aber auch nie ein Kind gesehen , das so aussieht wie du . Hast du immer nur so kurzes , krauses Haar gehabt ? « » Ja , ich denk ' s « , gab Heidi zur Antwort . » Bist du gern nach Frankfurt gekommen ? « fragte Klara weiter . » Nein , aber morgen geh ' ich dann wieder heim und bringe der Großmutter weiße Brötchen ! « erklärte Heidi . » Du bist aber ein kurioses Kind ! « fuhr jetzt Klara auf . » Man hat dich ja expreß nach Frankfurt kommen lassen , daß du bei mir bleibest und die Stunden mit mir nehmest , und siehst du , es wird nun ganz lustig , weil du gar nicht lesen kannst , nun kommt etwas ganz Neues in den Stunden vor . Sonst ist es manchmal so schrecklich langweilig und der Morgen will gar nicht zu Ende kommen . Denn siehst du , alle Morgen um zehn Uhr kommt der Herr Kandidat , und dann fangen die Stunden an und dauern bis um zwei Uhr , das ist so lange . Der Herr Kandidat nimmt auch manchmal das Buch ganz nahe ans Gesicht heran , so , als wäre er auf einmal ganz kurzsichtig geworden , aber er gähnt nur furchtbar hinter dem Buch , und Fräulein Rottenmeier nimmt auch von Zeit zu Zeit ihr großes Taschentuch hervor und hält es vor das ganze Gesicht hin , so , als sei sie ganz ergriffen von etwas , das wir lesen ; aber ich weiß recht gut , daß sie nur ganz schrecklich gähnt dahinter , und dann sollte ich auch so stark gähnen und muß es immer hinunterschlucken , denn wenn ich nur ein einziges Mal herausgähne , so holt Fräulein Rottenmeier gleich den Fischtran und sagt , ich sei wieder schwach , und Fischtran nehmen ist das Allerschrecklichste , da will ich noch lieber Gähnen schlucken . Aber nun wird ' s viel kurzweiliger , da kann ich dann zuhören , wie du lesen lernst . « Heidi schüttelte ganz bedenklich mit dem Kopf , als es vom Lesenlernen hörte . » Doch , doch , Heidi , natürlich mußt du lesen lernen , alle Menschen müssen , und der Herr Kandidat ist sehr gut , er wird niemals böse , und er erklärt dir dann schon alles . Aber siehst du , wenn er etwas erklärt , dann verstehst du nichts davon ; dann mußt du nur warten und gar nichts sagen , sonst erklärt er dir noch viel mehr und du verstehst es noch weniger . Aber dann nachher , wenn du etwas gelernt hast , und es weißt , dann verstehst du schon , was er gemeint hat . « Jetzt kam Fräulein Rottenmeier wieder ins Zimmer zurück ; sie hatte Dete nicht mehr zurückrufen können und war sichtlich aufgeregt davon , denn sie hatte dieser eigentlich gar nicht einläßlich sagen können , was alles nicht nach Abrede sei bei dem Kinde , und da sie nicht wußte , was nun zu tun sei , um ihren Schritt rückgängig zu machen , war sie um so aufgeregter , denn sie selbst hatte die ganze Sache angestiftet . Sie lief nun vom Studierzimmer ins Eßzimmer hinüber , und von da wieder zurück , und kehrte dann unmittelbar wieder um und fuhr hier den Sebastian an , der seine runden Augen eben nachdenklich über den gedeckten Tisch gleiten ließ , um zu sehen , ob sein Werk keinen Mangel habe . » Denk ' Er morgen Seine großen Gedanken fertig und mach ' Er , daß man heut ' noch zutische komme . « Mit diesen Worten fuhr Fräulein Rottenmeier an Sebastian vorbei und rief nach der Tinette mit so wenig einladendem Ton , daß die Jungfer Tinette mit noch viel kleineren Schritten herantrippelte als sonst