werden ; er soll alles haben , was er will . Ein Knecht war ich , er soll ein Herr sein im fremden Volk , und leben will ich in seinem Leben . Einen guten Kopf , ein scharfes Auge hat er ; er wird seinen Weg schon gehen . Er soll gedenken an seinen Vater , wenn er ist angekommen auf der Höhe ; leben will ich in seinem Leben . « Die Witwe teilte ihren kümmerlichen Tageslohn in zwei Teile . Der größte derselben fiel in das Kästchen von Eichenholz zu den andern Ersparnissen so langer , mühevoller Jahre , und einen hellen Klang gaben die schlechten Münzen . Mehr als hundert blanke Taler legte Samuel Freudenstein zu dem Vermögen seines Sohnes ; niemand in der Kröppelstraße hatte eine Ahnung davon , welch ein reicher Mann der Trödler allmählich wieder geworden war . Aus der Kammer der Witwe war der Mondschein gänzlich wieder verschwunden , als die Mutter fröstelnd zurückschlich aus der Stube . Noch immer schlief Hans Unwirrsch fest und erwachte auch nicht von dem Kuß , den die Mutter auf seine Stirn drückte . Auch die Lampe erlosch , und die Frau Christine schlief bald so sanft wie ihr Kind . Um das Bett des Königs Salomo standen mit Schwertern in den Händen sechzig Starke , geschickt zum Streiten , » um der Furcht willen in der Nacht « ; zu Häupten der Witwe und ihres Kindes jedoch stand ein Geist , der bessere Wacht hielt als alle Gewappneten in Israel . Fast den ganzen Sommer hindurch dauerte der Kampf gegen den Oheim Grünebaum . Einen so hartnäckigen Schuster hatte die Welt lange nicht gesehen . Tränen , Bitten und Vorstellungen erweichten , rührten und überzeugten ihn nicht . Ein Mann , der es mit den sieben weisen Meistern in jeder Beziehung aufnahm , ließ sich durch zwei alberne Weibsbilder und einen dummen Jungen so leicht nicht seinen Standpunkt verrücken . Beschlossen hatte er in seiner zottigen Männerbrust , daß Hans Unwirrsch wie alle andern Unwirrsche und Grünebäume ein Schuster werden müsse , und mit höhnischem Gepfeife schlug er alle Angriffe auf seinen Verstand , seine Vernunft und sein Herz zurück . Es verging kaum ein Tag , an welchem er nicht die Base Schlotterbeck aus ihrer Gelassenheit herausflötete . Je mehr sich die Frauen ärgerten , je hitziger sie in ihren Argumenten , je schärfer sie in ihren Worten wurden , desto melodiöser wurde der Oheim Grünebaum . Mit einer mutigen , kriegerischen Weise begleitete er gewöhnlich den Anfang jeder neuen Unterhandlung , und unter den schmelzendsten , sehnsüchtigsten Melodien brachte er sie ergebnislos zu Ende . » Gevatter , Gevatter « , rief die Base , » wenn das Kind unglücklich wird , so ist ' s Eure Schuld - Eure Schuld allein ! Solch ein Mensch wie Ihr ist mir in meinem ganzen , lieben , langen Leben nicht vorgekommen . « Ob nun das Lied vom Prinzen Eugen zur Beantwortung dieser Anmahnung gesungen worden war , konnte einigem Zweifel unterliegen : der Meister Grünebaum wie » selber ein Türke ! « pfiff es . » O Niklas « , rief die Schwester . » was bist du für ein Mann ! Es ist ein so gutes Kind , und seine Lehrer sind so mit ihm zufrieden , und sein Vater hat ' s gewollt , daß er alles lernen solle , was es zu lernen gibt . Denke an Anton , Niklas , und gib dich , ich bitte dich herzlich drum . « Der Oheim Grünebaum gab sich noch lange nicht . Er drückte den Gedanken , daß die Schusterei ebenfalls ein schönes , nachdenkliches , gelehrtes Geschäft sei und daß das Handwerk einen goldenen Boden habe , sehr bezeichnend durch die Melodie » Die Leineweber haben eine saubere Zunft « aus , ließ sich aber auf Weiteres nicht ein . » Pfeife