fragt sich , weiter von arm zu reich , von Tier zu Mensch , durch Sturmwetter und Sonnenschein , und will nichts als diesen Weg und gar nichts von dem , was an diesem Wege zu finden ist und um was sich alles andere zankt und zerrt und mit Hinterlist wegschiebt und stößt und schimpft und das Herz zerbricht ! Da ist die gnädige Frau , die ist schon ganz anders , und das gnädige Frölen - « Die schöne Marie lachte hell und böse auf , und Jane Warwolf schielte böse seitwärts auf die alte Freundschaft und murrte : » Von dem sei still , Hanne , denn niemand hat dich danach gefragt . Von dem einen kann man nicht zuviel und von der anderen nicht zuwenig reden . Du faß den Ritter ins Gemüte , Marie Häußler , und du , Hanne , schneid Brot und schneide dich nicht an Sachen , die dich augenblicklich nichts zu kümmern brauchen . « » O herrje ! « seufzte Hanne Allmann und tat mit Eifer , was ihr geheißen wurde , und alle frühstückten jetzt im Siechenhause zu Krodebeck ; die schöne Marie allein konnte wenig genießen . Lächelnd sah die schöne , große Weltensonne ihnen zu , wie sie auch mit auffälligem Wohlwollen und Behagen auf den Chevalier und Kürassierleutnant a.D. Karl Eustachius von Glaubigern sah , welcher jetzo im Garten des Lauenhofes mit der geöffneten silbernen Dose in der linken und einer Prise zierlich zwischen dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand vor seinen Lieblingsblumenbeeten stand , dazwischen auch wohl an das Siechenhaus und die schöne Marie darin dachte und dann jedesmal die Augenbrauen beträchtlich höher zog und hob . Sie sprachen während des Essens und Trinkens nichts weiter , denn das , nämlich die Ernährung , ist für armes Volk eine zu ernste Sache und muß mit der gehörigen Bedachtsamkeit und Zusammenfassung aller Leibes- und Geisteskräfte betrieben werden . Auch nach dem Frühstück hatte die wandernde Frau wenig mehr zu Marie Häußler zu sagen . Aber sie nahm ganz zärtlich Abschied von dem Kinde und ganz wohlwollend von der Mutter , und man fand später am Tage ein Zehngroschenstück unter ihrer Tasse . Mit der alten Hanne Allmann hatte die Jane Warwölfin natürlich noch ein Gespräch unter der Tür . » Es wird ein heißer Tag , und ich sollte schon längst auf dem Wege sein , doch der Mensch weiß nie , was ihn am Rock zurückehält « , sagte sie . » Das hätt ich mir heut nacht auf meinem Strohbund nicht träumen lassen , wen ich heute morgen bei dir wiederfinden sollt . Ach , Hanne , ein Jammer ist es doch , und mit leichterem Herzen ziehe ich nicht ab . Zwar deine Ruh und Behaglichkeit macht mir weniger Sorge ; allein eine elende Welt ist ' s , und die Marie tut mir leid ! « » Und um das Kind möcht man gerad herausheulen ! « sagte Hanne Allmann . » Ja , Madamchen , wenn das was nützte , so wollte ich gern mithelfen , wie sehr ' s auch meiner Natur zuwider ist ; aber ich hab noch nie gefunden , daß es anders wirkt als auf den Magen und die Verdauung , und wenn du das bei solchen Hungerleidern als wir eine Verbesserung nennen willst , so tu ' s auf deine eigene Gefahr . Also gehe ich denn , und zwar auf den Jahrmarkt , auf die Braunschweiger Messe mit Juden und Orgeln , mit Geigen und Meerkatzen , mit Pfeifen und Trompeten , und die schöne Marie laß ich dir zum Sterben zurück , denn ich kann ' s nicht hindern . Gib ihr klar kalt Wasser zu trinken , und das Kind das Kind halt reinlich und frag den Herrn von Glaubigern um das Kind . Wenn ich zehn Jahre jünger wäre , wollt ich dir ' s abnehmen und es auf meine Kiepe