aber fesselte er an seine Person nicht nur durch vorübergehende Brotspenden und Zirkusspiele aus seiner Tasche , sondern durch großartige Unternehmungen , die vielen Tausenden auf Jahre hinaus Arbeit und Unterhalt - auf Kosten der gotischen Regierung - erschafften . Er setzte bei Amalaswintha den Befehl durch , die Befestigungen Roms , die seit den Tagen des Honorius durch die Zeit und durch den Eigennutz römischer Bauherren vielmehr als durch westgotische und vandalische Eroberer gelitten hatten , vollständig und rasch wieder herzustellen , » zur Ehre der ewigen Stadt und , - wie sie wähnte , - zum Schutz gegen die Byzantiner . « Cethegus selbst hatte - und zwar , wie die alsbald folgenden vergeblichen Belagerungen durch Goten und Byzantiner bewiesen , mit genialem Feldherrnblick - den Plan der großartigen Werke entworfen . Und er betrieb nun mit größtem Eifer das Riesenwerk , die ungeheure Stadt in ihrem weiten Umfang von vielen Meilen zu einer Festung ersten Ranges umzuschaffen . Die Tausende von Arbeitern , die wohl wußten , wem sie diese reich bezahlte Beschäftigung verdankten , jubelten dem Präfekten zu , wenn er auf den Schanzen sich zeigte , prüfte , antrieb , besserte und wohl selbst mit Hand anlegte . Und die getäuschte Fürstin wies eine Million Solidi nach der andern an für einen Bau , an dem alsbald die ganze Streitmacht ihres Volkes zerschellen und verbluten sollte . Der wichtigste Punkt dieser Befestigungen war das heute unter dem Namen der Engelsburg bekannte Grabmal Hadrians . Dies Prachtgebäude , von Hadrian aus parischen Marmorquadern , die ohne anderes Bindungsmittel zusammengefügt waren , aufgeführt , lag damals einen Steinwurf vor dem Aurelischen Tor , dessen Mauerseiten es weit überragte . Mit scharfem Auge hatte Cethegus erkannt , daß das unvergleichlich feste Gebäude , in seiner bisherigen Lage ein Festungswerk gegen die Stadt , sich durch ein einfaches Mittel in ein Hauptbollwerk für die Stadt verwandeln ließ : er führte vom Aurelischen Tor zwei Mauern gegen und um das Grabmal . Und nun bildete die turmhohe Marmorburg eine sturmfreie Schanze für das Aurelische Tor , um so mehr als der Tiber knapp davor einen natürlichen Festungsgraben zog . Oben auf der Mauer des Mausoleums aber standen , zum Teil noch von Hadrian und seinem Nachfolger hier aufgestellt , gegen dreihundert der schönsten Statuen aus Marmor , Bronze und Erz : darunter der Divus Hadrianus selbst , sein schöner Liebling Antinous , ein Zeus Soter , die Pallas » Städtebeschirmerin « , ein schlafender Faun und viele andere . Cethegus freute sich seines Gedankens und liebte diese Stätte , wo er allabendlich zu wandeln pflegte , sein Rom mit dem Blick beherrschend und den Fortschritt der Schanzarbeiten prüfend : und er hatte deshalb eine reiche Zahl von schönen Statuen aus seinem Privatbesitz hier noch aufstellen lassen . Viertes Kapitel . Vorsichtiger mußte Cethegus bei Ausführung einer zweiten , für seine Ziele nicht minder unerläßlichen Vorbereitung sein . Um selbständig in Rom , in seinem Rom , wie er es , als Stadtpräfekt , zu nennen liebte , den Goten und nötigenfalls den Griechen trotzen zu können , bedurfte er nicht bloß der Wälle , sondern auch der Verteidiger auf denselben . Er dachte zunächst an Söldner , an eine Leibwache , wie sie in jenen Zeiten hohe Beamte , Staatsmänner und Feldherren häufig gehalten hatten , wie sie jetzt Belisar und dessen Gegner Narses in Byzanz hielten . Nun gelang es ihm zwar , durch früher auf seinen Reisen in Asien angeknüpfte Verbindungen und bei seinen reichen Schätzen tapfre Scharen der wilden isaurischen Bergvölker , die in jenen Zeiten die Rolle der