darauf gefreut , auch die arme Hutmannswaise ihr Patchen nennen zu dürfen ; sie erkannte es aber doch dankbarlichst an , daß ein so hoher Ehrenposten , für den der Herr Landrat sich nicht zu groß geachtet haben würde , ihrem Amtmann zugedacht worden war . Das Eingebinde , versicherte sie , werde sie sich indessen nicht nehmen lassen , so als ob sie die richtige Gevatterin wäre , und was in späteren Tagen Patenpflicht sei , darauf könne die Frau Pastorin sich von ihr Rechnung machen . Während dieses gemütlichen Zwiegesprächs unten in der Wohnstube machte oben in der Bodenkammer der germanische Hauswirt recht ungemütlich die Erfahrung , was es bedeuten will , daß Hoffart Zwang zu leiden hat . In seinem Alltagsrock hatte er es kaum bemerkt , wie umfänglich die hohen Bestrebungen auch seinem Leibe angeschlagen waren . Der blaue Frack würde geplatzt sein , wenn er die gelben Knöpfe hätte schließen wollen , die Arme staken wie in einer Zwangsjacke in den Ärmeln , die steife , hohe , weiße Krawatte ging hinten nicht mehr zu , und die noch höheren weißen , steifen Vatermörder reichten nur noch bis hinter die Ohren ; die feinen Lackstiefeln aber preßten , daß der arme Gestiefelte laut aufstöhnen mußte . Ist es indessen nicht ein Merkmal des Wohlstandes , wenn der Mensch in die Breite auslegt ? und gewöhnt er mit einiger Geduld sich schließlich nicht an alles , selbst an pressende Stiefel ? beides wahr ! allein , - ach , daß unser heißestes Verlangen doch fast immer zu früh oder zu spät in Erfüllung geht ! seit acht Tagen hat der städtische Meister den Bartwuchs nicht geschoren , den üppigen Haarwuchs seit vier Wochen nicht gestutzt ! Freund Beyfuß würde willig seine Hand zur Aushilfe geboten haben , aber wo in dieser Hast den Allerweltsmann Beyfuß auftreiben ? Ei nun , was einmal nicht geht , das geht nicht , und ein kluger Kopf wird aus jeder Not eine Tugend zu machen wissen ! Die feinsten Pastores fangen alleweile an , ihre Haare lang zu tragen , der Propst von Hartenstein tuts am Ende auch ; warum Amtmann Mehlborn also nicht , da er , wenn auch nicht selbst ein Pastor , doch halb und halb der Patron des Pastors ist und die Quatember zu zählen sind , wo er es ganz und gar sein wird ? Was aber die Stoppeln im Gesicht anbelangt , so wird Amtmann Mehlborn es gelegentlich einfließen lassen , daß er sich nicht nur zwei zivile Backenbärte , sondern auch einen ritterlichen Schnurrbart stehen läßt , und das wird keine leere Ausflucht sein ; Rittersmann Mehlborn begreift sich selber nicht , daß er des kennzeichnenden Schmuckes so lange entraten konnte ! Mit außerordentlicher Genugtuung steckt er den Siegelring an , dessen Karneolstein mit einem verschlungenen I. M. und einer Krone , aber leider noch ohne Perlen darüber , das Mittelglied des Zeigefingers erreicht ; wer hätte dieses Juwel bemerkt , wenn die weißen Hochzeitshandschuhe noch an die Hand zu bringen gewesen wären ? Der Herr Amtmann wird sie in der Hand tragen , vornehm wedelnd , nach Art eines Kavaliers . Es ist ein befriedigtes Lächeln , mit welchem der Herr Amtmann einen letzten Blick in seinen kleinen Handspiegel wirft . Die dicke goldene Erbskette an der silbernen Uhr macht einen nobelen Effekt , das dicke Berlockebündel hüpft und blitzt , daß es eine Lust ist , über der schwarz verhüllten rundlichen Leibesfülle . - Er langt nach seinem Hut und - läßt ihn fallen , ein Stich ist ihm jählings durch das Mark gefahren ! » Fix , Jôhann , fix ! Sie sind schon da ! « hört er von unten herauf das unverbesserliche Weib rufen , das er noch eben im Geiste » seine Gemahlin « angeredet hat . In seinem Aufruhr , seiner Hast und der pressenden Fußbekleidung wäre er um ein Haar die steile Bodenstiege hinabgestürzt , und was er unten im Flur zu sehen und zu hören bekommt , ist wahrlich nicht dazu angetan , ihm die Kontenance zurückzugeben . Im Hintergrunde entschlüpft die geistliche Beraterin verstohlen durch die Hoftür - in diesem entscheidungsvollen Moment ! O , daß ihr guter Freund im nämlichen Moment ihr nicht Schur um Schur vergelten konnte ! - Im Vordergrunde steht seine Gemahlin im kattunenen Alltagsoberrocke , sonder Reverenz noch Handschuhe ihrem Pastor und erst nach diesem dem hohen Gastfreunde die schwielige Hand zum Gruße reichend und ihn in den reinsten Werbenschen Naturlauten willkommen heißend . » Zum Katholischwerden ists ! « sagte Johann Mehlborn ; das heißt , er dachte es nur ; denn dieser bedeutende Mann wußte , was er seinem Stande , den Ehestand eingeschlossen , schuldig war . Wer verlangt von dem häuslichen Weibe die Bildung des Mannes ? Wie das hochzeitliche Gewand den kattunenen Oberrock , wie den etikettewidrigen Händedruck die Reverenz , zu welcher , so tief als in sotanem knappen Gewande tunlich , der stattlich breite Rücken abwärts gezogen wird , so deckt der Wohllaut der männlichen Rede die » kalligraphischen « Schnitzer der Frau . Noch niemals hatte Johann Mehlborn Gelegenheit gehabt , sich so im Zusammenhange vor einer Standesperson auszusprechen . Inständigst war sein Bedauern , dem hochwürdigen Herrn Propst in diesem bescheidenen Amtshause , das er , nämlich Johann Mehlborn , nur ihrem beiderseitigen Herrn Bruder , Exzellenz , zu Gefallen und Vorteil noch nicht geräumt habe , keinen solenneren Empfang bereiten zu können ; zuverlässig war seine Beteuerung , daß der hochwürdige Herr Propst mit aller Standesgemäßheit aufgenommen werden würde , wenn er ihm , nämlich Johann Mehlborn , künftighin auf dessen eigenem Rittergute die Ehre seines Besuches vergönnen werde . Wie Honigseim floß der » französisch « gewürzte Vortrag über Johann Mehlborns rote Lippen , wie Musik klang sie in sein eigenes Ohr ; in seinem stolzen Haupte reifte während desselben der Entschluß , als Bewerber um den Platz eines ritterschaftlichen Abgeordneten im Provinziallandtage aufzutreten und durch seine leider erst so spät erprobte rednerische Gabe die große , lange schwebende Frage der zu verbreiternden Wagenspur zum endlichen Austrag zu bringen . Als aber von seiten des so standesgemäß Gefeierten der Vortrag nur mit einer stummen Verbeugung gefeiert ward - es schien heute der Tag stummer Verbeugungen - , da wird es jedem natürlichen Menschen einleuchten , daß Johann Mehlborn an der so laut gerühmten oratorischen Kraft des geistlichen Hartenstein bedenklich irre ward . Und auch im Punkte der feinen Lebensart schien es schwächer mit ihm bestellt , als es von einem Freiherrlich von Hartensteinschen Familiengliede zu erwarten gewesen wäre . Denn was sollte man dazu sagen , daß er , in die gute Stube und auf den Ehrenplatz des klatschrosenroten Kanapees genötigt , auch von dieser Höflichkeit keine Notiz nahm , sondern wie der ordinärste Bauer sich einen Rohrstuhl aus der Ecke holte und sich nicht einmal darauf setzte , nein , nur die Hände auf die Lehne gestützt , stumm wie ein Ölgötze hinter demselben stehen blieb ? Ei nun , mochte er stehen , der kuriose Menschensohn ! Ein gebildeter Hauswirt muß Langmut üben . Was er sich aber nunmehr herausnahm , wird der langmütigste Hauswirt sich von dem kuriosesten Menschensohne schwerlich gefallen lassen . Erquickte er sich wohl durch einen