dem übrigen Zubehör - auch den Hühnern . » Alles immer noch so wie sonst « , grinst der Vetter . » Tretet mir nur die Küken nicht tot . Aber ein Skandal ist es eigentlich und schickt sich gar nicht , Fräulein Eva . Wenn ich mir die Mastviehzucht - ich will mal sagen , die Schweine - aus dem Salon entfernt halte , so komme ich damit an die Grenzen des Menschenmöglichen , Fräulein Irene . Das Gedicht von Goethe Grenzen der Menschheit ist da ganz auf meinen Fall und meine Umstände gemacht . « » Weil wir alle wissen , daß wir hier jederzeit so , wie wir erschaffen wurden , willkommen sind , deshalb sind wir alle Augenblicke bei Ihnen , Vetter « , lacht die Komtesse . » Oh , kümmern Sie sich Evas und meinetwegen gar nicht um die Grenzen der Menschheit . Lassen Sie dreist alles herein , was von Rechts wegen zum Steinhofe gehört . « » Und dies ist wieder Schinken ! « stottert der Vetter blöde glückselig . » Und zu empfehlen , Fräulein . Sehen Sie , ein Barbar bin ich auch gegen diese lieben Borstentiere nicht . Ein jeder muß doch nach seinem Nutzen in der Welt taxiert werden - auch das Porcus ! Nicht wahr , Ewald ? Nicht wahr , Fritz ? Jule , mehr Milch für die Damen ! « Wir tun ihm den Gefallen und lachen über seinen Witz herzlich ; nur Ewald bemerkt dazu : » Drehe mal den Schlüssel dort im Schrank und rücke mit einem Nordhäuser auf den Schrecken heraus ! « Wir sind diesmal mehr unter uns . Die Leute sind draußen im Felde oder sonst in Adams Berufe tätig . Die alte Jule geht ab und zu . Wenn der Vetter eben noch behauptete , bereits gefrühstückt zu haben , so könnte ihm ein magenkranker Millionär dreist zwei Drittel von seiner Million für den Appetit bieten , mit dem er in unserer liebenswürdigen Gesellschaft frisch von neuem ans Werk geht . Sein Hang in das Geistige hinein und sein Sehnen nach den weniger materiellen Interessen der Menschheit haben ihm da gottlob bis jetzt noch keinen Abbruch getan . Wir holen ihn natürlich mehr oder weniger harmlos aus über seine gegenwärtigen Studien . Vierschrötig sitzt er heute vor mir da , mit beiden Ellenbogen auf dem Tische das mecklenburgische Wappen zur Darstellung bringend , und - verschämt wie irgendeine Jungfer im durchlauchtigsten Deutschen Bunde . Und doch ziert er sich nicht . In seinem Kauen , Schlingen und Schlucken gibt er ganz naiv und auch etwas geschmeichelt Nachricht von sich . Eva findet ihn im geheimen rührend , Irene von Everstein rührend-komisch , Herr Ewald Sixtus » einfach zum Wälzen ! « , und ich - ich finde , daß sie alle recht haben in ihren Meinungen von ihm ; denn ich bin leider am festesten davon überzeugt , ihn längst herausgefunden zu haben , und zwar als einer von den ersten . Gütiger Himmel ! Gütiger Himmel ! O du lieber Gott ! ... Das ist auch so ein Ausruf , durch den sich der Mensch Luft mancht , ohne dabei viel an das zweite Gebot zu denken . Ich stütze den Kopf auf die Hand , und die Rechte , die ihre Federzüge weiterführt , ist nicht mehr imstande , auf jedes Komma und jeden Punkt zu achten . Ist es möglich , daß die Sonne so hell und der Mensch so sorgenlos sein kann ? Wir haben es an unserem eigenen Leibe und in unserer eigenen Seele erlebt ; also möglich muß es doch wohl sein ! Ich habe bis jetzt meistens im Präsens geschrieben ; in den Zeitformen der Vergangenheit fahre ich von jetzt an fort zu schreiben . Unser Behagen an dem guten Tage , an der guten Stunde war wieder einmal auf das höchste gestiegen , als Jule Grote