Faber senior überließ ihm denn auch willig Lanzette und Zange , sich selber mit dem Schermesser und der Aufsicht über seine Wiesen und Äcker begnügend . In der freien Zeit , welche dem unermüdlichen Knaben neben Büchern und Praxis noch hinreichend blieb , saß er im Laboratorium des Apothekers , machte Studien im Schlachthause oder in dem des Abdeckers , der nebenbei , wie viele seines Zeichens , für einen Geheimkünstler galt . Bei keiner Leichenschau , keiner Obduktion fehlte Siegmund Faber . Als er aber endlich auch dem Namen nach der Schulbank entlassen war , da blieb er häufig tage- , ja wochenlang aus dem Hause verschwunden , und hätte Vater Faber nach den Wegen eines Menschen , der seinen eigenen geht , geforscht , in den klinischen Instituten und anatomischen Kabinetten unserer beiden Nachbaruniversitäten , ja selber in denen des ferneren Jena würde er ihn aufgefunden haben . Professoren und Sektoren , von dem seltsamen Eifer des jungen Autodidakten angezogen , nahmen ihn willig in ihr Gefolge auf und gaben mancherlei Anleitung , die zu weiteren Forschungen führte . Im Gymnasiastenalter war Siegmund Faber bereits eine bekannte Persönlichkeit und hatte eine Art von Ruf meilenweit in der Runde . Es wurde daher kein Bedenken getragen , ihn als Gehilfen unseres Regimentsfeldschers eintreten zu lassen . Man fragte jener Zeit im ärztlichen Militärdienst wenig , was einer wußte oder nicht wußte , sondern begnügte sich mit dem , was er konnte , oder auch ebenfalls nicht konnte . Da aber Siegmund Faber ohne Zweifel etwas konnte , so galt es für ausgemacht , daß ihm der Posten des alten Feldschers zugesprochen werden würde , als dieser endlich zu der Überzeugung gelangt war , daß er , wenn er überhaupt jemals etwas gekonnt , zurzeit jedenfalls nichts mehr konnte . Während dieses Interims starb Vater Faber ; sein Sohn war volljährig , das heißt einundzwanzig Jahr , ein vermögender , unabhängiger Mann . Und das war der Zeitpunkt , in welchem meine Eltern die Rettung der kleinen Dorl von ihm erwarteten . Denn in solchen Widersprüchen - oder Ausgleichungen ? - gefällt sich die Natur : dieser Mensch , der keinen Sinn zu haben schien , als für die leiblichen Abirrungen der Kreatur , kein Bedürfnis , als deren Herstellung , keine Leidenschaft , als den Ehrgeiz des Meisterwerdens in seiner Kunst , derselbe Mensch fühlte sich , als ob seine Organe der Erholung bedürften , mit einem ebenso frühen ausschließlichen Verlangen einem Wesen zugetrieben , dem heilsten und schönsten , das sich in seinem Gesichtskreise erspähen ließ . Dieses Wesen war seine kleine Nachbarin Dorothee . Schon als Wiegenkind soll er sie mit Entzücken betrachtet , er , der Ruhelose , oft stundenlang in ihrem Anblick verweilt haben ; späterhin wurde sie nicht seine Gespielin , aber das einzige Spielwerk , das er jemals gehegt . Er brachte ihr Näschereien , Blumen , allerlei Putz und Tand ; er nannte sie sein Dörtchen , sein Kind , seine Braut , sprach von ihr als von seiner einstigen Frau mit derselben Zuversicht wie von dem großen Doktor , zu dem er es bringen werde . Und seltsam ! Keiner lachte über den kleinen ernsthaften Mann . Wieder später sahen wir ihn sich zu einem Schutzherrn über die reifende Jungfrau erheben . Er hütete sie mit einer Art von Eigentumsrecht : wie ein Blitz rachsüchtigen Grimms zuckte es in seinen forschenden Augen bei jedem Beifallszeichen eines Fremden , die Fäuste ballten sich bei einer unziemlichen Neckerei über die hübsche Kellnerin ; gewiß , er hätte