geworfen . Felicitas näherte sich der Herrin des Hauses und legte ein bewunderungswürdig gesticktes Batisttaschentuch auf den Nähtisch derselben . Die Regierungsrätin griff hastig danach . » Soll das auch verkauft werden zum Besten der Missionskasse , Tante ? « fragte sie , während sie das Tuch entfaltete und die Stickerei prüfte . » Je nun , freilich , « versetzte Frau Hellwig ; » Karoline hat es ja zu diesem Zwecke arbeiten müssen - sie hat lange genug damit getrödelt . Ich denke , drei Thaler wird es doch wohl wert sein . « » Vielleicht , « meinte die Regierungsrätin achselzuckend . » Woher haben Sie denn die Zeichnung zu den Ecken , liebes Kind ? « Ein leises Rot stieg in Felicitas ' Gesicht . » Ich habe sie selbst entworfen , « antwortete sie mit leiser Stimme . Die junge Witwe sah rasch auf . Ihr blaues Auge veränderte sich für einen Moment - es schillerte fast ins Grünliche . » So , selbst entworfen ? « wiederholte sie langsam . » Nehmen Sie mir ' s nicht übel , Kindchen , aber das ist eine Kühnheit , die ich mit dem besten Willen nicht fasse . Wie kann man nur so etwas wagen ohne die erforderlichen Kenntnisse ! ... Das ist echter Batist , der Tante kostet dies Stück mindestens einen Thaler - es ist verdorben durch die stümperhafte Zeichnung . « Frau Hellwig fuhr heftig empor . » Ach , sei nicht böse auf Karoline , liebe Tante , sie hat es gewiß nur gut gemeint , « bat begütigend mit sanfter Stimme die junge Dame . » Vielleicht läßt es sich doch noch verwerten ... Sehen Sie , liebes Kind , ich habe mich grundsätzlich nie mit Zeichnen abgegeben , der Stift in der weiblichen Hand gefällt mir nicht , aber nichtsdestoweniger habe ich ein sehr , sehr scharfes Auge für eine fehlerhafte Zeichnung ... Gott im Himmel , was ist das für ein monströses Blatt hier ! « Sie zeigte auf ein längliches Blatt , dessen Spitze umgebogen war , und das sich in täuschenden Umrissen abhob von dem durchsichtigen Gewebe . Felicitas erwiderte kein Wort , doch sie preßte die zarten Lippen aufeinander und sah fest in das Gesicht der Tadlerin ... Die Regierungsrätin wandte sich hastig ab und legte die rechte Hand über die Augen . » Ach , liebes Kind , jetzt hatten Sie wieder einmal Ihren stechenden Blick ! « klagte sie . » Es schickt sich wirklich nicht für ein junges Mädchen in Ihren Verhältnissen , andere so herausfordernd anzusehen . Denken Sie nur an das , was Ihnen Ihr wahrer Freund , unser guter Sekretär Wellner , immer sagt : Hübsch demütig , liebe Karoline ! ... Sehen Sie , da haben Sie nun gleich wieder einen verächtlichen Zug um den Mund - das könnte einen beinahe ärgern ! ... Wollen Sie sich denn wirklich auf das Romantische spielen und das Anerbieten dieses Ehrenmannes hartnäckig zurückweisen , weil - Sie ihn nicht lieben ? ... Lächerlich ! Da wird schließlich mein Vetter Johannes doch einen Machtspruch thun müssen ! « Wie mußte sich das junge Mädchen in der Selbstbeherrschung geübt haben ! Bei den letzten Worten der Regierungsrätin fuhr sie empor ; man sah , wie ihr das rebellische Blut nach dem Kopfe stürmte ; das plötzlich hoch empor gerichtete Haupt erhielt einen Augenblick etwas Dämonisches durch den Ausdruck des Hasses und der Verachtung . Dennoch sagte sie gleich darauf ruhig und kalt : » Ich werde es darauf ankommen lassen . « » Wie oft soll ich denn noch bitten , Adele , diesen widerwärtigen Handel nicht mehr zu berühren ! « sagte Frau Hellwig erbittert . » Bildest du dir denn ein , in wenig Wochen diesen Starrkopf , dieses Stück Holz zu brechen , nachdem ich ' s neun Jahre umsonst