den Kopf in die Tür steckte und uns benachrichtigte : » Es steht ein Mann draußen , der will die jungen Herrschaften sprechen ; und hier ist ein Brief für dich , Just . Der Landbriefträger von Bodenwerder hat ihn auch eben gebracht ; aber er hatte es eilig , und was darin steht , wußte er nicht . « » Hurra ! « riefen Just , Ewald und ich , die Mädchen sahen lächelnd auf und nach der Tür . Daß uns da etwas Unangenehmes oder gar noch etwas viel Schlimmeres kommen könne , fiel uns nicht in den Sinn . Die ganze Welt : die Erde , dieser treffliche Bau , dieser herrliche Baldachin , die Luft , dies wackere umwölbende Firmament , dies majestätische Dach , mit goldenem Feuer ausgelegt - war alles in zu guter Ordnung , als daß wir uns auch nur den allergeringsten Riß durch es hätten vorstellen können . » Man hat doch keinen Augenblick vor ihnen Ruhe ! « hatte Ewald gerufen und war aufgesprungen , um den Boten von Schloß Werden hereinzuholen oder draußen auszufragen nach dem , was man von uns wünsche . Der Vetter hatte seinen Brief ruhig neben seinen Teller gelegt und nur gesagt : » Er ist von Stakemann in Bodenwerder . Weshalb kommt der alte Junge nicht selber , wenn er mir was zu sagen hat ? Na ja , es ist eben keine Jagdzeit . « Er wischte langsam und behaglich die fettglänzenden Finger an seiner Lederhose ab , ehe er das Schreiben von neuem aufnahm und es erbrach . Als Gelehrter wußte er natürlich , daß man jedwedes Schriftstück mit dem gehörigen Respekt ( selbst wenn es nur vom Freund Stakemann in Bodenwerder war ) und vor allen Dingen mit Reinlichkeit zu handhaben habe . » Komm doch mal heraus , Fritz « , sagte Ewald Sixtus dann von der Schwelle , und auf seinem Gesicht war keine Spur mehr von der Lust der Minute vorhanden . » Was ist denn ? « fragten die beiden Mädchen immer noch lachend ; doch schon im nächsten Augenblick hatten sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Vetter Just Everstein zu richten , der mit seinem jetzt geöffneten Briefe in der Hand wortlos und mit offenem Munde dasaß , dann sich über die Stirn strich wie einer , dem der kalte Angstschweiß ausbricht , wieder das Geschreibsel ansah , aber doch nur , als ob er den Inhalt desselben träume , dann die Hand schwer auf den Tisch und auf seinen Teller fallen ließ , daß die Scherben davon nach allen Richtungen hin auseinanderflogen , und zuletzt aufstand und starr dastand und in jenen Riß blickte , der einem jeden zu irgendeiner Stunde mehr oder weniger durch sein Universum gegangen ist . Die Wand und die Stubendecke fällt wohl nicht so leicht ein , wohl aber das mit goldenem Feuer ausgelegte Firmament - die ganze Welt , wie wir sie uns dachten in unserer Unerfahrenheit von ihr . Den Boten hatte uns meine Mutter eine Stunde nach unserem Weggange von Schloß Werden nachgejagt . Der Herr Graf war in einem Gartenwege vom Schlage gerührt , gelähmt und bewußtlos aufgefunden worden . Als der Bote sich aufs Pferd warf , lebte der arme Herr zwar noch ; aber es stand schlimm mit ihm , und - » die Frau Langreuter wäre am liebsten selber gekommen , um die gnädige Komtesse nach Haus zu holen « , sagte der Bote . » Was ich sonst vernommen habe , ist , daß kurz vor dem Unglück ein Brief von dem Herrn Doktor Schleimer in Bodenwerder angekommen war . « Das war ein jäher Schrecken , der an dieser Stelle kurz abgemacht werden muß . Den Brief hatte der gute Freund des Vetters aus Bodenwerder geschrieben , und er lautete : » Paß auf , Vetter Just ! Seit vorgestern fehlt der Doktor Schleimer , und seit heute morgen ist es sicher , daß er , wenn er es irgend möglich machen kann , fürs erste nicht nach Hause kommen wird . Du solltest das Aufsehen hier sehen , aber natürlich hat ' s jetzt jeder längst vorausgewußt . Ob ihn die Gerichte durch ihre Steckbriefe und Signalements wieder einholen werden , ist die Frage . Aber eine andere Frage ist s , wie Du eigentlich mit ihm stehst . Du weißt , er hatte einen sicheren Schuß , das muß man ihm lassen ; aber daß er auch zu anderen Dingen als bloß zur Jagd nach dem Steinhof hinaufgekommen ist , glaubt mehr als einer , der manchmal nach Euch hingehorcht und seine Augen offen gehabt hat , z.B. ich . Kannst Du ihm ruhig nachsehen , so ist ' s mir sehr lieb , und ich bitte Dich , gib baldigst Nachricht , daß ich aus der Sorge komme . Hast Du da Dreck am Stecken , so bin ich Dein Freund und habe Dich hiermit verwarnet . Du bist dann aber zu Deinem Trost der einzigste nicht , der sich vor Gift die Haare auszuraufen hat . Hier sind Dutzende , die dem Notar den Kalk von den Wänden herunter nachfluchen , und darunter am meisten die , welche mit dem urfidelen Kerl ( und das war er ! ) auf der Kegelbahn und an unserem runden Tisch beim Posthalter Brüderschaft gemacht oder ihn zum Gevatter gebeten haben . Aber das will noch gar nichts sagen ; meine feste Überzeugung ist , daß der Gegend das richtige Licht erst dann aufgesteckt wird , wenn es jeder von Euch biederen Landleuten zu den Akten gegeben hat , wie er unter Euch gewirtschaftet hat . Wahrhaftig , mir sollte es recht leid tun , Vetter , wenn Du auch in diesem Falle mit zu seinen besten Bekannten gehörst , und ich kann nur wünschen , daß Dir Dein verrücktes Latein und sonstige unsinnige Liebhabereien zum erstenmal was genützt und zu dem richtigen Mißtrauen in Geldsachen und Unterschriften gegen die Menschheit verholfen haben . Dieses alles habe ich Dir als Freund geschrieben ; denn daß es mir recht käme , wenn dem Steinhofe durch solchen abgefeimten , nichtswürdigen Spitzbuben und Durchgänger ein Malheur passierte , wirst Du wohl aus alter Bekanntschaft und von wegen der vielen vergnügten Stunden daselbst nicht meinen « , usw. Der Vetter Just stand auf , setzte sich wieder , ließ die Hände matt und flach auf die Knie fallen und stöhnte : » Kinder , das ist freilich wohl für uns alle die letzte vergnügte Stunde auf dem Steinhofe gewesen . O Fräulein Irene - sehen Sie nicht so stier hin ! Vielleicht und hoffentlich steht es wohl noch nicht so schlimm mit dem Herrn Papa . Medizinisch kann der Mensch mehr als einen Schlag aushalten , ehe er für immer zu Boden liegt . O Jule , liebe alte , arme , alte liebe Jule , ich wollte gleich für alle Ewigkeit nicht wieder von der Erde aufstehen , wenn ich dir dieses erspart hätte . Ja , ich habe dem Doktor Schleimer den Steinhof auf lateinisch in die Tasche gesteckt , und er nimmt ihn mit hinüber nach Amerika ! « Die alte Jule Grote fiel aus dem Weinkrampf in den Lachkrampf - » O Just , Just , Just , sprich doch nicht von mir ! « Was wir anderen sagten , läßt sich nicht genau durch Wort und Schrift ausdrücken ; es war auch nicht von Bedeutung . Auch von unserem Heimwege durch den heißen , glühenden Tag ist wenig zu reden . Weiße schwere Wolken wälzten sich , als wir in dem morschen Kahne des Vaters Klaus wieder auf dem Flusse schwammen , über die Berge empor und in das lichte Blaue hinein ! Irene lag auf der Bank , mit