sollen . Sonderbar , daß es mir nicht eingefallen ist , danach zu fragen . Er war von dem Gedanken , der ihm plötzlich durch den Kopf geschossen war , so erfüllt , daß er mich nicht einmal einer Antwort würdigte , als ich zu wissen verlangte , was denn die Tanzkunst mit unserer Angelegenheit zu thun habe ? Er rief einen Fiaker an . Wir fuhren wieder in die Stadt zurück . Wir stiegen aus . Es war eines jener Tanzlocale , die in Paris damals nicht so glänzend wie heute , aber nicht weniger häufig und nicht weniger besucht waren . Sehen Sie sich um , ob Sie Eleonore entdecken können . Wir durchsuchten den Saal , Eleonore war nicht da . So lassen Sie uns weiter . Wir fuhren nach einem zweiten Local ; und als unsere Nachforschungen auch dort fruchtlos waren , nach einem dritten und vierten . Ebenso vergebens . Ich war von den wüsten Scenen , die ich gesehen , von dem Staub und der Hitze , die in diesen überfüllten Sälen herrschte , von der Anstrengung , aus so vielen Personen , die fortwährend den Ort verändern , eine bestimmte herauszufinden , durch die Aufregung des Suchens und die Angst , zu finden , was ich suchte , so angegriffen , daß ich meinen Begleiter bat , für heute wenigstens die nutzlose Jagd aufzugeben . Nur noch ein einziges Local , erwiderte er ; ich habe es mit Willen bis zuletzt aufgespart , weil die Wahrscheinlichkeit , sie dort zu finden , freilich sehr groß , aber auch sehr schrecklich ist . Wie meinen Sie das ? Die Locale , die Sie bis jetzt gesehen haben , erwiderte der Franzose , erfreuen sich , obgleich es schon schlimm genug darin hergeht , noch einer gewissen Ehrbarkeit . Das Publicum ist über die Maßen leichtsinnig , übermüthig , frivol , aber mit wenigen Ausnahmen nicht eigentlich verderbt . Es sind Etudiants mit ihren » Frauen « , Commis mit ihren Grisetten , der bessere Ouvrier , der sich mit seinem Mädchen einen guten Tag machen will . Die Gesellschaft , in die ich Sie jetzt führen werde , ist eleganter , aber bei weitem nicht so harmlos . Es ist ein Haus , das besonders von jungen vornehmen Wüstlingen aus den aristokratischen Quartieren , die sich für die in den Salons ausgestandene Langweile entschädigen wollen , von Ausländern , welche nach Paris kommen , um ihre Gesundheit zu ruiniren und ihr Vermögen durchzubringen , frequentirt wird , und das weibliche Publikum ist diesem Zwecke entsprechend . Es besteht aus den schönsten , aber auch verderbtesten Mädchen , gewandten Menschenfischerinnen , die heute mit vier Pferden fahren , um morgen im Hospitale zu sterben , besonders Ausländerinnen : Creolinnen , Mädchen aus England , Italien , Deutschland , die alle hier ihre Landsleute finden . Bereiten Sie sich darauf vor , einen - hoffentlich vergeblichen - Blick in ein Pandämonium zu werfen . Wir kamen an . Wir stiegen eine breite Marmortreppe hinauf . Mein Herz klopfte furchtbar ; ich konnte mich kaum auf den Füßen halten ; eine Ahnung sagte mir , daß ich an dem Ziele meiner Irrfahrten angekommen sei , daß der entstellte Kopf der Leiche im nächsten Augenblick aus den schwarzen Wassern auftauchen werde . Wir traten in den glänzend erleuchteten Saal . Von dem Orchester rauschte eine bacchantische Musik und im bacchantischen Taumel ras ' ten die Tanzenden durcheinander . Der Glanz der Lichter , die schmetternden Trompeten , das Gedränge , die Hitze , der narkotische Duft von üppigen Parfums , mit denen der Saal erfüllt war , und die fürchterliche