Schweizer des sechzehnten Jahrhunderts spielten , in seinen Sold zu ziehen . Indessen hatte dies Verfahren doch zwei sehr eng gezogne Schranken . Einmal konnte er auf diesem Wege , ohne seine für andre Zwecke unentbehrlichen Mittel zu erschöpfen , doch immer nur verhältnismäßig kleine Massen aufbringen , den Kern eines Heeres , nicht ein Heer . Und ferner war es unmöglich , diese Söldner , ohne den Verdacht der Goten zu wecken , in größerer Anzahl nach Italien , nach Rom zu bringen . Einzeln , paarweise , in kleinen Gruppen schmuggelte er sie mit vieler List und vieler Gefahr als seine Sklaven , Freigelassenen , Klienten , Gastfreunde in seine durch die ganze Halbinsel zerstreuten Villen oder beschäftigte sie als Matrosen und Schiffsleute im Hafen von Ostia oder als Arbeiter in Rom . Schließlich mußten doch die Römer Rom erretten und beschützen und all seine ferneren Pläne drängten ihn , seine Landsleute wieder an die Waffen zu gewöhnen . Nun hatte aber Theoderich wohlweislich die Italier von dem Heer ausgeschlossen - nur Ausnahmen bei einzelnen als besonders zuverlässig Erachteten wurden gemacht - und in den unruhigen letzten Zeiten seines Regiments während des Prozesses gegen Boëthius ein Gebot allgemeiner Entwaffnung der Römer erlassen . Letzteres war freilich nie streng durchgeführt worden : aber Cethegus konnte doch nicht hoffen , die Regentin werde ihm erlauben , gegen den entschiedenen Willen ihres großen Vaters und gegen das offenbare Interesse der Goten eine irgendwie bedeutende Streitmacht aus Italien zu bilden . Er begnügte sich , ihr vorzustellen , daß sie durch ein ganz unschädliches Zugeständnis sich das Verdienst erwirken könne , jene gehässige Maßregel Theoderichs in edlem Vertrauen aufgehoben zu haben und schlug ihr vor , ihm zu gestatten , nur zweitausend Mann aus der römischen Bürgerschaft als Schutzwache Roms rüsten , einüben und immer unter den Waffen gegenwärtig halten zu dürfen : die Römer würden ihr schon für diesen Schein , daß die ewige Stadt nicht von Barbaren allein gehütet werde , unendlich dankbar sein . Amalaswintha , begeistert für Rom und nach der Liebe der Römer als ihrem schönsten Ziele trachtend , gab ihre Einwilligung und Cethegus fing an seine » Landwehr « , wie wir sagen würden , zu bilden . Er rief in einer wie Trompetenschall klingenden Proklamation » die Söhne der Scipionen zu den alten Waffen zurück , « er bestellte die jungen Adligen der Katakomben zu » römischen Rittern « und » Kriegstribunen , « er verhieß jedem Römer , der sich freiwillig meldete , aus seiner Tasche Verdoppelung des von der Fürstin bestimmten Soldes : er hob aus den Tausenden , die sich darauf herbeidrängten die Tauglichsten aus ; er rüstete die Ärmeren aus , schenkte denen , die sich besonders auszeichneten im Dienst , gallische Helme und spanische Schwerter aus seinen eignen Sammlungen und - was das Wichtigste - er entließ regelmäßig sobald als möglich die hinlänglich Eingeübten mit Belassung ihrer Waffen und hob neue Mannschaften aus , so daß , obwohl in jedem Augenblick nur die von Amalaswintha gestattete Zahl im Dienst stand , doch in kurzer Frist viele Tausende bewaffnete und waffengeübte Römer zur Verfügung ihres vergötterten Führers standen . Während so Cethegus an seiner künftigen Residenz baute und seine künftigen Prätorianer heranbildete , vertröstete er den Eifer seiner Mitverschworenen , die unablässig zum Losschlagen drängten , auf den Zeitpunkt der Vollendung jener Vorbereitungen , den er natürlich allein bestimmen konnte . Zugleich unterhielt er eifrigen Verkehr mit Byzanz . Dort mußte er sich einer Hilfe versichern , die einerseits in jedem Augenblick , da