diese völlig entzweischlagen . Dann lief er davon und sein Gefolge hinter ihm her . Zu allem Schönen , das Klara heute auf der Alp schon gesehen hatte , kam nun noch der Schluß . Als sie oben auf dem Heuboden auf dem großen , weichen Bette lag , zu dem nun auch das Heidi emporkletterte , da schaute sie durch das offene , runde Loch gerade mitten in die schimmernden Sterne hinein , und voller Entzücken rief sie aus : » O Heidi , sieh , es ist gerade , wie wenn wir auf einem hohen Wagen in den Himmel hineinfahren würden ! « » Ja , und weißt du , warum die Sterne so voller Freude sind und uns so mit den Augen winken ? « fragte das Heidi . » Nein , das weiß ich nicht ; was meinst du denn ? « fragte Klara zurück . » Weil sie droben im Himmel sehen , wie der liebe Gott alles so gut einrichtet für die Menschen , daß sie gar keine Angst haben müssen und ganz sicher sein können , weil alles so kommt , wie es heilsam ist . Das freut sie so ; sieh , wie sie winken , daß wir auch so fröhlich sein sollen ! Aber weißt , Klara , wir müssen auch nicht vergessen , zu beten , wir müssen recht den lieben Gott bitten , daß er auch an uns denke , wenn er alles so schön einrichtet , daß wir auch immer so sicher sein können und uns vor gar nichts fürchten müssen . « Jetzt saßen die Kinder noch einmal auf und sagten jedes sein Nachtgebet . Dann legte sich das Heidi auf seinen runden Arm und schlief augenblicklich ein . Aber Klara blieb noch lange wach , denn etwas so Wunderbares , wie diese Schlafstätte im Sternenschein , hatte sie noch in ihrem Leben nicht gesehen . Sie hatte ja überhaupt kaum je die Sterne gesehen , denn außer dem Hause war sie des Nachts nie gewesen und drinnen wurden die dichten Vorhänge längst niedergelassen , bevor die Sterne kamen . So wenn sie jetzt die Augen zumachen wollte , mußte sie sie gleich noch einmal aufschlagen , um zu sehen , ob denn die beiden großen , hellen Sterne immer noch hereinfunkelten und so merkwürdig winkten , wie das Heidi gesagt hatte . Und immer noch war es so , und Klara konnte es nicht genug bekommen , in das Flimmern und Leuchten hineinzuschauen , bis endlich ihre Augen von selbst zufielen und sie nur im Traum noch die zwei großen , schimmernden Sterne sah . Wie es auf der Alp weiter geht Eben war die Sonne hinter den Felsen heraufgestiegen und warf nun ihre goldenen Strahlen über die Hütte und über das Tal hinab . Der Alm-Öhi hatte , wie er jeden Morgen tat , still und andächtig zugeschaut , wie ringsum auf den Höhen und im Tal die leichten Nebel sich lichteten und das Land aus dem Dämmerschatten herausschaute und zum neuen Tag erwachte . Heller und heller wurden oben die lichten Morgenwolken , bis jetzt die Sonne völlig heraustrat und Fels und Wald und Hügel mit goldenem Lichte übergoß . Jetzt trat der Öhi in seine Hütte zurück und ging leise die kleine Leiter hinauf . Klara hatte eben die Augen aufgeschlagen und schaute in der höchsten Verwunderung auf die hellen Sonnenstrahlen , die durch das runde Loch hereindrangen und auf ihrem Bett tanzten und blitzten . Sie wußte gar nicht , was sie sah und wo sie war . Doch jetzt erblickte sie das schlafende Heidi an ihrer Seite und nun ertönte auch die freundliche Stimme des Großvaters : » Gut geschlafen ? Nicht müde ? « Klara versicherte , sie sei nicht müde , und , einmal eingeschlafen , sei sie auch die ganze Nacht nicht mehr erwacht . Das gefiel dem Großvater , und nun fing er gleich an und besorgte die Klara so gut und so verständnisvoll , als wäre es geradezu sein Beruf , kranke Kinder zu besorgen und es ihnen bequem zu machen . Das Heidi hatte jetzt seine Augen auch aufgemacht und sah auf einmal mit Erstaunen , wie der Großvater die schon fertig gerüstete Klara auf den Arm nahm und forttrug . Da mußte es doch dabei sein . Blitzschnell ging seine Ausrüstung vor sich ; dann ging ' s die Leiter hinunter , und nun war auch das Heidi aus der Tür und stand draußen , mit großer Verwunderung betrachtend , was der Großvater jetzt wieder ausführte . Er hatte am Abend vorher , als die Kinder schon oben auf ihrem Lager angekommen waren , überlegt , wo der breite Rollstuhl unter Dach gebracht werden könnte . Die Tür der Hütte war ja viel zu schmal , hier konnte er nie eingefahren werden . Da war ihm ein Gedanke gekommen . Er machte hinten am Schopf zwei große Laden los , so daß da eine große Einfahrt entstand . Der Stuhl wurde hineingestoßen und die hohen Bretter wieder an ihre Stelle gebracht , wenn auch nicht fest gemacht . Das Heidi kam eben an , nachdem der Großvater Klara drinnen in ihren Stuhl gesetzt , dann die Bretter weggenommen hatte und nun mit ihr aus dem Schopf in den Morgensonnenschein herausgefahren kam . Mitten auf dem Platz ließ er den Stuhl stehen und ging dem Geißenstall zu . Das Heidi sprang an Klaras Seite . Der frische Morgenwind wehte um die Gesichter der Kinder , und ein würziger Tannenduft kam mit jedem neuen Windeswehen herüber und durchströmte die sonnige Morgenluft . Klara zog tiefe Züge und lehnte sich in ihren Stuhl zurück , in einem Gefühl des Wohlseins , wie sie es nie empfunden hatte . Noch nie in ihrem Leben hatte sie ja auch frische Morgenluft draußen in der freien Natur eingeatmet , und nun wehte die reine Alpenluft um sie so kühl und erfrischend , daß jeder Atemzug ein Genuß war . Dazu der helle , süße Sonnenschein , der gar nicht heiß war hier oben und so lieblich warm auf ihren Händen lag und an dem trockenen Grasboden zu ihren Füßen . Daß es so auf der Alp sein könnte , das hätte sich Klara gar nicht vorstellen können . » O Heidi , wenn ich nur immer , immer hier oben bei dir bleiben könnte ! « sagte sie jetzt , sich ganz wohlig hin und her wendend in ihrem Stuhl , um so recht von allen Seiten Luft und Sonne einzutrinken . » Jetzt siehst du , daß es so ist , wie ich dir gesagt habe « , entgegnete das Heidi erfreut , » daß es am schönsten auf der ganzen Welt beim Großvater auf der Alm ist . « Eben trat dieser aus dem Stall heraus zu den Kindern heran . Er brachte zwei Schüsselchen voll schäumender , schneeweißer Milch und reichte eins der Klara , das andere dem Heidi . » Das wird dem Töchterchen wohltun « , sagte er , Klara zunickend ; » sie ist vom Schwänli , die gibt Kraft . Zum Wohlsein ! Nur zu ! « Klara hatte noch nie Milch von einer Geiß getrunken , sie hatte erst zur Sicherheit ein wenig daran riechen müssen . Als sie nun aber sah , mit welcher Begier das Heidi seine Milch heruntertrank , ohne ein einziges Mal abzusetzen - so erstaunlich gut schmeckte sie ihm - , da setzte Klara auch an und trank und trank , und wahrhaftig , sie war so süß und kräftig , als wäre Zucker und Zimmet darin , und Klara trank zu , bis nichts mehr im Schüsselchen war . » Morgen nehmen wir zwei « , sagte der Großvater , der mit Befriedigung zugesehen hatte , wie Klara Heidis Beispiel gefolgt war . Jetzt erschien der Peter mit seiner Schar , und während das Heidi durch die allseitigen Morgenbegrüßungen gleich mitten in die Herde hineingedrängt wurde , nahm der Öhi den Peter ein wenig auf die Seite , damit dieser verstehen könne , was er ihm zu sagen hatte , denn die Geißen meckerten immer , eine stärker als die andere , vor lauter Freude und Freundschaftsbezeugungen , sobald sie das Heidi in ihrer Mitte hatten . » Jetzt hör zu und paß auf « , sagte der Öhi . » Von heut ' an lässest du dem Schwänli seinen Willen . Es hat die Fühlung , wo die kräftigsten Kräutlein sind ; also wenn es hinauf will , so gehst du nach , den anderen tut ' s ja auch gut , und wenn es höher will , als du sonst mit ihnen gehst , so gehst du wieder und hältst es nicht zurück , hörst du ! Wenn du auch ein wenig klettern mußt , schad ' nichts , du gehst , wo es will , denn in der Sache ist es vernünftiger als du und es muß nur noch vom Besten bekommen , daß es eine Prachtmilch gibt . Warum guckst du dort hinüber , wie wenn du einen verschlucken wolltest ? Es wird dir niemand im Wege sein . So , jetzt vorwärts und denk dran ! « Der Peter war gewohnt , dem Öhi aufs Wort zu folgen . Er trat gleich seinen Marsch an ; man konnte aber sehen , daß er noch etwas im Hinterhalt hatte , denn er drehte immer den Kopf um und rollte mit den Augen . Die Geißen folgten und drängten das Heidi noch eine Strecke mit vorwärts . Das war dem Peter eben recht . » Du mußt mit « , rief er jetzt drohend in das Geißenrudel hinein , » du mußt mit , wenn man dem Schwänli nach muß ! « » Nein , ich kann nicht « , rief das Heidi zurück , » und ich kann jetzt lang , lang nicht mitkommen , so lange die Klara bei mir ist ! Aber einmal kommen wir dann miteinander hinauf , der Großvater hat es uns versprochen . « Unter diesen Worten hatte das Heidi sich aus den Geißen herausgewunden und sprang nun zu Klara zurück . Jetzt machte der Peter mit beiden Fäusten eine so drohende Gebärde gegen den Rollstuhl hinunter , daß die Geißen auf die Seite sprangen ; er sprang aber auf der Stelle nach , und ohne Aufenthalt eine ganze Strecke weit hinauf , bis er außer Sicht war , denn er dachte , der Öhi könnte ihn etwa gesehen haben , und er wollte lieber nicht wissen , was für einen Eindruck das Fausten dem Öhi gemacht habe . Klara und Heidi hatten für heute so viel im Sinn , daß sie gar nicht wußten , wo anfangen . Das Heidi schlug vor , zuerst den Brief an die Großmama zu schreiben , den hatten sie ja bestimmt versprochen und so für jeden Tag einen neuen . Die Großmama war doch ihrer Sache nicht so ganz sicher , wie es in die Länge da droben der Klara behagen und auch , wie es mit ihrer Gesundheit gehen würde , und so hatte sie den Kindern das Versprechen abgenommen , ihr jeden Tag einen Brief zu schreiben und alles zu erzählen , was sie erlebten . So konnte die Großmama auch sogleich wissen , wenn sie oben nötig werden sollte , und bis dahin ruhig unten bleiben . » Müssen wir in die Hütte hinein zum Schreiben ? « fragte Klara , die wohl dafür war , der Großmama Bericht zu geben ; aber da draußen war es ihr so wohl , daß sie gar nicht weg mochte . Aber das Heidi wußte sich einzurichten . Augenblicklich rannte es in die Hütte hinein und kam mit seinen sämtlichen Schulsachen und dem niedrigen Dreibeinstühlchen beladen wieder zurück . Nun legte es sein Lesebuch und Schreibheft der Klara auf den Schoß , daß sie darauf schreiben konnte , und es selbst setzte sich an die Bank hin auf sein Stühlchen und nun begannen sie beide der Großmama zu erzählen . Aber nach jedem Satz , den Klara geschrieben hatte , legte sie ihren Bleistift wieder hin und schaute um sich . Es war gar zu schön . Der Wind war nicht mehr so kühl ; nur lieblich fächelnd wehte er um ihr Gesicht , und drüben in den Tannen flüsterte er leise . In der klaren Luft tanzten und summten die kleinen , fröhlichen Mücken , und weit umher lag eine große Stille auf dem ganzen sonnigen Gefilde . Groß und still schauten die hohen Felsenberge herüber und das ganze , weite Tal hinab lag alles wie im stillen Frieden . Nur hier und da schallte das frohe Jauchzen eines Hirtenbuben durch die Luft und leise gab das Echo die Töne oben in den Felsen wieder . Der Morgen war dahin , die Kinder wußten nicht , wie , und schon kam der Großvater mit der dampfenden Schüssel daher , denn er sagte , mit dem Töchterchen bleibe man nun draußen , so lang ein Lichtstrahl