schwer , das Herz des jungen Mädchens lebhaft zu beschäftigen . In den folgenden Tagen gab es der Zerstreuungen , welche ihm zu Hülfe kamen , auch mancherlei , denn die große Familie , welche jetzt im Schlosse zusammen lebte , nahm beide Verlobten sehr in Anspruch . Das neue Eintreffen des einen oder des anderen noch fehlenden Gastes brachte immer neue Zwischenfälle , welche dem Freiherrn seine Haltung wesentlich erleichterten , und da Angelika , aus ihrer friedlichen Ruhe aufgeschreckt , das Alleinsein mit ihm zwar suchte , aber es eben so schnell wieder floh , so verfloß die ganze Woche ohne besondere Störungen . Die Männer zogen in der Frühe auf die Jagd , man speis ' te gemeinsam und am Abend vereinigten Unterhaltung und Spiel die Gesellschaft in verschiedenen Gruppen , während die Jüngeren hier und da zum Tanze ihre Zuflucht nahmen . Am Vorabende der Hochzeit hatte man länger als gewöhnlich bei der Mittagstafel verweilt und sich dann in das Nebenzimmer begeben , um dort den Kaffee einzunehmen . Der Baron stand , den Rücken gegen die Stubenthüre gekehrt , die kleine Tasse von meißener Porzellan in der Hand , mit einigen Herren in lebhafter Unterhaltung an dem Kamine . Man sprach von Diesem und Jenem , man neckte den Baron damit , daß er zerstreut sei , weil die bevorstehende Hochzeit ihm im Sinne liege ; und der Gedanke an dieselbe führte die Männer , welche zum Theil Jugendfreunde und Lebensgenossen des Freiherrn waren , auf die Erinnerungen an ihre eigenen Hochzeiten und auf manches gemeinsame Erlebniß zurück . Es fehlte dabei nicht an einer Menge jener kleinen Züge , welche man einander , vorsichtig nach den Frauen hinüber schauend , mit Lächeln und Flüstern erzählte , und wie das zu geschehen pflegte , waren die Männer , welche am ruhigsten das friedliche Joch ihrer Ehe ertrugen , unter denjenigen , die am eifrigsten gegen den Zwang der Beständigkeit protestirten und sich am dreistesten des Uebermuthes berühmten , mit dem sie die Tage ihrer Freiheit und Ehelosigkeit genossen haben wollten . Sie waren der Klügste von uns Allen , Baron ! sagte einer seiner Verwandten , der mit ihm gleichen Alters war . Sie haben sich Ihre Freiheit nach Gebühr zu Nutze gemacht , und nun , da ich armer Thor bereits meines Sohnes Erstgebornen aus der Taufe gehoben habe , nun führen Sie , als ob das eben so sein müßte , das schönste Mädchen des Landes heim , um das die ganze Schaar unserer jungen Edelleute sich vergebens bemühte . Ihre Frau wird großes Aufsehen machen , wenn Sie sie am Hofe präsentiren . Das könnte sein , versetzte der Baron , ich habe aber nicht die Absicht , an den Hof zu gehen , und meine Braut hat vollends keine Neigung für das Leben in der Residenz . Weil sie es nicht kennt ! meinte einer der jüngern Männer , denn ich halte es für unmöglich , sich nicht von dem schwungvollen Sinne , von dem Geiste und von der Bildung gefesselt zu fühlen , welche sich dort zur Verschönerung des Lebens und zum Genuß desselben verbinden . Schon die große Zahl von Franzosen und Engländern , von Fremden überhaupt , machen den Hof jetzt anziehender , als er seit lange gewesen ist , bemerkte der Edelmann , der zuerst gesprochen hatte , und sich zu dem Freiherrn wendend , sagte er : und nicht allein Fremde erscheinen dort , auch Geister lassen sich sehen . Was haben Sie denn über die Sache erfahren ? Sie meinen die Erscheinung des Grafen von der Mark , welche man dem Könige bereitet hat ? fragte der Freiherr . Eben diese ! versetzte der Andere , und der Freiherr