gefiel ihm wohl , und schon 1792 , bei Ausbruch der Rheinkampagne , war er unter den Fahnenunteroffizieren des Regiments . Bei Valmy erhielt er ein Ehrenzeichen , bei Kaiserslautern ein zweites . Das kam so . Die Compagnie von Thadden sah sich gezwungen , eine Hügelstellung zu räumen , auf der sie sich seit Beginn des Kampfes behauptet hatte ; feindliche Artillerie fuhr auf und beherrschte jetzt das abgeschrägte , wohl 1500 Schritt breite Terrain , auf dem die zurückgehende Compagnie , zum Teil in bloße Trupps aufgelöst , ihren Rückzug bewerkstelligte . In Mittelhöhe des Abhanges lag ein durch einen Schenkelschuß verwundeter Gefreiter und beschwor seine Kameraden , ihn nicht liegen zu lassen . Einige hielten inne ; aber das Kartätschenfeuer brach wieder den guten Willen ; auch den Tapfersten versagte der Mut . Da sprang Unteroffizier Kniehase vor , lief eine Strecke zurück , lud den Verwundeten auf die Schulter und trug ihn aus dem Feuer . Stabskapitän von Thadden , als die Compagnie sich wieder sammelte , trat an Kniehase heran und schüttelte ihm die Hand ; die Grenadiere aber brachen in Jubel aus und nahmen eine halbe Stunde später die verlorengegangene Höhenstellung wieder . Dieser Tag führte unseren Kniehase , wenn nicht gleich , so doch im regelrechten Lauf der Ereignisse , nach dem alten Wendendorfe , dessen Obrigkeit er jetzt bildete . Denn der Gefreite , den er so mutig aus dem feindlichen Feuer getragen hatte , war niemand anderes als unser Freund aus dem Hohen-Vietzer Kruge her : Peter Kümmeritz . Invalide geworden , erhielt er seinen Abschied ; zwei Jahre später aber kam der Frieden , und die ganze Rheinarmee kehrte in ihre Garnisonen zurück . Mit ihr das Regiment Möllendorf . Es war nach der Ernte , Anno 95 ; die Sommerfäden flogen schon durch die Luft , als an einem jener klaren Tage , wie sie der September bringt , an Miekleys Mühle vorbei , ein breitschultriger Mann in seines Königs Rock in die Hohen-Vietzer Dorfstraße einbog . Auf seiner Brust blitzten ein paar Medaillen , und wer sich auf Litzen und Rabatten verstand , der sah , daß es ein Chargierter vom Regiment Möllendorf war . Es war aber kein anderer als unser Unteroffizier Kniehase . Als er , gefolgt von der halben Dorfjugend , die scheubeflissen auf seine Fragen Antwort gab , in das Gehöft seines ehemaligen Gefreiten eintreten wollte , trat ihm an der Schwelle des Hauses nicht Peter Kümmeritz in Person , wohl aber Trude Kümmeritz , seine Schwester , entgegen . Nach allem , was folgte , muß angenommen werden , daß diese Stellvertretung den Wünschen unseres Kniehase nicht zuwiderlief , denn ehe er nach Wochenfrist den gastlichen Kümmeritzschen Hof verließ , um zu seinem Regiment zu retournieren , hatte er nicht nur mit Peter die Kriegskameradschaft erneuert , sondern auch mit Trude sich zu ehelicher Kameradschaft versprochen . Er ging überhaupt nur in seine Garnison zurück , um aus dem Urlaub einen Abschied zu machen , demnächst aber einen Neu-Barnimschen Hof zu kaufen und seine Trude aus dem Wendendorf in das Pfälzerdorf hinüberzuziehen . Es kam aber umgekehrt . Eine Hohen-Vietzer Stelle wurde unerwartet frei , die Truhen der Häuser Kümmeritz und Kniehase steuerten zusammen , und als im Sommer 96 der Raps blühte und sein Duft auf allen Feldern lag , da stieg ein Hochzeitszug den Kirchenhügel hinan , die Glocken läuteten , und die Musikanten bliesen , bis das Brautpaar über die Schwelle war . Kniehase trug seine Uniform , Trude die reiche wendische Tracht , und