setzen und ihm der Welt Wunder auf meine Art zeigen . Das ist nun nichts , also geh den Ritter um sein freundliches Herz an ; wann ich wiederkomme , wollen wir einen neuen Kriegsrat halten ; wer weiß , ob ich nicht von der Messe einen guten Rat darzu mitbringe ? ! Es wird ein heißer Tag . - Glück auf , Hanne Allmann ! « » Glück auf , Jane Warwolf ! « sagte beklemmt die Frau vom Siechenhause und hielt die Hand über die Augen , denn die Sonne blendete , und sah der Freundschaft nach , wie sie auf der gelben Straße dem Walde zuschritt . In der Hütte weinte das Kind der schönen Marie ; Hanne Allmann hatte keine Zeit , in diese wunderliche , geheimnisvolle , weite Welt , in welche alle diese Leute hineingingen und aus der sie zurückkamen , der alten guten Kameradin nachzudenken . Zehntes Kapitel In Braunschweig war in dieser Messe ein heftiges Gedränge , großer Verkehr und Handel ; auch die Warwölfin machte treffliche Geschäfte und trieb den Handel mit hölzernem Geschirr ins große . Kuriose Dinge waren zu sehen und zu hören und wurden hell ausgeschrien vor dem Granitpostament , auf welchem nun bald die ehernen Füße Gotthold Ephraim Lessings ruhen sollten , und viel Weisheit und Verstand wurde hin und her ausgegeben unter den Topfweibern rund um den alten Löwen vor der Burg Dankwarderode und unter den Glocken von Sankt Blasius . Aber guter Rat war auch in Braunschweig auf der Messe teuer und rar , und als die Jane aus Hüttenrode auf der Heimkehr nach ihren Harzbergen abermals durch Krodebeck zog , da war die schöne Marie schon tot , und der beste Rat wäre in dieser Hinsicht zu spät gekommen , was das Kind der schönen Marie anbetraf , so verließ sich die Warwölfin immer mehr auf den Ritter , legte nur einen preußischen Taler auf den Tisch des Siechenhauses und versprach , von neuem wieder vorgucken zu wollen , wenn die Umstände und der Handel mit hölzernen Löffeln , Mulden und Quirlen es gestatten würden . Sie hatte nicht einmal die Zeit , das Grab Marie Häußlers , welches doch so dicht neben der Tür des Siechenhauses lag , aufzusuchen . Die blauen Berge zogen sie nach dem Staub und Spektakel der Ebene zu heftig und verlockend an , und wir haben nicht das geringste Recht , der Alten darum gram zu werden , denn sie war eine brave Frau und tat und sagte zu jeder Zeit , was sich schickte . Die schöne Marie war tot und begraben . Hanne Allmann hatte großen Besuch im Siechenhause gehabt , denn das halbe Dorf war gekommen , um die Leiche zu sehen , und alle hatten ihre Bemerkungen leiser oder lauter darüber gemacht . Die einen sagten , es sei kein Schaden , daß das so schnell abgemacht sei , und die anderen meinten , es sei ein Glück . Die geistlichen und weltlichen Behörden , das Pfarramt und der Ortsvorsteher Klodenberg trugen das Nötigste schriftlich über den Fall ein , und die Ernte des Jahres nahm ihren gesegneten Fortgang . Am Begräbnis nahm nur der Lauenhof teil , und zwar durch den Chevalier von Glaubigern ; die Gutsfrau hatte das Leichentuch gern hergeschenkt , aber weiter keine Zeit gehabt , sich um die traurige Geschichte zu kümmern . Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin schenkte nichts her und erschien auch nicht in Person , um ihrem früheren Schützling die letzte Ehre zu geben . Sie schloß sich an dem Begräbnistage in ihrem Gemache ein und beschränkte ihre Bedürfnisse auf ein gebratenes Hühnchen , Kaffee und die Lektüre von Hufelands » Makrobiotik « ; noch am folgenden Morgen aber war sie recht grämlich , bissig und unliebenswürdig und verlangte , daß man ihre Gefühle schone und die » unselige Person « in ihrer Gegenwart fürs erste nicht erwähne oder gar zum Thema der Unterhaltung mache . » Schämen Sie sich , Frölen Trine ! « sagte die gnädige Frau ziemlich kurz . Der Herr von Glaubigern erschien feierlich und in Gala am Sarge und am Grabe und zwang durch seine Erscheinung auch den Pastor , sich herzubemühen , welcher jedoch nicht offiziell kam , sondern höchst ungern und sehr verlegen . Die Grabrede hielt auch der Chevalier , und zwar ganz in der tiefsten Stille seines Herzens ; sie mußte wohl sehr vortrefflich gewesen sein , denn sie rührte ihn selber und wurde von Hanne Allmann bis in die feinsten Abschattungen verstanden . Ein Leichenmahl wurde nicht gehalten , denn diesmal erregten die Tränen den Appetit nicht , wie dies nach dem Wort Jane Warwolfs häufig der Fall sein soll . Aber der Ritter hatte noch ein langes Gespräch im Siechenhause mit der Hanne über die kleine Antonie Häußler , und da wurde verabredet , daß das Kind für jetzt in dem Siechenhause unter der Pflege der Frau vom Siechenhause verbleiben und daß der Ritter Karl von Glaubigern zwischen dem Kinde und dem Dorf Krodebeck und der übrigen Welt stehen solle . Jane Warwolf aus Hüttenrode war eben ein kluges Weib , welches ziemlich genau wußte , wie sich die Dinge auf Erden ineinander zu schicken pflegen ! Der Ritter von Glaubigern stellte sich , wie es ihm beliebte ; aber das Fräulein von Saint-Trouin nahm gleichfalls seinen besondern Standpunkt ein und behauptete denselben mit großer Charakterfestigkeit . Es übertrug seine Abneigung ohne Abzug von der schönen Marie auf die kleine Antonie und suchte in allem , was das Wohl der letzteren anbetraf , dem Chevalier so hinderlich als möglich zu sein , jedoch ohne alle Auffälligkeit . Zugleich zog es die Zügel seines Einflusses auf den Junker Hennig von Lauen fest an und erlaubte sich immer rücksichtslosere Eingriffe in den Teil der Erziehung des Jungen , welchen der Ritter sich fest gesichert hielt . Es fand die humane Bildung des Schlingels grenzenlos vernachlässigt und hielt den alten Comenius weniger als je für einen Ersatz für das Mangelnde . Es führte den Junker häufiger als je zwischen seinem Pompadour und dem Hündlein Peccadillo spazieren und lehrte ihn Weisheit und Tugend auf seine Art. » Was endlich daraus werden wird , soll mich doch wundern , Glaubigern ! « seufzte ärgerlich die gnädige Frau ; aber der Chevalier zuckte nur ganz leise mit den Achseln und sagte : » Ich komme immer mehr zu der Überzeugung , daß wir uns nicht allzusehr zu ängstigen brauchen ; der Junge ist kein Genie , und es würde schwerhalten , selbst für das Fräulein , ihm den Kopf derartig zu verdrehen , daß sein Standpunkt als Gentleman dadurch in Gefahr geriete . Der Lauenhof war immer ein braver , nahrhafter Ort ; man lebt zu gut darauf , um seine Ungereimtheiten weit über die Feldmark hinauszureiten . « » Und ich hoffe , so soll es immer verbleiben , lieber Alter ! « rief die Frau Adelheid , treuherzig dem Ritter die Hand schüttelnd . Der Junker Hennig sträubte sich oft heftig , wenn ihn die kalte Hand der ihre Pflicht kennenden Byzantinerin packte , um ihn zwischen den Hecken von Krodebeck und in ihren Idealen spazierenzuführen ; aber auch Adelaide von Saint-Trouin fuhr oft heftig zusammen , wenn es hinter diesen Büschen raschelte und rauschte , die Zweige auseinandergezogen wurden und das Kind der schönen Marie ihr neugierig-furchtsam daraus