diesem kummerbleichen Gesicht gesehen hatte . Sie hatte heut ' seit vielen Jahren die schönste Stunde erlebt . Nicht der so seltene Wein , die erlebte Ehre machte sie so froh und weckte tausend Hoffnungen auf eine schöne , glückliche Zukunft . Einmal über das andere drückte sie des Sohnes kräftige Hand , die sie führte , und wenn auch Dorotheens Anwesenheit sie zuerst etwas scheu machte , so konnte sie doch nicht unterlassen , ihre Freude über das Erlebte auszusprechen . Freilich kam sie auch auf die Worte , mit welchen Jos den Krämer neckte , und der Ton ihrer Stimme wurde dabei sehr ernsthaft , aber sie waren schon zu hart bei den Häusern von Argenau , um darüber noch lange reden zu können . Sie dachte wieder an den Abschied , der ihr jetzt weit weniger schwer fiel als zwei Stunden vorher . » Daheim sich wohl sein lassen « , meinte sie , » können arme Leute nun einmal nicht , und , das angenommen , haben es wenige besser als wir , da wir uns ja täglich einen guten Morgen wünschen können . « Sie sprang wie ein junges Mädchen , um dem Jos die eingepackten Kleider aus dem Häuschen zu holen , und als er ihr die Hand reichend » Behüt ' Gott ! « sagen wollte , meinte sie , es wäre doch lächerlich , soviel Wesens zu machen , wenn man nur in ein Nachbarhaus gehe . Dennoch zitterte ihre Stimme , als sie das sagte . Dann aber mußte ihr eine sehr dringende Arbeit eingefallen sein . Sie drehte sich rasch um und eilte ins stille , öde Häuschen zurück . Stighansens neuer Knecht bemerkte kaum , wie groß ihn die hungrigen Kühe ansahen , bevor sie sich an das ungestüm geforderte Futter machten , so sehr waren seine Gedanken mit dem wunderlich gestalteten Schatten beschäftigt , der sich so zwischen ihn und Dorothee gedrängt hatte . Je länger er ihn vor sich sah oder zu sehen glaubte , desto ähnlicher wurde er dem etwas stark gebauten , kurzhalsigen Stighans ... Jos ließ alles , was er heute sah und hörte , an sich vorüberziehen und war noch mit der Frage beschäftigt , ob Dorothee mit einer goldenen Kette zu fesseln sei vom nächstbesten Hans oder ob nicht vielmehr ein höherer Mut aus diesen lieben braunen Augen blicke . Da hörte er des Mädchens wundervolle Altstimme von dem einsam auf der Alp stehenden Hause und von der Sennerin singen . Oh , wie klang das gleichsam durch all seine Nerven hindurch ! Er setzte sich auf einen Melkstuhl und lauschte . Jetzt rechnete er nicht mehr und fragte nichts . Um sein Herz weitete sich ' s , und feuchten Auges dankte er Gott , daß er da war , es mochte nun kommen , wie es wollte . Sechstes Kapitel Der erste Tag im neuen Dienst Im ersten Traum unter fremdem Dache pflegt man Vorbedeutungen für Künftiges zu suchen , als ob man darin wie in einem freilich trüben Spiegel sähe , was man in diesem Hause noch erleben werde . Es tat dem noch etwas scheuen Jos ungemein wohl , als am anderen Morgen beim Kaffeetrinken sich Dorothee sogleich mit der Frage an ihn wendete , was er denn heut ' nacht im Traum erlebt und für seine Zukunft Bedeutungsvolles gesehen habe . » Ich kann mich an gar nichts mehr erinnern « , antwortete er , fast traurig darüber , daß sein Bericht nicht länger währen konnte , denn gestern beim Abendessen war ihm die Stille beinahe peinlich geworden . » Das « , meinte die Stigerin etwas bitter , » könnte leicht bedeuten , daß du in unserm Hause auch nicht viel oder doch nicht viel Unvergeßliches erlebst . « » Ich freilich hab ' mir es ganz anders ausgelegt « , wagte Jos zu erwidern . Und als sich ihre Lippen etwas strenge verzogen , fuhr er , wie immer , wenn er sich noch nicht recht sicher fühlte , geschwätzig fort : » Auch ich hätte recht gern eine gute Vorbedeutung gehabt . Nach dem Erwachen