er sie rief , auf dem Kampfplatz erscheinen könnte , die aber andrerseits auch nicht , ehe er sie rief , auf eigne Faust oder mit einer Stärke erschiene , die nicht leicht wieder zu entfernen wäre . Er wünschte von Byzanz einen guten Feldherrn , der aber kein großer Staatsmann sein durfte , mit einem Heere , stark genug , die Italier zu unterstützen , nicht stark genug , ohne sie siegen oder gegen ihren Willen im Lande bleiben zu können . Wir werden in der Folge sehen , wie in dieser Hinsicht vieles nach Wunsch , aber auch ebenso vieles sehr gegen den Wunsch des Präfekten sich gestaltete . Daneben war gegenüber den Goten , die zurzeit noch unangefochten im Besitz der Beute standen , um die Cethegus bereits im Geiste mit dem Kaiser haderte , sein Streben dahin gerichtet , sie in arglose Sicherheit zu wiegen , in Parteiungen zu spalten und eine schwache Regierung an ihrer Spitze zu erhalten . Das erste war nicht schwer . Denn die starken Germanen verachteten in barbarischem Hochmut alle offenen und geheimen Feinde . wir haben gesehen , wie schwer selbst der sonst scharfblickende , helle Kopf eines Jünglings wie Totila von der Nähe einer Gefahr zu überzeugen war : und die trotzige Sicherheit eines Hildebad drückte recht eigentlich die allgemeine Stimmung der Goten aus . Auch an Parteiungen fehlte es nicht in diesem Volk . Da waren die stolzen Adelsgeschlechter , die Balten mit ihren weitverzweigten Sippen , an ihrer Spitze die drei Herzoge Thulun , Ibba und Pitza : die reichbegüterten Wölsungen unter den Brüdern Herzog Guntharis von Tuscien und Graf Arahad von Asta und andre mehr , die alle den Amalern an Glanz der Ahnen wenig nachgaben und eifersüchtig ihre Stellung dicht neben dem Throne bewachten . Da waren viele , welche die Vormundschaft eines Weibes , die Herrschaft eines Knaben nur mit Unwillen trugen , die gern , nach dem alten Recht des Volkes , das Königshaus umgangen und einen der erprobten Helden der Nation auf den Schild erhoben hätten . Andrerseits zählten auch die Amaler blind ergebene Anhänger , die solche Gesinnung als Treubruch verabscheuten . Endlich teilte sich das ganze Volk in eine rauhere Partei , die , längst unzufrieden mit der Milde , die Theoderich und seine Tochter den Welschen bewiesen , gern nunmehr nachgeholt hätten , was , wie sie meinten , bei der Eroberung des Landes versäumt worden , und die Italier für ihren heimlichen Haß mit offener Gewalt zu strafen begehrten . Viel kleiner natürlich war die Zahl der sanfter und edler Gesinnten , die , wie Theoderich selbst , empfänglich für die höhere Bildung der Unterworfenen , sich und ihr Volk zu dieser emporzuheben strebten . Das Haupt dieser Partei war die Königin . Diese Frau nun suchte Cethegus im Besitz der Macht zu erhalten ; denn sie , diese weibliche , schwache , geteilte Herrschaft , verhieß , die Kraft des Volkes zu lähmen , die Parteiung und Unzufriedenheit dauernd zu machen . Ihre Richtung schloß jedes Erstarken des gotischen Nationalgefühls aus . Er bebte vor dem Gedanken , einen gewaltigen Mann die Kraft dieses Volkes gewaltig zusammenfassen zu sehen . Und manchmal machten ihn schon die Züge von Hoheit , die sich in diesem Weibe zeigten , mehr noch die feurigen Funken verhaltener Glut , die zuzeiten aus Athalarichs tiefer Seele aufsprühten , ernstlich besorgt . Sollten Mutter und Sohn solche Spuren öfter verraten , dann freilich mußte er beide ebenso eifrig stürzen wie er bisher ihre Regierung gehalten hatte . Einstweilen aber freute er sich noch der unbedingten Herrschaft , die er über die Seele Amalaswinthens gewonnen . Dies war ihm bald gelungen . Nicht nur , weil er mit großer Feinheit