alt und jung waren einig , daß Hohen-Vietz ein solches Brautpaar seit Menschengedenken nicht gesehen habe . Seit Menschengedenken kein stattlicheres , aber auch kein glücklicheres Paar . Vor allen Dingen kein besseres . Neid und üble Nachrede schwiegen , und wenn anfangs dieser und jener klagte , » daß nun ein Pfälzer ins Dorf gekommen sei « , so verstummte diese Klage doch bald , als sie den Pfälzer kennenlernten . Wo es einen Rat galt , da war er da , und wo es eine Tat galt , da war er zweimal da . Er verstand sich aufs Schreiben und Eingabenmachen , aufs Rechnen und Registrieren , und als Anno 1800 der alte Schulze Wendelin Pyterke starb , der seit dem Siebenjährigen Krieg volle vierundzwanzig Jahre im Amte und nach der Kunersdorfer Schlacht , als die Russen kamen , die Rettung des Dorfes gewesen war , da wählten sie den Kniehase zu ihrem Schulzen , ohne sich ums Herkommen zu kümmern , das nur zwei oder drei unter ihnen gewahrt wissen wollten . Berndt von Vitzewitz aber sagte : » Meine Bauern waren immer gescheit , doch für so gescheit hab ich sie all mein Lebtag nicht gehalten . « Kniehase hatte keinen Feind ; selbst die Forstackersleute sprachen gut von ihm . Im Herrenhause hieß es : » Er ist ein tüchtiger Mann « , in der Mühle hieß es : » Er ist ein frommer Mann « , Peter Kümmeritz aber mit immer wachsendem Respekt sah zu seinem Schwager auf , als ob er den Tag von Kaiserslautern durch eigenes Eingreifen entschieden habe . Er schloß dann wohl ab : » Ich schulde ihm mein Leben , und meine Schwester schuldet ihm ihr Glück . « Die Kniehases waren ein glückliches Paar ; aber kein Glück ist vollkommen : sie blieben kinderlos . Da traf es sich , daß auch eine Tochter ins Haus kam , kein eigenes Kind und doch geliebt wie ein solches . Es war um Weihnachten 1804 , zwei Jahre früher , als die Frau von Vitzewitz starb , da kam ein » starker Mann « ins Dorf , einer von jenen fahrenden Künstlern , die zunächst in rotem Trikot mit fünf großen Kugeln spielen und hinterher ein Taubenpaar aus einem Schubfach auffliegen lassen , in das sie vorher eine Uhr oder ein Taschentuch gelegt haben . Der starke Mann schien bessere Tage gesehen zu haben ; seine ganze Haltung deutete darauf hin , daß er nicht immer in einem Planwagen von Dorf zu Dorf gefahren war . Er hielt jetzt vor dem Scharwenkaschen Kruge , führte das magere Pferd in den Stall , und am Abend war Vorstellung . Ein kleines Mädchen , das zehn Jahre sein mochte , wechselte mit ihm ab , sang Lieder und deklamierte ; zuletzt erschien sie in einem kurzen Gazekleid , das mit Sternchen von Goldpapier besetzt war , und führte den Shawltanz auf . Die Hohen-Vietzer Bauern , ganz besonders die alten , waren wie benommen und streichelten das Kind mit ihren großen Händen . Es sollte ihnen bald Gelegenheit werden , ihr gutes Herz noch weiter zu zeigen . Der » starke Mann « war längst kein starker Mann mehr ; er war siech und krank . Er legte sich , und es ging rasch bergab . Pastor Seidentopf saß an seinem Bett und sprach ihm Trost zu : der Sterbende aber , der wohl wußte , wie es mit ihm stand , schüttelte den Kopf , zog den Pastor näher an sich heran und sagte fest : » Ich bin froh , daß es zu Ende geht . « Dann wies er mit einer leisen Seitwärtsbewegung des Kopfes auf die Kleine , die am Fenster saß , preßte beide Hände aufs Herz und setzte mit halberstickter Stimme hinzu : » Wenn nur das Kind nicht wäre . « Dabei brach er , alle Kraft über sich verlierend , in ein krampfhaftes Schluchzen aus . Die Kleine , als sie das Weinen hörte , kam herzugesprungen und küßte in leidenschaftlicher Liebe die Hand des Sterbenden . Dieser streichelte ihr das Haar , sah sie an und lächelte . Es war , als ob er in eine lichte Zukunft geblickt hätte . So starb er . Auf dem Tische neben ihm stand die kleine Zauberkommode , aus der immer die Tauben aufflogen . Pastor Seidentopf war tief erschüttert . An die Hohen-Vietzer aber traten jetzt zwei Fragen heran , von denen es schwer zu sagen , welche die Gemüter mehr beschäftigte . Die erste Frage war : » Was machen wir mit dem Toten ? « Die alten Wendenbauern waren gutmütig , aber sie dachten doch ernst in solchen Sachen . Den starken Mann bloß einzuscharren erschien ihnen als untunliche Härte , ihn aber auf ihrem christlichen Kirchhofe zu begraben , als noch untunlichere Entweihung . War er überhaupt ein Christ ? Die Mehrzahl zweifelte . Da fand Pastor Seidentopf unter dem Kopfkissen des Toten eine Tasche mit allerhand Papieren , auch Tauf-und Trauschein . Die Briefe gaben weiteren Aufschluß . Es zeigte sich , daß er Schauspieler gewesen war , daß er eine Tochter aus gutem Hause wider den Willen der Eltern geheiratet hatte und daß die Frau schließlich hingestorben war in Gram und Elend , aber ohne Vorwurf und ohne Reue . Die letzten Briefe , viel durchlesene , waren aus einem schlesischen Klosterspitale datiert . Ein gescheitertes Leben sprach aus allen , aber kein unglückliches , denn was sie zusammengeführt , hatte Not und Tod überdauert . Pastor Seidentopf , als er die Briefe gelesen , trat wieder unter seine Bauern , die unten im Krug seiner harrten , und am dritten Tage hatte der starke Mann ein christliches Begräbnis , als ob er ein Kümmeritz oder ein Miekley gewesen wäre . Die Schulkinder sangen ihn hügelan , trotzdem ein großes Schneetreiben war , Frau von Vitzewitz , gütig wie immer , stand mit am Grabe und warf dem Toten die erste Handvoll Erde nach , Berndt von Vitzewitz aber ließ ihm ein Kreuz errichten , darauf folgender , vom alten Küster Jeserich Kubalke gedichteter Spruch zu lesen war : Ein Stärkrer zwang den starken Mann , Nimm ihn Gott in Gnaden an . So erledigte sich die erste Frage . - Die zweite Frage war : » Was machen wir mit dem Kinde ? « Pastor Seidentopf erwog die Frage hin und her ; hundert Pläne gingen ihm durch den Kopf , aber keiner wollte passen . Die Bauern waren scheu und schwierig . Da trat Schulze Kniehase dazwischen , und das weinende Kind vom Krug aus in sein Haus hinüberführend , sagte er : » Mutter , die schickt uns Gott . « Und am anderen Tage , weil es dicht vor dem Christfest war , begann er ihr einen Baum zu putzen und nannte sie seine Weihnachtspuppe und sein Zauberkind . Die Bauern sahen anfangs ängstlich zu ; » sie wird ihm wegfliegen « , meinten die einen , » und das wäre noch das beste « , versicherten die anderen . Aber sie flog nicht fort , und Pastor Seidentopf sagte : » Sie wird ihm Segen bringen , wie die Schwalben am Sims . « Zehntes Kapitel Marie » Sie wird dem Hause Segen bringen , wie die Schwalben am Sims « , so hatte Prediger Seidentopf gesprochen , und seine Worte sollten in Erfüllung gehen . Das Kopfschütteln der Bauern nahm bald ein Ende . Es geschah das , was unter ähnlichen Verhältnissen immer geschieht : dunkle Geburt , seltsame Lebenswege , wie sie den Argwohn wecken , wecken auch das Mitgefühl , und ein schöner Trieb kommt über die Menschen , ein unverschuldetes Schicksal auszugleichen . Der Zauber des Geheimnisvollen unterstützt