Aufregung , in der ich mich befand , versetzten mir den Athem . Ich mußte mich für einen Moment an eine Säule lehnen und die Augen schließen , um wieder zu mir selbst zu kommen . Als ich so in einer halben Ohnmacht dastand , schlug eine Stimme an mein Ohr , bei deren erstem Laut ich , wie von einer Natter gestochen , emporschnellte . Das Ohr ist ein treuer Mahner ; es vergißt eine Stimme , deren Töne einst dem Herzen hold und lieb waren , im Leben nicht wieder ; es hatte mich nicht betrogen . Dicht vor mir so daß ich sie beinahe mit der Hand hätte erreichen können , stand in lebhafter Unterhaltung mit einem jungen , schönen Cavalier ein Mädchen , schlank und hoch , mit großen , braunen Augen , die im fieberhaften Glanze leuchteten , mit einem Gesicht , das vielleicht für ein so junges Geschöpf zu scharf , zu sehr vom Leben mitgenommen , aber noch immer schön war - und dieses Mädchen - war Eleonore . Sonderbar ! bei dem Ton ihrer Stimme hatte mein Herz zusammengezuckt wie damals , als ich in Fichtenau in der Nacht vor dem Hause des Rectors stand und das alte Weib mir aus dem Fenster herunterrief , Eleonore sei davon gelaufen . Aber nach diesem Krampfe wurde es still , ganz still . Die zu straff gespannte Saite war gesprungen ; sie gab keinen Ton , weder des Jammers noch der Freude mehr . Ich sah so kalt auf Eleonore herab , als sei sie ein Bild an der Wand . Ich hörte die Worte , die sie zu ihrem Tänzer sprach , wie man Worte in dem Stadium der Ohnmacht unmittelbar vor der Bewußtlosigkeit hört - als würden sie am andern Ende des Saales gesprochen . Ich musterte ihre ganze Erscheinung , selbst ihren Anzug mit der kühlen Ruhe eines Künstlers . Ich bemerkte , daß sie geschminkt war und daß sie ihre dunklen Wimpern und Augenbrauen noch dunkler gefärbt hatte . Ich bemerkte , daß sie das Haar ganz in derselben Weise trug , wie ich es ihr selbst einmal nach einem antiken Kopfe arrangirt , und wie sie es seitdem , so lange ich sie sah , immer getragen . Ich hörte Alles , sah Alles und hörte und sah doch nichts ; denn ich hatte kein Verständniß mehr für das , was ich sah und hörte . Mein Begleiter , der sich während der Zeit im Saal umgesehen hatte , trat in diesem Augenblicke an mich heran . Ich habe Keine , die Ihrer Beschreibung gleicht , entdecken können , sagte er . Gott sei Dank ! ich athme ordentlich leicht , ich möchte die , welche wir suchen , um Alles in der Welt nicht hier gefunden haben . Aber mon Dieu , was ist Ihnen ? Sie sehen ja aus wie eine Leiche . Ich habe sie gefunden . Wo ? Da . Er nahm sein Glas und blickte mit gespanntestem Interesse einige Secunden auf Eleonore , die noch immer , ohne zu ahnen , wer zwei Schritte von ihr entfernt war , dastand und mit ihrem Tänzer conversirte und kokettirte . Dann ließ er mit einem mitleidigen Achselzucken das Glas fallen . Sein Gesicht war sehr ernst geworden . Pauvre homme , murmelte er . Da schmetterte die Musik noch lauter vom Orchester herab ; eine neue Tour in der Française begann ; die Reihe kam an Eleonore . - Sie hatte sich , seitdem ich sie zum letzten Male auf einem Balle der Bürgerressource von Fichtenau hatte tanzen sehen , sehr in ihrer Kunst vervollkommnet ; ja - ich kann sagen , daß ich weder vorher noch nachher , etwas Vollendeteres gesehen habe . Es war die entzückende Anmuth eines sich hinüber- und herüberwiegenden Wasserstrahls und dabei eine Leidenschaftlichkeit , wie sie vielleicht sonst