entgegensah . Sie benutzte die Gelegenheit jedesmal aufs beste , den Zögling von neuem auf die Gemeinheit , Ekelhaftigkeit und Nichtsnutzigkeit der Welt jenseits ihrer Ideale hinzuweisen , und jedenfalls zeigte sie als das Erste und Selbstverständliche der kleinen Antonie ein Gesicht , vor welchem diese schnell genug in die Büsche zurückfuhr . Wie dann endlich der Junker Hennig sich zu diesen Lehren und der kleinen Antonie Häußler stellte , das kam an einem absonderlichen Tage des Spätherbstes zum Vorschein und zeigt , wie mißlich das höchste Ideal , die edelste , zarteste , feinsinnigste An- und Absicht dieser schlechten , gemeinen , nichtsnutzigen und ekelhaften , aber wirklichen Welt gegenüber stets und immerdar gestellt ist . Es war ein Tag im Spätherbst des Jahres . Der Wald war bunt und der Himmel grau , sehr grau . An diesem Tage hatte sich der Ritter dem Fräulein zum Begleiter auf dem gewohnten Nachmittagsspaziergang angeboten , und das Fräulein hatte mit der gewöhnlichen grämelnden , süßlichen Miene die Begleitung angenommen . Verdrossen und mit hängendem Kopfe ging Hennig in der Mitte der beiden , und verdrossen , mit hängendem Kopfe folgte ihnen Peccadillo dicht auf dem Fuße so waren sie abgezogen vom Hofe und hatten sich den Hügeln zugewendet . Es war kein Tag , es war kein Wetter für die beiden alten Herrschaften . Ein unheimlich am Boden hinkriechender Wind trieb ein mattes Spiel mit den welken Blättern , und wenn Johann von Brienne plötzlich aus dem Boden aufgestiegen wäre , um den letzten Sprößling seines erlauchten Hauses dringend vor Rheumatismen und heftigem Gliederweh zu warnen , so würde dieses zwar sehr freundlich von ihm gewesen sein , hätte aber nur bei Leuten , die durch verwandtschafliche Liebe und Affektion nicht verwöhnt waren , Staunen erregen können . Es war kein Tag und kein Wetter überhaupt für alte Menschen . Auch der Herr von Glaubigern fühlte sich gedrückter und durch den engen Horizont befangener als sonst . Beide , das heißt der Ritter und das Fräulein , schritten langsam , erschienen dem Junker sehr langweilig und sprachen ihre Meinung und Absicht dahin aus , daß man nur bis zum Rande des nächsten Gehölzes gehen , sodann still , sittsam und vorsichtig umkehren und den Abend nützlich und anregend hinter den Wänden und hinter den Fensterscheiben des Lauenhofes verbringen wolle , welches letztere gleicherweise dem Junker durchaus nicht interessant und erfreulich erschien , denn es schloß mancherlei unausdrückbaren Jammer für ihn in sich . Weiterhin auf dem Wege wurde Fräulein Adelaide recht gesprächig , doch stimmten Färbung und Stoff ihrer Unterhaltung leider ganz und gar zu der Witterung . Düster und lebenssatt schritt die hohe Dame dahin , mißgelaunt sowohl gegen die Vorsehung im allgemeinen wie gegen ihr Schicksal im besondern und gegen ihr Schicksal auf dem Krodebecker Burghof im allerbesondersten . Sie , die sonst so stattlich auf ihrer Einbildungskraft zu Roß saß , sie zog diese selbe Einbildungskraft wie einen müden Gaul am Zügel hinter sich her . Das närrische , aber doch glänzende Wellenspiel ihrer Phantasie hatte sich augenblicklich in ein bleigraues Gewoge verwandelt ; die tollen Wolken ihres Gehirns hatten den letzten goldnen und silbernen Anhauch von ihren Säumen verloren . Adelaide von Saint-Trouin sah die Welt heute ebenso nüchtern an wie Adelheid von Lauen , wenn dieser ein Unglück in der Milchkammer passierte , wenn ein Viehsterben eintrat oder ein unvermuteter Abschlag der