksverhandlung Reden der Feindseligkeit anzuhören . Wenn sonst niemand mehr zu sprechen wünsche , so trage man auf Schluß der Diskussion und Abstimmung an . Salander , der stehen geblieben , wollte mit gehobener Stimme fortfahren . Einige , die aus der Sache nicht klug wurden , unterstützten ihn , andere , denen der Sinn seiner Rede ebenfalls zu hoch gewesen , aber verdächtig schien , ereiferten sich dagegen ; es entstand ein Wirrwarr , in welchem diejenigen obsiegten , welche ihn wohl verstanden , wie Martin es meinte , aber eben das von ihm Gemeinte haßten und nicht leiden wollten . Das Wort blieb ihm entzogen , ein Gegenantrag wurde nicht gestellt und die betreffende Sache für geschlossen erklärt . Sie fiel freilich im weiteren Verlaufe später unrühmlich dahin ; Martin Salander hingegen war heute um eine Erfahrung reicher . Er verließ das Haus und das ansehnliche Dorf , ohne weiter jemand zu sehen , und anstatt die Bahn zu benutzen , auf welcher er gekommen , schlug er einen Fußweg ein , der quer durch Felder und Wälder nach Münsterburg führte . Auf diesem einsamen Gange konnte er überlegen , inwiefern es nicht nur für den höheren Staatsmann , sondern auch für den Volksmann zweckmäßig sei , moralische Aufrichtigkeiten zu unterdrücken . Am Ende , dachte er , bin ich doch froh , daß ich es gesagt habe ! Etwas bleibt davon doch hängen ; und wenn sie mich nach ihrem Sinne in die Zeitungen tun , so will ich erst laut predigen , daß der Name Republik kein Stein sei , den man dem Volke für Brot geben dürfe . Das redliche Vorhaben erhellte ihm das etwas verdrossene Gemüt ; rüstigen Schrittes bestieg er die Anhöhen , die ihn noch von der Stadt trennten , und der lange Hochsommertag ließ ihn vor Sonnenuntergang die Scheitelhöhe erreichen , wo seiner eine seltsame Überraschung wartete . Auf einer frischgemähten Wiese , zum Teil von Gehölz umgeben , hatte der Wirt des nahen Hofes eine kleine Lustbarkeit aufgeschlagen , indem er im Schatten der Bäume einige lange Tische hinstellte und auf die Wiese einen großen Bottich umstürzte . Auf diesem saßen drei bescheidene Musikanten , die eine gemächliche Tanzmusik aufführten . Martin hatte die durch die stille Luft fast sehnsüchtig klingende Kunstlosigkeit schon ein Weilchen vernommen ; jetzt erblickte er ein junges Völkchen , welches in lockerem Ringe und freien Gruppen um den Bottich herumtanzte , ohne allen Lärm , im goldenen Abendschein , daß die verlängerten Schatten der Tänzer auf dem grüngoldenen Boden mitspielten . Salander ergötzte sich an dem Anblick . Ein Bild wie aus einer andern Welt ! dachte er , wie friedlich und grundvergnügt ! Was mag das nur für eine Gesellschaft sein ? Die meisten sind gut gekleidet , einige zierlich , andere schlichter ! Junge Mädchen , junge Knaben ! Aber wie erstaunte er , als er nähertretend seine eigenen Töchter erkannte , die jetzt , im Alter von achtzehn bis neunzehn Jahren , schlank und anmutig , an der Seite von jüngeren Knaben sich drehten , die nicht minder hübsch aussahen und schon hoch aufgeschossen waren , wie die Mädchen . Salander konnte nicht umhin , das erste Paar , Netti und ihren Knaben , mit den Blicken zu verfolgen und den muntern Tänzer näher ins Auge zu fassen . Es war , wie gesagt , ein feingelenker Bursche , dessen blonde Haarwellen im Sonnengolde flogen und schimmerten . Indem er