nur noch bei den Zingarella ' s von Spanien und den Ghawazie ' s von Aegypten getroffen wird . In diesem Moment war es das sanfte Werben schmachtenden Liebessehnens , im nächsten die wahre Seele der Leidenschaft , die in jedem Nerv zuckt und jeder Muskel zittert , aber in dem einen , wie in dem andern der herrlichste Rhythmus wundervoll durcheinander verschlungener , und doch unendlich harmonischer Bewegungen . Dieser Tanz war Gesang - ein Gesang der Liebe - aber nicht der träumerischen , lindenduftathmenden , mondscheinbestrahlten deutschen , sondern der sinnlichen , sonnedurchglühten , narkotischen , orientalischen Liebe . Und dabei war ihr Gesicht ruhig , kaum eine Muskel regte sich , keine Spur von dem widerwärtigen stereotypen Lächeln so vieler berühmter Tänzerinnen . Nur ihre Augen brannten in einem unheimlichen und mit jedem ihrer Schritte , jeder ihrer Bewegungen intensiver werdenden Feuer . Es war , als ob die Ruhe ihres Tänzers , der alle Pas mit sehr viel Grazie , aber mit vornehmer Nachlässigkeit , als komme er sich bei der ganzen Sache einigermaßen lächerlich vor , mehr ging , als tanzte , das leidenschaftliche Weib zur Verzweiflung bringe und sie ihn durch alle Künste , in denen sie Meisterin war , aus seiner blasirten Apathie reißen wollte . Vielleicht war es wirklich so , vielleicht schien es auch nur - aber immerhin gewann der Tanz dadurch ein reiches dramatisches Leben und gewährte den Herumstehenden das anziehendste Schauspiel . Ah , la belle Allemande ! rief ein Enthusiast an meiner Seite . Grands Dieux , comme elle est jolie ! ein anderer ! bravo , bravo ! und er klatschte wüthend in die Hände , und die anderen Zuschauer folgten seinem Beispiele : Bravo , bravo ! Vive la reine Eleonore ! vive la belle Allemande ! Mein Freund faßte mich am Arme und zog mich tiefer in die Colonnade , unter der wir standen , zurück . Kommen Sie , sagte er . Wohin ? Fort von hier . Nimmermehr ! Sie können sich doch unmöglich für ein Geschöpf wie dieses noch interessiren ! Was wollen Sie von ihr ? Ich sage Ihnen ! sie ist verloren , rettungslos verloren ! Das wollen wir sehen ! murmelte ich . Der Franzose zuckte die Achseln : Ihr Deutschen seid eine seltsame Nation . Aber dann folgen Sie wenigstens meinem Rathe : Geben Sie hier nicht zu einer Scene Veranlassung , die Ihnen ein halb Dutzend Duelle auf den Hals ziehen könnte . Besuchen Sie das Mädchen morgen oder wann Sie wollen . Was zu wissen nöthig ist , will ich wenigen Minuten zusammen haben . Ich sah ein , daß sein Rath vernünftig war . Ich warf mich , während er durch die Menge davon schlüpfte , auf einen Sessel und stützte meinen Kopf in meine Hände . Es waren ein paar gräßliche Augenblicke . Meine Schläfen hämmerten , meine Glieder flogen - und doch war es still in mir , todtenstill und kalt . Und , Oswald , in diesen Augenblicken , wo ich , das Gesicht in die Hände gedrückt , in stummem fürchterlichem Schmerz , einsam unter der lärmenden Menge saß , während mein Abgott , die Geliebte meiner Jugend , das Weib , zu dem ich in meiner Kerkernacht gebetet hatte , wie zu einer glorreichen Heiligen , wenige Schritte von mir entfernt nach den Klängen einer wollüstigen Musik den wollüstigen Tanz der Herodias tanzte - da , Oswald , nahm ich für immer Abschied von dem Glück , vom Leben - da riß der Vorhang , der mir bis dahin das große Geheimniß verborgen hatte , mitten auseinander , und ich stand schaudernd an der