Jünglinge darüber nach , was zu tun sei , diese frechen gehaßten Klänge zum Schweigen zu bringen . Sie waren viel früher darüber im klaren , als die Zeit , Gedachtes zu Taten zu machen , kommen wollte ; aber während des Wartens erwarb Heinrich Ulex mit Hülfe Rudolfs eine tüchtige Bildung . Sein Beruf zum Gelehrten trat immer deutlicher hervor . Er vermochte es , mit Rudolf Meiners ruhig zu sitzen und zu studieren , während andere haßerfüllte junge Seelen den schleichenden Tagen voranstürmten in die Zukunft und sich in qualvoller Ungeduld fast verzehrten . Nicht weniger als die andern jedoch jauchzten Rudolf und Heinrich , als endlich die im verborgenen geschmiedeten und geschliffenen Klingen ins Sonnenlicht hinausfahren durften . Es war eine große Stille gewesen , und es ward ein großer Sturm . Auf einem der ersten Fuhrwerke in der langen , mit freiwilligen Kämpfern besetzten Wagenreihe , welche der nicht ohne einigen Grund bedenkliche König Friedrich Wilhelm der Dritte von den Fenstern des Schlosses zu Breslau aus ankommen sah , befanden sich Rudolf Meiners , Heinrich Ulex und Fritz Fiebiger . Im Tempo maestoso ging jetzt die Weltgeschichte ihren Gang , und die drei Freunde taten nach Kräften das Ihrige dazu , daß sie nicht wieder ins Stocken gerate . Bei Leipzig knieten die hohen Alliierten in ihren weißen Kaschmirbeinkleidern nieder und dankten Gott , daß das Geknalle , Hurrageschrei , Wut- und Wehegeheul nun endlich einmal ein Ende habe . Das erboste Schicksal legte den großen Kaiser Napoleon übers Knie und bearbeitete ihm nach Kräften einen unnennbaren Körperteil , während die allerhöchsten Herrschaften der Heiligen Allianz samt ihren Diplomaten von ferne zusahen und der Lehre das entnahmen , was - sie gebrauchen konnten . Manch ein weites Feld durch ganz Europa hatte der Krieg viel besser gedüngt , als die rationellste Landwirtschaftslehre es vermocht hätte . Die Walkyrien machten sich mit dem Gedanken vertraut , sich pensionieren zu lassen ; denn ihr Dienst , die Seelen der Gefallenen von den Walstätten abzuholen , war zu angreifend geworden . Rudolf , Heinrich und Fritz fochten bis zum Ende mit ; aber zu Paris starb Rudolf Meiners in den Armen Heinrichs . Ein Blutsturz , die Folge der übermäßigen Anstrengungen des Feldzuges , endigte sein junges Leben ; er starb mit leuchtenden Augen ; denn die deutsche Trommel wirbelte jetzt durch die französische Hauptstadt : die Schmach des Vaterlandes war gesühnt . Er konnte ruhig gehen . Mit den überlebenden Siegern kehrten Heinrich und Fritz heim . Der erstere brachte den Eltern Rudolfs die letzten Grüße des Sohnes und eine Locke seines Haupthaars ; es war ein traurig-stolzes Wiedersehen . Man hat nichts umsonst in der Welt . Unter den veränderten politischen Umständen hatte der alte Meiners natürlich seine Stelle wiedererhalten und trug wiederum den roten Kragen auf dem blauen Rock ; aber er war ein gebrochener Mann , saß am liebsten mit seiner weinenden Alten im Winkel und ließ sich durch Heinrich Ulex immer von neuem von dem toten , tapfern , gelehrten Sohn erzählen . Zuletzt trat Heinrich in diesem trauernden Hause fast ganz in die Stelle , die Rudolf eingenommen hatte . Er wohnte in dessen Stube , er benutzte dessen Bücher - die Alten konnten seine Gegenwart zu ihrem Dasein nicht mehr entbehren . Dem Unteroffizier der Freiwilligen Fiebiger verschaffte der Kommissär Meiners dagegen eine Stelle bei seiner Behörde , und so wurden beide Kinder des Winzelwaldes in Stellungen hineingeführt , von welchen ihnen an ihren Wiegen nichts gesungen worden war . Der zweite Pariser