Noch eine Tasse , werther Gast ! Es ist kein Falerner , wie ihn der glückliche Römer in der eben citirten Ode trinkt , aber doch ein Getränk , das einigen Anspruch auf Classicität machen darf , seitdem unser lieber Voß in seiner Louise es so verherrlicht hat . Sagen Sie , lieber Gastfreund , hat Ihnen nicht der Aufenthalt unter unserem niedrigen Dache manche Reminiscenzen an die liebliche Idylle erweckt ? Haben Sie nicht empfunden , daß in diesen , von dem Treiben der Menschen weit entfernten Stätten die sanfte Stimme der Poesie , die auf dem lauten Markte des Lebens ungehört verhallt , deutlich zu uns spricht ? Jetzt geschieht das Entsetzliche , dachte Oswald . Ich bewundere , sagte er , wie Sie so sinnig Altes und Neues , Wirklichkeit und Poesie zu einem duftigen Kranze zu flechten verstehen . Mir selbst ist leider in jüngster Zeit die Prosa des Alltagslebens nah und näher getreten ; ja , aufrichtig gestanden , ich habe mich , was ich früher für unmöglich hielt , mehr und mehr mit ihr ausgesöhnt , obgleich ich sehr wohl weiß , daß ich dabei die Empfänglichkeit für die Reize der Dichtkunst vollständig eingebüßt habe . O , glauben Sie doch das nicht ! rief Primula . Der Quell der Poesie in uns kann wohl zu Zeiten weniger voll strömen , aber gänzlich versiegt er nie . Sie klagen sich der Unempfänglichkeit für die Reize der Dichtkunst an . Das sollte mich eigentlich von meinem Vorhaben ( hier legte sie die Hand offen an das Büchelchen in schwarzem Einband mit Goldschnitt ) abbringen , Ihnen eine kleine Probe der Gedichte mitzutheilen , die ich , wie Ihnen wohl bekannt sein wird , unter dem Pseudonym Primula in der Novellen-Zeitung veröffentlicht habe . Aber mein Glaube an die Macht der Poesie , vor Allem der latenten Poesie in Ihrem Herzen , ist zu groß , als daß mich Ihre Selbstverleumdung vom Gegentheil überzeugen könnte . Darf ich einen Versuch wagen , die Richtigkeit meiner Ansicht auf die Probe zu stellen ? Wodurch habe ich so viel Güte verdient ? murmelte Oswald , sich voll Resignation in die Ecke seiner Bank zurücklehnend und die Augen bis zu dem Winkel schließend , der glücklicherweise den Augen halb schlummernder und verzückter Zuhörer gemeinsam ist . Ich habe mein Büchelchen Kornblumen betitelt , sagte Primula , hold verschämt in dem Buche blätternd , weil die meisten dieser Poesie auf den Spaziergängen durch die Kornfelder , auf alle Fälle in einer ländlichen Umgebung erblüht sind . Wie sinnig , flüsterte Oswald . Nach den Regeln der besten Aesthetiker und nach dem Beispiele der Griechen , welche die Tragödie der Komödie voranschickten , oder richtiger die Komödie auf die Tragödie folgen ließen , werde ich mir erlauben , Ihnen erst ein ernstes , dann ein launiges , dann wieder - Gewiß , gewiß , das wird den Reiz der einzelnen Gedichte erhöhen , sagte Oswald , den vor dieser endlosen Perspective schauderte . Willst Du nicht , liebe Gustava - sagte der Pastor . Laß mich meine eigene Wahl treffen , Jäger , sagte die Dichterin in einem sanften , aber entschiedenen Tone , und dann sich räuspernd : Auf einen todten Maulwurf - Auf was ? rief Oswald , erschrocken in die Höhe fahrend . Nun , sehen Sie , werther Freund , sagte Primula , wie schon die Ueberschrift allein Sie elektrisirt ! Freilich , freilich ! murmelte Oswald , in seine Ecke zurücksinkend . Auf einen