dem Paare nachblickte , verlor er dasselbe aus den Augen und suchte daher das andere Mädchen , Setti , das er von weitem bemerkt hatte . Und soeben kam es herangeschwebt , aber , wie ihn dünkte , mit dem gleichen Jüngling , demselben Goldhaar , wie Netti . Die Wetterhexen haben schöne Anlagen ! fuhr es ihm durch den Sinn , die verstehen es ja schon vortrefflich , die Knaben auszuwechseln ! Da muß man doch ein wenig zusehen ! Er ließ das Pärchen vorbeigehen und schaute ihm genau nach , indessen von der andern Seite her wiederum Netti , immer mit dem gleichen Cherub zur Seite , anrückte , diesmal aber dicht vor ihm anhielt , da die Musik aufhörte . » Oh , da ist ja der Vater ! Hast du uns aufgesucht und gewußt , daß wir hier sind ? « rief die Tochter erfreuten Herzens . » Woher sollte ich es wissen ? Ich komme ganz zufällig daher ! Was ist das für ein Ball ? Ist Setti auch hier ? « » Natürlich ja , und die Mutter mit Arnold auch , die sitzen dort an einem der Tische ! Weil du gesagt hattest , du würdest mit dem letzten Zuge um zehn Uhr heimkehren , anerbot sie uns , auf den Berg zu gehen . « Salander wollte nun nach ihrem Tanzgesellen fragen , wer der junge Herr eigentlich sei ( der jetzt den Hut zum zweiten Male zog ) , als die Schwester mit dem ihrigen zur Stelle kam , so daß jener beide nebeneinanderstehen sah und sich noch mehr wunderte . » Das sind die Herren Isidor und Julian Weidelich , Schulkameraden von Arnold ! « erklärte die ältere Tochter . » Ei so ? « sagte Martin , ohne sich sogleich an den Vorgang am Brunnen im Zeisig zu erinnern , seit welchem wohl sieben bis acht Jahre mochten verflossen sein . » Auch vom Gymnasium ? « » Aber nicht von der gleichen Klasse , denn wir sind etwas jünger ! « sagte Julian ; » wir kommen nur in der Singstunde zusammen ! « » Also ein Paar Zwillinge , ohne Zweifel ! Und woher zu Haus ? « » Wir wohnen im Zeisig , nicht weit von der Kreuzhalde ! « Jetzt dämmerte es wie eine Erinnerung in Salanders Seele ; er sah nach und nach die rundlichen Bübchen mit ihren Schürzen , von denen freilich an den vor ihm stehenden Heranwüchslingen keine Spur mehr zu erkennen war . » Und was macht die Mama ? Lebt sie noch ? « fragte er weiter . » Sie ist auch dort am Tisch und ganz gesund ! « lautete die Antwort . » Das freut mich ! Und ihr jungen Leute wollt also auch studieren ? Und was , wenn man fragen darf ? « » Das wissen wir noch nicht ! Vielleicht die Rechte , einer vielleicht Medizin ! « sagte Julian ; Isidor fügte hinzu : » Wir können auch Professoren werden , wenn wir wollen , weil sie jetzt so hoch bezahlt werden , sagt die Mama ; nur sollten wir hierbleiben . « » Gut so ! « erwiderte Herr Salander ; » nun wollen wir aber doch sehen , wo die Mutter ist ! Kommt , Kinder ! « Die Töchter wiesen ihm den Weg , und die keineswegs schüchternen Jungen folgten ihnen auf dem Fuße , während die Musikanten eine neue Tanzweise anstimmten . Frau Marie war sehr froh , ihren Mann so unverhofft vor sich zu sehen . Sie saß , das Waldesgrün dicht im Rücken , unter einfach bürgerlichen Leuten , welche sich an den billigen Getränken und Speisen gelassen erquickten , an dünnem , aber gesundem Wein , süßer Milch , Bauernbrot , Kraut und Speckkuchen . Neben ihr saß die Frau Amalie Weidelich , so rüstig wie je , einem Kessel voll Lauge vorzustehen . Dabei gedieh sie