hab ' ich mich angestrengt wie früher als Schüler , wenn ich mich auf die gestern so mühevoll auswendig gelernte Katechismusaufgabe besann , um mich eines Traumes zu erinnern . Doch das ging nicht und ging nicht , wie müd ' ich mich auch sinnen mochte . Ja , ich ermüdete und wäre bald über dem Nachdenken wieder eingeschlafen , als mir , wie vom Schutzengel eingegeben , die Vorstellung kam , nicht ein Traum entscheide über meine Zukunft , sondern ich selbst . Darüber hab ' ich mir dann eine ganze Predigt gemacht , und so mutig , so froh bin ich dann zu den Kühen in den Stall gegangen , daß es wohl selbst der kaum glaubt , den mein Jauchzen und Singen weckte . « » So etwas « , meinte Dorothee , » kann man nicht jedem sagen , aber zeigen läßt es sich ; drum werden wir schon auch noch davon erfahren . « Solchen Mut wie aus diesen Worten hatte Jos von seiner selbstgemachten Predigt schwerlich gewonnen . Er wurde also doch von dem guten Mädchen liebevoll beachtet . Nun konnte seinetwegen die alte , fette Frau kichern und meinen , man werde eben nicht viel sehen ; ihm war das ganz gleichgültig , oder vielmehr es war ihm recht , daß er die beiden sogleich etwas auseinandergehen sah . Nun sagte Hans , der inzwischen seine Kaffeeschüssel geleert und das große Butterbrot verzehrt hatte : » Heut ' muß denn doch endlich das Heu abgewogen und heimgebracht werden , welches mir der Krämer vom Lipp gekauft hat . Es kostet wahrhaftig nur einen Spottpreis . « » Ja « , rief Jos , » das war auch so ein Handel , für den man den Krämer einige Wochen einstecken sollte . « » Ein Teufelskerl ist er , der Krämer « , lachte Hans . » Wenn unsereiner da oder dort einmal mit Barem aus der bittersten Not helfen will , so bekommt er nichts mehr als des Teufels Dank dafür zurück . Er aber steckt seine Finger überall hinein und verbrennt sie doch nie , sondern immer hängt etwas nicht Unbeträchtliches daran , wenn er sie wieder zurückzieht . Mit den Leuten , die immer schon vorgegessenes Brot in Bäckers Tagebuch haben , kennt er sich aus , es hat eine Art , und zu fangen und zu binden versteht er sie , daß man oft noch beinahe lachen muß . « Jos fuhr wie von einem Wespenstich getroffen auf und fragte : » Kannst du das Wuchern lächerlich finden ? « » Der Lipp ist so mit dem Krämer eins worden « , antwortete Hans ein wenig spitz . » Oh , der braucht den Leuten nicht nachzulaufen . Wie gut sie ihn auch kennen , sie gehen doch freiwillig in seine Falle . « » Freiwillig « , wiederholte Jos verächtlich . » Der Krämer hat dem Lipp sein Darlehen gekündigt , als das Heu billig und nirgends Geld aufzutreiben war als etwa bei solchen , die mit dem alten Sünder unter einer Decke zu spielen scheinen . « Jos war so erregt , daß er , um sich nicht allzuviel Gewalt antun zu müssen , die Stube verlassen wollte , da er sah , daß Schweigen hier jetzt Gold , Weiterreden aber nur Öl in das auf dem Gesichte der Stigerin sich verratende Feuer sei . Schon hatte er die Türe geöffnet , als die Stigerin ihn etwas rauh an den Tisch zurückrief . » Bei uns wird gebetet , bevor man geht « , sagte sie und begann , noch zornrot , eine endlos scheinende Zahl Vaterunser zu beten für Lebendige und Tote , Gott und seinen Heiligen zu Ehren und den armen Seelen zum Trost . Auch Jos brummte mit , von Andacht war aber dabei keine Rede . Dieses gedankenlose Beten mit den Lippen , die noch vor einer Minute den Krämer verteidigen wollten , kam ihm fast wie eine Gotteslästerung vor . Das gute aber war , daß die Stigerin sich in eine ganz andere Stimmung hineingebetet zu haben schien . Nachdem sie endlich das letzte Kreuz gemacht und noch einmal den armen Seelen die ewige Ruhe gewünscht hatte , befahl