gewöhnlich - und sich mit so spöttischem Gesicht hinstellte , daß selbst Fräulein Rottenmeier nicht wagte , sie anzufahren ; um so mehr schlug ihr die Aufregung nach innen . » Das Zimmer der Angekommenen ist in Ordnung zu bringen , Tinette « , sagte die Dame mit schwer errungener Ruhe ; » es liegt alles bereit , nehmen Sie noch den Staub von den Möbeln weg . « » Es ist der Mühe wert « , spöttelte Tinette und ging . Unterdessen hatte Sebastian die Doppeltüren zum Studierzimmer mit ziemlichem Knall aufgeschlagen , denn er war sehr ergrimmt , aber sich in Antworten Luft zu machen durfte er nicht wagen Fräulein Rottenmeier gegenüber ; dann trat er ganz gelassen ins Studierzimmer , um den Rollstuhl hinüberzustoßen . Während er den Griff hinten am Stuhl , der sich verschoben hatte , zurechtdrehte , stellte sich Heidi vor ihn hin und schaute ihn unverwandt an , was er bemerkte . Auf einmal fuhr er auf . » Na , was ist denn da Besonderes dran ? « schnurrte er Heidi an in einer Weise , wie er es wohl nicht getan , hätte er Fräulein Rottenmeier gesehen , die eben wieder auf der Schwelle stand und gerade hereintrat , als Heidi entgegnete : » Du siehst dem Geißenpeter gleich . « Entsetzt schlug die Dame ihre Hände zusammen . » Ist es die Möglichkeit ! « stöhnte sie halblaut . » Nun duzt sie mir den Bedienten ! Dem Wesen fehlen alle Urbegriffe ! « Der Stuhl kam herangerollt und Klara wurde von Sebastian hinausgeschoben und auf ihren Sessel an den Tisch gesetzt . Fräulein Rottenmeier setzte sich neben sie und winkte Heidi , es sollte den Platz ihr gegenüber einnehmen . Sonst kam niemand zutische , und es war viel Platz da ; die drei saßen auch weit auseinander , so daß Sebastian mit seiner Schüssel zum Anbieten guten Raum fand . Neben Heidis Teller lag ein schönes , weißes Brötchen ; das Kind schaute mit erfreuten Blicken darauf . Die Ähnlichkeit , die Heidi entdeckt hatte , mußte sein ganzes Vertrauen für den Sebastian erweckt haben , denn es saß mäuschenstill und rührte sich nicht , bis er mit der großen Schüssel zu ihm herantrat und ihm die gebratenen Fischchen hinhielt , dann zeigte es auf das Brötchen und fragte : » Kann ich das haben ? « Sebastian nickte und warf dabei einen Seitenblick auf Fräulein Rottenmeier , denn es wunderte ihn , was die Frage für einen Eindruck auf sie mache . Augenblicklich ergriff Heidi sein Brötchen und steckte es in die Tasche . Sebastian machte eine Grimasse , denn das Lachen kam ihn an ; er wußte aber wohl , daß ihm das nicht erlaubt war . Stumm und unbeweglich blieb er immer noch vor Heidi stehen , denn reden durfte er nicht , und weggehen durfte er wieder nicht , bis man sich bedient hatte . Heidi schaute ihm eine Zeit lang verwundert zu , dann fragte es : » Soll ich auch von dem essen ? « Sebastian nickte wieder . » So gib mir « , sagte es und schaute ruhig auf seinen Teller . Sebastians Grimasse wurde sehr bedenklich , und die Schüssel in seinen Händen fing an gefährlich zu zittern . » Er kann die Schüssel auf den Tisch setzen und nachher wiederkommen « , sagte jetzt Fräulein Rottenmeier mit strengem Gesicht . Sebastian verschwand sogleich . » Dir , Adelheid , muß ich überall die ersten Begriffe beibringen , das sehe ich « , fuhr Fräulein Rottenmeier mit tiefem Seufzer fort . » Vor allem