am Himmel sei . So wurde das Mittagsmahl , wie gestern , vor der Hütte aufgestellt und mit Vergnügen eingenommen . Dann rollte das Heidi den Stuhl samt der Klara unter die Tannen hinüber , denn die Kinder hatten ausgemacht , den Nachmittag wollten sie dort in dem schönen Schatten sitzen und einander alles erzählen , was sich zugetragen , seit das Heidi Frankfurt verlassen hatte . Wenn auch das alles im gewohnten Geleise weiter gegangen war , so hatte Klara doch allerlei Besonderes zu berichten von den Menschen , die im Hause Sesemann lebten und die dem Heidi ja so gut bekannt waren . So saßen die Kinder nebeneinander unter den alten Tannen , und je eifriger sie im Erzählen wurden , desto lauter pfiffen die Vögel oben in den Zweigen , denn das Geplauder da unten freute sie und sie wollten auch mithalten . So flog die Zeit dahin und unversehens war es Abend geworden , und schon kam das Geißenheer heruntergestürmt , der Anführer hinterdrein mit Stirnrunzeln und grimmiger Miene . » Gute Nacht , Peter ! « rief ihm das Heidi zu , als es sah , daß er nicht im Sinne hatte , still zu stehen . » Gute Nacht , Peter ! « rief auch Klara freundlich hinüber . Er gab keinen Gruß zurück und jagte schnaubend die Geißen weiter . Als Klara jetzt sah , wie der Großvater das saubere Schwänli zum Melken nach dem Stalle führte , da ergriff sie auf einmal ein solches Verlangen nach der gewürzigen Milch , daß sie es fast nicht erwarten konnte , bis der Großvater damit kommen würde . Sie mußte selbst erstaunen darüber . » Das ist aber einmal kurios , Heidi « , sagte sie ; » so lang ich weiß , habe ich nur gegessen , weil ich mußte , und alles , was ich bekam , schmeckte nach Fischtran , und tausendmal habe ich gedacht : Wenn man nur nie essen müßte ! Und jetzt kann ich es fast nicht erwarten , bis der Großvater kommt mit der Milch . « » Ja , ich weiß schon , was das ist « , entgegnete das Heidi ganz verständnisvoll , denn es gedachte der Tage in Frankfurt , da ihm alles im Halse stecken blieb und nicht hinunter wollte . Klara aber begriff die Sache doch nicht . Sie hatte aber , so lange sie lebte , noch nie einen Tag lang in der freien Luft gesessen , wie heute , und nun gar in dieser hohen , belebenden Bergluft . Als der Großvater mit seinen Schüsselchen herankam , erfaßte Klara schnell dankend das ihrige , und in durstigen Zügen trank sie hintereinander und war diesmal noch vor dem Heidi zu Ende . » Darf ich noch ein wenig haben ? « fragte sie , dem Großvater das Schüsselchen hinhaltend . Er nickte wohlgefällig , nahm auch Heidis Gefäß wieder in Empfang und ging zur Hütte zurück . Als er wieder kam , brachte er auf jedem Schüsselchen einen hohen Deckel mit , der war aber von anderem Stoff , als die Deckel gewöhnlich sind . Der Großvater hatte am Nachmittag einen Gang nach dem grünen Maiensäß hinüber gemacht , zu der Sennhütte , wo die süße , gelbe Butter gemacht wird . Von dort hatte er einen schönen , runden Ballen mitgebracht . Jetzt hatte er zwei feste Schnitten Brot genommen und die süße Butter schön dick darauf gestrichen . Diese sollten nun die Kinder zu ihrem Nachtessen haben . Gleich bissen auch alle beide so tief in die appetitlichen Schnitten hinein , daß der Großvater stehen blieb und zuschaute , wie das weiter gehen würde , denn das gefiel ihm . Als Klara nachher auf ihrem Lager wieder nach den schimmernden Sternen schauen wollte , ging es ihr wie dem Heidi an ihrer Seite : die Augen fielen ihr auf der Stelle zu und es kam ein so fester , gesunder Schlaf über sie , wie sie ihn niemals gekannt hatte . In dieser erfreulichen Weise verging auch der folgende Tag und dann noch einer , und dann folgte eine große Überraschung für die Kinder . Es kamen zwei kräftige Träger den Berg