, oder die alte Bärbe mit ihrer Einfältigkeit ! So eine , wie die mit den Karfunkelsteinen , die wird sich wohl für nichts und wieder nichts in dem Gang da oben ' rumtreiben ! Es ist nicht das erste Mal , daß solch ein armes unschuldiges Kindchen nachgeholt wird - denkt an mich - mit unserem armen Gretchen geht ' s schief . « Bei diesen Worten legte sie die Gabel mit dem angespießten Bissen wieder hin und verhüllte ihr Gesicht mit der blauleinenen Schürze . - - Und wochenlang hatte die Küchenprophetin die schmerzliche Genugthuung , Tag für Tag mit gesteigertem Nachdruck auf das , was sie gesagt , hinweisen zu können . Bei all ihrem wirklichen Kummer dachte sie doch schon - ganz im stillen zwar , aber wehmutsvoll ausmalend - an den schönsten Blumenkranz , der zu haben , und an das goldgedruckte Karmen mit dem Namen » Barbara Wenzel « auf breitem , weißem Atlasband , als die tüchtige Natur des Kindes siegte , und eine plötzliche glückliche Wendung eintrat . Nun war wieder Sonnenschein im Hause . Herr Lamprecht , der in den Stunden der Gefahr fast nicht vom Bette des Kindes gewichen war , richtete seine gebeugte Gestalt auf , und in Blick und Gebärden brach sein feuriges Naturell wieder durch , ja , die Leute meinten , er habe in seinem ganzen Leben nicht so » siegerhaft « und herausfordernd ausgesehen , wie eben jetzt . Was aber die anderen im Hause freudig bemerkten , das erbitterte die alte Bärbe förmlich . Er hatte nämlich seinen Vorsatz , die spukhaften Appartements der verstorbenen Frau Dorothea für eine Zeit selbst zu bewohnen , ausgeführt ; auch der Korridor war durch eine Thüre vom Flursaal abgeschlossen worden . Für die alte Köchin war es fast noch schlimmer als eine Gotteslästerung , wenn sie ihn droben ungeniert die verblichenen Gardinen zurückziehen und in sündhafter Herausforderung an das Fenster treten sah . Von der huschenden weißen Frau sprach nun niemand mehr - natürlich ! - durch eine dicke Bohlenthüre konnte doch kein Christenmensch sehen ! Aber es wollte auch durchaus der Morgen nicht kommen , an welchem man den Herrn mit umgedrehtem Genick in seinem Zimmer fand - im Gegenteil , es war wie gesagt , als lebe er neu auf . Und der Großpapa , der in der » Unglücksnacht « , von Hermsleben kommend , gar nicht vom Pferde gestiegen , sondern gleich nach der Stadt weiter geritten war , er schäkerte und scherzte auch wieder in seiner derb jovialen Weise ; aber an dem Tage , wo sein Liebling zum erstenmal die ganzen Nachmittagsstunden außer Bett sein durfte , da brannte ihm doch der Boden unter den Füßen und er ritt auf und davon . Der infame Schreihals , das verzogene Beest in der oberen Etage jage ihn aus seinen eigenen vier Pfählen , sagte er noch lachend vom Pferde herunter ; und die Frau Amtsrätin stand oben am Fenster und streichelte ihren Papagei und reichte ihm mit zierlich gespitzten Fingern ein Stückchen Zucker . Zwei Tage nachher reiste auch Herr Lamprecht fort - auf lange , sagten seine Leute im Kontor . Die kleine Margarete sah verwundert in sein Gesicht , als er sich Abschied nehmend über sie bog und ihr die herrlichsten Dinge zu schicken versprach . So habe ich den Papa noch nie gesehen , so » schrecklich vergnügt « und so wunderlich mit seinen funkelnden Augen , meinte sie . » Das glaub ' ich gerne , « sagte Tante Sophie . » Er freut sich , daß sein kleiner Ausreißer wieder gesund ist , und wenn er die Geschäftstour hinter sich hat , dann geht er nach Italien und wohl noch weiter . Er will sich wieder einmal die Welt ansehen , und er hat recht ! Nach der Angstzeit ist ihm der Spaß zu gönnen - wir