zu einer Art Kirchenschande gereichte . Viele Kinder schöpfen zwar gerade aus dieser Sitte die Kunst , mit Salbung und Zungengeläufigkeit , wohl gar mit ihrer Frechheit zu prunken , und der Tag geriet ihnen immer zu einem Triumph- und Freudentag . Gerade bei diesen erwies es sich aber jederzeit , daß alles eitel Schall und Rauch gewesen . Es gibt geborene Protestanten , und ich möchte mich zu diesen zählen , weil nicht ein Mangel an religiösem Sinne , sondern , freilich mir unbewußt , ein letztes feines Räuchlein verschollener Scheiterhaufen , durch die hallende Kirche schwebend , mir den Aufenthalt widerlich machte , wenn die eintönigen Gewaltsätze hin-und hergeworfen wurden . Nicht als ob ich mir einbilden wollte , ein scharfsinnig polemisches Wunderkind gewesen zu sein ; sondern es war einzig Sache des angeborenen Gefühles . So wurde ich gewaltsam auf meinen Privatverkehr mit Gott zurückgedrängt , und ich beharrte auf meiner Sitte , meine Gebete und Verhandlungen selbst zu bestreiten nach meinem Bedürfnisse und sie auch in Ansehung der Zeit nur dann anzuwenden , wenn ich ihrer bedurfte . Einzig das Vaterunser wurde morgens und abends regelmäßig , aber lautlos , gebetet . Aber auch aus meinem innern und äußern Spiel-und Lustleben wurde der liebe Gott verdrängt und konnte weder durch die Frau Margret noch durch meine Mutter darin erhalten werden . Für lange Jahre wurde mir der Gedanke Gottes zu einer prosaischen Vorstellung , in dem Sinne , wie die schlechten Poeten das wirkliche Leben für prosaisch halten im Gegensatze zu dem erfundenen und fabelhaften . Das Leben , die sinnliche Natur waren merkwürdigerweise mein Märchen , in dem ich meine Freude suchte , während Gott für mich zu der notwendigen , aber nüchternen und schulmeisterlichen Wirklichkeit wurde , zu welcher ich nur zurückkehrte wie ein müdgetummelter , hungriger Knabe zur alltäglichen Haussuppe und mit der ich so schnell fertig zu werden suchte als möglich . Solches bewirkte die Art und Weise , wie die Religion und meine Kinderzeit zusammengekuppelt wurden . Wenigstens kann ich mich , trotzdem daß jene ganze Zeit wie ein heller Spiegel vor mir liegt , nicht entsinnen , daß ich vor dem Erwachen der Vernunft je einen Andachtschauer , wenn auch noch so kindlich , empfunden hätte . Ich betrachte diese halb gottlose Zeit gerade der weichsten und bildsamsten Jahre , welche deren wohl sieben bis achte andauerte , als eine kalte öde Strecke und weise die Schuld einzig auf den Katechismus und seine Handhaber . Denn wenn ich recht scharf in jenen vergangenen dämmerhaften Seelenzustand zurückzudringen versuchte , so entdecke ich noch wohl , daß ich den Gott meiner Kindheit nicht liebte , sondern nur brauchte . Jetzt erst wird mir der trübe kalte Schleier ganz deutlich , welcher über jener Zeit liegt und mir dazumal die Hälfte des Lebens verhüllte , mich blöde und scheu machte , daß ich die Leute nicht verstand und mich selbst nicht zu erkennen geben konnte , so daß die Erzieher vor mir standen als vor einem Rätsel und sagten : Dieses ist ein seltsames Gewächs , man weiß nicht viel damit anzufangen ! Zehntes Kapitel Das spielende Kind Desto eifriger verkehrte ich im stillen mit mir selbst , in der Welt , die ich mir allein zu bauen gezwungen war . Meine Mutter kaufte mir nur äußerst wenig Spielzeug , immer und einzig darauf bedacht , jeden Heller für meine Zukunft zu sparen , und erachtete in ihrem Sinne jede Ausgabe für überflüssig , welche nicht unmittelbar für das Notwendigste geopfert wurde . Sie suchte mich dafür durch fortwährende mündliche Unterhaltungen zu beschäftigen und erzählte mir tausend Dinge aus ihrem vergangenen Leben sowohl wie aus dem Leben anderer Leute , indem sie in unserer Einsamkeit selbst eine süße Gewohnheit