, und Robert gewann Zeit , ein wenig Umschau zu halten . Wie war das alles so ganz anders als in der Heimat ! Pfützen von Bier , Branntwein und allen möglichen sonstigen Getränken bedeckten Schenktisch und Fußboden , die Decke war fast verräuchert , und Vorhänge fehlten ganz . Zu diesen unangenehmen Eigenschaften kam noch der Geruch von Speisen und Getränken , der Dunst der nassen , vom Regen durchweichten Jacken und der Qualm zahlloser Zigarren , kurz , es war eine höchst ungemütliche , für den Neuling geradezu abstoßende Atmosphäre . Robert wandte sich an Georg . » Du , laß uns schlafen ! « flüsterte er . » Es gefällt mir hier sehr schlecht . « Der Seiler zuckte die Achseln . » Daran mußt du dich von jetzt an gewöhnen « , sagte er . » Aber die Matrosen sind doch nicht immer betrunken , Georg ? Sieh dir den Spanier an , wie er die Augen rollt und die Fäuste ballt . « Georg lachte . » Laß ihn doch , Junge . Das gibt gleich eine regelrechte Keilerei - aha , da geht es schon los . « Und wirklich funkelte Gallegos Messer über den Köpfen der anderen . Wenigstens ein Dutzend Matrosen waren von ihren Stühlen aufgesprungen , die Jacke des Malaien flog unter den Tisch , und seine muskulösen Arme streckten sich . Er knirschte eine Herausforderung , deren Wortlaut niemand verstand , die aber ihrem Sinn nach nicht zweifelhaft war . Ein stummes , wütendes Ringen begann . Der Spanier war zu betrunken , um das kurze Dolchmesser gebrauchen zu können ; es schwebte , von der Faust des Malaien gehalten , fast immer in der Luft , während Gallego , blutüberströmt , sich unter den Stößen und Schlägen des anderen auf dem Fußboden wälzte . Seine Augen , haßerfüllt , wie im Wahnwitz glänzend , hingen an jeder Bewegung des überlegenen Gegners . Nur eine Sekunde , eine einzige unachtsame Wendung , und der Dolch würde seinen Weg in das Herz des Malaien nicht verfehlen , davon waren alle überzeugt . Sie standen in lautlosem Schweigen um das kämpfende Paar . Niemand rührte eine Hand , um sie zu trennen . Da ertönte durch die Stille ein lautes Klopfen . » Hallo ! « rief es von draußen , » aufmachen ! « » Die Polizei ! « raunte Peter Volland mit kreidebleichen Lippen . » Schnell , Gallego - und auch ihr beide , schnell ! « Die letzte Aufforderung galt Robert und Georg . Der Wirt sah zu dem Seiler hinüber , und der zog im Fluge den Jungen durch eine Hintertür des Schankzimmers in einen dunklen Raum hinein . » Es ist zu deiner Sicherheit « , flüsterte er . » Sei ganz still ! « Robert gehorchte , obgleich ihn der wilde Auftritt heftig erschreckt hatte . Er sah noch das Dolchmesser des Spaniers sich erheben und hörte dann ein dumpfes Röcheln . Ehe er sich über irgendeine Einzelheit deutliche Rechenschaft geben konnte , schleppten zehn kräftige Arme den widerstandslosen Gallego in die dunkle Küche hinein , die Tür wurde verschlossen und dann dem immer lauter werdenden Klopfen Folge geleistet . Robert und Georg beobachteten durch die Spalten eines verschobenen Vorhanges alles , was sich in der Schenke abspielte . Neben ihnen , auf dem Fußboden , lag der Spanier , schwer atmend und leise murmelnd , aber regungslos . Robert sah alles nur mit halbem Bewußtsein , wie man die Gestalten eines Traumes an sich vorüberziehen sieht . In seinem Blut schwimmend lag vorn der Malaie , bei dem zwei Polizisten standen und der trotz des langen und tiefen Stiches durch den Oberarm fortwährend Flüche hervorsprudelte . Peter Volland erklärte , daß er von dem ganzen Streit nichts wisse , sondern im Keller beschäftigt gewesen sei und das Klopfen erst nach der Tat gehört habe . Die beiden Polizisten schienen zu wissen , daß keiner dieser Matrosen die Kameraden verraten werde ; sie begnügten sich damit , den