todten Maulwurf , wiederholte die Dichterin , den ich am Wege fand : Wie liegst Du jetzt so ruhig da Mit Deinem glatten Fell ! Dein Schicksal , ach , es geht mir nah , Du schwärzlicher Gesell ! Sie schmähten Dich , Sie höhnten Dich , Sie sagten : Du bist blind ! Das waren solche sicherlich , Die selber Blinde sind . Am Tage zeigtest Du Dich nicht , Gleich eitler Thoren Schaar , Doch war ' s in Deiner Zelle licht , In Deinem Busen klar . Und zu der Sterne hohem Lauf Am nächt ' gen Himmelsdom , Sahst Du von Deinem Hügel auf , Du kleiner Astronom ! Wie lebtest still und harmlos Du , Ein dunkler Ehrenmann ! Bei Tag nicht Rast , bei Nacht nicht Ruh , Wer sieht Dir das nun an ? Nun liegst Du , ach so ruhig da Mit Deinem glatten Fell . Dein Schicksal , o ! es geht mir nah , Du schwärzlicher Gesell ! Das ist schön , sagte Oswald . Das ist die echte Lyrik , wie wir sie heute leider nur zu selten finden . Nicht die Treibhauslyrik jener Dichter , die mit Anklängen an Heine beginnen , in der Mitte einige Lenau ' sche Accorde anschlagen und mit einer Freiligrath ' schen Fanfare schließen . Welch ' ein wahres , inniges Gefühl erwärmt diese Verse ! und dabei diese kernige Kraft der Sprache : Ein dunkler Ehrenmann ! das ist einfach , aber schön ; das haben Sie Ihrem Goethe abgelauscht . Sie sind wahrlich zu gütig , lieber Gastfreund ! sagte Primula hocherfreut . In der That , Sie beschämen mich durch Ihr freigebiges Lob . Aber , seien Sie ehrlich , finden Sie nicht , daß , wenigstens für den modernen Geschmack , das Ganze doch ein wenig zu ideal gehalten ist ? Vielleicht für unsere Realisten , die allerdings in ihren Anforderungen etwas weit gehen , und in ihrem Bestreben , Alles recht natürlich zu machen , im Faust nächstens den Pudel auf die Bühne bringen und durch Kneifen in den Schwanz zum Bellen und Heulen veranlassen werden . Aber ich bin überzeugt , daß , wenn Sie nur wollen , Sie auch diesen Herren gerecht werden können . Was halten Sie von diesem Gedichte ? fragte die Dichterin : An meinen Haushahn . Oswald lehnte sich wieder in seine Ecke . Gleich Richard von der Normandie , Fürcht ' t sich mein Held im Leben nie , Wem bangte nicht , sobald er schrie : Kikriki ! Das ist naiv ! sagte Oswald . Nicht wahr ! sagte Primula . Am späten Abend schwärmt er nie , Doch munter ist er Morgens früh , Drum haßt ihn auch das faule Vieh . Kikriki ! Für ' s Liebchen scheut er keine Müh ' , Bald kratzt er dort , bald kratzt er hie , Und fand er was , so ruft er sie : Kikriki ! Und ist mein Held auch kein Genie , Und sein Gesang nicht Poesie , So stimmt mich doch , ich weiß nicht wie , Sein Kikriki ! Nun , was sagen Sie , lieber Freund ? Was soll ich sagen , erwiderte Oswald , als daß Sie Ihre Absicht vollkommen erreicht haben . Der Hörer glaubt sich auf den Hühnerhof versetzt . Die Töne , die Sie hier anschlagen , sind wahre Naturtöne , aus dem Herzen der Dinge heraus . Das Gedicht ist ein kleines Meisterstück im modern realistischen Geschmack . Aber jetzt , verehrte Frau , eine Bitte : Wie sehr es den Werth der Gedichte auch erhöht , sie aus dem wohllautenden Munde der Dichterin zu hören - ich möchte mir den Eindruck dieses letzten Gedichtes nicht gern verwischen lassen . Was auch noch kommen mag , dies war die Grenze des Erreichbaren . Nur dieses Eine müssen sie mir noch erlauben . Es bildet