vom Bach heraufkommt , tut mir wohl . - Es ist der Brachmonat , aber die Sonne kommt spät über den Waldberg herauf , daß sie freundlich in meine Stube luget . Ich bin des Morgens hinaus in das Freie gegangen . Wie ist es da frisch und grün und tauschimmernd , und an den Waldbergen , so weit sie von dem engen Tal aus zu sehen , spinnt sich das bläuliche Sonnentuch über die Lehnen . Gegen die Abendseite hin streben die Vesten der Felsen auf und oben am Rande stehen wie Schildwachen verwittere Fichtenzwerge in die Bläue des Himmels hinein . Der Rand da oben soll aber noch lange die höchste Zinne nicht sein . Darüber kämen erst die Matten der Almen , wo jetzt in Sträuchen die roten Rosen blühen sollen ; hernach kämen wieder Felswände , an denen das milde Edelweiß prangt und die roten Tropfen der Kohlröschen zittern , wie ich das als Studiosus auf Ausflügen mehrmals gefunden habe . Über diesen Felsen legt es sich wohl hin in weiten unwirtlichen Feldern des Schnees und des Eises , wie ich sie gestern als eine weiße Tafel schimmern hab ' gesehen . Wenn ich in meinen Aufgaben hier unten glücklich bin , so will ich einmal emporsteigen zu den Gletschern . Und über den Gletschern ragt letzlich der graue Zahn , von dessen Spitze aus , wie mir meine Wirtin hat gesagt , in weitesten Weiten das große Wasser soll zu sehen sein . Bin ich glücklich hierunten , so gönne ich mir , daß ich von dem hohen Berge aus einmal das Meer anschaue . Ich bin in Krieg und Sturm durch die halbe Welt gerast und hab ' nichts gesehen , als Staub und Stein ; und jetzt im Frieden der Einsamkeit geht mir ein Auge auf für die Schöpfung . Aber - Wildschützen , Soldatenflüchtlinge , Gesellen , denen man zur Nacht nicht gerne begegnet ! - Andreas , das wird ein heißes Tagwerk geben ! Urwaldfrieden Mir ist es schon recht im Walde . Die wenigen Leute , die mich in den Wald gehen sehen , lugen mir nach und können es nicht verstehen , daß ich , ein junger Bursche , so in der Einschicht herumsteige . Ei ja freilich , ich werde von Tag zu Tag jünger und hebe an zu blühen . Ich genese . Das macht die urtümliche Schöpfung , die mich umwebt . Gefühlsschwärmerei treibe ich nicht . Wie er einzieht durch die Augen und Ohren und all die Sinne , der liebe , der schöne Wald , so mag ich ihn genießen . Nur der Einsame findet den Wald ; wo ihn mehrere suchen , da flieht er , und nur die Bäume bleiben zurück . Sie sehen den Wald vor Bäumen nicht . Ja , noch mehr , oder zwar noch weniger , sie sehen auch die Bäume nicht . Sie sehen nur das Holz , das zum Zimmern oder Verkohlen , das Reisig , das zum Besen dient . Oder sie machen die grauen Augen der Gelehrtheit auf und sagen : Der da gehört in diese Klasse , oder in diese - als wie wenn die hundertjährigen Tannen und Eichen lauter Schulbuben wären . Mir ist schon recht im Walde . Ich will , solange ich ihn genieße , von seinem Zwecke , wie diesen Zweck die Gewinnsucht der Menschen versteht , kein Wort noch gehört haben ; ich will so kindlich unwissend sein , als wär ich erst heute vom Himmel gefallen auf das weiche , kühle Moos im Schatten . Ein Netz von Wurzeln umgibt mich , teils saugt es aus der Erde seinen Bäumen die Muttermilch , teils sucht es den Moosboden und den Andreas Erdmann darauf mit sich zu verflechten . Ich ruhe sanft auf den Armen