Verwundeten in ihre Mitte zu nehmen und ihn zur nächsten Wache zu bringen , freilich nicht ohne vorher die Namen der Anwesenden notiert zu haben . Als sich die Tür hinter ihnen und dem knirschenden Malaien schloß , atmete Peter Volland erleichtert auf . Er ging zu dem Spanier , mit dem er lange und eindringlich flüsterte . Die Folge war , daß sich der Messerheld aus einer Hintertür hinausführen ließ , nachdem ihm vorher Hände und Kleider gereinigt worden waren und er auch seine Waffe wieder eingesteckt hatte . Der Wirt klopfte zurückkehrend auf Roberts Schulter . » Hast dich erschrocken , Kleiner ? « fragte er . » Das kommt manchmal vor , man kann beim besten Willen die Hitzköpfe nicht zur Ruhe bringen , ehe Blut geflossen ist . Na , dort stehen eure Betten - geht schlafen , Kinder . « Die Schenkstube war schon während dieser Unterhaltung leer geworden , jetzt wurde das Licht ausgedreht und alles war dunkel . Robert klammerte sich an den Arm des Seilers . » Verlaß mich nicht ! « bat er . » Dummes Zeug « , erwiderte Georg . » Du wirst bald selbst in die Lage kommen , dich einmal gehörig schlagen zu müssen ! Aber sei jetzt ruhig und laß uns ausschlafen . Wir haben morgen noch viel zu laufen . « Robert schwieg . Es schien ihm , als sei Georg ein anderer geworden . Unfreundlich und kurz angebunden , ließ er nur wenig mit sich sprechen . - Der Junge suchte schweigend das Bett und schlief trotz der ungeheuren Aufregung bald ein . Während der vorherigen Nacht hatte er ja kein Auge geschlossen , so daß er der Müdigkeit nicht widerstehen konnte . Es schlug acht Uhr , als er am folgenden Morgen erwachte . Nachdem er munter geworden war , ging sein erster Blick zu Georg hinüber , aber er traute kaum seinen Augen , kaum unterdrückte er einen lauten Schrei , - das Bett war unberührt , und von Georg keine Spur zu sehen . Einen Augenblick fühlte er eine plötzliche Lähmung . Was nun ? War es möglich , daß ihn der Seiler ohne Geld oder Schutz heimlich verlassen hatte ? - Er sprang auf und zog sich so schnell wie möglich an ; dann lief er in die Schenkstube , wo eine alte Frau den Fußboden scheuerte , während Peter Volland auf zwei Stühlen lag und die Zeitung las . » Guten Morgen « , stammelte Robert , noch ganz erschreckt . » Bitte , sagen Sie mir , wo Georg ist . « Der Wirt blickte auf . Ein halb spöttisches , halb gutmütiges Lächeln umspielte seine Lippen . » Georg ? « wiederholte er , » Georg ? - Ach , der Wolfram ! Nun , der wird eben ausgegangen sein , mein Kleiner , ich weiß es nicht . Margaret , gib dem Jungen ein Frühstück ! « wandte er sich an die schmutzige Frau . Robert hob angstvoll die Hand . » Aber ich habe kein Geld ! « rief er . » Georg hatte alles bei sich und - der ist fort . Er hat nicht hier geschlafen ? « Peter Volland zuckte die Achseln . » Meine Gäste sind keine Gefangenen « , antwortete er , » sie können kommen und gehen , wie es ihnen Spaß macht . Um das Geld kümmere dich nicht , Junge , sondern iß und trink . Wolfram wird schon zurückkommen . « Diese Zuversicht belebte seinen Mut . Er aß mit dem Appetit seiner sechzehn Jahre , was ihm die alte Margarete vorsetzte , Kaffee , Brot und Eier , nur als ihn Peter Volland fragte , ob er auch einen kleinen » Magenwärmer « wünsche , schüttelte er errötend den Kopf . Der Wirt lachte . » Sollst es schon kennenlernen « , sagte er . » Die Seeluft zehrt - sogar bis hier in die Elbe hinein . Margaret , gib die Geneverflasche . « Er nahm sie und trank ohne ein Glas in langen Zügen . » So « , sagte er , » das hält Leib und Seele zusammen . Und nun , mein Junge , wenn du satt bist - iß übrigens , solange du Hunger hast ! - dann wollen wir deine Ausrüstung besorgen . Die Antje Marie sticht um drei Uhr nachmittags