die wachgewordene Teilnahme . Das erfuhr auch Marie . Ehe noch der erste Winter um war , war sie der Liebling des Dorfes ; keiner spöttelte mehr über das Gazekleid mit den Goldpapiersternchen , in dem sie zuerst vor ihnen aufgetreten war . Vielmehr erschien ihnen jetzt dieser bloße Hauch einer Kleidung als ihr natürliches Kostüm , und wenn Schulze Kniehase , der das Kind von Anfang an über die Maßen liebte , drüben im Kruge saß und halb ernsthaft , halb scherzhaft versicherte , » sie sei ein Feenkind « , so widerredete niemand , weil er nur aussprach , was alle längst schon an sich selbst erfahren hatten . Daß sie fortfliegen würde , daran glaubte freilich niemand mehr , mit alleiniger Ausnahme der Mädchen in den Spinnstuben , die voll Spuk- und Gespensterbedürfnis immer Neues und Wunderbares von ihr zu erzählen wußten . Und nicht alles war Erfindung . So hatte sie wirklich eine unbezwingbare Vorliebe für den Schnee . Wenn die Flocken still vom Himmel fielen oder tanzten und stöberten , als würden Betten ausgeschüttet , dann entfernte sie sich aus dem Vorderhause , kletterte die lange Schrägleiter hinauf , die bis auf den First des Scheunendaches führte , und stand dort oben schneeumwirbelt . Die Mädchen versicherten auch , sie hätten sie singen hören . Es bedarf keiner Ausführung , welche phantastisch weitgehenden Schlüsse daraus gezogen wurden . So war es im Winter . Als der Sommer kam , der eine freiere Bewegung gönnte , gewann sie vollends alle Herzen . Sie besuchte nicht nur die einzelnen Bauerhöfe , sondern auch die ausgebauten Lose , die weiter ins Bruch hinein lagen , spielte mit den Kindern und erzählte Geschichten . Das Fremde und Geheimnisvolle , das sie von Anfang an gehabt hatte , blieb ihr , aber niemand wunderte sich mehr darüber . Auch die Dorfmädchen nicht . Einmal verirrte sie sich ; im Kniehaseschen Hause war große Aufregung ; alles lief und suchte bis an die Oder hin . Endlich fand man sie , keine tausend Schritt vom Dorfe . Sie lag schlafend im Korn , ein paar Mohnblumen in der Hand ; ein kleiner Vogel saß ihr zu Füßen . Niemand kannte den Vogel , als er aufflog und aller Augen ihn verfolgten . » Der hat sie beschützt ! « sagten die Hohen-Vietzer . In der Regel spielte sie auf dem Abhange zwischen der Kirche und dem Dorfe , am liebsten auf dem Kirchhofe selbst . Sie las die Inschriften , umarmte den Rasen von ihres Vaters Grabe , kletterte auf die hohe Feldsteinmauer und sah auf die Segel der Oderkähne nieder , die , angeglüht von der sich neigenden Sonne , unten auf dem Strome vorüberzogen . Kam dann des alten Küsters Kubalke Magd , um zu Abend zu läuten , so folgte sie dieser , zog ein paarmal mit an dem Glockenstrang und huschte dann in die schon halbdunkle Kirche hinein . Hier setzte sie sich mit halbem Körper auf das äußerste Ende der Frontbank , auf der am Tage nach der Kunersdorfer Schlacht der Major vom Regiment Itzenplitz verblutet war , blickte seitwärts scheu nach dem dunkeln Fleck , den alles Putzen nicht hatte wegschaffen können , und sah dann , um das selbstgewollte Grauen wieder von sich zu bannen , nach dem großen Vitzewitzschen Marmorbilde hinüber , das die Inschrift trug : » So du bei mir bist , wer will wider mich sein « . So blieb sie , bis der Glockenton verklang . Dann trat sie wieder auf den Kirchhof hinaus , sah der Magd nach , die den Schlängelpfad ins Dorf herniederstieg , und umkreiste bang , aber immer enger und enger die alte Buche , deren zweigeteilter Stamm , der Sage nach , an den