mit den beiden andern gleichsam eine Trilogie , ein Summarium dessen , was ich den Thieren abgelauscht . Darf ich beginnen ? Bitte ! An einen Maikäfer , der auf dem Rücken lag . O Du Bacchant der lust ' gen Maiennacht ! Hast Du geschwelget in den Blüthendüften , Hast Du gebadet in den weichen Lüften Vom Abend , bis der neue Tag erwacht ? Und hast des Lebens Kürze nicht bedacht ? Nicht : wie so bald in dunklen Grabesgrüften Ruh ' n zarte Knöchel , ach ! und üpp ' ge Hüften , Und Lippen , die nur eben keck gelacht ? Jetzt liegst Du matt auf Deinem Flügelschild . Ich lese stumm in Deinen ernsten Zügen , Und dunkle Runen seh ' ich dort geschrieben . Ach ! nur ein Taumel war Dein bestes Lieben ! Drum , die Du liebtest , mußten Dich betrügen , Des Maies Käfer , falscher Liebe Bild . Die schöne Vorleserin war zu Ende . Da tönte in das entzückte Schweigen , in welches Oswald versunken schien , und Primula jedenfalls versunken war , das Rollen eines Wagens , der denn auch alsbald vor dem Hause still hielt . Frau Pastorin , Frau Pastorin ! schrie das Dienstmädchen mit ängstlichen Tönen in den Garten hinein . Oswald athmete auf . Hier kam Besuch und mit dem Vorlesen war es auf alle Fälle vorbei . Vielleicht konnte er auch seinem Besuch bei dieser Gelegenheit ein Ende machen . Es sind Plüggens , liebe Gustava , sagte der Pastor , der durch die Gartenhecke den Wagen recognoscirt hatte . Die gnädige Frau und zwei Fräulein Töchter . Willst Du nicht eilen - Entschuldigen Sie mich , werther Gastfreund , sagte die Dichterin , eiligst das Buch schließend ; aber Sie wissen , so oft wir versuchen , einen kühneren Flug zu nehmen - Frau Pastorin , Frau Pastorin ! schrie es immer ängstlicher von der Gartenthür her . Ich komme ! rief die verstörte Primula und eilte den sonnebeschienenen Gartenweg entlang dem Hause zu . Wollen wir nicht ebenfalls - sagte der Pastor . Entschuldigen Sie mich , wenn ich bitte , mich jetzt entfernen zu dürfen , unterbrach ihn Oswald . Aber weshalb , lieber Freund ? Frau von Plüggen ist eine höchst vortreffliche Dame und die Töchter , wenn auch nicht schön - Und wären sie schön wie die Engelein , ich müßte auf das Vergnügen verzichten , sie jetzt zu sehen . Adieu , adieu ! Entschuldigen Sie mich bei Ihrer Gemahlin ! Nicht wahr , die Pforte dort ist nicht verschlossen ? Und damit eilte Oswald von dem Pfarrer , der viel zu gut von sich und seiner Primula dachte , als daß er den eiligen Rückzug des Gastfreundes nicht einzig aus dessen Scheu , mit der unbekannten hochadeligen Familie zusammenzutreffen , hätte erklären sollen , fort aus dem Garten durch die Pforte auf die Dorfstraße , von der Dorfstraße hinaus auf die Felder ; und gönnte sich nicht eher Rast , als bis die Bäume des Waldes , hinter welchem , wie er wußte , das Gut Melitta ' s lag , über seinem Haupte sich wölbten . Elftes Capitel Der Waldweg , auf dem jetzt Oswald leicht und fröhlich dahinschritt , schien wenig betreten und noch weniger befahren . Im Winter mochte es ein verzweifelter Weg sein , desto schöner und poetischer war er nun im Sommer . Hier und da wucherten Gras und Lattig von einem der schlecht gehaltenen Gräben bis zum andern quer drüber hin ; an manchen Stellen überwölbten ihn die hohen Buchen und Eichen mit ihren breiten Kronen . Je tiefer Oswald in die grüne Wildniß drang , desto heimlicher