. Da hoffte nun der Graf , wenn die Waffenruhe ein paar Wochen dauere , wenigstens an dem Schlusse des Feldzuges teilnehmen zu können . Er werde den Arm wohl bald notdürftig gebrauchen können , gab ihm der Doktor zu und fragte : Sind Sie jetzt getröstet ? Aber der Graf antwortete : Ach , Doktor ! Im Jahre neun ein Mann gewesen sein , ein Österreicher und ehemaliger Soldat , und von Aspern und Eßlingen nur gehört haben - darüber tröstet nichts ! Die Gräfin beschloß nun , in den nächsten Tagen heimzureisen ; der Graf gedachte in ungefähr einer Woche zur Armee zu gehen und wollte vorher Anka bei ihrer Großmutter installieren , wo wir die Zeit seiner Abwesenheit zubringen sollten . Da geschah es , daß die Kleine , von der Gräfin kommend , zu mir sagte : Fräulein , die Großmama hat Sie gar nicht gern , aber gar nicht ! Bei Tisch fand ich den Grafen düster und unfreundlich , die Gräfin aber war äußerst angeregt , sonnig und eisig wie ein schöner Wintertag . Am Abend , gleich nachdem wir den Salon betreten , empfahl sich der Doktor ; er warf mir beim Fortgehen einen mitleidigen Blick zu und sagte leise : Seien Sie wacker ! - Anka wurde früher als gewöhnlich zu Bett geschickt , sie weinte , und der Graf , dem sonst die geringfügigste Verstimmung seiner Tochter eine wahre Seelenpein verursachte , blieb diesmal gleichgültig bei den Tränen , die sie vergoß . Sobald wir allein waren , eröffnete die Gräfin das Gespräch ... « Die Hofrätin zog die Achseln ein wenig in die Höhe , überlegte ein Weilchen und sprach : » Ich will Sie nicht auf die Folter der Neugier spannen , liebe Freundin , sondern gleich sagen : was die Gräfin mir mitzuteilen hatte , war etwas Überraschendes , etwas ganz Außerordentliches . Der Vater des Grafen Stephan ersuchte die Gräfin , meine Gesinnungen gegen seinen Sohn zu erforschen . Im Falle diese günstig seien , solle in aller Form um meine Hand geworben werden . Ich entledige mich meines Auftrages , sprach die Gräfin nachlässig , halte es aber für meine Pflicht , Ihnen meine Meinung von der Sache zu sagen . O weh ! wenn die Gräfin den Ton anschlug , da mochte man sich vorsehen ! Da durfte die Eitelkeit oder das Zartgefühl oder irgend etwas leicht Verwundbares in der Seele des andern - ich hatte es schon erfahren - einer schmerzlichen Berührung gewärtig sein . Ich wollte eine solche überhaupt nicht erleiden , am wenigsten jedoch in Gegenwart des Grafen , und beeilte mich , der Gräfin ins Wort zu fallen und ihr sehr lebhaft zu erklären , daß ich keine Neigung für ihren Neffen habe und mich niemals entschließen könnte , seine Frau zu werden . Was sagte ich Ihnen , Mama ? fragte der Graf ; und so leise es geschah , eine mächtige Freude klang aus diesen Worten . Der sie gesprochen , erhob sich und verließ das Zimmer . Der Gräfin mußte ungefähr zumute sein wie jemandem , der sich zu einem Pistolenduell vorbereitet und im Augenblick , in dem er auf den Gegner anlegen will , plötzlich bemerkt , daß er keinen hat . Sie rückte sich in ihrem Sessel zurecht , betrachtete mit flüchtiger Aufmerksamkeit die Stickerei ihres Taschentuches , sagte mir einige Schmeicheleien und forderte mich auf , Vertrauen zu ihr zu haben . Sie gab mir zugleich einen Beweis des ihren , indem sie gestand , von allem unterrichtet zu sein , was zwischen dem Grafen Stephan und mir