heraufgestiegen ; jeder trug auf seinem Reff ein hohes Bett , fertig aufgerüstet in der Bettschaft , beide ganz gleich bedeckt mit einer weißen Decke , sauber und nagelneu . Auch hatten die Männer einen Brief von der Großmama abzugeben . Da stand darin , daß diese Betten für Klara und Heidi seien , daß das Heu- und Deckenlager nun aufgehoben werden solle , und daß von nun an das Heidi immer in einem richtigen Bett schlafen müsse , denn im Winter solle das eine der beiden ins Dörfli hinuntergeschafft werden , das andere aber oben bleiben , damit Klara es immer vorfinde , wenn sie wiederkomme . Dann lobte die Großmama die Kinder um ihrer langen Briefe willen und ermunterte sie , täglich so fortzufahren , damit sie immer alles mitleben könne , als ob sie bei ihnen wäre . Der Großvater war hineingegangen , hatte den Inhalt von Heidis Lager auf den großen Heuhaufen geworfen und die Decken weggelegt . Nun kam er wieder , um mit Hilfe der Männer die beiden Betten dorthinauf zu transportieren . Dann rückte er sie hart aneinander , damit von beiden Kopfkissen aus die Aussicht durch das Loch dieselbe bliebe , denn er kannte die Freude der Kinder an dem Morgen- und Abendschein , der da hereinglänzte . - Unterdessen saß die Großmama unten im Bade Ragaz und war hoch erfreut über die vortrefflichen Nachrichten , die täglich von der Alp zu ihr heruntergelangten . Das Entzücken über ihr neues Leben steigerte sich bei Klara noch von Tag zu Tag und sie wußte nicht genug zu sagen von der Güte und sorglichen Pflege des Großvaters und wie lustig und kurzweilig das Heidi sei , noch viel mehr als in Frankfurt , und wie sie jeden Morgen beim Erwachen immer zuerst denke : » O gottlob ; ich bin noch auf der Alp ! « Über diese ausnehmend erfreulichen Berichte war die Großmama jeden Tag aufs neue froh . Sie fand auch , da alles so stand , so könne sie ihren Besuch auf der Alp gar wohl noch ein wenig verschieben , was ihr nicht unlieb war , denn der Ritt den steilen Berg hinauf und wieder herunter war ihr doch etwas beschwerlich vorgekommen . Der Großvater mußte eine ganz besondere Teilnahme für seinen Pflegling gefaßt haben , denn es verging kein Tag , an welchem er nicht irgendetwas Neues zu seiner Kräftigung ausdachte . Er machte jetzt jeden Nachmittag weitere Gänge in die Felsen hinauf , immer höher , und jedesmal brachte er ein Bündelchen mit zurück , das duftete schon von weitem durch die Luft wie gewürzige Nelken und Thymian , und kehrten die Geißen am Abend heim , so fingen sie alle zu meckern und zu springen an und wollten alle miteinander in den Stall eindringen , wo das Bündelchen lag , denn sie kannten den Geruch . Aber der Öhi hatte die Tür gut zugemacht , denn er kletterte den seltenen Kräutchen nicht nach , hoch an die Felsen hinauf , damit die Geißenschar ohne Mühe zu einer guten Mahlzeit komme . Die Kräutlein waren alle für das Schwänli bestimmt , damit es immer noch kräftigere Milch hergebe . Man konnte auch gut sehen , wie die außerordentliche Pflege bei ihm anschlug , denn es warf den Kopf immer lebendiger in die Höhe und machte ganz feurige Augen dazu . So war nun schon die dritte Woche gekommen , seit Klara auf der Alp war . Seit einigen Tagen hatte der Großvater des Morgens , wenn er sie heruntertrug , um sie in ihren Stuhl zu setzen , jedesmal gesagt : » Will das Töchterchen nicht einmal probieren , ein wenig auf dem Boden zu stehen ? « Klara hatte dann wohl versucht , ihm den Gefallen zu tun , aber sie hatte immer gleich gesagt : » O es tut zu weh ! « und hatte sich an ihn festgeklammert ; er ließ sie aber jeden Tag ein wenig länger probieren . Ein so schöner Sommer war seit Jahren nicht auf der Alp gewesen . Jeden Tag zog die strahlende Sonne durch den wolkenlosen Himmel hin , und alle kleinen Blumen machten ihre Kelche weit auf und glühten und dufteten zu ihr empor und am Abend warf sie ihr Purpur- und Rosenlicht auf die Felsenhörner und das Schneefeld hinüber und tauchte dann in ein golden flammendes Meer hinab . Davon erzählte das Heidi seiner Freundin Klara immer wieder , denn nur oben auf der Weide konnte man das alles so recht sehen , und von der Stelle oben am Abhange erzählte es mit besonderem Feuer , wie dort jetzt die großen Scharen der glitzernden , goldenen Weideröschen stehen und Blauglöckchen so viele , daß man meine , dort sei das Gras blau geworden , und daneben ganze Büsche von den braunen Kolbenblümchen , die so schön riechen , daß man nur auf den Boden sitzen müsse zu ihnen und gar nicht mehr fort wolle . Eben jetzt , unter den Tannen sitzend , hatte das Heidi aufs neue von den Blumen dort oben und der Abendsonne und den leuchtenden Felsen erzählt , und dabei war ein solches Verlangen in ihm aufgestiegen , wieder einmal dorthin zu kommen , daß es mit einemmal aufsprang und davonrannte , dem Großvater zu , der im Schopf auf seinem Schnitzstuhl saß . » O Großvater « , rief es schon von weitem hinüber , » kommst du morgen mit uns auf die Weide ? O jetzt ist es so schön dort oben ! « » Es bleibt dabei « , sagte der Großvater zustimmend ; » aber dann muß mir das Töchterchen auch einen Gefallen tun : es muß mir heut ' Abend das Stehen noch einmal recht probieren . « Frohlockend kam das Heidi mit seiner Nachricht zu Klara zurück , und diese versprach gleich , sovielmal versuchen zu wollen , auf ihren Füßen zu stehen , als der Großvater nur wolle , denn sie freute sich ganz ungeheuer , diese Reise nach der schönen Geißenweide hinauf zu machen . Das Heidi war so voller Jubel , daß es gleich dem Peter entgegenrief , sobald es ihn am Abend beim Herunterkommen erblickte : » Peter ! Peter ! morgen kommen wir auch mit und bleiben den ganzen Tag dort oben ! « Als Antwort brummte der Peter wie ein gereizter Bär und schlug mit Wut nach dem unschuldigen Distelfink , der neben ihm trabte . Aber der flinke Distelfink hatte die Bewegung zur rechten Zeit wahrgenommen . Er machte einen hohen Satz über das Schneehöppli weg und der Hieb sauste in die Luft hinaus . Klara und Heidi bestiegen heut ' voll herrlicher Erwartungen ihre zwei schönen Betten , und so erfüllt waren sie von ihren Plänen für morgen , daß sie beschlossen , die ganze Nacht wach zu bleiben und immerfort davon zu sprechen , bis sie wieder aufstehen durften . Kaum lagen sie aber auf ihren guten Kissen , so hörten die Gespräche plötzlich auf , und Klara sah im Traum ein großes , großes Feld vor sich , das war ganz himmelblau anzusehen , so dicht besäet war es von lauter Glockenblumen ; und das Heidi hörte den Raubvogel oben in den Höhen , wie er herunterschrie : » Kommt ! kommt ! kommt ! « Es geschieht , was keiner erwartet hat In aller Frühe trat der Öhi am andern Morgen aus der Hütte und schaute ringsum , wie der Tag sich gestalten wolle . Auf den hohen Bergspitzen lag ein rötlich-goldener Schein ; ein frischer Wind fing an die Äste der Tannen hin und her zu wiegen ; die Sonne wollte kommen . Eine Weile noch stand der Alte und schaute andächtig zu , wie nach den hohen Berggipfeln die grünen Hügel golden zu schimmern begannen und dann aus dem Tale leise die dunkeln Schatten wichen und ein rosiges Licht hineinfloß und nun Höhen und Tiefen im Morgengold erglänzten ; die Sonne war gekommen . Jetzt holte der Öhi den Rollstuhl aus dem Schopf heraus , stellte ihn , zur Reise gerüstet , vor die Hütte hin , und trat dann hinein , um den Kindern zu sagen , wie schön der Morgen erwacht sei , und sie herauszuholen . Eben jetzt kam der Peter herangestiegen . Seine Geißen kamen nicht zutraulich , wie gewohnt , an seiner Seite und nahe vor und hinter ihm den Berg herauf ; sie schossen scheu umher , dahin und dorthin , denn der Peter hieb alle Augenblicke ohne jede Veranlassung um sich wie ein Wütender , und wo er traf , tat es nicht wohl . Der Peter war auf dem höchsten Punkt des Zornes und der Erbitterung angelangt . Seit Wochen hatte er nie mehr das Heidi für sich gehabt , so wie er ' s gewohnt war . Kam er am Morgen von unten herauf , so wurde schon immer das fremde Kind in seinem Stuhl herausgetragen und das Heidi gab sich mit ihm ab . Kam er am Abend von oben herunter , so stand noch der Rollstuhl mit seiner Inhaberin unter den Tannen und das Heidi machte sich mit ihr zu schaffen . Nie war es noch zur Weide hinaufgekommen den ganzen Sommer , und nun heute wollte es kommen , aber mitsamt dem Stuhle und der Fremden darin , und wollte die ganze Zeit nur mit dieser sich abgeben . Das sah der Peter voraus und das hatte seinen inneren Grimm auf den höchsten Punkt gebracht . Jetzt erblickte er den Stuhl , der so stolz da auf seinen Rollen stand , und schaute ihn an wie einen Feind , der ihm alles zuleide getan hatte und heut ' noch viel mehr tun wollte . Der Peter schaute um sich - alles war still , kein Mensch zu sehen . Wie ein Wilder stürzte er jetzt auf den Stuhl , packte ihn an und stieß ihn mit so erbitterter Gewalt dem Bergabhang zu , daß der Stuhl förmlich davonflog und augenblicklich verschwunden war . Jetzt stürzte der Peter die Alm hinan , als hätte er selber Flügel bekommen , und er setzte kein einziges Mal ab , bis er oben zu einem großen Brombeerstrauch gelangte , hinter dem er verschwinden konnte , denn er begehrte nicht , daß der Öhi ihn erblicke . Er wollte aber doch gern sehen , was der Stuhl mache , und der Strauch auf dem Bergvorsprung war gut gelegen . Der Peter konnte halb verborgen die Alm hinabschauen und , kam der Öhi zum Vorschein , hurtig sich ganz verstecken . So tat er , und was erschauten seine Blicke ! Weit unten schon stürzte sein Feind dahin , von immer größerer Gewalt getrieben . Jetzt überschlug er sich , wieder und wieder ; dann machte er einen hohen Satz , dann schlug es ihn wieder auf die Erde nieder , und überschlagend rollte er seinem Verderben entgegen . Schon flogen da und dort die Stücke von ihm weg , Füße , Lehnen , Polsterfetzen , alles hoch in die Luft geworfen . Der Peter empfand eine so unbändige Freude an dem Anblick , daß er mit beiden Füßen zugleich in die Luft springen mußte ; er lachte laut auf , er stampfte vor Wonne , er sprang in Sätzen im Kreis herum , er kam wieder an denselben Platz und guckte den Berg hinab . Ein neues Gelächter erscholl , neue Luftsprünge ; der Peter war völlig außer sich vor Vergnügen über diesen Untergang seines Feindes , denn er sah lauter gute Dinge vor sich , die nun kommen würden . Jetzt mußte die Fremde abreisen , denn sie hatte kein Mittel mehr , sich zu bewegen . Das Heidi war wieder allein und kam mit ihm auf die Weide , und am Abend und Morgen war es für ihn da , wenn er kam , und alles war wieder in der alten Ordnung . Aber der Peter bedachte nicht , wie es geht , wenn man eine böse Tat begangen hat und was dann nachher kommt . Jetzt kam das Heidi aus der Hütte gesprungen und rannte dem Schopf zu . Hinter ihm her kam der Großvater mit Klara auf dem Arm . Die Schopftür stand weit offen , die beiden Bretter daneben waren weggestellt , bis in den hintersten Winkel war es taghell . Das Heidi guckte hin und her , lief um die Ecke , kam wieder zurück , die ungeheuerste Verwunderung lag auf seinem Gesicht . Nun trat der Großvater heran . » Was ist das ? Hast du den Stuhl weggerollt , Heidi ? « fragte er . » Ich suche ihn ja allenthalben , Großvater , und du hast gesagt , er stehe