will ich dir zeigen , wie man sich am Tische bedient « , und nun machte die Dame deutlich und eingehend alles vor , was Heidi zu tun hatte . » Dann « , fuhr sie weiter , » muß ich dir hauptsächlich bemerken , daß du am Tisch nicht mit Sebastian zu sprechen hast , auch sonst nur dann , wenn du einen Auftrag oder eine notwendige Frage an ihn zu richten hast ; dann aber nennst du ihn nie mehr anders , als Sie oder Er , hörst du ? daß ich dich niemals mehr ihn anders nennen höre . Auch Tinette nennst du Sie , Jungfer Tinette . Mich nennst du so , wie du mich von allen nennen hörst ; wie du Klara nennen sollst , wird sie selbst bestimmen . « » Natürlich Klara « , sagte diese . Nun folgte aber noch eine Menge von Verhaltungsmaßregeln , über Aufstehen und Zubettegehen , über Hereintreten und Hinausgehen , über Ordnunghalten , Türenschließen , und über alledem fielen dem Heidi die Augen zu , denn es war heute vor fünf Uhr aufgestanden und hatte eine lange Reise gemacht . Es lehnte sich an den Sesselrücken und schlief ein . Als dann nach längerer Zeit Fräulein Rottenmeier zu Ende gekommen war mit ihrer Unterweisung , sagte sie : » Nun denke daran , Adelheid ! Hast du alles recht begriffen ? « » Heidi schläft schon lange « , sagte Klara mit ganz belustigtem Gesicht , denn das Abendessen war für sie seit langer Zeit nie so kurzweilig verflossen . » Es ist doch völlig unerhört , was man mit diesem Kind erlebt ! « rief Fräulein Rottenmeier in großem Ärger und klingelte so heftig , daß Tinette und Sebastian miteinander herbeigestürzt kamen ; aber trotz allen Lärms erwachte Heidi nicht , und man hatte die größte Mühe , es so weit zu erwecken , daß es nach seinem Schlafgemach gebracht werden konnte ; erst durch das Studierzimmer , dann durch Klaras Schlafstube , dann durch die Stube von Fräulein Rottenmeier zu dem Eckzimmer , das nun für Heidi eingerichtet war . Fräulein Rottenmeier hat einen unruhigen Tag Als Heidi am ersten Morgen in Frankfurt seine Augen aufschlug , konnte es durchaus nicht begreifen , was es erblickte . Es rieb ganz gewaltig seine Augen , guckte dann wieder auf und sah dasselbe . Es saß auf einem hohen , weißen Bett und vor sich sah es einen großen , weiten Raum , und wo die Helle herkam , hingen lange , lange weiße Vorhänge , und dabei standen zwei Sessel mit großen Blumen darauf , und dann kam ein Sofa an der Wand mit denselben Blumen und ein runder Tisch davor , und in der Ecke stand ein Waschtisch mit Sachen darauf , wie Heidi sie noch gar nie gesehen hatte . Aber nun kam ihm auf einmal in den Sinn , daß es in Frankfurt sei , und der ganze gestrige Tag kam ihm in Erinnerung und zuletzt noch ganz klar die Unterweisungen der Dame , so weit es sie gehört hatte . Heidi sprang nun von seinem Bett herunter und machte sich fertig . Dann ging es an ein Fenster und dann an das andere ; es mußte den Himmel sehen und die Erde draußen , es fühlte sich wie im Käfig hinter den großen Vorhängen . Es konnte diese nicht wegschieben ; so kroch es dahinter , um an ein Fenster zu kommen . Aber dieses war so hoch , daß Heidi nur gerade mit dem Kopf so weit hinaufreichte , daß es durchsehen konnte . Aber Heidi fand nicht , was es suchte . Es lief von einem Fenster zum anderen und dann wieder zum ersten zurück ; aber immer war