darin fand . Aber diese Unterhaltung sowie das Treiben im wunderlichen Nachbarhause konnte doch zu letzt meine Stunden nicht ausfüllen , und ich bedurfte eines sinnlichen Stoffes , welcher meiner Gestaltungslust anheimgegeben war . So war ich bald darauf angewiesen , mir mein Spielzeug selbst zu schaffen . Das Papier , das Holz , die gewöhnlichen Aushelfer in diesem Falle , waren schnell abgebraucht , besonders da ich keinen Mentor hatte , welcher mich mit Handgriffen und Künsten bekannt machte . Was ich so bei den Menschen nicht fand , das gab mir die stumme Natur . Ich sah aus der Ferne bei andern Knaben , daß sie artige kleine Naturaliensammlungen besaßen , besonders Steine und Schmetterlinge , und von ihren Lehrern und Vätern angeleitet wurden , dergleichen selbst auf ihren Ausflügen zu suchen . Ich ahmte dieses nun auf eigene Faust nach und begann gewagte Reisen längs der Bach- und Flußbette zu unternehmen , wo ein buntes Geschiebe an der Sonne lag . Bald hatte ich eine gewichtige Sammlung glänzender und farbiger Mineralien beisammen , Glimmer , Quarze und solche Steine , welche mir durch ihre abweichende Form auffielen . Glänzende Schlacken , aus Hüttenwerken in den Strom geworfen , hielt ich ebenfalls für wertvolle Stücke , Glasflüsse für Edelsteine , und der Trödelkram der Frau Margret lieferte mir einigen Abfall an polierten Marmorscherben und halb durchsichtigen Alabasterschnörkeln , welche überdies noch eine antiquarische Glorie durchdrang . Für diese Dinge verfertigte ich Fächer und Behälter und legte ihnen wunderlich beschriebene Zettel bei . Wenn die Sonne in unser Höfchen schien , so schleppte ich den ganzen Schatz hinunter , wusch Stück für Stück in dem kleinen Brünnlein und breitete sie nachher an der Sonne aus , um sie zu trocknen , mich an ihrem Glanze erfreuend . Dann ordnete ich sie wieder in die Schachteln und hüllte die glänzendsten Dinge sorglich in Baumwolle , welche ich aus den grollen Ballen am Hafenplatze und beim Kaufhause gezupft hatte . So trieb ich es lange Zeit ; allein es war nur der äußere Schein , der mich erbaute , und als ich sah , daß jene Knaben für jeden Stein einen bestimmten Namen besaßen und zugleich viel Merkwürdiges , was mir unzugänglich war , wie Kristalle und Erze , auch ein Verständnis dafür gewannen , welches mir durchaus fremd war , so starb mir das ganze Spiel ab und betrübte mich . Dazumal konnte ich nichts Totes und Weggeworfenes um mich liegen sehen ; was ich nicht brauchen konnte , verbrannte ich hastig oder entfernte es weit von mir ; so trug ich eines Tages die sämtliche Last meiner Steine mit vieler Mühe an den Strom hinaus , versenkte sie in die Wellen und ging ganz traurig und niedergeschlagen nach Hause . Nun versuchte ich es mit den Schmetterlingen und Käfern . Meine Mutter verfertigte mir ein Garn und ging oft selbst mit mir auf die Wiesen hinaus ; denn die Einfachheit und Billigkeit dieser Spiele leuchteten ihr ein . Ich fing zusammen , wessen ich habhaft werden konnte , und setzte eine Unzahl Raupen in Gefangenschaft . Allein ich kannte die Speise dieser letzteren nicht und wußte sie sonst nicht zu behandeln , so daß kein Schmetterling aus meiner Zucht hervorging . Die lebendigen Schmetterlinge aber , welche ich fing , wie die glänzenden Käfer machten mir saure Mühe mit dem Töten und dem Unversehrterhalten ; denn die zarten Tiere behaupteten eine zähe Lebenskraft in meinen mörderischen Händen , und bis sie endlich leblos waren , fand sich Duft und Farbe zerstört und verloren , und es ragte auf meinen Nadeln eine zerfetzte Gesellschaft erbarmungswürdiger Märtyrer . Schon das Töten an sich selbst ermüdete mich und regte mich zu sehr auf , indem ich die zierlichen Geschöpfe nicht leiden sehen konnte . Dieses war keine