den Beleidiger morden können , der ihm seine Blume entweihte . Daß dieser Mensch eine Seele habe neben dem stolzen , spekulativen Geist , eine zärtliche , bedürftige Seele , das offenbarte sich ausschließlich in seinem Verhalten gegen das Kind , von welchem er , wie von seiner Kunst , aus eigener Machtvollkommenheit Besitz ergriffen hatte . Mit Genugtuung sah demnach Mosjö Per-sé sein » kleines Anwesen « ( zwischen den Gänsefüßchen allemal Papa Reckenburgscher Humor ! ) unserem Familienkreise eingereiht . Hier war sie geborgen , hier schulte sie sich für eine gesellschaftliche Stellung , die er a priori für sich selbst in Anspruch nahm . Er , der so selten lächelte , strahlte vor Entzücken , wenn er an den geschilderten Tanzabenden den zierlichen Schmetterling auf und nieder schweben sah , oder das silberne Stimmchen fix und fertig in einer Mundart plappern hörte , die er selber nicht verstand . Das Verlangen nach seinem Augentrost führte ihn daher auch öfter , als es wohl sonst geschehen sein würde , in das Reckenburgsche Familienzimmer , und wurde er auf diese Weise Dörtchens Kameradin eine Art von Kamerad . » Sie begreifen das , Fräulein Hardine , « pflegte er zu sagen , wenn er mich - und mich allein - zur Vertrauten neuer Wahrnehmungen und Folgerungen in seiner jugendlichen Praxis oder des Zweckes und Zieles seiner Ausflüge machte . Die Gedanken der Jungfer Grundtext wurden durch diese Aphorismen in Bahnen gelenkt , welche der ehrliche Christlieb Taube nicht zu eröffnen verstand . Und so war es der Sohn und Gehilfe eines Barbiers , der mir in meinem gefährlichen Alter die Langeweile der Intelligenz verscheuchte , dem jugendlichen Verlangen Salz und Würze bot . Nicht ihm zu gefallen , aber ihn zu verstehen , strengte ich mich an . Mosjö Per-sé war der Mensch , der mich im fünfzehnten Jahre mehr als ein späterer im Leben , wie man es nennt , interessiert hat . Die leiseste Andeutung seines Berufs stockte hingegen , sobald sein Dörtchen in unsere Nähe trat , und zwar nicht darum , weil er sie vielleicht einmal bei der bloßen Erwähnung von Blut und Wunden hatte erbleichen oder sich die Ohren verstopfen sehen , sondern einfach , weil er seinen Beruf in ihrer Nähe vergaß , weil sein Pulsschlag einen anderen Takt annahm , und die Strebenslast von ihm wich unter dem Behagen einer Herzensweide . Und Dorothee ? werdet Ihr fragen . Ahnte das leichtblütige Kind das Bedeuten einer solchen Natur , würdigte sie den besonderen Platz , den sie in derselben eingenommen hatte ? Rief sie mit dem erfahrenen Freunde : » Gott gebs ! « oder mit der unerfahrenen Freundin : » Gott verhüts ! « Nun seht und hört sie selbst in der Stunde , welche über ihr Leben entschied . Es mochte einen oder den anderen Tag nach jenem elterlichen Gespräche sein , das mich noch immer beschäftigte . Es war Anfang Juli und unser junger Wirt wohl schon eine Woche lang abwesend auf einer seiner wissenschaftlichen Exkursionen . Er hatte sich seit kurzem beritten gemacht und der sachverständige Rittmeister gesagt : » Ein Teufelskerl , dieser Mosjö Per-sé ! Hat niemals ein Pferd , außer etwa auf dem Schindanger , unter dem Leibe gehabt , aber er reitet wie ein Daus ! « Die Eltern dinierten bei einem benachbarten Gutsbesitzer ; ich war allein zu Haus und am Nachmittag im Garten beschäftigt , ein Bohnengericht für den morgenden Tisch zu pflücken . Eben hatte ich in der Weinlaube auf der Terrasse das saure Werk der Schnitzelei begonnen , als Dörtchen , lachend über das ganze Gesicht , durch die Heckenlücke herbeiflackerte . » Nein , Fräulein Hardine , « rief sie schon von weitem , » nein , gibt es einen kurioseren Kunden als diesen Mosjö Per-sé ! « » Ist Herr Faber zurück ? « fragte ich . Die Dorl nickte . » Eben hat er sein Pferd bei uns eingestellt . Ich stehe mit dem Vater unter der Tür . Gibt er mir wohl die Hand wie sonst ? Behüte . Er macht mir einen Diener , so - « sie bückte sich rasch und tief im Hüftgelenk , als ob ein Taschenmesser zusammenklappt - » und schickt mich dann ohne Umstände fort , weil er mit dem Herrn Vater unter vier Augen zu sprechen habe . Dabei nennt er mich nicht etwa du und Dörtchen wie bisher , sondern ganz feierlich Sie und Jungfrau Dorothee . « » Ich finde es nur schicklich , Dorothee , « versetzte ich weise , » wenn ein junger Mann derlei Vertraulichkeiten aufgibt einem Mädchen gegenüber , das sich jeden Tag verheiraten kann . « » Verheiraten ! « rief die Dorl seelenvergnügt . » Ei , mit wem denn wohl , Fräulein Hardine ? « » Nun , vielleicht eben mit dem Siegmund Faber . « Die Kleine blickte enttäuscht . » Mit dem ? « schmollte sie , » mit dem ? Ach warum nicht gar . Der denkt an Krüppel und Leichen , aber nicht an eine Frau . « » Meine Eltern wünschen und hoffen das Gegenteil , Dorothee . Sie nennen diese Heirat deine Rettung , dein Glück . « Sie wurde blaß , ihre Augen füllten sich mit Tränen . » Aber ich fürchte mich vor ihm ! « lispelte sie bebend . » Hast du die Auslegung des sechsten Gebots in unseren Abendmahlsstunden vergessen ? « fragte ich in der lehrhaften Manier , die mir meiner kleinen Dorl , und zum Glück nur dieser gegenüber , zur anderen Natur geworden war . » Ihren Gott im Himmel und ihren Mann auf Erden soll das Weib fürchten , lieben und ihm vertrauen . « Dorothee sah mich mit ihren großen , himmelblauen Augen an , wie damals am Ostermorgen , als sie mir mit einem Worte den Sinn des Apostelspruchs erklärt hatte . » Ihn fürchten , « sagte sie leise , » nicht , sich vor ihm fürchten . Fürchten Sie sich vor Gott , Fräulein Hardine ? « » Aber warum fürchtest du dich vor dem Faber ? Er ist ein außergewöhnlicher Mensch , anders als alle anderen - - « » Eben darum , « unterbrach sie mich lebhaft . » Ich will keinen Menschen für sich ; ich will einen Mann wie alle anderen Leute ; einen wie ich selber bin , nur um vieles klüger und besser . « Das Kind hatte wieder einmal das Rechte getroffen . Damals zwar schüttelte ich den Kopf . Zehn Jahre später war ich zu der nämlichen Weisheit gelangt . Menschen für sich geben nicht Menschen zu zweien . Ehe und Haus vertragen keine Originale . » Nein , nein , Fräulein Hardine , « wiederholte Dorothee . » Er denkt nicht an mich , und Gott sei gedankt dafür , denn mir graut vor ihm . « Die Sache war damit abgetan und mein heimlicher Protest gegen den elterlichen Plan erklärt . Dorothee liebte ihn nicht , und Siegmund Faber war zu gut für eine Frau , die ihn nicht lieben konnte . Ich lud meine kleine Nachbarin ein , den Nachmittag bei mir zuzubringen ; wir setzten uns in die Laube , und bald fielen unter den runden Fingerchen die Bohnenschnitzel flink und zierlich in die Schüssel auf ihrem Schoß . Sie plauderte und lachte über meine ungeschickten » Hünenpflocken « ; der drohende Bewerber war vergessen . Eine Stunde mochte so vergangen sein , als ein hastiger Schritt auf der Terrassentreppe uns den ungewohntesten Gartenbesucher verkündete . Im nächsten Moment stand Siegmund Faber uns gegenüber ; er trug seinen Sonntagsstaat und verbeugte sich