in See , und daher müssen wir uns beeilen . « » Um drei ? « - Robert wurde blaß wie der Tod . » Ich bin verloren « , rief er , » ich - - « Der Wirt schien durchaus nicht erstaunt . » Nun ? « lächelte er , » nun ? Was haben wir denn , Kleiner ? - Immer ruhig Blut , das ist die Hauptsache . « » Oh « , schluchzte der Junge , » Sie wissen es doch , ich habe kein Geld ! Georg hat alles . « Der Wirt erhob sich schwerfällig aus seiner liegenden Stellung . » Dieser Wolfram « , sagte er in neckendem Ton , » dieser Teufelskerl . Ich will ihm den Kopf waschen , wenn er hier wieder vor Anker geht . Na , heule nur nicht , Kleiner . Ich habe noch so manches Stück Matrosengarderobe , das mir als Pfand zurückgelassen worden ist , dahinein wollen wir dich stecken . Komm einmal mit . « Er ging voran , und Robert folgte ihm in ein halbdunkles , auf einen engen , wüsten Hof hinausgehendes Zimmer , wo alle möglichen Gegenstände übereinander geschichtet und gestapelt herumlagen . Seemannsjacken , Mützen , Lackhüte , Stiefel , Seekisten , Tauwerk und Tabakrollen , alles türmte sich bunt und regellos bis zur Decke . Peter Volland stemmte beide Hände in die Seiten . » Nun such , Junge « , sagte er , » irgend etwas wird dir wohl passen , und wenn ' s ein bißchen zu groß ist , so mußt du eben hineinwachsen . Auch eine Kiste kannst du dir nehmen und Wollzeug , überhaupt was nötig ist , um erst einmal den Bauernjungen abzustreifen . Pack dir alles gleich zusammen , damit wir es in die Jolle schaffen , und dann komm wieder zu mir . Deinen schwarzen Anzug kannst du mir in Verwahrung geben . « Mit diesen Worten ging er , und Robert stand allein ziemlich ratlos vor all dem Gerümpel , das ihn umgab . Draußen auf dem Hof ein großer Haufe von Scherben , Bierfässern , Flaschen , alten Körben und Packkisten - hier drinnen das wenig einladende Durcheinander von Garderobestücken , in denen Motten und Schimmel hausten , das war seine augenblickliche Umgebung . Aber zögern durfte er nicht , das wußte er . Es war ihm , als werde er verfolgt und könne in jedem Augenblick entdeckt werden . Das passende Leinen- und Wollzeug war bald gefunden , ebenso ein Paar Stiefel , aber die Matrosenjacken waren alle viel zu groß . » Was hilft ' s « , dachte Robert und suchte sich die kleinste heraus , » ich muß hier ein Stück wegnehmen und die Ärmel kürzen . Dann geht es . « Er ließ sich heimlich von der mürrischen Margarete eine Nähnadel und etwas Zwirn geben , dann setzte er sich in der Nähe des Fensters auf eine umgekehrte Kiste und nähte drauf los . In der ersten Viertelstunde dachte er nur an die Freude , jetzt schon so bald am Ziel seiner Wünsche zu sein , dann aber kam langsam ein sonderbares Gefühl über ihn . War es nicht eigenartig - ja , mehr als eigenartig - daß er am Anfang der neuen Laufbahn gerade das tun mußte , was er so sehr haßte , nämlich schneidern ? Unwillkürlich ließ er die Hände sinken . Wenn in diesem Augenblick der alte Vater das Zimmer betreten hätte , er würde sich ihm , von innerem Drang getrieben , zu Füßen geworfen haben - - Aber es war nur Peter Vollands rotes Gesicht , das sich über ihn beugte . » Was Teufel , da sitzt ja der künftige Nelson und näht wie ein echter , gerechter Meister Fips ! « lachte er . » Junge , was ist das ? « Robert wandte sich verlegen ab . » Oh « , stammelte er , » die Jacke war ein bißchen groß - aber nun geht es schon . Man muß sich nur zu helfen wissen . « Der Wirt lachte noch immer . » Und alles schon gepackt « , sagte er , » das ist recht . Wenn du die Jacke fertig hast , wollen wir unsere Reise antreten . « Robert blickte auf . » Ist Georg gekommen ? « fragte er . » Hab ' ihn nicht gesehen ! Aber wir brauchen ihn auch nicht . Was willst du an Bord