und stiller wurde es um ihn her - so heimlich und still , daß er in dem Liede , welches er vorhin lustig angestimmt hatte , plötzlich abbrach , als fürchtete er , den Wald im Schlaf zu stören . Denn in dieser heißen Nachmittagssonne schläft der Wald . Das grüne Blättermeer rauscht nicht in schwellenden Wogen ; still und unbeweglich trinkt es die Gluth der Sonne . Kaum , daß es hier oder dort leise in einem der Bäume raschelt . Das erweckt dann wohl einen oder den anderen der schlafenden Nachbarn , oder sie raunen nur dem Störenfried zu , daß jetzt keine Zeit zum Plaudern sei , und träumen weiter . Die Vögel harren , im dichtesten Laube versteckt , der Abendkühle . Das Weibchen schlummert auf dem Nest über den halbflüggen Jungen ; das Männchen sitzt auf dem Zweige daneben , hat das Köpfchen unter den Flügel gesteckt und schlummert , müde von dem frühen Aufstehen , dem jubelnden Gesang den lieben langen Morgen hindurch und der eifrigen Jagd auf Mücken und Würmchen . Die wissen , daß es jetzt gute Zeit für sie ist , und tanzen lustig in den rothen Sonnenstrahlen , die heimlich durch die Zweige schlüpfen , und kriechen und krabbeln und hasten sich durch das warme , weiche Moos . Tiefe Ruhe ! da tönt ein sonderbarer heiserer Schrei in kurzen , wie in Aerger schnell hintereinander ausgestoßenen Tönen . Das ist der Falk , des Waldes Förster . Er ist ein schlimmer Gesell , den sein böses Gewissen nicht schlafen läßt , und deshalb klingt auch sein Ruf so grell und schrill , wie er jetzt stolz und einsam hoch droben in der blauen Luft über dem stillen Blättermeer , seinem Revier , die wunderlichen , mystischen Kreise zieht . Ein blondköpfiger Junge , der am Rande des Waldes ein paar Gänse hütete , hatte Oswald gesagt , daß der Weg nach Berkow durch das Holz kaum eine halbe Stunde und nicht zu verfehlen sei . Daß er dabei die schweigende Voraussetzung gemacht hatte , der Wanderer werde auf dem Wege bleiben und des Weges achten , war natürlich . Da Oswald aber , wie es seine Gewohnheit war , weder das Eine noch das Andere gethan hatte , alle Augenblicke über den Graben gesprungen und in den Wald hineingelaufen war , wo das Unterholz weniger dicht wucherte , und die hohen Hallen zwischen den mächtigen Stämmen gar zu verführerisch lockten , und auf Alles geachtet hatte , nur nicht auf den Weg - so mochte er es sich denn auch nun selbst zuschreiben , als er aus dem Dickicht heraus , statt auf den Weg , den er bisher gegangen war , zu gelangen , auf einen schmalen Waldpfad kam , und , denselben in falscher Richtung weiter gehend , immer tiefer in den Forst gerieth . Oswald stand still und lauschte , ob er nicht die Stimme eines Menschen , das Pochen einer Axt vernehmen werde , aber er hörte nichts als den Schrei des Falken und das Klopfen seines eigenen Herzens . Lustig rief er in den Weg hinein : Wo geht der Weg nach Berkow , Falk ? - Falk , hallte das Echo zurück . Endlich wurde es lichter zwischen den Bäumen . Schon glaubte er , den Saum des Holzes erreicht zu haben . Statt dessen trat er auf eine Lichtung heraus , die fast ganz von einem kleinen , zum Theil mit hohen Binsen bedeckten See eingenommen wurde . An dem Rande entlang schreitend , scheuchte er ein Sommer-Entenpaar auf , das aus dem Röhricht hervorbrach und mit wunderbarer Hast über den Sumpf fort in den Wald flog . Dann wieder lautlose Stille . Kommt Zeit , kommt Rath , sagte Oswald bei sich . Vorläufig will ich mich aber ein wenig ausruhen , denn ich finde , daß ich nachgerade müde werde . Er hing seinen Strohhut an einen Zweig , breitete sein Taschentuch über eine der mit dichtem Moos bewachsenen Wurzeln einer vielhundertjährigen Buche und streckte sich behaglich in das Haidekraut . Der Platz ist wie zum Schlafen gemacht , sprach er bei sich , träumerisch den Libellen zuschauend , die über dem dunklen Wasser des Sumpfes , bald stillstehend , bald pfeilschnell fortschießend , ihr wunderliches Wesen trieben . Wer weiß ? Vielleicht ist dies ein Zauberwald , so ein von der Cultur übersehenes Stück Romantik , ein kleiner stehen gebliebener Rest von den großen , großen Wäldern , die in Musäus ' Märchen rauschen , von dem Walde etwa , drin der Graf wohnte , der seine Töchter verkaufte , wenn er die Wechsel am Verfalltage nicht einlösen konnte , - eine Manier , seine Schulden zu bezahlen , die selbst noch heutzutage in Schwung sein soll . Und wer nun in diesem Walde einschläft , wozu ich große Lust verspüre , schläft so ein paar hundert Jährchen , ehe er ' s sich versieht , und wenn er aufwacht , wallt ihm ein schneeweißer Bart bis zum Gürtel . Darob geräth er denn in gerechtes Erstaunen , und er fragt den ersten Bauer , der ihm begegnet , ob er ihm nicht den Weg nach Berkow zeigen könne ? Berkow ? antwortet der Angeredete höflich . Habe nie von einem solchen Orte gehört . Ich meine das Schloß im Walde , wo Melitta wohnt ! Melitta ? aber , guter Herr , das ist ja nur ein altes Märchen . Ein Märchen ? Nun gewiß ! meine alte Großmutter hat es mir , wer weiß wie oft erzählt . - Vor vielen , vielen hundert Jahren stand in dieser Gegend ein großer Wald ; und in dem Walde hauste eine Fee , die hieß Melitta . Sie hatte so wunderschöne lichtbraune Augen , wie ein Menschenkind gar nicht haben kann , und eine honigsüße Stimme , und deswegen nannten die Leute sie Melitta . Sie war die beste und schönste Fee von der Welt und hatte nur die eine kleine Schwäche , von Zeit zu Zeit Jemand in ihren Wald zu locken , damit er sich unter den hohen Buchen und Eichen , von denen die eine immer aussah wie die andere , verirrte . Darüber hatte sie dann ihre Freude . Wenn sie aber so einen armen Schelm verlocken wollte , setzte sie sich auf ihr Pferd Bella ( denn an dieser Fee war Alles schön , selbst ihr Pferd ) , ritt in ' s Land hinein und suchte unter Männern , bis sie den dümmsten fand . Die hatte sie am liebsten . Den bezauberte sie dann mit ihrer Schönheit , ihrem lieben , holden , neckischen Wesen und ihrer honigsüßen Stimme ; und um den Zauber fest zu machen , schenkte sie ihm etwas - eine Rose etwa . Nahm er die nun in seiner Dummheit , so mußte er am nächsten Tage in den Wald , er mochte wollen oder nicht . Da kommt er denn natürlich bald vom Wege ab und läuft die Kreuz und Quer herum , bis er sich endlich am Fuße einer uralten Buche schlafen legt . Und wenn er nun so daliegt und sieht , wie die rothen Sonnenstrahlen in den grünen Zweigen Versteckens spielen und die blauen Libellen Haschens auf dem schwarzen Wasser , und hört , wie es in dem Röhricht flüstert und droben in den Wipfeln der Bäume rauscht , und weht und rauscht - - - Melitta , kommst Du endlich ? Steige herab von Deiner Bella ! Du siehst