Bruderzwist der Vitzewitze gemahnte . Fiel dann ein Blatt oder flog ein Vogel auf , so fuhr sie zusammen . Es waren schöne Tage , dieser erste Sommer in Hohen-Vietz ; aber diese schönen Tage konnten nicht dauern . Die Schulzenleute , Mann wie Frau , hatten längst ihre Sorge darüber . All dies Umherstreifen währte schon zu lange ; Arbeit , Ordnung , Schule mußten an seine Stelle treten . Aber wie ? Beide Kniehases waren weitab davon , ein Prinzeßchen aus ihrem Pflegekind machen zu wollen , aber ebenso bestimmt fühlten sie auch , daß die Dorfschule kein Platz für sie sei . Sie paßte nicht unter die Holzpantoffelkinder , ganz abgesehen davon , daß sie , ohne je eine Schulstunde gehabt zu haben , um ein beträchtliches besser lesen konnte als der alte Jeserich Kubalke , zumal wenn er seine Hornbrille vergessen hatte . In dieser Not half die gute Frau von Vitzewitz . Sie hatte längst daran gedacht , das sonderbare Kind , von dessen phantastischem Wesen sie so manches gehört hatte , als Spiel- und Schulgenossin Renatens in ihr Haus zu ziehen , allerhand Erwägungen aber , die dagegen sprachen , hatten es damals nicht dazu kommen lassen . Der Kniehasesche Pflegling , so gewinnend er sein mochte , war doch immer eines Taschenspielers , im günstigsten Falle eines verarmten Schauspielers Kind , und sowenig sie persönlich einen Anstoß daran nahm , so glaubte sie dennoch in Erziehungsfragen weniger ihr eigenes , durchaus freies und vornehmes Empfinden als vielmehr allgemeine , aus Pflicht und Erfahrung hergeleitete Anschauungen zu Rate ziehen zu müssen . So zerschlug es sich denn wieder . Pastor Seidentopf hätte es freilich wohl schon damals in der Hand gehabt , einen andern Ausgang herbeizuführen ; er wollte jedoch , in einer so verantwortungsvollen Angelegenheit , nicht ungefragt eingreifen und zog es vor , sich die Dinge selber machen zu lassen . Und sie machten sich auch , und zwar in sehr eigentümlicher Weise . Am Rande des Vitzewitzschen Parks , schon in einiger Erhöhung , stand eine Florastatue und sah einen breiten Kiesweg hinunter auf die Gartenfront des Herrenhauses . Zu Füßen der Statue waren fünf dreieckige Blumenbeete angelegt , die in ihrer Gesamtheit einen einfassenden Halbkreis bildeten . An dieser Stelle hatte Marie , bei ihren täglichen Streifereien , häufig ein paar Blumen gepflückt , Balsaminen oder Reseda , und war dabei niemals einem Verbot begegnet . Im Gegenteil . Der Gärtner , des zierlichen und fremdartigen Kindes sich freuend , hatte ihr zugenickt und einmal sogar ihr ein paar Fuchsia-Knospen über das linke Ohr gehängt . Nun war es September geworden ; die roten Verbenen blühten , und dazwischen , aus eingegrabenen Töpfen , wuchsen ein paar unscheinbare Blumen auf , die dem spielenden Kinde als dunkle Vergißmeinnicht erschienen . Sie pflückte sie ab . Es war aber Heliotrop , damals noch etwas Seltenes , und Frau von Vitzewitz wollte wissen , wer ihr das angetan und sie um den Anblick ihrer Lieblingsblume gebracht habe . Als Marie davon hörte , faßte sie rasch einen Entschluß . Sie setzte sich auf eine Bank , in unmittelbarer Nähe der Statue , und als Frau von Vitzewitz auf ihrem Spaziergang den breiten Kiesweg hinaufschritt , sprang sie auf , eilte der Herankommenden entgegen , küßte ihr die Hand und sagte : » Ich habe es getan . « Sie war dabei hochrot und zitterte , aber sie weinte nicht . Von diesem Augenblick an war die Freundschaft geschlossen . Frau von Vitzewitz streichelte ihr das Haar und sah sie fest und