Friede war geschlossen worden ; man richtete sich aufs neue » auf alle Ewigkeit « in dem zertrampelten , blutbespritzten Europa ein . Über die Blutflecke fuhren die Kongreß-Herren mit ihren Pinseln voll blauer , grüner , gelber Farbe , zeichneten Grenzen und teilten Nationen im Namen der Einen und unteilbaren Dreieinigkeit und forderten die Völker auf , demütig Gott zu preisen und ihm Lob zu singen . Sie selbst freilich priesen nur ihre eigene Schlauheit und Gewandtheit ; Gott aber sah , daß nicht alles gut war . Heinrich Ulex besuchte jetzt die Universität , welche in der Hauptstadt selbst gegründet worden war . Fritz Fiebiger erhielt bald die Stelle , in der wir ihn zu Anfang dieser Erzählung noch gefunden haben . Er ward darin nicht ein stiller , nach den Sternen sehender Weiser wie Ulex , wohl aber der kaustische , humoristische Betrachter und Beobachter menschlicher Zustände , den wir bereits etwas kennengelernt haben . Ein Bürokrat , wie ihn die Welt haßt , verspottet und fürchtet , war er nicht . Keiner seiner Vorgesetzten , selbst Tröster , der Polizeirat , nicht , hielt ihn für das Ideal eines Beamten . Es verstanden ihn wenig Leute ; aber noch weniger Leute verstanden Heinrich Ulex den Sternseher und - Juliane Freifräulein von Poppen . Das Fräulein war ihres eigenen Weges gegangen , bis sie mit den alten Jugendgenossen wieder in Verbindung trat . Mamsell Amalie Schnubbe hatte ihr Bestes getan , den frischen Geist auf das gewöhnliche Niveau gesellschaftlicher Liebenswürdigkeit herabzudrücken . Es war ihr nicht gelungen ; und diese tyrannische Herrschaft hatte auch nur ihre Zeit und wurde von dem beherrschten Fräulein abgeworfen bei der ersten günstigen Gelegenheit . Über den Poppenhof kamen mit der Schlacht bei Jena schwere Tage . Der alte Dragonerrittmeister war wie vor den Kopf geschlagen über dies schmähliche Ende der preußischen Heeresglorie . Immer war er grobkörnig-stolz auf den eigenen Zopf und den der Armee , welcher er angehört hatte , gewesen , und der Gedanke , daß ein schlauer Feind das » erste Kriegsheer der Welt « bei diesem selbigen Zopfe nehmen könne , war ihm nimmer gekommen . Ostwärts zu den Polacken und Russen begab sich die Armee Friedrichs des Großen auf die große Retirade und ließ den Herrn von Poppen auf dem Poppenhof unter den feindlichen Fouragierern und Marodeuren ratlos zurück . Er wurde sehr liebenswürdig gegen seine Bauern , er war sehr höflich , ungemein höflich , fast zu höflich gegen die Fouragierer und Nachzügler . Vollständig zog er sein altes Wesen ab ; aber er warf es nicht fort , sondern hing es sorgsam zu seiner alten Uniform in den Kleiderschrank , um es in bessern Zeiten wieder hervorzuholen . Sein Sohn Theodor ahmte dem Vater so gut wie möglich nach und saß still zu Hause bis zum zweiten Pariser Frieden , wo er aus dem Dunkel des Winzelwaldes hervorkroch und zur Hauptstadt kam , seine militärische Karriere zu beginnen . Er wurde im Laufe der Zeit Hauptmann in der Garde , heiratete ein Fräulein Viktorine von Zieger , zeugte seinen Sohn Leon , ruinierte den Poppenhof gänzlich und starb , ohne daß durch seinen Tod der Staatsorganismus ins Stocken geraten wäre , im Jahre 1835 . In den zwanziger Jahren hatte der Papa Gotthelf das Zeitliche gesegnet , ohne daß er der Tochter die sorgsame Pflege seiner letzten Tage Dank gewußt hätte . Auch Juliane kam nach der Hauptstadt ; denn auf dem Poppenhofe , unter der Regierung des Bruders , war ihre Stelle nicht mehr . Sie besaß ein Vermögen von zehntausend Talern , doch wurde die Hälfte desselben von dem Bruder zurückgehalten ; sie