vorgegangen war . Sie wußte nicht nur , daß ihr Neffe mir den Hof gemacht , sondern auch , daß er es ohne Glück getan hatte . Sie fand das erste unrecht , aber begreiflich , das zweite anerkennenswert und gleichfalls begreiflich . Jetzt aber müsse sie über einiges staunen . Die Gräfin räusperte sich und suchte nach Worten ; zu ihrer Ehre sei es gesagt : es wurde ihr nicht leicht fortzufahren . Was mich in Verwunderung setzt , ist nicht der Antrag Stephans ... Mein Gott , Stephan ist eben verliebt , jung und töricht . Auch das ist es nicht , daß sein Vater sich dahin bringen ließ , diesen Antrag zu billigen und zu protegieren ... Mein Gott , ein Greis , der seinen Kindern gegenüber schwach geworden und es mehr ist denn je in diesem Augenblick . Wenn man soeben einen Sohn verloren hat , schlägt man dem zweiten , kaum wiedergewonnenen einen Wunsch nicht ab , an dem sein Herz hängt . Ein Stärkerer als mein armer Vetter wäre vielleicht unfähig . Wie gesagt , über die andern staune ich nicht , ich staune über Sie und über die Raschheit und Bestimmtheit , mit der Sie Stephans Bewerbung ablehnen . Sie heftete die Augen auf mich , und ich fühlte mein Gesicht hoch aufflammen und dann erbleichen im Strahle dieses kalten und durchdringenden Blickes . Sie haben keine Neigung für Stephan , fuhr die Gräfin fort , haben Sie auch keinen Ehrgeiz ? Fragend und verwundert wiederholte ich dieses letzte Wort , und sie mußte sehen , daß ich seinen Sinn in Wahrheit nicht erfaßte , denn sie ließ sich zu einer Erklärung herbei . Ich meine , Stephan ist arm , er wird siech bleiben , heißt es . Seine Frau , wenn sie pflichttreu sein will , würde das Leben einer Krankenwärterin führen . Aber sie wäre doch seine Frau und nach seinem Tode die verwitwete Gräfin Stephan ... Haben Sie keinen Ehrgeiz ... Ihre Stimme veränderte sich ; ohne lauter zu werden , wurde sie schärfer und eindringlicher . Keinen Ehrgeiz oder einen viel höherfliegenden ? - Sie haben keine Neigung für Stephan , für ihn nicht . Seine Liebe hat Sie nicht gerührt - hoffen Sie vielleicht , daß die Ihre rühren werde - einen Mann rühren , der Ihnen wünschenswerter erscheint ? Dieser furchtbare Angriff kam so unversehens , daß ich nicht einmal daran dachte , mich zu verteidigen . Halb sinnlos vor Beschämung und Schmerz empfand ich nur den brennenden Wunsch , sogleich und unwiderleglich zu beweisen , daß mir Unrecht geschah . Die Gräfin sah den Eindruck , den sie hervorgebracht hatte . Sie lehnte sich behaglich zurück , sie war wieder lauter Freundlichkeit . Es ist ja so angenehm , aus dem Frieden der eigenen unzerstörbaren Ruhe dem Kampfe einer armen Seele zuzusehen , die bebt und flattert wie ein verwundeter Vogel und vergeblich nach Befreiung von ihren Qualen ringt . Nun , Liebe , was antworten Sie mir ? fragte die Gräfin , und ich erwiderte mit soviel Festigkeit , als ich aufzubringen vermochte - ach , sie war höchst gering ! - , daß ich längst den Entschluß gefaßt , das Haus zu verlassen , und nur noch gezögert habe , ihn dem Herrn Grafen mitzuteilen . Der Herr Graf würde fragen , warum ich fort wolle , und ihm darauf der Wahrheit gemäß zu antworten sei mir schwer . Doch müsse es endlich gesagt werden . Ich gehe , weil ich die Hoffnung aufgegeben habe , irgendeinen Einfluß auf meinen Zögling zu gewinnen . Wir hätten durchaus kein