rasch und tief , so wie die Kleine ihm vorhin nachgeäfft hatte . Das lustige Lachen erstarb auf ihren Lippen , sie wurde rot bis unter das Busentuch , blickte in die Schüssel und schnitzelte mit Fieberhast . Um so gespannter sah ich zu dem jungen Manne hinüber . Die gewaltigste Aufregung war auf der sonst so ruhigen Stirn zu lesen , die rote Farbe von seinem Gesicht gewichen , das Herz hämmerte sichtbar unter dem silbergestickten Gilet und die Hände krampften sich zusammen , um ein Zittern zu verbergen . So mochte er ausschauen , wenn er zu einer Operation auf Leben und Tod den Entschluß gefaßt hatte . Doch zögerte er nicht , seinen Besuch zu erklären . » Die Unterredung , um welche ich bitte , geschieht im Einverständnis mit Ihrem Vater , Jungfrau Dorothee , « stieß er hervor . Der Hauswirt war Herr in seinem Revier , und Vater Kellermeister hatte das Recht , ein Tete-a-tete mit meiner Besucherin zu bewilligen ; wie flehentlich dieselbe mich daher anblicken mochte , ich erhob mich , um die Laube zu verlassen . Faber aber trat mir in den Weg , faßte nach meiner Hand und sprach : » Sie verpflichten mich , wenn Sie bleiben , Fräulein Hardine « . So nahm ich denn meinen Platz wieder ein und deutete für Faber auf eine Bank uns gegenüber . Er setzte sich nicht , hob aber nach einem tiefen Atemzuge , zu mir gewendet , unverweilt seine Rede an : » Sie kennen das Ziel , das ich mir gesetzt habe , Fräulein Hardine . Die Jahre herkömmlichen Studiums sind versäumt . Ich muß es auf praktischem Wege zu erreichen suchen . Und ich werde es erreichen . Aber nicht in meiner kleinbürgerlichen Heimat , auch nicht im Friedensstande unseres sächsischen Vaterlandes . Ich erfreue mich gütiger Empfehlungen . Meine Vorkehrungen sind getroffen . Ich gehe nach Preußen . In wenigen Wochen vielleicht stehe ich auf einem Felde , wo Wunden geschlagen werden und Wunden geheilt werden müssen . « Ihr wißt , wir schrieben Anno 90 , und in Preußen herrschte seit siebenundzwanzig Jahren so gut wie Frieden . Allerdings hatte ich meinen Vater mit seinen Kameraden von einer » Verhedderung « zwischen dem Kaiser und dem König in Sachen des Großtürken diskurieren hören ; keiner aber wurde aus diesem Wirrwarr klug , und keiner dachte an Ernst in einem weitab gelegenen Gebiet , wo man für den Preußen nichts Verdauliches zu schlucken sah . Siegmund Faber konnte daher wohl die verwunderte Miene bemerken , mit welcher ich seine Witterung von Blut und Leichen beantwortete . » König Friedrich Wilhelm , « so fuhr er ohne Aufenthalt fort , » ist zu der Armee nach Schlesien abgegangen . Dort treffe ich auch das Regiment Weimar , an dessen durchlauchtigen Chef ich von Jena aus rekommandiert bin . Wetter , welche sich türmen , wie die in Ost und West , klären sich nicht . Verzöge sichs heuer , um so günstiger für mich . Ich hätte in bedeutender Umgebung ein Jahr der Vorbereitung gewonnen . Übermorgen bin ich auf dem Wege nach Berlin . « Der Redner machte eine Pause und ich hörte ein fröhliches Aufatmen an meiner Seite . Dorothee hatte das Messer fallen lassen und blinzelte schelmisch zu mir in die Höh . Es war ja alles ganz anders gekommen , als ich prophezeit . Mosjö Per-sé ging in den Krieg , um ein tüchtiger Doktor zu werden ; er dachte nicht an sein Dörtchen und an einen häuslichen Herd . Aber Mosjö Per-sé hatte nur wieder einmal schwer Atem geschöpft ; er war noch lange nicht zu Ende . Eine Blutwoge drang ihm zu Kopf , um ebenso jach wieder zu sinken ; er setzte sich , denn seine Knie