von der Stadt , in der reizendsten Gegend . Unvergleichlicher Reitboden ! Es war immer Agathens Lieblingsaufenthalt . Das müßte verkauft werden - gleich , gleich - ohne Verzug und nicht unter seinem Wert . Der Erlös desselben deckt alle Differenzen , und leichten Herzens verlassen Papa und Mama die Heimat , und erhobenen Hauptes treten sie vor die fremde Schwägerin . Ihnen ist die Demütigung erspart , die gräßliche , mit einer Bitte auf den Lippen in dem Hause zu erscheinen , das sich ihnen gastfreundlich erschließt ... Genug , das Gütchen muß verkauft werden , und der Käufer muß - Hermann sein , und Lotti , die er so unaussprechlich verehrt , deren Meinung ihm von höchster Wichtigkeit ist , muß ihn dazu bewegen ... Will sie es tun ? sie will , sie hat es versprochen , sie darf jetzt nicht nein sagen . Sie wird ihren Einfluß geltend machen ... » Sie wollen , Sie werden , Fräulein - nicht wahr ? und bald - und heute noch ? « Agathens Blicke hingen an den Lippen der Schweigenden : » Antworten Sie mir - reden Sie ! « » Was soll ich sagen ? « sprach Lotti in peinlicher Verwirrung . » Ich weiß nicht , ob man das von ihm verlangen darf - ob ihm die Mittel zu Gebote stehen ... « Sie stockte , sie sah Halwig vor sich , wie er am nämlichen Morgen zu ihr gekommen war , alle Zeichen verzweiflungsvoller Pein und tiefster Erschöpfung in seinen Zügen . » Die Mittel ? « rief die junge Frau - » er ist so reich , als er sein will . Die Summe , die er braucht , um meinen allerhöchsten und innigsten Wunsch zu erfüllen und um meine Eltern aus der unangenehmsten Lage zu befreien - die Summe bietet sein Verleger ihm an ... Er braucht nur einen Kontrakt zu unterschreiben , in dem er sich verpflichtet ... ich kann nicht sagen , wie viele Bände zu liefern in einer bestimmten Zeit ... und denken Sie ! statt freudig auf den Vorschlag einzugehen , zögert er - kann zu keinem Entschluß kommen , ich - « eine plötzlich aufsteigende Röte , wie eine beschämende Erinnerung sie erweckt , bedeckt ihr Angesicht , » ich habe ihn vergeblich darum gebeten . « » Wie können Sie glauben « , sagte Lotti , » daß er mir etwas zugestehen wird , das er Ihnen abschlug ? « » Er wird ! Er hält soviel auf Sie ! verehrt Sie so grenzenlos ... Er wird Sie nicht der Parteilichkeit anklagen , wie er es mir tut in seiner Eifersucht auf die Meinen ... « erwiderte Agathe melancholisch und fügte mit einem tiefen Seufzer hinzu : » Ach , diese Eifersucht ist schrecklich bei ihm , ist schon eine fixe Idee ... und so schwer ich mich von meinen armen Eltern trenne - ich wünschte wahrlich , sie wären drüben über dem Meere , und ich sähe sie nicht mehr , und er hätte nie wieder Gelegenheit , mir vorzuwerfen , daß sie mir lieber sind als er ... als er - um den ich sie verlassen habe ! « Was war das für eine kindische und gewiß ungerechte Klage , und dennoch , welches Mitleid erregte sie in derjenigen , der sie mit so weicher bezaubernder Stimme , mit so großen Tränen in den feuchten , flehenden Augen vorgebracht wurde . Und jetzt falteten sich die Hände der schönen Frau : » O Fräulein Lotti ... « Da pochte es an der Tür , der Diener erschien und meldete : » Herr von Schweitzer . « Agathe schnellte empor . » Soll warten , ich lasse bitten . Er kommt zwar sehr ungelegen , der gute Schweitzer « , fuhr sie fort , nachdem der Diener sich entfernt hatte , » aber dennoch darf man ihn nicht wegschicken . Auch der könnte helfen ! ... Einen Augenblick , liebstes Fräulein ! « Sie stand schon auf ihren Füßen . » In so tiefem Negligé will ich mich vor einem Herrenbesuche nicht sehen lassen . Empfangen Sie ihn an meiner Stelle ; der gute Schweitzer , unser Advokat , ein Jugendfreund meines Mannes , bleibt nie lange . Sie aber müssen lange bleiben ... Gehen Sie , ich komme Ihnen gleich nach . Ich bitte Sie ! ich bitte ! ... Keine Einwendungen ! ... Sie dürfen nicht fort - wir behalten Sie zu Tische , das steht in den Sternen geschrieben , dagegen vermögen Sie nichts . « Sie sprach das alles rasch mit ihrer weichsten Stimme und dabei mit einer Bestimmtheit , die nicht einmal den Versuch eines Widerstandes aufkommen ließ . » Sei es denn ! « sagte Lotti und fügte in Gedanken hinzu : So laßt uns in einem fremden Hause einen fremden Besuch im Namen einer fremden Frau empfangen . Mitten in dem chinesischen Boudoir , in das sie eintrat , stand ein Mann von etwa vierzig Jahren . Eine gedrungene , untersetzte Gestalt , dunkel , etwas nachlässig gekleidet . Ein mächtiger Kopf , mit dichtem , schon ins Graue spielendem bürstenartig zugestutztem Haar und ebensolchem , bis auf die Brust reichendem Vollbart , saß auf kurzem Halse , von athletisch geformten Schultern stolz getragen . An dem ganzen Menschen sprach alles , die Haltung , die Miene , die breite wie in Erz gegossene Stirn , die kräftige gerade Nase mit den scharf gezeichneten Nasenflügeln , der streng geschlossene Mund , es sprachen die energisch blickenden und tiefliegenden Augen von Festigkeit und unbeugsamem Willen . Das Befremden , das ihn ergriff , als er statt der erwarteten Hausfrau eine Unbekannte ins Zimmer kommen sah , gab sich in seinen Zügen deutlich und mit einem Mißfallen kund , das Lotti in Verlegenheit setzte . Sie fand nicht gleich ein erklärendes Wort , um derselben ein Ende zu machen , und so standen sie ein Weilchen in höchster Unbehaglichkeit voreinander . Da öffnete sich ein klein wenig die Tür von Agathens Gemach . Schlank , weiß und schmiegsam , preßte sich die junge Frau , die sich in ihrem Morgenkleide vor einem Herrenbesuche nicht sehen lassen konnte , in den schmalen Zwischenraum . » Lieber Freund « , sprach sie , » das ist Fräulein Feßler ! Mehr brauche ich Ihnen nicht zu sagen . « Sie war verschwunden . Derjenige aber , an den sich die Worte gerichtet hatten , starrte die wieder geschlossene Tür mit einem so eigentümlich verlangenden und zugleich wütenden Blicke an , er hatte , als Agathe sich unerwartet in derselben zeigte , auf ihre Lichterscheinung einen so heißen Blick geworfen , einen Blick , so sprühend von Leidenschaft und Groll , daß Lotti , die unerfahrene , weltunkundige Lotti , mit plötzlichem und bangem Begreifen zusammenschrak . Sie dachte : Was ist das ? Hilf Himmel - der haßt oder - der liebt sie . 