unkindliche Empfindsamkeit ; mir widerwärtige oder gleichgültige Tiere konnte ich so gut mißhandeln wie alle Kinder ; es war vielmehr ein ungerechtes Mitgefühl für diese bunteren Kreaturen , denen ich wohlgewogen war . Jeder der unseligen Reste machte mich um so melancholischer , als er das Denkmal eines im Freien zugebrachten Tages und eines Abenteuers war . Die Zeit von seiner Gefangennehmung bis zu seinem qualvollen Tode war ein Schicksal , welches mich mitberührte , und die stummen Überbleibsel redeten eine vorwurfsvolle Sprache zu mir . Auch diese Unternehmung scheiterte endlich , als ich zum ersten Male eine große Menagerie sah . Sogleich faßte ich den Entschluß , eine solche anzulegen , und baute eine Menge Käfige und Zellen . Mit vielem Fleiße wandelte ich dazu kleine Kästchen um , verfertigte deren aus Pappe und Holz und spannte Gitter von Draht oder Zwirn davor , je nach der Stärke des Tieres , welches dafür bestimmt war . Der erste Insasse war eine Maus , welche mit eben der Umständlichkeit , mit welcher ein Bär installiert wird , aus der Mausefalle in ihren Kerker hinübergeleitet wurde . Dann folgte ein junges Kaninchen ; einige Sperlinge , eine Blindschleiche , eine größere Schlange , mehrere Eidechsen verschiedener Farbe und Größe ; ein mächtiger Hirschkäfer mit vielen andern Käfern schmachteten bald in den Behältern , welche ordentlich aufeinandergetürmt waren . Mehrere große Spinnen versahen in Wahrheit die Stelle der wilden Tiger für mich , da ich sie entsetzlich fürchtete und nur mit großem Umschweife gefangen hatte . Mit schauerlichem Behagen betrachtete ich die Wehrlosen , bis eines Tages eine Kreuzspinne aus ihrem Käfige brach und mir rasend über Hand und Kleid lief . Der Schrecken vermehrte jedoch mein Interesse an der kleinen Menagerie , und ich fütterte sie sehr regelmäßig , führte auch andere Kinder herbei und erklärte ihnen die Bestien mit großem Pomp . Ein junger Weih , welchen ich erwarb , war der große Königsadler , die Eidechsen Krokodile , und die Schlangen wurden sorgsam aus ihren Tüchern hervorgehoben und einer Puppe um die Glieder gelegt . Dann saß ich wieder stundenlang allein vor den trauernden Tieren und betrachtete ihre Bewegungen . Die Maus hatte sich längst durchgebissen und war verschwunden , die Blindschleiche war längst zerbrochen , so wie die Schwänze sämtlicher Krokodile , das Kaninchen war mager wie ein Gerippe und hatte doch keinen Platz mehr in seinem Käfig , alle übrigen Tiere starben ab und machten mich melancholisch , so daß ich beschloß , sie alle zu töten und zu begraben . Ich nahm ein dünnes langes Eisen , machte es glühend und drang mit zitternder Hand damit durch die Gitter und begann ein greuliches Blutbad anzurichten . Aber die Geschöpfe waren mir alle lieb geworden , auch erschreckte mich das Zucken des zerstörten Organismus , und ich mußte innehalten . Ich eilte in den Hof hinunter , machte eine Grube unter den Vogelbeerbäumchen , worin ich die ganze Sammlung , tote , halbtote und lebende , in ihren Kasten kopfüber warf und eilig verscharrte . Meine Mutter sagte , als sie es sah , ich hätte die Tiere nur wieder ins Freie tragen sollen , wo ich sie geholt hätte , vielleicht wären sie dort wieder gesund geworden . Ich sah dies ein und bereute meine Tat ; der Rasenplatz war aber lange eine schauerliche Stätte für mich , und ich wagte nie jener kindlichen Neugierde zu gehorchen , welche es immer antreibt , etwas Vergrabenes wieder auszugraben und anzusehen . Bei Frau Margret tat sich mir die nächste Spielerei auf . In einer verrückten Theosophie , welche ich unter ihren Büchern fand , war eine Anweisung enthalten , die vier Elemente zu veranschaulichen , nebst andern kindischen Experimenten und den dazugehörigen Tafeln . Nach diesen