versucht habe ? Sobald Johannes kommt , wird die Sache ein Ende nehmen , und ich mache meine drei Kreuze ... Jetzt geh und hole mir Hut und Mantille , « herrschte sie Felicitas zu . » Ich hoffe zu Gott , daß diese Stümperei , « sie warf das Taschentuch verächtlich beiseite , » die letzte ist , die du dir in meinem Dienste hast zu schulden kommen lassen ! « Felicitas ging schweigend hinaus . Bald darauf schritten Frau Hellwig und ihr Gast über den Marktplatz . Die schöne Frau führte ihr krankes Kind mütterlich zärtlich an der Hand . Verschiedene Köpfe fuhren aus den Fenstern und sahen der reizenden Erscheinung nach , die für alle ein sanftes , kinderfrohes Lächeln hatte . Rosa , ihr Dienstmädchen , und Friederike folgten mit Körben am Arme ; das Abendbrot sollte draußen im Garten gegessen werden , zugleich wollte man Kränze und Guirlanden binden . Morgen wurde der junge Professor nach neunjähriger Abwesenheit im Elternhause erwartet , und obgleich Frau Hellwig über die » Alfanzereien « brummte , ließ es sich die Regierungsrätin doch nicht nehmen , das Zimmer des Ankömmlings zum Willkommen zu schmücken . 11 Heinrich schloß die Hausthür , und Felicitas stieg die Treppe hinauf . Der schmale Gang mit seiner dumpfen , eingeschlossenen Luft , der sich da oben seitwärts abzweigte , wie lieb und traut umfing er das junge Mädchen , das eilig hindurch schlüpfte ! Dann kam ein stiller , abgelegener Vorplatz ; auf schiefe Wände , ein plumpes , wurmzerfressenes Treppengeländer , das unten aus unheimlicher Dämmerung emporstieg , und auf eine uralte , mit steifgemalten Tulpen und ziegelroten Rosen bedeckte Thür fiel hier ein falber Lichtschein , den bouteillengrüne Gläser hineinwarfen . Felicitas zog einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete geräuschlos die Thür , hinter welcher eine schmale , dunkle Treppe nach der Mansarde führte . Das junge Mädchen hatte den halsbrechenden Weg über die Dächer nur ein einziges Mal machen müssen , von jenem Momente an war ihr der Eintritt in die abgeschiedene Klause der alten Mamsell unverwehrt . Während der ersten Jahre hatten sich ihre Besuche auf den Sonntag beschränkt , sie war dann in Heinrichs Begleitung hinaufgegangen . Nach ihrer Konfirmation jedoch hatte ihr die alte Mamsell den Schlüssel zu der gemalten Thür übergeben , und seitdem benutzte sie jeden freien Augenblick , um hinaufzuschlüpfen ... sie führte sonach ein Doppelleben . Es war nicht nur äußerlich , daß sie dabei Höhe und Tiefe berührte , zwischen trüber Dämmerung und klarem Sonnenlichte wechselte - ihre Seele machte dieselbe Wandelung durch , und allmählich war sie so erstarkt , daß zuletzt alle Schatten , alles Trübe der unteren Region hinter ihr blieben , sobald sie die schmale , dunkle Treppe hinaufstieg ... Unten handhabte sie Bügeleisen und Kochlöffel ; ihre sogenannte Erholungszeit mußte sie ausfüllen mit Stickereien , deren Ertrag zu wohlthätigen Zwecken bestimmt war , wie wir bereits gesehen haben , und außer der Bibel und einem Gebetbuche wurde ihr jede Lektüre streng verweigert . In der Mansarde dagegen erschlossen sich ihr die Wunder des menschlichen Geistes . Sie lernte mit wahrer Begierde , und das Wissen der rätselhaften Einsamen da droben war wie ein unerschöpflicher Quell , wie ein geschliffener Diamant , dem nach jeder Richtung hin Funken entsprühen ... Außer Heinrich wußte niemand im Hause um diesen Verkehr , die leiseste Ahnung seitens der Frau Hellwig würde ihm natürlicherweise sofort den Todesstoß versetzt haben . Trotzdem hatte die alte Mamsell dem