ihre Neigung zu gelehrten Gesprächen ausbeutete , in welchen er von dem , wie es schien , ihm überall überlegenen Wissen der Fürstin so häufig überwunden wurde , daß Cassiodor , der oft Zeuge ihrer Disputationen war , nicht umhin konnte , zu bedauern , wie dies einst glänzende Ingenium durch Mangel an gelehrter Übung etwas eingerostet sei . Der vollendete Menschenerforscher hatte das stolze Weib noch viel tiefer getroffen . Ihrem großen Vater war kein Sohn , war nur diese Tochter beschieden : der Wunsch nach einem männlichen Erben seiner schweren Krone war oft aus des Königs , oft aus des Volkes Munde schon in ihren Kinderjahren an ihr Ohr gedrungen . Es empörte das hochbegabte Mädchen , daß man es lediglich um ihres Geschlechtes willen zurücksetzte hinter einem möglichen Bruder , der , wie selbstverständlich , der Herrschaft würdiger und fähiger sein würde . So weinte sie als Kind oft bittere Tränen , daß sie kein Knabe war . Als sie herangewachsen , hörte sie natürlich nur noch von ihrem Vater jenen kränkenden Wunsch : jeder andre Mund am Hofe pries die wunderbaren Anlagen , den männlichen Geist , den männlichen Mut der glänzenden Fürstin . Und das waren nicht Schmeicheleien : Amalaswintha war in der Tat in jeder Hinsicht ein außergewöhnliches Geschöpf : die Kraft ihres Denkens und ihres Wollens , aber auch ihre Herrschsucht und kalte Schroffheit überschritten weit die Schranken , in welchen sich holde Weiblichkeit bewegt . Das Bewußtsein , daß mit ihrer Hand zugleich die höchste Stellung im Reich , vielleicht die Krone selbst , würde vergeben werden , machte sie eben auch nicht bescheidener : und ihre tiefste , mächtigste Empfindung war jetzt nicht mehr der Wunsch , Mann zu sein , sondern die Überzeugung , daß sie , das Weib , allen Aufgaben des Lebens und des Regierens so gut wie der begabteste Mann , besser als die meisten Männer , gewachsen , daß sie berufen sei , das allgemeine Vorurteil von der geistigen Unebenbürtigkeit ihres Geschlechts glänzend zu widerlegen . Die Ehe des kalten Weibes mit Eutharich , einem Amaler aus andrer Linie , einem Mann von hohen Anlagen des Geistes und reichem Gemüt , war kurz - : Eutharich erlag nach wenigen Jahren einem tiefen Leiden - und wenig glücklich . Nur mit Widerstreben hatte sie sich ihrem Gatten gebeugt . Als Witwe atmete sie stolz auf . Sie brannte vor Ehrgeiz , dereinst als Vormünderin ihres Knaben , als Regentin jene ihre Lieblingsidee zu bewähren : sie wollte so regieren , daß die stolzesten Männer ihre Überlegenheit sollten einräumen müssen . Wir haben gesehen , wie die Erwartung der Herrschaft diese kalte Seele sogar den Tod ihres großen Vaters ziemlich ruhig hatte ertragen lassen . Sie übernahm das Regiment mit höchstem Eifer , mit unermüdlicher Tätigkeit . Sie wollte alles selbst , alles allein tun . Sie schob ungeduldig den greisen Cassiodor zur Seite , der ihrem Geist nicht rasch und kräftig genug Schritt hielt . Keines Mannes Rat und Hilfe wollte sie dulden . Eifersüchtig wachte sie über ihre Alleinherrlichkeit . Und nur Einem ihrer Beamten lieh sie gern und häufig das Ohr ; demjenigen , der ihr oft und laut die männliche Selbständigkeit ihres Geistes pries und noch öfter dieselbe still zu bewundern , der den Gedanken , sie beherrschen zu wollen , gar nie wagen zu können schien : sie traute nur Cethegus . Denn dieser zeigte ja nur den Einen Ehrgeiz , alle Gedanken und Pläne der Königin mit eifriger Sorge durchzuführen . Nie trat er , wie Cassiodor oder gar die Häupter der gotischen Partei , ihren Lieblingsbestrebungen entgegen ; er unterstützte sie darin : er half ihr , sich mit Römern und Griechen umgeben , den jungen König