dasselbe vor seinen Augen , Mauern und Fenster und wieder Mauern und dann wieder Fenster . Es wurde Heidi ganz bange . Noch war es früh am Morgen , denn Heidi war gewöhnt , früh aufzustehen auf der Alm und dann sogleich hinauszulaufen vor die Tür und zu sehen , wie ' s draußen sei , ob der Himmel blau und die Sonne schon droben sei , ob die Tannen rauschen und die kleinen Blumen schon die Augen offen haben . Wie das Vögelein , das zum erstenmal in seinem schönglänzenden Gefängnis sitzt , hin- und herschießt und bei allen Stäben probiert , ob es nicht zwischen durchschlüpfen und in die Freiheit hinausfliegen könne , so lief Heidi immer von dem einen Fenster zum anderen , um zu probieren , ob es nicht aufgemacht werden könne , denn dann mußte man doch etwas anderes sehen als Mauern und Fenster , da mußte doch unten der Erdboden , das grüne Gras und der letzte , schmelzende Schnee an den Abhängen zum Vorschein kommen , und Heidi sehnte sich , das zu sehen . Aber die Fenster blieben fest verschlossen , wie sehr auch das Kind drehte und zog und von unten suchte , die kleinen Finger unter die Rahmen einzutreiben , damit es Kraft hätte , sie aufzudrücken ; es blieb alles eisenfest aufeinander sitzen . Nach langer Zeit , als Heidi einsah , daß alle Anstrengungen nichts halfen , gab es seinen Plan auf und überdachte nun , wie es wäre , wenn es vor das Haus hinausginge und hintenherum , bis es auf den Grasboden käme , denn es erinnerte sich , daß es gestern Abend vorn am Haus nur über Steine gekommen war . Jetzt klopfte es an seiner Tür und unmittelbar darauf steckte Tinette den Kopf herein und sagte kurz : » Frühstück bereit ! « Heidi verstand keineswegs eine Einladung unter diesen Worten ; auf dem spöttischen Gesicht der Tinette stand viel mehr eine Warnung , ihr nicht zu nah zu kommen , als eine freundliche Einladung geschrieben , und das las Heidi deutlich von dem Gesicht und richtete sich danach . Es nahm den kleinen Schemel unter dem Tisch empor , stellte ihn in eine Ecke , setzte sich darauf und wartete so ganz still ab , was nun kommen würde . Nach einiger Zeit kam etwas mit ziemlichem Geräusch , es war Fräulein Rottenmeier , die schon wieder in Aufregung geraten war und in Heidis Stube hineinrief : » Was ist mit dir , Adelheid ? Begreifst du nicht , was ein Frühstück ist ? Komm herüber ! « Das verstand nun Heidi und folgte sogleich nach . Im Eßzimmer saß Klara schon lang an ihrem Platz und begrüßte Heidi freundlich , machte auch ein viel vergnügteres Gesicht , als sonst gewöhnlich , denn sie sah voraus , daß heute wieder allerlei Neues geschehen würde . Das Frühstück ging nun ohne Störung vor sich ; Heidi aß ganz anständig sein Butterbrot , und wie alles zu Ende war , wurde Klara wieder ins Studierzimmer hinübergerollt und Heidi wurde von Fräulein Rottenmeier angewiesen , nachzufolgen und bei Klara zu bleiben , bis der Herr Kandidat kommen würde , um die Unterrichtsstunden zu beginnen . Als die beiden Kinder allein waren , sagte Heidi sogleich : » Wie kann man hinaussehen hier und ganz hinunter auf den Boden ? « » Man macht ein Fenster auf und guckt hinaus « , antwortete Klara belustigt . » Man kann diese Fenster nicht aufmachen « , versetzte Heidi traurig . » Doch , doch « , versicherte Klara , » nur du noch nicht , und