Kinde stets eingeschärft , streng die Wahrheit zu sagen , wenn es jemals darum befragt werden sollte . Dazu kam es indes niemals ; Heinrich wachte treulich , er stand auf der Lauer und hatte Augen und Ohren offen . Die dunkle Treppe war erklommen . Felicitas blieb horchend vor einer Thür stehen , schob einen kleinen Schieber an derselben seitwärts und blickte lächelnd hinein . Da drin ging es toll zu - es war ein seltsames Gemengsel von Singen , Piepen und Schreien . Inmitten des Raumes erhoben sich zwei Tannen ; die Wände entlang liefen Boskette , wie sie ein Garten nicht frischer aufweisen konnte , und auf dem Gezweige hauste ein lustiges Vogelgesindel . Das war das Lebendige , das sich die alte Mamsell in ihre stille Einsiedelei heraufgeholt hatte . Die kleinen melodischen Kehlen sangen zwar immer die nämlichen Weisen , aber dafür hatten sie auch nicht jene unselige Wandelung der Menschenzunge , die heute » hosianna « und morgen » kreuzige « ruft . Felicitas schloß den Schieber und öffnete eine zweite Thür . Der Leser hat bereits vor Jahren einen Blick in diesen epheuumsponnenen Raum geworfen , er kennt die Versammlung ernster Köpfe , die sich an den Wänden hinreiht , aber er weiß nicht , daß sie in innigem Zusammenhange stehen mit jenen großen , in roten Maroquin gebundenen Büchern , welche dort in einem altväterischen Glasschranke aufgeschichtet liegen ... Es ist eine gewaltige Flut , die von jenen Stirnen ausgegangen - wer sie zu entfesseln versteht , der kennt keine Einsamkeit , kein Verlassensein ... Die großen Tonmeister verschiedener Zeiten waren es , welche in Bild und Werken das Asyl der alten Mamsell teilten , und wie sich die Epheuranken vermittelnd und unparteiisch um alle Büsten schlangen , ebenso vorurteilslos begeisterte sich die einsame Klavierspielerin an der altitalienischen , wie an der deutschen Musik . Der Glasschrank barg aber auch noch Schätze , die einen Autographensammler in Ekstase hätten versetzen können . Manuskripte und Handschriften jener gewaltigen Männer , die meisten von seltenem Werte , lagen in Mappen hinter den Scheiben . Diese Sammlung war in früheren Jahren zusammengetragen worden , wo , wie die alte Mamsell lächelnd meinte , ihr Blut noch feurig durch die Adern gerollt sei und hinter den Wünschen noch die Energie gestanden habe - manches vergilbte Blatt war mit bedeutenden Opfern und seltener Ausdauer errungen worden . Felicitas fand die alte Mamsell in einem Zimmer hinter der Schlafstube . Sie kauerte auf einem Fußbänkchen vor einem geöffneten Schranke , und um sie her auf Stühlen und Fußboden lagen Rollen weißer Leinwand , Flanell und eine Menge jener kleinen Gegenstände , die das Menschenkind sofort nach seinem ersten Schrei beansprucht . Die alte Dame wandte den Kopf nach der Eintretenden . Ihre feinen Züge hatten sich merkwürdig verändert , und wenn sie auch jetzt eben lebhafte Freude ausdrückten , so konnten doch damit die Spuren des Verfalles nicht verwischt werden . » Gut , daß du kommst , meine liebe Fee ! « rief sie dem jungen Mädchen entgegen . » Bei Tischler Thienemann kann alle Augenblicke der Storch ins Haus fliegen , wie mir eben die Aufwartefrau sagte , und die Leute haben auch nicht das kleinste Stückchen Wäsche für das arme Kindchen ... Unser Vorrat ist noch recht anständig , wir werden ein ganz hübsches Bündel zusammenbringen , nur daran fehlt es « - sie setzte ein Mützchen von rosa Kattun auf ihre kleine Faust und hielt eine schmale weiße Spitze daran . » Das könntest du gleich fertig machen , Fee , « fuhr sie fort ; » die