alle haben auf lange genug . Ja , Gretel , an den Bleichtag werd ' ich denken , so lange mir ein Auge im Kopfe steht ! « Und die Linden vor der Weberei hatten sich inzwischen sommerlich verdunkelt ; aus dem Rosenlaub leuchteten nur ganz vereinzelt , wie vom Himmel gefallene Blutstropfen , die Blüten des Jaqueminot , und auf den glitzernden Wassern des Brunnenbassins schwammen schon die ersten herabgewehten herbstgelben Blättchen , als die kleine Genesene ins Freie entlassen wurde . Es war vieles anders geworden ; am verwunderlichsten aber war es doch , daß der Papa da oben gewohnt hatte , wo nun , nach seiner Abreise , gerade heute gründlich gelüftet wurde . Die Fenster standen weit offen , man sah die wundervolle Malerei am Plafond des großen , dreifenstrigen Wohnzimmers , und im anstoßenden Gemach den Baldachin eines grünseidenen Himmelbettes . Und auf den Fenstersimsen standen und lagen behufs des Abstäubens allerhand moderne Gegenstände , Rauchutensilien , Statuetten , Albums und ganze Stöße von Zeitungen - Herr Lamprecht hatte sich die verfemten Räume vollkommen wohnlich und nach Bedürfnis eingerichtet . Die Kleine sah nachdenklich hinauf - aus dem Zimmer mit dem herrlichen Deckengemälde war die Verschleierte geschlüpft , es war die zweite der Thüren im Korridor gewesen , hinter welcher der kleine Fuß im zierlichen Hackenschuh zum Vorschein gekommen war . Seit sie wieder gesund war , wußte sie das alles ganz genau ; allein sie sprach nicht mehr darüber , aus Verdruß , weil niemand auf ihr Fragen und Erzählen einging - sie wußte ja nicht , daß die Aerzte erklärt hatten , die » Vision « im Korridor sei bereits der Ausbruch ihrer nervösen Krankheit gewesen . Und so wurde der ganze Vorgang mit seinen unglücklichen Folgen totgeschwiegen , wie auch nie wieder ein Wort über das Unterbringen der » unmanierlichen Grete « in einem Institut verlautete ... Auf dem offenen Gang des Packhauses war es auch totenstill ; nur der lustige Sommerwind fuhr manchmal durch das grünschuppige Geschlinge des Pfeifenstrauches , stäubte es mutwillig auseinander und erregte ein flüsterndes Geplapper der zurückfallenden Blätterzungen ... In der hübschen Stube voll Resedadüfte aber saß gewiß die Frau mit dem lieben zärtlichen Muttergesicht und trauerte ; denn die schöne Blanka war nun auch fort ; sie war heute früh abgereist und » wohl wieder in Kondition nach dem weltfremden Engelland gegangen « , wie Bärbe heute morgen zu Tante Sophie gesagt hatte ; und darüber war die kleine Margarete aus ihrem halben Morgenschlafe emporgefahren und hatte still , damit die Tante und Bärbe es nicht hören sollten , in ihr Kissen hinein geweint . In diesem Augenblick aber , wo Reinhold in das Haus gegangen war , um seinen Baukasten zu holen , und das kleine Mädchen allein unter den Linden saß , kam die alte Köchin über den Hof her , die Hand unter der Schürze , und mit einem wahren Inquisitorenblick die Fenster der obersten Etage im Vorderhause streifend . » Fräulein Sophie weiß drum und will , daß ich dir ' s geben soll , Gretchen ; aber die Frau Amtsrätin braucht ' s nicht gerade mit anzusehen , « sagte sie . » Wie du krank warst , da hat das schöne Mädchen dort auf dem Gange gar manchmal stundenlang auf mich gelauert , weil ich ihr immer sagen mußte , wie es gerade um dich stand . In den Hof ' runter gekommen ist sie kein einziges Mal , so lange sie auch dagewesen ist - du lieber Gott , freilich , dein Papa und die Großmama sind stolze Leute und leiden keine Zuthulichkeit und Dreistigkeit - nun aber heute in aller Frühe , wie ich das Kaffeewasser am Brunnen