Er nur ! « schrie die Base , erbost die Arme in die Seite stemmend . » Pfeife Er nur zu . Er Narr ! Ich aber sage Ihm , Er mag sich nur auf den Kopf stellen , das Kind soll doch auf die Hohen Schulen und Universtäten . Sitze Er nur wie ein geblendeter Gimpfel , pfeife Er nur zu . Base Unwirrsch , heule Sie nicht , tue Sie ihm nicht den Gefallen , er hat nur seine abscheuliche Lust daran . Solch ein Tyrann ! Solch ein Barbare ! Und es ist doch Ihr Kind , Base , nicht seins ! Aber der liebe Gott wird schon ein Einsehen haben , lasse Sie nur die Schürze vom Auge , Base . Pfeife Er jetzt nur zu , Gevatter , aber verantworte Er nachher es auch und überlege Er sich , was Er einst dem Meister Anton da oben sagen will ! « Es schien , als ob der Oheim Grünebaum sich dereinst bei seinem seligen Schwager durch das schöne Lied » Saß ein Eichhorn auf dem Heckendorn « verantworten wolle , wenigstens pfiff er es nachdenklich und gerührt und drehte dazu die Daumen umeinander . » O Niklas , was für ein hartherziger Mann du bist ! « schluchzte die Schwester . » Die Base hat ganz recht , du wirst es nicht verantworten können , was du an deines Schwagers Kinde tust ! « » Und lieber noch ' n Lumpensammler als solch ein lumpiger Flickschuster , der dem lieben Gott seine Tage im Roten Bock auf der Bierbank abstiehlt . Und solch eine Kreatur will sich dagegensetzen und hinten ausschlagen , wenn ein armes Kind über ihr hinauswill ! Wenn er sich nur die Hände waschen und die Haare kämmen wollte , der Mann ; ich möchte den sehen , welchem es eine Ehre wäre , ihn zum Vorbild und Muster zu nehmen . Es lebt so was weiter nicht , und so einer will andere abhalten , sich rein zu waschen und ihren Eltern Ehre zu machen . Aber ich bau auf den Herrgott , Meister Grünebaum . Derselbigte wird Euch schon zeigen , was Ihr eigentlich seid . ' s ist doch wirklich ' ne Lächerlichkeit , daß ein Mensch den Vormund spielen will , der sich selber nicht bemündeln kann . « Die Melodie » Guter Mond , du gehst so stille « muß in der Tat eine sehr besänftigende Wirkung auf die menschlichen Gefühle ausüben ; der Oheim Grünebaum pfiff sie schmelzend , solange die Base Schlotterbeck redete , und wie großer Zorn auch in seinem Busen kochen mochte , die Welt bekam nichts davon zu sehen . Hans Unwirrsch , mit seinem Bücherränzel aus der Schule heimkehrend , fand die beiden Frauen in sehr erregter Stimmung , mit hochroten Gesichtern , und den Oheim sehr gefaßt , gleichmütig und kühl ; - er ahnte wohl , wovon wiederum die Rede gewesen war , aber selten erfuhr er etwas Näheres über die Verhandlung . Gewöhnlich nahm der Oheim Abschied , indem er einen Choral oder sonst eine schwermütige Weise flötete und dabei den armen Hans grinsend in das Ohr kniff ; Mephistopheles hätte ihn um sein Lächeln beneiden können , und die Frauen fielen nach seinem Abmarsch gewöhnlich matt und gebrochen auf die nächsten Stühle und waren für mehrere Stunden unfähig , an die menschliche und göttliche Gerechtigkeit zu glauben . Im Kornfelde blitzte und klang die Sense : der Oheim Grünebaum hatte noch immer nicht nachgegeben . Allerlei Früchte lösten sich , ohne daß der Wind wehte , von den Zweigen und fielen herab : der Oheim Grünebaum hielt seine Meinung hartnäckiger als je fest . Silberne Fäden umspannen die Welt und schwebten durch die Luft : der Oheim Grünebaum schwebte nicht mit , sondern lachte hohn von seinem niedrigen Dreifuß . Bunt und immer bunter färbte sich der Wald , aber des Oheim Grünebaums Ansicht von Welt und Leben hielt Farbe . Moses Freudenstein