Sachen müssen auf jeden Fall heute abend noch hingeschafft werden . « » Ach , Tante Cordula , « sagte Felicitas , indem sie Nadeln und Faden zur Hand nahm , » damit ist den Leuten nicht allein geholfen - ich weiß ganz genau , Meister Thienemann braucht auch Geld , und zwar fünfundzwanzig blanke Thaler . « Die alte Mamsell überlegte . » Hm , es ist ein wenig viel für meine gegenwärtigen Finanzen , « meinte sie , » aber es wird doch gehen . « Sie erhob sich mühsam . Felicitas reichte ihr den Arm und führte sie nach dem Musikzimmer . » Tante , « sagte sie plötzlich stehen bleibend , » die Frau Thienemann hat sich vor kurzem geweigert , deine Wäsche zu besorgen , um es nicht mit Frau Hellwig zu verderben - hast du nicht daran gedacht ? « » Ich glaube gar , du willst deine alte Tante aufs Eis führen ! « rief die alte Mamsell bitterböse , aber der Schalk leuchtete aus ihren Augen . Sie fuhr leicht mit den Fingern über die Wange des jungen Mädchens . Beide lachten und schritten nach dem Glasschranke . Dies schwerfällige , altväterische Möbel hatte auch seine Geheimnisse . Tante Cordula drückte auf eine harmlos scheinende Verzierung , und an der äußeren Seitenwand sprang eine schmale Thür auf . Der sichtbar werdende Raum war die Bank der alten Mamsell , und in früheren Zeiten hatte er für Felicitas ' Kinderaugen den Nimbus einer Christbescherung gehabt ; denn nur selten durfte sie einen scheuen , halbbefriedigten Blick auf all die hier aufgespeicherten Kostbarkeiten und Raritäten werfen . Auf den schmalen Regalen lagen einige Geldrollen , Silberzeug und Schmucksachen . Während die Tante eine Rolle anbrach und die Thaler bedächtig zählte , ergriff Felicitas eine in der dunkelsten Ecke stehende Schachtel und öffnete sie neugierig . Es lag ein goldener Armring , weich auf Watte gebettet , darin ; kein edler Stein blitzte an dem Reifen , allein er wog schwer in der Hand und mußte wohl massiv von Gold sein . Was aber ganz besonders an ihm auffiel , das war sein Umfang - einer Dame wäre er sicher über die Hand geglitten , er schien somit weit eher für das derbe Handgelenk eines kräftigen Mannes bestimmt zu sein . Nach der Mitte zu wurde er bedeutend breiter , und hier hatte der Grabstichel in wundervoller Weise Rosen und feines Gezweig zu einem Medaillon ineinander geschlungen . Der Kranz umfaßte folgende Verse : » Swa zwei liep ein ander meinent herzelichen âne wanc Und sich beidiu sô vereinent , « Das junge Mädchen drehte den Ring nach allen Seiten und suchte eine Fortsetzung ; denn wenn auch des Altdeutschen nicht mächtig , übersetzte sie doch mit Leichtigkeit den letzten Vers in die Worte : » Und sich beide so vereinen , « - das war aber kein Schluß . » Tante , kennst du das weitere nicht ? « fragte sie , immer noch eifrig suchend . Die alte Mamsell hielt den Finger auf einen eben hingelegten Thaler und sah mitten im Zählen auf . » O Kind , über was bist du da geraten ! « rief sie heftig - es lagen Unmut , Schrecken und Trauer zugleich in ihrer Stimme . Sie griff rasch nach dem Armbande , legte es mit bebender Hand in die Schachtel und drückte den Deckel darauf . Ein feiner , roter Fleck brannte plötzlich auf der einen Wange , und die gerunzelten Augenbrauen gaben ihrem Blick etwas düster Brütendes - ein nie gesehener Anblick für das junge Mädchen . Ja , es schien fast , als versänke die Gegenwart völlig vor einer gewaltsamen Flut plötzlich heraufbeschworener Erinnerungen , als wisse die alte Dame gar nicht mehr , daß Felicitas neben ihr stehe , denn nachdem sie mit fieberhafter Hast