zitterten . Was mochte diese gefaßte Natur so bänglich bewegen ? Er wendete sich jetzt zu meiner Nachbarin , und seine Stimme vibrierte so seelenvoll , daß ich sie kaum für die seinige halten konnte . » Ich weiß nicht , Jungfrau Dorothee , ob auch Sie das Streben gekannt haben , das mich , neben jenem ersten , seit Jahren erfüllt hat . Sie lächelten wie über ein Scherzwort , wenn ich Sie die Meine nannte . Aber es war keine Knabenlaune , Dorothee . Es ist mir heute nicht heiligerer Ernst , als in jener früheren Stunde , seit ich mich auf mein Selbst zu besinnen weiß . Sie sind noch sehr jung , Dorothee , und ich hätte das bindende Wort verzögern mögen . Aber mich drängt die Zeit , deren Sie bedürfen . Ich habe das Ja Ihres Vaters ; wollen Sie das Ihre gewähren , wollen Sie die Meine werden , Dorothee ? « Bei allem Vertrauen zu dem Manne war mir nach der kriegerischen Vorrede diese plötzliche Werbung doch ein bißchen zu bunt . Heiraten , ein halbes Kind heiraten , wenn einer im Begriff steht , ein Schlachtfeld oder als dessen Vorstudium ein chirurgisches Institut zu betreten ! Ich fing an der gesunden Vernunft eines Menschen für sich zu verzweifeln an und rüstete mich , als quasi Patronin meiner kleinen Dorl , die sich zitternd wie Maienlaub an mich klammerte , zu einer herzhaften Abfertigung . Der wunderliche Heiratskandidat schnitt indessen , noch ehe ich zu Worte kam , meinen Protest mit einem hastigen Nachtrage ab . » Es liegt auf der Hand , « fuhr er fort , » daß ich die Erfüllung meiner Wünsche nicht heute oder morgen erwarten darf . Es können , ja es müssen Jahre vergehen , Jahre harten Ringens , vielleicht ein Jahrzehnt . Haben Sie das Herz , Dorothee , diese Jahre zu harren in Treuen und Ehren als meine anverlobte Braut ? Sind Sie meiner , sind Sie Ihrer selber gewiß zu solchem Verspruch ? Niemals sehen Sie mich wieder , sollte ich dem Lauf nach dem Ziele unterliegen . Aber ich werde nicht unterliegen . Und wenn ich , früh oder spät , zurückkehre , vor meinem Gewissen und der Welt als ein fertiger Mann , wollen Sie dann die Meine werden ? Ich habe bis heute nach keinem Menschen begehrt als nach Ihnen allein , wollen Sie , daß ich auch fernerhin Ihrer begehren , daß ich auch in Zukunft Sie lieben darf , Dorothee ? « Des Mannes Wallung hatte mich ergriffen . Das Wagnis seines Anerbietens entsprach recht gründlich meinem fünfzehnjährigen Puls . Mit Triumph würde ich - natürlich vorausgesetzt , daß ich Dorothee Müllerin und nicht Hardine von Reckenburg geheißen hätte - mit Triumph würde ich in Siegmund Fabers Hand eingeschlagen und gesagt haben : » Brich dir einen Weg , suche dein Ziel . Ein Mann wie du ist es wert , daß ein Weib seiner harrt , jahrelang , jahrzehntelang , wie Gott es fügt ! « Aber die wirkliche Dorothee , die keine Mutter hatte und keinen Vaterschutz , die von Verführung und Gemeinheit umgeben war , die so ratlos und hilfeflehend zu mir in die Höhe blickte , unfähig , nein zu sagen , und noch unfähiger , ja : aber meine schöne , frohlebige , arme , kleine Dorl ? Noch einmal wollte ich in ihrem Namen das Wort ergreifen , und noch einmal schnitt Siegmund Faber mir es ab . » Ich weiß , daß ich Ungewöhnliches verlange , « fuhr er in viel sicherer Stimmung fort als zuvor , » und ich fühle , was Sie mir entgegenhalten wollen , Fräulein Hardine . Aber trauen Sie mir nicht zu , daß ich die Jungfrau , die ich liebe , in ihrer haltlosen Lage zurücklasse , daß ich meine Braut vom Schenktische zum Altar zu führen gewillt sein