brüstete sich immer stolzer in seinem Triumphe , und Hans Unwirrsch sah immer kläglicher und trübseliger drein . Die Singvögel flöteten ihre letzten Weisen und rüsteten sich zur Abreise nach Süden : der Oheim Grünebaum flötete auch , aber er blieb im Lande und nährte sich redlich , denn er war zu sehr überzeugt , daß er nicht zu entbehren sei in Neustadt , im Roten Bock und in seiner Familie . Kein Deus ex machina stieg herab , dem armen Hans Hülfe zu bringen , und so blieb ihm zuletzt nichts weiter übrig , als sich selbst zu helfen . Er führte einen Plan aus , der längerer Zeit bedurft hatte , um in seiner kleinen Brust zu reifen , setzte dadurch die Base und die Mutter in schwindelnde Verwunderung und brachte den steifnackigen Oheim Grünebaum vollständig aus der Fassung . An einem Sonntagmorgen zu Anfang des Septembers hatte der Gymnasialprofessor und Doktor der Philosophie Fackler das Reich allein in seinem Haus und fühlte sich geborgen , behaglich wie selten in seiner Studierstube . Die Frau Professorin und Doktorin befand sich mit ihren beiden Töchtern in der Kirche und bat höchstwahrscheinlich den lieben Gott um Verzeihung für die unruhigen Stunden , welche sie dann und wann dem » guten Mann « , d.h. ihrem Gemahl und Herrn bereitete . Die Magd hatte sich in Privatangelegenheiten entfernt ; - still war das Haus , ein grauer Tag blickte freilich in die mit Tabakswolken gefüllte Studierstube , aber die freudige Seele des Professors wandelte auf blauem Gewölk mit dem Liederbuch des Quintus Valerius Catullus und schlürfte die wonnigen Minuten der Freiheit - Vivamus , mea Lesbia , atque amemus , rumoresque senum severiorum omnes unius aestimemus assis . Am See Benacus lustwandelte er im Schatten der Granatbäume und Pinien auf der glückseligen Halbinsel Sirmio , und die funkelnden Verswellen des römischen Dichters spülten jeden Gedanken an die Gegenwart und jene Lesbia , die augenblicklich in der Kirche scharf und schrill mitsang , in das Nichts hinab . Er überhörte den Klang der Haustürglocke , vernahm nicht den ängstlich leisen Schritt , der die Treppe emporstieg ; er fuhr erst auf , als etwas leise an seiner Tür kratzte und klopfte . Schnell verbarg sich der lateinische Schalk Catull unter einem Haufen ernstern gelehrten Rüstzeugs , und würdig rief der Professor und Doktor der Philosophie : » Herein ! « Niemand folgte der Einladung , und lauter wurde sie wiederholt , aber auch dieses Mal ohne Erfolg . Verwundert erhob sich der Gelehrte aus seinem Sessel , zog seinen langen Schlafrock fest um sich und ließ nun mit noch größerer Verwunderung ein winziges Bürschlein von ungefähr elf Jahren in seine Studierstube , ein Bürschlein , das an allen Gliedern zitterte und dem die Tränen über die Backen liefen . Niemand war bei der Unterhaltung , welche dieser Besucher mit dem Herrn Professor Fackler hatte , zugegen , und die Einzelheiten des Gesprächs können wir nicht angeben . Nur das können wir sagen , daß die aus der Kirche mit den holden Pfändern der » tausend und aber tausend Küsse « , ihren beiden Töchtern , heimkehrende Lesbia ihren Gatten in einer sehr vergnügten Stimmung fand . Er trug ihr nicht die Aufmerksamkeit entgegen , welche sie von ihm erwartete , sondern fuhr fort , weitbeinig in der Stube auf und ab zu laufen und zu murmeln : » Seh einer ! - Ein wackerer kleiner Kerl ! - Puer tenax propositi ! - Er soll seinen Willen haben ! - Bei allen olympischen Göttern , er soll erreichen , was er will , und möge es zu seinem Heil sein ! « » Was soll zum Heil sein ? Wem soll was zum Heil