berichtete , was er davon gehört und wie sehr der König sich durch den Anblick dieses von ihm geliebten und als Kind verstorbenen Sohnes erschüttert gefühlt haben sollte . Einige der Männer , feste , alte Voltairianer , zuckten mitleidig und verächtlich die Achseln , als die Unterhaltung sich nach dieser Seite wendete . Indeß die Geisterseherei war Mode geworden , Jeder hatte seine Meinung über ihre Möglichkeit , und die Frauen , deren weichem Herzen der Tod ja fast immer als eine Grausamkeit erscheint , sprachen sich zum Theil sehr lebhaft für eine Ansicht aus , welche ihnen einen fortdauernden Zusammenhang mit ihren dahingegangenen Lieben in Aussicht zu stellen versprach . Der Baron , dessen Meinung man zu verschiedenen Malen herausgefordert hatte , vermied es , sie zu äußern . Er war zurückhaltender , als er es sonst über ähnliche Materien zu sein pflegte , und weil sich Niemand in der Gesellschaft befand , der die Unterhaltung verständig leitete und beherrschte , verlor sich dieselbe , je mehr die Dämmerung hereinbrach , immer tiefer in das Gebiet des Geheimnißvollen und Sentimentalen . Man erzählte die Erfahrungen , die man selbst von dem Uebergreifen der Geisterwelt in den Bereich des sinnlich Wahrnehmbaren gemacht zu haben glaubte , man erinnerte an die damals vielbesprochene Geschichte der jungen Schauspielerin , der ihr verrathener Geliebter sich auf die wundersamste Weise kundgegeben haben sollte . Das Für und Wider äußerte sich noch einmal und noch lebhafter , als zuvor , bis einer der älteren Edelleute , welchem diese weichlich mysteriöse Unterhaltung nicht behagen mochte , ihr mit einem Scherze ein Ende zu machen beschloß . Man könnte sich es schon gefallen lassen , sagte er , einer ungetreuen Schönen zu einem allgegenwärtigen und unvermeidlichen Memento mori zu werden , wenn man nur vor Repressalien sicher wäre ! Stellen Sie sich doch aber vor , meine Herren , was sollte aus uns Ehemännern und aus dem Frieden unseres Hauses werden , wenn jedes hübsche Lärvchen , das uns einmal das Herz gerührt hat , so ganz ad libitum in unserem häuslichen Kreise erscheinen und unsere eheliche Eintracht stören könnte ? Unsere Damen , die jetzt so sehr für diese neue Weltanschauung schwärmen , würden ja die Ersten sein , um Gottes willen gegen einen solchen sichtbaren Zusammenhang mit der Geisterwelt zu protestiren . Man lachte , man belobte hier und da den gesunden , heiteren Einfall des alten Herrn , man sagte , daß der rechte Frohsinn jetzt nur noch bei den Alten zu finden sei , und stachelte damit den Ehrgeiz des jungen Grafen Gerhard auf , den Witz und die Heiterkeit der Jugend kund zu thun . Unglücklicher Weise waren aber Maß halten und ruhiges Ueberlegen nicht eben seine Sache . Der reichlich genossene Wein hatten ihn heute noch unbesonnener und kecker als gewöhnlich gemacht , und sich an seinen Schwager wendend , dessen Ernst und dessen Schweigen ihm aufgefallen sein mochten , rief er : Der Onkel Kammerherr hat wahrhaftig Recht ! Stellen Sie sich doch vor , Baron , was aus Ihnen werden sollte und was Angelika sagen würde , wenn alle die Frauen , denen Sie um Angelika ' s willen das Herz gebrochen , Ihnen erscheinen sollten ? Stellen Sie sich vor , wenn - er wies mit dem Kopfe nach dem Eingange des Zimmers und der Baron und die Anderen folgten unwillkürlich seinem Winke - wenn dort sich zum Beispiel plötzlich die Thür öffnete und ... Ein Schauer durchflog die Glieder des Barons , denn die Thüre that sich wirklich wie mit Einem Schlage plötzlich