holte , da kam sie über den Hof her , schon im Schleierhut und mit der Reisetasche , und blaß wie der Tod und konnte aus keinem Auge sehen vor Weinen , weil ' s ja gerade fortgehen sollte in die weite Welt . Und sie sagte , ich sollte dich vieltausendmal grüßen und dir das geben . « Sie zog die Hand unter der Schürze hervor und legte ein kleines , weißes Paket auf den Gartentisch - jubelnd zog die Kleine ein gesticktes Margaretentäschchen aus dem Papier . » Still , still , Gretchen - mußt nicht so schreien ! « mahnte Bärbe . » Das war gar eine eigene Geschichte heute früh , und schön war ' s nicht von der Frau Amtsrätin , nein - alles was recht ist , sag ' ich immer ! - ' s ist ja doch kein Unglück , wenn der junge Herr Herbert auch gerade in dem Moment mit seinem Trinkglas ' runter an den Brunnen kommt , wie er es ja jeden Morgen die ganzen letzten Wochen gethan hat ! Er sah ganz krank aus , wie eine Leiche , und kam auf das Mädchen zu - ich glaube , er hat was sagen wollen , vielleicht glückliche Reise oder sonst eine Höflichkeit ; aber da stand auch schon die Frau Amtsrätin da , hat noch das Nachtmützchen aufgehabt , und der Schlafrock hat ihr um den Leib gehangen , als ob sie geradewegs aus dem Bette hineingefahren sei ; und Augen hat sie gemacht , als wollte sie das Mädchen aufspießen . Die hat sich aber nur tief vor ihr verneigt und ist zu ihren Eltern gegangen , die im Thorweg auf sie gewartet haben - weißt du , Gretchen , unsere Frau Herzogin kann sich nicht stolzer und vornehmer haben als die Malerstochter , von der Schönheit gar nicht zu reden ; und es kann wohl sein , daß das Stolze an ihr deine Großmama geärgert hat , denn eh ' ich nur recht wußte wie , hat sie das Papier in meiner Hand aufgerissen und hineingeguckt . » Fürs Gretchen ist ' s , Frau Amtsrätin ! sag ' ich . » So ? sagt sie ganz laut und böse . Wie kömmt denn Fräulein Lenz dazu , meiner Enkelin ein Andenken zu schenken ? Und das hat das arme Mädchen noch in ihre Ohren hineingehört und Vater und Mutter auch ... Und den jungen Herrn hat ' s gerade so gedauert wie mich - er hat schreckliche Augen gemacht und ist ins Haus gestürmt ... So , das war die Geschichte , Gretchen ! Die Frau Amtsrätin wollte mir zwar das Paketchen partout wegnehmen , aber ich hab ' Fersengeld gegeben , und Fräulein Sophie sagt , sie sähe gar nicht ein , warum du das Täschchen nicht tragen solltest . « Sie ging wieder in ihre Küche , und die kleine Margarete sann und grübelte . Das Herz that ihr weh , und Zornesthränen stiegen ihr auf , weil die guten Leute im Packhaus gekränkt worden waren . Und Bärbe hatte recht , Herbert sah ganz anders aus , so blaß und so schrecklich ernsthaft ; er sprach mit niemand mehr , nicht einmal mit Reinhold , der doch sein Liebling war . Ja , die Großmama ! Sie konnte manchmal so furchtbar strenge Augen machen , und davor fürchtete sich der große Primaner Herbert auch - das hatte die Kleine wohl bemerkt ... Aber es half doch alles nichts , und wenn die Großmama noch so sehr zankte und noch so schlimme Augen machte , sie trug das Täschchen doch , sie trug es alle Tage , auch wenn einmal der Papa von seiner Reise zurückkam und sie ausschalt ; denn stolz war er , der Papa , vielleicht noch schlimmer als die Großmama ; das hörte man an seinem barschen Ton , wenn er Befehle gab , und außerdem sprach er nie mit den Arbeitern , die unter ihm standen . Auch die Malersleute waren ihm zu gering ; er sah immer so aus , als wisse er gar nicht , daß jemand im Packhaus wohne , und auf dem offenen Gange mochte sein , wer wollte , er grüßte nie hinauf . An dem