sie Hansen , doch für Lipps arme Kinder etwas Obst , Weißbrot oder Zucker mitzunehmen . » Die armen Tröpflein « , sagte sie , » haben so selten etwas Gutes , und mit nur wenigem kann man ihnen eine Freude machen , daß sie eins sein Lebtag drum ansehen . « » Und das ist schon eine Kleinigkeit wert « , sagte Jos rauh , aber zum Glück hatte die Stigerin , die schon nach ihrem Speicher geeilt war , diese Bemerkung nicht mehr gehört . Dorothee sah den Knecht mit einem vorwurfsvollen Blicke an . Ja , sie hatte eben auch schon als Kind Weißbrot und Zucker bekommen , drum mußte sie mit allem einverstanden sein und mußte freundlich lächeln beim Abschied vom einzigen Bruder , der jetzt für Hansen des Kaisers Rock trug . Herrgott , wer hätte dem alten Mathisle und Dorotheens kränklicher Schwester alljährlich soundso viel Magdlohn gegeben , wenn Dorothee nicht mehr gelächelt haben würde ! Auch das war Zucker und Weißbrot für die armen Tröpflein und Hansjörg der Heustock , den man um ein Sündengeld kaufte . Du lieber Gott , von dem allem siehst du nichts , denn wie ein großer , grauer , undurchdringlicher Schleier fällt das lange und breite Tischgebet darüber herab . Auf dem Wege zu Lipps ärmlicher Behausung erzählte Hans dem Knechte von seinen Kühen und wie er zu jeder einzelnen gekommen sei . Jos erfuhr dabei , daß wenigstens in den letzten Jahren immer der Krämer dazu geholfen und geraten hatte . » Das ist einer , mit dem man die anderen fängt « , bemerkte der langsame Erzähler nebenbei . » Fehlen kann ' s ihm freilich auch , aber dann hat mir doch die Mutter nichts vorzuwerfen . « Vor dem fast ganz neugebauten Hause des Andreas stand er still und flüsterte dem Knechte zu : » Du , aber der da hätte wieder eine schöne Kuh feil . Die möcht ' ich kaufen , aber selbst , denn der Krämer tät wohl eher auf des Töchtermanns Vorteil denken als auf den meinen . Geh doch einmal in den Stall und sieh dir den Weißfuß drum an , was er wert ist . Aber höre noch : Handeln laß dann mich allein ! Die Angelika - will sagen : der Andreas - wenn der seinen Rausch von gestern schon ausgeschlafen hat - , sie beide sollen nicht meinen , daß sie mit einem zu tun haben , den man so leicht überlisten kann . « Hans blieb beim Wagen stehen , bis Jos wiederkam und seine Meinung sagte . Dann gingen beide in die Stube , wo sie das sehr übernächtig aussehende Ehepaar beim Morgenessen antrafen . Das schöne , blasse Weib stieß einen leisen Schrei aus , als es Hansen so unerwartet eintreten sah . Andreas aber sagte ruhig und kalt : » Ihr seid da dem Weib in die schönste Predigt hineingekommen . « » Schäme dich ! « rief das Weib , und glühende Röte färbte ihr Gesicht , » schäme dich , vor Fremden davon zu reden ! « » Der Hans ist dir doch noch nicht gar so fremd , und Jos ist ein armer Teufel , vor dem sich kein Mensch zu schämen braucht . « » Wo keine Scham , da ist auch keine Ehr ' . « Hans sagte das nur , weil ihm just nichts anderes einfiel und er doch diesem peinlichen Auftritte so gern ein Ende gemacht hätte . Mit solchen Sprichwörtern ist ein Hans gewöhnt , jeden aus der Fassung und zum Schweigen zu bringen . Hier jedoch hatte er nicht den rechten Mann getroffen . Andreas erwiderte mit bitterem Lachen : » Und wo keine Ehr ' , ist auch keine Scham . Ich aber bin nun einmal der Lümmel bis in die alten Tage und hab ' nichts Gutes an mir , als daß ich zuweilen am hellen Werktag in eine Predigt komme . Nützen tun an mir diese Predigten freilich nichts , als daß ich den Trost daraus schöpfe , sie hab ' mich doch immer noch ein wenig lieb . « Bei den letzten Worten hatte seine Stimme ein wenig gezittert . Jetzt war es so still , daß man das im Nebenzimmer erwachende