ja , daß ich hier festgewachsen bin . O , Du Liebe , Holde , Angebetete ! Melitta , Süße ! einen Kuß , einen einzigen Kuß ! Und Du willst fort , jetzt fort - aber was ist das ? was will die braune Hexe ? Nein , nein - Du bist nicht Melitta ! Oswald stützte sich auf den Ellbogen und starrte schlaftrunken in das braune Gesicht , das sich über ihn beugte : Was willst Du von mir ? Nichts Schlimmes , schmucker , junger Herr . Sah den jungen Herrn liegen , wußte nicht , ob schlafend oder todt ; ist gefährlich , zu schlafen in dem Wald , am Sumpfesrand , wenn man ' s nicht gewohnt ist von Kindesbeinen . Oswald , der sich wieder vollkommen zurechtgefunden hatte , betrachtete jetzt das Weib , das vor ihm stand , genauer und erkannte denn alsbald in ihr eine jener Zigeunerinnen , wie sie hier zu Lande nicht selten , wahrsagend , hausirend , musicirend , bettelnd , gelegentlich auch stehlend , von Dorf zu Dorf und von Jahrmarkt zu Jahrmarkt ziehen . Diese hier mochte nach dem Feuer ihrer dunklen Augen , den runden halbnackten Armen und der straffen Haltung des schlanken hohen Leibes zu schließen , zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahre zählen ; aber Wind und Wetter , Hunger und Kummer , vielleicht auch schlimme Leidenschaften , hatten arge Verwüstungen in dem einstmals schönen Gesichte angerichtet , den Zügen eine unangenehme Schärfe gegeben , die Augenhöhlen übermäßig vertieft , ja schon hier und da einzelne graue Streifchen in das üppige , blauschwarze Haar gestreut , das mit seinen dicken Flechten ein besserer Schutz für den edelgeformten Kopf war , als der Lappen rothen Zeuges , den sie turbanartig herumgewunden hatte . Ihre Kleidung war sehr ärmlich und vielfach geflickt , ihre Füße nackt . Oswald sah jetzt auch , daß an einem der nächsten Bäume ein wunderlich geformtes Instrument hing und allerlei Geräth umherlag . Ein mit einem rothen Federbusch und einer bunten Decke geschmückter Esel strich langsam durch die Stämme und ließ sich das harte Waldgras vortrefflich schmecken . Sind Sie ganz allein , gute Frau ? fragte Oswald . Nein , mein Bub ' ist bei mir , der Cziko ; er ist in den Wald gangen , Wasser zu holen ; dies taugt nur für Frösch ' und Kröten . Und wie kommen Sie hierher an diesen abgelegenen Ort ? Kenne den Platz schon seit vielen Jahren . Mache stets hier Rast , wenn ich in diese Gegend komme . Schläft sich billiger im Walde , als in der Dorfschenke , guter Herr . Da können Sie mir gewiß auch den Weg nach Berkow zeigen . Ist es noch weit von hier ? Gar nit weit , der Bub ' , der Cziko , soll Sie führen . Das Weib legte die Hände an den Mund und ahmte den Ruf der Holztaube auf das täuschendste nach . Alsbald antwortete aus dem Walde ein heller Falkenschrei , und nicht lange darauf kam ein Kind herbeigesprungen , das , wie es den Fremden erblickte , scheu und mißtrauisch unter den Bäumen stehen blieb . Einige Worte indessen , ihm von seiner Mutter in einer Oswald unbekannten Sprache zugerufen , machten ihm Muth . Es trat , Oswald das Blechgefäß mit Wasser , das es in der Hand trug , hinhaltend , furchtlos heran und sagte : Willst Du trinken , Herr ? Das Gefäß war nicht besonders reinlich , aber der es anbot , viel zu schön , als daß Oswald es hätte zurückweisen können selbst wenn er weniger durstig gewesen wäre , wie er es war . Cziko war