Unglücksabend war er ja auch nicht in das Haus gegangen und hatte lieber im dunklen Hofe gewartet , bis sie herausgebracht worden . Nur während ihrer Krankheit hatte er nicht stolz ausgesehen ; sie hatte ihm sogar , als es besser mit ihr ging , und er allein an ihrem Bett gesessen , von der hübschen Stube im Packhaus erzählen dürfen , und von dem schönen Mädchen , wie es so weiß und mit offenem Haar vom Gange hereingekommen , wie es ihren Kopf so fest an die Brust gedrückt habe , daß ihr das weiche , dicke Haar ganz schwer über das Gesicht gefallen sei . Und da hatte der Papa gar nicht gezankt - er war ganz still gewesen ; er hatte sie auf die Stirn geküßt und gerade so fest an sein starkpochendes Herz gedrückt , wie es die schöne Blanka gethan . Und darüber verwunderte sie sich heute noch ... 7 Die Stadt B. war nicht die Residenz des Landes ; aber ihre schöne , gesunde Lage machte sie zum bevorzugten Sommeraufenthalt des regierenden Herrn , trotzdem das Schloß , auch in seinem Aeußeren nichts weniger als imposant , für eine größere Hofhaltung kaum den nötigen Raum bot ... In den letzten drei Jahren übrigens machte sich » das nahe Zusammenrücken « der Sommergäste im Schlosse nicht mehr so nötig - die beiden schönen Prinzessinnen waren , kaum dem Kindesalter entwachsen , weggeholt worden und hatten , selbst für Prinzessinnen , glänzende Partieen gemacht , und der Erbprinz befand sich auf Reisen . Ob nun bereits der Wonnemond durch weiche Lüfte und süße Düfte seine köstlich klingende Bezeichnung verdiente , oder ob er , noch über liegengebliebene Schneefelder der Berggipfel einherziehend , einen rauhen Aprilatem in die letzten , zum flachen Land auslaufenden Thäler des Thüringer Waldes hineinblies , gleichviel - pünktlich mit dem fünfzehnten Mai rückte alljährlich die Wagenkolonne aus der Residenz in das hübsche B. ein , und bald darauf sah man die Schlöte des Schlosses gastlich dampfen , die wohlbekannte Livree der herzoglichen Bedienten tauchte in den Straßen auf , und vor den vornehmsten Häusern hielt dann und wann eine Equipage - die Hofdamen machten Besuche . Auch das Lamprechtsche Haus war eines der wenigen bürgerlichen , denen diese Auszeichnung widerfuhr - die Frau Amtsrätin Marschall war heute noch so wohlgelitten bei Hofe wie vor zehn Jahren ; denn volle zehn Jahre waren verstrichen seit jenem unglückseligen Bleichtag , an welchem die kleine Margarete aus Furcht vor dem Institut nach Dambach gelaufen war . Die herzogliche Gnadensonne bestrahlte selbstverständlich auch alles , was der alten Dame verwandtschaftlich nahe stand ; so zum Beispiel wurde jetzt die Firma Lamprecht und Sohn durch einen Kommerzienrat repräsentiert , den einzigen der Stadt B. , denn Serenissimus kargte sehr mit diesem Titel-Geschenk . Herr Balduin Lamprecht war auch gegen die seltene Auszeichnung durchaus nicht unempfindlich ; seine Geschäftsfreunde behaupteten , er trüge seine Nase so hoch , daß kaum noch mit ihm auszukommen sei . Früher habe er doch wenigstens verbindliche Manieren gehabt , aber auch die seien untergegangen in einem abstoßend finsteren Hochmut . Seit Jahren hatte ihn niemand mehr lächeln sehen . Er reiste viel in Geschäften und war thätig , wie kaum in den ersten Jahren seiner Selbständigkeit ; aber wenn er heimkam , da wurde es förmlich dunkel im Hause , da sanken die Stimmen der Untergebenen zum Flüstern herab , in aller Mienen lag ängstliche Spannung , und die Fußtritte klangen gedämpft , als fürchte jedes , einen in irgend einer Ecke lauernden bösen Geist aufzuscheuchen . » Die leidige Hypochondrie - ein Lamprechtsches