Schwelle , die ich doch nicht zu überschreiten wagte und erst viele , viele Jahre später überschritten habe , denn noch hatte ich den Kelch nicht bis zur Hälfte geleert . Der Tanz hatte aufgehört . Um mich her wurde es lebhafter ; Lachen und Scherzen , das Rauschen von Gewändern dicht an meinem Ohr . Man nahm an den kleinen Tischen Platz , mit Eis und Champagner die Gluth zu kühlen - auch an meinen Tisch kam ein Paar , das keinen anderen Platz finden oder den Schlafenden für keinen gefährlichen Lauscher halten mochte . Sie lieben mich wirklich , Eleonore ? sagte eine weiche Männerstimme . Ja , Charles ! Von ganzem Herzen ? Von ganzem Herzen . Ich dachte , welchen Eindruck es wohl auf Eleonore machen würde , wenn ich plötzlich mein bleiches Gesicht von der Tischplatte erhöbe und zu ihr spräche : Das hast Du ja auch zu mir gesagt vor einigen Jahren auf der Wiese im Walde von Fichtenau ; aber ich bezwang mich und lauschte dem Gespräch , das noch eine Weile in derselben Weise fortging . Zuletzt sagte der Cavalier : Und wann werde ich Sie wiedersehen ? Wann Sie wollen - Das heißt ? Daß ich für meine Freunde immer zu Hause bin . Und wo ist zu Hause ? Boulevard des Capucins numéro dix sept , fragen Sie nur nach Mademoiselle Eleonore - Adieu ma reine ! Sie wollen schon fort ? Leider muß ich . Weshalb ? Meine Braut erwartet mich im Salon ihrer vortrefflichen Frau Mutter ; und wird au désespoir sein , daß ihr getreuer Seladon sie so lange schmachten läßt . Sie haben eine Braut ? O , Sie Unglücklicher ! Ich hoffe , Sie werden mir mein Unglück tragen helfen . Nous verrons . Und das Paar entfernte sich lachend ; Eleonorens seidenes Gewand streifte mich , als sie an mir vorüberschritt . Mein Begleiter trat wieder zu mir und legte die Hand auf meine Schulter . Ich weiß Alles , sagte er . Ich auch , antwortete ich , den Kopf emporhebend . Woher ? Sie hat es mir selbst gesagt . Der Freund glaubte , ich rede irre . Kommen Sie , sagte er , die Hitze greift Sie sehr an . Du kannst Dir denken , daß ich in dieser Nacht nicht viel schlief . Ich entwarf und verwarf tausend Pläne , wie ich Eleonore aus dieser Hölle retten könne , denn daß ich sie retten müsse - daran hatte ich keinen Augenblick gezweifelt . Ich stand am Morgen auf , ohne zu einem bestimmten Entschlusse gekommen zu sein . Ich fürchtete nicht für mich . Denn mein Herz konnte nicht tiefer zerfleischt werden , als es gestern Abend geschehen war ; ich fürchtete für Eleonoren , daß ein plötzliches Wiedersehen sie zu entsetzlich demüthigen , vielleicht vernichten würde . Und doch wußte ich nach mehreren Tagen der Unentschlossenheit keinen bessern Rath , als gerade zu ihr zu gehen . Mein Freund schüttelte zu Allem den Kopf . Aber , mon cher , rief er einmal über das andere . Sie lieben das Mädchen ja noch immer ! Hatte er Recht ? Ich weiß es nicht . Jedenfalls war diese Liebe anderer Art , als die gewöhnliche , denn sie wußte nichts von verletztem Stolz , gedemüthigter Eitelkeit - - ja , nicht einmal von der Furcht , sich möglicherweise durch den Versuch der Rettung eines Wesens , das gar nicht gerettet sein wollte , lächerlich zu machen . Ich ging , nachdem ich mit mir einig geworden , des Vormittags nach dem Hause an dem Boulevard . Der Portier lächelte , als er auf meine Frage , ob hier Mademoiselle Eleonore wohne , sein : Oui Monsieur , au troisième , antwortete : Mademoiselle wird schwerlich schon zu sprechen sein , fügte er