auf , ein blendendes Licht strömte herein , und mit krampfhafter Bewegung den Arm des ihm Nächststehenden ergreifend , sank der Baron auf den Sessel am Kamine nieder . Aber nur wenige wurden das gewahr , denn die Diener brachten eben jetzt die vielarmigen Leuchter in das Zimmer , deren helles Licht die Mehrzahl der Anwesenden blendete , und der Eintritt des Caplans , dessen Ankunft man kurz vorher gemeldet hatte , nahm die Anderen in Anspruch . Der Graf und die Damen des Hauses bewillkommten den neuen Gast , und der Baron gewann inzwischen Zeit , sich zu sammeln und sich zu erholen . Dennoch neckte man ihn mit seiner Ueberraschung , mit seinem Schrecken ; man wollte wissen , welche Erscheinung er gehabt habe , indeß der Baron entzog sich mit guter Art und großer Selbstbeherrschung allen darauf zielenden Fragen und Neckereien , und mitten in der allgemeinen Unterhaltung , zu der er sich genöthigt fand , fragte er , als der Caplan an ihn herangetreten war , denselben leise und beklommen : Hat man sie gefunden ? Alle Mühe war vergeblich ! antwortete jener ebenso . Und Paul ? fragte der Baron mit derselben Dringlichkeit . Ist fürs Erste wohl aufgehoben in der Stadt . Wer brachte ihn dorthin ? Ich selbst ! versetzte der Caplan . Der Baron drückte ihm schweigend die Hand , andere Personen traten mit Ansprache und Bewillkommung dazwischen , der Abend verging in bewegter Geselligkeit und der Baron fand sich erst wieder mit seinem Hausgenossen zusammen , als dieser ihn am späten Abende noch in seinen Gemächern besuchte . Er traf den Baron , der sonst noch vor dem Schlafengehen lange in seinem Zimmer zu lesen pflegte , bereits im Bette . Wundern Sie sich nicht , daß ich mich schon niedergelegt habe , redete der Baron den eintretenden Caplan an , ich bin sehr müde . Der Stand eines Bräutigams ist an und für sich eine Unnatur und legt uns eine abgeschmackte Rolle auf . Wenn ein fertiger Mann ein Mädchen zur Frau begehrt , so sollte man es ihm geben und ihn mit der Erwählten ziehen lassen . Was soll dieses wartende Verlangen von der einen und von der anderen Seite ? Es ist so viel Zwang und Heuchelei darin , ja , es liegt im Brautstande , wenn man von einer Gesellschaft umgeben ist , wie die hier im Schlosse versammelte , sogar eine Art von Cynismus , der mich beleidigt . Ich wollte , wir wären zwei Tage weiter und fort von hier . - Er machte eine kleine Pause und warf dann die Bemerkung hin : Ich schlafe auch schlecht ! Am Tage Ermüdung , in der Nacht wenig Schlaf und während desselben quälende Träume ! Wahrhaftig , man könnte .... er vollendete den Satz nicht , fuhr mit der Hand , wie es seine Gewohnheit war , ein paar Mal über Stirn und Gesicht und stieß dann ein Ach ! hervor , in welchem sich sein ganzer Zustand offenbarte . Der Caplan fand ihn übel aussehend , auch die Stimmung des Barons kam ihm bedenklich vor . Weil es spät war und er die Weise seines Freundes kannte , sich möglichst lange auf Umwegen von dem Gegenstande fern zu halten , den zu erörtern er Scheu trug , kam er ihm zuvor , indem er ohne Vorbereitung davon zu sprechen begann . Sie fragten mich heute , hob er an , wo Paul sich befinde , und ich sagte Ihnen , daß ich selbst ihn nach der Stadt gebracht habe . Da es an dem Morgen nicht gelang , die Mutter aufzufinden , so machte ich mich noch am Abende mit dem Knaben auf den Weg , weil ich ihn nach dem Vorgegangenen nicht eine Stunde unnöthig in Rothenfeld verweilen lassen wollte . Unentschieden , wo ich ihn unterbringen solle , da er bei