Tropfen an der Kollision , die über den Philadelphias aufgetragen stand ? Armselig genug war sie ; was wahr ist , muß wahr bleiben . Jedoch wer trug die Schuld als die superhelle Pastorsfrau , die eines Mehlborn Gastfreundschaft nach ihrer eigenen Pauvreté taxierte ! Gut . Aber durfte von der doch gewiß reputierlichen Mahlzeit , die in der Schlafkammer bereitstand , wohl ein Bissen hereingebracht werden ? Bewahre ! Als ob man es an Aufzählen , Anpreisen , Nötigen hätte fehlen lassen ! Und mir nichts dir nichts , ohne alle Fasson schlug er eines wie das andere ab , schüttelte den Kopf und bat - um ein Glas Wasser . Ein Glas Wasser ! nicht der miserabelste Landstreicher hätte in des reichen Johann Mehlborn Hause mit einem Glas Wasser fürliebgenommen , und dieser nobele Anverwandte - - ! » Dieser nobele Anverwandte kann mir gestohlen werden ! « dachte der reiche Johann Mehlborn , tat nun auch nicht mehr dergleichen , warf sich in einen Stuhl und hielt seinen Mund . Ein Engel , ach nein , kein Engel , ein höchst unfriedsamer Geist flog durch die gute Stube . Aber so ungemütlich ihm selbst zumute war , ein friedsamer Geist gab dem guten Pastor Blümel ein , was allenfalls noch geeignet schien , der überhandnehmenden üblen Laune zu steuern . Er setzte sich auf den Ehrenplatz , ließ sich ein Glas Wein einschenken , stieß mit dem Herrn Amtmann an auf sein Wohl , trank es aus ohne allen Appetit und sann - mit dem stärksten Verlangen nach seiner Pfeife - auf einen ablenkenden Unterhaltungsstoff , zu welchem er sein persönliches Anliegen nicht geeignet erachtete . Noch hatte er denselben indessen nicht gefunden , als die Hausfrau in die stille gute Stube zurückkehrte , ihrem Gaste das gewünschte Glas Wasser reichend , das sie frisch am Brunnen geschöpft hatte . Er dankte und trank ; sie bat ihn , ihr die Ruhe nicht mitzunehmen . Er ließ sich an ihrer Seite nieder , und nun brach sie das Eis , indem sie , in ihrer so arg- wie harmlosen Weise , sich nach dem Befinden der gnädigen Frau und der lieben kleinen Familie erkundigte . Die gute Frau schien den Schlüssel zu ihres schweigsamen Gastes Herz und Lippen gefunden zu haben ; denn er gab freundlich den Bescheid , daß es seiner Ottilie recht wohl gehe und daß Gott sein Haus mit drei Kindern gesegnet habe , einem Sohn , Martin , - « » Wie unser Herr Doktor Luther ! « fiel Frau Rosine ein . » Nach ihm , Frau Amtmann , wie es einem lutherischen Pfarrer für seinen Erstgeborenen ziemt . Die beiden jüngeren sind Töchter . « » Wie heißen denn die lieben kleinen Fräulein , gnädiger Herr ? « » Lydia und Priscilla , Frau Amtmann . « » Die Namen habe ich aber noch niemals gehört . Wohl Freundschaftsnamen , gnädiger Herr ? « » Evangelische Namen , treue Bekennerinnennamen , « erklärte der Propst , und sein ungetreuer Amtsbruder hörte , mit Recht oder Unrecht , zum zweiten Male eine Anzüglichkeit aus der Erklärung heraus . » Mein seliger Sohn hatte auch einen schönen frommen Namen . Er hieß Johannes , gnädiger Herr , « flüsterte die arme Mutter , und ihre stillen Augen blickten tränengefüllt gen Himmel . Auch Joachim von Hartenstein schlug die Augen groß in die Höhe , sein bleiches Gesicht wurde noch einen Schatten bleicher ; er stemmte die Hand gegen die Brust , und seine Lippen zuckten wie von verbissenem Schmerz . Zum zweiten Male flog ein Engel durch die gute Stube , wenn es nicht der Geist alter , blutiger Stunden gewesen ist . Pastor Blümel räusperte sich , was seine Freundin an ein Wort des Dankes , das sie ihm schuldig sei , gemahnte . » Ich freue mich recht auf den Sonntag , « sagte sie , indem sie ihm über den Tisch hinüber die Hand reichte . » Wie ein Kind freue ich mich , mein lieber Herr Pastor . Und daß das kleine Herzchen halbwegs nach mir heißen soll , und daß - - « Der Pastor Blümel drückte bedeutungsvoll ihre Hand , gab auch mit den Augen einen Wink , nicht fortzufahren ; die ehrliche Seele hatte jedoch in seiner Hanna Schlangenschule allzu geringe Fortschritte gemacht , um diese Warnungszeichen zu verstehen . » Und daß , « setzte sie hinzu , » daß auch mein Jôh - - mein guter Mann , wollte ich sagen , die Ehre haben soll . « - Der gute Mann war froh , bei schicklicher Gelegenheit das vornehme Schweigen brechen zu dürfen . » Was für eine Ehre ? « fragte er . » Bin ich auch mit gebeten , als Fr - - , als Speisegevatter , meine ich , he ? Schön Dank , Pastorchen . Ich bin dabei . Schön Dank ! « » Behüte , Vater , « entgegnete die Amtmännin , ihr Pastor mochte blinken , soviel er wollte . » Behüte , nicht bloß so nebenher . Stehen sollst du , selber stehen bei dem armen kleinen Frey . « » Sollte mir fehlen ! « brummt der Amtmann , dem der alte Mehlborn bedenklich in den ritterlichen Nacken zu schlagen begann . » Komm mir doch nicht mit deiner alten Litanei . Der Herr Pastor weiß es ja , ich stehe nicht , ein für allemal nicht bei - - « » Aber , Jôhann , bei dieser ehrenvollen Gelegenheit - - « » Schöne Gelegenheit ! Schöne Ehre , den zehnten Jungen von einem Bruder Saufaus übers Wasser zu halten ! Schönes Exempel , für zehn Kinder Bettelpatenbriefe an honette Leute auszutragen ! Und tuts einer beim zehnten , muß ers beim neunten auch tun , und dann beim achten , beim siebenten , am Ende wird ein Observatorium draus , und der herzallerliebste Allerweltspate kann selber Bettelpatenbriefe austragen gehen . « Es wäre jetzt dringend Zeit gewesen , mit der Eröffnung vom Königsgevatter einzuschreiten . Aber die gute Freundin hatte sich besonnen , daß sie ihrem Pastor damit nicht vorgreifen dürfe , und dem Pastor widerstand sie jetzt erst recht . Er war sich kaum deutlich bewußt , aus welchem ersten oder letzten Grunde . Witterte er erneuten Streit mit dem geistlichen Zeugen ? War es die Entrüstung über seines Beichtsohnes erbarmungsloses Gebaren , heute doppelt empfindlich vor diesem streng richtenden Zeugen ? In der Stille entschlossen , die Ehre der königlichen Stellvertretung einem Würdigeren als diesem hartherzigen reichen Manne zuzuwenden , begnügte er sich , ihm zu sagen , daß er die geziemende Erwiderung auf eine schicklichere Stunde verschiebe . Leider jedoch ließen Rede und Gegenrede sich nicht mehr aufhalten . Herr von Hartenstein war auf den beregten Fall aufmerksam geworden und seine Nachbarin in vollem Zuge , ihm die gewünschte Aufklärung zu geben . Mit einer Geläufigkeit , welche bei der stillen Seele nur erklärt werden kann durch die Freude , mit der ein guter Mensch des anderen Loblied singt , Tränen der Rührung und des Freundesstolzes in den Augen , erzählte sie von dem Trauerfall im Hirtenhause , von des Herrn Pastors erbaulichem Grabsermon und der Wohltat der lieben Frau Pastorin . Wie sie das verwaiste Kind an das Mutterherz und sogar an die Mutterbrust genommen habe , wie der zehnte Sohn und die siebente Tochter in der Wiege nebeneinanderlägen , als wären sie ein Zwillingspärchen , und wie sie , die schon jetzt in aller Unschuld , nicht anders denn zwei Engelchen , miteinander in der Badewanne säßen , sie gleicherweise auch nächsten Sonntag miteinander im Bade der heiligen Taufe zu Christen geweiht werden sollten . Der Gastfreund hatte ihr zugehört mit