mußte von der bleibenden Hälfte leben und einen Prozeß gegen Herrn Theodor führen . Erst einige Jahre nach dem Tode des Bruders wurde dieser Rechtsstreit zu ihren Gunsten entschieden . In der Hauptstadt lebte Juliane ganz zurückgezogen ; sie liebte es immer noch , mit den niedern Volksschichten zu verkehren und ihnen nach Kräften mit Rat und Tat zu Hülfe zu kommen . Sie hatte das Unglück , an einem dunkeln Winterabend den Fuß auf einer Leiter , die in eine elende Dachkammer führte , zu brechen ; aber ihr Lebensmut konnte durch nichts gebrochen werden . Sie hinkte durch die Gassen , eine allbekannte und doch geheimnisvolle Persönlichkeit ; von allen Einwohnern der volkreichen Stadt wurde sie vielleicht am meisten gegrüßt . Aus dem Giebel des Nikolausklosters hatte Heinrich Ulex nach dem Tode des Meinersschen Ehepaares sein Observatorium gemacht ; in der Musikantengasse hatte sich Fritz Fiebiger eingerichtet ; sie wurden allmählich ein paar alte Junggesellen , und eine ältliche närrische Jungfer war Juliane von Poppen geworden . In der großen Stadt kann man sich verstecken wie in dem Winzelwalde ; jene hat ihre Schatten , ihre geheimnisvolle Lust und Schauer wie dieser . Wie in dem Winzelwalde fanden sich die drei frühern Genossen zusammen . Sie waren im Leben arg hin und her geworfen worden ; sie suchten nunmehr die Einsamkeit und die Stille . Sie hatten alle viel gelernt ; aber jeder sah die Welt auf seine Weise an ; am kindlichsten war der Idealist Heinrich Ulex geblieben , am nüchternsten war Juliane von Poppen geworden ; der Humorist Fritz Fiebiger bildete das verbindende Mittelglied . In dem Giebel des Sternsehers saßen sie nächtlicherweile , sahen nach den Gestirnen und beredeten den Lauf der Welt ; ihnen hing die Einsamkeit die lichtblaue Seite ihres Schleiers über die Augen . Ein neues junges Geschlecht war um sie her aufgewachsen ; das Weib fühlte am ersten und innigsten das Bedürfnis , mit der Jugend in Verbindung zu bleiben - Juliane hatte sich zur Pflegemutter Helene Wienands gemacht . Das war folgendermaßen gekommen . Um das Jahr 1827 betrat das Freifräulein zum erstenmal das Wienandsche Haus . Sie kam in Geldgeschäften , vergaß aber das Kontor über dem , was sie in dem Hause selbst erblickte . Sie traf es in der allergrößesten Verwirrung und Aufregung . Der Bankier war in Geschäften verreist ; am frühen Morgen war Helene geboren worden , und die Mutter war eine halbe Stunde nach der Geburt gestorben . Die ratlose Dienerschaft lief hin und her . Verwandte besaß der Bankier in der Stadt nicht ; der Doktor Pfingsten selbst war auf dem Punkt , den Kopf zu verlieren . Das Kind schrie in seiner Verlassenheit , die tote Mutter war die einzige Ruhige im Hause . In diesem Wirrwarr erschien das Freifräulein wie ein Engel , gesandt vom Himmel . Nachdem sie den Sachverhalt erkundet hatte , bemächtigte sie sich sofort der Leitung der Dinge , und zwar auf eine Art , welche die höchste Bewunderung verdiente . Ihren Prozeß , ihre Geldnot , ihre jungferliche Stellung , alles vergaß das Fräulein um die unbekannte Tote und das unglückliche Kind . Sie war nur das tröstende , sorgliche , ordnende Weib ; und als der Bankier Wienand zu seinem zerstörten Heimwesen zurückgeeilt war , fand er die tiefste Ruhe und Ordnung hergestellt , fand er sein Kind mit Amme und Wärterin aufs beste versorgt , fand er sein Weib im geschmückten Sarge und das Freifräulein in schwarzer Seide , die Bibel auf den Knien , feierlich ernst neben der Toten . Als der durch das plötzliche Unglück völlig betäubte Mann anfing , sich wieder zu besinnen und