Kind die Mutter zu sich rufen hörte . Die Gerufene flog ans Bettchen , und Mutter und Kind beteten laut ihren Morgenspruch . Andreas fragte unterdessen , was sein früher Besuch eigentlich wolle . Hans brachte stotternd sein Anliegen vor . Er war jetzt gar nicht mehr zum Handeln aufgelegt , wie sicher ihn auch die Angaben seines Knechtes gemacht hatten . So mußte denn Jos das Geschäft abschließen , und es ging um so schneller , da Andreas das Geld gleich holen durfte . In seinem Eifer , zu zeigen , daß man künftig des Krämers Rat nicht mehr nötig haben werde , war Jos bemüht , mit der Not des Verschwenders den Preis des Tieres herabzudrücken . Es gelang ihm das auch so gut , daß sogar Hans es bemerkte und ihn gleich vor dem Hause darüber zur Rede stellte . » Ich sehe wohl , du bist nicht besser als der Krämer « , sagte er . Den Knecht ließ sein Gewissen sogleich erraten , was Hans damit meine . » Aber « , antwortete er , » der Andreas ist denn doch kein armer Lipp . « » Aber er hat auch Weib und Kind . « » Oh , die sind sich selbst genug ; sieh nur , wie froh sie sich da oben zulächeln . « Das Weib , welches mit einem wunderlieblichen Mädchen auf dem Arm am offenen Fenster stand , schien wirklich nicht mehr dasselbe , welches vorhin die Stube verließ . Hansen schien dieser Anblick recht in der Seele wohlzutun . Er langte sogleich in die Tasche und warf dem holden Geschöpfe ein großes Stück Zucker zu . Was er sonst noch in der Tasche hatte , warf er in Lipps Stube auf den Boden und hatte am Haschen und Zerren der ärmlich gekleideten Kinder seine Freude . Selbst die Mutter sah eine Zeitlang behaglich lächelnd dem Kriege zu , bei dem ja doch immer eines ihrer Kinder gewann . So gut als Hansen schien ihr aber die Sache doch nicht zu gefallen . Sie ging auf einmal seufzend hinaus , während Hans , der nun seine Taschen geleert hatte , seinen Geldbeutel zog und kleine Kupfermünzen auswarf . Der Eifer der Kinder wurde immer größer , immer weniger schonten sie sich , und es begann bald da , bald dort eines laut zu weinen . Das trieb die Mutter wieder in die Stube zurück . Rasch trat sie ein und sah den reichen Bauern gar nicht wie einen Wohltäter an , indem sie sagte : » Wenn du aus der Leidenschaftlichkeit der Kinder sehen willst , wie grausam nötig wir alles brauchen könnten , so wirst du nun bald fertig sein . Ich könnte dir noch viel erzählen , wenn du nicht selbst an den Heustock denkst , den wir aus purer Armut um einen Spottpreis verkaufen mußten . Mir hat das weh getan , aber doch nicht so weh , als es mir tut , meine Kinder jetzt um des leidigen Geldes willen zum erstenmal in ernstlichen Unfrieden zu sehen . « Der Schusterlipp warf einen großen Leisten so heftig in die Schublade , daß alle anderen Werkzeuge in derselben klirrend aufflogen . Dann sagte er mit schlecht verhaltenem Unwillen : » Sie werden sich noch viel mehr wehren müssen ums liebe Geld . Es gab auch zum Anfangen wohl keine erwünschtere Gelegenheit als heut ' . Eins gewinnt ja immer , und wenn dir das nicht recht ist , so mach ' dich lieber gleich wieder in die Küche . « Das Weib , so erschrocken über den seltenen Ton in den Worten ihres sonst so guten Lipp , daß sie die Anwesenheit der Fremden gar nicht mehr beachtete , bat mit feuchten Augen : » Sei doch um Gottes willen nicht so ! Du weißt ja , daß ich immer dabei bin , wenn es für die Kinder etwas zu verdienen gibt , du weißt , daß es mir da weder zu heiß noch zu kalt ist . Aber , Lipp , nicht gegeneinander sollen sie sein ; jedes für sich und gegen die anderen , das tät ' mir weher als alles , was sonst unsere Armut mitbringt . « » Wir wollen lieber in den Stadel zum Heu « , murrte der Schuster . » Wenn du einmal auf deine Kinder kommst , kann man dir doch nichts mehr aus- oder einreden . « Die letzten Worte sprach er weich , beinahe freundlich , und Jos hatte das Gefühl , hier wäre doch besser sein als in dem neugebauten Hause des Andreas . Trotzdem aber war er so froh als eine arme Seele über ein Vaterunser , daß man jetzt vom Gehen redete . Rasch wendete er sich und erfaßte den hölzernen Türnagel mit beiden Händen , Hans aber blieb wie angebannt stehen . Eine Zeitlang nestelte er an seinem Geldbeutel herum , dann warf er ihn auf den Tisch und sagte etwas unmutig : » Da , du böses Weib , nimm du die wenigen Taler und verteile sie besser , als ich es kann . Nimm nur ! « drängte er , » gleich vor meinen Augen nimm ! Es ist nicht gebettelt und auch nicht geschenkt . Ihr beide müßt mir dafür eine Gefälligkeit tun . « » Nur gefordert ! « rief Lipp fröhlich . » Ihr dürft von der dummen Geschichte kein Wort mehr miteinander reden « , bedingte Hans und eilte dann so schnell hinaus , daß Jos ihm kaum aus dem Wege kommen konnte . Beim Abwägen und Aufladen des Heues war Lipp in der heitersten Stimmung . Er erzählte viel Liebes und Gutes von seinem Weibe . » Dulden und entbehren « , sagte er , alles entschuldigend , » haben wir zusammen gelernt ; aber daß jemand etwas bringt , war uns noch ganz ungewohnt , drum haben wir heut ' unsere Sache so schlecht gemacht . « Jos und Hans waren ziemlich schweigsam . Jeder schien mit seinen eigenen Gedanken vollauf beschäftigt , und diese sprachen sie erst aus , als sie beisammen in der Deichsel des schwer beladenen Wagens gingen , der ihnen auf dem ziemlich guten , ein wenig abwärts gehenden Wege langsam nachschwankte . Hans sprach den Wunsch aus , daß doch auch beim Andreas so leicht zu helfen wäre wie hier , dann sollte Angelika keine böse Stunde mehr haben . » Dann « , fragte Jos , » wähnst also du , die Reichen seien schlimmer dran als ein Armer , ein in der warmen Stube Sitzender , der einmal hinaus muß , mehr zu bedauern als der Halberfrorene , den ein Sonnenstrahl erquickt ? « » Ich hab ' nicht gleich die ganze Welt im Kopfe wie du . « » Aber sag ' mir , warum ist Angelika gar so zu bedauern ? Sie mußte den Andreas kennen , als sie sein Weib wurde . « » Damals war er nicht so arg wie jetzt . « » Vielleicht ist aber gerade sie an manchem schuld . « » Sie ? Angelika ? « » Der Vater des Andreas hat ihn hart gehalten , dafür suchte er Ersatz , als er sein eigener Herr wurde . Folgen wie ein Knecht hat er gelernt , sich selbst beherrschen kann er nicht . « » Drum eben hätt ' er auf Angelika hören sollen , das hätte ihm keine Schande gemacht . « » Der Krämer sagte , daß sie das auch geglaubt und ihm oft eingeredet habe , gepredigt wie heut ' , das machte ihn erst recht trotzig . Er mochte nicht mehr daheim sein , suchte Unterhaltung im Wirtshaus und tat so , daß man ihn einen Lümmel nannte . Das größte Unglück , meint der Krämer , sei das , daß er sich jetzt auch selbst für einen Lümmel halte . « » Aber wie du auf einmal den Krämer soviel gelten lassen kannst ? « » Der kennt die Menschen sicher so gut als die Kühe , und gleichgültig ist ihm sein Töchtermann denn doch nicht , wenn er sich vielleicht auch wenig um sein Seelenheil kümmert . « » Und der Krämer wüßte also nicht , mit was der guten Angelika geholfen werden könnte ? « » Einmal , in der übelsten Laune , hat er gesagt , es wäre vielleicht kein so großes Unglück , wenn ihnen alles niederbrennen tät . Dann aber hat er an sein liebes , hübsches Enkelchen gedacht und ist über seine Rede fast zu Tode erschrocken . Ich aber hab ' mich später oft mit dem Gedanken beschäftigt . So ein reiches Muttersöhnchen würde Augen machen in der