Erbstückchen ! « sagte achselzuckend der Hausarzt im Hinblick auf die düstere Stimmung des Heimgekehrten , der sich oft tagelang einschloß . » Tüchtig Wassertrinken und Holzsägen , das wäre am Platze ! « Und die Frau Amtsrätin nickte eifrig mit dem Kopfe dazu - einzig und allein das alte Erbübel war ' s - sonst absolut nichts ! - Tante Sophie aber lächelte ingrimmig , wenn ihr dieser salomonische Ausspruch zu Ohren kam . » Jawohl , sonst absolut nichts ! « pflegte sie ihn ironisch zu bekräftigen . » Beileibe nicht etwa das bißchen Sehnsucht nach einem richtigen Familienleben - ei bewahre ! Der Mann muß ja Gott danken , daß er einmal vor so und so viel Jahren eine Frau gehabt hat , und kann nun bis an sein seliges Ende von der Erinnerung zehren ... Der Fanny muß doch die letzte Bosheit der seligen Judith gar zu gut gefallen haben , weil sie ' s gerade so gemacht hat . Na meinetwegen , ich wollte nichts sagen , wenn sie dem armen Kerl , dem Witwer , wenigstens ein paar stramme Buben hinterlassen hätte ; aber der Reinhold , das Angstmännchen - du lieber Gott , dem sah man ' s ja schon im Wickel an , daß es irgendwo haperte ! « Reinhold Lamprecht war in der That das Angstkind des Hauses verblieben . Er litt an einem Herzfehler , der ihm jede geistige und körperliche Anstrengung verbot . Er selbst fühlte die Entbehrung aller schönen Jugendfreuden wohl kaum , denn sein ganzes Dichten und Trachten ging im Geschäft auf . Wenn aber der Kommerzienrat den langen , bleichen , dünnen Zahlenmenschen mit der kühlen Gemessenheit eines Greises am Schreibtisch stehen sah , unbekümmert ob draußen Blütenschnee von den Bäumen flog oder wirkliche winterliche Flocken vor den Scheiben wirbelten , da ging es wie Zorn und Grimm durch seine Züge , und ein bitter verächtlicher Blick streifte das Häuflein Gebrechlichkeit , welches dereinst das Haus Lambrecht repräsentieren sollte . Aber er sprach nie darüber ; er ballte nur im stillen krampfhaft die Faust , wenn die Frau Amtsrätin sich freute , daß die vornehme Ruhe der seligen Fanny in so frappanter Weise auf den Sohn übergegangen sei . Und eigentlich kränklich war der Stammhalter der Lamprechts nach ihrem Dafürhalten absolut nicht - Gott behüte ! Er war nur zarter , empfindlicher Konstitution - eine Frau wie Fanny konnte selbstverständlich nicht die Mutter von robusten Bauernkindern gewesen sein . Margarete war ja auch bleich und schmächtig , aber kerngesund . Man mußte nur ihre Reisebriefe lesen - das Mädchen ertrug ja Strapazen und Anstrengungen wie ein Mann ! ... Diese Bravourstücke waren übrigens durchaus nicht nach dem Geschmack der alten Dame ; der Entwickelungsgang der Enkelin mißfiel ihr gründlich . Ein langjähriger Aufenthalt in einem vom Adel frequentierten , etwas orthodox angehauchten Pensionat , dann Vorstellung bei Hofe , und nach einigen Jahren der Auszeichnung und des Triumphes als Abschluß eine gute Partie - so mußte eigentlich die Jugendzeit der einzigen Tochter eines reichen Hauses verlaufen . Aber schon der Plan bezüglich des Institutes hatte ja an Margaretens Trotzkopf scheitern müssen , und das Mädchen war zum stillen Aerger der Großmama bis über das vierzehnte Lebensjahr in seiner » entsetzlichen Urwüchsigkeit « verblieben . Dann war allerdings ein plötzlicher Umschwung eingetreten . Die jüngere Schwester der Frau Amtsrätin war an einen Universitäts-Professor verheiratet , dessen Name einen weithin geltenden Klang hatte . Er war Historiker und Archäolog , und da ihm bedeutende Mittel zur Verfügung standen , so reiste er viel , um für seine wissenschaftlichen Werke aus den