Vorschriften nahm ich eine große Phiole , füllte sie zum Vierteile mit Sand , zum Vierteile mit Wasser , dann mit Öl , und das letzte Vierteil ließ ich leer , das heißt mit Luft gefüllt . Die Materien sonderten sich nach ihrer Schwere auseinander und stellten nun in dem geschlossenen Raume die vier Elemente vor , Erde , Wasser , Feuer ( das Brennöl ) und Luft . Ich schüttelte sie tüchtig durcheinander , daraus entstand das Chaos , welches sich wieder aufs schönste abklärte , und ich saß sehr vergnügt vor der höchst gelehrten Erscheinung . Dann nahm ich Bogen Papier und zeichnete darauf , nach den Angaben jenes Buches , große Sphären mit Kreisen und Linien kreuz und quer , farbig begrenzt und mit Zahlen und lateinischen Lettern besetzt . Die vier Weltgegenden , Zonen und Pole , Himmelsräume , Elemente , Temperamente , Tugenden und Laster , Menschen und Geister , Erde , Hölle , Zwischenreich , die sieben Himmel , alles war toll und doch nach einer gewissen Ordnung durcheinandergeworfen und gab ein angestrengtes , lohnendes Bemühen . Alle Sphären wurden mit entsprechenden Seelen bevölkert , welche darin gedeihen konnten . Ich bezeichnete sie mit Sternen und diese mit Namen ; der glückseligste war mein Vater , zunächst dem Auge Gottes , noch , innerhalb des Dreieckes , und schien durch dieses allsehende Auge auf die Mutter und mich herunterzuschauen , welche in den schönsten Gegenden der Erde spazierten . Meine Widersacher aber schmachteten sämtlich in der Hölle , wo der Böse mit einem ansehnlichen Schwanze begabt war . Je nach dem Verhalten der Menschen veränderte ich ihre Stellungen , beförderte sie in reinere Gegenden oder setzte sie zurück , wo Heulen und Zähneklappen herrschte . Manchen ließ ich prüfungsweise im Unbestimmten schweben , sperrte auch wohl zwei , die sich im Leben nicht ausstehen mochten , zusammen in eine abgelegene Region , indessen ich zwei andere , die sich gern hatten , trennte , um sie nach vielen Prüfungen zusammenzubringen an einem glückseligern Orte . Ich führte so ganz im geheimen eine genaue Übersicht und Schicksalsbestimmung aller mir bekannten Leute , jung und alt . In der Theosophie war ferner anbefohlen , geschmolzenes Wachs in Wasser zu gießen , um ich weiß nicht mehr was zu versinnbildlichen . Ich füllte mehrere Arzneigläser mit Wasser und belustigte mich an den Bildungen , welche durch das hineingegossene Wachs entstanden , verschloß die Gläser und vermehrte dadurch meine gelehrte Sammlung . Dieses Gläserwesen sagte mir sehr zu , und ich fand einen neuen Stoff dafür , als ich einst mit tiefem Grauen durch eine anatomische Sammlung lief , welche dem Krankenhause beigegeben war . Einige Reihen von Embryonen und Föten in ihren Gläsern jedoch erwarben sich meinen lebhaften Beifall und boten einen trefflichen Gegenstand für meine Sammlung dar , indem ich dergleichen nachzubilden versuchte . In einem Schranke verwahrte die Mutter die aufgeschichtete Leinwand ihrer Mußezeit in rohen und gebleichten Stücken , und daselbst lagen auch , verborgen und vergessen , mehrere Scheiben reinlichen Wachses , die verjährten Zeugen einer einstigen fleißigen Bienenzucht . Von diesen brach ich immer ansehnlichere Stücke los und formte nun im kleinen solche großköpfige wunderliche Burschen , wie ich sie gesehen , und bestrebte mich , die Verschiedenheit ihrer phantastischen Bildung noch zu vergrößern . Ich trieb Gläser auf , soviel ich konnte , von allen Formen und Größen , und richtete die Bildwerke darnach ein . In langen schmalen Kölnischwasserflaschen , denen ich die Hälse abschlug , baumelten ebenso lange schmächtige Gesellen an ihrem Faden , in kurzen dicken Salbengläsern hausten knollenartige Gewächse . Statt mit Weingeist füllte ich die Gläser mit Wasser an und gab