freundlich an ; dann führte sie sie zu der Bank zurück , von der sie aufgestanden war , stellte Fragen und ließ sich erzählen . Alles bestätigte ihr den ersten Eindruck . So trennten sie sich . Noch am selben Nachmittage aber sagte Frau von Vitzewitz zu Seidentopf : » Das ist ein seltenes Kind « , und ehe acht Tage um waren , war sie die Spiel- und Schulgenossin Renatens . Sie war anfangs zurück ; alles , was sie konnte , war eben Lesen und Deklamieren . Aber ihre schnelle Fassungsgabe , durch Gedächtnis und glühenden Eifer unterstützt , gestattete ihr , das Versäumte wie im Fluge nachzuholen , und ehe noch ein halbes Jahr um war , war sie in den meisten Disziplinen Renaten gleich . Und wie sie den von Frau von Vitzewitz an ihre Fähigkeiten geknüpften Erwartungen entsprach , so auch denen , die sich auf ihren Charakter bezogen . Sie war ohne Laune und Eigensinn ; etwas Heftiges , das sie hatte , wich jedem freundlichen Wort . Die beiden Mädchen liebten sich wie Schwestern . Nichts war mißglückt , über Erwarten hinaus hatten sich die Wünsche der Frau von Vitzewitz erfüllt , dennoch stellten sich immer wieder Bedenken bei ihr ein , die freilich jetzt nicht mehr das Glück Renatens , sondern umgekehrt das Glück Mariens betrafen . Es galt , nicht nur den Augenblick , sondern auch die Zukunft befragen . Wie sollte sich diese gestalten ? War es recht , dem Schulzenkinde die Erziehung eines adeligen Hauses zu geben ? Wurde Marie nicht in einen Widerspruch gestellt , an dem ihr Leben scheitern konnte ? Sie teilte diese Bedenken ihrem Gatten mit , der , von Anfang an dieselben Skrupel hegend , sofort entschlossen war , mit Schulze Kniehase , zu dessen Verständigkeit er ein hohes Vertrauen hatte , die Sache durchzusprechen . Berndt ging in den Schulzenhof , traf Kniehase mitten in Rechnungsabschlüssen , die das nach Küstrin hin gelieferte Stroh- und Haferquantum betrafen , rückte mit ihm in die Fensternische und stellte ihm alles vor , wie er es mit der Frau von Vitzewitz besprochen hatte . Schulze Kniehase hörte aufmerksam zu , dann sagte er , als sein Gutsherr schwieg : er habe sich ' s , als von der Sache zuerst gesprochen wurde , auch überlegt , ob er dem Kinde nicht die Ruhe nehme , die doch mehr sei als alles Lernen und Wissen . All sein Überlegen aber habe doch immer wieder dahin geführt , daß es das Beste sein würde , die gnädige Frau , die es so gut meine , ruhig gewähren zu lassen . So sei es ein halbes Jahr gegangen . Es jetzt nun nach der entgegengesetzten Seite hin zu ändern , sei nur ratsam , wenn es der ausgesprochene Wille der gnädigen Frau sei . Sein eigener Wunsch und Wille sei es schon seit Monaten nicht mehr ; die Bedenken , die er anfangs gehabt , seien mehr und mehr von ihm abgefallen . Er wisse auch wohl warum . Das Kind , das ihm die Hand Gottes fast auf die Schwelle seines Hauses gelegt habe , sei kein bäuerlich Kind ; es sei nicht bäuerlich von Geburt und nicht bäuerlich von Erscheinung . Er säße so mitunter in der Dämmerstunde und mache sich Bilder , wie auch wohl andere Leute täten , aber wie vielerlei auch an ihm vorüberzöge , nie sähe er seine Marie mit geschürztem Rock und zwei Milcheimern , unter dem Zurufe lachender Knechte , über den Hof gehen . Er liebe das Kind , als ob es sein eigen wäre ; aber er betrachte es doch als ein fremdes , das eines Tages ihm wieder abgefordert werden würde . Nicht von den Menschen , wohl aber von der Natur . Es wird so sein wie mit den Enten im Hühnerhof , die eines Tages fortschwimmen , während die Henne am Ufer steht . Als Kniehase so gesprochen , hatte ihm Berndt von Vitzewitz die Hand gereicht , und im Herrenhause schwiegen von jenem Tage an alle Bedenken . Auch der Tod der Frau von Vitzewitz , schmerzlich wie er von Marie empfunden wurde , änderte nichts in ihrem Verhältnis zu den Zurückgebliebenen . Tante Schorlemmer kam ins Haus , und frei von jener Liebedienerei , die sich in Bevorzugung Renatens hätte gefallen können , betrachtete sie vielmehr beide Mädchen wie Geschwister und umfaßte sie mit gleicher Herzlichkeit . Nach der Einsegnung hörten die Unterrichtsstunden auf , aber die beiden Mädchen waren zu innig aneinander gekettet , als daß der Wegfall dieses äußerlichen Bandes das geringste an ihrer Verkehrs- und Lebensweise hätte ändern können . Der Geburts- und Standesunterschied wurde von Renate nicht geltend gemacht , von Marie nicht empfunden . Sie sah in die Welt wie in einen Traum und schritt selber traumhaft darin umher . Ohne sich Rechenschaft davon zu geben , stellten sich ihr die hohen und niederen Gesellschaftsgrade als bloße Rollen dar , die wohl dem Namen nach verschieden , ihrem Wesen nach aber gleichwertig waren . Es war im Zusammenhange damit , daß unter allen Bildern , die sich im Vitzewitzeschen Hause befanden , eine Nachbildung des » Lübecker Totentanzes « , bei allem Erschütternden , doch zugleich den erhebendsten Eindruck auf sie gemacht hatte . Die Predigt von einer letzten Gleichheit aller irdischen Dinge sprach das aus , was dunkel in ihr selber lebte . Dabei war sie ohne Anspruch und ohne Begehr . Alles Schöne zog sie an ; aber es drängte sie nur , daran teilzunehmen , nicht , es zu besitzen . Es war ihr wie der Sternenhimmel ; sie freute sich seines Glanzes , aber sie streckte nicht die Hände danach aus . Diese Unbegehrlichkeit hatte sich auch an ihrem sechzehnten Geburtstage gezeigt . Bei dieser Gelegenheit erhielt sie als großes Geschenk des Tages ihr eigenes Zimmer . Beide Kniehases führten sie , mit einer gewissen Feierlichkeit , in die nördliche Giebelstube , die geradeaus den Blick auf den Park , nach rechts hin auf die Kirche hatte , und sagten : » Marie , das ist nun dein ; schalte und walte hier ; erfülle dir jeden kleinen Wunsch ; uns soll es eine Freude sein . « Marie , im ersten Sturm des Glückes , hatte ein Hin-und Herschieben mit Schrank und Nähtisch , mit Bücherbord und Kleidertruhe begonnen , aber dabei war es geblieben . Es kam ihr nicht in den Sinn , ihrem alten , ihr liebgewordenen Besitz etwas Neues hinzuzufügen . Was sie hatte , freute sie , was sie nicht hatte , entbehrte sie nicht . » Sie hat Mut , und sie ist demütig « , hatte nach jener ersten Begegnung im Park Frau von Vitzewitz zu Pastor Seidentopf gesagt . Sie hätte hinzusetzen dürfen : » Vor allem ist sie wahr . « Jenes Wunder , das Gott oft in seiner Gnade tut , es hatte sich auch hier vollzogen : innerhalb einer Welt des Scheins war ein Menschenherz erblüht , über das die Lüge nie Macht gewonnen hatte . Noch weniger das Unlautere . Tante Schorlemmer sagte : » Unsere Marie sieht nur , was ihr frommt , für das , was schädigt , ist sie blind . « Und so war es . Phantasie und Leidenschaft , weil sie sie ganz erfüllten , schützten sie auch . Weil sie stark fühlte , fühlte sie rein . Im Hohen-Vietzer Herrenhause - es war im Winter vor Beginn unserer Erzählung - sang Renate ein Lied , dessen Refrain lautete : Sie ist am Wege geboren , Am Weg , wo die Rosen blühn ... Sie begleitete den Text am Klavier . » Weißt du , an wen ich denken muß , sooft ich diese Strophen singe « , fragte Renate den hinter ihrem Stuhl stehenden Lewin . » Ja « , antwortete dieser , » du gibst keine schweren Rätsel auf . « » Nun ? « » An Marie . « Renate nickte und schloß das Klavier . Elftes Kapitel Prediger Seidentopf In der Mitte des Dorfes , neben dem Schulzenhof , lag die Pfarre , ein über hundert Jahre altes , etwas zurückgebautes Giebelhaus , das an Stattlichkeit weit hinter den meisten Bauerhöfen zurückblieb . Es war das einzige größere Haus im Dorfe , das noch ein Strohdach hatte . Zu verschiedenen Malen war davon die Rede gewesen , dieses der Dorfgemeinde sowohl um ihres Pastors wie um ihrer selbst willen despektierlich erscheinende Strohdach durch ein Ziegeldach zu ersetzen : unser Freund Seidentopf aber , der in diesem Punkte wenigstens ein gewisses Stilgefühl hatte , hatte beständig gegen solche Modernisierung protestiert . » Es sei gut so , wie es sei . « Und darin hatte er vollkommen recht . Es war eben ein Dorfidyll , das durch jede Änderung nur verlieren konnte . Der Giebel des Hauses stand nach vorn ; dicht unter dem Strohdach hin lief eine Reihe kleiner , überaus freundlich blickender Fenster , während die Fachwerkwände bis hoch hinauf mit Brettern bekleidet und den ganzen Sommer über mit Wein , Pfeifenkraut und Spalierobst überdeckt waren . Neben der Haustüre stand ein Rosenbaum , der , bis an den First hinaufwachsend , im ganzen Oderbruche berühmt war wegen seines Alters und seiner Schönheit . Auch das winterliche Bild , das die Pfarre bot , war nicht ohne Reiz . Eine mächtige Schneehaube saß auf seinem Dache , während die niedergelegten , mit Stroh umwundenen Weinranken , dazu die Matten , die sich schützend über dem Spalierobst ausbreiteten , dem Ganzen ein sorgliches und in seiner Sorglichkeit wohnlich anheimelndes Ansehen gaben . Dem entsprach auch das Innere . Die Haustür , wie oft in den märkischen Pfarrhäusern , hatte eine Klingel , keine von den großen , lärmenden , die den Bewohnern zurufen : » Rettet euch , es kommt wer « , sondern eine von den kleinen , stillgestimmten , die dem Eintretenden zu sagen scheinen : » Bitte schön , ich habe Sie schon gemeldet . « Der Tür gegenüber , an der entgegengesetzten Seite des langen , fast durch das ganze Haus hinlaufenden Flurs , befand sich die Küche , deren aufstehende Türe immer einen Blick auf blanke Kessel und flackerndes Herdfeuer gönnte . Die Zimmer lagen nach rechts hin . An der linken Flurwand , die zugleich die Wetterwand des Hauses war , standen allerhand Schränke , breite und schmale , alte und neue , deren Simse mit zerbrochenen Urnen garniert waren ; dazwischen in den zahlreichen Ecken hatten ausgegrabene Pfähle von versteinertem Holz , Walfischrippen und halbverwitterte Grabsteine ihren Platz gefunden , während an den Querbalken des Flurs verschiedene ausgestopfte Tiere hingen , darunter ein junger Alligator mit bemerkenswertem Gebiß , der , sooft der Wind auf die Haustür stand , immer unheimlich zu schaukeln begann , als flöge er durch die Luft . Alles in allem eine Ausstaffierung , die keinen Zweifel darüber lassen konnte , daß das Hohen-Vietzer Predigerhaus zugleich auch das Haus eines leidenschaftlichen Sammlers sei . Machte schon der Flur diesen Eindruck , so steigerte sich derselbe beim Eintritt in das nächstgelegene Zimmer , das einem Antikencabinet ungleich ähnlicher sah als einer christlichen Predigerstube . Zwar war der Bewohner desselben ersichtlich bemüht gewesen