Fruchtpreise einfiel . Ein jeglicher hat solche Tage , an welchen ihn alle Illusionen verlassen , an welchen der Pomp , die Pracht und das Vergnügen seines Daseins stückweise von ihm abfallen , Tage , an welchen er zwar nicht minder sich täuschen läßt , jedoch nicht durch den lachenden Schein und das behagliche Blendwerk , durch welches für gewöhnlich gütige Götter seinen Pfad bunt machen und verkürzen . Und alle schönen Illusionen hatten heute die Erbin des griechisch-lateinischen Kaiserstuhls im Stiche gelassen . Die Spinne hing ihr Gewebe in dem armen Gehirn Adelaides auf ; die funkelnden Kuppeln von Byzanz versanken im Nebel , selbst der Papst Honorius der Dritte verlor seinen Reiz . Tyrus und Malta versanken wie Byzanz , und mit der Grafschaft von Paidiac löste sich die Grafschaft von Valcroissant in Nebel und Dunst auf . Zu ganz gewöhnlichem , mißtönigem Krodebecker Rabengekrächz war der Klang der Jagdhörner des großen Louis geworden , und was neben der Landstraße im Walde rauschte , das waren nicht die schönen Damen , die Marquis , Grafen und Herzöge von Versailles , sondern das war einfach und höchst ärgerlich das winterliche Blasen vom alten langweiligen Brocken und der Heinrichshöhe her . Nun wußte der Chevalier freilich , daß die gnädige Frau sich von ihren ökonomischen Anfechtungen stets sehr bald erholte , obgleich auch sie von ihrem guten Humor immer auf Niewiedersehen Abschied nahm , und daß auch dem gnädigen Fräulein die alte närrische Herrlichkeit schnell von neuem anschießen werde . So konnte er die trübe Gegenwart mit ziemlich weiser Gelassenheit tragen , was der Junker von Lauen nicht vermochte . Der stieg zwischen den beiden Alten immer mürrischer hügelan und verspürte von Schritt zu Schritt immer größere Lust , etwas zu tun , was dem Fräulein diesen Nachmittag für seine ganze spätere Lebenszeit unvergeßlich mache und sein eigenes Rachebedürfnis wenigstens fürs erste befriedige . Was ging es aber auch ihn an , daß doch eigentlich nichts mehr in der Welt auf dem rechten Flecke stehe und daß die Hoffnung , daß alles wieder auf diesen richtigen Fleck zurückgestellt werde , nun doch wohl zuletzt von den glaubenstreuesten Seelen aufgegeben werden müsse ? ! Was ging es ihn an , zu erfahren , daß es gar keine Freude sei , in einer so schlechten , gemeinen , plebejischen , demagogischen Judenwelt leben zu müssen ? Was ging es ihn an , daß selbst diese miserable , nichtsnutzige Welt noch erbärmlicher und niederträchtiger werden könne und in der Tat von Tag zu Tag werde ? Was endlich ging es den Stammhalter des Lauenhofes an , daß es den Fürsten von Tyrus und Kaiser von Konstantinopel , Johann von Brienne , nicht im Traume eingefallen war , seine verwandtschaftliche Pflicht zu erfüllen , und daß die Erbin seines Thrones nun wirklich ein bedenkliches rheumatisches Ziehen von Schulterblatt zu Schulterblatt verspürte ? Herr Hennig von Lauen litt bis jetzt noch nicht an Rheumatismus . Der graue Tag brachte ihm keine Weltuntergangsgedanken , und was die Verschlechterung im sozialen Wesen betraf , so fühlte er , wie schon bemerkt wurde , heute selber ein Gelüst , als ein Rebell gegen dasselbe in seinen edelsten Inkarnationen aufzustehen und der Madame de Genlis , der Madame de Campan und so mancher anderen Madame und adeligen weiblichen Autorität was man nennt einen Esel zu bohren oder gar einen Tritt zu geben . Er war eben ganz unvermerkt und trotz aller zarten Sorgfalt und scheuen Vorsicht des Fräuleins auf jenem Standpunkt