jedem Bewohner derselben einen Namen , welcher meinem humoristischen Interesse entsprach , das über der belustigenden Arbeit aus dem bloß gelehrten entstand . Es waren schon einige dreißig Mitglieder dieses schönen Vereins beisammen und das Wachs nahezu aufgebraucht , als ich meine Geschöpfe taufte mit Namen wie Schnurper , Fark , Vogelmann , Säbelbein , Schneider , Schmerbauch , Nabelhans , Wachsbeißer , Wächserich , Honigteufel und dergleichen , und ich empfand ein dauerndes Vergnügen , indem ich zugleich für jeden eine kurze Lebensbeschreibung verfaßte , die sich in dem Berge zugetragen hatte , aus welchem nach unserm Ammenmärchen die kleinen Kinder geholt werden . Ich verfertigte auch eigene Sphärentafeln für sie , worauf jeder verzeichnet war mit seiner tugendlichen oder schlimmen Aufführung , und wenn einer mein Mißfallen erregte , so wurde er so gut an einen schlechtern Ort gebracht als die lebendigen Leute . Ich trieb diese Dinge alle in einer abgelegenen Kammer , wo ich eines Abends in der Dämmerung alle Gläser auf meinen Lieblingstisch stellte , ein altes braunes Möbel mit etlichen Auszügen . Ich reihte die Gläser in einen großen Kreis , die vier Elemente in der Mitte , und breitete meine bunten Tabellen aus , beleuchtet von einigen Wachsmännern , denen Dochte aus erhobenen Händen brannten , und vertiefte mich nun in die Konstellationen auf den Karten , während ich die betreffenden Schicksalsträger einzeln vortreten ließ und musterte , den Wächserich und den Hürlimann , den Meyer oder den Vogelmann . Von ungefähr stieß ich an den Tisch , daß alle Gläser erzitterten und die Wachsmännchen schwankten und zappelten . Dies gefiel mir , so daß ich anfing , nach dem Takte auf den Tisch zu schlagen , wozu die Gesellen tanzten ; ich schlug immer stärker und wilder und sang dazu , bis die Gläser wie toll aneinanderschlugen und erklangen . Auf einmal schneuzte es in einer Ecke , ein Paar feurige Augen funkelten hervor . Eine fremde große Katze war in die Kammer gesperrt , hatte sich bisher ruhig verhalten und wurde nun scheu . Ich wollte sie verscheuchen , da stellte sie sich drohend gegen mich , sträubte die Haare und pfauchte gewaltig ; ich machte in der Angst ein Fenster auf und warf ein Glas nach ihr , sie sprang hinauf , konnte aber nicht weiter gelangen und kehrte sich wieder gegen mich . Nun schleuderte ich einen Wachsmann um den andern auf sie , sie schüttelte sich furchtbar und rüstete sich zum Sprunge , und als ich zuletzt die vier Elemente ihr an den Kopf warf , fühlte ich ihre Krallen an meinem Halse . Ich fiel am Tische nieder , die Lichter löschten aus , und ich schrie in der Dunkelheit , obgleich die Katze schon wieder weg war . Meine Mutter trat herein , während dieselbe hinausschlüpfte , und fand mich halb bewußtlos am Boden liegen mitten in den Glasscherben , Wasserbächen und Kobolden . Sie hatte nie auf mein Treiben in der Kammer geachtet , zufrieden , daß ich so still und vergnüglich war , und wußte sich nun meine verwirrte Erzählung um so weniger zu reimen . Inzwischen entdeckte sie die gewaltige Abnahme ihres Wachses und betrachtete nun mit einigem Zorne die Trümmer der untergegangenen Welt . Die Sache machte Aufsehen . Frau Margret ließ sich erzählen und die bemalten Bogen nebst übrigen Trümmern zeigen und fand alles höchst bedenklich . Sie befürchtete , daß ich am Ende in ihren Büchern gefährliche Geheimnisse geschöpft hätte , welche bei ihrem mangelhaften Lesen ihr selbst unzugänglich wären , und verschloß die bedenklichsten Bücher mit höchst bedeutungsvollem Ernste . Jedoch konnte sie sich einer gewissen Genugtuung nicht erwehren , da es sich zu bestätigen schien , wie hinter diesen Sachen mehr stecke , als man geglaubt habe . Sie war der festen Meinung , daß