dem Kopfe an Evas Brust . Ewald hatte eine Ruderstange ergriffen , blickte von Zeit zu Zeit auf die beiden Mädchen und nahm ingrimmig unserem Charon den schwersten Teil seiner Arbeit ab . Ich ließ mir wieder die Flut des Stromes über die heiße Hand spülen ; aber Kühle war nicht in dem Wasser . » Ich weiß es wohl , daß es da nicht gut steht « , flüsterte mir der weißhaarige Schiffs- und Fischersmann beim Aussteigen zu , indem er verstohlen mit dem Daumen nach den heimatlichen Bergwäldern deutete . » Jaja , junger Herr , es fließt alles hin wie das da ! « , und er deutete auf seinen Fluß . Das war kein neues Bild ; ich aber sah doch auf die eiligen Wasser zurück und fand den Vergleich von neuem tiefsinnig und einzig zutreffend . Wie kommt es , daß wir den Eindruck der höchsten Weltweisheit nie aus dem Verkehr mit den Herren vom Metier , wohl aber gar nicht selten aus der Bekanntschaft und dem Umgange mit dem Vater Klaus in seiner Fischerhütte , mit der alten Tante in ihrem Erkerstübchen und mit dem Unbekannten , dem wir seit vier Wochen täglich in der Gasse begegnen und mit dem wir noch nie ein Wort gesprochen haben - ziehen ? ! Weil es die Gemeinplätze , d.h. die höchsten Wahrheiten sind , auf denen unser Leben sprießt , wächst und wuchert , und nicht die hohen Offenbarungen des Menschen im einzelnen . In ruhiger Stimmung bereiten wir uns durch die letzteren wohl auf die entgegengesetzte vor , aber doch mehr , um die gute Stunde noch behaglicher zu machen ; die böse Stunde hat noch keiner behaglicher dadurch gemacht . Es donnerte hinter den Bergen - ein langgezogenes feierliches Rollen dann und wann den ganzen Nachmittag über . Wir kamen nach Hause , und der Herr Graf konnte mit seiner Tochter nichts mehr sprechen . Er starb in der Nacht . Wir anderen von Schloß Werden durchwachten sie , und wir hörten den heftigen Sommerregen in den Blättern rauschen . Elftes Kapitel Ich war dreißig Jahre alt geworden und , wie es in den Sternen geschrieben stand , ein Schulmeister . Ich war Doktor der Philosophie und hatte die venia docendi an der Universität Berlin . Wenn sie nur gekommen wären , um das von mir abzuholen , was ich selber gelernt hatte ! Aber sie blieben aus ; sie schienen der Sache nicht im mindesten zu trauen . Zuerst versuchte ich es , mein philologisches Wissen auf einem rheinländischen Gymnasium an die Jugend zu bringen ; jedoch bekam ich bald von maßgebender Stelle herunter den Rat , diesen Versuch aufzugeben . Man verwies mich zwar nicht offiziell dabei auf meine wirklich etwas hohe Schulter ; aber man zuckte doch nur die Achseln , wenn die Jungen lachten und meine Autorität gleich Null blieb . Die Kirche , die immer den Nagel auf den Kopf trifft , hat auch darin recht , daß sie keinen mit irgendeiner auffälligen Gebrechlichkeit Behafteten unter ihren öffentlichen Dienern leiden will . Sie hat selbstverständlich ihre Würde zu bewahren , selbst auf Kosten ihrer besseren Überzeugung . Hat sie der Schadenfreude und der Lust am Lachen unter ihren Lämmern ein testimonium divitiarum auszustellen , so tut sie es und fühlt nachher nicht das geringste Bedürfnis , sich die Hände zu waschen , wie weiland der römische Prokurator Pontius Pilatus . Ich ging und überließ es besser gewachsenen Oberlehrern und Kollaboratoren , die blonde und blauäugige Jugend der Germanen zum Einjährig-Freiwilligen-Dienst und auf das Abiturientenexamen vorzubereiten . Was ich dann trieb ? Ich war stark im Griechischen und