10 » Fräulein Feßler ? « sprach er , sah sie durchdringend an und verbeugte sich rasch . » Meine Verehrung . Erlauben Sie , daß ich mich Ihnen vorstelle . Ich heiße Schweitzer und bin ein Tiroler . « Er lachte , und dabei kamen zwei Reihen Zähne zum Vorschein , so weiß und dicht , daß es eine Freude war . Lotti und er wechselten einige hergebrachte Redensarten . » Ja , ich habe viel von Ihnen gehört « , sagte Schweitzer plötzlich mit verändertem Tone , » am meisten vor acht Tagen . Da traf ich Halwig auf dem Wege zu Ihnen . Ein erster Besuch - nach vielen Jahren ... « » Das waren Sie ? « versetzte Lotti . » Sie haben ihm damals einen sehr guten Rat gegeben . « » Hat er mich verklagt ? ... Ja , Ja ; mein Rat war gut , zu gut , um befolgt zu werden . « Lotti schwieg , und er fragte : » Haben Sie sein letztes Buch gelesen ? « » Nein ! « » Lesen Sie es nie ! ... oder doch - lesen Sie es , und sagen Sie mir dann , ob ich recht habe , ihm zuzurufen : Halt ein ! « » Sie haben recht ; ich brauche , um davon überzeugt zu sein , das Buch nicht zu lesen . « » Ihnen graut ! Sie wissen , was Sie zu erwarten hätten . Gut denn , lesen Sie nicht , aber helfen Sie mir . Wirken Sie in meinem Sinne auf ihn ein . Ihr Einfluß ist groß . Ich bin dessen innegeworden , als er neulich nach jener Unterredung mit Ihnen heimkehrte , so ruhig und vernünftig wie er seit langem nicht mehr gewesen ist . « » Was soll ich tun ? « » Ihn vermögen , der Schriftstellerei für eine Zeitlang Valet zu sagen und eine andere , freilich minder einträgliche Beschäftigung , die ich für ihn im Auge habe , zu ergreifen . « Er unterbrach sich : » Aber darüber sprechen wir noch ... Jetzt sagen Sie mir , warum sehen Sie mich so an ? « » Ich wundere mich - « erwiderte Lotti , ein wenig außer Fassung gebracht durch diese Frage . Er ließ sie nicht weitersprechen . » Warum ? « fiel er ihr ins Wort . » Weil Sie mir glauben ? Nun , das geschieht , weil zwischen zwei absolut redlichen Menschen eine Freimaurerei besteht . « » Vielleicht - aber seltsam scheint es mir , daß auch Sie meinen Einfluß ... « Abermals unterbrach er sie : » Auch ich ? ... Ganz recht . Ihr Einfluß ist hier bereits angerufen worden - freilich im entgegengesetzten Sinne ... von einem schönen Vampyr ... « Er hielt inne . Die Tür hatte sich geöffnet , und Agathe erschien auf der Schwelle . Sie mußte die letzten Worte gehört haben , es war nicht anders möglich ; doch suchte sie offenbar kein Arg in ihnen , denn sie begrüßte den Sprecher derselben mit liebenswürdiger , sogar etwas koketter Freundlichkeit . Sie hatte sich Zeit zur Toilette gelassen ; diese war aber trotzdem nicht ganz beendet . Die Ohrringe fehlten noch und auch das Medaillon , und die Bandschleife am Halse , an welche es befestigt werden sollte . Sie hielt das alles in ihren Händen . » Nun , lieber Rechtsfreund ? « fragte sie , trat an den Pfeilerspiegel und begann eines ihrer zarten rosigen Ohrläppchen zu quälen , um ihm den Schmuck einer erbsengroßen Perle vom schönsten Orient aufzunötigen . » Wie steht unsere Angelegenheit ? - Sie bringen eine gute Nachricht , das sehe ich Ihnen an . « » Sie sehen schlecht , gnädige Frau « , sagte Schweitzer trocken und blickte streng in den Spiegel , aus dem ihr zur Seite geneigtes Gesicht ihn anlächelte . » Ist der Brief , den wir erwarten , angekommen ? « » Er ist nicht angekommen ! « » Und der Zweck Ihres Besuches , wenn man fragen darf ? « Sie wandte sich um und sah spöttisch fragend zu ihm nieder , der sich bei ihrem Eintreten erhoben , jetzt aber seinen früheren Platz auf einem Fauteuil , Lotti gegenüber , wieder eingenommen hatte . » Sie