ich auf dem besten Wege gewesen sei , durch ihre Bücher ein angehender Zaubermann zu werden . Elftes Kapitel Theatergeschichten . Gretchen und die Meerkatze Über solchen Mißgeschicken verleidete mir die einsame Beschäftigung im Hause , und ich schloß mich nun einigen Knaben an , welche sich gut zu unterhalten schienen , indem sie in einem großen alten Fasse Komödie spielten . Sie hatten einen Vorhang davorgezogen und ließen eine begünstigte Anzahl Kinder respektvoll harren , bis sie ihre geheimnisvollen Vorbereitungen geendet . Dann wurde das Heiligtum geöffnet , einige Ritter in papiernen Rüstungen führten ein gedrängtes Zwiegespräch tüchtiger Schimpfreden , um sich darauf schleunigst durchzubleuen und unter dem Fallen des durchlöcherten Teppichs tot hinzustrecken . Ich wurde bald eingeweiht als ein anstelliger Junge und brachte vor allem aus einen bestimmtern Stoff in das Faß , indem ich kurze Handlungen aus der biblischen Geschichte oder den Volksbüchern auszog und die vorkommenden Reden wörtlich abschrieb und durch einige Wendungen verband . Ich fand auch , daß es wünschbar wäre , wenn die Helden einen besondern Eingang hätten , um vorher ungesehen auftreten zu können . Deshalb wurde in die Hinterwand ein Loch gesägt , geschnitten und gekratzt , bis ein Wohlgewappneter bescheiden durchkriechen konnte , was sehr possierlich aussah , wenn er mit seinen donnernden Reden begann , ehe er sich völlig aufgerichtet hatte . Sodann wurden grüne Zweige geholt , um das Innere des Fasses in einen Wald umzuwandeln ; ich nagelte sie ringsherum fest und ließ nur oben das Spundloch frei , durch welches überirdische Stimmen herniederzuschallen hatten . Ein Knabe brachte eine ansehnliche Düte Theatermehl und hiemit ein neues prächtiges Element in unsere Bestrebungen . Eines Tages wurde David und Goliath gegeben . Die Philister standen auf dem Plane , führten sich heidnisch auf und traten vor das Faß hinaus in das Proszenium Dann krochen die Kinder Israel herein , lamentierten und waren verzagt und traten auf die andere Seite des Einganges , als Goliath , ein großer Bengel , erschien und übermütige Possen machte zum großen Gelächter beider Heere und des Publikums , bis David , ein unterwachsener bissiger Junge , plötzlich dem Unfug ein Ende machte und dem Riesen aus seiner Schleuder , die er trefflich führte , eine große Roßkastanie an die Stirn schleuderte Darüber wurde dieser wütend und hieb dem David ebenso derb auf den Kopf , und sogleich waren beide im heftigsten Raufen ineinander verknäuelt . Die Zuschauer und die beiden Chöre klatschten Beifall und nahmen Partei ; ich selbst saß rittlings oben auf dem Fasse , ein Lichtstrümpfchen in der einen und eine tönerne Pfeife mit Kolophonium in der andern Hand , und blies als Zens gewaltige , ununterbrochene Blitze durch das Spundloch hinein , daß die Flammen durch das grüne Laub züngelten und das Silberpapier auf Goliaths Helm magisch erglänzte . Dann und wann guckte ich schnell durch das Loch hinunter , um dann die tapfer Kämpfenden ferner wieder mit Blitzen anzufeuern , und hatte kein Arges , als die Welt , welche ich zu beherrschen wähnte , plötzlich auf ihrem Lager wankte , überschlug und mich aus meinem Himmel schleuderte ; denn Goliath hatte endlich den David überwunden und mit Gewalt an die Wand geworfen . Es gab ein großes Geschrei , der Eigentümer des Fasses kam heran und schloß das rollende Haus , nicht ohne Schelten und ausgeteilte Püffe , als er die willkürlichen Veränderungen entdeckte , welche angebracht waren . Jedoch vermißten wir dies verbotene Paradies nicht allzusehr , da bald darauf eine deutsche Schauspielergesellschaft in unsere Stadt kam , um mit obrigkeitlicher Bewilligung vor den Bewohnern das leichte Haus der Leidenschaften