gefälligerem Anteil als der Ehegatte , der irgend etwas Unverständliches in seinen Bart brummte . Jetzt richtete der erstere an den letzteren die Frage : » Verstehe ich Sie recht , Herr Amtmann , so entziehen Sie sich einer der wesentlichsten Christenpflichten aus dem Grunde , daß in Ihrer Gemeinde wie in etlichen anderen mir bekannten die Unsitte waltet , die Taufzeugen an Stelle der Eltern das Kirchenopfer tragen zu lassen ? « » Na , das fehlte gerade noch ! « rief der alte Mehlborn und lachte dabei mit so gröblichem Spott , daß sein vornehmer Widerpart schier entsetzt zusammenzuckte . » Auch noch die Spesen den Gevattern auf den Hals gewälzt ! Daß das Stehen egal ein Muß würde , notabene bloß für den , der was zu spesen hat , und daß zu guter Letzt der rückständige Herr Taufzeuge in den Turm spazieren müßte , derweile der Mosjö Lump von Vater sein Fleisch und Blut anstatt des Zinshahnes in die Pfarre trüge . Quod non , Herr Hochwürden , so dumm ist die Werbener Gemeinde nicht . Verlangts nun einmal die Humorität , daß dem Kindersegen Tor und Tür geöffnet und dahero , wie unser Herr Pastor es beliebt , die Taufgebühr erlassen wird - - « » Die Taufgebühr darf auch den ärmsten Eltern nun und nimmer erlassen werden , « unterbrach ihn der Propst mit einem strengen Seitenblick auf seinen Amtsbruder . » Die Christenliebe mag der Menschennot auf anderen Wegen entgegenwirken . Jedwede unserer Gebühren ist ein Opferzoll , welchen der große Reformator aus der alten Kirche in die neue gerettet hat . « » Ein gemein Almosen , das man williglich gäbe und austeilete unter die Armen nach dem Exempel Sankt Pauli , « zitierte Pastor Blümel mit ruhiger Würde , und der standfeste Lutheraner mochte das Zitat wohl gültig finden , da er kein anderes dagegen anführte . Aus seiner persönlichen Amtspraxis war bekannt , daß er die Stolgebühren seiner reichen Gemeinde zwar nicht bloß als ein freiwilliges Almosen in Empfang nehme , daß er aber das , was er mit der rechten Hand gefaßt , alsobald mit der linken in seine Armenbörse lege und daß diese Börse lose Schnüre habe . » Wenn demnach , « so wendete er sich von dem geistlichen Widerpart zu dem weltlichen zurück , » das Gottesopfer es nicht ist , das Ihnen widersteht , und ich nicht annehmen kann , daß der heilige Akt an sich es ist , da Sie ja in höher gestellten Kreisen sich demselben nicht zu entziehen scheinen , so ist mir unerfindlich , was - - « » Was mir bei Betteltaufen widersteht ? « unterbrach ihn nicht der Ritter , sondern der Bauer Johann Mehlborn im allertrautesten Werbenschen Deutsch . » Na , sehen Sie , Herr Hochwürden , das Menschenopfer ist es , das , was man ein Beutelmassakrieren nennt , um mich noch christlich auszudrücken . Höher hinauf , ei freilich , Geldkosten machts da auch ; ganz gehörige Kosten : Gevatterkutsche , Gevatterbukett , Gevatterhandschuhe , ein feiner Präsentierteller für die Frau Gevatterin , die schweren Douceurs noch gar nicht in Anschlag gebracht . Aber es bleibt unter der Freundschaft , man hat seine Ehre und seinen Spaß davon , dem Amen folgt ein Traktament , und damit hat die Geschichte ein Ende . Konträr bei solcher Lumpenbagage , da fängt die Drangsalei nach dem Amen erst an . Als da ist : Eingebinde , niemalen schwer genug ; soundso viel ins Becken für den Küster , soundso viel der Hebamme in die Hand . Was geht mir , Johann Mehlborn , die Hebamme an ? Anjetzo : die Suppen für die Gevattermutter , sechs Wochen lang , und die Altgevattern desgleichen ; den Topf gehaufte voll , daß die ganze wertgeschätzte Familie während des Wochenbettes