das Geschehene zu begreifen , als er dann von dem Doktor Pfingsten vernahm , was er der fremden Dame schuldete , da sah er ein , obgleich er von Herzen so egoistisch wie irgend jemand war , daß er dem Freifräulein auf keine Art jemals sich dankbar genug beweisen könne . Er beteuerte ihr das auch einmal über das andere , Juliane jedoch rümpfte die Nase , sagte : » Dummes Zeug , Albernheit ! « , strich ihr Kleid auseinander und glatt und lud dem Bankier gleichmütig die Beaufsichtigung des großen Prozesses Poppen contra Poppen auf . Das kleine mutterlose Mädchen aber hatte sie unendlich in ihr Herz geschlossen , und es und der Prozeß bewirkten , daß kein Tag verging , ohne daß das Freifräulein in dem Hause des Bankiers erschien , die Leitung von beiden zu besprechen . Der Bankier nahm sich denn auch des Prozesses aufs beste an , sorgte für die tüchtigsten Konsulenten und Advokaten und hatte wirklich an der glücklichen Beendigung desselben einen nicht geringen Anteil . Einen bessern Ersatz für die verlorene Mutter als Juliane von Poppen hätte der Vater Wienand seinem Kinde durch all sein Gold nicht erkaufen können . Das Freifräulein wurde der Schutzengel , welcher das kleine Mädchen in die Höhe hob , von der es frei und gesichert in das Gewühl der armen Menschheit blicken konnte . So wuchs und gedieh Helene Wienand unter diesem guten Schutz und ward zu einem an Leib und Seele schönen Jungfräulein , und der Bankier wunderte sich manchmal sehr darüber , wie die » Gnädige « es anfing , alle löblichen Eigenschaften des Kindes zu finden , zu erwecken und zur Blüte zu bringen . Der Bankier , der in ganz andern Anschauungen lebte , bekam zuletzt nicht nur Respekt vor dem hinkenden Freifräulein - das verstand sich von selbst - , sondern auch vor seinem Töchterlein . Auf diese Weise erreichte Helene Wienand ihr achtzehntes Jahr , und wir fanden sie auf dem Wege unserer Geschichte , wie wir sie im Anfange geschildert haben . Siebentes Kapitel Auf dem Observatorium des Sternsehers Heinrich Ulex . Fräulein Juliane von Poppen hat eine Entdeckung gemacht Der Polizeischreiber Fiebiger klopfte an die Tür des Astronomen Heinrich Ulex . Trotzdem es nicht leicht denkbar war , daß ein irgend Unbekannter zu dieser Zeit der Nacht sich hierher störend verlieren könne , war die Pforte doch doppelt und dreifach verriegelt und öffnete sich auch nicht so leicht wie die Tür zum Polizeibüro Nummer dreizehn oder irgendeine andere vielgebrauchte Tür . Sie öffnete sich mit Gekreisch und schloß sich mit Geknarr . Der Mann , welcher den Riegel weggeschoben hatte , sah fast aus wie der Zauberer im Märchen - ein echter Gelehrter im langen grauen Schlafrock , graubärtig und grauhaarig . Er nickte dem Eintretenden freundlich , aber kurz zu und schritt schnell zu einem Teleskop zurück , welches gegen den Nachthimmel , der allmählich ziemlich klar geworden war und an dem nur noch dann und wann eine schnelle Wolke hinjagte , gerichtet war . Unbekümmert darum ließ sich der Schreiber in der Nähe des kleinen Kachelofens in einem Lehnstuhl nieder und sah dem Forscher gleichmütig zu ; ein Fremder würde sich jedenfalls verwundert in dem Gemache umgesehen haben . Mit Büchern und Instrumenten war es vollgestopft wie das Studierzimmer des Faust . Merkwürdigkeiten aus allen Naturreichen , Globen , astronomische Gerätschaften waren überall hingestopft , wo Raum war und auch nicht war , und schienen es darauf abgesehen zu haben , den Unvorsichtigen überall zum Stolpern zu bringen . Auf dem grünbehangenen schwerfälligen Tische neben der Lampe , unter ungeheuern Haufen