möglichst von der Teilnahme am Regiment ausschließen , die alten gotischen Freunde ihres Vaters , die , im Bewußtsein ihrer Verdienste und nach alter Gewohnheit , sich manches freie und derbe Wort des Tadels erlaubten , als rohe Barbaren allmählich vom Hof entfernen , die Gelder , die für Kriegsschiffe , Rosse , Ausrüstung der gotischen Heere bestimmt waren , für Wissenschaften und Künste oder auch für die Verschönerung , Erhaltung und Sicherung Roms verwenden : - kurz , er war ihr behilflich in allem , was sie ihrem Volk entfremden , ihre Regierung verhaßt und ihr Reich wehrlos machen konnte . Und hatte er selbst einen Plan , immer wußte er seine Verhandlungen mit der Fürstin so zu wenden , daß sich diese für die Urheberin ansehen mußte und ihn zu dem Vollzug seiner geheimsten Wünsche als ihrer Aufträge befehligte . Fünftes Kapitel . Begreiflicherweise bedurfte es , um solchen Einfluß zu gewinnen und zu pflegen , häufigeren Aufenthalts am Hof , längerer Abwesenheit von Rom als seine dortigen Interessen vertrugen . Deshalb strebte er danach , in die Nähe der Königin Persönlichkeiten zu bringen , die ihm diese Mühe zum Teil ersparen könnten , die ihn immer gut unterrichten und warm vertreten sollten . Die Frauen von mehreren gotischen Edeln , welche grollend Ravenna verließen , mußten in der Umgebung Amalaswinthens ersetzt werden und Cethegus trug sich mit dem Gedanken , bei dieser Gelegenheit Rusticiana , die Tochter des Symmachus , die Witwe des Boëthius , an den Hof zu bringen . Die Aufgabe war nicht leicht . Denn die Familie dieser als Hochverräter hingerichteten Männer war in Ungnade aus der Königsstadt verbannt . Vor allem mußte daher die Königin umgestimmt werden für sie . Dies freilich gelang alsbald , indem die Großmut der edeln Frau gegen das so tief gefallne Haus wachgerufen wurde . Dazu kam , daß sie an die niemals vollbewiesene Schuld von zwei edeln Römern nie von Herzen hatte glauben mögen , deren einen , den Gatten Rusticianas , sie als großen Gelehrten und in manchen Gebieten als ihren Lehrer verehrte . Endlich wußte Cethegus zu betonen , wie gerade diese Tat , sei es der Gerechtigkeit , sei es der Gnade , die Herzen all ihrer römischen Untertanen rühren müsse . So war die Regentin leicht gewonnen , Gnade zu erteilen . Viel schwerer ward die stolze und leidenschaftliche Witwe des Verurteilten bewogen , diese Gnade anzunehmen . Denn Wut und Rachedurst gegen das Königshaus erfüllten ihre ganze Seele , und Cethegus mußte sogar fürchten , ihr unbeherrschbarer Haß könnte sich in der steten Nähe der » Tyrannen « leicht verraten . Wiederholt hatte Rusticiana trotz all seiner sonst großen Gewalt über sie dieses Ansinnen zurückgewiesen . Da machten sie eines Tages eine sehr überraschende Entdeckung , die zur Erfüllung der Wünsche des Präfekten führen sollte . Rusticiana hatte eine kaum sechzehnjährige Tochter , Kamilla . Aus ihrem echt römischen Gesicht mit den edeln Schläfen und den schöngeschnittenen Lippen leuchteten dunkle , schwärmerische Augen : der eben erst vollendete Wuchs zeigte feine , fast allzuzarte Formen , rasch und leicht und fein wie einer Gazelle waren alle Bewegungen dieser schlanken Glieder . Eine reiche Seele mit schwungvoller Phantasie lebte in dem lieblichen Mädchen . Mit aller Inbrunst kindlicher Verehrung hatte sie ihren unglücklichen Vater geliebt : der Streich , der sein teures Haupt getroffen , hatte tief in das Leben des heranblühenden Mädchens geschlagen ; ungestillte Trauer , heilige Wehmut , mit der sich die leidenschaftliche Vergötterung seines Martyriums für Italien mischte , erfüllten alle Träume ihres jungfräulichen Entfaltens . Vor dem