hübsch satt wird . Anjetzo : Patenpräsent am ersten Geburtstag und an jedem kommenden von neuem bis in Methusalems Alter hinein ; Weihnachtens ein Wecken ; Auslösung am Kindeltage ; was Blankes für den Neujahrskarmen ; Kleidasche zum ersten Abendmahl ; Geschenk zur Hochzeit , zur Großpatenschaft ; kurz und gut : eine Schraube ohne Ende , eine quasi vom hohen Herrgott eingesetzte Sakriererei . Du hast was , heißts , und ich habe nichts ; du bist mein Herr Pate , folglich mußt du mich füttern , mich anziehen , mich was lernen lassen ; mußt für mich gutsagen , mir borgen , mir helfen und immer wieder helfen . Sela . « Der erzürnte Bauer schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch , daß Gläser und Flaschen aneinanderklirrten ; Mutter Rosine wimmerte , Pastor Blümel blickte ernst vor sich hin , Herr von Hartenstein zog die Lippen , ob es nun Ekel bedeutete oder bloß ein Lächeln , so tief hinab , als Lippen sich ziehen lassen . Dann aber äußerte er mit strengem Ton : derlei weltliche Verquickung schädige die Würde des Sakramentes und müsse ihr von berufener Seite durch Lehre und Beispiel gesteuert werden . Der Taufzeuge sei bewußter Bürge für des Täuflings unbewußtes Christengelübde ; er habe darauf zu halten , daß auch kein Jota desselben in seiner geistigen Zucht verkümmert werde . Nicht weniger , aber auch nicht mehr . Die leibliche Fürsorge , das weltliche Fortkommen sei Sache der Familie , eventuell der Gemeinde , welcher es , insofern sie wohl geführet werde , an gutgewillten Christenbrüdern mit offenem Herzen und offener Hand nicht fehlen werde ; wobei jedoch in erster Ordnung darauf zu achten sei , daß der Pflegling auf seinem natürlichen Grund und Boden erwachse , damit die Wohltat sich nicht in eine Wehetat verwandele . » Man soll eines Kindes Wiege nicht verrücken , « fuhr er darauf , aus schließlich zu dem Pfarrer gewendet , fort . » Das aber um so weniger , wenn , wie im gegenwärtigen Falle , außer dem urväterlichen Sündenerbe , aus dessen Joche uns alle nur die Gnade erlöset , außer dem Erbe elementarer Not , unter dessen Joche , nach göttlicher Ordnung , die ungeheuere Mehrzahl der Menschheit im Schweiße ihres Angesichts seufzt und seufzen wird bis an das Ende der Tage , auch noch ein besonderes Erbteil bösen Blutes einem Kinde eingeimpft ist und je mehr und mehr zu wuchern droht . Die Sünde der Väter soll heimgesucht werden bis in das dritte und vierte Glied ; oder , falls Ihnen dieser Wortlaut antiquiert dünken sollte , Herr Prediger : auch das Laster entwickelt sich von Geschlecht zu Geschlecht , wie die Tugend , wie die Sitte , wie alle sogenannte Kultur . Der Großvater dieses Knaben war vielleicht nur ein Bärenhäuter ; der Vater ward zum Trunkenbold . Der Sohn , im Taumel gezeugt , der elementaren Arbeitsstufe , in die er hineingeboren ward , entrückt , für die höhere , auf welcher er erwächst , unzulänglich beanlagt , ein heimliches Gift in seinen Adern , wird als Tor und kann als Verbrecher enden . Gefährlicher als Sünde tun , wirkt Sünde gutheißen , und der vor allen , welcher einer Gemeinschaft als Hüter göttlicher Zucht und Ordnung vorzustehen berufen ist , soll es unterlassen , das warnende Beispiel der Sündenfolge zu vertuschen . Ich nehme den Einwand , den Sie mir machen wollen , Herr Prediger , von Ihren Lippen . Jawohl , im Reiche Gottes , da sind wir Gleiche . In ihm , und nur in ihm , da gibt es wohl Stufen , aber keine Schranken ; da konnte der niedrigste Sprosse des niedersten Volkes , konnte selber der sündige Zöllner noch zum Apostel werden . Und solch ein Apostel , von Gottes Gnadenfinger berührt , solch ein Erwählter war auch der arme Bergmannssohn , auf dessen Namen wir geweiht sind . Die abgelebte Schule des Klosters , in der er selbst gebildet worden war , zu sprengen , die Christenheit in ihre natürliche Ordnung zurückzuführen , die verweltlichte Kirche zu einem sichtbaren Gottesreiche wieder aufzurichten , das war der hehre Plan , dessen Bau die Nachfahren in Trümmer schlagen , und von dem es wie ein scharfer Splitter in das Auge eines Getreuen dringt , wenn er das erste Sakrament gleich einem Markttrödel abschätzen sieht . « Im Hofe schmetterte ein Posthorn . Der Propst erhob sich ; der Pfarrer auch . Seltsame Widersprüche rangen in des friedlichen Mannes Brust : die Liebe , die ihm Glaube war , und Zorn , ja Feindseligkeit gegen zwei Menschen , welche er seit Jahren im gemeinen wie im erhabenen Sinne Freunde genannt hatte , drängten ihn zum Protest gegen des einen schnöde , des anderen grausame Konsequenzen . Hatte er bis zur Stunde einen mutterlosen Säugling zu zeitweiser Obhut in sein Haus genommen , in diesen Minuten der Leidenschaft nahm er ihn an sein Herz als eines jener Stiefkinder der Natur , an welchem er den Beweis adelnder Menschenliebe zu führen habe . Und so sagte er denn mit gehobenem Haupt und der Klangfarbe der Ironie , die wahrlich in seinem Gemüte ein Fremdling war , und trotzdem Wort um Wort sich bis zur heimlichen Schadenfreude steigerte : » Sie würden mich wohl kaum so sträflicher Fahrlässigkeit in meinem Amt , so schwerer Irrtümer in meinem Glauben und Handeln vor Zeugenohren bezichtigt haben , Hochwürden , wenn Sie nicht mindestens den Versuch einer Rechtfertigung meinerseits erwartet hätten , wäre es auch nur , um Ihrer mächtigen Logik mit meiner schwächlichen neue Beweismittel zuzuführen . Wohlan , ich wage den Versuch : vor diesen Zeugenohren selbstverständlich auf beregten Einzelfall beschränkt . Ist es ein Irrtum , das Erbteil , welches uns der Erlöser mit seinem Leben und Sterben erworben hat , für wirksamer zu halten als das , welches uns im Blute des ersten und vielleicht des letzten Vaters überkommen ist , so bin ich dieses Irrtums schuldig , indem ich mich vermesse , einen Erben väterlicher Sündhaftigkeit aus seinem Wurzellande in das meine zu verpflanzen und unter der Zucht meines Hauses , wenn auch nur zu elementarer Arbeit und Not , aber , so Gott will , zu einem Erben seines Reiches heranzubilden . Und fernerhin : ist es Schädigung eines sakramentalen Weiheaktes , wenn brüderliche Liebeswerke aus ihm gefolgert werden , so bin ich in hohem Maße dieser Schädigung schuldig , denn ich habe meiner Gemeinde bei jedem amtlichen Anlaß das Steuern und Stillen menschlicher Not als christliche Tugend und Sitte an das Herz gelegt ; ja , ich war noch in dieser Stunde gewillt , einem Gliede meiner Gemeinde das Gemüt für jenes Erbteil der Barmherzigkeit zu erwecken und seinen rückwirkenden Segen ihm zuzuwenden . In letzterem Betracht und durchaus ohne Vorbehalt bekenne ich mich endlich schuldig einer Irrung , deren Konsequenz auch mir , Hochwürden , und mir zumeist , wie ein scharfer Splitter in das Auge gesprungen ist ; eines sträflichen Mangels von Gott gebotener Klugheit in der Berechnung des Herzens , das ich für jene Zuwendung empfänglich und darum ihrer würdig achtete . Aus diesem Grunde , Herr Amtmann , ziehe ich mein Gesuch an Sie zurück , noch bevor ich es gestellt . Es fehlt - Gott Preis ! - in meiner Gemeinde weder an gläubigen Christen noch an gutwilligen Menschenfreunden , welche für die Waise des armen Hirtenweibes das