mit Geld ? Wenn dich Kapitän van Swieten leiden mag , hast du in Kuba Geld und Freiheit soviel du brauchst . Mußt ihm nur recht zur Hand gehen , das ist die Hauptsache . « Robert versprach , seine Pflichten so pünktlich wie möglich zu erfüllen , und dann fragte er , welche Ladung die » Antje Marie « nach der Havanna zu bringen habe ? Peter Volland lächelte schlau . » Welche Ladung ? « wiederholte er . » Hm , hm - Mehl und Pökelfleisch , auch eine Partie Bielefelder Leinen , mein Junge . Außerdem nimmt der Kapitän in dem spanischen Hafen Ferrol noch feine Weine hinzu . Die Antje Marie hat eine Menge von verschiebbaren Planken , einen Kohlenraum mit doppeltem Boden und Kajütenschränke , wo niemand welche vermutet . Darum braucht auch der alte van Swieten nur zuverlässige Leute , weißt du ! « Er blinzelte vertraulich zu Robert hinüber , der ihn aber durchaus nicht verstand , und beendete die Unterhaltung , indem er nochmals zur Eile antrieb . Wirklich hatte der Junge schon gegen zwei Uhr nachmittags seine Arbeit fertig , die Jacke saß wie angegossen . Der schwarze Anzug wanderte in den Kleiderschrank des Wirtes . Robert seufzte , als er sein Eigentum hingab . Was würden Vater und Mutter gesagt haben , wenn sie das gewußt hätten ? - Der alte Meister Kroll war nie im Leben jemand etwas schuldig gewesen , hatte nirgends ein Stück seines Besitzes aus Not verkauft - wie schrecklich würde es ihn getroffen haben , von dem einzigen Sohn dergleichen zu hören ! Aber das war wieder die Geschichte des Ferdinand Cortez , seines Lieblingshelden . Er hatte auch die Schiffe hinter sich verbrannt . - Die Seekiste wurde in die Jolle gesetzt , Peter Volland ließ sich schwerfällig auf eines der Mittelbretter gleiten , und Robert sprang nach . » Zur Antje Marie ! « sagte der Wirt , und dann fuhr Robert wieder denselben Weg , den er am Tage seines ersten Besuches schon einmal gefahren war - nur nicht so leicht war heute sein Herz wie damals . Es klopfte schneller und schneller , je näher man an die holländische Galliot herankam . » Dort liegt das Schiff « , sagte endlich der Wirt , » und ein Schlepper ist schon da . Man scheint nur auf uns gewartet zu haben . « Die Jolle glitt unter dem Bug der Galliot dahin , von Bord streckte sich ein grauer Kopf den Ankommenden entgegen . » Endlich ! « sagte in breitem Deutsch eine Männerstimme . » Noch zehn Minuten , Volland , und ich hätte das Fallreep einziehen lassen . « Er winkte einem Matrosen , der die Seekiste an Bord befördern half , die Jolle wurde befestigt und beide stiegen an Deck . » Guten Tag , van Swieten « , sagte der Wirt , » da bringe ich den neuen Jungen . Gefällt er ihnen ? « Der Holländer musterte mit langem Blick die hübsche Erscheinung des Jungen . » Bist ein Hamburger Kind , mein Junge ? « fragte er . » Nein , Herr Kapitän « , antwortete Robert , » ich bin vom Lande , aber - « Der Holländer hob die Hand . » Weiß schon « , schmunzelte er , » weiß schon . Ich frage nach nichts , was mich und mein Schiff nichts angeht . Kann keinen feinen Herrn an Bord gebrauchen , und auch keinen Duckmäuser und Haarspalter , der erst allen Dingen auf den Grund sehen will . Meine Männer müssen fixe Seeleute sein und aufs Wort gehorchen , willst du das ? « » Ja , Herr Kapitän . « » Den Herrn kannst du weglassen . Aber ich denke wohl , daß ich dich nehme , obgleich die Binnenländer auf See verflucht selten ihren Mann stehen , besonders die Preußen . Hoffentlich bist du keiner ? « » Doch , Herr Kapitän , ich bin aus Holstein . « » Dann taugst du nichts . Die Preußen taugen alle nichts . « Robert sah empor . » Oh , das ist zuviel gesagt « , rief er mutig . » Auch König Wilhelm ist ein Preuße , und doch der beste Mann auf der Welt . « Jetzt