werden mir doch nicht weismachen wollen , daß nichts anderes Sie hierherführt als die Sehnsucht nach meinem Anblick ? « » Oder der Wunsch , Ihnen Langeweile ins Haus zu tragen ? - Nein , ich komme aus einem andern Grunde . « » Bitte ihn auseinanderzusetzen . In Gegenwart dieser teuren Zeugin da ... Ach , Fräulein Feßler , seien Sie doch so gütig ... « Sie reichte Lotti die beiden Enden des Bandes , das sie durch den Ring des Medaillons gezogen hatte , und kniete plötzlich nieder . Lotti beeilte sich , die Schleife über dem schlanken Rücken festzuknüpfen , der sich ihr entgegenbeugte , während Schweitzer dieser ganzen Prozedur mit stillem Grimm zuzusehen schien . Agathe erhob sich von ihren Knien , um auf ein kleines Kanapee zu gleiten , in dessen Kissen sie sich zurücklehnte . » Ihren Grund , mein Freund . Reden Sie doch . Sie spannen meine Neugier auf die Folter « , sagte sie , und ein maskiertes Gähnen hob ihre Nasenflügel . » Ich höre von einem Kontrakt mit einem Buchhändler , den Halwig unterschreiben soll « , begann Schweitzer in ruhigem , nachdrücklichem Tone . » Daß Sie auch alles hören müssen ! « warf Agathe dazwischen . » Und will ihn daran hindern « , fuhr Schweitzer fort . » Ich habe den Kontrakt nicht gesehen , aber ich weiß , wer ihn ausgestellt hat , und das ist mir genug . Es kann auch Ihnen genug sein . Glauben Sie mir , gnädige Frau , Sie sind eine so zärtliche Gattin , raten Sie Ihrem Mann , sich doch lieber an einen Sklavenhändler zu verkaufen , er kommt dabei weniger zu Schaden . « » Sie sind einzig , lieber Freund ! Also , nicht gelesen - den Kontrakt ? Da komme ich doch einmal im Leben in die Gelegenheit , Sie zu belehren . Der Verleger , den Sie verabscheuen - der Arme ! - fordert zehn Jahre hindurch alljährlich drei Bände ... Ich erinnere mich jetzt « , schaltete sie ein , zu Lotti gewendet . » Ist das zuviel ? ... Für Hermann , sage ich Ihnen , ist das nichts ... « » Drei Bände ! « rief Schweitzer , » und sie brauchen nicht einmal sehr dick zu sein , wenn sie nur recht viel Skandal enthalten , nur einige Seiten , auf denen das Unsagbare gesagt wird - nur ein einziges Kapitel , das von Dingen handelt ... Dingen - die man in Gegenwart verehrter Frauen - « er sah Lotti fest an und neigte den Kopf , » nicht nennt . « » Da haben Sie den ganzen Schweitzer ! « versetzte Agathe mit ihrem hellsten Lachen und mit der siegreichen Überlegenheit des Gleichmuts über den aufbrausenden Zorn . » Sehen Sie , Fräulein Feßler , wie er mich mißhandelt , mein Freund , mein strenger , grausamer , aber alleraufrichtigster Freund . « Und dabei neigte sie sich vor und blickte ihm von unten hinauf ins Gesicht , lockend , herausfordernd , als wollte sie ihn ganz einhüllen in Bezauberung , sie , die junge , schöne , glänzende Frau , den alternden , schlichten Mann , dessen Züge etwas Steinernes annahmen und der in hartem Tone sprach : » An wem ist Ihnen mehr gelegen ? An diesem aufrichtigen Freund oder an Ihrem blauen Papagei ? « » Keine Gewissensfragen ! Kommen Sie mir jetzt nicht mit Gewissensfragen ! Bleiben wir bei der Stange . Aufrichtig ! wenn ich bitten darf . « Sie wurde ernst und sprach in kaltem und geschäftsmäßigem Tone : » Sie sind gegen die Unterschrift , weil Sie nicht zweifeln , daß uns bald auf andere Art