sein , Blasius ? « fragte Lesbia , ihr Gesangbuch weglegend . » An der Ferse soll jemand genommen und in den Styx soll er getaucht werden , Beste , auf daß er gegen der Welt Bedrängnisse gefeiet sei und als Sieger aus der Männerschlacht hervorgehe . « » Du hast heute wieder deinen albernen , unverständlichen Tag , Blasius ! « rief die Frau Professorin ärgerlich und sah dabei aus , als habe sie Lust , den Gemahl tüchtig durchzuschütteln . Glücklicherweise jedoch sprangen in diesem Augenblicke Eugenia und Kornelia herein und hingen sich mit allerlei kindlichen Fragen und Bitten an den Papa . Dieser wies auf die Mutter und zitierte dumpf : » Jove tonante , fulgurante , comitia populi habere nefas . « Er zog den Rock an , setzte den Hut auf , nahm den Stock , ging aus und - stattete dem Oheim Grünebaum einen Besuch ab . Der Oheim Nikolaus Grünebaum aber hielt zu seiner eigenen » höchsten Perplexität « am Nachmittag in der Kröppelstraße eine lange , schöne Rede , zu welcher die Base Schlotterbeck einen ausgezeichneten Kaffee gebraut hatte , und expektorierte sich ungefähr folgendermaßen : » Sintemalen denn ein Schuster ein nobles und ehrerbietiges Geschäft ist , aber dennoch so können nicht alle Menschenkinder Schuster werden , sondern es muß item noch anders Volk gehen , Schneider , Bäcker , Zimmerlinge , Maurer und dergleichen , auf daß für jedes Gefühl und Sentiment gesorgt werde und kein Sinn ohne die nötige Bedeckung bleibe . Weilen es aber auch noch andere Bedürftigkeiten in der Welt gibt und der Mensch viel nötig hat , ehe und bevor er nichts mehr nötig hat , so gibt es auch item Advokaten und Doktors mehr als zuviel und dazu Professors , Pastöre mehr als genug . Aber der Herrgott läßt ' s gehen , wie ' s will , und der Deibel nimmt die Graden und die Ungraden , was soviel heißen soll als : ein Junge , der sich sein Geschäft aussuchen will , der soll sich sehr vorsehen und bedenken , wozu ihm die Nase steht , denn es hat sich schon mehr als einmal zugetragen , daß der Esel meinte , er könne die Laute schlagen . Aber einen Stiebel kann auch nicht jeder machen , es ist nicht so leicht , als es sich ansieht . Nun ist hier vorhanden Christine Unwirrsch , weiland Anton Unwirrschs Witfrau , und zweitens die unverehelichte Base Schlotterbeck , auch ein sehr gutes Spezifikum von gesundem Menschenverstand und natürlicher Begabung . Ferner ist gegenwärtig Meister Niklas Grünebaum , als wie ich selber , ohne Rühmens auch nicht auf den Kopf gefallen , sondern ganz adrett auf die Füße . Vor sie drei aber steht das Geschöpf , um das es sich handelt , Hans Jakob Niklas Unwirrsch , was wenigstens sich als einen Jungen von Kurasche demonstriert hat und seine liebe Anverwandtschaft hinterrücks ein Bein gestellt hat . Solch ein Knirps ! « Beide Frauen erhoben hier die Hände , um des Himmels Segen auf den jugendlichen Genius Hans Unwirrsch herabzuflehen ; aber der Oheim fuhr fort : » Ich denke : Grünebaum , fall vom Stuhle ! , als der Herr Professor so mit einem Male vor mir steht . Solch ein Junge ! Aber ein ästimabler , räsonabler , angenehmer Herr ist der Herr Professor , und so ist das Lange und Kurze von der Geschichte , daß ich von heute morgen um halber zwölfe an nichts mehr damit zu tun haben will und meine Hände mir drüber wasche . « » Woran Er sehr wohltut , Gevatter « , sagte die Base Schlotterbeck . » Und so mag es denn gehen , wie ' s geht , der Deibel nimmt die Graden und die Ungraden ! « schloß der Oheim . » Niklas « , rief aber die Frau Christine ärgerlich , » ich hoffe , mein Sohn wird