. Es wurde sofort eine Art Altar unter Gottes freiem Himmel errichtet , wie es schon oft geschehen sein soll . « » Jawohl , ist leider bekannt , « unterbrach sie hier der Kandidat Möhring , der bis dahin nicht viel gesprochen und sich damit begnügt hatte , die Berichte der Frau von Lehr mit einem zuvorkommenden Lächeln oder einem beipflichtenden Kopfnicken zu begleiten . Jetzt aber war sein breites , etwas glänzendes Gesicht dunkelrot , als er , gegen die Baronin gewendet , spöttisch fortfuhr : » Gnädigste Frau Baronin , ja , es ist weit gekommen - die alten Götzen steigen hernieder in die heiligen Haine , und der Druide opfert ihnen unter den Eichen ! « » Ich wüßte nicht , daß dergleichen vorgekommen wäre , und hätte mir mit der lebhaftesten Einbildungskraft in jenem Augenblicke auch nicht vorstellen können , daß ich einem heidnischen Opferfeste beiwohne , « entgegnete Elisabeth . Sie lächelte , fuhr dann aber warm und ernster fort : » Mir war an dem herrlichen Pfingstmorgen , als der Orgelton aus den geöffneten Kirchenfenstern und Thüren quoll , und der ehrwürdige alte Mann unter dem lebendigen Grün der Bäume seine bewegte Stimme erhob , genau so zu Mute , wie da ich zum erstenmal in meinem Leben das Gotteshaus betreten durfte . « » Sie scheinen ein vortreffliches Gedächtnis zu haben , mein Fräulein , « warf hier Frau von Lehr ein . » Wie alt waren Sie damals , wenn man fragen darf ? « » Elf Jahre . « » Elf Jahre ? ... O , mein Gott , wie ist das möglich ? « rief die alte Dame entsetzt . » Können das christliche Eltern wohl übers Herz bringen ? ... Meine Kinder kannten das Haus des Herrn schon in ihrer frühesten Kindheit , das müssen Sie mir bezeugen , bester Doktor ! « » Ja wohl , meine Gnädigste , « entgegnete dieser ernst . » Ich erinnere mich , daß Sie den Krupanfall , an welchem Sie leider Ihr zweijähriges Söhnchen verlieren mußten , einem Besuche des Kindes in der kalten Kirche zuschrieben . « Elisabeth sah erschrocken ihren Nachbar an . Der Doktor hatte der anfänglichen Unterhaltung nur insofern beigewohnt , als er hier und da in trockener Weise Sarkasmen einstreute , die dem jungen Mädchen um so ergötzlicher waren , als die Baronin ihm jedesmal einen verweisenden Blick dafür zusandte . Als Elisabeth selbst zu sprechen begann , hatte sie auf ihn nicht mehr geachtet , ebensowenig wie die anderen , die nur das unglückliche Heidenkind im Auge hatten ; deshalb bemerkte niemand , daß er sich innerlich fast zu Tode lachen wollte über die freimütigen Antworten des jungen Mädchens und deren Wirkung auf die Anwesenden . Jetzt kam er Elisabeth grausam vor durch seine Antwort ; aber er mußte wohl seine Leute kennen , denn Frau von Lehr blieb ruhig und unbewegt und sagte salbungsvoll : » Ja , der Herr nahm den kleinen , frommen Engel zu sich , er war zu gut für diese Welt ... Und so war und blieb Ihnen für die ersten elf Jahre Ihres Lebens das Reich des Herrn verschlossen ? « wandte sie sich an Elisabeth . » Nur sein Tempel , gnädige Frau ... Ich wußte schon als kleines Kind die Geschichte des Christentums und lernte jedenfalls mit meinen ersten Gedanken das höchste Wesen kennen und verehren , denn ich weiß nicht , daß ich je gelebt hätte ohne die Vorstellungen von Gottes Dasein ... Es ist meines Vaters Grundsatz , seine Kinder nicht zu früh das Haus Gottes betreten zu lassen ; er meint , so junge Seelen seien unfähig , die hohe Bedeutung desselben zu verstehen , langweilen sich bei der Predigt , die sie mit dem besten Willen nicht fassen könnten , und so entstände von vornherein eine saloppe Anschauung ... Mein kleiner Bruder ist sieben Jahre alt und war noch nicht in der Kirche . « » O der glückliche Vater , « rief der Doktor , » daß er dies durchführen kann und darf ! « » Nun , was hindert Sie , Ihre Kinder moralisch wie die Pilze aufschießen zu lassen ? « fragte malitiös die Baronin . » Das kann ich Ihnen mit wenig Worten sagen , gnädige Frau . Ich habe sechs Kinder und bin nicht reich genug , einen Hauslehrer für sie zu halten . Sie selbst zu unterrichten , daran hindert mich mein Beruf ; mithin bin ich gezwungen , sie in die öffentliche Schule zu schicken und mich mit ihnen zugleich in die Gesetze der Anstalt zu fügen - dahin gehört der Kirchenbesuch der Kleinen ... Genau so verhält es sich mit einer anderen Ueberzeugung , die ich ebensowenig zur Geltung bringen darf - das ist das selbständige Bibellesen der Kinder . In diese kleinen Hände gehört die Bibel nicht , die , als Fundament unseres ganzen späteren Lebens und Wirkens , für die Jugend mit einer unnahbaren Glorie umgeben sein müßte ... Das Kind , mit sehr seltenen Ausnahmen , sucht lieber Unterhaltung als ernste Belehrung , und hat den Trieb , gerade das , was ihm verschwiegen wird , zu enthüllen . Und so weiß ich , und streng beobachtende Lehrer wissen es auch , daß die Kleinen , das ehrwürdige Buch auf dem Schoße und von unachtsamen Eltern darüber belobt , nicht immer den Text der letzten Predigt , sondern auch anderes aufblättern und sich gegenseitig auf verpönte Worte aufmerksam machen , die die gebildete und moralische Mutter daheim nie zu ihren Ohren gelangen läßt , deren Sinn ihnen aber oft genug klar gemacht wird durch Kinder , die , in ungebildeter Sphäre lebend , von unvorsichtigen , rohen Eltern und Dienstboten mehr erfahren , als ihnen gesund ist . Und gesetzt auch , das letztere fällt nicht vor und das Kind fragt die Mutter über die Bedeutung des unverstandenen Wortes , so wird sich eine verständige Frau wohl zu helfen wissen , aber sie wird sich trotzdem genötigt sehen , dem Kinde den Gebrauch der Ausdrücke zu verbieten - denken wir nur an das Hohelied - so entstehen aber die ersten Skrupel und Zweifel in der jungen Seele , die um so tiefer Wurzel greifen müssen , als das unausgebildete moralische Gefühl und der unreife Verstand noch kein Gegengewicht bieten können . « Hier erhob sich die Baronin Lessen mit einer ungeduldigen Bewegung . Auf ihren blassen , vollen Wangen waren allmählich zwei rote Flecken aufgeblüht , welche für alle , die sie kannten , das Zeichen inneren Zornes waren . Deshalb stand auch Fräulein von Walde , die sich während des ganzen Gesprächs passiv verhalten hatte , sofort auf , bot ihrer Kousine den Arm und führte sie ans Fenster , indem sie fragte , ob es ihr wohl genehm sei , wenn sie mit Elisabeth ein wenig musiziere . Dieser Blitzableiter wurde mit einem Kopfnicken bewilligt , vielleicht hauptsächlich aus dem Grunde , weil die Frau Baronin dem Doktor gegenüber sich doch nicht gewachsen fühlte . Ihre Indignation mußte jedes gemerkt haben , und so war es ja die schöne Musik , durch welche sie sich besänftigen und abhalten ließ , des Doktors himmelschreiende Angriffe gegen ihren Eifer im Dienste des Herrn - sie verteilte ja höchst eigenhändig die Bibeln unter die armen Kinder - zu Boden zu schmettern . Sie zog sich in eine Fensternische zurück und starrte hinaus in die Gegend , auf die sich die ersten , leichten Schatten der hereindämmernden Nacht legten . Ihr Blick zeigte einen kaltgrausamen