aus der Verlegenheit geholfen wird ... Leugnen Sie doch nicht ! - Unser Prozeß steht gut - er kann nur gut stehen , sagt Hermann , der gewiß kein Sanguiniker ist ... « » Sagt Hermann , daß es mit dem Prozeß gut steht ? - Das sagt er Ihnen ? Warum nicht lieber mir , den es trösten würde ? denn ich sehe schwarz in der Sache , ich halte sie für verloren , und Hermann wäre meiner Meinung , wenn er den Gang der Angelegenheiten verfolgt hätte . Aber dazu hat er keine Zeit . Er hört mich gar nicht an , wenn ich relationieren komme . « » Sie müssen wissen « , fuhr Schweitzer , zu Lotti gewendet , fort , » daß Halwig eine sehr gerechte Forderung an die Enkel eines Gutsbesitzers in Mecklenburg stellt , dem sein Großvater dereinst ein ansehnliches Darlehn gemacht . Die Summe war auf dem Gute intabuliert , es scheinen Interessen davon gezahlt worden zu sein , allein im Testamente des alten Herrn von Halwig blieb sie unerwähnt . Sein Sohn machte wohl sein Recht geltend , jedoch mit wenig Nachdruck , schläfrig und halb , wie er alles zu tun pflegte . Der Mecklenburger war inzwischen in zerrütteten Vermögensverhältnissen gestorben . Seine Kinder legten nicht besonderen Eifer an den Tag , sich der Schulden zu entledigen , die ihr Vater ihnen hinterlassen ... und so vererbten sich Verpflichtung und Forderung auf die Kinder dieser Kinder , und auf den Sohn jenes Sohnes . Ich erspare Ihnen eine juridische Auseinandersetzung , ich sage nur , daß Halwigs Recht so klar ist wie der Tag und daß ich überzeugt war , es zur Geltung bringen zu können , als ich selbst ihn bestimmte , die schon aufgegebene Sache wiederaufzunehmen und mir ihre Führung getrost zu überlassen ... Nun - ich habe vergeblich gerungen . Ich werde dem Rechte nicht zum Sieg verhelfen . Ich erkläre das meinem Klienten , sooft ich ihn sehe . Aber machen Sie einem Menschen etwas begreiflich , was er nicht begreifen will - entwurzeln Sie eine Hoffnung , welche durch die Furcht vor Verzweiflung eingepflanzt worden ist ... « Agathe horchte seinen Worten mit verhaltenem Atem . » Sie selbst « , sagte sie jetzt , » haben die Hoffnung , die Sie ihm nehmen wollen , noch nicht verloren . Jener Brief von Ihrem Abgesandten , den Sie erwarten , kann günstige Nachrichten bringen ... Jenen Brief « , sie blickte ihn forschend an , » erwarteten Sie , wenn ich nicht irre , schon gestern ... Lieber Freund , wenn der Brief fortfährt , auszubleiben - oder wenn er eintrifft , mit schlechten Nachrichten beladen - dann , lieber Freund , dann liebes Fräulein Feßler - « sie ergriff Lottis Hand und hielt sie angstvoll mit ihren Fingern umklammert - , » dann muß Hermann den Kontrakt unterschreiben . - Meinen Eltern muß geholfen werden . Sehen Sie das nicht ein , Sie beide ! ... Haben Sie nicht auch Eltern gehabt , die Sie liebten ? ... Denken Sie an Ihren Vater , Fräulein Feßler , Hermann hat mir so viel von ihm erzählt , daß ich meine , ihn gekannt zu haben . - Denken Sie an Ihre Mutter , Schweitzer , der Sie so viele Opfer gebracht ... Fragen Sie sich , hätten Sie nicht Ihre Seele für Vater und Mutter verkauft ? « Lotti wollte sprechen , aber Schweitzer schnitt ihr das Wort ab : » Meine Seele vielleicht - die eines andern ? - Nein ! « » So spricht ein Junggesell . Mann und Weib sind eins , und ich erkläre