die Schachtel in die Ecke gestoßen hatte , ergriff sie einen danebenstehenden , mit grauem Papier beklebten Kasten und fuhr streichelnd und liebkosend mit der Rechten über die abgestoßenen Ecken desselben ; ihre Züge wurden milder , sie seufzte und murmelte vor sich hin , während sie ihn gegen ihre eingesunkene Brust drückte : » Es muß vor mir sterben ... und ich kann es doch nicht sterben sehen ! « Felicitas schlang ängstlich die Arme um die kleine schwächliche Gestalt , die in diesem Augenblick wie hilf- und haltlos vor ihr stand . Es war zum erstenmal seit ihrem neunjährigen Verkehr , daß die Tante die Herrschaft über sich selbst verlor . So zart und hinfällig in der äußeren Erscheinung , hatte sie doch unter allen Umständen einen merkwürdig starken Geist , eine unerschütterliche Seelenruhe gezeigt , die kein äußerer Anlaß aus dem Gleichgewichte zu bringen vermochte . Sie hatte sich mit jeder Faser ihres Herzens liebend an Felicitas angeschlossen und alle ihre Kenntnisse , ihren ganzen Schatz kerngesunder Lebensansichten in die junge Seele niedergelegt , aber vor ihrer Vergangenheit lagen heute noch wie vor neun Jahren Siegel und Riegel . Und nun hatte Felicitas in unvorsichtiger Hast an dies scheu verschlossene Stück Leben gerührt - sie machte sich die bittersten Vorwürfe . » Ach , Tante , verzeihe mir ! « bat sie flehentlich - wie kindlich rührend konnte dies junge Mädchen bitten , das Frau Hellwig einen Starrkopf , ein Stück Holz genannt hatte ! Die alte Mamsell fuhr sich mit der Hand über die Augen . » Sei still , Kind , du hast nichts verbrochen , aber ich , ich schwatzte kindisch wie das Alter ! « sagte sie mit erloschener Stimme . » Ja , ich bin alt , alt und gebrechlich geworden ! Früher , da biß ich die Zähne zusammen , die Zunge lag still dahinter , und ich stand stramm nach außen - das will nicht mehr gehen - es ist Zeit , daß ich mich hinlege . « Sie hielt den kleinen schmalen Kasten noch immer zögernd in den Händen , als ringe sie nach Mut , das ausgesprochene Todesurteil jetzt gleich zu vollziehen . Allein nach einigen Augenblicken legte sie ihn rasch an seine frühere Stelle und schloß den Schrank . Und damit schien auch die äußere Ruhe zurückzukehren . Sie trat an den runden Tisch , der neben dem Schranke stand , und auf welchem sie das Geld hingezählt hatte . Als sei nicht das mindeste Störende vorgefallen , nahm sie die Rolle wieder auf und legte noch zwei Thaler zu den blanken Reihen . » Das Geld wollen wir in ein sauberes Papier wickeln , « sagte sie zu Felicitas - an ihrer Stimme hörte man freilich noch den schwer bekämpften inneren Aufruhr - » und das Päckchen in die kleine rote Mütze stecken , da ist doch schon etwas Segen darin gewesen , ehe das junge Köpfchen hineinkommt ... Und Heinrich soll heute abend punkt neun Uhr auf seinem Posten sein - vergiß das ja nicht ! « Die alte Mamsell hatte nämlich auch ihre großen Eigenheiten - sie war lichtscheu , und zwar in ihren Thaten . Sie wurden , wie die Fledermäuse , erst mit der Nacht lebendig und klopften an die Höhlen der Armut , wenn die Straßen leer und die Menschenaugen müde waren ... Heinrich war seit langen Jahren die rechte Hand , von der die linke nicht wissen sollte , was sie thue ; er trug die Unterstützungen der alten Mamsell mit einer Schlauheit und Unsichtbarkeit in die armen Wohnungen , als könne er für dergleichen Wege seine schwerfällige Hausknechtshülle völlig abstreifen - so kam es , daß viele in der Stadt unwissentlich das Brot der alten Mamsell aßen , von der sie die ungeheuerlichsten Dinge