Verständnis füreinander , denn ich flöße Anka ebensowenig Sympathie ein , als ich für sie empfinde . Die Gräfin nickte mir mit etwas ironischem Beifall zu . Nicht übel , schien sie sagen zu wollen , das hast du nicht übel gemacht . Die Worte , die sie indessen aussprach , waren : A-h ? ... ja so ! ... das ist schlimm . Das können Sie meinem Schwiegersohn allerdings nicht sagen . Es klänge doch gar zu sonderbar in dem Munde einer Erzieherin . Sie bot mir an , dem Grafen mein Gesuch um Entlassung vorzubringen , und ich hatte noch Selbstbeherrschung genug , ihre Vermittlung anzunehmen und ihr dafür zu danken . Wie ich dann in mein Zimmer gekommen bin , weiß ich nicht . Ich erinnere mich nur , daß ich den Doktor noch am selben Abend sprach und daß es mich befremdete , ihn von dem Schritt unterrichtet zu finden , den der Vater des Grafen Stephan bei mir unternommen hatte - ohne Vorwissen seines Sohnes , behauptete der Doktor , und ich glaubte es gern . Es war ein Opfer , das der schwache und gütige Greis der Neigung seines ihm wiedergeschenkten Kindes bringen wollte . Sie haben abgelehnt , sprach der Doktor , das versteht sich von selbst . Was geschieht aber jetzt ? Er stand vor mir mit gesenktem Kopfe ; sein Gesicht drückte die tiefste Verstimmung aus , und seine dichten weißen Brauen waren finster zusammengezogen . Als ich ihm sagte , daß ich das Haus verlassen werde , erklärte er sich damit einverstanden : Je eher , desto besser . Am besten gleich morgen mit der Gräfin . Er wurde am nächsten Tage sehr zornig , als es hieß , die Gräfin reise allein . Welcher Unsinn ! rief er . Weil eine Reise mit einem Kinde ihr lästig wäre , werden Sie zurückgelassen . Sie ist klug , diese Frau , sie ist klug - bis an die Grenze der Bequemlichkeit . Wo aber die Unbequemlichkeit anfängt , da hört ihre Klugheit auf ... Na , unterbrach er sich , gehen Sie ihr Lebewohl sagen , sie ist mit Anka und dem Grafen im Speisezimmer . Ich ging dahin , und die Gräfin empfing mich mit den Worten : Kommen Sie endlich , meine Schönste ? Ich bin im Begriff , in den Wagen zu steigen . Sie scherzte mit Anka , und der Graf trat an mich heran , auch er in vorzüglich guter Laune . Was höre ich ? fragte er , Sie wollen uns verlassen ? Das ist ja treulos und grausam . Darauf war meine arme Anka nicht gefaßt . Indessen , wenn Sie durchaus nicht bei uns bleiben wollen ... durchaus nicht , wiederholte er nachdrücklich und forschend , dürfen wir Sie nicht zurückhalten . Die Gräfin klopfte mich auf die Wange : Wir meinen es gut mit Ihnen , sagte sie , wir werden Ihrer nicht vergessen . Adieu ! Sie ging , und wenige Minuten später rollte der Wagen , der sie entführte , aus dem Hofe . 10 Acht Tage noch , dann sollten auch wir das Schloß verlassen . Unser Weg war gemeinsam bis zu dem Städtchen , in dessen Posthause wir auf der Reise nach unserm früheren Wohnort Mittagsrast gehalten hatten . Dort teilte er sich . Der Graf gedachte mit Anka nach dem Gute seiner Schwiegermutter zu fahren , der Doktor mit mir nach einem kleinen Badeorte unweit von Wien , wo mein Vormund mit seiner Familie vor den Kriegsereignissen Zuflucht gesucht hatte . Acht Tage noch ! - Eine lange und - eine kurze Zeit . Lang , weil ich sie in Erwartung eines schrecklichen Augenblicks zubrachte , kurz , weil mir schien , daß es die letzte sei , die ich zu leben habe , und als könne nach ihr nur der Tod noch kommen . Anka bemühte sich , mir den Abschied leicht zu machen . Sie verbarg ihre Freude darüber nicht , daß sie eine Zeitlang ohne Gouvernante sein sollte . Sie brauchte keine . Francine blieb vorläufig allein bei ihr , Großmama liebte die neuen Gesichter nicht . Am Abend nach der Abreise der Gräfin , als Anka ihrem Vater gute Nacht sagte , empfahl ich mich zugleich mit ihr . Sie kommen doch wieder ? rief der Graf . Er war unzufrieden , als ich es verneinte , und erwiderte kaum meinen Gruß . Am nächsten Vormittag erschien er bei unserer Unterrichtsstunde und hörte seiner Anka , die ihm alle Reiche Deutschlands an den Fingern herzählte und auf der Karte nachwies , mit stiller Bewunderung zu . Sie nahm eine kluge Miene an und fragte ihn : Weißt du das auch ? Er behauptete , gar nichts zu wissen als das , was sie ihn soeben gelehrt hatte ; da jubelte die Kleine und wiegte sich in der Wonne ihrer befriedigten Eitelkeit . Sie lachte ihn aus und war dann wieder ein wenig zärtlich mit ihm , um ihn zu trösten . Man mochte ihr gut sein oder nicht , man mochte die Veranlassung zu ihrer Freude billigen oder nicht , das stand fest : sie sprühte von Geist und Lebendigkeit , sie war herzig , sie war fast hübsch in diesen Augenblicken . Und der Graf küßte ihre mageren Händchen - und sie verstanden einander , und sie liebten einander und gehörten zusammen wie der Schatten zum Licht . Er selbstlos und sie selbstsüchtig , er die anbetende Unterwürfigkeit und sie die verkörperte Tyrannei . Wehe dem Dritten , der sich hätte eindrängen wollen in ihren festgefügten Bund . Wehe dem Billigen und Gerechten , der gesucht hätte , ihre schreienden Gegensätze auszugleichen , der dem starren Geiz zugerufen hätte : Gib auch du einmal ! und dem überquellenden Reichtum : Halte Maß ! Ich saß neben ihnen und fühlte mich ihnen so fern , als schwebten sie durch den Weltraum auf einem andern Gestirn . Ich blickte in das schöne , offene Gesicht des Vaters und dachte : Nie wirst du ein Weib lieben wie dieses Kind . Ich sah das Kind an und dachte : Dir den Vater entwenden , hieße die einzige lebendige Empfindung in deiner Seele ertöten . Die Zeit verging . Der Abend des letzten Tages kam heran . Als ich mich mit Anka entfernen wollte , ersuchte mich der Graf zu bleiben . Ich habe mit Ihnen zu sprechen , sagte er und gab dem Doktor ein verabschiedendes Zeichen , das dieser übersah . Allein zu sprechen ! fügte der Graf streng und herrisch hinzu , und dem Alten blieb nichts übrig , als sich , langsam freilich und mit offenbarem Widerstreben , zurückzuziehen . Die Überwachung , der er sich unterworfen sah , hatte den Grafen verstimmt ; wenigstens war der Ton durchaus nicht freundlich , in dem er zu mir sprach : Sie sind meiner Schwiegermutter zu Dank verpflichtet , Fräulein , sie bemüht sich sehr um Sie . Da hat sie Ihnen schon einen vortrefflichen Platz als Erzieherin ausfindig gemacht , im Hause der Herzogin v.P. , einer Österreicherin von Geburt , aber an einen Franzosen verheiratet . Sie lebt in Paris ... Reflektieren Sie auf einen solchen Platz , Fräulein ? Wünschen Sie auszuwandern ? Ich antwortete , daß ich dazu bereit sei , und er rief ungeduldig : Machen Sie ein Ende . Wie lange soll denn die Komödie noch dauern ? Komödie ? wiederholte ich , und der Graf fuhr gereizt fort : Jawohl , Komödie ! Meine Schwiegermutter können Sie über die Gründe täuschen , die Ihnen eine Trennung von Anka wünschenswert machen , aber nicht mich . Ich kenne Sie besser , kenne Sie so gut , daß Sie wohltäten , wahr gegen mich zu sein . Ich bitte also um Aufrichtigkeit : Warum wollen Sie fort ? Weil ich mir bewußt bin , meiner Aufgabe nicht gerecht werden zu können . Es ist zum Lachen ! rief er , erhob sich , trat an das Fenster , und nachdem er eine Weile dort gestanden und in die Nacht hinausgeblickt hatte , kam er zurück , setzte sich mir gegenüber und begann ruhig und ernst : Ich begreife , daß Sie sich dagegen sträuben , einige Zeit in der Nähe meiner Schwiegermutter zuzubringen . Die Gräfin ist Ihnen nicht angenehm , kann es nicht sein . Auch sind Sie der Gefahr ausgesetzt , Stephan bei ihr zu begegnen . Sie tun klug , ein Haus zu meiden , von dem man ihn nicht fernhalten kann . Ich sehe das ein , ich freue mich dessen sogar , ja - daß ich es nur gestehe ! - ich hätte Sie selbst gebeten , für die Dauer meiner Abwesenheit Urlaub zu nehmen , wenn Sie mir nicht zuvorgekommen wären . Ich nahm alle meine Selbstüberwindung und Kraft zusammen , um dem Grafen jetzt zu sagen , daß ich nicht um einen Urlaub , sondern um eine Entlassung ersucht habe . Die bekommen Sie nicht ! ... Ich habe eine wahre Freude gehabt , als ich erfuhr , daß Sie meine Schwiegermutter nicht begleiten wollen , aber Sie verstehen es , mir diese Freude zu vergällen . Sie sind edel und charaktervoll , ich ehre Sie , man muß jedoch nichts übertreiben , nicht einmal die Tugend . Was ist das für ein Opfermut und für eine Lust , sich selbst und andere zu quälen , wenn Sie , nur damit ich Ihren Fluchtversuch nicht vereitle , Ihren Wert in meinen Augen verringern ? Das war nicht meine Absicht , entgegnete ich . Dann hatten Sie unrecht , einen Vorwand zu ersinnen , der diese Folge haben und der mich nebenbei tief verletzen mußte . Ich gab keine Antwort . Ich kämpfte mit meinen Tränen , aber wacker ; denn mir blieb der Sieg ! Kein Verständnis für Anka ? nahm der Graf wieder das Wort . Keine Neigung für Anka ? Sie haben soviel für das Kind getan und behaupten , daß Sie es nicht lieben ? Fragen Sie doch , Herr Graf , ob das Kind mich liebt , sprach ich , mir mit unsagbarer Mühe soviel Atem abringend , als ich brauchte , um meine Stimme vernehmbar zu machen . Ich wählte den mildesten Ausdruck , den ich fand : Wir sind einander gleichgültig . Sie wollen Wahrhaftigkeit von mir - ich gebe sie ... Helene ! rief der Graf . Zum erstenmal nannte er mich Helene ... und so genannt , mit diesem Ausdruck , mit dieser Leidenschaft , dieser Liebe - klang mein eigener Name mir fremd . Helene , ich bat Sie um Wahrhaftigkeit , jetzt möchte ich Sie beinah um eine barmherzige Lüge bitten . Indessen - nein ! besser hoffnungslos als getäuscht . Der geirrt hat - leide ! ... Ich habe geirrt , als ich glaubte , in Ihnen die einzige gefunden zu haben , die meinem armen verwaisten Kinde die Mutter ersetzen könnte ! Damit wandte er sich und verließ nach kurzem Gruße das Zimmer . Am frühen Morgen brachen wir auf , die beiden Herren im ersten Wagen , Francine , Anka und ich im zweiten . Anka war wieder von ihrem Reisetaumel erfaßt . Bis an ihr Ende soll ihr die Lust am Reisen