Lateinischen . Einer Lieblingsneigung wegen hatte ich mich auf das Auffinden und Nutzbarmachen mittelalterlicher Geschichtsquellen geworfen , und man hat mich draußen eine Zeitlang schändlicherweise im Verdacht gehabt , Doktordissertationen aus vielerlei Fächern im Vorrat anzufertigen , auf Lager zu halten und sie bei sich bietender Gelegenheit gegen jedes Honorar unter dem Siegel der Verschwiegenheit ( Diskretion selbstverständlich ) zu verschleißen . Dies ist eine schnöde Verleumdung ! Ich habe nur einem Menschen zum » Doktor « verholfen , und der bin ich selber ; und , um eine Redensart der polis anzuwenden was ich mir dafür kaufen konnte , war unbedeutend . Aber es nennen sich , manche Leute Geschichtsforscher und edieren Monographien , Volks- und Völkerhistorien und haben seltsamerweise vor den Quellen gerade eine so große Scheu wie vielleicht in ihrer Jugend vor dem Quellwasser , wenn es am Sonnabendabend zu einer gründlichen Reinigung ihrer Person verwendet werden sollte . Für diese und ähnliche Herren war ich und bin ich der rechte Mann . Als wirklich geheimer Mitarbeiter bin ich denn auch für mehr als einen Parlamentarier schätzbar , und manches » Hört , hört ! « und manches » allgemeine Beifallsgemurmel « wäre eigentlich auf meine Rechnung und nicht die des » verehrten Vorredners « und weit und tief blickenden Realpolitikers auf der Tribüne der gegenwärtig tagenden hohen politischen Körperschaft zu setzen . Was ich mir hierfür kaufen konnte , war etwas , wenngleich nicht viel mehr als das , was mir die Sprachen der Griechen und Römer zu Utilitäts- und Luxuszwecken und Ausgaben abwarfen . So ging es mir denn erträglich nach Wunsch , und sogar was den Luxus anbetrifft ; das jedoch erst seit dem schlimmen schwarzen Tage , an dem ich meine gute Mutter verlor und leider nicht mehr für ihr Behagen in ihren Greisenjahren zu sorgen hatte . Ich saß im Winter warm zu Hause , ich speiste in einer der Restaurationen mittleren Ranges der Stadt , und ich konnte mir dann und wann ein Buch , wenn auch nur antiquarisch , anschaffen ; auf dem hohen Standpunkte wohlangewendeter Lehrjahre , der sich in dem französischen Wort » Je ne lis plus , je relis seulement ! « darlegt , bin ich auch bis heute noch nicht angelangt , hoffe ihn aber dermaleinst zu erklimmen . Mein » Zuhause « bestand in einer bescheidenen Junggesellenwohnung im vierten Stockwerk eines Hauses in der Mittelstraße . Ich besaß wohl eine eigene Bibliothek , aber keine eigenen Möbel . Ich hatte harte , steinige Pfade gehen und meine Wege häufig recht heftigem Winde , argen Staubwirbeln und unbehaglichem Regenschauer abkämpfen müssen . Selbst in den äußerst seltenen Momenten , wo ich mich für einen äußerst gescheuten Menschen dabei hielt , zog ich wenig Genuß und Befriedigung daraus , nämlich aus dem , was die Nebenmenschen gewöhnlich etwas spitzig eine äußerst glückliche Selbstüberzeugtheit zu nennen pflegen . Und nun genug hiervon . Wie kurz und abbrüchig ich dieses alles hingeschrieben habe , so habe ich es doch nur wie jeder andere gemacht und zuerst und einzig und allein von mir selber als der wichtigsten Angelegenheit dieser und jeder zukünftigen Welt gesprochen . Es soll dafür aber auch bei mir nicht mehr als bei jedem anderen zu bedeuten haben - eine harmlose , eben der Menschheit anklebende Schwäche und das gleichfalls ganz allgemeine Bedürfnis , wenigstens etwas in der eigenen Persönlichkeit im Laufe der Zeiten aufrecht und unberührt