Anfluge von Überlegenheit das Wort . » Blind . Bin ich es denn ? Du verkennst mich beständig , Judith , indem du meine Fehler entweder übertreibst oder sie vielleicht auch in aller Aufrichtigkeit größer siehst , als sie sind . Sieh , ich habe lange den Eitelkeiten dieser Welt gelebt und dabei vieles nicht gesehen , was ich nicht sehen wollte . Wer aber sein Auge schließt , ist noch nicht blind . Ich weiß genau , was siebenzig Jahre bedeuten und daß sie der Zypresse näher stehen als der Rosenlaube . Der Sprosser im Fliederbusch hat für mich ausgeschlagen . Ich weiß das . Glaube mir , Judith . Und weil ich es weiß , so bitt ich dich aufrichtig , erspar es mir , mich in meinen alten Tagen noch auf irgendwelchem Liebesweg oder wohl gar in Erwartung ausstehender Zärtlichkeiten ertappen zu wollen . Laß dir sagen , wie ' s liegt . Ich habe das Einsamkeitsleben satt und habe vor allem auch die Mittel satt , die sonst dazu dienen mußten , dieser Einsamkeit Herr zu werden . Es ist mir klargeworden , daß man die Leere nicht mit Leerheiten ausfüllen oder gar heilen kann , und so steh ich denn vor einem neuen und nach einer sehr entgegengesetzten Seite hin liegenden Ausfüllversuche . Du hast es gut gehabt und hast unter Feßlers Assistenz dein Lebensmanna in der Kirche gefunden , und etwas von wirklicher Himmelsfreude hat dein irdisch Dasein durchleuchtet . Ich weiß wohl und weiß es alles Ernstes , daß dergleichen ein Glück ist ; aber ich habe nicht das Talent dafür und muß mich mit etwas Irdischerem und Alltäglicherem behelfen . Jeder sucht das Glück auf seine Weise ... « » Und findet es doch nur da , wo es wirklich liegt ... « » Ich bitte dich , Judith , nicht das ; nichts aus diesem Tone ... Begreiflicherweise liegt es mir sehr fern , dich gerad in diesem Augenblicke herausfordern zu wollen , denn ich bedarf deiner Unterstützung , aber was du da für mich hast und mir hinwirfst , das sind Münzen , die der Bettler aufsucht , nicht ich . Es gibt nichts , das mich so nervös machte wie Gemeinplätze , darüber , um ihre Dürftigkeit zu verbergen , irgendein Segen mit irgendeinem Aplomb ausgesprochen wurde . Viel , viel mehr als derartig abständige Christlichkeiten bedeuten mir in diesem Augenblick ein paar heidnische Gottheiten dritten Ranges , kleine Göttinnen , in betreff deren ich nicht einmal weiß , ob sie mythologisch verbürgt und nicht vielleicht bloß Geschöpfe meiner eigenen Erfindung und Ernennung sind . « » Und die wären ? « » Erst die Göttin der Zerstreuung , dann die der Beschwichtigung und Einlullung und endlich die der Plauderei . Das wären so drei , die meiner Not am meisten entsprechen und mir vielleicht aufhelfen würden . Glaube mir , Judith , ich sehne mich nach Rast und Ruhe seit Jahren schon , aber jedesmal , wenn ich sie zu haben vermeinte , summte mir eine Fliege durchs Zimmer und störte mich . Und sieh , diesen Störenfried meiner Ruhe , der in beständiger Metamorphose heute diese und morgen jene Gestalt annimmt , diese böse Fee möcht ich mir durch eine gute Fee verscheuchen , am liebsten aber wegplaudern lassen . Und das kann niemand besser als sie . Sie hat den guten Verstand der Norddeutschen und übt die Kunst der Erzählung und Causerie wie keine zweite . War es nicht gestern erst , als gingen wir mit ihr an dem Bollwerk entlang und