Sturz ihres Hauses ein gern gesehener Gast am Königshof war sie nach dem Schicksalsschlag mit ihrer Mutter über die Alpen nach Gallien geflohen , wo ein alter Gastfreund den betrübten Frauen monatelang eine Zufluchtstätte bot , während Anicius und Severinus , Kamillas Brüder , anfänglich ebenfalls verhaftet und zum Tode verurteilt , dann zur Verbannung aus dem Reich begnadigt , aus dem Kerker sofort nach Byzanz an den Hof des Kaisers eilten , wo sie Himmel und Hölle gegen die Goten in Bewegung setzten . Die Frauen waren , als sich der Sturm der Verfolgung verzogen , nach Italien zurückgekehrt und lebten ihrem stillen Gram im Häuschen eines treuen Freigelassenen zu Perusia , von wo aus freilich Rusticiana , wie wir gesehen , den Weg zu den Verschworenen in Rom wohl zu finden wußte . Der Juni war gekommen , die Jahreszeit , in der vornehme Römer noch immer , wie zur Zeit des Horatius und Tibullus , die dumpfe Luft der Städte zu fliehen und in seine kühlen Villen im Sabinergebirge oder an der Meeresküste sich zu verstecken pflegten . Mit Beschwerde trugen die verwöhnten Edelfrauen den Qualm und Staub in den heißen Straßen des engen Perusia , mit Seufzen der herrlichen Landhäuser bei Florentia und Neapolis gedenkend , die sie , wie all ihr Vermögen , an den gotischen Fiskus verloren . Da trat eines Tages der treue Corbulo mit seltsam verlegenem Gesicht vor Rusticiana . Er habe längst bemerkt , wie die » Patrona « unter seinem unwürdigen Dach zu leiden und mancherlei Ungemach schon durch seine Hantierung - er war seines Zeichens Steinmetz - zu erdulden gehabt und so habe er denn an den letzten Kalenden ein kleines , freilich nur ein ganz kleines , Gütchen mit einem noch kleineren Häuschen gekauft , droben im Gebirge bei Tifernum . Freilich , an die Villa bei Florentia dürften sie dabei nicht denken : aber es riesele doch auch dort ein selbst unter dem Sirius nicht versiegender Waldquell , Eichen und Kornellen gäben breiten Schatten , um den verfallnen Faunustempel wuchre üppig der Efeu und im Garten habe er Rosen , Veilchen und Lilien pflanzen lassen , wie sie Domna Kamilla liebe und so möchten sie denn Maultier und Sänfte besteigen und wie andre Edelfrauen ihre Villa beziehen . Die Frauen , von dieser Treue des Alten gerührt , nahmen dankbar seine Güte an und Kamilla , die sich in kindlicher Genügsamkeit auf die kleine Veränderung freute , war heiterer , belebter als je seit dem Tod ihres Vaters . Ungeduldig drängte sie zum Aufbruch und eilte noch am selben Tage mit Corbulo und Daphnidion , dessen Tochter , voraus , Rusticiana sollte mit den Sklaven und dem Gepäck sobald als möglich folgen . Die Sonne sank schon hinter die Hügel von Tifernum , als Corbulo , Kamillens Maultier am Zügel führend , aus den Waldhöhen auf die Lichtung gelangte , von wo aus man das Gütchen zuerst wahrnehmen konnte . Längst hatte er sich auf die Überraschung des Kindes gefreut , wenn er ihr von hier aus das anmutig gelegene Haus zeigen würde . Aber erstaunt blieb er stehen : - er hielt die Hand vor die Augen , ob ihn die Abendsonne blende , er sah umher , ob er denn nicht an der rechten Stelle : aber kein Zweifel ! da stand ja an dem Rain , wo Wald und Wiese sich berührten , der graue Markstein in Gestalt des alten Grenzgottes Terminus mit seinem spitz zulaufenden Kopf : der rechte Ort war es , aber das Häuschen nicht zu sehen : vielmehr an seiner Stelle eine dichte Gruppe von Pinien und Platanen : und auch sonst war die ganze Umgebung verändert : da standen grüne Hecken und Blumenbeete , wo sonst Kohl und Rüben , und ein zierlicher Pavillon prangte , wo bisher Sandgruben und die Landstraße sein bescheidnes