zu erhalten . Die anderen ! ... Wo waren die anderen im Strom der Zeit geblieben ? Was war aus den anderen geworden , die vor ein paar Seiten noch mit mir jung , gesund , dumm und glücklich waren ? Wenn ich es nun mit schönen Redensarten zudecken würde , wie wenig ich mich im Grunde um diese anderen bekümmert hatte , so würde mir das leicht genug werden . Ich könnte aber auch den nächsten guten Bekannten oder den ersten besten Unbekannten in der Gasse anrufen , um es mir von ihnen bestätigen zu lassen , wieviel der Mensch mit sich selber zu tun hat und wie wenig Zeit und Nachdenken ihm für den liebsten Freund übrigbleibt , wenn sich eine Wand eine Stunde , einen Tag oder gar ein Jahr zwischen ihn und uns gelegt hat . Ich habe jahrelang nur gewußt , daß Eva Sixtus in der alten Heimat dem alten Vater immer noch haushalte , daß Ewald in seinem Beruf als Ingenieur in Irland tätig sei und daß Irene von Everstein verheiratet in Wien lebe . Von dem Vetter Just habe ich gar nichts gewußt . Ich erlebte es noch als Student , daß der Steinhof subhastiert wurde und weit unter seinem Wert an einen Landsmann fiel , der schon längst ein freundlich-begehrliches Auge darauf geworfen hatte und einst ebenfalls zu den fröhlichsten und behaglichsten Gastfreunden und Jagdgenossen des Vetters gehörte . Daß Schloß Werden gleichfalls unter den Hammer kam und unter dem Werte einen Liebhaber fand , erfuhr ich brieflich durch meine Mutter , die dann zu mir ins Rheinland zog und daselbst , wie gesagt , in meiner Kollaboratorwohnung nach längerem schweren Leiden sanft gestorben ist . Jule Grote sollte immer noch in Bodenwerder wohnen , doch das war ein Gerücht , von dem ich nicht einmal angehen kann , wie es zu mir gelangte . Ich hatte viel zuviel mit meinem Griechischen und Lateinischen , meinen mittelalterlichen Geschichtsquellen , modernen Geschichtsschreibern und parlamentarischen Tagesgrößen zu schaffen , um mich viel um Jule Grote kümmern , mich bei ihr aufhalten zu können . Es ist ja eben kein Aufenthalt in dieser Welt bei den besten Dingen - und bei den besten Freunden auch nicht ; und wenn alle Lebenskunst am Ende nur darauf hinausläuft , sich unabhängig von den mitlebenden Menschen und Dingen zu machen , so ist das eigentlich gar keine Kunst , sondern uns allen höchst natürlich . Nun nahm ich seit verhältnismäßig langer Zeit alles als etwas , was sein konnte , jedoch nicht zu sein brauchte . Es gewährte mir häufig das bekannte egoistisch-kitzelnde Behagen , daß die Tage , an denen auch ich dann und wann grimmig und selbstüberzeugt rief : » Nun soll es sein ! « , hinter mir lagen . Die süße und sonnige , wälderrauschende , ewige Frühlings und Erntefeste feiernde Zeit von Schloß Werden lag auch hinter mir , und man hat es mir im Lesezimmer der Königlichen Bibliothek nie angemerkt , daß mir bei meiner närrischen Kompilationsarbeit die Erinnerung daran irgendwie hinderlich in den Weg trat und mich vielleicht geduldig stimmte , wenn ein mir augenblicklich nötiges Werk ausgeblieben war und bei einem , wie Freund Ewald seinerzeit sich ausgedrückt haben würde , » dummen und langweiligen Kerl « lag , der doch nichts damit anzufangen wußte . Mir wird bedenklich flau zumute , wie ich alles dieses hier niederschreibe , und ich denke , offen gestanden , mit einigem Grauen an die möglicherweise doch eintretende Stunde , in der ich diese Seiten mit ihren liebenswürdigen Selbstbekenntnissen wieder überlesen werde . Es ist immer