Ausdruck , wie er jener gewissen Art wasserblauer , hellbewimperter Augen so leicht innewohnen kann . Eine tiefe Falte lagerte um die Mundwinkel , ein Zeuge tiefen Grolles , der auch nicht verschwand , als Schuberts Erlkönig , zu vier Händen und meisterhaft von den beiden Damen vorgetragen , in dämonischer Gewalt erbrauste . An dieser Brust verhallten ungefühlt die Töne , wie der Wellengesang am Uferfelsen . Als der letzte Akkord verklungen war , erhoben sich die beiden Damen , und der Doktor , der regungslos zugehört hatte , eilte aus sie zu . Sein Auge glänzte ; er dankte begeistert für den Genuß , der ihm , wie er versicherte , seit vielen Jahren nicht zu teil geworden sei ... Hier wurde Fräulein von Lehrs Gesicht dunkelrot , und die Mama schoß einen wahren Giftblick nach dem unglücklichen Enthusiasten ... Hatte nicht die Tochter im vergangenen Winter zum Besten mildthätiger Zwecke mehrere Male öffentlich in L. gespielt , und war er nicht in jedem Konzerte zugegen gewesen ? ... Der Doktor schien übrigens gar nicht zu bemerken , welches Gewitter sich hinter seinem Rücken auftürmte . Er sprach eingehend über Schuberts herrliche Tonschöpfung , wobei er ein feines Urteil und den gründlich gebildeten Musikverständigen verriet . Plötzlich wurde mit hartem Anschlage ein voller Akkord auf dem Flügel gegriffen - es war , als ob knöcherne Finger auf die Tasten schlügen . Erschrocken drehten sich die Plaudernden um . Der Kandidat saß am Klavier mit hochgehobenem Kopfe und ausgedehnten Nasenflügeln und ließ eben wieder beide Hände zu einem zweiten schrillenden Akkorde auf die Tasten fallen . Er begann einen schönen Choral , der aber durch das schauderhafte Spiel zu einer wahren Marter für feingebildete Ohren wurde . Das hätte sich am Ende noch überstehen lassen ; aber nun fiel er zu Elisabeths Verzweiflung auch noch mit einer abscheulich näselnden Stimme ein . - Das war zu viel . Der Doktor griff nach seinem Hute und verbeugte sich abschiednehmend vor Helene und der Baronin . Die letztere bog ihr Gesicht nach dem Fenster und bewegte nachlässig ihre Hand als Zeichen der Entlassung . Ein unvergleichlicher Ausdruck von Humor überflog die Züge des Doktors . Er drückte Elisabeths Hand herzlich beim Scheiden und empfahl sich dann mit einer höflichen Verbeugung bei den übrigen . Sobald sich die Thür hinter ihm geschlossen hatte , erhob sich die Baronin und trat aufgeregt zu Helene , die sich still in einer Sofaecke niedergelassen hatte . » Unerträglich ! « rief sie , und ihre scharfe Stimme klang gedämpft , als ob ihr der innere Grimm den Hals zusammenschnüre , während sie ihr stechendes Auge fest auf das junge Mädchen heftete , das fast schüchtern und beklommen den blick zu ihr erhob . » Und du duldest es so widerstandslos , Helene , « fuhr sie fort , » daß man in deinen Zimmern unsere Standesvorrechte , unsere Frauenwürde , ja , das Heiligste , was wir treulich behüten und pflegen , mit Füßen tritt ? « » Aber , liebe Amalie , ich sehe nicht ein - « » Du willst nicht einsehen , Kind , in deiner unerschöpflichen Geduld und Langmut , daß dieser Doktor mich beleidigt , wo er kann . Nun , ich muß mir das gefallen lassen , weil es nicht in meinem Hause geschieht , und weil ich als gute Christin lieber dulde und Unrecht leide , als daß ich die unziemlichen Waffen der Wiedervergeltung in die Hand nehmen möchte ... Diese Duldsamkeit jedoch findet ihr Ende , sobald unser Herr in seinen göttlichen Rechten angegriffen wird . Hier sollen wir kämpfen und streiten und