vielleicht zehn Jahre alt , aber auch er sah älter aus . Der feuchte Nebelwind , der über die herbstlichen Felder fegt , und der Schneesturm , der durch den Hagedorn saust , hatten alle Jugendfrische von des Kindes wunderbar schönem Gesicht gewischt und den tiefdunklen Gazellenaugen einen Ausdruck halb des Kummers und halb des Trotzes gegeben , daß man nicht ohne Wehmuth hineinschauen konnte . Mit dem doppelt scharfen Blick der Bettlerin und der Mutter sah das Weib wohl , welch tiefen Eindruck ihr Kind auf den Fremden machte . Ja , er ist ein braver Bub ' , der Cziko , sagte sie , flink wie ein Eichhorn und tapfer wie eine wilde Katz ' , und das Cymbal schlägt er wie Keiner . Ist das ein Cymbal , was dort am Baum hängt ? fragte Oswald , einigermaßen erstaunt , daß dies Instrument noch anderswo , als in Lenau ' schen Gedichten existire . Geh ' , Cziko , zeig ' dem Herrn , was Du kannst , sagte die Frau . Das Kind nahm das Instrument herab , legte es auf einen Baumstamm zurecht und die Klöpfel ergreifend , begann es , erst langsam , dann schneller und immer schneller hämmernd , eine wunderliche Musik . Sein Herz schien voll von Musik ; seine magern , braunen Wangen rötheten sich , die dunklen Augen , die es manchmal träumend zu den Wipfeln erhob , leuchteten . Dann fiel es in ein anderes Tempo und eine andere Melodie , und nach den ersten Tacten begann die Frau , die während dessen unter einem Kessel ein Reisigfeuer entfacht hatte , in tiefer , wohllautender Stimme , an dem Kessel schaffend und ab- und zugehend , eines jener slavischen Volkslieder , deren süß-melodische Klage uns Wehmuth in ' s Herz und Thränen in die Augen lockt . Oswald saß da , den Kopf in die Hand gestützt und hörte und schaute zu , wie im Traum . Es war , als ob die nie zuvor gehörten melancholischen Töne ganz neue Gefühle in ihm wach riefen , ein tiefes Mitleid mit seiner , mit aller Wesen Existenz und doch auch ein Sehnen und Schmachten nach einem unendlichen , namenlosen Glück . Das Lied war zu Ende . Oswald fuhr empor . Er sah auf seine Uhr . Schon drei Stunden waren vergangen , seitdem er den Wald betreten ; er durfte , wollte er noch heute Melitta sehen , keinen Augenblick zögern . Kann mich der Cziko den Weg nach Berkow führen ? sagte er , auf die Frau zutretend und ihr ein paar Geldstücke bietend . Die Zigeunerin strich das Geld aus der flachen Hand , als ob es ihr nur darauf ankomme , die Linien derselben genauer zu sehen , und sie an den Fingerspitzen festhaltend , schien sie eifrig darin zu lesen . Nun , sagte Oswald lächelnd , da steht wohl nicht viel Gutes ? Viel Gutes , viel Schlimmes , sagte die Zigeunerin , den Kopf schüttelnd . Das ist meistens so im Leben , sagte Oswald , und worin bestände denn das Gute ? Viel Gutes , viel Schlimmes , wiederholte die Zigeunerin . Jede gute Linie von einer schlimmen durchkreuzt ; kann das Gute nicht nennen , ohne das Schlimme . Nun , so nenne es , wie es kommt , sagte Oswald , der anfing , ungeduldig zu werden . Viel zum Glück , und doch nicht glücklich , murmelte die Zigeunerin . Männern Feind und Frauen Freund ; rasch im Hassen , rasch im Lieben ; buntes Leben , früher Tod . Nun , sagte Oswald , das läßt sich ja noch hören . Aber wie war das mit den Frauen ? das interessirt mich . Viel Gutes , viel Schlimmes , wiederholte das Weib , den Kopf noch