beschriebenen Papieres stand ein zierliches Kunstwerk des achtzehnten Jahrhunderts , eine sogenannte Sphaera armillaris , das kopernikanische Weltsystem kunstreich und ganz vortrefflich darstellend . An der Wand hing eine genaue Abbildung der mensa Isiaca neben einem schönen Bildnisse Keplers . Des Jesuiten Kaspar Schotts » Magia naturalis « von 1657 lag auf einem Seitentischchen neben Hegels » Naturphilosophie « , und Vaninis » De admirandis Naturae Reginae Deaeque Mortalium arcanis libri IV « neben Kants » Kritik der reinen Vernunft « , Giordano Brunos » Del infinito universo « und » Della causa , del principio ed uno « neben Schellings Buch über die Weltseele . Eine geraume Zeit blickte der Sternseher , der Erdenwelt vollständig entzogen , durch sein Rohr , bis er sich endlich mit einem befriedigten Seufzer gegen den späten Besucher umwandte . » Eine sehr schöne Konstellation , Fritz . Beinahe hätte die Wolke , die jetzt dort zieht , mich ihren Gipfelpunkt verlieren lassen . O die Wolken und die Mauern ! Es ist ein Leiden , da hat mir dort südwärts wieder ein Mensch ein Stockwerk auf sein Haus gesetzt und mir meinen herrlichen Fomahand geraubt , der Barbar - grad am Maul des mittägigen Fisches . Der Globus aerostaticus ist auch schon fort mit den Schenkeln des Wassermannes . Wie lange wird ' s dauern , so verliere ich auch den Scheat , den Markab , den Algenib - den ganzen Pegasus . Sie rammen die Gerüste schon ein . Wahrlich , da möchte man wohl Bellerophon sein , um dieses Ungeheuer von aufschwellender Stadt , dieses chimärische Untier von Mörtel , Ziegel , Elend und Essenqualm niederzureiten in den Schmutz , aus dem es entstanden ist . Das ganze Firmament noch wird es mir dunkel und gierig verdecken . Ach meine schönen Sterne ! Immer höher muß man steigen , je mehr das Irdische andringt . Übrigens freue ich mich , Fritz , daß du noch gekommen bist ; in jetziger Jahreszeit muß man auf jeden klaren Augenblick achten und ihn benutzen . Sieh her , ich will - o weh - da sind die Wolken wieder ! Ach meine schönen Sterne ! « » Laß die Sterne , sie werden in einer andern Nacht um so heller scheinen ; ich habe dir etwas anderes mitzuteilen , welches auch dich angeht ; denn auf dich habe ich in mehr als einer Hinsicht dabei gerechnet ! « » Nun ? « » Ich will mich verändern ! « Der Sternseher sah den Schreiber höchst verwundert an : » Du - du - willst dich verändern - jetzt noch ? - heiraten , du - o Fritz , Fritz ! « Lachend schlug Fiebiger mit beiden Händen auf die Knie : » Sehr gut ! Ausgezeichnet ! Na , beruhige dich , mein Alter ; ganz so schlimm habe ich es doch nicht mit mir im Sinn . In anderer Art will ich mich verändern - « » Ausziehen ? ! « Der Schreiber schüttelte den Kopf : » Auch das nicht ; ich liebe die Musikantengasse und die hintere Aussicht auf diesen wackligen , närrischen Giebel und diesen Tubus , Heinz . Ich bin mit der Laterne umhergegangen , habe gesucht und endlich den jungen Taugenichts gefunden , den ich adoptieren will . ' s ist ein Landsmann aus dem Winzelwalde , Heinrich Ulex ; ' s ist ein Poppenhagener . « » Also das ist ' s ; gottlob ! « seufzte der Astronom . » Erzähle mir mehr davon . Es ist ein wichtiger Schritt ; hast du vorher auch nach den Sternen gesehen , Fritz ? « Der Schreiber zuckte die Achseln : » So genau wie möglich . Wer kann ihnen aber völlig trauen ? Sicherlich nicht ein Polizeischreiber , der bald sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum feiert . « » Erzähle ! « sagte Ulex . Fiebiger gab nun Bericht über Robert Wolf , gab an , wie er zuerst mit dem Knaben in