ich kann dir auch nicht helfen ; aber wenn du einmal den Sebastian siehst , so macht er dir schon eines auf . « Das war eine große Erleichterung für Heidi , zu wissen , daß man doch die Fenster öffnen und hinausschauen könne , denn noch war es ganz unter dem Druck des Gefangenseins von seinem Zimmer her . Klara fing nun an , Heidi zu fragen , wie es bei ihm zuhause sei , und Heidi erzählte mit Freuden von der Alm und den Geißen und der Weide und allem , was ihm lieb war . Unterdessen war der Herr Kandidat angekommen ; aber Fräulein Rottenmeier führte ihn nicht , wie gewöhnlich , ins Studierzimmer , denn sie mußte sich erst aussprechen und geleitete ihn zu diesem Zweck ins Eßzimmer , wo sie sich vor ihn hinsetzte und ihm in großer Aufregung ihre bedrängte Lage schilderte und wie sie in diese hineingekommen war . Sie hatte nämlich vor einiger Zeit Herrn Sesemann nach Paris geschrieben , wo er eben verweilte , seine Tochter habe längst gewünscht , es möchte eine Gespielin für sie ins Haus aufgenommen werden , und auch sie selbst glaube , daß eine solche in den Unterrichtsstunden ein Sporn , in der übrigen Zeit eine anregende Gesellschaft für Klara sein würde . Eigentlich war die Sache für Fräulein Rottenmeier selbst sehr wünschbar , denn sie wollte gern , daß jemand da sei , der ihr die Unterhaltung der kranken Klara abnehme , wenn es ihr zu viel war , was öfters geschah . Herr Sesemann hatte geantwortet , er erfülle gern den Wunsch seiner Tochter , doch mit der Bedingung , daß eine solche Gespielin in allem ganz gehalten werde wie jene , er wolle keine Kinderquälerei in seinem Hause - » was freilich eine sehr unnütze Bemerkung von dem Herrn war « , setzte Fräulein Rottenmeier hinzu , » denn wer wollte Kinder quälen ! « Nun aber erzählte sie weiter , wie ganz erschrecklich sie hineingefallen sei mit dem Kinde , und führte alle Beispiele von seinem völlig begriffslosen Dasein an , die es bis jetzt geliefert hatte , daß nicht nur der Unterricht des Herrn Kandidaten buchstäblich beim Abc anfangen müsse , sondern daß auch sie auf jedem Punkte der menschlichen Erziehung mit dem Uranfang zu beginnen hätte . Aus dieser unheilvollen Lage sehe sie nur ein Rettungsmittel : wenn der Herr Kandidat erklären werde , zwei so verschiedene Wesen könnten nicht miteinander unterrichtet werden , ohne großen Schaden des vorgerückteren Teiles ; das wäre für Herrn Sesemann ein triftiger Grund , die Sache rückgängig zu machen , und so würde er zugeben , daß das Kind gleich wieder dahin zurückgeschickt würde , woher es gekommen war ; ohne seine Zustimmung aber dürfte sie das nicht unternehmen , nun der Hausherr wisse , daß das Kind angekommen sei . Aber der Herr Kandidat war behutsam und niemals einseitig im Urteilen . Er tröstete Fräulein Rottenmeier mit vielen Worten und der Ansicht , wenn die junge Tochter auf der einen Seite so zurück sei , so möchte sie auf der anderen um so geförderter sein , was bei einem geregelten Unterricht bald ins Gleichgewicht kommen werde . Als Fräulein Rottenmeier sah , daß der Herr Kandidat sie nicht unterstützen , sondern seinen Abc-Unterricht übernehmen wollte , machte sie ihm die Tür zum Studierzimmer auf , und nachdem er hereingetreten war , schloß sie schnell hinter ihm zu und blieb auf der anderen Seite , denn vor dem Abc hatte sie einen Schrecken . Sie ging jetzt mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder , denn sie hatte zu überlegen , wie die Dienstboten Adelheid zu benennen hätten . Herr Sesemann hatte ja geschrieben , sie müßte wie seine Tochter gehalten werden , und dieses Wort mußte sich hauptsächlich auf das Verhältnis zu den Dienstboten beziehen , dachte Fräulein Rottenmeier . Sie konnte aber nicht lange ungestört überlegen , denn auf einmal ertönte drinnen im Studierzimmer ein erschreckliches Gekrache fallender Gegenstände und dann ein Hilferuf nach Sebastian . Sie stürzte hinein . Da lag auf dem Boden alles übereinander , die sämtlichen Studien-Hilfsmittel , Bücher , Hefte , Tintenfaß und obendarauf der Tischteppich , unter dem ein schwarzes Tintenbächlein hervorfloß , die ganze Stube entlang . Heidi war verschwunden . » Da haben wir ' s ! « rief Fräulein Rottenmeier händeringend aus . » Teppich , Bücher , Arbeitskorb , alles in der Tinte ! das ist noch nie geschehen ! das ist das Unglückswesen , da ist kein Zweifel ! « Der Herr Kandidat stand sehr erschrocken da und schaute auf die Verwüstung , die allerdings nur eine Seite hatte und eine recht bestürzende . Klara dagegen verfolgte mit vergnügtem Gesicht die ungewöhnlichen Ereignisse und deren Wirkungen und sagte nun erklärend : » Ja , Heidi hat ' s gemacht , aber nicht mit Absicht , es muß gewiß nicht gestraft werden , es war nur so schrecklich eilig , fortzukommen und riß den Teppich mit und so fiel alles hintereinander auf den Boden . Es fuhren viele Wagen hintereinander vorbei , darum ist es so fortgeschossen ; es hat vielleicht noch nie eine Kutsche gesehen . « » Da , ist ' s nicht , wie ich sagte , Herr Kandidat ? Nicht einen Urbegriff hat das Wesen ! Keine Ahnung davon , was eine Unterrichtsstunde ist , daß man dabei zuzuhören und stillzusitzen hat . Aber wo ist das unheilbringende Ding hin ? Wenn es fortgelaufen wäre ! Was würde mir Herr Sesemann - « Fräulein Rottenmeier lief hinaus und die Treppe hinunter . Hier , unter der geöffneten Haustür , stand Heidi und guckte ganz verblüfft die Straße auf und ab . » Was ist denn ? Was fällt dir denn ein ? Wie kannst du so davonlaufen ! « fuhr Fräulein Rottenmeier das Kind an . » Ich habe die Tannen rauschen gehört , aber ich weiß nicht , wo sie stehen , und höre sie nicht mehr « , antwortete Heidi und schaute enttäuscht nach der Seite hin , wo das Rollen der Wagen verhallt war , das in Heidis Ohren dem Tosen des Föhns in den Tannen ähnlich geklungen hatte , so daß es in höchster Freude dem Ton nachgerannt war . » Tannen ! Sind wir im Wald ? Was sind das für Einfälle ! Komm herauf und sieh , was du angerichtet hast ! « Damit stieg Fräulein Rottenmeier wieder die Treppe hinan ; Heidi folgte ihr und stand nun sehr verwundert vor der großen Verheerung , denn es hatte nicht gemerkt , was es alles mitriß , vor Freude und Eile , die Tannen zu hören . » Das hast du ein Mal getan , ein zweites Mal tust du ' s nicht wieder « , sagte Fräulein Rottenmeier , auf den Boden zeigend ; » zum Lernen sitzt man still auf seinem Sessel und gibt acht . Kannst du das nicht selbst fertig bringen , so muß ich dich an deinen Stuhl festbinden . Kannst du das verstehen ? « » Ja « , entgegnete Heidi , » aber ich will