geblieben sein , die so viele Menschen haben , in deren Seele nichts vorgeht . Unbewußt fühlen sie sich getrieben , den Mangel an innerer Bewegung durch äußere zu ersetzen . Bei den Haltestationen kam der Graf zu uns , schritt auch wohl , wenn es langsam bergan ging , neben unserm Wagen , sprach mit Anka und bedauerte Francine , die an einer heftigen Migräne litt . An mich richtete er nicht ein einziges Mal das Wort . Am letzten Tage vor einem Abschied für das Leben demütigte er mich vorsätzlich durch die Hartnäckigkeit , mit der er mich übersah . Und Anka wurde immer toller . - Du bist ja sehr lustig , sagte er zu ihr . - Ja , sehr lustig und froh . - Worüber denn ? Sie warf einen vielsagenden Blick auf mich , beugte sich aus dem Wagen , drückte den Mund an das Ohr ihres Vaters und flüsterte ihm etwas zu ; dann warf sie sich zurück , um den Eindruck zu beobachten , den ihre Worte gemacht hatten . Es war ein tiefer und peinlicher . Der Graf wurde feuerrot , seine Lippen zuckten . Anka ! sagte er in drohendem Tone und verließ uns . Wir sahen ihn erst im Speisezimmer des Posthauses wieder , vor dem wir mit einbrechender Nacht anlangten . Das Abendessen erwartete uns . Francine nahm daran nicht teil ; sie hatte sich , aus dem Wagen steigend , sogleich ein Zimmer anweisen lassen , nachdem sie einen raschen Abschied von mir genommen . Beim Souper wurde wenig gesprochen und noch weniger gegessen . Wäre Anka nicht gewesen , man hätte die Speisen unberührt abgetragen . Plötzlich erhob sich der Graf : Geh schlafen , Anka ! Fräulein , ich sage Ihnen Lebewohl . Sie reisen früher als wir , Sie haben einen weiteren Weg , ich sehe Sie morgen nicht mehr , sprach er rauh und bestimmt ; seine Worte klangen wie eine Kriegserklärung . Ich danke Ihnen im Namen Ankas für die Sorgfalt , die Sie ihr angedeihen ließen . Ihr Verdienst ist um so größer , als alles , was Sie taten , für Menschen geschah , die Ihre Freundschaft nicht zu gewinnen vermochten . Er verneigte sich , und ich wollte sprechen , wollte stark bleiben bis ans Ende . Aber der Abschied zerriß mir das Herz . Ich war erschöpft von den Qualen dieses Tages , ich vermochte nicht länger die Tränen zu unterdrücken , die mich erstickten ... Sie weinen ? rief der Graf voll Bestürzung und gleich darauf mit seltsamer Freudigkeit : Nun , Gott sei Dank , daß Sie doch weinen können ! Der Doktor näherte sich mir und wollte meinen Arm ergreifen . Sie bleibt ! befahl der Graf . Führen Sie Anka indessen auf ihr Zimmer . Geht ! Der Alte und das Kind gehorchten nach einigem Zögern , und wir waren allein . Finster und schweigend stand der Graf eine Weile vor mir , dann begann er mit erregter Stimme : Ich bitte Sie , Fräulein , zeigen Sie sich einmal , wie Sie sind ! Würdigen Sie mich eines Einblicks in Ihre Seele . Seien Sie ehrlich gegen mich . Sie waren es bisher nicht . Sich schlimmer machen , als man ist , sich hart und gefühllos zeigen - gleichviel aus welchem edelmütigen Grunde - , ist das ehrlich ? Eine große Verwirrung und Angst erfaßte mich . Was verlangte er ? ... Ehrlich sein ihm gegenüber , das hieß mein schmerzlich bewahrtes Geheimnis verraten und meinen Stolz aufgeben , der allein mir geholfen hatte , die schwerste Prüfung zu bestehen , die einem jungen Menschenherzen auferlegt werden kann : den stillen Kampf mit seiner ersten