Berührung gekommen sei , wie er sich bemüht habe , den Charakter desselben bis in die kleinsten Einzelheiten zu erkunden , und was er gefunden . Dann erzählte er von den Vorgängen im Zentralpolizeihause , und wie er zuletzt in das Geschick Roberts eingegriffen habe . Während der ausführlichen Mitteilungen des Freundes schüttelte der Astronom öfters den Kopf ; noch öfters neigte er ihn aber auch billigend , und als Fiebiger endlich seine Erzählung beendet hatte , sagte er : » Hundertundfünfzig Jahre früher wäre ich statt eines Sternguckers ein Sterndeuter gewesen , und du , Fritz , wärest zu mir gekommen , um das Horoskop deines Schützlings stellen zu lassen . Wir beide hätten dann der großen Kunst im Guten wie im Bösen vertraut , und alles wäre in Ordnung gewesen . Heute liest man nicht mehr der Menschen Fatum aus den Sternen . Die gehen droben ruhig ihren ewigen Weg ; wir irren unruhig hienieden , hin und her getrieben wie Blätter im Winde , unsern kurzen Pfad . Wahrlich , man sehnt sich oft nach der Zeit der Astrologie zurück , man wagt nur nicht , es sich und andern zu gestehen . Übrigens will ich dich nicht tadeln , Fritz , weil du handeltest , wie dein Herz und Wunsch dich trieb . Der eine schiebt , je älter er wird , desto mehr Riegel zwischen sich und die Welt ; der andere öffnet ihr , je älter er wird , desto weiter Tür und Tor . Jeder sieht und empfindet den Sonnenuntergang auf verschiedene Weise ; denn jeder hat den Morgen , Mittag und Nachmittag auf eine andere Art hingebracht , hat andere Freuden , hat andere Leiden genossen und erduldet und trägt deshalb eine andere Stimmung in die letzte Stunde des Tages hinein . Du hast vielleicht ein kluges Werk getan , Fritz ; ich will dir das beste Glück dazu wünschen . Morgen magst du mir deinen Schützling zeigen ; wir wollen sehen , was daraus zu machen ist . « » Du willst mir also helfen , ihn zu einem echten tüchtigen Menschen zu bilden ? « fragte der Schreiber . Der Sternseher seufzte lächelnd : » Da haben wir es ! Was helfen mir nun wieder alle meine Riegel ? Ach meine stillen Sterne ! « » Willst du mir helfen , den Knaben zu erziehen ? « » Kann ich das schöne Mädchen ihm aus Sinn und Seele jagen ? Latein und Griechisch will ich ihm beibringen ; aber die Leidenschaft aus ihm zu treiben , ist eure Sache , ihr Kinder dieser Welt . Mit den Leidenschaften habe ich nichts mehr zu tun , seit ich mich den Sternen ergeben habe . « » Bah , es würde ein hübsches Leben in der Welt werden , wenn wir die Leidenschaft hinauspeitschten , Ulex . Es ist doch besser , wir verstecken uns nicht alle in einem solchen Giebel wie du , Heinrich . Was würde aus diesem Erdball werden ? Ein vergessener Käse , der im Küchenschrank zerfließt . Was für eine vita aequivoca würde daraus entstehen - brr ! Vivant homunculi - quanti sunt ! Ich hoffe , der Weltgeist braucht noch lange nicht auf ein Sparendchen gesteckt zu werden . « Es klopfte wieder an der Tür , und Heinrich Ulex fuhr empor ; ein heller Schein fuhr über sein Gesicht , als er ungemein schnell öffnete . Der Schreiber rieb die Hände , nickte grinsend und murmelte : » O Philosophie der Entsagung ; armer Heinrich ! « In das Erkerzimmer des Sternsehers trat Juliane von Poppen , und die drei alten Leute bildeten eine merkwürdige Gruppe in dem merkwürdigen Gemache . Das Freifräulein trat ziemlich erregt ein , sie brachte aus der Gesellschaft des Bankiers Wienand eine Entdeckung mit , welche für den Polizeischreiber und dessen Schützling von der größten Wichtigkeit sein mußte . Gleich von Anfang an hatte der junge Deutschamerikaner , den