in einem vollkommenern Maße aufzubauen , als bisher von Liebhabern und Kindern geschehen war . Der wandernde Künstlerverein schlug seinen Sitz in einem Gasthause der Stadt auf , wandelte den geräumigen Tanzsaal in ein Theater um und füllte zugleich alle bescheideneren Zimmer und Räume mit seinem häuslichen Leben . Nur der Direktor bewohnte vornehm ein glänzenderes Gemach . Übrigens zog uns das belebte Haus nicht nur während der abendlichen Vorstellungen an , sondern wir hatten auch während des Tages genug vor demselben zu stellen und zu beobachten , teils um die bewunderten Helden und Königinnen in ihrer verwegenen und anmutigen Tracht und Haltung aus und ein gehen zu sehen , teils um keine Maschine , keinen Korb mit roten Mänteln und Degen , kein Requisit aus den Augen zu verlieren , welches hineingetragen wurde . Vorzüglich hielten wir uns auch vor einem offenen Hintergebäude auf , wo ein kühner Maler inmitten einer Anzahl Töpfe , aufrechtstehend und die eine Hand in der Hosentasche , mit einem unendlich verlängerten Pinsel Wunder auf das ausgebreitete Tuch oder Papier warf . Ich erinnere mich deutlich des tiefen Eindruckes , welchen die einfache und sichere Art auf mich machte , mit welcher er duftige und durchsichtige weiße Vorhänge um die Fenster eines roten Zimmers zauberte ; mit den wenigen weißen , wohlangebrachten Strichen und Tupfen auf dem roten Grunde ging ein Licht in mir auf , der ich vor solchen Dingen , wenn sie in der nächtlichen Beleuchtung vor mir standen , begriffslos gestaunt hatte . Es dämmerte die erste Einsicht in das Wesen der Malerei ; das freie Auftragen von dichten deckenden Farben auf durchsichtige Unterlagen machten mir vieles klar ; ich begann nachher der Grenze dieser zwei Gebiete nachzuspüren , wo ich ein Gemälde zu sehen bekam , und meine Entdeckungen hoben mich über den wehrlosen Wunderglauben hinaus , welcher es aufgibt , jemals dergleichen selbst zu verstehen . An den Abenden , wo gespielt wurde , waren wir vollzählig und unfehlbar auf unserm Platze und schlichen wie die Katzen um das Gebäude herum . Da ich bei der Sparsamkeit meiner Mutter keine Möglichkeit sah , auf legalem Wege in das Innere des Kunsttempels zu gelangen , so befand ich mich doppelt wohl bei meinen Genossen der Armenschule , welche ebenfalls darauf angewiesen waren , entweder durch kleine Dienstleistungen oder durch verwegene Schlauheit durchzuschlüpfen . Es gelang mir auch mehrere Male , mich mit klopfendem Herzen in den angefüllten Saal zu schleichen , und überflog mit befriedigten Blicken die Dekorationen , wenn der Vorhang aufging , dann die Kostüme und Trachten der Spieler , um endlich , nachdem schon Erkleckliches gesprochen war , mich in das Studium der Fabel zu vertiefen . Ich war bald ein großer Kenner und disputierte reichlich , unter angenommener Kaltblütigkeit , mit meinen Freunden . Dieser Zwiespalt , die angenommene kennerhafte Ruhe und das unausbleibliche leidenschaftliche Hingeben auch an das verworfenste Stück fing an mich zu ärgern , und ich sehnte mich auch sonst , mit einem Schlage hinter die Kulissen zu kommen und das berückende Spiel und seine Spieler wie ihre Mittel in der Nähe zu besehen ; denn es bedünkte mich , daß es dort besser zu leben sein müsse als irgendwo in der Welt , leidenschaftslos und überlegen . Doch dachte ich nicht so leicht an eine Erfüllung meines Wunsches , als ein günstiger Stern dieselbe unverhofft darbrachte . Wir standen eines Abends ziemlich mutlos vor einer Seitentür , als eben der Faust gegeben wurde . Wir hatten gehört , daß man den famosen Doktor Faust , den wir genugsam kannten , nebst dem Teufel und allen seinen Herrlichkeiten sehen würde , fanden aber heute alle Hindernisse unübersteiglich , welche auf unsern gewohnten