tiefer beugend , als sollte ihr auch die feinste Linie nicht entgehen ; viel , sehr viel Liebe und doch wenig , ach ! so wenig Glück ! Liebe ich jetzt ? Ja . Und wen ? Eine sehr vornehme , sehr schöne und sehr reiche Dame . Hm ! und liebt sie mich auch ? Mehr , viel mehr , als Du sie ! Und wo steckt denn das Schlimme ? Viel , viel Schlimmes ; denn Du kannst nicht treu sein . Woher weißt Du das ? Die Wahrsagerin zuckte mit den Achseln . Hier steht noch eine Dame und hier noch eine - Du liebst sie alle ; das sollte nicht sein ; bringt Dir kein Glück . Aber mit dem bunten Leben und dem frühen Tode hat es doch seine Richtigkeit ? Nun denn , so kann ja auch das Unglück so groß nicht sein . Und hier hast Du noch etwas zum Lohn für die gute Kunde . Danke , nehme nur für das Glück , das ich verkünde , nichts für das Unglück . Da wundert es mich freilich nicht , daß Sie so arm sind , gute Frau ! So nehmen Sie ' s als Botenlohn für den Cziko . Die Zigeunerin nahm mit wirklichem oder nur geheucheltem Widerstreben das Geld und rief dem Kinde , das während dieser Zeit fortwährend , in sich versunken , auf seinem Instrument leise phantasirt hatte , in ihrer Sprache ein paar Worte zu . Das Kind sprang auf , trat vor Oswald und sagte : Willst Du kommen , Herr ? Adieu , liebe Frau ! sagte Oswald , nicht ohne Theilnahme dem Zigeunerweib in die dunklen , glänzenden Augen schauend ; wenn Sie nach Grenwitz kommen , vergessen Sie nicht , nach dem Doctor Stein zu fragen . Die Frau kreuzte die Arme über dem vollen Busen und neigte sich tief . Oswald ergriff seinen Hut und folgte dem Kinde , das schon hinter den Bäumen fast verschwunden war . Zwölftes Capitel Nicht so schnell , Cziko ! rief Oswald , den Schooß seines Rockes von den Dornen eines Busches los machend ; nimm Rücksicht auf meinen civilisirten Zustand . Das Kind ging langsamer , hielt sich aber immer in scheuer Entfernung von dem Fremden . Vergebens suchte es Oswald in ein Gespräch zu verwickeln , während er mühsam die Büsche auseinander drückte , durch die der kleine Zigeuner wie eine wilde Katze schlüpfte . So waren sie vielleicht eine Viertelstunde gegangen , als sie plötzlich aus dem dichten Wald in ein Gehölz gelangten , das schon zu dem Parke von Berkow gehören mußte . Reinlich gehaltene Wege , hier und da eine grüne Bank oder eine verwitterte Hermensäule ; überall die Spuren ordnender Menschenhand . Dann traten sie auf einen breiteren Fahrweg , der wohl die Fortsetzung desselben Weges sein mochte , von welchem Oswald abgekommen war , und der mit einem eisernen Gitterthor endigte , das unmittelbar auf den Hof des Gutes führte . Cziko blieb stehen , deutete stumm auf das Thor ; dann , nachdem er sich vor Oswald mit verschränkten Armen verneigt hatte , sprang er in die Büsche zurück und war im nächsten Augenblicke verschwunden . Ein geheimnißvoller Anfang , sprach der junge Mann bei sich , während er langsam , fast zögernd auf das Thor zuschritt . Ist es die Nachwirkung der seltsamen Zigeunerwirthschaft , oder die Vorahnung dessen , was mir hier in diesem Schloß der Zauberin begegnen soll - aber mir ist wunderlich zu Muthe . Ich hätte am Ende doch besser gethan , den Wagen , welchen mir gestern der alte Baron anbot , nicht auszuschlagen . Ich wäre dann vielleicht dem Pastor und seiner Primula entgangen , und auf jeden Fall käme