schon festsitzen . « Denn jetzt hatte es begriffen , daß es eine Regel ist , in einer Unterrichtsstunde stillzusitzen . Jetzt mußten Sebastian und Tinette hereinkommen , um die Ordnung wiederherzustellen . Der Herr Kandidat entfernte sich , denn der weitere Unterricht mußte nun aufgegeben werden . Zum Gähnen war heute gar keine Zeit gewesen . Am Nachmittag mußte Klara immer eine Zeit lang ruhen und Heidi hatte alsdann seine Beschäftigung selbst zu wählen ; so hatte Fräulein Rottenmeier ihm am Morgen erklärt . Als nun nach Tisch Klara sich in ihrem Sessel zur Ruhe gelegt hatte , ging Fräulein Rottenmeier nach ihrem Zimmer , und Heidi sah , daß nun die Zeit da war , da es seine Beschäftigung selbst wählen konnte . Das war dem Heidi sehr erwünscht , denn es hatte schon immer im Sinn , etwas zu unternehmen ; es mußte aber Hilfe dazu haben und stellte sich darum vor das Eßzimmer mitten auf den Korridor , damit die Persönlichkeit , die es zu beraten gedachte , ihm nicht entgehen könne . Richtig , nach kurzer Zeit kam Sebastian die Treppe herauf mit dem großen Teebrett auf den Armen , denn er brachte das Silberzeug aus der Küche herauf , um es im Schrank des Eßzimmers zu verwahren . Als er auf der letzten Stufe der Treppe angekommen war , trat Heidi vor ihn hin und sagte mit großer Deutlichkeit : » Sie oder Er ! « Sebastian riß die Augen so weit auf , als es nur möglich war , und sagte ziemlich barsch : » Was soll das heißen , Mamsell ? « » Ich möchte nur gern etwas fragen , aber es ist gewiß nichts Böses wie heute Morgen « , fügte Heidi beschwichtigend hinzu , denn es merkte , daß Sebastian ein wenig erbittert war , und dachte , es komme noch von der Tinte am Boden her . » So , und warum muß es denn heißen Sie oder Er , das möcht ' ich zuerst wissen « , gab Sebastian im gleichen barschen Ton zurück . » Ja , so muß ich jetzt immer sagen « , versicherte Heidi ; » Fräulein Rottenmeier hat es befohlen . « Jetzt lachte Sebastian so laut auf , daß Heidi ihn ganz verwundert ansehen mußte , denn es hatte nichts Lustiges bemerkt ; aber Sebastian hatte auf einmal begriffen , was Fräulein Rottenmeier befohlen hatte , und sagte nun sehr erlustigt : » Schon recht , so fahre die Mamsell nur zu . « » Ich heiße gar nicht Mamsell « , sagte nun Heidi seinerseits ein wenig geärgert ; » ich heiße Heidi . « » Ist schon recht ; die gleiche Dame hat aber befohlen , daß ich Mamsell sage « , erklärte Sebastian . » Hat sie ? Ja , dann muß ich schon so heißen « , sagte Heidi mit Ergebung , denn es hatte wohl gemerkt , daß alles so geschehen mußte , wie Fräulein Rottenmeier befahl . » Jetzt habe ich schon drei Namen « , setzte es mit einem Seufzer hinzu . » Was wollte die kleine Mamsell denn fragen ? « fragte Sebastian jetzt , indem er , ins Eßzimmer eingetreten , sein Silberzeug im Schrank zurechtlegte . » Wie kann man ein Fenster aufmachen , Sebastian ? « » So , gerade so « , und er machte den großen Fensterflügel auf . Heidi trat heran , aber es war zu klein , um etwas sehen zu können ; es langte nur bis zum Gesims hinauf . » Da , so kann das Mamsellchen einmal hinausgucken und sehen , was unten ist « , sagte Sebastian , indem er einen hohen hölzernen Schemel herbeigeholt hatte und hinstellte . Hoch erfreut stieg Heidi hinauf und konnte endlich