Schule der Armut . Sehen möchte ich schon einmal , wie mancher sich anschickte , wenn er oft um etwas den doppelten Kreuzweg machen müßte , dem jetzt alles bis vor das Kanapee getragen wird . « Hansen schien dieser Wunsch nicht besonders zu erbauen . Er sagte etwas bitter : » Nun , wunderlicher würden die Reichen sich auf dem Platz der Armen nicht benehmen als diese , wenn man tauschen wollte . Man darf nur daran denken , wie närrisch es in so einer schlechten Hütte zugeht , wenn unverhofft einmal ein Stück Geld oder sonst eine Kleinigkeit hineinkommt . Gerade heute haben wir ein herrliches Beispiel erlebt . Wir , ich und die Mutter , haben auch einmal einen ähnlichen Fall erlebt wie heute beim Lipp . Es ist aber schon lange seitdem . Ich war noch ein ganz kleiner Bursche und hing immer an der Juppe der Mutter . Mein Bruder selig war mit dem Vater , nachher auch mit den Tagwerkern in Feld und Wald , ich aber blieb immer daheim oder bei dir . Nur mit der Mutter ging ich aus , wenn die einmal eine Base besuchte oder den Tagwerkern das Essen brachte . Noch weiß ich ' s ganz gut , wie das eine schöne Woche war , in der wir am Argenstein einige Tannen zu Schindeln fällen ließen . Das Mathisle hatte gesagt , es übernehme für den Hauszins die Verpflichtung , das Häuschen instand zu erhalten , wenn man ihm das Holz dazu schaffe . Das war freilich nur wenig . Aber wir brauchten das Häuschen einzig nur als Heustadel für das Gut daneben ; auf die weite Gasse setzen konnte man das arme Männchen auch nicht , und so nahm denn mein Vater den Antrag an . « » In dem allem « , bemerkte Jos , der den Wagen fast ganz allein ziehen mußte , » sehe ich keine Ähnlichkeit mit dem heutigen Fall . « » Wird schon noch kommen ; laß mich nur reden . « » Es ist also eine ganze Geschichte ? « » Ja , und Lipp hätte nicht meinen Beutel mitsamt dem Gelde bekommen , wenn ich nicht bei ihm wieder so lebhaft daran erinnert worden wäre . « » Großer Gott , was werde dann erst ich bekommen , wenn ich sie geduldig bis zu Ende angehört habe ! « » Überwindung wird ' s dir sicher genug kosten . « » Nein , erzähle nur « , sagte Jos lächelnd . » Also , wo war ich ? Wohl bei unserm Häuschen am Argenstein , in dem schon damals das Mathisle wohnte . Nein - ich war noch nicht dort . Wir gingen erst hinauf , ich und die Mutter . Sie , mit dem eingepackten Mittagsessen für die Holzhacker , kam nur langsam , mir viel zu gemach , vorwärts . Mit einem großmächtigen Butterbrot in der Hand sprang ich voran über Stock und Stein . Da begegnet mir ein Mädchen , noch kleiner als ich , und richtete die schönen Augen auf meine Hand , daß sie mich beinahe zu brennen schien . Ich wußte nicht , wie weh der Hunger tut , aber ich hatte das Gefühl , die gute Dorothee möchte mein Butterbrot . Anfangs wollte ich teilen , aber als ich sie darüber so erfreut sah , schenkte ich ' s ihr ganz . Sie sprang heim , ich zur Mutter zurück . Als wir nun mitsammen zu Mathisles oder eigentlich zu unserm Häuschen kommen , da steht Dorothee vor der Tür und weint die hellen Tropfen , will es aber mich und die Mutter durchaus nicht merken lassen . Erst als ich frage , ob sie mit meinem Butterbrot schon fertig sei , kann sie sich nicht mehr zwingen und weint nun überlaut . Die Mutter aber hat darum den Lärm in der Stube doch noch gehört , denn ihr ist das bei weitem nicht so zu Herzen gegangen wie mir . Zuerst blieb sie stehen und horchte . Da war wohl zu merken , daß man stritt , aber worum es sich handelte , das konnte man aus den einzelnen Worten nicht erlesen . Just das aber wollte die Mutter wissen . Sie ging in die Stube , ohne lange anzuklopfen , und da hat sie denn sogleich den ganzen Sachverhalt