Gebiet begrenzt hatten . » Die Mutter Gottes steh mir bei und alle obern Götter ! « rief der Steinmetz , » bin ich verzaubert oder die Gegend ? Aber Zauber ist los ! « Seine Tochter reichte ihm eifrig das Amulett , das sie am Gürtel trug : aber Aufschluß konnte sie nicht geben , da sie zum erstenmal das neue Besitztum betrat und so blieb nichts übrig , als das Maultier zur größten Eile zu treiben und springend und rufend begleiteten Vater und Tochter den Trab des Grauchens die Wiesenhänge hinunter . Als sie nun näher kamen , fand Corbulo allerdings hinter der Baumgruppe das Haus , das er gekauft : aber so verjüngt , erneuert , verschönt , daß er es kaum erkannte . Sein Staunen über die Umwandlung der ganzen Gegend stieg aufs neue zu abergläubischer Furcht : offnen Mundes blieb er zuletzt stehen , ließ die Zügel fallen und begann eine wieder seltsam gemischte Reihe von christlichen und heidnischen Ausrufen , als plötzlich Kamilla ebenso überrascht ausrief : » Aber das ist ja der Garten , wo wir gewohnt , das Viridarium des Honorius zu Ravenna , dieselben Bäume , dieselben Blumenbeete , und auch an jenem Teich , wie zu Ravenna am Meeresufer , der Tempel der Venus ! o wie schön , welche Erinnerung ! Corbulo , wie hast du das angefangen ? « Und Tränen freudiger Rührung traten in ihre Augen . - » So sollen mich alle Teufel peinigen und Lemuren , wenn ich das angefangen habe . Doch da kommt Cappadox mit seinem Klumpfuß , der ist also nicht mit verhext . Rede , du Zyklope , was ist hier geschehen ? « Der riesige Cappadox , ein breitschultriger Sklave , humpelte mit ungeschlachtem Lächeln heran und erzählte nach vielen Fragen und Unterbrechungen des Staunens eine rätselhafte Geschichte . Vor drei Wochen etwa , wenige Tage nachdem Cappadox auf das Gut geschickt war , es für seinen Herrn , der auf längere Zeit in die Marmorbrüche von Luna verreist war , zu verwalten , kam von Tifernum her ein vornehmer Römer mit einem Troß von Sklaven und Arbeitern und mit hochbepackten Lastwagen an . Er fragte , ob dies die Besitzung sei , welche der Steinmetz Corbulo von Perusia für die Witwe des Boëthius gekauft . Und als dies bejaht wurde , gab er sich als den Hortulanus Prinzeps d.h. als Oberintendanten der Gärten zu Ravenna zu erkennen . Ein alter Freund des Boëthius , der aus Furcht vor den gotischen Tyrannen seinen Namen nicht zu nennen wage , wünsche , sich insgeheim der Verfolgten anzunehmen und habe ihm den Auftrag gegeben , den Aufenthalt derselben mit allen Mitteln seiner Kunst zu schmücken und zu verschönern . Der Sklave dürfe die beabsichtigte Überraschung nicht verderben und halb mit Güte , halb mit Gewalt hielt man den staunenden Cappadox auf der Villa fest . Der Intendant aber entwarf sofort seinen Plan , und seine Arbeiter gingen unverzüglich ans Werk . Viele benachbarte Grundstücke wurden zu hohen Preisen hinzugekauft und nun hob an ein Niederreißen und Bauen , ein Pflanzen und Graben , ein Hämmern und Klopfen , ein Putzen und Malen , daß dem guten Cappadox Hören und Sehen verging . Wollte er fragen und dreinreden , so lachten ihm die Arbeiter ins Gesicht . Wollte er sich davonmachen , so winkte der Intendant und ein halb Dutzend Fäuste hielten ihn fest . » Und « - schloß der Erzähler - » so ging ' s bis vorgestern morgen . Da waren sie fertig und zogen davon . Anfangs war mir angst und bang , da ich die kostspieligen Herrlichkeiten aus dem Boden wachsen sah . Ich dachte : am Ende , wenn Meister Corbulo das alles bezahlen soll , dann weh über meinen Rücken ! Und ich wollte dir ' s melden . Aber sie ließen mich nicht und obenein wußt ' ich dich fern von Haus . Und wie ich nachgerade das