Liebe . Er schien zu erraten , was in mir vorging ; plötzlich erhellte sich sein Gesicht , er machte einen raschen Schritt auf mich zu - unwillkürlich trat ich zurück . Was fürchten Sie ? fragte er . Sie stehen unter meinem Schutz - vertrauen Sie mir , Helene ... Wenn ich Ihnen wert bin , so fassen Sie den Mut ... was sag ich - den Entschluß , es auszusprechen . Er faltete die Hände . Lassen Sie sich bewegen , lassen Sie sich herab , es auszusprechen : Sind Sie mir gut ? Wollen Sie mein Weib werden - mit einem Worte : Lieben Sie mich ? Bangende Hoffnung , bittende Erwartung sprachen aus seiner Stimme - und ohne mich länger zu besinnen , ohne zu denken , was ich tat , gab ich in einem Augenblick die Frucht meines langen Kampfes preis und antwortete : Ja ! Da faßte er mich in seine Arme . Endlich ! jauchzte er . Törin , Selbstquälerin ! Er legte seine Hand auf meinen Scheitel und blickte mir lange schweigend in die Augen . Und ich , Helene , habe für Sie die tiefste und innigste Liebe . Der Quell dieser Liebe - ich will Sie nicht täuschen - war Dankbarkeit für die Sorgfalt , mit der Sie Anka umgaben . Und Anka muß auch in Zukunft das Erste und Letzte für uns sein . Er unterbrach sich , ein Schatten flog über seine Stirn . - Meine Liebe zu Ihnen , die - ich fühle es - wachsen wird von Tag zu Tag , darf den Rechten Ankas keinen Eintrag tun . Anka darf nicht verarmen , weil ich reicher geworden bin , reicher , als ich glaubte jemals wieder werden zu können . Ich hatte auf alles Glück verzichtet , und nun erblüht es mir von neuem . Ich blickte in die Zukunft wie in trübes , einförmiges Dunkel , und nun steht sie in lichter Schönheit vor mir . Er begann diese Zukunft auszumalen . Nicht alles war sonnig darin . Wir werden uns vereinsamen oder kämpfen müssen um unser Glück , sagte er . Versöhnung mit unserm Bunde ist von den Meinen nicht zu hoffen - ich ertrage ihren Tadel , ich weiß , was ich gewinne und was ich verliere , ich kenne die Welt und habe ihre Freuden genossen und deren Wert gewogen . Aber du - Er wollte mich nicht betrügen , er sprach offen mit mir , er schilderte mir getreulich alle Bitternisse , die mir bevorstanden . Ich gedachte der Großmutter Ankas , und wie ihr niedriger Verdacht gegen mich nun gerechtfertigt sei in ihren Augen und in denen der vielen , die durch diese Augen sahen . Sie war ja die größte Egoistin und darum die Herrin in der Familie . Frei von diesem tyrannischen Einfluß fühlte sich nicht einmal der Mann , der um mich warb , den Vorurteilen seines Standes zum Trotz . Ist dir bange ? fragte er . Du wirst manches erleiden , gegen das ich dich nicht zu schützen vermag ; es ist ja nicht zu greifen , nicht zu erweisen , es hat keinen Namen und verwundet doch bis in die innerste Seele . Willst du es um mich erleiden ? Erleiden ! ... O Gott , alles um ihn - und mit himmlischer Wonne ! « Die Greisin erhob das Haupt , ihr Gesicht erschien mit einem Mal verjüngt und verklärt . » Noch sehe ich das Leuchten seiner Augen , ich fühle seinen reinen glühenden Kuß noch auf meinen Lippen . Ich habe lange Jahre in einer zufriedenen Ehe gelebt , ich habe Kinder geboren und Freude an ihnen gehabt - jenen einzigen Augenblick hat nie ein andrer überboten , kein dauerndes Glück hat die Erinnerung an dieses flüchtige verlöscht ... Und du wolltest uns