eine sonderbare , heikle Sache um das Wiederlesen im eigenen Lebensbuche ! An welche Leser ich mich aber mit dem eben Niedergeschriebenen wende , weiß ich , Gott sei Dank , nicht . Mündlich hätten mich wohl nicht sehr viele aussprechen lassen , sondern das meiste von sich aus anders und besser zu berichten gewußt . Und es ist gut so , denn es ist die gute Meinung , die die Welt von sich hat und lebhaft geltend macht , die diese sonderbare Universitas aufrecht und im Gange erhält . Was sollte aus ihr , der Welt , werden , wenn jeder es vermöchte , den anderen ruhig aussprechen zu lassen ? Eine recht objektive Welt , aber eine vielleicht doch etwas zu ruhige - - so etwas wie ein Universalkirchhof vielleicht , voll sehr weise im Lapidarstil redender Leichensteine . Der Herr erhalte uns also im recht fröhlichen Kriege gegeneinander , solange es ihm gefällt , uns überhaupt zu erhalten ! Zwölftes Kapitel Ob er wirklich so existiert , wie wir ihn aus tausendfachem Zusammentreffen mit ihm kennenlernen , lassen wir eine offene Frage bleiben . Wie wir ihn in unsere philosophischen Systeme einzureihen belieben : im praktischen Dasein bleibt er verteufelt mehr als ein bloßes Wort oder ein Begriff . Er ist und bleibt der Herr und Gebieter . Und im Gegensatz zu den übrigen Erdenherren und Erdengebietern läßt er sein Kommen vorher durchaus nicht ankündigen , weder durch die drei Stöße mit dem Marschallstabe auf den Parkettfußboden noch durch Posaunenstöße , durch das hervorrufen der Wachen , den obligaten Trommelwirbel , das Präsentieren der Gewehre und das Senken der Fahnen . Die Erdenherren vor allen übrigen Sterblichen wissen es am genauesten , daß er auch dazu - viel zu vornehm ist : er , der Zufall nämlich . Von der Suppe aufsehend bei meinem altgewohnten , tagtäglichen Speisewirt , fand ich ihn mir plötzlich wieder einmal gegenüber , und der Löffel entfiel meiner Hand . Der Löffel ist der Hand viel größerer Philosophen , Geschichtskenner und dergleichen Leute bei derartigen Gelegenheiten entsunken , und sie haben es hoffentlich stets für eine Gnade gehalten , wenn ihnen der Appetit nicht für längere Zeit oder gar für immer verdorben wurde . Gottlob war das letztere bei dieser Gelegenheit bei mir nicht der Fall ; aber die Erstarrung blieb dessenungeachtet für längere Zeit die nämliche , bis sich das sie in ihr Gegenteil , die höchste Bewegung , auflösende Wort fand : » Vetter ! ... Der Vetter Just ! « Je unmöglicher es erschien , desto bedingungsloser drängte sich die Gewißheit auf , daß er es war . Ja , er war es ! Er war es unbedingt ! ... Ausgeweitet nach allen Dimensionen ; mit einem Ansatz zwar zu einer hohen Stirn , sonst jedoch in keiner Weise infolge seines landwirtschaftlichen Bankerottes verfallen und zu einer selbstgelehrten Ruine geworden , sondern auch - ganz im Gegenteil ! ... Er war es ganz gewiß , und zwar mit einem gewissen , völlig undefinierbaren Anstrich vom Exotischen , einem ihm ganz sonderbar gut passenden Anflug von Amerikanertum . Wäre einer von den Göttinger Sieben seinerzeit nach Amerika ausgewandert , so hätte er so zurückkommen können ; Professor Gervinus vielleicht ausgenommen . Es war wundervoll ! » Just Everstein ! « stammelte ich noch einmal , mehr gegen mich selber als gegen diese unvermutete Erscheinung am Berliner Wirtstische gewendet ; und nun legte auch sie , die Erscheinung oder er , der Vetter Just , Messer und Gabel nieder , legte dann gleichfalls erstaunt einen