weihende Gelübde mit allen barmherzigen Folgerungen nicht scheuen und daher ein Anrecht haben , es im Namen des ersten Gottes- und Menschenfreundes in unserem Vaterlande auszusprechen . Unser teuerer König hat sich selbst geehrt , indem er den zehnten Sohn eines der ärmsten seiner Untertanen mit seiner Patenschaft beehrte . « Der Redner schwieg , und seine drei Hörer schwiegen auch ; der eine starr mit offnem Munde , die andere schluchzend mit vor die Augen gehaltener Schürze ; der dritte lächelnd . Aber es war nahezu ein amtsbrüderliches Lächeln , mit welchem der standfeste Lutheraner sich von dem biegsamen Unionisten in der Stille verabschiedete . Der eiferartige Widerspruch schien ihn priesterlicher angemutet zu haben als vorhin das ideale Schlaraffenland . » Aber Mann - Blümel - Pastor - Freund ! « stieß endlich Johann Mehlborn hervor , indem er seinen Seelenhirten mit beiden Armen schüttelte , als wäre er ein Apfelbaum . » Im Namen Seiner Majestät ! Königlicher Prokurist ! Allerhöchster Mitgevatter ! Und das sagen Sie erst zu guter Letzt ? « » Hätten Sie Ihrem irdischen Lehnsherrn zu Gefallen tun sollen , Herr Amtmann , was Sie dem himmlischen verweigerten ! « entgegnete Pastor Blümel , drückte Frau Rosinen die Hand und folgte Herrn von Hartenstein , der sich mit leichtem Gruße empfohlen hatte . Mit hastigen Schritten schlug Konstantin Blümel den Heimweg ein . So hoch hatte er sein Haupt nicht getragen , so stolz seine Brust sich nicht geschwellt , seitdem sein Kommandeur das Eiserne Kreuz an dieselbe geheftet . Ja , solch eine Kampfesstunde macht frisches Blut ! Und doch , warum ging er mit Siegerschritten ? Daß er ein verworfenes Stiefkind der Natur als das seine angenommen - war das ein Triumph ? Vor zwei Stunden würde er das gleiche getan , würde , hätte er es durchzuführen vermocht , sämtliche Waisen seiner Gemeinde angenommen haben - ohne jeglichen Tugendstolz . Daß er einen betörten Mann vor Zeugenohren mit einer Hohnrede gegeißelt ? Hatte er den alten Mehlborn nicht gekannt ? Hatte er nicht schlechthin gelogen mit der Entschuldigung , daß er das Herz ihm zu öffnen gehofft ? Ja , hatte er nicht geradezu mit Schlangenklugheit auf seine Torheit spekuliert ? Daß er einem tapferen geistlichen Obersten tapfer Widerpart gehalten ? - Das also war es , - allein das ! Unwillkürlich mäßigte er seinen Schritt . Was schied ihn plötzlich von dem Manne , den er viele Jahre freudig und dankbar verehrt hatte ? Was machte ihn zu seinem Gegner ? Hatte jener eine Tat getan , ein Wort geredet , das der reformatorische Held , auf welchen sie beide geschworen , verleugnet haben würde ? Widersprach Konstantin Blümels eigene Satzung der von den durch Gott gesetzten Erdenschranken , von dem Erbe der Sünde in unserem Blut , von dem kaum merkbaren Fortschritt der sittlichen Kultur ? Wie oft hatte er denn das Wagnis , eines Kindes Wiege zu verrücken , gelingen sehen ? Vor der offenen Kirchtür hielter still . Die letzten Sonnenstrahlen fielen auf die schwarzen Priesterbilder am Altar ; die leere weiße Stelle glänzte wie eine Silberscheibe . Wäre er in Wahrheit nicht mehr würdig , diese Stelle einzunehmen ? Wäre er in Wahrheit ein Abtrünniger , weil - - Hastende Schritte , ein gekeuchtes » Halt , halt ! « unterbrachen die Prüfung . Der arme Quartalsritter ! Wie der Schweiß von seiner Stirn tropfte , wie er pustete im knappen , goldknopfigen Hochzeitsfrack ! Wie er Lippen und Augen zusammenkniff , sooft die zierlichen Lackstiefel auf ein Steinchen stießen ! » Aber , Pastor , Pastor ! « schrie er schon von weitem . » So nehmt doch