seinem Alter noch für kein öffentliches Pensionat geeignet ist , fiel es mir ein , mich , weil ich keine Zeit zu verlieren hatte , an Herrn Flies zu wenden . Und Sie sagten ihm , wem der Knabe gehöre ? unterbrach ihn der Baron . Ich hatte das nicht nöthig , obschon er Anfangs mit der Zurückhaltung , welche Sie an ihm rühmten , nicht merken ließ , was der erste Anblick des Knaben ihm verrathen hatte . Also Sie finden auch , daß der Knabe mir so ähnlich sieht ? fragte der Baron in einer Weise , die schwer erkennen ließ , welcher Empfindung sie entsprossen war , und ohne des Caplans Antwort abzuwarten , wollte er wissen , ob sein Sohn sich jetzt bei dem Juwelier befinde . Nein , entgegnete der Andere ; ihn dauernd in einer jüdischen Familie zu lassen , wäre doch nicht wohl thunlich gewesen , und ich zweifle auch , daß Herr Flies sich dazu verstanden haben würde , ihn aufzunehmen , da .... Und Ihr Vetter , der früher in dem Flies ' schen Hause wohnte ? unterbrach ihn der Baron ; ich habe an Ihren Vetter und dessen Frau gedacht .... Die Leute sind kinderlos , bemerkte der Caplan . Eben deshalb ! meinte jener lebhaft . Meine Verwandten sind so sehr an eine ruhige Häuslichkeit gewöhnt , daß eine Störung derselben ihnen durch Nichts aufgewogen werden könnte , sagte der Caplan ablehnend . Der Baron verstand ihn , das bewies das unwillkürliche Zusammenpressen seiner Lippen ; der Caplan ließ ihm aber zu seiner Mißempfindung nicht lange Zeit , denn er berichtete , wie der Juwelier Rath geschafft und ihn an die Familie gewiesen habe , welche jetzt den dritten Stock seines Hauses als Miether bewohnte . Wer sind die Leute ? fragte der Baron dazwischen , der sich im Bette aufgerichtet und den Kopf auf die weiße , wohlgepflegte Hand gestützt hatte , die vornehm aus den Spitzenmanschetten des weitärmeligen Nachthemdes hervorsah . Eine ebenfalls kinderlose Beamtenfamilie , wie meine Verwandten . Die Frau zeigte sich ohne Weiteres bereit , auf den Vorschlag einzugehen , da das Gehalt des Kriegsrathes nur beschränkt und die Familie doch zu einem gewissen Aufwande genöthigt ist . Eine Vermehrung der Einnahmen schien ihr also sehr erwünscht . Der Kriegsrath hatte Bedenken , sie wurden aber von der Gewandtheit des Juweliers ohne all mein Zuthun besiegt . Bedenken ? wiederholte der Baron mit einem Anfluge jenes empfindlichen Stolzes , der sich wundert , wenn sich Jemand seinen Wünschen nicht gefügig zeigt . Sie galten der Herkunft des Knaben , der möglichen Ungelegenheit , welche dieselbe verursachen könnte , und endlich auch der Sicherheit der Pensionszahlungen , für die Herr Flies sich dann natürlich alsobald verbürgte , während er zugleich auf die Förderung hindeutete , welche dem Kriegsrathe durch Ihre Vermittlung zu Theil werden könnte . Sie glauben also , daß der Knabe dort gut aufgehoben ist ? fragte der Baron , über die Antwort des Caplans leicht hinweggehend . Der Juwelier versicherte es mir , und eilig , wie ich war , fand ich es am besten , ihn in dem Hause zu lassen , da Herr Flies und seine Frau ein Auge auf ihn zu haben versprachen . Der Baron nickte zustimmend . Ich danke Ihnen , sagte er , Sie haben mir einen Dienst geleistet ; ich bin über den Knaben beruhigt , wenn Flies ihn in seiner Nähe und Aufsicht behält . Wollte Gott , ich könnte mich auch sonst beruhigen ! Man hätte vielleicht der Unglücklichen Zeit lassen , Sie hätten ihr nachgeben , ihr gestatten sollen , den Winter oder wenigstens noch einige Wochen in Rothenfeld zu bleiben . Ich beurtheilte Pauline