weder grad noch ungrad mit dem Teufel zu tun haben , und gehen lassen , wie ' s geht , soll er es auch nicht . « » Keine Reverenzien und Übelnehmerischkeiten ! « brummte der Oheim . » Also , was ich und der Herr Professor denn sagen wollten : Junge , da ' n Überstudierter am Ende doch auch ein Mensch bleibt , so sollst du unsertwegen deinen Willen haben . Basta , ich hab ' s gesagt ! Die hochlöbliche Schusterei wird doch wohl nicht ein Mirakelum an dir Lümmel vorbeilassen . « In einem Tränenstrom machten sich die Gefühle der Mutter Luft , die Base Schlotterbeck zerfloß fast in freudiger Rührung ; Hans Unwirrsch war später niemals imstande , sich und andern Rechenschaft zu geben über die Gefühle dieser Stunde . Wer aber auch jetzt vollkommen trocken und kühl blieb oder tat , war der Oheim Grünebaum . Mit seinem Schusterdaumen drückte er gemütlich den Tabak in seiner kurzen Pfeife nieder , klappte bedächtig den Deckel zu wie ein Mann , der ein gutes Werk getan hat und sich die ihm von Rechts wegen zukommende Belohnung höchstens im Hauptbuch des Himmels gutschreiben läßt . Er mochte aber aussehen , wie er wollte , seine Macht über seinen Neffen hatte er verloren , und niemals konnte er das Eingebüßte wiedergewinnen . Seit dem Augenblick , in welchem Hans Unwirrsch mit der eigenen , winzigen Hand dem Steuer seines Lebens einen so wirkungsvollen Ruck gegeben hatte , stand er dem wackern Meister mit vollberechtigtem Willen gegenüber , und des Meisters Erstarrung und Ratlosigkeit war um so grenzenloser , je größere Gleichmütigkeit er äußerlich zur Schau trug . Die Geschicke mußten sich erfüllen , und Hans Unwirrsch betrat den Weg , welchen Anton Unwirrsch nicht gehen durfte . Am folgenden Mittag begegnete der verstorbene Meister der Base Schlotterbeck ; er ging gebückt und mit gesenktem Kopfe , nach seiner Art , aber er lächelte zufrieden . Siebentes Kapitel Die Pforte , die sich nun vor unserm Hans geöffnet hatte , führte , wie jeder , welcher durch sie schritt , weiß , nicht gleich in die weiten , hohen , herrlichen Säle , wo die weißen Marmorgestalten , die aus dem Schutt der klassischen Welt aufgegraben wurden , feierlich die Wände entlang stehen . Sowohl Hans als Moses fanden das sehr bald aus , doch ersterer hatte mit dem Faktum bitterer zu kämpfen als der letztere . Verwirrt und bestürzt stolperten beide auf der heiligen Schwelle und rutschten durch den abschüssigen Gang des Vokabulariums hinab in das grauenvolle Labyrinth der Deklinationen und Konjugationen , in welchem der Kollaborator Klopffleisch als erbarmungsloser Minotaur auf seine Opfer wartete . Aber Moses Freudenstein fand sich schnell wieder auf den Füßen , während Hans Unwirrsch noch längere Zeit kläglich auf seinem Hinterteil sitzen blieb und verloren , verraten und verkauft um sich starrte . Die schnelle Fassungsgabe , das treffliche Gedächtnis des jüdischen Knaben hoben ihn schnell über die ersten Schwierigkeiten der gelehrten Laufbahn weg , und nur mühsam und keuchend konnte Hans ihm folgen . Doch Wille ist Werk , sagt das Sprichwort , und Hans Unwirrsch hatte den besten Willen , seinen Freund nicht aus den Augen zu verlieren : alle Kraft setzte er daran , und der Kollaborator Klopffleisch respektierte bald den Willen seines Schülers . Glückliche Jahre ! Ach , wenn sie nur nicht so schnell vorüberrauschten , o Posthumus , liebster Posthumus ! Eben schien noch die heiße Julisonne durch die Fenster der Quinta auf unsere Köpfe , und wir schwitzten zu allem andern Schweiß dicke Angsttropfen über der zerlesenen Grammatik , während die Vögel draußen in den Bäumen uns auslachten und die Fliege , die frei über das blaue Heft spazierte , die frech um die Nase des Magisters summte , uns ein beneidenswertes Tier dünkte ! Nun ist es schon Winter , Schnee liegt auf dem Boden und den Dächern und wird vom freien , lustigen Wind gegen die Fenster der Quarta gewirbelt . Der Wind und die tanzenden Flocken höhnen uns nicht weniger als die Sommervögel und die Fliegen ; es gewährt uns nur eine sehr mangelhafte Genugtuung , daß wir uns nach Herzenslust über den Cornelius Nepos aufhalten dürfen , weil er seine Vorrede mit einem grammatikalischen Fehler anfängt und non dubito nicht mit quin konstruiert . Eine ganz andere Befriedigung würde es uns geben , wenn wir dem edlen Römer draußen auf dem Marktplatz die Qualen und den Jammer , welche er über so manche Generation von Schulbuben gebracht hat , durch einen tüchtigen Hagel von Schneebällen heimzahlen könnten . O Posthumus , wie schnell rauschen die Jahre ! Eben saßen wir noch als Tertianer wie junge Affen flegelhaft , zähnefletschend und schnatternd im Baum der Wissenschaften und fanden wenig Geschmack an den vielgepriesenen Früchten besagten Baumes : nun ist das auf einmal ganz anders geworden . Wir werden in der Sekunda mit » Sie « angeredet ; weit in nebelgrauer Ferne liegt jene Zeit , wo wir selbst des Nachts in unsern Träumen nicht vor dem Rohrstock des Kollaborators Klopffleisch sicher waren - wir haben unter den Folgen der ersten Zigarre schauerlich , aber heldenhaft gelitten ; einige von uns erweitern ihre Ansicht von ihrer gesellschaftlichen Stellung und Würde dadurch , daß sie Brillen von Fensterglas aufsetzen : wir fangen an , vor den Fenstern der ersten Klasse der Mädchenschule Parade zu machen , und einen Hauptgegenstand unserer Unterhaltungen bilden die Vorfälle der Tanzstunde . Grinsend stoßen wir einander unter den Tischen die Fäuste in die Seite , wenn der Konrektor Gnurrmann über einzelne Stellen und Szenen klassischer Dichtung schnell hinweggleitet oder sie ganz überschlägt ; wir haben diese Stellen natürlich längst und gründlich studiert und halten sie für die besten im Buche , und es ist ein Wunder , wenn unser Exemplar der » Odyssee « nicht stets da auseinanderfällt , wo Demodokos den Phäaken zur klingenden Harfe den schönen Gesang » über des Ares Lieb und der reizenden Aphrodite « singt . Es ist ein Glück , daß wir das andere Geschlecht in dieser blöden , bärenhaften Epoche unseres Daseins so sehr fürchten , daß das , was uns zum erstenmal so geheimnisvoll , so unverständlich wunderlich anzieht , uns zu gleicher Zeit in so respektvolle Entfernung zurückstößt . O selige Zeit , wo wir , ein Zwitterding vom Knaben und Jüngling , im Grunde genommen mit unserem Dasein nicht das mindeste anzufangen wissen und zwischen Verständigkeit und Unsinn angenehm für uns , sehr unangenehm aber für unsere lieben erwachsenen Angehörigen in der Schwebe hängen . Ganz anders sieht sich Welt und Leben von den Bänken der Prima an . Selbstgefühl entfaltete sich schon im vorigen Stadium im reichlichsten Maße in unserer Brust ; jetzt steht es in voller Blüte , wir werden sehr kitzlig im Punkt der Ehre . Der » erworbene « Charakter entwickelt sich nun immer schneller , bei manchem steht er bereits vollkommen fest . So recht zufrieden sind wir freilich nicht mehr mit unserm Zustand ; das Studententum lockt in zu großer Nähe , und fester noch als unser Charakter steht in unserer Seele die Form des Bartes , den wir in Jena oder Göttingen tragen werden . Unsere Stimme schnappt