des Netzes - auf Mutterarmen . Gerade empor ragt der braune Stamm der Fichte und reckt einen Kranz von knorrigen Ästen nach allen Seiten . Die Äste haben lange graue Bärte - so hängen die filzigen Flechtenfahnen nieder von Zweig zu Zweig . Wohl geglättet und balsamtriefend ist die silberig schimmernde Tanne . In den rauhen , furchigen , verschnörkelten Rinden der Lärchen aber ist mit den geheimnisvollen Zeichen der Schrammen die ganze Weltlegende eingegraben , von dem Tage an , als der verbannte Brudermörder Kain zum ersten Male unter dem wilden Astgeflechte der Libanonlärche geruht hat , bis zur Stunde , wo ein anderer , auch ein Heimatloser , den Wohlduft der weichen , hellgrünen Nadeln friedlich trinkt . Dunkel ist ' s wie in einem gotischen Tempel ; der Nadelwald baut den Spitzbogenstil . Obenhin ragen die hunderttausend Türmchen der Wipfel ; dazwischen nieder auf den schattigen Grund leuchtet , wie in kleinen Täfelchen zerschnitten , die tiefe Himmelsbläue . Oder es segeln hoch oben weiße Wölklein hin und suchen mich zu erspähen , mich , den Käfer im Waldfilz , und wehen mir einen Gruß zu - von .... Nein , sie ist geborgen unter stolzem Dach von Menschenhand ; ihr Wolken habt sie nicht gesehen , oder habt ihr sie ? - Ach , sie wehen von fernen Oden und Meeren . Da flüstert es , da säuselt es ; es sprechen miteinander die Bäume . Es träumt der Wald . Eine schneeweiße , große Blüte weht heran ; blühen die Nadelwälder denn nicht in den Blutstropfen ihrer purpurnen Zäpfchen ? Woher die weiße Blüte ? Es ist ein Schmetterling , der sich verirrt von seiner sonnigen Wiese und nun im Dunkel des Waldes angstvoll gaukelt . Wer bricht aber in den verwachsenen Kronen die Äste entzwei , daß sie krachen und prasseln und in dürren Zweigen niedertänzeln ? Ein Habicht braust dahin mit einem grellen Pfiff und ein armes Waldhuhn muß sein Leben enden . Alle Wildtauben sind auf und girren ihr Sterbegebet - da knallt es , und nieder inmitten des schimmernden , wogenden Kranzes der Tauben stürzt der getroffene Raubvogel . Unterwegs zum Grab will seine Klaue noch ein Opfer haschen und in dem brechenden Auge funkelt lange noch die Raubgier . All mein Lebtag hab ' ich keine so merkwürdige Webematte gesehen , als dieses bunte , wunderbare Flechtwerk des Moosbodens . Das ist ein Wald im Kleinen und in dem Schoße seines Schattens ruhen vielleicht wieder Wesen , die wie ich das ewige Gewebe der Schöpfung betrachten . Hei , wie die Ameisen eilen und rennen , wie sie mit ihren haardicken Armen der kleinen Dinge kleinste umklammern , mit ihrem ätzenden Saft alles Feindliche zu vergiften meinen ; sie wollen gewiß auch noch die Welt gewinnen vor dem Jüngsten Tag . Ein glänzender Käfer hat ihnen lange zugesehen , er denkt verächtlich über die mühsam Kriechenden , denn er selbst hat Flügel . Jetzt flattert er übermütig empor und funkelnd kreist er hin , und plötzlich ist er umgarnt und gefesselt in Stricken . Die Spinne hat an diesem Dinge schon lange still und emsig gearbeitet ; ein Schleier , wie zarter keiner geflochten wird auf Erden , ist des strahlenden Käfers Leichenkleid geworden . Die Vöglein im Geäste wollen auch ihr Kunstwerk stellen , sie flechten , wo das Reisig am dichtesten ist , aus Halmen und Zweigen ein Wiegenkörbchen für ihre liebe Jugend . Und wenn