sähen die Giebel und Mastspitzen und die hereinbrechende Flut ! Und dazu welche Stimme ! Mein Ohr horcht auf jedes Wort , das sie spricht , und du mußt dir ' s vorstellen , als hätt ich eine beständige Sehnsucht nach einer Melodie . « Die Gräfin lächelte . » Weißt du , wie du sprichst , Adam ? Ganz nach Art eines Prinzen , der einen Vorleser oder , wenn ' s hoch kommt , einen Cellospieler sucht . « » Und doch such ich weder den einen noch den andern , und der Fehler in deinem Vergleiche , Judith , ist einfach der , daß du den tiefen und geheimnisvollen Unterschied übersiehst , der in dem Gegensatz der Geschlechter liegt . Auch für den noch , der mit Hülfe seiner Jahre mit dem kleinen , pausbackigen Gott und seinem Gefolge längst abgeschlossen hat . Ein klug schwatzender Vorleser , den ich herbeiklingle , wäre mir rundheraus ein Greuel , eine Gräfin Petöfy aber , die mir ein Romankapitel vorliest oder ein Chopinsches Notturno vorspielt , der küß ich die Hand . « » Und wie glaubst du nun , daß sich Franziska zu solchem Antrage stellen wird ? « » Das sollst du von ihr erfahren . Eben deshalb mache ich dich zu meiner Vertrauten . « » Und wenn sie nun ja sagt , was glaubst du , daß daraus wird ? « » Mein Glück . « » Erkauft durch das ihre . Denn junges Blut will junges Blut , und was sie dir bringt , ist ein Opfer . « » Ein Opfer ? Wer verlangt das ? Ich nicht . Du verkennst mich beständig , auch hier wieder , auch wieder in diesem Punkte ; denn alles , was dir bloß egoistische Laune dünkt , ist ein Kalkül , der auch das Recht des andern scharf mit in Berechnung zieht . Opfer ! Es soll umgekehrt ein Verhältnis werden , das sich auf vollkommener Freiheit aufbaut , ein Ehepakt , der statt der Verklausulierungsparagraphen ein einziges weißes Blatt hat . Carte blanche . Ja , Judith , laß mich das Wort wiederholen . Wir sind unter uns und dürfen uns vielleicht um unserer Stellung und unserer Jahre willen gestehen , daß wir über Alltagsbegriffe , die schließlich doch immer nur Lüge verdecken , einigermaßen hinaus sind . « Judith lächelte . Der alte Graf aber übersah es oder nahm es auch wohl als Zustimmung und fuhr deshalb , immer lebhafter werdend , fort : » Ich habe mich zu Feierlichkeitsbetrachtungen angesichts dieser Dinge nie heraufschrauben können . Es hänge die Welt daran , versichern einige mit Emphase , was mir immer nur ein Beweis sein würde , daß die Welt an etwas sehr Inferiorem hängt . Rundheraus , all das sind Erwägungen und Betrachtungen aus der Sphäre von Gevatter Schneider und Handschuhmacher . In der Obersphäre der Gesellschaft bestimmt die Politik und unter Umständen auch die bloße Lebenspolitik die Heiraten und Bündnisse , Bündnisse , bei deren Abschluß es noch jederzeit fernegelegen hat , dem Herzen seine Wege vorschreiben zu wollen . « » Aber doch der Pflicht . « » Nun wohl , der Pflicht . Aber was ist Pflicht ? Was wir so kurzweg als Pflicht bezeichnen , zerfällt wieder in Einzelpflichten , in betreff deren es Sache des Übereinkommens bleibt , welche gelten sollen und welche nicht . Ich habe nicht vor , auf alle zu verzichten , aber doch auf viele . Weiß ich doch , daß sie jung ist . Und sie soll jung sein und Freude haben und jede Stunde genießen . Oder glaubst du , daß ich jemals Lust bezeigen könnte , zu den Traditionen der