offenbar vortrefflich ; denn sie war höchlich herausgeputzt , trug einen bunten Blumenhut und eine goldene Uhr an langer Kette auf dem Leibe . Das breite Gesicht glänzte kräftig gebräunt , und ein zarter Rosenton auf den Höhen der Wangen , des vollen Kinns und der Nase zeugte nur von dem Fleiße der Frau , die ein Haus voll Wäscherinnen und Plätterinnen zu regieren hatte und deren zahlreiche Erfrischungen in Wein wie billig vorkostete . Am frühen Wintermorgen , ehe die mächtige Kaffeekanne aufrückte , gab es sogar ein Gläschen Kirsch- oder Nußwasser . Sie begrüßte den Martin Salander sehr freundlich und ganz unbefangen . » Denken Sie , « rief Frau Weidelich , » wir haben gar nicht gewußt , daß wir vor Jahren einmal Nachbarn gewesen sind ! Nun sind ' s unsere Söhne in der Schule ! « Sie blickte mit Stolz auf die ihrigen und suchte dann wohlwollend den Salanderschen . » Arnold ist in das Holz hineingegangen , um Pflanzen zu suchen , « bemerkte Frau Salander , » geht , Mädchen ! und ruft ihn herbei , damit wir auch ans Aufbrechen denken können . Die Sonne dort geht bald hinab ! « » Das eilt ja nicht so , « versetzte Frau Weidelich , » wir haben ja Mannsleute genug bei uns ! Ja , ja , Herr Salander ! Ihr habt Eueren Weg tapfer gemacht und seid jetzt ein reicher Herr , wie ich glaubwürdig finde ! Aber nicht wahr , es freut einen nur , wenn man erfreuliche Kinder hat , an die man es wenden kann ? Gott sei Dank , uns geht es auch ordentlich ! Aber alles , was wir aufbringen , opfern wir unsern zwei Söhnen und ihren künftigen Tagen . Ich hoffe , sie werden es einbringen und von sich reden machen ; denn in der Lehre und allem , was nötig ist , soll es an nichts fehlen ! Wir hätten gerne im Zeisig ein neues Haus gebaut statt der alten Bauernhütte ! Aber nein ! sagten wir , es tut ' s noch , solange wir da sind , und wo die Söhne sich niederlassen und bauen werden , kann man ja noch gar nicht wissen . Also wollen wir lieber das Geld behalten und uns schicken ! « Sie wollte wieder einen Blick auf ihre Zwillinge werfen , fand sie aber nicht , weshalb ihre Augen dieselben sogleich suchten . Die zwei Salanderfräulein hatten ihren Bruder Arnold im Innern des Gehölzes nicht lang gesucht , sondern nur ein paarmal gerufen , und waren dann wieder unter die vorderen Bäume gekommen , wo sie , einander um die Hüften fassend , Schwesterliebe oder Mädchenfreundschaft darstellend , auf und ab spazierten , begleitet von den Zwillingen links und rechts . Die Mama Weidelich nahm den Aufzug wahr . » Seht doch ! « sagte sie gerührt , » wie lieblich die jungen Leutchen dort spazierengehen ! Man könnte glauben , es seien zwei Brautpärchen ! « » Ei freilich , warum nicht , « meinte Frau Salander lachend , » die Mädchen wären wenigstens alt genug für die Knaben , und zu wachsen brauchten sie auch nicht mehr ! « » Das hat nichts auf sich ! « rief wiederum die andere Mutter ; » meine Buben werden Bursche abgeben , aus denen man zwei machen kann vom Stück ! « Frau Marie fühlte sich von diesen Scherzen nicht angenehm berührt ; als sie daher nach den Kindern sah und bemerkte , wie dieselben im Begriffe waren , mit dem Beginne eines Walzers wieder nach der Mitte der Tanzwiese abzuschwenken , jede der Töchter am Arm eines der Zwillinge , stand sie rasch auf und holte sie ein . » Was fällt euch ein , Setti , Netti ! « rief