hinzu : sie ist erst gegen Morgen nach Hause gekommen . Ich stieg die mit Teppichen belegten Treppen hinauf ; in der dritten Etage stand auf einem Porzellanschilde neben einem Klingelzug : » Mademoiselle Eléonore de Saint - Georges « . Der wievielte Name mochte dies sein , den die Unglückliche führte , seitdem sie den ehrlichen Namen ihres Vaters abgelegt hatte ? Ich schellte . Eine häßliche Person , die halb Magd und halb Kammerfrau zu sein schien und die durch die Reinlichkeit ihres Anzuges und die affectirte Ehrbarkeit wo möglich nur noch häßlicher wurde , öffnete und fragte nach meinem Begehr . Ich wünschte Mademoiselle Eleonore zu sprechen . Mademoiselle ist unwohl und nimmt heut keine Besuche an . - Ich muß sie sprechen . - Unmöglich , sagte das Weib ; ich habe so eben nach einem Arzt geschickt ; und sie wollte die Thür wieder schließen . - Aber , Madame , der Arzt bin ich . - Ah , c ' est autre chose ; entrez Monsieur , entrez ! Sie führte mich durch ein kleineres Vorzimmer in ein hohes , stattliches , mit beinahe fürstlicher Pracht ausgestattetes Gemach und bat mich , einige Augenblicke zu verweilen , bis ihre Gebieterin erscheinen würde . Ist Mademoiselle schon aufgestanden ? Ja , ich komme sogleich zurück . Sie verschwand durch einen dichten Vorhang . Ich blieb mitten in dem Gemache stehen und blickte auf alle die Pracht , die mich umgab , auf all ' die herrlichen Spiegel , die üppigen Gemälde von Watteau und Boucher in ihren breiten Goldrahmen , die chinesischen Pagoden auf dem marmornen Kaminsims , die Vasen und Schalen von dem feinsten Porzellan , auf die schwellenden Sophas und Divans mit derselben Andacht , mit welcher ein Arzt auf die kostbare Manchette einer Hand blickt , die er amputiren soll . War ich doch als Arzt hierher gekommen ! hatte ich doch nur als Arzt das Recht , hier zu sein ! Die Kammerfrau erschien wieder und bat mich , ihr zu folgen . Sie schlug den Vorhang zurück , um mich durchzulassen . Ich trat in einen halbdunklen , mit weichen Teppichen , wie alle die Zimmer belegten , und dunkelrothen Seiden-Tapeten ausgeschlagenen Raum , das Schlafgemach der Gebieterin , und dann wieder durch einen Vorhang in ein anderes schönes helles Gemach . Von der Ausstattung dieses Gemachs sah ich nichts mehr ; ich sah nur die schlanke weiße Gestalt , die sich bei meinem Eintreten von dem Divan , auf dem sie gekauert hatte , erhob , und mir einige Schritte entgegentrat . Und diese schlanke weiße Gestalt mit dem bleichen , verfallenen , schönen Gesicht , aus dem die großen dunklen Augen mit fast gespenstischer Klarheit leuchteten - dieses schöne , geistig und physisch gebrochene , verlorene Wesen war meine angebetete , einst wie eine Rose in Unschuld und Jugend prangende Eleonore . Ich habe Sie rufen lassen , Doctor - , sagte sie mit leiser Stimme . Da sah sie mir genauer in ' s Gesicht . Ihr Mund verstummte ; sie starrte mich an mit Augen , die sich fast aus den Höhlen drängten - dann brach sie mit einem gellenden Schrei zusammen , noch ehe ich , oder die daneben stehende Kammerfrau sie in den Armen auffangen konnten . Wir trugen sie auf den Divan zurück . Sie war todtenbleich und kalt ; ich glaubte einen Augenblick , der jähe Schreck habe den dünnen Faden , an dem ihr Leben hing , zerrissen . Ich hätte den Tod als die Erlösung aus einer Hölle , als eine Gnade des Himmels begrüßt . Bald aber überzeugte ich mich , daß das Leben sie noch nicht aus seinen