angelangt , auf welchem er die Gesellschaft und die Ansichten der Bauernjungen von Krodebeck bei weitem dem großen Louis , der Königin Marie Antoinette , dem alten Amos Comenius und sogar dem Herzog Wittekind , dem Liebling des Herrn von Glaubigern , vorzog , und gerade heute war der Tag und die Stunde , die eine ganze Epoche seines Daseins zum Abschluß brachten . Die Lustwandelnden waren , bis jetzt ziemlich geschützt vor dem Winde , zu dem Walde emporgestiegen . Jetzt erreichten sie die Höhe , und der Wind kroch nicht mehr am Boden , zu ihren Füßen , sondern er faßte sie sehr rücksichtlos ganz und gar , kümmerte sich in Hinsicht auf das Fräulein nicht im geringsten um das Dekorum , wirbelte es einen Augenblick höchst frech und unanständig im Kreise umher und drehte es sodann ruckartig mit der verdrießlichen Nase gegen das Tal und Dorf zurück , als wolle er sagen : » So , jetzt marsch nach Hause - bis hierher und nicht weiter ! Für heute haben wir genug von Ihnen ! « Den Peccadillo hob dieser Wind fast von den Füßen ; der kluge Hund drehte ohne weitere Notiz kurz um und ging in wackelndem Trabe heim . Der Chevalier griff mit beiden Händen nach seiner Fuchspelzmütze , um sie tiefer über die Ohren zu ziehen . Was den Junker anbetraf , so wendete sich dieser wie alle übrigen und sah mit tränenden Augen zurück . Da schlängelte sich der graue , steinige Feldweg hinab , da lag das Dorf , wo die Dreschflegel taktmäßig auf den Tennen klappten ; da erhoben sich die spitzen Dächer und Giebel des Lauenhofes , und den Junker Hennig überkam plötzlich ein Widerwillen gegen alles das und ein noch heftigerer Ekel gegen die Heimkehr mit den alten Freunden und gegen die stillen Vergnügungen des Abends im Kreise derselben sowie der arbeitsseligen Mutter und der anderen Haus- und Stubengenossen . Mit einemmal schien dem Jungen ein Licht darüber aufzugehen , wieviel vom Leben er infolge seiner trefflichen Erziehung bereits verloren habe . In einem langanhaltenden dummen Geschrei machte er plötzlich seiner Entrüstung darüber Luft , tat einen Sprung über den Graben , lief den Abhang hinauf dem Walde zu und war verschwunden , ehe der Ritter und das Fräulein im geringsten fähig wurden , den Dämon , welcher ihren Zögling ergriffen hatte , zu begreifen und zu würdigen . Ehe sie sich sogar von dem ersten Schrecken erholt hatten , befand sich der sittsame Knabe schon so tief im Gebüsch unter den wild geschüttelten Eichen , daß die Rufe , die ihm endlich nachgesendet wurden , nur einen schwächlichen Eindruck auf seine Ohren machen konnten und bereits im nächsten Augenblick gänzlich verlorengingen in dem Sausen des Windes und dem Rauschen der Blätter . Hennig war allein , vielleicht zum ersten Male in seinem Leben wirklich allein , und fand keinen andern Ausdruck für das Gemisch von Furcht , Schauder und Wonne , welches ihn ob seiner Freimachung ergriff , als einen abermaligen ziemlich tierischen Schrei , den er so lange stets von neuem ertönen ließ , bis er braunrot im Gesicht und vollständig außer Atem war . Dazu lief er immer fort - blind und rein besessen - , bis auch dazu seine Kräfte nicht mehr ausreichten . Keuchend vor geistiger und körperlicher Aufregung , hielt er inne und horchte . Das Rauschen und Sausen war nun ganz in den Baumkronen . Am Fuße der hohen Stämme war die Luft still und ziemlich warm ; man merkte hier erst recht , wie nahe der Regen war , an welchem die ganze Woche gebrauet hatte . Draußen vor dem Walde war das Fräulein außer sich ; aber