eingemauerten Nonne zurückzukehren ? Umgekehrt , es würde mich glücklich machen , sie von unseren besten Kavalieren umworben und unser altes Schloß Arpa zum Minnehof à la Wartburg erhoben zu sehen . Ja , Judith , meine Phantasie schwelgt in solchen Bildern und Vorstellungen . Ich höre schon den Marsch aus dem Tannhäuser und sehe Perczel oder gar den alten Szabô sich als Wolfram von Eschenbach vor ihr verbeugen . Ein heiteres Leben will ich um mich haben , ein Leben voll Kunst , voll Huldigung und Liebesfreude . Was daneben zu wahren bleibt , das heißt Dekorum . Nichts weiter . Anstoß geben oder geben sehen ist mir gleich unerträglich ; mais c ' est tout . Diskretion also , Dekorum , Dehors . « » Und mit diesen Vollmachten ausgerüstet , soll ich die Frage tun und die Verhandlungen führen ? « » Ja . Willst du ' s ? « » Ich will es , weil ich es wollen muß und weil mein Widerspruch in deinen Entschließungen nichts ändern würde . Gegenteils . Widerspruch hat dich immer nur gereizt und dich eigenwilliger gemacht in dem , was du wolltest . Also noch einmal , ich will . Ich weiß auch sehr wohl , es sind solche Verbindungen , wie sie dir in diesem Augenblick als ein Ideal vorzuschweben scheinen , jederzeit geschlossen worden ; die Kirche verbietet sie nicht . Die Kirche betont nur die Heiligkeit der Ehe , nicht das Glück der Ehe . Was ich dir also noch zu sagen habe , kommt nicht aus Prinzip oder Dogma , sondern einzig und allein aus dem Herzen einer Schwester , die dich liebt . Und als solche rufe ich dir zu : Gehe nicht diesen Weg , halte vielmehr inne , wenn du noch innehalten kannst . Ich prophezeie dir ... « » Ich glaube nicht an Prophezeiungen . « » Nun denn , so sollen sie dir auch nicht werden , und nur einem Worte noch öffne dein Ohr und deine Seele . Sieh , du teilst die Pflicht in Pflichten und die Pflichten selbst wieder in solche , die dir je nach Gefallen unerläßlich oder aber auch erläßlich erscheinen . Und zu den unerläßlichen rechnest du vor allem die Diskretion und das Dekorum und die Dehors . Aber das sind vage Begriffe . Wo ziehst du scharf die Grenze zwischen dem , was statthaft und unstatthaft ist ? Was liegt innerhalb deiner Dehors , und was liegt außerhalb ? « Es war ersichtlich , daß er hier unterbrechen wollte . Judith aber nahm seine Hand und fuhr , immer eindringlicher werdend , fort : » Und zu dem einen Worte . Bruder , noch ein zweites . Du glaubst allerpersönlichst deiner wenigstens sicher zu sein , sicher in dem , was du Drüberstehen und Anschauungsfreiheit und Vorurteilslosigkeit nennst . Aber auch darin irrst du . Du bist weder deines Herzens noch deiner Meinungen sicher , und was dir heut ein Nichts bedeutet , kann dir morgen eine Welt bedeuten . Schwankend ist alles , und fest allein ist Gottes Gebot . Auch das ungesprochene , das still und stumm in der Natur der Dinge liegt . Ich beschwöre dich , Bruder , überleg es . Es leitet mich nur die Liebe zu dir . « » Und der alte Erziehungshang . « » Ein Wort , aus dem ich sehe , daß es zu spät ist und daß du ' s unabänderlich willst . Und so werd ich denn das Gespräch mit Franziska haben . Aber nicht hier ; erst wenn wir alle wieder in Wien sind . « Er war es zufrieden , nahm Hut und Stock und verließ das Zimmer , indem er ihr zerstreut einige Worte des Dankes sagte . Sie sah ihm nach und griff in ihrer Angst und Unruhe nach einem Andachtsbuch , um darin zu lesen . Aber es wollte nicht gelingen . » In welche Lagen uns doch das Leben führt ! Ich eine Freiwerberin . Und in einer Sache , die mich betrübt und erschreckt ! « Elftes Kapitel Eine Woche später hatte man sich wieder in dem alten Petöfyschen Palais eingerichtet , und schon den Tag darauf empfing der Graf durch Andras , der den Verkehr zwischen den beiden Flügeln unterhielt , einige Zeilen , in denen ihm Judith in aller Kürze mitteilte , daß sie Franziska gesprochen habe . Dieselbe sei dem Anschein nach nicht allzu sehr überrascht oder doch wenigstens vollkommen ruhig gewesen und erwarte seinen Besuch . Es war elf Uhr , als ihm diese Zeilen zu Händen kamen , und vor Ablauf einer Stunde schon war er auf dem Wege nach der Salesinergasse . Das Leben in der Ringstraße kam ihm heute noch heiterer vor als gewöhnlich , und das Haus selbst , das in mittäglichem Sonnenschein dalag , schien ihm , als er von der Innenstadt her in die Vorstadt einbog , nur Glück und Freude bedeuten zu sollen . Oben traf er Hannah , die mit einem Anfluge von Verlegenheit ihn einzutreten bat . Das Fräulein sei zur Probe , müsse jedoch sehr bald wieder dasein . Das Zimmer , in das er von Hannah geführt worden , war dasselbe , in welchem Franziska nach ihrem ersten Plauderabend bei der Gräfin eine Schilderung des cercle intime versucht hatte . Nichts darin , das im geringsten an ein Boudoir erinnert hätte , vielmehr herrschte statt alles russisch Patchoulihaften , das sonst wohl den Zimmereinrichtungen junger Schauspielerinnen eigen zu sein pflegt , eine norddeutsche Schlichtheit und Ordnung und eine beinahe holländische Sauberkeit vor . Auf dem Sofatische stand eine Marmorschale mit Weinlaub und Erdbeeren darin und daneben ein Schmuckständerchen , das hier wie zufällig oder vielleicht auch in der Hast einer etwas zu spät beendeten Toilette stehengeblieben war . Ein Kettenarmband lag auf dem Tische daneben , an dem Ständerchen selbst aber hing ein einfaches , nur aus zwei Golddrähten zusammengelegtes Ringelchen , das statt eines Steins nichts als eine Goldplatte mit einem emaillierten Vergißmeinnicht zeigte . Der Graf hing eben noch seinen Betrachtungen über das Ringelchen nach , das augenscheinlich ein Geschenk aus der Schul- oder Konfirmandenzeit her war , als Franziska durch eine Seitentür eintrat und ihn , unter Ausdruck ihres Bedauerns über eine Verspätung auf der Probe , mit leichter Handbewegung aufforderte , seinen Platz auf dem Fauteuil wieder einzunehmen . Er seinerseits hatte sich einige Worte zurechtgelegt , Worte , darin sich der » Graf « und der » Liebhaber « ziemlich genau die Waage hielten . Aber ihr Erscheinen änderte sofort seinen Entschluß und ließ ihn umgekehrt empfinden , daß es geraten sein würde , das erste Wort ihr zu lassen . Auch Franziska schien es von dieser Seite her anzusehen und das » erste Wort « als ihr gutes Recht in Anspruch zu nehmen . Sie sagte deshalb , während sie sich auf das Sofa niederließ : » Ihr Vertrauen zu meinen Erzählungskünsten , Graf ... « Er drohte scherzhaft mit dem Finger , aber Franziska ließ sich nicht stören und fuhr in leichtem und beinahe übermütigem Tone fort : » Ja , Graf , wir Frauen bleiben immer dieselben und wollen