erfahren . Voller Freuden war Dorothee mit ihrem Butterbrot heimgeeilt . Das Mathisle wollte eben auch ins Feld , obwohl es noch nicht zu Mittag gegessen hatte . So , sagte es , als es Dorotheens guten und ihm so seltenen Bissen sah , da gäb ' es jetzt noch etwas zum Mitnehmen für die Langeweile . Ja , nimm nur , soll das Mädchen schnell gesagt haben . Der Vater hat schon nach dem gelangt , was das Mädchen ihm gibt , mit weggewendetem Gesichte wohl , aber doch schnell und ohne zu teilen . Das ist denn seiner Mutter gewaltig zu Herzen gegangen . Er sei herzloser , unverschämter als ein wildes Tier , hat sie ihn angewettert , sonst würde er dem hungrigen Tröpflein doch nicht so den ersten guten Bissen , den es bekomme , wegnehmen dürfen . Nun klagte auch der Mann seine Not und behauptete , das Kind könne doch nicht einzig von diesem Butterbrot , wohl aber von seiner Arbeit leben . Ich weiß nicht mehr , was alles die beiden sich nun im Zorn sagten , wenn schon es mir und der Mutter lang und breit erzählt wurde , wobei denn der Streit von neuem anging , obwohl sie sich im ersten Schrecken recht ordentlich zusammengenommen hatten . Es war , als ob sie nun miteinander zu rechnen angefangen hätten , und mir ist wohl noch nie etwas so nahe gegangen als diese Rechnung . Und doch dachte ich dabei nur an Dorotheen , die zitternd neben dem Vater stand , nicht auch an ihren Bruder und an die ältere Schwester , die während des Lärms miteinander spielten , als ob sie so etwas lange gewohnt waren oder als ob es sie rein gar nichts angehen tät . Mir kam es ganz unbegreiflich vor , daß meine Mutter heute so lange still sein und ganz geduldig zuhören konnte . Dafür aber fuhr sie dann auch endlich um so wilder auf : Euch ist nicht zu helfen , ihr Elenden , denn jede Gabe brächte nur neuen Krieg ins Haus . Dem Kinde aber soll geholfen , es darf durch euer Beispiel nicht auch noch verderbt werden . Wie konnte nur Gott euch ein so schönes , unschuldiges Wesen anvertrauen ? Es wär ' ihm von Herzen zu gönnen , daß es euch gehören tat , murmelte das Mathisle . Gott hat es mir gezeigt , sagte meine Mutter , wie wenn sie beten täte , so feierlich , wie ich sie nie gehört hab . Sein heiliger Schutzengel hat deutlich genug zu mir gesprochen . Wenn ihr selbst mir das Mädchen wünscht , so will ich es nehmen , bevor ihr es noch gar an eine Zigeunerbande verkauft . So hat meine Mutter gesagt . Vom Mathisle und seinem Weib ist dann noch viel mehr Wesens gemacht worden , als man hätte vermuten können . Besonders dem Weib ist es schwer gefallen , daß man ihr das Kind nehmen wollte und daß sie zu seiner Erziehung nichts mehr sagen , ja es nur höchst selten einmal besuchen sollte . Trotzdem hat sie am Abende des nämlichen Tages das Mädchen und sein kleines Bündelein in unser Haus gebracht . Die gute Mutter Dorotheens - - Gott tröste sie im ewigen Leben - hat im voraus für alles Gute mit feuchten Augen gedankt und dem Mädchen zugesprochen zum Abschied , daß mir dabei ganz kalt worden ist . Nun , sie könnte zufrieden sein mit dem Mädchen , wenn sie noch lebte , und mit uns auch , und meine Mutter hat ihre Güte auch nie bereuen müssen . « Jetzt erst bemerkte Hans , daß er und Jos und der Heuwagen noch beinahe auf demselben Platze standen , wo er seine Erzählung begonnen hatte . Jos , der alles lebhaft vor sich sah , was er hörte , hatte immer schwächer gezogen und dachte auch jetzt noch nicht an seine Arbeit . » Nun « , sagte er herzlich , » jetzt begreife ich , warum dir das heute wieder einfallen mußte . « Zu einer anderen Zeit hätte es den Jos ordentlich ärgern können , hier wieder ein neues Band zu sehen , welches das Mädchen an dieses Haus fesseln mußte . In