nicht ermüden ... Ist es nicht wahrhaft gotteslästerlich , daß dieser Mensch sans façon seinen Hut nimmt und mit großem Geräusche das Zimmer verläßt , während unsere Seelen durch den erhabensten Gedanken der Musik , durch den Choral , tief bewegt sind ? « Sie war immer lauter und heftiger geworden und bedachte nicht , daß sie in diesem Augenblicke ein sanftes , sämtliche Töne einer ganzen Oktave berührendes Hinaufschleifen des unermüdlich weitersingenden Kandidaten völlig wirkungslos machte . » Ach , das mußt du dem Doktor nicht so übel nehmen , « sagte Fräulein von Walde . » Er ist an seine Zeit gebunden , hat vielleicht noch einen Krankenbesuch in L. zu machen und wollte ja eigentlich schon aufbrechen , ehe wir zu spielen anfingen . « » Indes der heidnische Spuk des Erlkönigs ließ diesen vortrefflichen Mann seine Patienten vergessen , « unterbrach sie die Baronin höhnisch . » Nun , ich bescheide mich ... Es liegt leider in unserer traurigen Zeit , daß die Vertreter des Unglaubens die herrschenden werden . « » Aber , mein Gott , Amalie , was willst du denn , daß ich thun soll ? Du weißt ja nur zu gut , daß Fels mir unentbehrlich ist .. er ist der erste und einzige Arzt , der meine körperlichen Leiden zu lindern versteht ! « rief Helene , und ihr Auge schimmerte feucht , während die Röte der Aufregung in ihre blassen Wangen stieg . » Ich dächte , mein Fräulein , « begann hier Frau von Lehr , die bis dahin schweigend und lauernd wie eine Spinne in einer Ecke gesessen hatte , langsam und feierlich , » vor allem müsse wohl das Seelenheil berücksichtigt werden ; die Sorge für das körperliche Wohl kommt meiner Ansicht nach erst in zweiter Linie ... Im übrigen hat L. noch mehr vortreffliche Aerzte aufzuweisen , die es getrost mit der Gelehrsamkeit des Herrn Doktor Fels aufnehmen können ... Glauben Sie mir , liebes Fräulein , es berührt die Gläubigen in unserem guten L. oft schmerzlich , wenn sie sehen müssen , wie ihr offenkundiger Widersacher als Freund und Ratgeber in Ihrem Hause aus und ein gehen darf . « » Wenn ich auch das Opfer bringen wollte , einen anderen Arzt zu nehmen , « entgegnete Helene , » so dürfte ich doch ohne die Einwilligung meines Bruders diesen Schritt nicht thun . Da aber würde ich auf den heftigsten Widerstand stoßen - ich weiß es - denn Rudolf hält sehr viel auf den Doktor und schenkt ihm sein unbedingtes Vertrauen . « » Ja , Gott sei ' s geklagt ! « rief die Baronin . » Das ist auch so eine schwache Seite in Rudolfs Charakter , die ich nie habe begreifen können ! ... Mit diesem sogenannten Freimute , den man am besten mit Frechheit übersetzen könnte , imponiert ihm der Herr Fels ... Nun , ich wasche meine Hände , werde mir aber künftig die Besuche des Herrn Doktors verbitten und halte mich bei dir , liebe Helene , für die Zeit stets entschuldigt , wenn du ihn bei dir siehst . « Fräulein von Walde erwiderte kein Wort . Sie erhob sich , während ihr getrübtes Auge durch das Zimmer glitt , als vermisse sie etwas ; es schien Elisabeth , als gelte dieser suchende Blick Herrn von Hollfeld , der vor einer Weile unbemerkt das Zimmer verlassen hatte . Die Baronin griff nach ihrer Spitzenumhüllung , und auch Frau von Lehr nebst Tochter rüsteten sich zum Aufbruche . Beide sagten dem Kandidaten , der seinen Vortrag geendet hatte und nun , verlegen seine Hände reibend , am Flügel stand , noch einige Liebenswürdigkeiten und verabschiedeten sich dann in Begleitung der Baronin von Helene , die ihnen mit erschöpfter Stimme gute Nacht sagte . Als Elisabeth die Treppe hinunterstieg , sah sie Herrn von Hollfeld in einem gegenüberliegenden , nur schwach beleuchteten Korridor stehen . Er hatte droben während des Zornergusses seiner Mutter in einem Album geblättert und sich mit keinem Worte in die leidenschaftlichen Verhandlungen gemischt . Das war Elisabeth ganz abscheulich vorgekommen ; sie hatte lebhaft gewünscht , er möge zu Helene stehen und dem Treiben der Baronin durch ein männlich ernstes Wort ein Ende machen . Noch mehr aber mißfiel es ihr , als sie bemerken mußte , daß er , über das Buch hinweg , sie unausgesetzt fixiere . Möglich war es schon , daß er in ihren Zügen den Verdruß über sein Benehmen gelesen hatte , aber sie meinte , dafür habe er sie nun lange genug angestarrt . Sie fühlte , daß sie endlich unter seinem Blicke tief errötete , und ärgerte sich darüber um so mehr , als dies ihm gegenüber , ganz gegen ihren Willen , schon einige Male der Fall gewesen war . Ein eigentümlicher Zufall wollte nämlich , daß sie beim Nachhausegehen von Schloß Lindhof Herrn von Hollfeld stets begegnete , sei es nun im Korridor , auf der Treppe , oder daß er plötzlich hinter einem Boskett hervortrat . Warum ihr dies zuletzt peinlich wurde und sie verlegen machte , wußte sie selbst nicht . Sie grübelte auch nicht weiter darüber und hatte die Begegnung meist vergessen , ehe sie noch daheim war . Jetzt nun stand er da drunten in dem dunklen Gange . Ein schwarzer , tief herabgedrückter Hut bedeckte halb sein Gesicht , und den hellen Sommerrock hatte er mit einem dunklen Ueberzieher vertauscht . Er schien auf etwas gewartet zu haben und trat , sobald Elisabeth die letzte Stufe erreicht hatte , rasch auf sie zu , als ob er ihr etwas sagen wolle . In dem Augenblicke erschienen Frau und Fräulein von Lehr droben auf der Treppe . » Ei , Herr von Hollfeld , « rief die alte Dame hinab , » wollen Sie denn noch eine Promenade machen ? « Die Züge des jungen Mannes , die Elisabeth auffallend belebt und erregt vorgekommen waren , nahmen sofort einen gleichgültigen , ruhigen Ausdruck an . » Ich komme aus dem Garten , « sagte er in eigentümlich nachlässigem Tone , » wo ich mich in der milden Nachtluft noch ein wenig ergangen habe . Bringe Fräulein Ferber nach Hause , « gebot er dann dem Hausknechte , der eben zu diesem Zwecke mit einer Laterne aus der Domestikenstube trat , und schritt , nach einer Verbeugung gegen die Damen , in den Korridor zurück . » Wie gut ist ' s , « sagte Elisabeth eine Stunde später , als sie , am Bette der Mutter sitzend , ihren Bericht über die heutigen Erlebnisse schloß , » daß wir morgen Sonntag haben . Da wasche ich in unserer lieben , einfachen Lindorfer Dorfkirche den häßlichen Eindruck aus der Seele , den mir die letzten Stunden hinterlassen haben ... Nie hätte ich geglaubt , daß ich beim Anhören eines Chorales je eine andere Empfindung haben würde , als die der Erhebung und Andacht . Heute aber überkam es mich wie Zorn , ja , ich fühlte mich im Innersten tief verletzt , als mitten in das Theetassengeklirr und , nachdem man stundenlang über dem guten Namen des Nächsten durchaus nicht liebevoll zu Gericht gesessen , plötzlich das Lied einfiel , das ich gewohnt bin , nur in weihevollen Stunden zu hören ... Hinter diesem christlichen Eifer steckt eine maßlose Herrschsucht - das ist mir heute klar geworden ; wenn aber andere so empfinden wie ich , dann steht es schlimm um die Siege dieser Bekehrer ... gelt , Mütterchen , ich habe doch eigentlich keine Ader vom Rebellen ? allein , heute zum erstenmal in meinem Leben fühlte ich eine unwiderstehliche Neigung zum Trotz und Widerspruch in mir . « Schließlich gedachte sie noch des Herrn von Hollfeld und seines sonderbaren Benehmens in der Hausflur , woran sie die Bemerkung knüpfte , daß sie sich doch gar nicht denken könne , was er eigentlich von ihr gewollt habe . » Nun , darüber wollen wir uns auch den Kopf nicht zerbrechen , « sagte Frau Ferber . » Sollte es ihm jedoch einmal einfallen , dir seine Begleitung beim Nachhausegehen anbieten zu wollen , so weise sie unter allen Umständen zurück . Hörst du , Elisabeth ? « » Aber , liebe Mama , was denkst du denn ? « rief lachend das junge Mädchen . » Da steht eher des Himmels Einfall zu erwarten , als ein solches Anerbieten ... Haben Frau und Fräulein von Lehr , die sich jedenfalls zu den vornehmen Leuten zählen , allein nach Hause gehen müssen , da wird er sich doch wahrhaftig meiner simplen Persönlichkeit gegenüber nicht herablassen . « 8 Der Oberförster hatte ungefähr acht Tage nach Ankunft seiner Verwandten ein neues Hausgesetz erlassen , das , wie er sagte , von seinem Minister freudig begrüßt worden war , und kraft dessen der Familie Ferber die Verpflichtung auferlegt wurde , allsonntäglich im Forsthause das Mittagbrot einzunehmen ... Das waren Freudentage für Elisabeth . Lange vor dem ersten Glockenläuten wurde gewöhnlich der Kirchgang angetreten . Im wehenden weißen Kleide , die Seele geschwellt von jener süßen Ahnung der Jugend , als könne ein schöner , heiterer Tag auch nur Glück in sich schließen , schritt Elisabeth den Eltern voraus und freute sich stets auf den Moment , wo der goldene Knopf des Lindhofer Kirchleins tief drunten im Thale aus den grünen Wogen des Waldes aufleuchtete ; wenn rechts und links auf dunklen , verschwiegenen Waldwegen die Kirchgänger der verschiedenen Filialen ihnen entgegenschritten und sich mit freundlichem Gruße und Handschlage zu ihnen gesellten , bis sie in zahlreicher Gesellschaft unter dem Geläute der Glocken den weiten Wiesenplan vor der Kirche betraten , wo meist der Onkel schon wartete . Er begrüßte sie dann schon von weitem mit glänzenden Augen und freudigem Hutschwenken . In jeder Bewegung seiner hohen Gestalt , in seiner ganzen Haltung offenbarte sich jene unbeugsame Wahrhaftigkeit , die vor dem Größten nicht zurückschreckt , jener Ausdruck von Manneskraft und Manneswillen , hinter dem wir große Entschlüsse , kühne Thaten , nie aber die zarten Empfindungen eines reichen Gemütes vermuten . Deshalb meinte auch Elisabeth , es sei unbeschreiblich rührend und ergreifend , wenn ein einzelner , kleiner Stern sein mildstrahlendes Gesichtchen aus dunklen Wolken strecke ; genau so aber erscheine ihr der gerade , feste Blick des Onkels , sobald er in einem weichen Gefühle schmelze . Und sie hatte oft genug Gelegenheit , die Metamorphose zu beobachten ; denn sie war sein Augapfel geworden . Er hatte ja nie Kinder gehabt und trug nun alle Vaterzärtlichkeit , deren sein reiches , volles Herz fähig war , auf sein liebliches Bruderskind über , das , wie er deutlich mit großem Stolze fühlte , ihm in vieler Beziehung geistig verwandt war , wenn auch hier alle jene Charakterzüge unter dem Hauche echt holdseliger Weiblichkeit sich verklärten . Sie vergalt ihm aber auch seine Liebe mit kindlicher Hingebung und zärtlicher Fürsorge . Bald hatte sie alles das , was zu seinem häuslichen Wohlbehagen gehörte , herausgefunden und griff da , wo Sabines Scharfsinn oder ihre waltende Hand nicht mehr ausreichte , unmerklich und mit so vielem Takte ein , daß die alte treue Dienerin niemals verletzt wurde , während um den Onkel ein ganz neues , behagliches Leben aufblühte , da Elisabeth auch auf seine kleinen Liebhabereien geschickt einzugehen und ihnen Geschmack abzugewinnen wußte . Auf dem Heimwege aus der Kirche , der dann gemeinschaftlich angetreten wurde , führte der Onkel Elisabeth gewöhnlich an der Hand , » wie ein kleines Schulmädchen « sagte sie , und es sah auch genau so aus . Die eben gehörte vortreffliche Predigt gab Veranlassung zu einem lebhaften Austausche neu angeregter Gedanken und Empfindungen ; dazu sangen und schmetterten die Vögel im grünen Dickicht , als sei es ihr gutes Recht , hier auch mitzusprechen , und durch die dichten Baumkronen taumelten grüngoldene Lichter verklärend auf die Häupter der Wandelnden . Am fernsten Ende des langen , dunklen Laubganges , denn es war ein sehr schmaler Holzweg , der vom Dorfe Lindhof nach der Försterei lief , blinkte wie ein goldener Punkt die helle , sonnenbeglänzte Lichtung , auf deren Mitte das alte Jagdhaus lag . Mit jedem Schritte näher wurde das kleine Bild deutlicher und klarer , bis man unter der Thür die harrende Sabine zu erkennen vermochte , wie sie , den einen Zipfel der weißen Küchenschürze quer aufgesteckt , die Hand schützend über die Augen haltend , nach den Heimkehrenden spähte und bei ihrem Erblicken eiligst in das Haus zurücklief ; denn es galt ja , droben unter den Buchen hinter der dampfenden Suppenterrine in treuer Pflichterfüllung zu stehen , wie der gewissenhafte Festungskommandant auf seinen Wällen . Heute aber hatte die alte Sabine ein besonders herrliches Mahl hergerichtet ; neben der Suppenschüssel leuchtete eine purpurrote Pyramide , die ersten Walderdbeeren , die der kleine Ernst , aber auch die große Elisabeth mit lautem Jubel begrüßte . Der Oberförster lachte über den Enthusiasmus des großen und des kleinen Kindes und meinte , er dürfe doch nicht hinter Sabine und ihrer Extraüberraschung zurückbleiben ; er wolle deshalb den Braunen einspannen und Elisabeth , wie längst versprochen , nach L. fahren , wo er ohnehin Geschäfte abzumachen habe . Der Vorschlag wurde von dem jungen Mädchen mit heller Lust aufgenommen . Bei Tische erzählte Elisabeth vom gestrigen Abend . Der Onkel wollte sich ausschütten vor Lachen . » Kourage hat der Doktor freilich gezeigt , « rief er lachend , » aber was hilft ' s ihn , es war doch die letzte Tasse Thee , die er gestern in Lindhof getrunken hat . « » Unmöglich , Onkel , es wäre empörend ! « rief Elisabeth , » das kann und wird Fräulein von Walde nicht zugeben , sie wird sich aus allen Kräften widersetzen . « » Nun , « sagte er , » ich wünschte nur , wir könnten auf der Stelle das Fräulein um ihre heutigen Gesinnungen gegen den Doktor befragen , da solltest du dein blaues Wunder hören ... Wie sollte auch in solch einem gebrechlichen Gehäuse eine starke Seele stecken ; mit der wird das herrschsüchtige Weib bald fertig , und jeder andere Zügel fehlt , denn der Himmel ist hoch und der Zar ist weit , sagen die Russen ... Gelt , Sabine , wir haben schon gar wunderliche Dinge erlebt , seit die Frau Baronin das Regiment führt ? « » Ach , ja wohl , Herr Oberförster , « entgegnete die Alte , die eben ein neues Gericht auf den Tisch setzte , » wenn ich nur an die arme Schneider denke ... Das ist eine Taglöhnerswitwe aus Dorf Lindhof , « wandte sie sich an die anderen , » sie hat immer rechtschaffen gearbeitet , um sich durchzubringen , und hat ihr