ihnen die Sonne just recht am Himmel steht , so singen und jauchzen sie bei ihrer Arbeit , daß es ihn allen Nadeln und Bäumen wiederklingt , sonst aber hocken sie im Nest und schnäbeln und legen die zarten , buntstreifigen Eier . Ob es denn wahr ist , daß sich derselbe eine rote Faden fortspinnt durch alle Geschlechter des Menschen und Tierreiches bis hinab zum allerkleinsten Wesen ? Ob denn alles nach dem einen und selben Gesetze geht , was der König Salomon getan auf seinem goldenen Throne , und was die träge sich wälzende Raupe tut unter dem Stein ? Das möcht ' ich wohl wissen . Husch , dort hüpft ein Hase , bricht sich der gekrönte Hirsch Bahn durch das Gestrüppe . Jeglicher Strauch tut auch so geheimnisvoll , als ob er hundert Leben und Waldgeister in sich verberge . Jetzund höre ich das Läuten der Hummel . Wenn in diesen Wäldern einmal eine Kirche gebaut würde und eine Glocke auf den Turm käme - so müßte sie klingen . - Auf dem Erdgrunde liegen die scharf geschnittenen Schattengestalten und darüber hin spinnen sich die Saiten des Lichtes . Und die Finger des Waldhauches spielen in diesen Saiten . Ich trete hinaus in die Lichtung . Ein zitternder Lufthauch rieselt mir entgegen , schmeichelt mit den Locken , küßt die Wangen , daß sie röten . Hellgrünes Haidegebüsch mit den roten Blütenglöckchen der Beeren hier , und dunkelglänzendes Preiselbeerkraut , der immergrüne Lorbeer unserer Alpen für den würdigen Dichter des Waldes , so einer zur Welt geboren wird . Die Waldbiene surrt herum auf den Sträuchern und jedes Blatt ist für sie ein gedeckter Tisch . Und über dieser dämmernden , duftenden Flur erhebt sich ein schwarzer Strunk , mit dem gehobenen Arm seines kahlen Astes trotzig dem Himmel drohend , weil dieser durch einen nächtlichen Blitzstrahl ihm das Haupt gespalten . Und es erhebt sich dort graues , zerklüftetes Gestein , in dessen Spalten sich behendig die Eidechse birgt , und die schimmernde Natter , und an dessen Fuße die zierlich durchbrochenen Blätter der Farnkräuter , und die blauen , allfort grußschwankenden Hütchen der Enziane wuchern . Weiterhin , wo sich die Quelle befreit und aus ihrem dunkelschattigen Grunde schimmert , wachsen an ihrem Ufer die tausend Herzen des Sauerklees und der heilsamen Wildkresse , die der Hirsch so gerne pflückt und das Reh , auf daß sie ihre Lunge nicht verlasse zur Stunde der Flucht . An der Lehne neben Dornstrauch und wilden Rosen liegt vom Sturme hingeworfen seit vielen Jahren das Gerippe einer Fichte , schier weiß , wie Elfenbein . Hoch ragen ihre Wurzeln auf , wie einst ihr Wipfel , und eine Schnecke hat sich verirrt in einen starren Zweig der Wurzel hinaus und kann ihren Weg zum Erdreich kaum finden . Wo kein Weg geht , dort geht der meine - wo es am steilsten ist , wo das Gestrüppe der Erlenbüsche und Dornsträucher am dichtesten ist , wo die Hundsbeere wächst , wo die Natter raschelt im gelben Buchenlaub des vergangenen Jahres . Wildhühner erschrecken vor mir und ich vor ihnen , und meine Füße sind das Elementarunglück der Ameisen , und mein vordringender Körper ist die Geißel Gottes den Spinnen , deren Bau zugrunde geht an diesem Sommertage . Es ist eine Lust , so in die Wildnis zu dringen , ins Dämmerige und Ungewisse hinein ; was ich ahne , reizt mich mehr , als das , was ich weiß ; was