nicht mehr über , wohl aber öfter unsere Ansicht von der Achtung , welche uns die Herren Lehrer schuldig sind ; es kann vorkommen , daß unsere Anschauung in diesem Punkte allzusehr von der des Professors Fackler abweicht und daß wir schnöderweise deshalb vom Maturitätsexamen zurückgesetzt werden . O Posthumus , Posthumus , was würden wir darum gehen , wenn wir die Jahre zwischen dem zehnten und dem zwanzigsten noch nicht hinter uns hätten ! Sie hatten ihre Leiden und Ängste ; aber wir sprechen doch am liebsten von ihnen , wenn wir grauköpfig , kahlköpfig abends im Goldenen Löwen oder Silbernen Lamm , im Kasino oder in der Harmonie unsere Stühle zusammenrücken und den Staub des Berufs abschütteln oder hinunterspülen ! Wir vergessen darüber die Stunde , in welcher die Frau uns daheim erwartet , wir vergessen darüber die Aktenstöße , die sich um unsern Schreibtisch türmen , die Nase , welche wir heute von einem hohen Vorgesetzten erhielten ; wir vergessen darüber unsern Rheumatismus , unsere heiratsfähigen Töchter und unsern Hausherrn , der uns wieder um ein Drittel des Mietzinses gesteigert hat . Nur mit Mühe können wir bei der Nachhausekunft unserm ältesten Schlingel Eduard , welcher heute einen zwölfstündigen Karzer absaß den gebührenden Ernst zeigen . Wir haben in demselben Karzer gesessen , und wenn seitdem die Wände nicht geweißt worden wären , so hätte unser hoffnungsvoller Sprößling mehr als eine der damaligen Lebensmaximen seines Erzeugers daran finden können . Aber die Wände sind glücklicherweise geweißt , und die Porträts des Oberlehrers Säger , welche damals unser Mitdulder Fritz Scharfnagel ebenso kühn als geistreich entwarf , sind heute durch , ebenso kühne als geistreiche Karikaturen auf den Oberlehrer Dr. Scharfnagel ersetzt . Eheu fugaces , Posthume , Posthume Labuntur anni ! Moses Freudenstein und Hans Unwirrsch gingen ihren Weg durch die verschiedenen Klassen , aber in beiden haben wir dem Leser zwei Ausnahmen des Schülerlebens vor die Augen stellen müssen . In einer Ausnahmestellung befand sich Moses schon durch seine Nationalität und seine Religion , welche ihn hinderten , in dem Gemeinwesen des Gymnasiums gleichberechtigt mitzu » taten « und mitzu » raten « ; der Sohn der Witwe aber wurde durch seine Armut gezwungen , dem fröhlichen Gewimmel fernzubleiben . Wie früher gingen auch jetzt die beiden Freunde aus der Kröppelstraße vereinsamt auf einem Seitenpfade und warteten auf den Stundenschlag , durch welchen sie in die Mitte des Getümmels der Welt gerufen werden sollten . Aus dem Dachstübchen , der Polterkammer , in welche sich einst der Meister Anton am Geburtstage seines Sohnes aus dem Weibertumult rettete , hatte Hans seine Studierstube gemacht . Hier hatte er seine wenigen Bücher und sein Dintenfaß aufgestellt , hier war er ein glücklicher Herrscher im Reich der Gedanken und Träume und hielt Zwiesprache mit allen Geistern , die er heraufbeschwören konnte . Harte Kämpfe kämpfte er hier mit den Wächtern , die vor den Pforten jeder Wissenschaft liegen , und überwältigte mit Schweiß und unsäglicher Mühe das , über was der semitische Grammatiker Moses spielend hinwegschritt . Letzterer hatte den Vorteil , daß die Phantasie sich ihm nicht hindernd in den Weg stellte . Gradeaus ging er mit klarem Kopf und scharfen Augen ; die verlockenden Wege , die seitab ins Grüne , aber auch in die wirre Wildnis führen , waren für ihn nicht da . Moses Freudenstein sah nicht , während der Doktor Fackler die schwierigen Satzbildungen des Thukydides konstruierte , hinaus auf die