der Hauptmann von Faber einführte , ihr höchstes Interesse erregt , und dieses Interesse schien auf der andern Seite ebenfalls vorhanden zu sein ; denn Herr Warner wandte sich im Verlauf der Unterhaltung bei weitem am meisten an das Freifräulein , und so konnte es nicht fehlen , daß das Gespräch sich bald ziemlich zwischen ihnen abspann und die andern zu Zuhörern wurden , welche nur dann und wann ein Wort einfließen ließen . Wie es ebenfalls nicht anders sein konnte , kreuzte das Gespräch bald die » große Pfütze « , das Atlantische Meer , wobei jedoch mehr die Poesie der See , ihr Leuchten , ihre wilden und milden Stimmungen als der Jammer der Seekrankheit berührt wurden . Vom Meer glitt die Unterhaltung hin und her über das unermeßliche Gebiet der großen Republik , und Frederic Warner zeigte sich wohlbewandert in den Antinomien derselben und sprach über Sklavenhalter und Abolitionisten , über Natives , Knownothings , Teatotaler , Locofocos , Republikaner und Demokraten mit dem kühlen Blick des philosophischen Beobachters , der sowohl Sam Slick wie Martin Chuzzlewit gelesen hatte . Aus dem Kongreßsaal zu Washington glitt das Gespräch leicht durch einen Quadronenball zu New Orleans , um sich in die feierlichen Schatten des jungfräulichen Urwaldes zu verlieren , und was man so oft in mehr oder weniger gelungenen Schilderungen , in Sealsfield oder Cooper , gelesen hatte , mußte erblassen vor dem lebendigen Wort . Der Erzähler hatte selbst alles durchgemacht , war von Indianern verfolgt , von Moskitos zerstochen worden und brachte auf das große Theater zwischen dem Atlantischen und dem Stillen Ozean so viel individuelle Züge , daß das Freifräulein und Helene Wienand lauschten wie einst die Damen von Venedig dem unsträflichen Äthiopier , dem rodomontierenden wollhaarigen Feldherrn . Wie aber war es gekommen , daß die Unterhaltung sich aus den Urwäldern der Republik in den von einer hohen Königlichen Forstverwaltung löblich kultivierten Winzelwald versetzt fand ? Daran hatte das Fräulein von Poppen allein die Schuld . Das alte Fräulein , immer noch beschäftigt mit der Geschichte Robert Wolfs , heftete immer schärfere , forschendere Augen auf den jungen Amerikaner . Es waren demselben einzelne Andeutungen entfallen , welche vermuten ließen , daß der Winzelwald ihm gar nicht unbekannt sei , und hoch hatte Juliane aufgehorcht . Sonst gegen Fremde nicht sehr zur Mitteilung ihrer Gefühle geneigt , wurde sie mit einemmal ganz lebendig , ließ sich zuerst in eine Charakterschilderung der Berge und Wälder ihrer Heimat ein , sprach dann eingehend über das Dorf Poppenhagen und den Poppenhof und erwähnte zuletzt , aus dem Dunkel ihrer Diwanecke scharf nach dem Amerikaner hinüberlugend , die Forsthütte zum Eulenbruch . Immer nachdenklicher und träumerischer war Mr. Frederic Warner geworden ; als aber das Freifräulein den Eulenbruch und die Familie Wolf erwähnte , schien es mit seiner Yankeeselbstbeherrschung zu Ende zu sein , und es war die höchste Zeit , daß Juliane von Poppen diesen Gesprächsstoff fallenließ . Freundlich nickte sie dem Amerikaner zu und erhob sich , um Helene Wienand zu Bett zu schicken und selbst die Gesellschaft des Bankiers zu verlassen . Man nahm Abschied voneinander , und auch der Amerikaner nahm Hut und Mantel und begleitete das Freifräulein die Treppe hinunter . Sie traten zusammen vor die Tür , und hier beugte sich der junge Fremde auf die Hand der alten Dame , küßte sie und sagte : » Sie kennen meinen Namen - Sie wissen , was meinem armen Bruder geschehen ist . Darf ich Sie bitten , mein Geheimnis noch zu