verlassen ? Das Kind und mich ? Und mit welchem Mißklang , begann er plötzlich , mit welcher Täuschung , mit welcher Verleumdung deiner selbst ! ... Du konntest sagen , daß du mein Kind nicht liebst ? ! Er hielt inne - er sah mich zagend und staunend an . Ich hatte mich erbleichen gefühlt , die Arme waren mir gesunken , und wie ein Hauch des Todes überlief es mich . Helene , fuhr er fort , es war eine Ausflucht , ich bin davon überzeugt , ich schwöre dir : ich zweifle nicht - aber schwör auch du , daß ich nicht zu zweifeln brauche ! Es ist nur eine Laune , eine Grille - aber aus Liebe zu mir , aus Erbarmen gib ihr nach ! Nun - - ich konnte nicht . Ich konnte nur weinen und flehen : Erlaß es mir ! Er fuhr heftig auf : Die Stunde trennt uns oder vereinigt uns für immer ... Die mein Kind nicht liebt , liebt mich nicht ... Helene , so war es keine Lüge ? ... Nun , dann war alles , was mich rührte , was Ihnen meinen Dank gewann , Heuchelei ! Lieblosigkeit im Gewande der Liebe , dem kalten Herzen mühsam abgerungene Pflichterfüllung ? ... Sagen Sie mir , wie kann man bei Ihnen unterscheiden zwischen Liebe und ihrem Gegenteil - der Pflicht ? ... Sie sind furchtbar ... Der Mann , der am Altar Ihren Schwur empfängt , wird sich ewig fragen müssen : Folgt sie dem eigenen Herzenszug , oder hält sie nur gewissenhaft ein gegebenes Wort ? Was jetzt folgte , was er sprach , was ich erwiderte - nicht einmal in Gedanken vermag ich dabei zu verweilen . Meine schwer erkämpfte Ruhe , Selbstüberwindung und Selbstverleugnung - zu meinem Unheil hatte ich sie ausgeübt . Was ich für das Beste an mir gehalten , erhob sich gegen mich und klagte mich an . Wie hätte ich mich gegen diese Zeugen verteidigen sollen ? Er sah , was ich litt , und in der letzten Sekunde noch hatte er eine Regung des Mitleids . Wir trennen uns , aber wir gehen nicht aus der Welt . Prüfen Sie sich ... Wenn Ihre Gesinnungen sich ändern sollten , wenn Ihnen die Abneigung gegen Anka vielleicht doch in einiger Zeit nicht mehr so unbesiegbar scheinen sollte wie jetzt , wenn Sie noch einen Versuch wagen wollten - dann geben Sie mir ein Zeichen ! Ich werde es begrüßen wie einen Boten des Lichts . Helene ! werden Sie mir das Zeichen geben können ? Glauben Sie es ? Darf ich darauf hoffen ? Noch einmal zog er mich an seine Brust , aber ich empfand nur Qual , Beschämung und Reue . Wie ein Raub erschien mir jedes Wort der Zärtlichkeit , das er an mich verlor , und Schrecken flößte die stürmische Heftigkeit mir ein , mit der er mich plötzlich umfaßte . Angstvoll entzog ich mich seiner Umarmung ... Auf seine letzte Frage hat er keine Antwort erhalten - mein letzter Blick hat den seinen vergeblich gesucht . Stumm , unbeweglich stand er da und starrte mit düsterer Entschlossenheit vor sich nieder . Auf halbem Wege nach meinem Zimmer kam mir der Doktor entgegen . Es bleibt doch dabei ? Wir reisen ? sprach er hastig . Sie haben Abschied genommen für immer ? Nun , Gott sei Dank ! Ein Freund sagt Ihnen das , ein Vater ! Er geleitete mich durch sein eigenes Gemach , das von dem Anka und mir bestimmten nur durch ein leerstehendes getrennt war . Einen andern Eingang schien unsere Stube nicht zu haben . Auf der Schwelle blieb der Alte stehen , empfahl uns , sogleich zur Ruhe zu gehen , und schloß die Tür . Anka war noch hellmunter und spielte