der Chevalier rieb sich verstohlen die Hände und vermochte nicht ganz ein Lächeln der Befriedigung zu verbergen . Hätte er den vollen Gewinn des Knaben geahnt , seine Befriedigung würde sich noch heller und deutlicher Luft gemacht haben , aller Wehklage und saueren Bosheit der verzweifelnden Adelaide zum Trotz . Hätte er sich indessen vollkommen klargemacht , wie wenig doch auch bei diesem Gewinn zuletzt herauskommen werde , so würde er zwar auf die Lamentationen des Fräuleins nicht mehr geachtet haben , allein eine große Freudigkeit hätte er sicherlich weder in Mienen noch in Gesten offenbart . Der im Wohlleben aufgewachsene Hennig besaß jenes animalische Gefühl für die Behaglichkeit des Lebens , welches man auch Gemütlichkeit zu nennen pflegt , im hohen Grade . Den Genuß , faul und fett am Fenster oder am warmen Ofen zu sitzen , wenn die Nebel von den Bergen niederstiegen , wenn die Blätter und der Wind und Regen rauschten , kannte er sehr wohl ; und nun riß ihn an diesem dunklen Nachmittag ein anderer Geist zum erstenmal über diese bequemen Stimmungen hinaus . Die Wolken , die ihm über dem Kopf schnell hinglitten , verwandelten sich in Rosse , welche ihn weit fort von Krodebeck und aus der engen Welt seines väterlichen Hauses hinwegtrugen . In dem Winde klang eine muntere Stimme , die nicht an nasse Füße , Schnupfen , Rhabarber und Kamillentee mahnte . Zum erstenmal packte den Knaben das Robinson-Crusoe-Gefühl , das Gefühl der Abenteurer , Entdecker und Eroberer . Noch einmal trug ihm ein Windstoß den schrillen Ruf der Chevalière von Malta herüber , und grinsend warf der Taugenichts seine Mütze in den nächsten Baum und lachte laut auf , erschrak jedoch trotz aller Tollmütigkeit nicht wenig , als dieses Lachen ein helles , fröhliches Echo fand . Schnell und scheu blickte er umher , sah jedoch niemand , was seinen Mut und seine Sicherheit grade nicht erhöhte . In demselben Augenblick aber flog ihm seine Mütze aus den unteren Zweigen einer verkrüppelten Buche ins Gesicht . Auf leicht ersteigbarem bequemem Sitz in diesem untern Gezweig des gebogenen Baumes saß das schöne Kind der schönen Marie und lachte zum zweitenmal den Knaben hell an und der geschickt geworfenen Mütze nach . Es ist schon gesagt worden , wie sich das Fräulein von Saint-Trouin den ganzen Sommer hindurch bemüht hatte , seinem Zögling einen gehörigen Abscheu vor der kleinen Vagabundin einzuflößen , und wie viele treffliche Lehren und Folgerungen sich für ihn an dieses winzige , zierliche Persönchen knüpften . Also war es kein Wunder , daß der Junker ziemlich dumm zu dem Vöglein auf dem Ast emporsah und eine nicht kleine Sehnsucht nach dem schützenden Rock des Fräuleins verspürte . Allein noch schlug das Herz zu hoch in der jungen Freiheit , als daß nicht auch dieses Unbehagen überwunden werden konnte . » Guten Tag , Hennig ! Komm herauf , hier ist Platz für mehr Leute ! « rief Antonie Häußler . » Eh , eh , er fürchtet sich , und er kann nicht klettern , und die gelbe Frau leidet ' s nicht . Hu , wie kommst du in den Wald , wenn ' s regnen will , und ohne die gelbe Frau ? Komm herauf , oder ich komme herunter und fliege mit dir fort , daß du in deinem Leben nicht wieder in dein Dorf den Weg zurückfindest . « » Untersteh dich ! « rief der Knabe , sehr bestürzt und hastig einen dürren Ast vom Boden aufgreifend . » Er fürchtet sich wirklich ! « jauchzte das kleine Mädchen . » Soll ich dir auf den Kopf fallen , dummer Junge ? « » Ich fürchte mich nicht ! « schrie der