Banden lassen würde . Ich verstand genug von der Medicin , um zu wissen , was ich in diesem Falle zu thun hatte . Während ich um die Ohnmächtige beschäftigt war , fragte ich die Kammerfrau , ob Eleonore dergleichen Zufälle öfter habe ? wie es überhaupt mit ihrer Gesundheit stehe ? Das Weib glaubte einem Arzte gegenüber die ehrbare Maske fallen lassen zu müssen . Sie sei erst seit einem halben Jahre bei Mademoiselle in Dienst ; seitdem sei es mit Mademoiselle reißend bergab gegangen . Aber Mademoiselle lebe auch gar zu wild . Alle Nächte bis drei , vier Uhr Morgens getanzt oder beim Champagner hingebracht - das könne ja Niemand aushalten , zumal ein von Natur so zartes Geschöpf . Sie flehe Mademoiselle täglich an , dies Leben aufzugeben ; aber sie erhalte jedesmal zur Antwort : je schneller es vorbei ist , desto besser . Und vorbei wird es denn wohl auch bald sein , heulte das Weib , und ich werde meine arme junge Gebieterin verlieren , die ich , obgleich sie nicht lebt , wie sie sollte , lieb habe , wie mein eigenes Kind . Da begann die Ohnmächtige sich zu regen . Ich schickte die Kammerfrau , mit dem Auftrage , mir Riechsalz aus der Apotheke zu verschaffen , fort , weil ich , wenn Eleonore vollends erwachte , ohne Zeugen mit ihr sein wollte . Die alte Heuchlerin hatte sich kaum entfernt , als Eleonore die Augen wieder aufschlug und mich mit wirren ungläubigen Blicken ansah . Ich bemerkte , daß in dem Maße , als ihr das Bewußtsein zurückkam , das Entsetzen über meinen Anblick von neuem zunahm und eine zweite Ohnmacht hereindrohte . Dies bleiche Zurückschrecken vor Einem , dem sie sonst mit offenen Armen entgegenflog , war mir schmerzlicher als Alles und rührte mich bis zu Thränen . Ich empfand in meinem Herzen keine Spur von Haß , Zorn , nicht einmal von Verachtung - nein , nur Mitleid , grenzenloses unsägliches Mitleid . Ich weiß nicht , was ich sprach - aber es mußten wohl gute , wilde Worte der Liebe und Vergebung sein ; denn die starren Züge fingen allmälig an , milder zu werden ; die schreckensgroßen Augen wurden feucht , und zuletzt brach sie in leidenschaftliches Weinen aus , ihren Kopf an meiner Brust , der ich noch immer an ihrer Seite kniete , verbergend . Es war ein entsetzliches Weinen ; es war , als ob alle Thränen dieser letzten Jahre , die sie unter Lachen und Scherzen verborgen , aus ihren tiefsten Quellen hervorbrächen und sich nimmer erschöpfen würden - dazwischen ein Schluchzen , als ob ihr das Herz brechen wollte , ein Schreien , als ob ihr Inneres von zweischneidigen Schwertern durchwühlt würde . - Ich habe nie , weder vorher noch nachher etwas Aehnliches , einen solchen fühlbaren Ausbruch der Reue einer mit Sünden befleckten , aber von Natur nicht unedlen Seele gesehen . Unsere Rollen schienen auf eine seltsame Weise ausgetauscht . Es war , als ob sie die Beleidigte , ich der Beleidiger wäre ; ich erschöpfte mich in Bitten , in flehenden Worten , um linderndes Oel in einen Schmerz zu gießen , der mit so stürmischer Heftigkeit wüthete . Nach und nach gelang es mir , sie einigermaßen zu beruhigen . Sie weinte , den Kopf in die eine Hand gestützt , nur noch still vor sich hin , während ich , ihre andere Hand - wie weiß und schlank und durchsichtig ihre Finger geworden waren ! - in meinen Händen haltend , zu ihr sprach , wie ein Bruder in einem solchen Falle zu seiner Schwester sprechen würde . Ich bat sie , in mir ihren Bruder zu sehen , mir zu