den ersehnten Blick durch das Fenster tun . Aber mit dem Ausdruck der größten Enttäuschung zog es sogleich den Kopf wieder zurück . » Man sieht nur die steinerne Straße hier , sonst gar nichts « , sagte das Kind bedauerlich ; » aber wenn man um das ganze Haus herumgeht , was sieht man dann auf der anderen Seite , Sebastian ? « » Gerade dasselbe « , gab dieser zur Antwort . » Aber wohin kann man denn gehen , daß man weit , weit hinuntersehen kann über das ganze Tal hinab ? « » Da muß man auf einen hohen Turm hinaufsteigen , einen Kirchturm , so einen , wie der dort ist mit der goldenen Kugel oben drauf . Da guckt man von oben herunter und sieht weit über alles weg . « Jetzt stieg Heidi eilig von seinem Schemel herunter , rannte zur Tür hinaus , die Treppe hinunter und trat auf die Straße hinaus . Aber die Sache ging nicht , wie Heidi sich vorgestellt hatte . Als es aus dem Fenster den Turm gesehen hatte , kam es ihm vor , es könne nur über die Straße gehen , so müßte er gleich vor ihm stehen . Nun ging Heidi die ganze Straße hinunter , aber es kam nicht an den Turm , konnte ihn auch nirgends mehr entdecken und kam nun in eine andere Straße hinein und weiter und weiter , aber immer noch sah es den Turm nicht . Es gingen viele Leute an ihm vorbei , aber die waren alle so eilig , daß Heidi dachte , sie hätten nicht Zeit , ihm Bescheid zu geben . Jetzt sah es an der nächsten Straßenecke einen Jungen stehen , der eine kleine Drehorgel auf dem Rücken und ein ganz kurioses Tier auf dem Arme trug . Heidi lief zu ihm hin und fragte : » Wo ist der Turm mit der goldenen Kugel zuoberst ? « » Weiß nicht « , war die Antwort . » Wen kann ich denn fragen , wo er sei ? « fragte Heidi weiter . » Weiß nicht . « » Weißt du keine andere Kirche mit einem hohen Turm ? « » Freilich weiß ich eine . « » So komm und zeige mir sie . « » Zeig du zuerst , was du mir dafür gibst . « Der Junge hielt seine Hand hin . Heidi suchte in seiner Tasche herum . Jetzt zog es ein Bildchen hervor , darauf ein schönes Kränzchen von roten Rosen gemalt war ; erst sah es noch eine kleine Weile darauf hin , denn es reute Heidi ein wenig . Erst heute Morgen hatte Klara es ihm geschenkt ; aber hinuntersehen ins Tal , über die grünen Abhänge ! » Da « , sagte Heidi und hielt das Bildchen hin , » willst du das ? « Der Junge zog die Hand zurück und schüttelte den Kopf . » Was willst du denn ? « fragte Heidi und steckte vergnügt sein Bildchen wieder ein . » Geld . « » Ich habe keins , aber Klara hat , sie gibt mir dann schon ; wie viel willst du ? « » Zwanzig Pfennige . « » So komm jetzt . « Nun wanderten die beiden eine lange Straße hin , und auf dem Wege fragte Heidi den Begleiter , was er auf dem Rücken trage , und er erklärte ihm , es sei eine schöne Orgel unter dem Tuch , die mache eine prachtvolle Musik , wenn er daran drehe . Auf einmal standen sie vor einer alten Kirche mit hohem Turm ; der Junge stand still und sagte : » Da . « » Aber wie komm ' ich da hinein ? « fragte Heidi , als es die festverschlossenen Türen sah . » Weiß nicht « , war wieder die Antwort . » Glaubst du , man könne hier klingeln , so wie man dem Sebastian tut ? « » Weiß nicht . « Heidi hatte eine Klingel entdeckt an der Mauer und zog jetzt aus allen Kräften daran . » Wenn ich dann hinaufgehe ,