blauschimmernde Fläche des Ionischen Meeres , sah nicht auf der Meereshöhe die weißen Segel von Korzyra auftauchen , sah nicht die hundertundfünfzig Schiffe der Korinther von Chimerium heranschweben . Wenn der Professor von den Thraniten , Zygiten und Thalamiten , den Arten der Ruderer , sprach , so vernahm Moses Freudenstein nicht ihr Jauchzen , wie die Flotten aufeinanderstießen . Er vernahm nicht den Befehlruf der Stolarchen , das Krachen der Schiffsschnäbel , das Triumphgeschrei des Siegers , das Wehgeheul des Sinkenden ; er sah nicht die blaue Flut rotgefärbt , sah sie nicht bedeckt mit Trümmern und Leichen : und wenn der Professor plötzlich eine Frage an ihn richtete , so fuhr er nicht ratlos und beschämt auf wie der arme Hans Unwirrsch , der all das eben Geschilderte sah und hörte , der aber ganz und gar vergessen hatte , daß es sich weniger um die Schlacht am Vorgebirge Leukimme und den Beginn des Peloponnesischen Krieges als um die Ansicht des Professors Fackler über die Konstruktion mit de handelte . Der Professor schüttelte jedoch bei solchen Gelegenheiten nur ganz leise den Kopf , ohne eine der trefflichen Reden zu halten , die er sonst so gern von sich gab . Seit an jenem längst vergangenen Sonntagmorgen das verweinte , stammelnde Bürschlein in den zu langen Hosen und der zu engen Jacke vor ihm erschienen war , hatte es stets bei ihm einen Stein im Brette gehabt ; er hatte den Knaben auf seinem Wege durch die Klassen seiner Hohen Schule nicht aus den Augen verloren ; er wußte , daß es von Übel sein würde , den scheuen Jüngling noch mehr zu verschüchtern , und nahm vielleicht ein regeres Interesse an ihm als an irgendeinem andern seiner Schüler . Vor Moses Freudenstein schien sich der gute Mann ein wenig zu fürchten ; aber Gerechtigkeit ließ er ihm ebenfalls widerfahren . - Einen flüchtigen Blick haben wir bereits in das Hinterstübchen des Trödlerhauses geworfen ; jetzt müssen wir uns näher damit bekannt machen . Es war so dunkel , wie man es nur von einem Gemach , das auf einen so schmutzigen und dunkeln Hof hinaussah , erwarten konnte . Feuchte Mauern sperrten jeden frischen Hauch von seinen niedern Fenstern ab , und der Sonnenschein war wirklich künstlich ausgeschlossen von dem Baumeister , der im angenehmen Mittelalter sicher Wirklicher Geheimer Verliesbaurat geworden wäre . Den dunkelsten Winkel in diesem Gemach nahm die alte Haushälterin ein : auf der Grenze zwischen Nacht und Dämmerung stand der Tisch und Sessel des Vaters Samuel , und in der Dämmerung des Fensters stand Moses ' Tisch und Stuhl . Die schwarzen Haare zerwühlend , saß hier Moses , immer mehr beschäftigt , die bunte Mannigfaltigkeit des Lebens aufzulösen und sie in die Fächer einer unbarmherzigen Logik zu ordnen . Je mehr Wissen er aufhäufte , desto kälter wurde sein Herz ; mit höhnischem Spott erdrosselte er den letzten Rest warmer Phantasie , der ihm geblieben war . Nicht Werkzeug zum Nutzen und Genuß für sich und die Welt schuf er ; Waffen , nur Waffen gegen die Welt schmiedete er , und keinen Augenblick der Ruhe , des Atemholens gönnte er sich bei der Arbeit . Der alte Vater rieb hinter seinem Geldkasten frohlockend die knöchernen Hände , wenn er auf seinen Sohn blickte . » Er wird seinen Weg gehen « , murmelte er . » Er wird herausbrechen wie das Licht und wird seinen Rücken nicht beugen , wenn die rechte Zeit gekommen ist . Ich werde es erleben , daß die Gojim sich vor ihm neigen ; Gott Abrahams , ich werde sitzen im Dunkeln , aber mein Herz wird lachen und sich freuen ! « Der Vater Samuel hatte seine