kann . Ich gehe den Weg des Mannes , den Weg der Tat . Mir wird es ein leichtes sein , der Geliebten das Gefühl dieser Stunde treu bis zum Ziele zu bewahren . Sie aber , Dorothee , soll ich das Opfer ihres Jugendrechtes annehmen , so muß sie dem Mann ihrer Zukunft das Recht eines Versorgers auch in der Gegenwart zugestehen . Gern sähe ich sie als Schützling der gebildeten Familie einer größeren Stadt eingereiht . Aber ihr Vater lebt , und die Kindespflicht besteht , solange das Weib nicht dem Manne folgt . Überdies würde sie in jedem fremden Kreise sich unvermeidlich als Abhängige fühlen , und ich will , daß sie frei und ledig sei , schalte und walte nach Frauenart . Möge sie denn ihren Vater pflegen , ihm beistehen , soweit er persönlich ihrer bedarf , ohne in das Getriebe seiner Wirtschaft einzugreifen . Ich habe seinen Handschlag , daß er keine derartige Forderung an meine Braut stellen wird . Alle Vorkehrungen sind getroffen . Sagen Sie ja , Dorothee , so treten Sie morgenden Tages durch gerichtliche Schenkung in den Besitz sämtlicher Liegenschaften , die mein Vater mir hinterlassen hat . Sie bleiben bis zur Volljährigkeit deren Nutznießerin ohne jegliche Bevormundung , und da sie kürzlich in Pacht gegeben worden sind , ohne irgendwelche Belästigung . Kehre ich bis dahin nicht zurück , erlangen Sie freies Verfügungsrecht . Es ist kein Opfer , das ich Ihnen bringe , es ist eine Last , von der Sie mich befreien , mein liebes Kind . Mir bleibt für den Beginn mehr als ich bedarf , und bald werde ich sicher auf eigenen Füßen stehen . Sie übersiedeln in mein Vaterhaus , statten es aus nach ihrer zierlichen Art. Geschäftig als Herrin im eigenen Revier , in dem Zimmer , wo meine Wiege gestanden hat , wo ich so lange in Hoffnung glücklich war , sehe ich Sie zum voraus als die Meine , sehe ich Sie mit Vertrauen auch fernerhin unter den Augen der hochverehrten Familie , in der Sie aufgewachsen sind , unter Ihren Augen , Fräulein Hardine , die Sie der Verlobten Siegmund Fabers Rat und Anteil nicht versagen werden . « Ich hatte während der letzten Erklärung nicht aufgeschaut , weil ich mich des feuchten Nebels über meinen Augen schämte . Nun , wo der Sprecher mit einem Aufruf an meine Freundschaft schloß , blickte ich in ehrlicher Zustimmung zu ihm hinüber , dann aber angstvoll gespannt auf die Kleine , die sich so plötzlich über die unerwartetste Lebenswendung entscheiden sollte . Was würde sie vorbringen , wie sich herauswinden , sie , die vor kaum einer Stunde erklärt hatte : » Mir graut vor dem Mann ! « die aufatmete wie erlöst , als er von seinem Abschied , vielleicht auf Nimmerwiedersehen , sprach ? Und nun ? O meiner kleinen , beweglichen Dorl ! O des wunderhaften Wechsels in einem Mädchenherzen ! Wie der See , der grau und trübe unter einem Nebelhimmel gestanden hat , wenn plötzlich ein Sonnenstrahl den Dunstkreis durchbricht , so klar und himmelblau strahlte das Augenpaar ; freudenrot waren die Bäckchen überhaucht . Ein Kind unter dem Lichterbaum ! Braut heißen und dabei frei sein ; reich sein , schalten und walten im eigenen Haus , sich schmücken und tändeln dürfen - all diese Herzenslust - und nicht ein Fünkchen mehr las ich mit einem Blick in diesen lächelnden Zügen . In meinem Herzen brannte es wie eine Scham . Ob Siegmund Faber diesen jachen Zauber aus tieferen Gründen gedeutet hat ? Ich glaube es nicht . Er kannte sie ja als ein Kind , liebte sie als ein Kind . Er traute ja eben der frohen Unschuld einer Kinderseele , dem Bande , das