auch niemand was Unrechtes nachsagen können ; aber sie muß vier kleine Kinder ernähren , das arme Weib , und lebt nur von der Hand in den Mund ... Und da ist ' s ihr einmal im vorigen Herbst recht schlecht gegangen ; sie hat nicht gewußt , wie sie die Kinder satt machen soll , nu , da hat sie sich etwas zu schulden kommen lassen , was freilich nicht recht war - sie hat von einem herrschaftlichen Acker eine Schürze voll Kartoffeln mitgenommen . Der Verwalter Linke aber hat hinter einem Busche gestanden ; das sehen , vorspringen und auf die Frau losschlagen ist eins gewesen . Ja , wenn er ' s bei einem kleinen Denkzettel hätte bewenden lassen , da wollte ich nichts sagen ; aber er hat gar nicht wieder aufgehört und hat sie sogar wütend mit dem Fuße getreten ... Ich hatte dazumal gerade etwas in Lindhof zu besorgen , und wie ich da unter den Kirschbäumen beim Dorfe hingehe , sehe ich einen Menschen an der Erde liegen , es war die Schneider ; sie hatte ein erschreckliches Blutbrechen , konnte kein Glied mehr rühren , und keine Menschenseele war bei ihr . Da hab ' ich Leute gerufen , und die haben mir geholfen , sie nach Hause zu bringen . Der Herr Oberförster war zwar damals verreist , aber ich habe mir gedacht , er würde mir ' s auch nicht verwehren , wenn er da wäre , und habe das arme Weib verpflegt , soviel in meinen Kräften stand ... Die Leute im Dorfe waren wütend über den Verwalter , aber was konnten sie denn machen ? Es wurde zwar gesagt , die Sache käme vor Gericht ; ja , da kann man warten ... Der Linke ist einer von den Frommen ; er ist die rechte Hand bei der Baronin , verdreht die Augen und thut alles im Namen des Herrn . Es durfte doch um keinen Preis unter die Leute kommen , daß so ein Frommer mitunter auch recht unmenschlich sein könne , und da ist die Frau Baronin alle Tage in die Stadt gefahren und hat sich sehr herabgelassen ; kurz und gut , die Geschichte ist vertuscht worden , und die Schneider , die noch immer nicht ordentlich fort kann , hat ihre Schmerzen leiden müssen , und ist ihr und ihren Kindern weder ein Trank noch ein Bissen Brot vom Schlosse aus gereicht worden während ihrer schweren Krankheit ... Ja , der Verwalter und die alte Kammerjungfer bei der Baronin , die treiben ' s arg zu Lindhof . Die sitzen in der Bibelstunde und in der Schloßkirche und schnüffeln und merken sich fleißig , wer fehlt , und das hat schon manchen ordentlichen Menschen um die Arbeit im Schlosse gebracht . « » Na , jetzt wollen wir uns aber nicht weiter ärgern , « sagte der Oberförster . » Mir wird jeder Bissen im Munde bitter , wenn ich an diese Geschichten denke , und unser schöner Sonntag , auf den ich mich die ganze Woche freue , soll keinen anderen Schatten haben , als den sich die schuldlosen , weißen Wölkchen da droben erlauben . « Bald nach dem Essen rollte die kleine Equipage vor das Haus . Der Oberförster stieg hinauf , und wie ein Blitz war Elisabeth an seiner Seite . Indem sie den Zurückbleibenden noch einmal grüßend zunickte , flog ihr Blick über das Haus ; aber sie erschrak bis ins innerste Herz vor den Augen , die aus dem oberen Stockwerke auf sie niederstarrten . Freilich verschwand der Kopf gleich wieder , allein Elisabeth hatte die stumme Bertha erkannt , hatte gesehen , daß der Blick voll Haß und Ingrimm ihr gegolten , obgleich sie sich die Ursache dieser Feindseligkeit nicht denken konnte . Bertha hatte bisher in der strengsten Zurückgezogenheit der Familie Ferber gegenüber beharrt ; nie kam sie zum Vorschein , so oft auch