ich hoffe , ist mir lieber , als das , was ich habe . Vielleicht geht es anderen auch so . Ich stehe am Rand einer Wiese , die von jungem Fichtenwalde umfriedet ist . In meiner nächsten Nähe , aus dem Dickicht , ist ein Tier aufgefahren , welches in Sprüngen über die Wiese hinsetzt und am jenseitigen Rande stehen bleibt . Es ist ein Reh . Dort steht es nun , hält hoch seinen Kopf und lauert . Ich halte mich wie ein Baumstrunk . Ich dürste sonst nicht nach Blut , es wäre denn bisweilen nach dem der Trauben - aber jetzt folge ich einer angeborenen des Neigung des Menschen , hebe meinen Wacholderstock , lege ihn an die Wange , wie ein Gewehr , und ziele gegen die Brust des Wildes . Das steht dort , etwa hundertundzwanzig Schritte von mir entfernt , und blickt zu mir herüber . Es weiß recht gut , daß ein Wacholderner nicht losgeht . Endlich hebt es zu grasen an . Ich setze den Stock wieder zur Erde und trete weiter auf die Wiese hinaus . Das Reh hebt rasch sein Haupt und ich meine , jetzt und jetzt werde es davonstieben . Aber es eilt nicht , es leckt an seinem Hinterkörper , und mit seinem Fuße graut es sich hinter den Ohren - dann sieht es mich wieder an und beginnt zu grasen . » Rehlein , « sage ich , » du vergissest den schuldigen Respekt gegen den Menschen ! Hältst du mich nicht für fähig , dir gefährlich zu werden ? Mich wundert ' s , hierzulande streifen Jäger und Wildschützen . Du scheinst sonst kein heuriger Hase zu sein , stellst dich aber sehr unerfahren . Unter uns Leuten würde man ein solches Betragen Dummheit nennen . « Das Tier grast ganz allmählich gegen mich heran , hält nicht selten ein , um mich anzuschauen , wirft aber stets erschrocken den Kopf in die Höhe , so oft es von irgendeiner andern Seite ein Geräusch hört , und bereitet sich zum Sprunge . Es muß was wittern , denn einmal macht es ein paar große Sprünge , wodurch es mir aber noch um mehrere Schritte näher kommt . Dann beruhigt es sich wieder und grast mit Hast und Lust . Die Ohren sind immer gespitzt und das ganze Wesen ist ein Bild ängstlicher Wachsamkeit und Fluchtbereitschaft . » Du weißt es doch , « sage ich - » daß du in Feindesland bist ? Keine Minute sicher vor dem Schuß - das muß wohl recht bange machen . « Ich rücke ihm allmählich näher ; das Reh beachtet es nicht und grast mir entgegen . Oft hält es ein und sieht mich an mit Ruhe und Vertrauen , während es jeder anderen Richtung mit ängstlichem Mißtrauen zu begegnen scheint . » Mich freut es ungemein , « sage ich , » daß du mir nicht abgeneigt bist . Es läßt sich nicht leugnen , daß ich zu jenen Ungeheuern gehöre , die auf zwei Beinen gehen . Aber alle Zweibeinigen sind nicht gefährlich . Ich schon gar nicht , ich habe vorhin ein oder zwei Verslein gedichtet , wenn ich sie dir vorsagen darf ... « Da machte das Tier im Schreck einen weiten Sprung abseits . » Es wäre nicht lang gewesen , « sage ich bedauernd , daß ich das Reh verscheucht , aber es kommt mir grasend bald wieder näher . » Es ist nicht schlau von dir , daß du mich kränkest . Das Lied ist für meinen Schatz gemacht . Es lebt irgendwo eine , die ich im Grunde des Herzens lieb habe , aber kein Mensch ahnt es , und sie selber auch nicht . Da habe ich ihr denn diese Verse gedichtet . Sie müssen aber wieder vergessen werden . - Wie hältst du ' s