Quellen selbst zu schöpfen , und dabei war ihm seine Frau ein treuer Kamerad - Kinder hatten sie nicht . Nach langem Aufenthalt in Italien und Griechenland waren sie nun auch wieder einmal in die Heimat zurückgekehrt , und die Frau Amtsrätin hatte sich glücklich geschätzt , die Durchreisenden auf einige Tage beherbergen zu können , denn sie war sehr stolz auf den Ruhm ihres Schwagers . Am ersten Tage war der » unmanierliche Backfisch « , die Grete , für die zürnende Großmama nicht zu finden gewesen - wer mochte denn auch einem hochnotpeinlichen Verhör so geradewegs in die Hände laufen ? - Der famose gelehrte Großonkel in Berlin hatte dem Mädchen von jeher einen gelinden Schauder über die Haut gejagt . Das war so einer , der die unglücklichen Schulkinder einfing , sie zwischen seine Kniee klemmte und examinierte , bis sie vor Angst schwitzten . Gesehen hat sie ihn nie ; aber er war selbstverständlich lang und steif wie ein Stock , lachte nie und sah mit strengen stechenden Augen durch große , runde Brillengläser . Am zweiten Morgen aber hatte sie sich im Flursaal , einer offenen Salonthüre schräg gegenüber , hinter dem Büffett verkrochen - Professors frühstückten beim Papa . Und sie hatte große Augen gemacht ; denn der schöne alte Herr konnte lachen , wirklich so recht aus Herzensgrunde lachen . Er hatte einen herrlichen , weißen , bis auf die Brust herabwallenden Vollbart und dazu prächtige helle Augen ohne Brillengläser . Und wie ein Junger hatte er das Glas mit dem funkelnden Goldwein gehoben und einen schalkhaften Toast ausgebracht . Dann hatte er von den Schliemannschen Ausgrabungen auf dem Berge Hissarlik erzählt , und sehr verwunderlich war es dabei gewesen , daß seine Frau , die Großtante mit dem glatt gescheitelten , vollen Grauhaar über dem klugen Gesicht , auch drein gesprochen , und zwar ganz mit demselben Verständnis wie der große Gelehrte . Ja , eine weite wunderherrliche Welt voll alter , versunkener und nun wieder erstehender Geheimnisse hatte sich da aufgethan , und die lauschende junge Unwissende hinter dem Büffett hatte sich allmählich aus ihrer kauernden Stellung aufgerichtet ; dann war es gewesen , als schleiche ein leiser , nachtwandelnder Fuß über den Flursaal her , bis das langaufgeschossene Mädchen unsicheren Blickes , in fluchtbereiter Haltung , aber im atemlosen Hören die verschränkten Hände auf die Brust gepreßt , unter der Salonthüre erschienen war ... » Meine Grete - ein scheuer Vogel , wie Sie sehen ! « hatte der Papa mit der Hand nach ihr hingewinkt und damit den Zauber gebrochen . Im panischen Schrecken war der scheue Vogel von der Schwelle geflohen , hatte , verfolgt von einem vielstimmigen heiteren Gelächter , die Flursaalthüre klirrend hinter sich zugeschlagen und war die Treppe hinab mehr gestürzt als gelaufen . Allein Flucht und trotziger Widerstand hatten nichts mehr genützt , die wilde Hummel hatte sich rettungslos auf ein fremdes Gebiet verflogen ; Lernbegierde und Wissensdurst waren in der jungen Seele erwacht und hatten sie immer wieder zu Füßen der Erzähler geführt , und als nach acht Tagen der Wagen vor dem Lamprechtschen Hause gehalten hatte , um die Fortreisenden nach der Bahn zu bringen , da war auch die » unmanierliche Grete « in Schleierhut und Reisemantel aus der Hausthüre getreten , verweinten Gesichts zwar und den letzten Jammerlaut eines schweren Abschiedes auf den Lippen - aber man hatte sie mit nichten in den Wagen schleppen müssen , und sie hatte auch nicht geschrieen , daß die Leute auf dem Markte zusammenlaufen mußten , fest entschlossen und freiwillig war sie