glaubten und nötigenfalls beschworen ... Das war gewiß eine schwer verständliche Eigenheit für jene frommen Seelen , die mit Inbrunst das Bibelwort festhalten , das da heißt : » Lasset euer Licht leuchten ! « Während Tante Cordula das Geld mit peinlicher Genauigkeit einpackte , öffnete Felicitas die Glasthür , die nach der Galerie führte . Es war Ende Mai .. O du vielbesungener Frühling , wie wenige wissen um dein Walten im Thüringer Lande ! Du bist nicht jener blondlockige , ausgelassene Knabe des Südens , dem es wie Champagner durch die Adern braust und dessen Fußstapfen mühelos Orangeblüten und Myrten entsprießen . Hoheit liegt auf deiner Stirn und um deine Lippen blüht das ruhige Lächeln tiefsinnigen Schaffens . Du mischest die Farben bedächtig und untermalst deine Bilder in langsamer Behaglichkeit ; wir folgen deinen Pinselzügen mit stiller Freude - sie sind nicht kühn und gewaltig , aber lieblich und voll sinniger Grazie . Den bräunlich grünen Flaum , der sich um die Brust der waldigen Berge legt , während droben noch unangetastet das Schneekrönchen auf ihrem Scheitel sitzt , das feine , grüne Spitzengewebe junger Halme und Gräser über braunen Erdschollen und auf dem verdorrten vorjährigen Graswuchse der Wiesen und Abhänge - das wandelst du allmählich und leise zu jungen Maienzweigen , zu Schneeglöckchen und Veilchensträußen , und nach ruhigem Ueberlegen und Behüten holst du , wie der sorgsame Gärtner , endlich die tausendfältige Farbenpracht aus den geschützten Gärten und legst sie auf Hecken , Wiesen und Raine ... Und der Hauch deines Mundes ist jene herbkräftige Luft , die Nerven und Sehnen des Thüringer Menschenkindes stählt , die sein Herz empfänglich macht für das Lied und es zähe ausdauern läßt im Festhalten poetischen Aberglaubens , die ihm erhält seinen Sinn für das Recht , seine Neigung zur Opposition , sein naiv treues Gemüt und - seine himmlische Grobheit ! Weit da drüben lösten sich die grünen Streifen der Saatfelder wie breite Bänder vom Waldessaume ab und liefen thaleinwärts . Das jüngste Kirschbäumchen , wie der wilde , knorrige Birnbaum standen weißflockig und leuchtend an ihren Grenzen , auf verschiedenem Piedestal ein gleich jugendliches Haupt - eine Unparteilichkeit der Natur , die der Mensch vergeblich ersehnt .. Auf der Brüstung der Galerie blüthen Hyacinthen , Maiblumen und Tulpen , und zu beiden Seiten der Glasthür standen mächtige Syringen- und Schneeballenbüsche in Kübeln . Felicitas rückte den kleinen runden Tisch in den Vorbau und daneben den bequemen Lehnsessel der alten Mamsell . Sie legte eine frische Serviette auf und machte die kleine Kaffeemaschine zurecht ; das noch zu vollendende Kinderzeug wurde daneben gelegt , und als es in der kleinen Messingkanne sang und zischte und ein köstlicher Mokkaduft auf die Galerie hinausströmte , da saß die alte Mamsell behaglich in ihrem Lehnstuhle und blickte träumerisch hinaus in die sonnenbeschienene Frühlingswelt . Felicitas hatte ihre Arbeit wieder aufgenommen . » Tante , « sagte sie nach einer kleinen Pause , jedes ihrer Worte betonend , » er kommt morgen . « » Ja , mein Kind , ich weiß es aus der Zeitung ; da steht die Notiz aus Bonn : Professor Hellwig geht zu seiner Erholung auf zwei Monate nach Thüringen . ... Er ist ein berühmter Mann geworden , Fee ! « » Ihm mag sein Ruhm leicht werden . Er kennt nicht die Qual , die das Mitleiden der Pflicht gegenüber verursacht ... Er schneidet in das Fleisch und in die Seelen seiner Mitmenschen mit gleichem Behagen . « Die alte Mamsell heftete erstaunt ihren