in solchen Sachen ? - Das Tier tritt mir wieder um zwei Schritte näher und hebt zu schnuppern an . Da wird mir ganz vorwitzig zumute . » Liebes Reh ! « sage ich und halte ihm die Arme entgegen . » Ich kann nicht sagen , wie du mich anmutest . Hätte ich was bei mir , ich schösse dich nieder . - Nein , von mir fürchte nichts . Ich schieße nimmer . Du atmest dieselbe Luft , wie ich , dein kleines Auge sieht denselben Sonnenschein , wie ich - dein Blut ist so warm wie das meine - warum soll ich dich umbringen ? - Einmal habe ich zwar zu mir gesagt : Bist ein niederträchtiger Bursch ' ! - ' s ist schon lange vorbei und seither manches geschehen , was dafür , und manches , was dawider spricht . Aber aus Passion bringe ich nichts um . In der Notwehr ist ' s was anderes , da achte ich kein Leben , außer das meine ; und wenn ich Hunger habe und eine Büchse , so schieße ich dich doch nieder , da hilft dir alles nichts . « Trotz alledem kommt das Rehlein immer näher auf mich zu . Ich stehe wie eine Säule da und zehn Schritte vor mir das Tier und sieht mich an . Es ist mir schier unheimlich . Das muß kein rechter Mensch sein , zu dem das Wild sich gesellt .... » Du bist neugierig , « sage ich , » wie sich so einer von der Nähe anschaut . Nun , betrachte mich nur recht . Aber diese Lappen aus Leinwand und Wollenzeug gehören nicht dazu . In Wahrheit sehen wir anders aus . Und wenn du uns sähest so nackt und bloß , wie du selber bist , alle Angst und Furcht müßest du vor uns verlieren . Von Haus aus können wir nicht schießen , können nicht so laufen wie du , können uns nicht nähren von diesem Kraute , können nicht wohnen im Dickicht . So armselig sind wir . Wir - so heißt es - hätten es wohl einmal gekonnt , aber in dem Maße , als unsere Vernunft gewachsen , sei unser Körper abhängig geworden , sei fein und empfindlich und verweichlicht und schwächlich geworden . Und wenn es so fortgeht , löst sich der ganze Mensch in Geist auf ; dieser wieder muß vergehen , wie die Flamme stirbt , wenn Docht und Öl verzehrt ist . - Dann sind wir fertig und ihr kommt an unsere Stelle . « Der ganze , aschgraue Leib des Tieres ist schön , kräftig und geschmeidig ; wenn es den Kopf recht hoch erhebt , ist es fast stolz und seine Augen sehen so klug und gutmütig auf mich her . » Ich weiß nicht , « sage ich , » ob denn du auch immer suchest , ohne zu wissen , was ; ob du dich abmühest Tag und Nacht , um ein Gut zu erreichen , das dich dann , wenn du es besitzest , doch nicht befriedigt . Ich weiß nicht , ob der Haß es ist , der dich belebt , der Ehrgeiz , der dich peitscht , die Liebe , die dich unglücklich macht , die Lust , die dich tötet . Bei uns ist es so . - Nun stehen wir beide uns gegenüber und blicken uns an . Bedauere ich dich , oder bedauerst du mich ? Du hast und genießest voll , was du haben und genießen kannst ; uns werden die süßen Freuden des Herzens von der Erbarmungslosigkeit des Verstandes und auch der Vorurteile vergällt . Unser Fühlen artet in Denken aus , und das ist unser Unglück . Wollen wir noch was Gutes haben , so müssen wir uns euch nähern . - Was ? Du schüttelst das Haupt , du verneinst es , Reh ? Du möchtest am Ende gar auch ein Mensch sein ? Nein , so weit bist du noch nicht vorgeschritten , daß du unzufrieden wärest . Deine Not ist der Jäger , so wie die unsere - der Mensch . Uns drohen die größten Gefahren von unseresgleichen . Ist dir das neueste Wochenblatt schon zu Gesichte gekommen ? Ei so , du liesest keine Blätter , du frissest sie . Ist auch gesünder , nur vor Druckblättern hüte dich , die sind giftig . Sie wären es nicht , aber sie saugen das Gift aus dem Boden , auf dem sie stehen , aus der Luft , die sie umweht , aus der Zeit , der sie dienen . - Gottlob , daß sie in den Winkelwäldern nicht wachsen . Da wächst der Sauerklee , und das ist was für dich , und der Pilzling , das ist was für mich . Übrigens , mein liebes Ricklein , wie lange werden wir denn hier stehen bleiben ? Wie steht ' s mit dem Ausderhandfressen ? « Ich reiße Gras aus dem Boden , ein Geschäft , das mein Reh mit Kennerauge verfolgt . - Knallt ein Schuß . Ein kurzes Pfeifen ist durch die Luft gegangen , das Reh hat einen Sprung gemacht - und läuft nachher mit vollster Entfaltung seiner Schnellkraft über die Wiese und schnurgerade ins Dickicht hinein . Im nahen Gestämme verzieht sich langsam der schwefelige Rauch . Ich eile , den Wildschützen zu suchen , um ihn dem Gericht zu überliefern , weil er geschossen , und um ihn freizubitten , weil er nicht getroffen . - - Ich sehe weder den Schützen noch das Reh , und ich bin rasend in dem Gedanken , das Reh könne mich für den Mitschuldigen , für den Verräter oder gar für den Meuchelmörder halten , und ich will in seinen Augen weder ein schlechter Freund , noch ein schlechter Schütze sein . - Was nützt all das ? Der Schwärmer hält nicht vor ; im Spätherbste , wenn mir , wie ich es verhoffe , der Rehbraten auf den Tisch kommt , werden die freundschaftlichen Gefühle sicherlich wieder erwachen , aber nicht aus dem Herzen werden sie kommen , sondern aus dem Magen . - Der Mensch kann ein Schelm werden , und das ist bisweilen gut . Es hat ja nicht gar lange angehalten . Bald ist wieder was anderes da . Das jauchzende Brüllen eines Stieres hallt heran , oder das Schellen und Meckern einer Ziege . Der Hirtenjunge hüpft herbei . Mit den Wacholdersträuchern mag er nichts zu schaffen haben , die Nadeln stechen , die blauen Beeren sind bitter . Aber Erdbeeren pflückt er in die Haube , oder was ihm lieber ist , in den Mund . Dann pflückt er das schmale , spitzige Blatt vom Bocksbartkraut , führt es zur Lippe und bringt durch dasselbe einen Pfiff hervor , der weithin hallt in den Hängen und den in der Ferne andere Hirtenjungen wieder zurückgeben . Das ist dem Völklein des Waldes das Zeichen seiner Brüderlichkeit . Durch das Himbeergestrüppe windet sich ein Waldrauchsammler , der aus dem Ameisenhaufen die Harzkörner hervorschafft . Aus diesen Harzkörnern bereitet er den Weihrauch , das wundersame Korn , dessen Wolkenschleier der Sterblichen Augen bezaubert , daß sie hinsinken vor das Opferbrot und den Herrn sehen . Am Rain bei purpurnen Eriken , unter Brombeerlaub wuchert die Süßwurzel ; das ist des Hirtenknaben leckeres Gewürze , und auch die Sennin nascht gerne davon , auf daß sie eine klingende Stimme kriege zum Jodeln auf der Alm . Der Sennin - merk ' ich - geht es oft sonderbar , wohl hat sie viele , gar rechtschaffen viele Worte auf der Zunge , aber das rechte für ihre Herzenslust ist nicht dabei , und so drückt sie sich denn anders aus und singt ein Lied ohne