schließlich um unseres Ichs willen adoriert werden . Und nur um unseres Ichs willen . Darin bin ich wie andere . Statt dessen erscheint Graf Petöfy mit einem allerschmeichelhaftesten Antrage , der aber alles Schmeichelhaften unerachtet doch schließlich auf nichts anderes hinausläuft als darauf , eine Märchenerzählerin , eine Redefrau haben zu wollen , etwa wie Louis Napoleon einen Redeminister hatte . Werbung um eine Plaudertasche . Vielleicht der einzige Fall in der Weltgeschichte , die nach dem Maße meiner allerdings vorwiegend aus dem historischen Lustspiel herstammenden Geschichtskenntnis immer nur das Umgekehrte zu verzeichnen hatte . Nämlich : mulier taceat ... « » ... in ecclesia « , lachte der Graf . » Und zwar nur in ecclesia . Sie dürfen nicht halb zitieren , Franziska . Gleichviel indes , ich weiß nun alles ; Sie würden anders zu mir sprechen , wenn Sie vorhätten , mir mit einem Nein entgegenzutreten . Ich bin unendlich glücklich darüber , und wenn Sie das Ohr für die Stimme des Herzens haben - und Sie haben dies Ohr - , so wird es Ihnen auch gesagt haben , daß ich , um Ihre Worte zu wiederholen , keine Redefrau , keine Plaudertasche will , die mir Geschichten erzählt und mich abwechselnd durch Drolerien und Anekdoten unterhält . Allerdings will ich unterhalten sein , aber auch das Unterhaltlichste , das Beste , das Sie mir aus Ihrer Gaben Fülle zu bieten imstande sind , wenn ich es loslöste von Ihnen , von Ihrer Person , so wäre das Beste das Beste nicht mehr . Der Zauber Ihrer Rede sind schließlich doch Sie selbst . Und so komme ich denn noch einmal mit diesen meinen ausgestreckten Händen und bitte Sie , dem , was mir vom Leben noch bleibt , einen Inhalt und mit dem Inhalt einen Glanz , ein Glück und eine Freude geben zu wollen . « Es schien , daß Franziska nach einer Antwort suchte , der alte Graf aber fuhr fort : » Ich lese deutlich , was in Ihrer Seele vorgeht . O dieser Selbstling , der im Grunde nur einen gefälligen Ton für sein Ohr oder ein sich einschmeichelndes Bild für sein Auge sucht und doch zugleich einen Lebenseinsatz fordert , ein Leben und ein Herz . Aber nein , Franziska , kein Herz oder doch nicht das , was die Welt , die Jugend ein Herz zu nennen beliebt . Ein anderes , das nichts weiter bedeutet als Sympathie . Meine Wünsche , dessen bin ich gewiß , halten sich innerhalb des Erfüllbaren . Worauf bin ich aus ? Ich kann keine trüben Gesichter sehen und liebe Licht und Lachen und Esprit und Witz . Das ist alles , und nur darauf bin ich aus . In meiner Jugend galt ein Champagnerleben als ein Ideal . Aber auch das ist mir zu schwer . Es gibt eine Luft , unter deren Einatmung die Freude kommt und heitere Bilder aus der Seele sprießen . Nach der Luft dürst ich , und ich habe sie , wenn ich in Ihrer Nähe bin . Um diese Nähe werb ich , Franziska , nicht um mehr . Sie sollen frei sein und die Grenzen Ihrer Freiheit selber ziehen ; Ihr feiner Sinn ist mir Bürge , daß Sie sie richtig ziehen werden . « Franziska lächelte leise vor sich hin , und eine Verlegenheit , die sie , während sie sich ähnlicher Worte der Gräfin erinnerte , wenigstens momentan beschlichen hatte , fiel rasch wieder von ihr ab . » Ich glaube , Graf « , sagte sie , mit Geflissentlichkeit einen halb scherzhaften Ton anschlagend , » Sie verkennen mein