Blick auf Felicitas ' Gesicht ; dieser Ton voll unsäglicher Bitterkeit war ihr neu . » Hüte dich , ungerecht zu werden , mein Kind ! « sagte sie nach einem momentanen Schweigen langsam und mit unbeschreiblicher Milde . Felicitas sah rasch auf - ihre braunen Augen erschienen in diesem Augenblicke fast schwarz . » Ich wüßte nicht , wie ich es anfangen sollte , nachsichtiger über ihn zu denken , « entgegnete sie ; » er hat sich schwer an mir versündigt , und ich weiß - ich würde es nie beklagen , wenn ihm ein Leid widerführe , und wenn ich ihm zu einem Glücke verhelfen könnte , ich würde keinen Finger bewegen - « » Fee - « » Ja , Tante , das ist die Wahrheit ! ... Ich habe stets ein ruhiges Gesicht zu dir heraufgebracht , weil ich dir und mir die kargen Stunden unseres Beisammenseins nicht vergällen wollte ; du hast oft an den Frieden meiner Seele geglaubt , während es in ihr stürmte ... Lasse dich in den Staub treten , täglich , stündlich - höre , wie deine Eltern geschmäht werden , wie man sie Gottverfluchte nennt , denen du alle dir angedichteten Fehler verdanken sollst - fühle das Streben nach Höherem in dir und lasse dich unter Hohnlachen hinabstoßen in die ungebildete Sphäre , weil du arm bist und kein Recht hast an höherer Bildung - siehe , wie diese deine Peiniger den Nimbus der Frömmigkeit tragen und dich ungestraft im Namen des Herrn geistig vernichten dürfen und trägst du das alles ruhig , empört sich nicht jeder Blutstropfen in dir , kannst du verzeihen , so ist das nicht die Duldsamkeit eines Engels , sondern die feige , sklavische Unterwerfung einer schwachen Seele , die es verdient , daß man ihr den Fuß auf den Nacken setzt ! « Felicitas sprach fest , mit tiefer klangvoller Stimme . Welche Gewalt hatte dieses merkwürdige , junge Geschöpf über sein Aeußeres ! - kaum , daß es die Hand hob bei den leidenschaftlichen Worten , die über seine Lippen strömten . » Der Gedanke , daß ich jenem Steingesichte wieder gegenüber stehen soll , regt mich mehr auf , als ich dir sagen kann , Tante ! « fuhr sie nach einem tiefen Atemholen fort . » Er wird mit der Stimme ohne Herz und Seele alles wiederholen , was er seit neun Jahren schriftlich an mir verbrochen hat ... Wie der grausame Knabe , der ein armes , geflügeltes Geschöpf am Faden flattern läßt , so hat er mich an dies schreckliche Haus gebunden und dadurch den letzten Willen des Onkels in einen Fluch für mich verkehrt ... Kann es etwas Grausameres geben , als seine Handlungsweise mir gegenüber ? Ich durfte keine geistigen Fähigkeiten , kein weiches Herz , kein empfindliches Ehrgefühl haben - das alles war unstatthaft bei einem Spielerskinde ; seine schmachvolle Abkunft konnte nur gesühnt werden dadurch , daß es eine sogenannte Magd des Herrn werde , eines jener armen Geschöpfe mit möglichst engbegrenztem Gesichtskreise . « » Nun , darüber sind wir hinausgekommen , mein Kind ! « sagte Tante Cordula mit einem feinen Lächeln . » Uebrigens wird jedenfalls mit seiner Ankunft ein Wendepunkt für dich eintreten , « fügte sie ernst hinzu . » Nach verschiedenen Kämpfen sicher - Frau Hellwig gab mir heute den Trost , es werde dann alles ein Ende haben . « » Nun , und dann werde ich dir nicht mehr zu wiederholen brauchen , daß du drunten ausharren müßtest , um den letzten Willen dessen zu ehren , der dich in sein Haus genommen und wie ein eigenes Kind geliebt hat ... Dann bist du völlig frei und wirst die Pflegerin deiner alten Tante vor aller Welt , und wir dürfen nicht mehr fürchten , auseinander gerissen zu werden , denn die drunten