Worte , daß sie hier , so weit es klingt , den Jodler heißen . Ich ziehe durch einen von Wildwässern des Kares ausgerissenen Hohlweg abwärts . Bäume und Sträucher wölben ihn zu einer Laube . Ein kühler Lufthauch fächelt , da stehe ich am Ufer eines Waldsees . Finstere Gewände und schlanke braune Stämme des Urwaldes schließen ihn ein . O , so still - so still ist ' s über dem See . Das verlorene Blatt einer Buche oder Eiche raschelt heran , ich höre jenes ewige Klingen der tiefsten Lautlosigkeit . Es ist wo ein Glöcklein im Weltenraum , wir wissen nicht im Erdengrund hienieden , oder im Sternenkranze - das ruft uns allerwege . Und zur geruhsamen Stund ' erfaßt unsere Seele den traulichen Klang und sehnt sich .... und sehnt sich - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Urwaldfrieden , du stille , du heilige Zuflucht der Verwaisten , Verlassenen , Verfolgten - Weltmüden ; du einziges Eden , das dem Glücklosen noch geblieben ! - Horch , Andreas ! Hörst du noch das Klingen und Hallen des wortlosen Liedes ? Das ist das Jauchzen der Hirten in ihrem Paradiese . - Hörst du auch das ferne Pochen und Schallen ? Das ist der Holzhauer mit der Axt - der Engel mit dem Schwerte . Bei den Hirten Das Hirtenvolk ist das erste gewesen . Die Hirten sind von den Menschen , denen man in diesen Waldbergen begegnen kann , die harmlosesten . So habe ich mit dem Hirtenvolke angefangen . Hab ' jetzund auch schon ein gut Stück Schäferleben ausgekundschaftet . Bis auf die zweie oben in der Miesenbachhütte sind sie aber nicht allhier daheim ; die Hirten sind nirgends recht daheim , sind Wandersleute . Zur Winterszeit leben sie draußen in den vorderen Gegenden , hausen in Bauernhöfen , denen sie angehören . Sie leben zwar dort bei den Menschen , schlafen aber bei den Rindern und Ziegen . Dann kommt das Frühjahr ; die Ähren auf dem Felde gucken schon ein wenig aus den grünen Hülsen hervor und gen Himmel auf , zu sehen , ob nicht die Schwalben schon da sind . Die Frühlingsgießbäche schwinden und trocknen . - Jetzt tun sie ihren Viehstand aus dem Stall und ziehen selbander den Almen zu . Die Kühe tragen schellende Blechglocken , die Kalben und Stiere tragen grünende Kränze , wie am Gottsleichnamstag die Menschenkinder . Bei dem Auftriebe zur Alm , wenn junge Leute und Rinder mitsammen wandern , geht das Bekränzen ohn ' Ärgernis ab ; wenn aber nach vielen Flitterwochen auf lichten Höhen die Rinder zum Spätherbst wieder mit frischen Kränzen zurück ins Tal kommen , so trägt nicht immer auch die Sennin den grünen Zweig noch im Haar . Auf der Alm gibt es viel Sonne und wenig Schatten , und das frische Wasser muß der Almbub ' weiten Weges herbeischleppen - da verdorrt bigott nichts leichter als so ein zart Sträußlein im Lockenhaar . Zur lieben Sommerszeit ist es da oben gut sein . So sind sie denn gut froh , und ich - wahrhaftig und bei meiner Treu , ich bin ' s mit ihnen . Gram und Herzweh sind wie Glashauspflanzen , die wollen in der frischen Alpenluft nicht gedeihen . Gar der Alte , der sonst brumbeißige Ochsenhalter , der seine schwerfällige Schar auf den Almen weidet , hat ein hölzern Pfeiflein bei sich , das trotz der heisergewordenen Lunge des Alten noch rechtschaffen hell mag jauchzen . Allerweil singen und blasen , sonst wird er mager , der arme , einsame