Augenblick lang beide Hände auf den Tisch , erhob sich dann langsam , bog sich über , warf das Salzfaß um , was beiläufig diesmal ausnahmsweise kein übel Omen war , und rief ganz mit der alten unveränderten Stimme vom Zaun oder der Haustürtreppe des Steinhofes her : » Now ? ... Jetzt aber erst mal alle stille ! Fritzchen ! ! Nun nur nicht alles auf einmal ! ... Fritz ? Der kleine Fritze Langreuter ! ... Also zuletzt doch wieder ! ... Ich bin es ; aber - jetzt laß auch du dich einmal anfühlen ! Mensch , so reiche doch endlich deine Hand « ( your fist , sagte er ) » her . O mein lieber Junge , das ist doch zu gut ! « ... Es war ein sehr gefülltes Restaurationslokal , in dem unser Wiedersehen stattfand , und die verschmauchten Räume füllten sich eben immer noch mehr mit hungrigen Menschen . Sämtliche Professoren der vier Fakultäten , die Bauakademie und verschiedene andere Akademien schütteten ihre Zuhörer über diese behaglicheren Tische und Subsellien aus . Privatdozenten von allen Sorten schoben sich ein ; dazwischen großstädtisches Volk von jeglicher Art. Mir schwindelte , ich glaubte zu träumen , wenn ich an den Steinhof und unser trostloses Abschiedsfrühstück daselbst dachte . Und ich dachte in dieser aufgeregten Minute wirklich daran , so sonderbar das erscheinen mag , vorzüglich dem mit mehr Muskeln als Nerven von der wohlmeinenden Natur ausgestatteten Erdenbürger . Ich ergriff die Hand , die mir über den Tisch zugereicht wurde ; breit war sie immer noch , aber ich hatte auch den harten biederen Griff vom Steinhofe in der Erinnerung und nahm die weichen Finger jetzt ebenfalls als etwas ganz sonderbar Unstatthaftes . » O Vetter Just ! « » Jawohl ! Und ich freue mich merkwürdig , lieber Junge . Viel ins Gerade gewachsen ist er nicht mehr in den Jahren ! Aber das ist auch schön ; da findet man doch auch hier etwas wieder , was so ist , wie es war - « » Und wie lange bist du in der Stadt , Just ? « » Davon nachher ! Ich glaube wahrhaftig , der Kerl ist imstande und meint , daß ich schon seit acht Wochen Wand an Wand mit ihm wohne , ohne ihn aufgefunden zu haben ! Ist es denn möglich , daß ein alter Freund so schlecht von dem anderen denken kann ? « » Wie kannst du verlangen , Vetter , daß ich in diesem Moment genau überlege , was ich sage und frage ? Wo kommst du her ? « » Auch das noch ! ... Well , aus Amerika natürlich , wo die Leute in jedem Momente ganz genau wissen , was sie sagen und was sie fragen . Und nun , weißt du was , Fritz ? Nun tun wir fürs erste , als ob keinem von uns beiden etwas besonders Merkwürdiges passiert sei . Jetzt essen wir mit möglichster Ruhe zu Mittag und besehen uns stillschweigend währenddem . Keiner nimmt es dem anderen übel , wenn er bei dem Studium auch einmal den Kopf schüttelt . What will you drink ? Alter Kerl , wenn ich weiter nichts mit über das Wasser zu euch zurückgebracht hätte als den alten guten Magen vom Steinhofe ( Fritze , nachher stoßen wir drauf an ! ) , so wäre auch das schon gar nicht zu verachten . Wie sagt Cicero in diesem Falle ? ... Na ? ! ... Kellner , die Weinkarte ! Ach ja , die schöne Zeit , wo man alles Gute , was kam , als etwas sich ganz von selbst Verstehendes nahm ! « Das war nun alles so hingesagt , als ob der Mann erwarte , daß man mit dem sonnigsten Lachen darauf Antwort gebe ; und ich lachte auch , wie man hie und da über etwas ganz Neues lacht , dem man eben noch auf keine andere Weise beikommen kann . Es war mir nie im Leben etwas