haben sich ihres Rechtes begeben . « Felicitas sah mit leuchtenden Augen auf , sie ergriff rasch die kleine , welke Hand der alten Mamsell und zog sie an ihre Lippen . » Und denke nicht schlimmer von mir , Tante , seit du tiefer als bisher in mein Inneres gesehen hast , « bat sie mit weicher Stimme . » Ich liebe die Menschen und habe eine sehr hohe Meinung von ihnen , und wenn ich mich so energisch gegen geistigen Tod gewehrt habe , so hat mich zum Teil auch der Gedanke angetrieben , in ihrem Kreise mehr zu sein , als ein gewöhnliches Lasttier ... Werde ich auch durch einzelne mißhandelt , so bin ich doch weit entfernt , meine Anklage über die gesamte Menschheit auszudehnen - ich habe nicht einmal Mißtrauen gegen sie ... Dagegen bin ich nicht im stande , meine Feinde zu lieben und die zu segnen , die mir fluchen . Ist das ein dunkler Punkt in meinem Charakter , so kann ich ' s nicht ändern , und , Tante - ich will auch nicht , denn hier ist die haarscharfe Grenze zwischen Milde und Charakterlosigkeit ! « Tante Cordula schwieg und heftete den trüben Blick auf den Boden ... Hatte sie auch einen Moment in ihrem Leben , wo sie nicht oder nur mit unsäglicher Ueberwindung verzeihen konnte ? ... Sie ließ das Gespräch absichtlich fallen , nahm selbst Nadel und Faden zur Hand , und nun wurde ununterbrochen gearbeitet , und als der Abend hereindämmerte , war ein stattliches Bündel fertig . Tief in seinem Innern steckte der silberne Kern , jenes kleine Kapital , das der arme Tischlermeister von den » Gottbegnadeten « vergebens erfleht hatte und welches er nun unbewußt empfing aus den Händen der sogenannten Ungläubigen . Als Felicitas die Wohnung der alten Mamsell verließ , war es schon lebendig im Vorderhause . Sie hörte das Kind der Regierungsrätin , die kleine Anna , lachen und plaudern , und der Vorsaal im zweiten Stockwerke hallte wider von kräftigen Hammerschlägen . Das junge Mädchen flog durch den Korridor , der in den Vorplatz mündete . Dort stand Heinrich auf einer Leiter und befestigte Guirlanden über einer Thür . Bei Felicitas ' Erblicken schnitt er eine urkomische Grimasse , in welcher Grimm , Spott und Laune um die Oberhand stritten , und schlug noch einigemal heftig auf die unglücklichen Nägelköpfe , als sollten sie zu Brei zermalmt werden , dann stieg er herunter . Die kleine Anna hatte mit feierlichem Ernste die Leiter gehalten , damit sie nicht umfallen sollte , als sie aber Felicitas erblickte , da vergaß sie ihres wichtigen Amtes , wackelte schwerfällig auf sie zu und schlang zärtlich die Aermchen um deren Knie . Das junge Mädchen hob sie vom Boden auf und nahm sie auf den Arm . » Thun die Leute nicht , als ob morgen eine Kopulation im Hause wäre , « sagte Heinrich halblaut und geärgert , » und derweil kommt einer , der nicht rechts , noch links sieht und den ganzen Tag ein Gesicht macht , als ob er Essig verschluckt hätte « ... Er hob das eine Ende der Guirlande auf . » Gucke da , Blümelein Vergißmeinnicht ist auch d ' rin ... na , die das Dings da gebunden hat , die wird schon wissen warum ... Aber Feechen , « unterbrach er sich ärgerlich , als er sah , daß das Kind seine Wange an Felicitas ' Gesicht legte , » thue mir doch den einzigen Gefallen und nimm das kleine Scheusälchen nicht immer auf den Arm - es hat ja keinen gesunden Tropfen Blut im Leibe , und vielleicht steckt ' s doch an . « Felicitas legte rasch die Linke um die kleine Gestalt und drückte sie voll tiefen Erbarmens an ihre Brust . Das Kind fürchtete sich vor Heinrichs feindseligem Blicke und versteckte sein