mitgegangen , um bei Onkel und Tante zu lernen und sie auf ihren Reisen zu begleiten . Darüber waren fünf Jahre hingegangen . Margarete war neunzehnjährig geworden und hatte das väterliche Haus nicht wieder gesehen . Ihre Verwandten , vorzüglich den Papa , hatte sie in der langen Zeit öfters , teils in Berlin , teils auf Reisen bei verabredeten Rendezvous gesehen , und in den letzten zwei Jahren waren die Besuche der Großmama in Berlin immer häufiger geworden ; sie wollte die Enkelin heimholen ; allein Onkel und Tante zitterten bei dem Gedanken an eine Trennung , und das junge Mädchen selbst verspürte nicht die geringste Lust , sich am heimischen Hofe vorstellen zu lassen , und so mußte die Frau Amtsrätin zu ihrem bittersten Verdruß immer wieder allein zurückreisen . Tante Sophie war , außer Herbert , die einzige der Familie gewesen , die sich ein Wiedersehen mit » der Gretel « hatte versagen müssen . Nein , das sollte ihr einmal niemand nachsagen können , daß sie um einer Freude , eines Herzensbedürfnisses willen den Haushalt je , auch nur für ein paar Tage , im Stiche gelassen hätte ! Es ging eben nicht und ließ sich vor dem Gewissen nicht verantworten , und da hatte das dumme , alte Herz mit seiner Sehnsucht absolut nichts drein zu reden ... Nun machte sich aber der Ankauf neuer Teppiche und Portieren für die » guten Stuben « durchaus nötig , und Tante Sophiens Pelzmantel verlor , trotz Steinklee und Pfeffer , seit Jahren die Haare - er mußte pensioniert werden . Ein neuer Pelzmantel war aber ein teures Stück , das konnte man nicht nur so verschreiben und wie die Katze im Sacke kaufen , ebensowenig wie die kostbaren Teppiche und Portieren ; da hieß es gleich vor die rechte Schmiede gehen , und deswegen dampfte Tante Sophie - viel eiliger , als es nötig , aber doch nur » aus wirtschaftlichen Rücksichten « - eines Tages nach Berlin und stand plötzlich unter strömenden Freudenthränen in Margaretens Mädchenstübchen . Und was alle bittenden , süßen und strengen Worte der Frau Amtsrätin nicht vermocht , das that der Anblick der unvergessenen mütterlichen Pflegerin ; eine heiße Sehnsucht wallte in dem jungen Mädchen auf - sie wollte heim auf einige Zeit , heim , um über Weihnachten zu bleiben ; Tante Sophie sollte ihr , wie einst dem Kinde , den Christbaum in der trauten Wohnstube anbrennen . Und so wurde verabredet , daß sie in der Kürze der heimkehrenden Tante folgen solle , aber ganz im stillen , niemand durfte es wissen , Papa und Großpapa sollten überrascht werden . - So geschah es an einem stillen , milden Abend zu Ende des Septembers , daß die junge Dame , zu Fuße von der Bahn kommend , den Thürflügel des Packhauses hinter sich schloß und einen Augenblick lächelnd unter dem dunklen Thorweg stehen blieb - sie schien noch auf das Knarren und Aechzen des alten Holzgefüges zu horchen , obschon es sofort verhallt war . Gerade diese Laute hatten in ihr Kindesleben hineingeklungen , so weit sie zurückdenken konnte , in ihre Spiele im Hofe und oft noch aufschreckend in das süße Hindämmern des ersten Schlafes hinein . Und wie oft hatte Tante Sophie erzählt , daß gerade durch dieses Thor , Jahrhunderte hindurch , die Leinenfrachten , dieses goldbringende Handelsgut der Lamprechts , in die Welt hinausgegangen waren ! Das hatte die wilde Hummel damals nicht sonderlich interessiert ; jetzt aber flog ihr Blick unwillkürlich empor , als müsse er , trotz der Dunkelheit , an der Steinwölbung noch die Spuren der hochgetürmten Planwagen finden können . In welchem Lichte erschien ihr überhaupt jetzt der stille Hof des alten Patrizierhauses , seit sie durch Studium und belehrende Reisen sehenden Auges geworden war ! ... Wie festgebannt blieb sie stehen , nachdem sie mit erregt pochendem Herzen einige Schritte vorwärts gelaufen . Unter ihren Füßen raschelte dürres Laub ; die mächtig gewachsenen lieben Linden hatten bereits zum größten Teil die Blätter abgeworfen , und hinter den Stämmen dunkelten die Mauern des uralten Weberhauses . Heute , wie an jedem Abend , kam der starke Lichtstrom der großen Wandlampe drüben aus den Küchenfenstern ; er legte sich breit über den Hof hin , beschien grell wie immer seitwärts ein ganzes Stück des anstoßenden spukhaften Flügels und hob das mächtige , steinerne Brunnenbecken inmitten des Hofes weiß aus dem Abenddunkel . Und jenes beleuchtete Stück Fassade des zwischen das Packhaus und das große nüchterne , stillose Vorderhaus geklemmten Seitenbaues zeigte zur Ueberraschung der Heimkehrenden den edelsten Renaissancestil , und die Steinfigur , die sich hoch über den vier wasserspendenden Brunnenröhren hell bestrahlt erhob , und nach welcher einst Herbert und später auch Reinhold mit Kieseln geworfen , sie war eine feingegliederte Brunnennymphe vom schönsten Ebenmaße - jeder der vandalischen Steinwürfe von damals entrüstete in diesem Augenblick noch nachträglich die junge Kunstverständige ... » Die Thüringer Fugger « hatten die Kauf- und Handelsherren Lamprecht einst um ihres Reichtumes willen im Volksmund geheißen - in dem Erbauer des Seitenflügels mit dem dazu gehörigen Brunnen hatte aber auch etwas von dem Kunstsinn der berühmten Augsburger Leineweber gelebt , nur daß er seine Schöpfung , in herber , stolzer Verschmähung alles Rühmens und Preisens , der Oeffentlichkeit entzogen und sie lediglich zur eigenen Augenweide und Befriedigung in der Verborgenheit aufgerichtet hatte . So war es recht ! Die Tochter des alten Hauses hatte auch ihre Dosis Bürgerstolz im Blute mitbekommen - er trug in diesem Moment der Heimkehr seinen Teil an dem freudig erregten Schlag ihres Herzens . O ja , so ein ganz klein wenig » hochmütig « war man ! ... Von der Brunnenfigur hinweg glitt ihr Blick über die Küchenfenster und sie empfand eine helle Wiedersehensfreude und lachte in sich hinein - da war freilich von griechischen Linien nicht die Rede ; Bärbe tauchte aus der Tiefe der Küche auf und trat in den hellen Lampenschein . Sie war noch ebenso bärenhaft vierschrötig und ungeschlacht wie ehemals ; das dünne , graue , um den Kamm gewickelte Zöpfchen am Hinterkopf hatte sich in seiner Position ausgezeichnet konserviert , und das Mundwerk ging flott wie immer - einzelne Laute ihrer spröden Stimme kamen durch das offene Fenster . Es ging überhaupt sehr lebhaft zu in der Küche . Verschiedene Hände mußten beschäftigt sein , das Geschirr abzuwaschen , denn es klirrte und klapperte ohne Aufhören ; Bärbe und der Hausknecht trockneten die Teller , und ein hübscher junger Bursch in feiner Livree ging eilfertig ab und zu . Ohne Zweifel war Diner im Hause . Margarete hatte schon beim Heraustreten aus der finsteren Thorwölbung durch die Flurfenster gesehen , daß droben in der Bel-Etage , im großen Salon , der Kronleuchter brannte . Das überraschte sie nicht ; Tante Sophie hatte ihr bereits in Berlin gesagt , daß jetzt immer » etwas los sei « zu Hause ; zwischen den Leuten bei Hofe und Amtsrats sei große » Herrlichkeit « , und der Papa sei dadurch ein gar gesuchter Mann - und die braunen Augen hatten dabei lustig gezwinkert ... Ei nun , da war ja die beste Gelegenheit , sich die Herrlichkeit in Bausch und Bogen zu besehen , ohne sich selbst sehen zu lassen ,