lachte der Holländer . » Art steckt drin , Volland « , schmunzelte er . » Ich behalte den jungen Schlingel , und damit basta . « Der Wirt schüttelte die Hand seines Freundes , als habe er damit für Robert den Pakt endgültig abgeschlossen . » Jetzt bist du Kajütenjunge auf der Antje Marie , wandte er sich an den Jungen , und ich hoffe , daß du meiner Empfehlung Ehre machen wirst . Wenn du wieder nach Hamburg kommst , besuchst du mich . « Er verabschiedete sich dann von dem Holländer und wollte das Schiff verlassen , da zog ihn Robert am Arm . » Bekomme ich nicht ein Anmusterungsbuch ? « fragte er , » und muß nicht mein Name - « Peter Volland blinzelte ihm zu . » Hast du Papiere , junger Schlingel ? « brummte er . » Soll dich die Polizei in Glückstadt abfangen und wieder nach Pinneberg zurückbringen , he ? « Robert erbleichte . Er selbst hatte sich rechtlos gemacht . » Anker lichten ! « kommandierte Kapitän van Swieten , und gleichzeitig ertönte auf dem Schleppdampfer ein gellender Pfiff . Der Wirt grüßte noch von der Jolle herauf , das Fallreep wurde eingeholt , die Ankerketten rasselten , und das Schiff begann sich leise zu bewegen - - - Zur selben Stunde saß in Pinneberg der alte Schneider im Lehnstuhl und starrte wie geistesabwesend vor sich hin . Er hörte nicht , daß ihn die schluchzende Frau zu trösten suchte . Sein Gesicht , seine Hände waren eiskalt . » Vater « , bat sie ihn plötzlich , » Vater , sprich ein gutes Wort . Unser Sohn - « Da sah er sie an . » Wir haben keinen Sohn , Mutter « , kam es tonlos über seine Lippen . » Ein Dieb kann nie mein Sohn sein . Schau her ! - « Er öffnete den Kasten und ließ die entsetzte Frau hineinblicken . » Es ist alles fort « , sagte er dumpf , » unser Geld , meine Uhr , deine paar Schmucksachen , Mutter , deine Brautgeschenke , du unglückliche Frau , und unser Kind , unser eigenes - hat es gestohlen ! « Laut aufschluchzend verbarg der alte Mann das Gesicht in beiden Händen . An Bord der » Antje Marie « Die Matrosen liefen an Deck hin und her , der Schlepper arbeitete mit voller Maschinenkraft , und die Galliot folgte gehorsam in seinem Kielwasser . An Bord kommandierte der Lotse , denn obwohl das Schiff schon mehrere Tage vorher vollständig seeklar gemacht worden war , unterzog man doch alles einer nochmaligen genauen Prüfung . Verschiedene Wanten wurden nachgesetzt , die Befestigung des großen Bootes , das immer mitten auf Deck vor dem Großmast steht , untersucht und die Segel auf den Rahen soweit gelöst , daß sie auf Kommando sofort gesetzt werden konnten . Robert stand in der Nähe des Matrosenlogis und sah hinter sich den Hafen von Hamburg allmählich verschwinden ; dann folgte St. Pauli mit dem Hafenkrankenhaus auf der höchsten Höhe und endlich Altona . Und nun passierte die Galliot das reizende Neumühlen ; hier hatte im Oktober der » Blitz « gelegen , hier hatte damals die Sonne ein so bezaubernd schönes Landschaftsbild beschienen , doch heute kräuselte ein frischer Ostwind die Wellen am Bug zu weißem Schaum , heute pfiff es schneidend kalt durch das Takelwerk , und an Land huschten in den Gärten die welken Blätter wie Gespenster wirbelnd durcheinander . Starr heftete der Junge die Augen auf das Ufer . Teufelsbrücke , Blankenese , der Leuchtturm - alles glitt schneller und schneller vorüber . Immer breiter wurde die Elbe , schon ließ sich eine leichte Dünung spüren , und Robert stand noch ganz in Gedanken versunken , da legte sich eine Hand auf seine Schulter . » Nun , mein Junge , was treibst du hier ? « fragte eine Männerstimme . Robert fuhr auf . Der das sagte , war ein älterer Mann von mindestens fünfzig Jahren , mit schwermütigem , kränklichem Gesicht und großen , tiefliegenden Augen , die jedoch