Schlupfwegen sich entgegenstellten . So hörten wir betrübt die Klänge der Ouvertüre , welche von den vornehmen Liebhabern der Stadt aufgeführt wurde , und zerbrachen die Köpfe über einem noch möglichen Eindringen . Es war ein dunkler Herbstabend und regnete kühl und anhaltend . Es fror mich , und ich dachte ans Nachhausegehen , zumal sich die Mutter über das abendliche Umhertreiben beklagt hatte , als die dunkle Tür sich öffnete , ein dienstbarer Geist heraussprang und rief : » Heda , ihr Buben ! drei oder vier von euch mögen hereinkommen , die sollen einmal mitspielen ! « Auf dieses Zauberwort drängten sich sogleich die Stärksten in das Haus ; denn dies war ein Fall , wo ein jeder nur an sich selbst denken durfte . Er wies sie aber zurück , indem er sie für zu groß und dick erklärte und mich , der ich ohne sonderliche Hoffnungen im Hintergrunde stand , heranrief und sagte : » Der da ist recht , der wird eine gute Meerkatze sein ! « Dazu ergriff er noch zwei andere , schmächtig gewachsene Jungen , schloß die Tür hinter uns und marschierte an unserer Spitze nach einem kleinen Saale , welcher als Garderobe diente . Dort hatten wir nicht Zeit , die aufgehäuften Gewänder , Waffen und Rüstungen zu betrachten ; denn wir wurden schnell unserer Kleider entledigt und in abenteuerliche Pelze gesteckt , welche vom Kopf bis zum Fuße eine Hülle bildeten . Das Meerkatzengesicht konnte wie eine Kapuze zurückgeschlagen werden , und als wir solchergestalt verwandelt dastanden , die langen Schwänze in der Hand haltend , lächelten wir ganz vergnügt und beglückwünschten uns nun erst zu unserm unverhofften Glücke . Nun wurden wir auf die Bühne geführt , wo wir von zwei großen Meerkatzen lustig begrüßt und in aller Eile für unsere bevorstehende Aufgabe unterrichtet wurden . Wir begriffen dieselbe bald und leisteten eine gelungene Probe verschiedener Purzelbäume und Affensprünge , spielten auch zierlich mit einer Kugel , so daß wir bis zu unserm Auftreten entlassen wurden . Wir spazierten gravitätisch unter dem Gedränge herum , das sich auf dem schmalen Raume zwischen den vier wirklichen und den gemalten Wänden schob und mischte ; ich schaute unverwandt bald auf die Bühne , bald hinter die Kulissen und beobachtete mit hoher Freude , wie aus dem unkenntlichen , unterdrückt lärmenden und streitenden Chaos sich still und unmerklich geordnete Bilder und Handlungen ausschieden und auf dem freien , hellen Raume erschienen wie in einer jenseitigen Welt , um wieder ebenso unbegreiflich in das dunkle Gebiet zurückzutauchen . Die Schauspieler lachten , scherzten , koseten und zankten , hier und da ging einer plötzlich von seiner Gruppe weg und stand in einem Augenblicke einsam und feierlich mitten in dem Zauberbanne und machte ein so frommes Gesicht gegen die mir unsichtbare Zuschauerwelt hinaus , als ob er vor den versammelten Göttern stände . Ehe ich mich dessen versah , war er wieder mit einem Sprunge unter uns und setzte die unterbrochenen Schimpf- oder Schmeichelreden fort , indessen schon irgendein anderer sich ausgeschieden hatte , um es ebenso zu machen . Die Menschen führten ein doppeltes Leben , wovon das eine ein Traum sein mochte ; aber ich wurde nicht klug daraus , welches davon der Traum und welches für sie die Wirklichkeit war . Lust und Leid schienen mir in beiden Teilen gleich gemischt vorhanden zu sein ; doch im innern Raume der Bühne , wenn der Vorhang geöffnet war , schien Vernunft und Würde und ein heller Tag zu herrschen und somit das wirkliche Leben zu bilden , während , sobald der Vorhang sank , alles in trübe traumhafte Verwirrung zerfiel . Auch dünkte es mich , daß diejenigen , welche sich in diesem wüsten Traume am heftigsten und leidenschaftlichsten gebärdeten , dort in dem bessern Stück Leben