denn ... aber wie lächerlich , wie lächerlich sind wir mit unserem Seelenverkauf ! Als ob sich ' s darum handelte ! ... Hören Sie meinen unwiderruflichen Entschluß : Wenn der Prozeß günstig für uns entschieden wird , dann zerreiße ich den Kontrakt mit meinen eigenen Händen - die Sie dann küssen werden , Schweitzer ! - Wir kaufen sofort das Gut meiner Eltern , ziehen uns dahin zurück und sind glücklich , wie wir es schon einmal waren - in England auf dem Lande ... Mein Herr Gemahl wird mir zu Ehren noch ein Sportsmann . Man sieht ihn niemals anders als im roten Frack oder im Jagdrock mit grünen Aufschlägen ... und nirgends anders als bei mir ... und immer zu Pferd , zu Wagen oder auf der Pirsch - immer nur bemüht , mich zu bezaubern ... Das gelingt ihm - hingerissen falle ich meinem Helden , meinem Ritter in die Arme . Unter einem Holunder-busch und vielen Wonnetränen schwören wir uns täglich ewige Liebe ! « Sie sagte das schalkhaft , übermütig , und dabei lag doch in ihren Augen eine geheimnisvolle Wehmut , eine sehnsüchtige Zärtlichkeit , die zu all den Scherzen nicht paßten . Schweitzer saß aufrecht und steif vor ihr wie die Statue eines Pharaonen und starrte sie selbstvergessen an . Sie fuhr fort : » Wir könnten selig sein . Selig , einander endlich anzugehören , endlich füreinander zu leben . Das geschieht hier nicht , in der widerwärtigen Stadt . Auf dem Lande , und wenn Hermann noch soviel zu tun hätte , bliebe ihm mehr Zeit für mich . Hier vergehen Tage , an denen ich ihn nicht sehe , das halbe Stündchen ausgenommen , das wir bei Tische zubringen . Und wovon spricht er da ? Von Büchern , Zeitungen , Rezensionen ... Ich frage mich oft : Habe ich einen Mann geheiratet oder eine Schreibmaschine ? « » Das fühlen Sie ? « rief Schweitzer , » und könnten sich doch entschließen , dieser ohnehin überbürdeten Maschine , deren Motor ein Menschengeist ist , neue Lasten aufzudrängen ? « » Ich tu es nicht , Freund ! ich nicht ! - Die Notwendigkeit tut es . Was mich betrifft , ich hasse die Schreiberei . Hinge es von mir ab - Hermann brauchte nie wieder eine Feder anzurühren ... Da kommen Leute zu ihm - Literaten , die sagen , schriftstellern sei unweiblich . Ich möchte immer erwidern : Nein , meine Herren - unmännlich ist ' s ! Männlich ist Löwen und Tiger jagen , auf einem Seil über den Niagara wegschreiten , Schlachten gewinnen , Städte bauen ... aber weißes Papier schwarz machen ... bah ! ... O lieber , lieber Freund ! wenn Sie nur recht wollten , Sie könnten uns aus aller Not und Drangsal erretten - man sagt , Sie hätten noch nie einen Prozeß verloren ... « Wieder beugte sie sich zu ihm , sah ihm schmeichelnd ins Gesicht und legte ihre Fingerspitzen auf seinen Arm . Er erhob sich rasch : » Daß doch alle Weiber ... verzeihen Sie , alle - Frauen gleich sind ! daß doch jede meint , den Advokaten gewinnen , hieße den Prozeß gewinnen ... Ich blieb so lange - kann Hermann leider nicht erwarten - so gern ich auch ... « Er hatte seine Taschenuhr hervorgezogen , und Lotti sah , obwohl sie wahrlich in dem Augenblick nicht an Uhren dachte , daß es nur eine silberne Remontoir von einfachster Arbeit war . Agathe holte seinen breitkrempigen Hut herbei und reichte ihm denselben mit einer feierlichen Gebärde . » Leben Sie wohl , Gebieter über unsere Schicksale ! « sagte sie , » und nochmals ! wenn Sie wiederkehren , bringen Sie uns das Glück in Gestalt eines Briefes aus Mecklenburg in der Tasche Ihres wunderschönen Überziehers mit . « Er verbeugte sich , trat vor Lotti hin und sprach : » Vergessen Sie nicht , daß wir Bundesgenossen sind . « Damit verließ er das Gemach . 