freundlich auf den Jungen herabsahen . » Möchtest du lieber wieder zurück nach Hause ? - Bei Glückstadt ist das noch möglich . « » Mohr ! « rief in diesem Augenblick die Stimme des Kapitäns von der Kajütentür herüber , » Mohr - mach keine Dummheiten , hörst du . « Der Alte wandte sich ab . » Der Montag « , flüsterte er mit einem unterdrückten Seufzer , » der Montag . Es wäre so schade um dich ! « Robert hatte inzwischen Zeit gefunden , die Frage ganz zu verstehen . » Ich fühle durchaus keine Reue « , antwortete er lebhaft , » und ich will Seemann werden um jeden Preis . - Aber was ist denn mit dem Montag ? « fügte er neugierig hinzu . Der Seemann schüttelte leicht den grauen Kopf . » Er bringt kein Glück « , antwortete er , » man soll nichts am Montag beginnen . « Kapitän van Swieten kam breitspurig über das Deck . » Junge « , sagte er , » geh in die Kajüte und wasch das Kaffeegeschirr , hörst du . Nachher soll dir der Steuermann deine Pflichten genau aufzählen , damit du sie ein für allemal kennenlernst . « Die Worte wurden sehr freundlich , aber so bestimmt gesprochen , daß Robert die Absicht des Kapitäns , ihn von dem alten Matrosen zu trennen , klar durchschaute . Aber warum das ? Der Mann mit den weißen Haaren und den ernsten Augen hatte ihm doch sehr gefallen . Er ging in die Kajüte und begann das Kaffeegeschirr zu spülen . Während dieser Beschäftigung erschien der Steuermann , dessen mürrisches Gesicht ihm von vornherein Furcht einflößte , und dessen roter Bart fast an eine Mähne erinnerte . Nachdem er in barschem Ton den neuen Kajütenjungen nach Namen und Herkunft gefragt hatte , sagte er stirnrunzelnd : » Du scheinst mir ein sehr vorlautes Maul zu haben , das soll aber bald anders werden . Du hast die Kapitänskajüte und auch meine rein zu halten , Stiefel zu putzen , Kleider auszubürsten und bei Tisch zu bedienen . Für das Geschirr bist du verantwortlich , und was du zerschlägst , das mußt du von deiner Heuer bezahlen . Deine Koje werde ich dir später zeigen . Über ihr befindet sich ein Wandschrank , und - aber geh nur gleich mit mir « , unterbrach er seinen eigenen Satz - » du sollst den Schrank sehen , damit dir meine Befehle verständlicher werden . « Er führte den Jungen zum Vorderteil des Schiffes und gab ihm einen kleinen Schlüssel . » Mach auf ! « befahl er , auf eine Tür deutend , und fuhr dann in seiner Erläuterung fort . » Hier steht das Geschirr , jedes in einem bestimmten Fach , um es vor dem Fallen zu sichern , und darunter sind drei kleine Schubladen für den wöchentlichen Bedarf des Kapitäns an Kaffee , Tee und Zucker . Das wird dir vom Untersteuermann an jedem Sonnabend zugeteilt , und damit mußt du auskommen . Ertappe ich dich beim Naschen , so schmeckst du das Tauende . « Robert wurde abwechselnd rot und weiß . Ihm kam die Erinnerung an das gestohlene Geld , von dem er zwar keinen Groschen für sich behalten hatte , dessen Entwendung er aber doch begünstigt hatte . Unfähig , zu antworten , schwieg er und ließ den Obersteuermann seinen Vortrag beenden . » In jedem Matrosen siehst du deinen Vorgesetzten « , fuhr dieser fort , » und untersteh dich nicht , eine vorlaute oder trotzige Antwort zu geben . Wenn der Kapitän nach dir klingelt , erscheinst du sofort mit der Mütze in der Hand , betrittst die Kajüte und fragst höflich nach seinen Wünschen . - Wenn ich selbst dich rufe , so antwortest du gar nicht , sondern hörst nur , was ich sage . Auf jeden Ungehorsam folgt eine Lektion mit dem Tauende , das merke dir vor allem . Und jetzt geh an Deck , um mit anzufassen , wenn die Segel gesetzt werden . « Er verließ das Logis , in dessen Nähe der Kapitän mit langsamen Schritten auf- und abgegangen war , offenbar um die Unterhaltung zwischen