unsinnig viele Geld des Intendanten verspürte und wie der mit den Goldstücken um sich warf wie die Kinder mit Kieseln , siehe , da beruhigte sich allmählich mein Gemüte , und ich ließ alles gehen wie es ging . Nun , o Herr , weiß ich wohl : du kannst mich dennoch in den Block setzen und prügeln lassen . Mit der Rebe oder sogar mit dem Skorpion . Du kannst es . Denn warum ? du bist der Herr und Cappadox der Knecht . Aber gerecht , Herr , wäre es kaum ! bei allen Heiligen und allen Göttern ! Denn du hast mich gesetzt über ein paar Kohlfelder und siehe , sie sind geworden ein Kaisergarten unter meiner Hand . « Kamilla war längst abgestiegen und davongeschlüpft , ehe der Sklave zu Ende . Mit vor Freude hochklopfendem Herzen durcheilte sie den Garten , die Lauben , das Haus : sie schwebte wie auf Flügeln , kaum konnte ihr die flinke Daphnidion folgen . Ein Ausruf der Überraschung des freudigen Schreckens jagte den andern : so oft sie um eine Ecke des Weges , um eine Baumgruppe , bog , wieder und wieder stand ein Bild aus jenem Garten von Ravenna vor ihrem entzückten Auge . Als sie aber ins Haus gelangte und ein kleines Gemach desselben genau so bemalt , ausgerüstet , geschmückt fand wie jener Raum im Kaiserschloß gewesen war , in dem sie die letzten Tage der Kindheit verspielt und die ersten Träume des Mädchens geträumt , dieselben Bilder auf den bastgeflochtenen Vorhängen , die gleichen Vasen und zierlichen Citruskästchen und auf dem gleichen Schildpattischchen ihre kleine zierliche Lieblingsharfe mit den Schwanenflügeln , da , überwältigt von so vielen Erinnerungen , und noch mehr von dem Gefühl des Dankes gegen so zarte Freundschaft , sank sie schluchzend in freudiger Wehmut auf den weichen Teppichen des Lectus zusammen . Kaum konnte sie Daphnidion beruhigen . » Es gibt noch edle Herzen , noch Freunde für das Haus des Boëthius « , rief sie wieder und wieder . Und sie sandte das innigste Gebet des Dankes gegen Himmel . - Als am Tage darauf die Mutter eintraf , war sie kaum weniger ergriffen von der seltsamen Überraschung . Sogleich schrieb sie nach Rom an Cethegus und fragte , welcher Freund ihres Gatten wohl in diesem geheimnisvollen Wohltäter zu suchen sei ? Es war ihr eine stille Hoffnung , an ihn selbst dabei zu denken . Aber der Präfekt schüttelte nachdenklich den Kopf über ihren Brief und schrieb ihr zurück : er kenne niemand , an den ihn diese zartfühlende Weise mahnen könne . Sie möge scharf jede Spur beachten , die zur Lösung des Rätsels führen könne . Es sollte sich bald genug enthüllen . - Kamilla wurde nicht müde , den Garten zu durchstreifen und immer neue Ähnlichkeiten mit seinem trauten Vorbild zu entdecken . Oft führten sie diese Gänge über den Park hinaus und in den anstoßenden Bergwald . Dabei pflegte sie die muntre Daphnidion zu begleiten , die ihr gleiche Jugend und treue Anhänglichkeit rasch zur Vertrauten gemacht . Wiederholt hatte diese der Patrona bemerkt , ein Waldgeist müsse ihnen nachschleichen . Denn vielfach knacke es hörbar in den Büschen und rausche im Grase hinter oder neben ihnen . Und doch sei nirgends Mensch oder Tier zu sehen . Aber Kamilla lachte ihres Aberglaubens und nötigte sie immer wieder in die grünen Schatten der Ulmen und Platanen hinaus . Eines Tages entdeckten die Mädchen , vor der Hitze tiefer und tiefer in die Kühle des Waldes flüchtend , eine lebhafte Quelle , die reichlich und klar von dunkeln Porphyrfelsen traufte . Doch sie rieselte ohne bestimmtes Rinnsal , und mühsam mußten die Durstenden die einzelnen Silbertropfen erhaschen . » Wie schade , « rief Kamilla , » um das köstliche Naß ! Da hättest du die Tritonenquelle sehen sollen im