Knabe , mit Tränen in den Augen den Stock fortwerfend . » Ich will mich nicht fürchten ! Komm herunter , du ; ich tue dir auch nichts , und das Frölen ist weit genug , vor dem brauchst du dich auch nicht zu fürchten . « Einen kurzen Moment zögerte das Kind , dann stand es auf seinem Aste leicht auf den Füßen , und im nächsten Augenblick glitt und trat es blitzschnell von dem knorrigen Stamm hinunter und stand vor dem Junker von Lauen in seinem flatternden Röckchen , dessen Stoff aus der Plunderkammer der gnädigen Frau stammte und dessen Zuschnitt und solide Arbeit der alten Frau vom Siechenhause alle Ehre machten . Um diese Jahreszeit fängt der Rehbock an , sein Gehörn abzuwerfen , und ein solches Gehörn zog die Kleine hervor und bot es gleichsam als Friedensunterpfand dem Knaben an . » Das findet man im Holze , und ich schenke es dir . « » Das ist nichts Großes , aber gib es nur her , du kannst es doch nicht gebrauchen « , sagte Hennig . » Wir haben zu Hause einen Saal mit Geweihen von Hirschen , einen ganzen Saal voll , die solltest du einmal sehen ! « » Ich frage nichts danach ! « war die Antwort , und das Gespräch stockte bedenklich , bis Hennig es zuletzt von neuem in Gang brachte , und zwar durch die schlaue Frage : » Bist du immer im Walde ? Was tust du im Walde ? Bist du immer allein im Walde ? « Antonie lachte wieder ganz lustig . » Ich denke mir was dabei ; aber das geht dich nichts an , Schafskopf ! Hab ich dich gefragt , weshalb du hierherkommst ? « Nun hätte die Unterhaltung füglich wieder zu Ende sein können und diesmal mit vollem Recht ; allein der gegenseitige Reiz , sie fortzuführen , war doch zu groß . » Was schimpfst du ? « fragte der Knabe . » Habe ich dich geschimpft ? « » Nein . Ich sage auch nur , was mir einfällt ; aber mich schimpfen sie in der Schule und im Dorf , und ich mache mir nichts daraus . Mach du dir auch nichts daraus ! « » Du , Tonie Häußler , weshalb will Frölen Trine nichts von dir wissen ? Weshalb schimpft sie dich und fürchtet sich vor dir ? « » Ich weiß nicht . Frage deinen guten Herrn , den Herrn Ritter . Frag meine Pflegemutter , die alte Frau im Armenhause . Du weißt ja , daß ich im Armenhause wohne , wenn ich nicht im Walde bin . « » Das weiß ich . Ich habe dich selbst mit den andern hingebracht , als du in Krodebeck ankamst , und ich habe mit dem Fräulein Adelaide vor der Tür gewartet , bis der Herr von Glaubigern mit der kranken Frau und dir drinnen fertig war . « » Meine Mutter ist tot , und ich wohne im Siechenhause , und ich wünsche mir kein besser Leben . Fürchtest du dich vor mir , dummer Junge ? « » Nein - du gefällst mir ! « » So laß uns laufen . Ich laufe gern . Ich laufe gern mit dem Winde um die Wette . Horch , da oben geht er in den Wipfeln und ruft uns hier unten am Erdhoden . Husch - he , weshalb hast du deinen alten Herrn nicht mitgebracht ? - Der liefe mit uns und lachte wie ich über die gelbe , lange Frau . « » Ich bin ihnen weggelaufen ! « sprach Hennig mit kuriosem Selbstgefühl . » Dem mürrischen Fräulein ? Hussa , das ist recht ! Da , komm , du bist kein dummer Junge . Das wirst du nun noch öfters tun ! « » Läufst du oft weg , Tonie ? « » Jeden Tag , denn sie sind an jedem Tag hinter mir her , sobald die Schule zu Ende ist . Sie machen es schon arg in der Schule , wenn der Kantor den Rücken wendet ; aber auf dem Kirchhof sind sie sehr schlimm . Ich habe keinen , der mir hilft , und deshalb laufe ich - laufe immerzu , immerzu . O ich kann schnell laufen , ich habe