Narr , und das Öchslein nicht fett . Und in der Sennerei , da ist ' s gut bestellt ; da ist hübsch alles beisammen . An dem Herd mit der Flamme und den rußigen Töpfen sitzt die Häuslichkeit . Vor dem wackelnden Tisch an dem kindisch aufgeputzten Hausaltar kniet die Religion . Und wo die Bettstatt steht , da hätte Gott nichts Besseres mehr hinzustellen vermögen . Aus rauhen Brettern ist das Bett gezimmert , mit Moos und Binsen gefüttert - weiter geht ' s mich nichts an . In der Nebenkammer stehen Kübel und Töpfe ; da ist das Milch- und Buttergeschäft , dessen Erträgnis dem Eigentümer der Sennerei redlich zugeliefert wird . Die ganze Wirtschaft schließen vier Holzwände ein , in denen die Almerin nächtlicherweile das Goldmännlein klöpfeln hört ; dieses Klöpfeln bedeutet ihr die Erfüllung des Herzenswunsches . - Ich habe der gläubigen Aga nicht sagen mögen , daß ich meine , das klöpfelnde Goldmännlein dürft ' ein fleißiger Holzwurm sein . Was der tausend gingen auch den Holzwurm ihre Herzenswünsche an ! Diese werden aber doch erfüllt ; die einfältigen Leute da herum haben lauter Wünsche , die erfüllbar sind . Und wie die Maid in der Hütte , so schlummert im Stall der Hirtenbursche . Sein Wunsch ist : ausschlafen ! Am Morgen , da schreit die helle Sonne zum Fenster herein . Sie schreit , es sei Zeit ! Da will die Sennin mit dem Kübel in den Stall , wo unter vier Füßen die weißen Milch- und Butterbrünnlein fließen . Auf die Milch wartet schon die Flamme des Herdes und auf die Suppe der Hirtenbursche . Er jodelt und jauchzt , da vergeht die Zeit . Das Einfachste aber ist schon , wie ' s der Berthold macht : er legt sich unter die Bäuche der Kühe und trinkt das Frühstück gleich aus dem Euter heraus . Just bei dem Berthold und der Aga in der Miesenbachhütte hab ' ich meine Erfahrungen gemacht . - Nimmt nach der Morgensuppe die Aga den Korb auf den Rücken und stiegt hinab gegen die Futterwiese der Talmulde , auf daß sie als sorgsame Hausfrau ihrem vierfüßigen Gesinde den Tisch bereite , bei dem es sich melken läßt . Mahl hält die Herde den ganzen Tag ; schon zur Morgenfrühe leitet sie der Berthold auf die taufrische Weide . Ich habe zu solcher Stunde einmal der Aga zugehört . Sie trillert und singt und ich schreibe mir so Sachen gerne auf : » Wan da Winkelboch va Milch wa , Und da Hochkogl va Butta , Und is Winkeltol vul Sterz dazua , Däs war a Fressn , mei Bua ! « Der Berthold hört ' s , besinnt sich nicht lange ; auf ein so sachlich Lied gehört ein noch sachlicheres . Er steht auf der Wand und singt dem Mädchen zu : » Wan dei rot ' s Hor va Guld wa , Und dei Kröpfl vul Tola , Und dei Miada vul Edlstoan , Däs wa ma recht , däs kunt ' s toan ! « Und drauf sie : » Die Tola tatn dih juckn , Die Edlstoan tatn dih druckn , A guldanas Hor war olls z ' viel zort Fü dein borstadn Bort . « Sie bleiben einander nichts schuldig im Schnaderhüpfelgefecht . Wie es aber nur kommen mag , daß im Waldland für Lieb ' und Zärtlichkeit nicht so viele Worte wachsen wollen , als für Spott und Posse ? Ist schon die Lieb ' da unten nicht gar geschwätzig , so ist sie hier oben bei den Legföhren und Kohlröschen stumm wie der Fisch im Wasser . Der Kuß wird hier auch nicht so abgeschäckert , wie anderswo . Es ist , möchte ich sagen , als wie wenn sich das warme Blut nicht Zeit