richtiger , als Sie ! Der Caplan war , wie er den Baron kannte , darauf vorbereitet gewesen , daß er es zu seiner Selbstberuhigung versuchen würde , dem Freunde einen gewissen Antheil an dem Unheile aufzubürden , welches er selber angerichtet hatte . Er ließ also diese Aeußerungen absichtlich unbeachtet , und dadurch genöthigt , sich weiter kund zu geben , sagte der Baron , von dem Thatsächlichen der traurigen Angelegenheit abbrechend : Gewisse Erfahrungen muß man an sich selber machen , und so theuer man sie erkauft , bezahlt man sie doch wahrscheinlich nicht zu hoch . Sie werden sich künftig , mein werther Freund , über mich nicht mehr zu beklagen haben ! Der Caplan bat um eine Erklärung dieser Worte . O , versetzte jener , mich dünkt , darüber könnten Sie nicht in Zweifel sein ! Ich habe wohl sonst Ihre strengen Morallehren als unnatürliche Beschränkungen , Ihre ganze Weltanschauung und Lebensführung als die Frucht eines furchtsamen Aberglaubens angesehen , und Sie in meinem Innern beklagt , daß Sie sich in Folge Ihrer Gelübde nicht zu genießen erlaubten , was uns zum Genusse ladet und für denselben geschaffen ist . In den letzten Tagen , sagte er mit einem schweren Seufzer , habe ich mich aber oftmals des Gedankens nicht erwehren können , daß Sie jetzt der Glücklichere von uns beiden sind . Ja , ich habe Sie recht eigentlich um Ihre Gemüthsruhe , um Ihren Seelenfrieden beneidet und oft gedacht , daß man schon aus Selbstsucht und Berechnung ein einfaches , reines Leben führen müßte . Wenn ich daher in meiner Ehe mit Gräfin Angelika Kinder haben sollte , so will ich sie Ihnen und Ihrer Führung ausschließlich anvertrauen , und Sie sollen mich an diese Stunde erinnern , lieber Freund , wenn ich gegen dieses Versprechen handle . Es ist sicher ein köstlich Ding um ein unbeflecktes Gewissen und um die Möglichkeit des Glaubens und des Gebetes ! Der Geistliche sah ihn prüfend an . Er wußte , welcher schnell wechselnden Ansichten der Baron fähig war , und pflegte deßhalb auf seine Aeußerungen , sofern sie aus einer ungewöhnlichen Stimmung hervorgingen , kein großes Gewicht zu legen . Es däuchte ihm aber , als sei es Pflicht des Christen und vor Allen des Geistlichen , einem Schwerbeladenen und Niedergebeugten , und ein solcher war der Freiherr jetzt in jedem Betrachte , in der Stunde der Noth die Hand zu reichen , und ihm den Trost zu bieten , an welchem man sich in der eigenen Ohnmacht gehalten und an dem man sich aufgerichtet hat . Haben Sie es denn versucht , fragte er ihn deßhalb sanft und ernst , sich einmal innerlich Ihr ganzes bisheriges Leben darzulegen ? Haben Sie es versucht , recht in sich zu gehen und sich mit dem Gedanken an die Folgen Ihres Handelns Rechenschaft über dasselbe zu geben , als wäre diese Rechenschaft von einer Macht gefordert , die den Zusammenhang der Dinge besser kennt , als wir ? Haben Sie sich denn in letzter Zeit wohl jemals der Religion mit dem Bedürfniß um Erlösung zugewendet ? Sie wissen , bester Freund , sagte der Baron zögernd und mit Bedauern , daß dies leider nicht geschehen ist . Bei meinem lebhaften Sinne und einem starken Selbstgefühle ist mir die Religion seit lange nur als eine Stütze und ein Heilmittel erschienen , deren der Gesunde und Kräftige entrathen und nach denen mich persönlich niemals verlangen könne . Indeß die Erfahrungen , welche ich jetzt an mir und in dem Leben überhaupt gemacht , und ein Eindruck , eine räthselhafte Erscheinung , die ich gehabt , eben heute gehabt habe - Er brach ab und