Geschlecht . Ich sehe Schwierigkeiten , aber ich sehe sie nicht da , wo Sie sie sehen . Unser Erbteil ist Neugier , nichts weiter , und was sich aus der ewig beargwohnten Welt der Gefühle mit einmischt , das wiegt nach meiner Erfahrung nicht allzu schwer . Ich kenne die Skala dieser Gefühle , habe die Mittelgrade selbst durchmessen und bin ohne rechten Glauben an die Hoch- und Siedegrade der Leidenschaft . Also nicht das , Graf ... Und auch nicht die Kunst . Es gab freilich einmal eine Zeit , in der ich ehrlich und aufrichtig des Glaubens war , ohne Kunst nicht leben zu können . Aber auch das liegt hinter mir . Um in diesem Glauben zu verharren , dazu muß man eine Törin oder ein Genie sein . Und ich bin weder das eine noch das andere . « » Und doch ... « » Nein , kein doch ; nur einfach ein Geständnis meiner Furcht . Ich fürchte mich vor dem kleinen Kriege , der meiner harrt , vor dem Neid auf der einen und dem Hochmut auf der andern Seite , vor den Kränkungen und Nadelstichen , die mir nicht erspart bleiben werden . « » Und ich meinerseits wüßte niemand , der sich zu diesen Nadelstichen versucht fühlen könnte , niemand . Und kämen sie doch , nun so gibt es Mittel , ihnen zu begegnen . Das mag meine Sorge sein . Frisch auf denn , Franziska , Mut und Hoffnung ! In mein altes Schloß Arpa soll wieder das Leben einziehen , und das Ungarn der Wirklichkeit soll Sie das Ungarn Ihrer Kinderphantasie , so denk ich , für immer vergessen lassen . « Zwölftes Kapitel Als der Graf sich erhoben und in herzlicher Weise verabschiedet hatte , trat Franziska vom Sofa her ans Fenster . Die frisch eindringende Luft tat ihr wohl , und sie setzte sich an die Brüstung und sah auf das Straßentreiben . Aber an ihrem inneren Auge zogen sehr andere Bilder vorüber : ein Schloß und ein See , Freitreppen und Korridore , Jagdzüge , Wald und Steppen und dazu Kavaliere mit ihren Damen , die flüsterten und kicherten . Und ihre Blicke maßen sich , und sie begegnete dem Hochmut , den man für sie hatte , mit gleich hochmütiger Miene . Sie hing solchen Bildern noch nach , als Hannah von der Tür her auf sie zukam , ihr zutraulich das Haar zurückstrich und dann sagte : » So soll es nun also doch sein . « » Hast du gehorcht ? « » Nein . Ich horche nie . Mein Vater selig litt es nicht und sagte , das sei von den kleinen Sünden eine der großen . Was nicht für einen gesprochen wird , das darf man auch nicht hören und wissen wollen . Ich sah den Grafen , als er ging , und las es ihm von der Stirn . « » Und was sagst du ? « » Ja , Fränzl , was soll ich sagen ? « » Alles , was du denkst . « » Nun , ich denke vielerlei . « » Halte mit nichts zurück . Daß du ' s nicht billigst , das seh ich , und so kannst du gleich mit dem Warum anfangen . Oder sind der Gründe so viele ? « » Ja , viele sind es , Fränzl . « » Offen gestanden , das ist mir lieb ; denn viele sind nicht so schlimm wie einer . Viele bringen sich untereinander um , und was dann übrigbleibt , bedeutet nicht viel . Also nenne sie nur ; je mehr , je besser . « » Er ist alt und du bist jung . « » Gut . « » Er ist ungrisch-wienerisch und du bist preußisch-pommerisch . « » Gut . « » Er ist katholisch und du bist protestantisch . « » Gut . « » Er ist ein Graf und du bist eine Schauspielerin . « Franziska nickte . » Wohl , Hannah , alles wahr . Aber zuletzt trifft doch das zu , was ich dir eben schon gesagt habe . Sage selbst . Er ist gerade Wiener genug , um den Katholiken , und auch wieder Ungar genug , um den Wiener in Ordnung zu halten . Und so bleibt denn wirklich nichts übrig als ein alter Graf und eine junge Schauspielerin . « » Und glaubst du , daß die gut zueinander passen ? « » Ich will es nicht als Regel aufstellen . Aber es gibt Ausnahmen , und unter den Ausnahmen ist es eine der gewöhnlichsten und der zulässigsten . Und erklärt sich auch . Im allgemeinen , darin hast du ja recht , gehört zu einem Grafen eine Gräfin ; wer wollte das bestreiten ? Aber wenn es keine Gräfin sein kann , so kommt nach der Gräfin gleich die Schauspielerin , weil sie , dir darf ich das sagen , der Gräfin am nächsten steht . Denn worauf kommt es in der sogenannten Oberschicht an ? Doch immer nur darauf , daß man eine Schleppe tragen und einen Handschuh mit einigem Chic aus- und anziehen kann . Und sieh , das gerade lernen wir aus dem Grunde . So vieles im Leben ist ohnehin nur Komödienspiel , und wer dies Spiel mit all seinen großen und kleinen Künsten schon von Metier wegen kennt , der hat einen Pas vor den anderen voraus und überträgt es leicht von der Bühne her ins Leben . « » Ich will es gelten lassen , Fränzl . Aber dann bleibt immer noch alt und jung . « » Hältst du das für so schlimm ? « » Nein . Oder wenigstens nicht immer . Ich könnt es . Aber man muß seiner sicher sein . « » Ich glaube meiner sicher zu sein . Und über diesen Punkt , über den ich jetzt soviel hören muß , auch von dir , muß ich dir mal ein ernstes Wort sagen . Aber du mußt auch aufmerksam sein . Denn ich weiß wohl , wenn dir etwas nicht paßt , so hast du Wachs in den Ohren und antwortest , ohne gehört zu haben . « » Sprich nur ; ich höre schon . « » Ob ich meiner sicher sei ! Ja , liebe Hannah , wer ist schließlich seiner sicher , ganz sicher ? Aber sicher oder nicht , du darfst mir nicht immer mit Betrachtungen und einer Angst und Sorge kommen , als ob ich sechzehn wäre , mit anderen Worten also , du darfst nicht sprechen , gerade du nicht , als ob ich , wenn nicht direkt in Passionen steckte , so sie doch jeden Tag zu gewärtigen hätte . Du mußt schließlich am besten wissen , wie ' s steht . Oder müßtest es wenigstens wissen . Ein für allemal also , ich habe keine großen Passionen , ganz gewiß nicht , und wenn ich sie vor Jahr und Tag vielleicht hatte - vielleicht , sag ich , denn ich habe nicht Lust und Mut , jedes Bagatellgefühl für eine große Passion auszugeben - , so liegen sie hinter mir . « » Du mußt dich nicht so hineinreden , Franziska ; das zeigt nur , daß ich doch vielleicht recht habe . Wenn aber auch nicht , denn wer sieht ins Herz , so hab ich doch in dem einen recht , um das sich ' s hier überhaupt nur handelt . Es ist etwas mit dem jung und alt , und dabei bleibt es . Und nun gar in der Ehe . « » Gewiß ist es was damit . Aber aus einem ganz andern Grunde , wie du glaubst . « » Und der wäre ? « » Weil die Jahre , wenn sie doppelt und dreifach auftreten , auch das Maß der Unfreiheit verdoppeln und verdreifachen , jener Unfreiheit , in die man sich ohnehin in jeder Ehe begibt . Und da liegt es . Nur da . Früher , als ich noch in meines Vaters Hause war , hab ich viele Traureden mit angehört , und immer war es dasselbe Thema : Begrabt euer eigen Ich . Immer Unterordnung , immer Opfer um des andern willen . Davor , meine liebe Hannah , erschreck ich . Zu dem Grafen konnt ich in diesem Sinn nicht sprechen und sprach ihm deshalb von Kränkungen und Nadelstichen , die meiner vielleicht harren würden und gewiß auch harren werden , aber der eigentliche Grund ist doch der , den ich dir eben genannt habe , die Freiheitsfrage . Jetzt beherrsch ich ihn . Ob ich ihn als Gräfin auch noch beherrschen werde , dünkt mir zweifelhaft , ohne daß ich deshalb an einen Oger oder Blaubart denke . Durchaus nicht . Er ist innerlich viel zu fein und vornehm und nebenher auch viel zu sehr von mir eingenommen , um jemals den launenhaften Tyrannen zu spielen ; er wird mir immer zuliebe leben und meine Wünsche belauschen und erfüllen . Aber je mehr er das tut , je weniger frei werd ich sein und mich auch meinerseits schicken müssen . Ich weiß wohl , daß man das soll . Aber ob ich ' s auch immer können werde ? Nimm eine Kleinigkeit . Du weißt , ich liebe Nelken , und hätt ich mir nicht eben erst all und jede Passion abgesprochen , so hätt ich nicht übel Lust , mir eine regelrechte Nelkenpassion zuzuschreiben . Und nun stelle dir vor , daß er vielleicht Nelken nicht leiden oder wenigstens den Geruch davon nicht ertragen kann . Was würde geschehen ? Ich würde natürlich sofort auf meine Lieblingsblume verzichten , aber doch zugleich den Wunsch und das Verlangen darnach nie mehr loswerden . Und so könnt es sich ereignen , daß ich aus Sehnsucht nach einer Blume krank und unglücklich würde . Lache nicht , solche Torheiten kommen vor . Alles in allem , ich bin zu lange meinen eigenen Weg gegangen ; Unterordnung und Ehe sind immer schwer , aber sie werden schwerer , wenn zu der eheherrlichen Autorität auch noch die der Jahre kommt . « » Und warum willst du ' s , wenn du so denkst ? Warum tust du ' s ? « » Weil unser Herz ein kompliziertes Ding ist , ein Ding mit vielen und oft widerstreitenden Wünschen , und weil die Freiheit , so hoch ich sie stelle , doch schließlich nicht alles in der Welt bedeutet . Es gibt eben auch anderes noch , Dinge , die gelegentlich noch mehr bedeuten oder wenigstens bedeuten können . « » Ja , bei gewöhnlichen Leuten . « » Auch bei sehr nicht-gewöhnlichen . Umgekehrt ; je höher hinauf , je mehr hab ich recht . Oder glaubst du beispielsweise , daß es leicht sei , der Freund eines Prinzen oder Erzherzogs zu sein ? Du schüttelst den Kopf . Nun gut , also nicht leicht . Und nun sieh dir den Grafen Pejevics an , den du ja kennst und gern hast und der mir ganz wundervoll hieher paßt , wie gerufen . Wie steht es nun mit dem Grafen ? Er ist ein großer Magnatensohn , einer der Allerreichsten und Vornehmsten , also natürlich auch der Freiesten , und wenn er auf seine Güter geht , so küßt ihm alles den Rockschoß und , wenn er will , auch die Steigbügel . Und doch ist er hier und spielt den Erzherzogsadjutanten und Galopin . Und warum das alles ? Einfach , weil die Abhängigkeit von einem Erzherzog ihm schließlich doch noch mehr bedeutet als seine ganze Magnatenfreiheit , Rockschoß- und Steigbügelkuß mit eingeschlossen . Und ähnlich ergeht es mir . Offen gestanden , ich hätt es vor kurzem noch nicht gedacht und mich anders taxiert . Aber tritt erst mal