11 » Seine Bundesgenossin wären Sie ? « fragte Agathe , » indes ich mein Vertrauen in Sie setze ? ... Nein , nein , das wäre Verrat , dessen Sie nicht fähig sind ... Sie halten mir Wort , und wenn Hermann kommt ... Aber « , unterbrach sie sich mit einemmal äußerst beunruhigt , » warum ist er nicht da - nicht längst da - -er pflegt sonst nie des Morgens auszugehen , und heute , als ich erwachte , und nach ihm fragte , hieß es , er sei fort ... in aller Frühe fortgegangen ... unbegreiflich ... unbegreiflich - « wiederholte sie , eilte an das Fenster , öffnete es und blickte in gespannter Erwartung auf die Straße hinunter . Plötzlich überdeckte sich ihr Antlitz mit Purpurglut . » Er kommt ! « rief sie jubelnd und schwang ihr Taschentuch in der Luft . » Sie entschuldigen mich doch , Fräulein , wenn ich ihm entgegengehe ? ... Ich muß die Freude haben , ihm anzukündigen , daß er Sie hier findet . « Ohne eine Antwort abzuwarten , war sie verschwunden . Mit seltsam gemischten Empfindungen blickte Lotti ihr nach und dachte : Sie liebt ihn - das ist ja viel ... für ihn wohl alles ... Eine Weile danach erschien Halwig - ein anderer als derjenige , den Lotti am selben Morgen bei sich gesehen . Freudig und sorgenlos begrüßte er sie , sprach viel , war der liebenswürdigste und aufmerksamste Wirt . Beim Dessert gab er eine lustige Geschichte zum besten , die ihm Papa , dem er unterwegs begegnet , erzählt hatte . Seine Heiterkeit schien natürlich und ungezwungen , und dennoch , ohne sich erklären zu können , warum , vermochte Lotti nicht recht froh zu werden . Das Mittagessen war vorüber , und man begab sich zum schwarzen Kaffee nach dem Zimmer des Hausherrn . Es hatte einen eigenen Eingang durch das Vorgemach . Als Lotti dieses an Hermanns Arme betrat , erhob sich plötzlich ein kleines Männchen von einer der Bänke an der Wand und nahte mit höflicher Begrüßung . Bei seinem Anblick fuhr Halwig leicht zusammen : » Sie selbst ... Sie warten ? ... « » Oh , nicht lange . Die Herrschaften hatten schon beinahe abgespeist , als ich kam , und ich beschwor den Diener , Sie nicht zu stören . « » Treten Sie doch jetzt ein ! ... Kommen Sie - « sprach Halwig , und Lotti fühlte seinen Arm zucken unter ihrer Hand . » Wenn Sie erlauben , Herr Baron , allein ich habe Eile ... und nur weil der Zufall mich eben hier vorbeigeführt , und um Ihnen die Mühe des Schickens zu ersparen - bin ich da , um ... um das Versprochene abzuholen . « » Kommen Sie denn ! - Kommen Sie ! ... « » Oh , ich bitte ! ... Erst die Damen - « Er stellte sich mit einem langen Schleifschritt seiner schiefen Beine neben die Tür , die Halwig aufgestoßen hatte , und machte ein einladendes Zeichen . Seine vorquellenden Augen leuchteten vor zynischer Bewunderung , als Agathe an ihm vorüberschritt . » Die Frau Gemahlin ? « flüsterte er Halwig vertraulich zu - » ganz superb - ich gratuliere ! « » Einen Augenblick , Fräulein Feßler ! - Einen Augenblick , Agathe « , sprach Hermann gepreßt und scharf , und winkte den beiden , an dem Tische Platz zu nehmen , auf welchem der Kaffee serviert war . Er selbst trat an den Schreibtisch , zog die unterste Lade heraus , nahm ein versiegeltes Paket und reichte es seinem Besucher . Der ergriff oder vielmehr riß es mit einer hastigen Bewegung an sich . » Es ist doch das rechte ? - Sie verzeihen - ich breche die Siegel ... Eine Irrung ist so leicht geschehen . « » Überzeugen Sie sich « , sagte Halwig in einem Tone , den mühsam bezwungener Ingrimm beben machte . Der Kleine hatte sich an die Fenstervertiefung begeben und begann dort den Inhalt des Pakets zu untersuchen . » Alles in Ordnung . Hingegen da - auch alles in Ordnung . « Er überreichte Halwig einen zusammengefalteten Bogen , den dieser auf den Schreibtisch warf . » Nicht so , Herr Baron , bitte sich gleichfalls zu überzeugen . Bitte um pedantische Genauigkeit in Geschäften . Bitte um Vorsicht , bitte sogar um Mißtrauen . « Er stieß ein leises , widerwärtiges Gekicher aus und blinzelte Halwig halb höhnisch , halb mitleidig an , während der das Schriftstück durchflog . » Sie sind mit mir zufrieden , hoffe ich . Haben auch alle Ursache . Für Sie ist gesorgt . Wie ich dabei wegkomme , das ist eine andere Frage . Allein für Sie ... was täte ich nicht für Sie , Herr Baron ? « Er empfahl sich , von Hermann bis an die Tür begleitet . Agathe lachte ihm herzlich nach : » Was war denn das für ein Ungeheuer ? Oh , Fräulein Feßler , haben Sie seine Füße gesehen und seinen Gang bemerkt ? ... Mir scheint nein . Warten Sie , ich will das herrliche Schauspiel vor Ihnen erneuern . Sie müssen sich noch einmal daran erquicken . Einwärts ! noch einwärtser ! so - nicht wahr ? « Sie begann im Zimmer umherzuhumpeln , ihrem Manne entgegen und ließ sich , mit Absicht ausgleitend , in seine Arme fallen . Er umschlang sie und drückte einen langen leidenschaftlichen Kuß auf ihre Lippen . » Meine Agathe ! mein Herz , mein Glück , mein Leben ! « Mit schwerer Selbstüberwindung entzog er sich ihrer Umarmung und trat an ihrer Seite vor Lotti hin . Diese fragte : » Halwig , war das der Mann , der Ihnen einen Vertrag anbietet , in welchem ... « Er fiel ihr ins Wort : » In welchem ich zehn Jahre meines Lebens verschreibe ? Nein . Dem nicht einen Tag . Aber wer hat Ihnen gesagt - du ? « wandte er sich an seine Frau , die bejahend nickte und dann sprach : » War ' s nicht recht ? « » Ganz recht . Wir haben kein Geheimnis vor Fräulein Lotti . « » Das meinte ich auch und setzte ihr die ganze Angelegenheit auseinander . Sie wird dir ihre Gedanken darüber sagen . « Halwig hatte ihr zerstreut zugehört : » Ich vergesse , ich habe eine Botschaft von Papa an dich . « » Der arme Papa , du vergissest ihn immer . « Die Stirn Hermanns verfinsterte sich einen Augenblick , aber er fuhr fort , ohne etwas auf den Vorwurf zu erwidern : » Deine Eltern sehen heute einige Bekannte beim Tee . Sie zählen auf dich . Sie werden den Wagen schicken , um dich abzuholen . Ich habe in deinem Namen zugesagt . Du wirst meinem Wort doch Ehre machen ? « » Ungern , du weißt , wie lästig mir diese Soireen sind « , entgegnete sie und lehnte die Wange an seine Schulter . » Laß mich bei dir bleiben , Hermann . « » Was fällt dir ein ? Du darfst nicht bleiben . Nicht