sagte : Ich wiederhole Ihnen , ich wollte , ich könnte heute glauben und beten wie Sie , mein Freund , und mir damit das Herz entlasten . Und was hindert Sie daran ? fragte der Caplan , ihm fest ins Auge blickend . Mir fehlt die Zuversicht , der Glaube , daß Gebet mich trösten könne , daß für mich auf diesem Wege die begehrte Hülfe zu finden sei , wendete der Freiherr mit einer Weise ein , die sehr von jener Leichtigkeit abwich , mit welcher er solche Materien sonst zu behandeln gewohnt war . Der Caplan schwieg eine Weile wie im Nachdenken versunken , dann sprach er ernsthaft und bewegt , wie man eine tiefe Ueberzeugung , eine an sich selbst erprobte Erfahrung kund giebt : Mich müßte Alles trügen , oder Sie stehen auf einem jener Wendepunkte des Lebens , Herr Baron , auf welche der Mensch , nach meiner festen Ueberzeugung , nur dann gestellt wird , wenn das Einschlagen eines völlig neuen Weges für ihn das einzige Rettungsmittel geworden ist . - Er machte darnach wieder eine Pause und sagte endlich , als habe er lange nach der Form gesucht , in welcher er seinen Glauben dem Freiherrn zugänglich machen könne : Sie haben vor nicht langer Zeit selbst gegen mich über die mystische Grenze gesprochen , welche in unseren Handlungen das freie Wollen von dem Müssen und Erleiden scheidet , und ich erinnere Sie an diese Ihre eigene Ansicht , um in derselben Ihnen ein Gleichniß und in gewissem Sinne auch die Erklärung für Ihren jetzigen Zustand zu bieten . Ist irgendwo eine solche mystische Grenze zwischen der Freiheit des Menschen und der Führung des Höchsten vorhanden , so offenbart sich dieselbe , wenn wir Ihr Leben einheitlich überschauen , an Ihnen . Alles , was Sie unternahmen , sich eine höchste Befriedigung im weltlichen Sinne zu schaffen , erfüllte den Zweck nicht , Sie innerlich wahrhaft zufrieden zu stellen . Da fallen Sie auf einen Gedanken der Menschenliebe , aber auch ihm liegt ein weltliches Element zu Grunde . Sie machen ein Geschöpf Gottes , das Ihnen durch eine Verknüpfung von Umständen zur Pflege zugeführt wird , nicht zu einem Gegenstande Ihrer selbstlosen Sorgfalt , sondern zu einem Spiele Ihrer Phantasie , zu einem Glückspfande , und nur zu bald wird das arme Wesen Ihr Opfer , wird durch Sie um Unschuld , Glauben und Hoffnung gebracht . Jetzt kommt der Augenblick , in welchem Sie selbst das Bedürfniß fühlen , sich ein neues und geläutertes Leben in Ihrem Hause aufzuerbauen , und nun erwächst Ihnen aus Ihrer Vergangenheit , aus früherem Verschulden ein Unheil , das Sie selbst wie einen Fluch empfinden , vor dessen Anmahnung Sie sich nicht zu bergen , gegen dessen Last Sie sich nicht zu wehren und vor dem Sie keine Rettung zu finden wissen , von dem Sie auch nirgends Rettung und Erlösung finden werden , als an der Quelle , aus welcher alle Erlösung und alle Gnade quillt . - Er machte eine Pause . Der Baron hatte noch immer das Haupt auf den Arm gestützt und sah , in tiefes Sinnen versunken , vor sich nieder . Der Caplan wartete , ob Jener zu sprechen beginnen würde , indeß nur die Traurigkeit und Weichheit seiner Mienen verrieth , was in seinem Herzen vorging , und der Caplan hielt es für seine Pflicht , dem Bereuenden weiter entgegen zu kommen . Sie sind in diesem Augenblicke , sagte er , wie der verlorene Sohn , wie der Sohn , der im Uebermuthe seiner Kraft es verlernt hat , sich als Kind in seines Vaters Arme zurück zu flüchten . Sie wissen , Sie kennen den Weg , der Sie an das Ziel Ihrer Sehnsucht führen kann , aber Sie scheuen sich , ihn