vertrauen als ihrem besten , vielleicht ihrem einzigen Freunde . Ich beschwor sie bei Allem , was ihr heilig sei , bei der Erinnerung an ihre Jugendzeit , bei dem Andenken an ihre Eltern , die nun beide in der kühlen Erde ruhten - sich aus diesem Strudel , der sie über kurz oder lang verschlingen müßte , zu reißen , mir zu folgen , gleichviel , wohin ; wenn sie wollte , in eine menschenleere Wüste , an das Ende der Welt , nur fort , fort von hier , aus diesem glänzenden Elend . Es ist zu spät ! zu spät ! murmelte Eleonore ; Du bist gut , ich weiß es , unsäglich gut ; aber es ist zu spät , zu spät . Ich weiß nicht , wie lange dieser Kampf gedauert hätte , wenn nicht ein eigenthümlicher Zwischenfall eingetreten wäre , der ihn wider all mein Erwarten schnell zu meinen Gunsten entschied . Während ich noch an Eleonorens Seite kniete , hörte ich plötzlich ein : superbe ! hinter mir . Ich sprang erschrocken empor . Vor mir stand ein elegant gekleideter junger Mann , der , das Glas im Auge , mich von oben bis unten und von unten bis oben betrachtete : superbe , wiederholte er . Mademoiselle , ich wünsche Ihnen Glück zu dieser neuen Eroberung . Der junge Mann war derjenige von Eleonorens Liebhabern , welcher sich durch seine verschwenderische Freigebigkeit gewissermaßen das Recht erworben hatte , der einzige zu sein . Er wußte , daß Eleonore ihm nicht eine rigorose Treue bewahrte , und kümmerte sich nicht eben darum ; aber er liebte es nicht , mit seinen Nebenbuhlern in derselben Wohnung zusammenzutreffen , die er mit fürstlicher Pracht für seine Maitresse hatte herrichten lassen . Ich bitte mir eine Erklärung dieser Scene aus , Mademoiselle , sagte er , sich von mir zu Eleonoren wendend , in einem Ton beleidigender Geringschätzung , der mir alles Blut aus den Wangen zum Herzen trieb . Ich öffnete den Mund zu einer heftigen Antwort , aber Eleonore kam mir zuvor . Sie war , sobald sie den Eingetretenen erblickte , emporgesprungen und stand jetzt , mich ein wenig zurückdrängend , zwischen mir und ihm . Dieser Herr , sagte sie , auf mich deutend , hat sich ein Recht erworben , hier zu sein . Wodurch ? Durch das Unglück , mich einmal geliebt zu haben . Ah , Mademoiselle , erwiderte der junge Mann mit ironischem Lächeln , dies Unglück theilt Monsieur mit vielen Anderen . Mein Herr ! sagte ich , welche Ansprüche Sie auch an Mademoiselle haben mögen , ich habe ältere Rechte , und ich werde es nicht dulden , daß Sie eine Dame , mit der ich einst verlobt war , in meiner Gegenwart beschimpfen . Ah , sagte der junge Mann ; Sie waren mit Mademoiselle verlobt ? In der That ! da werden Sie sie auch wohl noch heirathen und ich - mit einem Blick in dem Zimmer umher - werde die Dummheit haben , Mademoiselle auszustatten ? Sehr gut ausgedacht , in der That . Halten Sie ein , mein Herr ! rief Eleonore , sich zu ihrer ganzen Höhe emporrichtend ; es ist genug . Sie denken mich halten zu können , mich beleidigen zu können , weil ich Geschenke von Ihrer Hand entgegennahm . Hier haben Sie zurück , was Sie mir gaben . Da ! und da ! und da ! und sie riß mit fieberhafter Hast die goldenen Armbänder und das andere Geschmeide , das sie trug , ab und warf es dem jungen Mann vor die Füße . Die Leidenschaft , mit der sie dies Alles that , war zu augenscheinlich , um verkannt zu werden , und imponirte dem Dandy sichtlich . Ich habe genug von dieser Scene , murmelte er ; wir sprechen uns wieder , Mademoiselle ; hier ist meine Karte , Monsieur ! und er eilte zur Thür hinaus . Komm , komm ! rief Eleonore ; nicht einen Augenblick länger bleibe ich hier ; lieber auf dem Grund der Seine als hier . Ich nahm sie beim Wort . Ich bat sie , sich umzukleiden , während ich in ihrem Namen an den Marquis de Saintonge ( so hieß der Liebhaber Eleonorens ) schrieb und ihm die Wohnung , die er für Eleonoren gemiethet und Alles , was er ihr sonst geschenkt , wieder zur Verfügung stellte . Wir verließen die Wohnung , übergaben die Schlüssel dem Portier und den Brief einem Commissionair zur sofortigen Bestellung , und einige Stunden später hatten wir , nachdem ich meine Angelegenheiten geordnet und von meinem Freunde Abschied genommen , die Stadt hinter uns . Unsere Reise sollte vorläufig nicht weit gehen . Schon wenige Stationen von Paris erkrankte Eleonore so , daß wir in einem Städtchen Halt machen mußten . Der herbeigerufene Arzt , glücklicherweise ein geschickter Mann , erklärte , daß sich bei der Mademoiselle , meiner Schwester ( dafür galt Eleonore ) alle Symptome einer Gehirnentzündung zeigten . Seine Diagnose war nur zu richtig gewesen . Schon am folgenden Tage kam die fürchterliche Krankheit zum Ausbruch . Während die Aermste von den heißen Orgien im Jardin aux Lilas und dem kühlen Schatten ihrer heimischen Wälder , vom Marquis de Saitonge und anderen Pariser Bekanntschaften und von mir , der ich ihr bald als ein rettender Engel , bald als ein Rachegott erschien , phantasirte , hatte ich , an ihrem Lager sitzend , Zeit genug zur Ueberlegung . Bei meiner hartnäckigen Verfolgung der Spur Eleonorens war ich viel mehr von einem dunklen Drange als von klaren Absichten geleitet gewesen , am wenigsten hatte ich an die Möglichkeit einer so wunderlichen Situation , als in welcher ich mich jetzt befand , gedacht . Aber in der Rathlosigkeit war der eine Gedanke über jeden Zweifel erhaben : daß ich Eleonoren , wenn sie die Krankheit überstehen sollte , nimmer wieder verlassen dürfe . In der That stellten sich nach einiger Zeit Zeichen der Besserung ein , und eines Morgens verkündete mir der Arzt , daß eine glückliche Krisis eingetreten und Eleonore vorläufig aus aller Gefahr sei . Indessen , fügte er mit ernster Miene hinzu , ich glaube Ihnen nicht verhehlen zu dürfen , daß nach menschlicher Berechnung die Zeit , welche Ihrer Schwester noch zu leben bleibt , nicht mehr sehr lang sein wird . Ich habe eine Lungenkrankheit diagnosticirt , die schon entsetzliche Fortschritte gemacht hat . Ich kenne Ihre Verhältnisse nicht und weiß nicht , ob dieselben Ihnen erlauben werden , meinem Rathe zu folgen . Mein Rath ist aber der : gehen Sie mit Ihrer Schwester in ein südliches Klima , nach Italien , wo möglich Aegypten . Einem rauheren Klima würde Mademoiselle in der kürzesten Zeit erliegen . Mein Entschluß war sofort gefaßt . Ich hatte in Deutschland , wo mir als Nachcur meiner fünfjährigen Kerkerhaft jede öffentliche Lehrthätigkeit untersagt war , nichts zu gewinnen und nichts zu verlieren . Mein Vermögen war im Verlauf meiner Irrfahrten bis auf einen sehr bescheidenen Rest zusammengeschrumpft ; aber ich konnte diesen Rest eben so gut in Italien ausgeben , als anderswo ; überdies glaubte ich im Auslande meine Sprachkenntnisse noch am besten verwerthen zu können ; und schließlich - ich hatte keine Wahl . Ich würde lieber das Aeußerste erduldet , als etwas , das zu Eleonorens Wohl dienen konnte ,