bewahren ? « Das Freifräulein lächelte gutmütig : » Ich bin nur da eine Plaudertasche , wo es nötig ist , Herr - Herr Warner . « In diesem Augenblick wollte ein junger Herr in einem Pelzüberrock vor der Tür des Bankiers vorbeischreiten , hielt aber an und rief mit etwas näselnder Stimme : » Ah , ma tante - und auch Mister Warner ! Gnädige Tante , ich habe das Vergnügen , Ihnen den angenehmsten Abend zu wünschen . « » Kennen Sie meinen Neffen , Herr Warner ? « fragte das Freifräulein verwundert . » Ich habe die Ehre « , sagte der Amerikaner , sich verbeugend . » Nehmen Sie sich vor ihm in acht ; er besitzt das Talent , sich und andere lächerlich zu machen . Bösherzig ist er nicht , aber albern . Wir sind ein Geschlecht im Niedergang , Herr Warner . « Der Amerikaner verbeugte sich , Leon von Poppen lachte . Das Freifräulein stieß ihren Krückstock auf den Boden und rief : » Sie lachen , Leon ; aber andere Leute lachen noch lauter . Es ist nicht angenehm , Herr Warner , unter dem Gelächter einer ganzen Nation zu Grabe zu gehen . « Damit ließ sie die beiden jungen Leute stehen und humpelte in die Nacht hinein . Sie bedurfte nie eines Wagens ; überall boten sich ihr hülfreiche Hände , bei Tag und bei Nacht , auf allen ihren Wegen . Sie brachte ihre Entdeckung zu dem Giebel des Sternsehers ; noch einmal ließ sie sich daselbst von dem Polizeischreiber genau die Geschichte Robert Wolfs erzählen , dann sagte sie : » Gut gemacht , Fritz . Haltet Euch an die Jugend , so werdet Ihr selbst jung bleiben . Übrigens beginnen die Verwicklungen für Sie bereits , Fiebiger ! « » Wieso , Fräulein Juliane ? « » Ihr Schützling hat einen Bruder , welcher vor Jahren in die weite Welt ging . Er ist zurückgekommen - dem Anschein nach ganz ein Gentleman . Heute abend habe ich ihn bei dem Bankier Wienand getroffen . Er nennt sich Warner - ein hübscher Mann . « Der Schreiber faltete kläglich-komisch die Hände und rief : » Und die Polizei , ohne deren Wissen kein Haar vom Kopfe fallen darf , weiß nichts davon ! Der Bursch hat unter andern Bürgerpflichten auch seine Militärpflicht versäumt - Einsperrung und Nachsitzen in der Soldatenschule ! Aber das ist in der Tat eine merkwürdige Nachricht ! Es lebe die Kaprice des Schicksals ! « » Was willst du nun tun , Fritz ? « fragte der Astronom . » Das Vernünftigste « , antwortete der Schreiber , » den morgenden Tag abwarten . « Keiner von den drei Leuten auf dem Observatorium des Sternsehers ahnte , daß in diesem Augenblick bereits diese Verwicklung sich ohne ihr Zutun löste . Keiner von ihnen hatte an den Lebensfäden , die sich hier verschlangen , mitgesponnen . Die Freunde trennten sich bald . Der Schreiber begleitete das Fräulein von Poppen zu ihrer Wohnung , kehrte dann nach der Musikantengasse zurück und fand Robert Wolf noch immer im unruhigen Schlummer . Als er mit der Lampe vor sein Lager trat , fuhr der Knabe erschreckt auf und starrte seinen Beschützer wild an . Der Schreiber drückte ihn sanft wieder nieder und sagte : » Liege still , mein Junge , wir wollen schon darüber wegkommen . « Achtes Kapitel Herr Leon von Poppen wundert sich ganz ungemein » Wundern Sie sich nicht zu sehr über das , was Sie eben vernahmen , cher ami « , sagte vor der Tür des Bankiers Wienand Leon von Poppen zu dem Amerikaner , nachdem das Freifräulein sich entfernt hatte . » Meine Mama und meine gnädige Tante leben auf dem Kriegsfuße wie zwei Ihrer indianischen Stämme . Skalpieren werden sie sich freilich nicht , denn sie tragen beide falsche Locken - von meiner Mama weiß ich ' s genau und von ma tante glaube ich es sicher