zu betreten , weil Sie verlernt haben , ihn zu gehen . Sie möchten beten können ; heißt das nicht beten ? Sie möchten sich zu Gott , zu Ihrem Erlöser wenden ; heißt das nicht zu ihm gewendet , zurückgekehrt sein zu ihm ? Sie verlangen nach Hülfe , nach Beistand , nach Gnade - aber die göttliche Gnade ist so unerschöpflich , daß das bloße brünstige Verlangen nach ihr , wenn es ein fortgesetzter Zustand der Seele wird , schon die Bürgschaft für ihre Gewährung in sich trägt , denn der Allhelfer fehlt dem Menschen niemals , wenn es von ihm ist , daß man Hülfe und Erlösung erwartet . Der Freiherr hatte den Kopf erhoben ; er sah den Caplan forschend an , und mit dem unverkennbaren Verlangen , eine Widerlegung seines noch nicht überwundenen Zweifels zu erhalten , fragte er : Könnte Unglauben so rasch zum Glauben werden ? Moses schlug voll Glaubens gegen den Fels , und aus dem harten , verschlossenen Gestein sprang die helle Flut des Lebens hervor , sein ganzes Volk zu erquicken . - Der Caplan rückte bei diesen Worten seinen Sessel nahe an den Baron heran , neigte sich zu ihm und sagte , indem er mit sichtlich bewegtem Herzen die Hand desselben ergriff : O , könnte ich Ihnen doch klar und eindringlich machen , was als feste , erhebende Ueberzeugung in mir lebt ! Der Glaube , der Ihren Vater , Ihre Mutter durch das Leben leitete , der Ihre verklärte Schwester in einer Weise sterben machte , welche ihrem Leben erst die volle Weihe verlieh , dieser Glaube hatte Sie verlassen , und so nahe wir beide durch alle die Jahre neben einander lebten , Herr Baron : wir standen einander ferner , als es zwischen so alten Lebensgenossen hätte sein sollen ! Aber glauben Sie mir , mein Freund , wie gering der Antheil auch gewesen ist , den Sie mir bisher an Ihrem Seelenleben gönnten , ich habe nicht aufgehört , um dasselbe zu sorgen ; ich habe nicht aufgehört , zu hoffen , daß der Erlöser Sie zu finden wissen werde ! Und nun , da das Entsetzliche hereinbrach , habe ich mit Ihnen gelitten Tag für Tag , ich habe für Sie gedacht , für Sie in meinem Herzen gebetet und in die Zukunft zu blicken gestrebt , nach Beruhigung für Sie ! Da ist mir der Gedanke an die wunderbaren Wege und Fügungen des Himmels tröstlich zu Hülfe gekommen ! Wer von uns will es ermessen , ob Gott nicht das junge Weib , ob er nicht Pauline , die das Opfer Ihrer Sinnlichkeit geworden war , sich ausersehen hat als ein Werkzeug zu Ihrer Bekehrung ? Ob nicht Pauline sterben mußte , das eigene Vergehen zu büßen und Sie hinzuführen an die Gnadenquelle , aus der das Geschlecht , welches fortzupflanzen Sie morgen Ihre Ehe schließen , sich erquicken und erstarken soll zu neuem Glauben , zu neuem Wandel auf dem rechten Wege ? Der Baron hatte dem Freunde mit steigender Erschütterung zugehört . Weichherzig wie er war , hatten schon die tiefe und ernste Bewegung , die fromme Liebe und die feste Treue des alten Lebensgenossen ihn gerührt und aufgerichtet , aber bei des Caplans letzten Worten erhellten die ganzen Mienen des Barons sich wundersam . Der zuversichtliche Glaube an die räthselhaften Wege einer allweisen Vorsehung , welcher dem Caplan den Gedanken eingegeben hatte , daß Pauline nach Gottes Rathschluß habe sterben müssen , um den Freiherrn und sein Haus dem Glauben wiederzugeben , trug für den Letzteren schon eine halbe Erlösung in sich und leuchtete ihm ein , da er seiner persönlichen Eigenliebe wie dem Stolze auf sein Geschlecht plötzlich in der erwünschtesten Weise entgegenkam . Er war , nach solcher Annahme