ihm und Robert deutlich zu hören . Jetzt winkte er dem Obersteuermann , ihm in die Kajüte zu folgen . Kapitän van Swieten nahm aus dem Schrank eine Flasche , trank , und bot sie dann dem anderen an . » Renefier « , sagte er , » warum hast du den neuen Jungen so hart angefahren ? Ich will die gewöhnlichen Schiffsgesetze auf meiner Galliot nicht eingeführt haben ; ich kann sie nicht brauchen , das habe ich dir schon oft gesagt . Ein Verräter untergräbt uns die ganze Zukunft , und du selbst weißt doch am besten , welche goldenen Früchte das Geschäft trägt . « Der Obersteuermann zuckte die Achseln . » Die Galliot ist nicht so ganz allein dein Eigentum , van Swieten « , antwortete er , » das vergiß nicht . Oder willst du mir im nächsten Hafen meinen Anteil auszahlen und dir einen anderen Steuermann suchen ? Du selbst kannst kein Schiff über den Ozean führen , das weißt du . « Der Kapitän wurde blaß vor Ärger . » Wenn du annimmst , daß ich das weiß , Renefier , so waren ja deine Worte überflüssig « , sagte er . » Was hast du davon , den Herrn zu spielen und vielleicht einen dummen Jungen gelegentlich durchzuprügeln ? « Des Steuermanns Augen blitzten . » Was ich davon habe , van Swieten ? « wiederholte er . » Den nötigen Respekt bei der Mannschaft , daß du es nur weißt . Es geht auf der Antje Marie zu , als hätte ein Weib das Kommando . Komme ich heute nicht , komme ich morgen . Das ärgert mich . « Der Kapitän trank wieder . » Ach was ! « sagte er , » das ist dummes Zeug , Renefier , daran änderst du nichts mehr . Wir sind eine Welt für uns , wir bilden eine geschlossene Gemeinschaft , deren Glieder untereinander vor allen Dingen gute Freunde sein müssen - das geht aber nicht bloß mit dem Tauende , mein Bester . Frißt der Schlingel ein paar Pfund Zucker , so tu , als hättest du es nicht gesehen , und gibt er eine naseweise Antwort , so lache darüber , dann gefällt ihm das Leben an Bord und er ist treu . Zehn bis zwanzig echte Spitzen im Hafen von Havanna glücklich den Augen der Spürhunde entzogen , ein paar Kisten Champagner mit Geschick an Land gebracht , und er kann so viel Geschirr zerschlagen , wie er Lust hat . Ich sage dir , du sparst Pfennige , während du Taler über Bord wirfst , oder glaubst du , daß der Bengel später die gefährliche Arbeit für unsere Rechnung willig tut , wenn man ihn jetzt hart anfaßt ? - Ich mache die Reise zum sechzehnten Male und bin bei allen meinen Leuten beliebt ; du bist erst seit acht Tagen an Bord und willst mir jetzt schon Lehren geben ? « Der Obersteuermann nahm die Mütze ab und kratzte sich hinter dem Ohr . » Wollte auch , ich hätte es nie getan « , brummte er . » Wie ist das Deck gescheuert und wie sind die Kojen gelüftet , wie ist der Proviant verstaut ? Zum Davonlaufen ! « Van Swieten lächelte überlegen . » Kleinigkeiten « , schmunzelte er , » unbedeutende Nebensachen . Die Matrosen sind treu , weil sie wissen , daß der Dienst auf der Antje Marie mehr einbringt , als man jemals auf irgendeinem andern Fahrzeug verdienen kann . Das ist es , was wir brauchen . « Der Obersteuermann schwieg und ärgerte sich im stillen . Hätte er ahnen können , was im Logis die Leute flüsterten , so würde ihm vollends die Galle ins Blut getreten sein . » Du « , sagte einer , » wie gefällt dir der neue Erste ? « » Gestrenge Herren regieren nicht lange ! « rief ein anderer . » Der braucht einmal eine Sturzsee ! « meinte der dritte . » So zehn Meter hoch aus dem Mast - das kühlt den Eifer . « Die andern lachten . » Wer weiß ? Wenn er das Maul zu voll nimmt , regnet es vielleicht einmal unvermutet hinein . « Robert hörte das alles mit Erstaunen . Er hatte sich nach Georgs Berichten den Dienst an Bord viel strenger und härter gedacht als er