die Dankbarkeit webt , der Treue der Pflicht in einem unentweihten Gemüt . Und er fühlte sich der Mann , das Herz des Weibes zu erobern , sobald er es als Eigentum in Anspruch nehmen durfte . Wie dem auch sei : Siegmund Faber blickte jetzt nicht mehr beklommen , sondern froh und getrost wie seine kleine Dorl . Er streckte die Hand zu ihr hinüber und fragte lächelnd : » Nun , liebe Dorothee ? « Sie legte ihre Rechte in die seine und neigte das Köpfchen zu einem glückseligen Ja . » Sagen Sie Amen , Fräulein Hardine , als Zeugin und Bürgin unseres Verspruches , « rief der junge Bräutigam , sich zu mir wendend . Ich sagte nicht Amen , aber ich drückte Siegmund Faber die Hand und umarmte - schweren Herzens , Gott weiß ! - seine strahlende Braut . Auch Siegmund Faber - daß es an keiner Verlobungsförmlichkeit fehle - hauchte einen Kuß auf Dorothees Stirn , so zagend jedoch , als ob er sich fürchte , einen gefährlichen Sinn in dem Kinde - oder in sich selber ? - zu erwecken . Dann aber , wieder ernst und feierlich wie beim Beginn der seltsamen Szene , streifte er zwei einfache Goldreifen von seiner Hand , steckte den einen an seinen eigenen Ringfinger , den anderen an den seiner Braut und sprach : » Die Trauringe meiner Eltern ! Wenn ich eines Tages , diesen Reif am Finger , Ihnen gegenübertreten werde , Dorothee , dann wissen Sie , ohne Wort , daß ich in Treuen und Ehren mein Ziel erreichte . Und wenn ich den anderen dann an Ihrer Hand gewahre , dann weiß ich , ohne Wort , daß ich in Treuen und Ehren mein Weib zum Altare führen darf . « Der Wagen der Eltern fuhr in diesem Augenblick vor . Langsam schritt ich meinem Hause , rasch und fröhlich , Arm in Arm , schritten die beiden anderen dem des Brautvaters zu . Ein kaum bärtiger Jüngling , ein Feldschergehilfe , der abenteuerlich ins Blaue zieht und sein Erbteil verschenkt , um sich damit das Herz eines unflüggen Mädchens zu erkaufen ; eine Verlobung wie aus der Pistole geschossen ; ein zweites halbflügges Mädchen als Zeugin und Bürgin des wunderlichen Bundes aufgerufen : - meine Freunde , wie ich dieses Bild aus der Erinnerung fast eines halben Jahrhunderts hervorgekramt habe , da mag es wohl recht töricht , vielleicht läppisch vor Euren Augen stehen . Ich sage Euch aber : hättet Ihr den Siegmund Faber gekannt , Ihr würdet meine ernsthafte Bewegung nicht belächelt haben . Und nicht die unerfahrene Tochter allein , auch die erfahrenen Eltern sahen kein Kinderspiel in Siegmund Fabers rascher Tat . » Ein Sonntagskind , unsere kleine Dorl ! « rief froh gerührt der Papa . » Ein Sonntagskind , dem das Glück wie im Traume in das Schürzchen fällt . Und ein Tausendsassa , dieser Mosjö Per-sé , so sein Vögelchen an einer goldenen Kette festzulegen ! « Die bedachtsame Mama aber , die wohl schwerlich ohne einen Anflug mütterlichen Neids die kleine Schenkendirne wohlhäbig und früher Braut werden sah als ihre Hardine , sie erklärte nicht minder : » Kein Advokat hätte es schlauer auszutüfteln gewußt als dieser junge Pfiffikus . Wohl oder übel : das Fideikommiß bis zur Volljährigkeit , das heißt , bis über die gefahrvolle Jugend hinaus , bannt den Flatterling , und am Traualtare erhält der großmütige Verschenker sein Eigentum zurück . « Der gerichtliche Akt ward genau nach der Angabe am anderen Tage vollzogen , und mit dem Morgengrauen des übernächsten war der wunderliche Bräutigam hoch zu Rosse auf und davon . Der letzte Heimatsgruß ward nach Fräulein Hardines Dachfenster hinaufgewinkt und von dort aus erwidert . » Hattest du Herrn Faber schon gestern abend Lebewohl gesagt ? « fragte ich Dorothee , als sie bald darauf in meine Kammer trat . » Ach nein , Fräulein Hardine , « stammelte sie verlegen , » ich wollte es heute früh , aber - ich habe es verschlafen . « So war denn selber eine Anstandszähre beim Abschied unserem glücklichen Bräutchen erspart worden . Wie flink ging es nun aber noch selbigen Tages an ein Scharwerken und Räumen ! Das Unterste wurde zu oberst gekehrt in dem Zimmer , vor dessen Fenster noch im Winter Meister Fabers Scherbecken gefunkelt hatten ; getüncht , gescheuert , das alte Mobiliar blank auflackiert und frisch bezogen . Bald stand , schneeweiß verhüllt , ein zierliches Himmelbett auf der Stelle , wo Siegmund Faber sich auf hartem Strohsack eine kurze Nachtruhe gegönnt hatte . In der Ecke , die seine ungehobelten Bücherbretter gefüllt , prangte ein Schränkchen mit Puppen und Tändelwerk aus der Kinderzeit der kleinen Dorl ; luftige Gardinen , Blumen , immer frisch gepflückt , schmückten den Fensterplatz ; im grünberankten Käfig schnäbelte sich ein Zeisigpaar . Keine Bürgerstochter hatte ein zierlicheres Stübchen aufzuweisen , und wie kahl und wie dürftig erschien nebenan Fräulein Hardines nüchterne Mädchenkammer ! Die kleine Wirtin aber , im kurzen Röckchen und flittergestickten Hackenschuhen , flatterte fröhlich treppauf , treppab . In der einen Tasche bauschte sich die Tüte mit dem Kandis und Zuckerbrot , welche die Näscherin niemals ausgehen ließ ; in der anderen klapperte das Beutelchen , aus welchem jedem Bettelkinde ein Pfennig oder Kreuzer zugeworfen ward . So gings hinüber in die Kellerei , wo zu Nutz und Frommen der Wirtschaft eine handfeste Magd vorgesetzt worden war ; dann durch die Heckenlücke in den Garten ; hinauf in die Brautlaube ; ein Husch in die Nachbarschaft ; ein Guck in Fräulein Hardines Kammer ; ein Knicks und Handkuß in Reckenburgs Familienzimmer , lächelnd und tänzelnd und trällernd vom Morgen zur Nacht : die echte , rechte , unermüdliche , kleine Dorl . Drittes Kapitel Die schwarze Reckenburgerin Ich hatte übrigens nur kurze Zeit das glückselige Treiben unserer neuen Hauswirtin zu beobachten , denn auch mein eigenes Leben sollte in jenen Sommerwochen einen unvorhergesehenen Wechsel erfahren . Ich habe schon zu Anfang der alten Gräfin als meines Vaters und meiner eigenen Patin erwähnt und hinzugefügt , daß keines von beiden sich jemals einer zeitgemäßen Pflicht- und Gunstbezeigung von seiten ihrer hohen Namensverleiherin zu erfreuen , sich einer solchen indes auch nicht von ihr versehen hatte . Anders vielleicht , wenn der letzte Sprößling des alten Stammes ein männlicher gewesen wäre . Aber ein Mädchen , die Tochter eines verarmten Seitenzweigs , wie hätte die » schwarze Häuptlingin « in ihrer fürstlichen Hoheit sich einer erinnern sollen , mit welcher der Name voraussichtlich in Dunkelheit erlosch ? Wer auch immer die Erben der wunderlichen Greisin sein mochten , der bescheidene Rittmeister von Reckenburg und sein dürftig erzogenes Fräulein , wir wußten es , waren es nicht . Groß , über allen Ausdruck groß war daher das Wunder , als im Laufe des Spätsommers ein eigenhändiges Schreiben der Gräfin , das erste seiner Art , die weiße Vetternsippe beehrte . Das Schreiben lautete , aus dem Französischen übersetzt : » Wenn die Freifrau und der Freiherr von Reckenburg geneigt sein sollten , ihre Tochter Eberhardine der Gräfin von Reckenburg als Gast während des nächsten Winters zu überlassen , so wird