von den Fügungen des Himmels , nicht mehr völlig und ausschließlich verantwortlich für seine That und ihre schwere Folge . Er war nicht mehr der allein Schuldige , der Frevler , welcher Pauline in den Tod gestürzt . Nur ein Werkzeug war er gewesen , wie sie , in der starken Hand des Herrn . Nicht mehr ein Sünder war er , der sich demüthigen mußte , um die Verdammung von sich abzuwenden , er war ein Auserwählter , ein Begnadigter ; denn Gott hatte das Leben eines armen Weibes bestimmt und darangegeben zum Opfer für ihn und sein Geschlecht , und erleichterten Herzens und nach Beruhigung dürstend , fragte er : Und hegen Sie den Glauben , daß Reue ganz versöhnt ? Ja , ich hege diese Zuversicht ! rief der Caplan mit festem , innig vertrauendem Glauben . Ja , ich hege die Zuversicht , daß Reue , daß büßende und zugleich fruchtbar thätige Reue eine Erlösung in sich verbürgt ! Wollten Sie sich in dumpfem Schmerze der Erinnerung an das von Ihnen verschuldete Unglück überlassen , so würde damit sicher Nichts geholfen , Nichts gebessert sein . Aber wenn Sie die Möglichkeit der erlösenden Versöhnung nicht nur auf sich selbst beziehen , wenn Sie dieselbe zugleich als eine Aussöhnung mit dem eigenen Bewußtsein betrachten ; wenn Sie sich sagten , ein Mädchen , das mich liebte , ist untergegangen durch mich , dafür soll das Weib , das ich mir erwählte , um so glücklicher werden ; wenn Sie mit Selbstvergessenheit für die Frau , für die Familie zu leben versuchten , welche sich um Sie her bilden wird , wenn Sie die Seelen , welche die Vorsehung Ihnen anvertraut , im Glauben und in Heiligung erziehen - mich dünkt , mein Freund , das würde so viel Licht über Ihr Dasein ausbreiten , daß davor die Schatten , welche jetzt Ihr Leben umdüstern , allmählich weichen können . Gebet und Reue sind erlösend , wenn sie eine Selbsterkenntniß und ein Gelöbniß , zugleich demüthig und muthig sind . Der Caplan hielt inne , denn der Baron hatte sonst immer eine große Ungeduld bewiesen , wenn sein geistlicher Freund ähnliche Gespräche oder ähnliche Erörterungen herbeizuführen gesucht hatte . Heute war das anders . Es that ihm wohl , die Stimme des Freundes und seinen ermuthigenden Zuspruch zu hören , denn sie waren milder , als sein eigenes Gewissen , und fast bittend sagte er : Sie sind nicht zu Ende , enthalten Sie mir Nichts vor , mein Freund ! Was könnte ich noch hinzufügen , entgegnete der Caplan , das nicht in dem Gesagten schon enthalten wäre , das Ihr eigenes Herz Ihnen nicht kund giebt ? Jede Sünde ist eine Verfehlung gegen das Gute und gegen das Recht ! Machen Sie sich von diesen Verfehlungen frei , stellen Sie sich als Sünder Ihrem Schöpfer , als tadelloses Familienoberhaupt , als tadelloser Gutsherr den Menschen gegenüber , und ich zweifle nicht , daß sich zwischen diesen beiden Polen für Sie der Weg und die Mittel zu einer Befreiung Ihres Herzens und Ihres Gewissens finden lassen werden , daß Sie eines Glückes theilhaftig und einer dauernden Zufriedenheit fähig werden können , von der Ihre Vergangenheit Ihnen noch kein Bild gegeben hat ! Der Freiherr athmete auf . Er richtete sich empor , er sah die Möglichkeit vor sich , wieder erhobenen Hauptes zu leben , da er den Vorsatz hegte , sein Haus im Geiste des Christenthumes aufzubauen . Er konnte in diesem Augenblicke selbst an Pauline wieder denken , ohne die herzzerreißenden Gewissensbisse zu empfinden , welche ihm seit ihrem Tode keine Ruhe mehr gelassen hatten . Er versank noch einmal in ein tiefes Sinnen . Der Caplan