Gebetes , andere Wege ginge , als den der Welt ? Er trat in die Veranda und sagte liebreich : » Du singst ja wie eine Lerche so fröhlich , Regina . « Sie stand schnell auf , stellte einen Gartenstuhl für ihn neben ihren Stickrahmen und sagte aus vollem Herzen : » Ich bin auch froh , lieber Onkel ! Wenn die Lerche schon so fröhlich singt , weil sie zum blauen Himmel auffliegen kann , wie müssen wir dann so viel tausendmal fröhlicher sein , weil uns ein Himmel erwartet , der tausendmal schöner ist , als der Äther um unseren Erdball . « » Denkst Du , junges Kind , schon an den Tod ? « fragte er . » O nein ! « sagte sie unbefangen ; » nur an das ewige Leben . « Mit unsäglicher Liebe ruhte sein Blick auf ihr , während er ruhig sagte : » Ich wundere mich , Regina , daß Du Dich so leicht in die Trennung von den guten Damen vom Sacré Coeur findest , bei denen Du es so gut hattest . « » Ich hab ' es auch hier sehr gut , und so lieb ich die Damen habe und so innigen Dank ich ihnen schuldig bin , so weiß ich ja doch , daß es nicht meine Bestimmung ist , bei ihnen zu bleiben ; das erleichtert mir die Trennung . « » Du bist ja ungemein verständig , « sagte er scherzend . » Hab ' ich denn nicht meinen Vater hier ? « fuhr sie fort , » und Dich hier , mein lieber Onkel ? und da in Engelberg das Grab meiner Mutter , über dem die Mutter Gottes Wache hält ? Tante Isabelle ist auch sehr gütig für mich und Corona ist mit ganzem Herzen hier . Wie könnte ich wohl unzufrieden sein ! « » Die Vettern kommen auch nächstens ; dann wird es munter werden , und der Winter noch munterer , da Dein Vater ihn in Frankfurt zubringen will . « Es flog ein Schatten von Traurigkeit über Regina ' s Antlitz , als sie erwiderte : » Ich freue mich sehr , meine Vettern wieder zu sehen ; aber auf einen Winter , gleichviel in welcher Stadt , freue ich mich gar nicht . « » Das kommt daher , weil Dir ein solches Leben ungewohnt ist . Bald wird es Dir gefallen . « Sie schlug ihre Augen groß zu ihm auf und fragte : » Hat es Dir je gefallen , lieber Onkel Levin ? « » Mir , mein Kind ! « rief er lächelnd . » Aber Du weißt ja , daß der Geistliche an den sogenannten Freuden der Welt nicht Teil zu nehmen pflegt und daß ich seit meinem achtzehnten Jahre geistlich bin . In Worms , wo ich ein paar Jahre Domherr war , hatte ich übergenug Beschäftigung mit theologischen Studien , und als ich nach Auflösung des Stiftes hierher zu meiner armen kranken Mutter zurückkehrte , fand ich ein Sterbebett - aber keine Weltfreuden . Später , zur Zeit meines Bruders Matthias , Deines Großvaters , ging es hier freilich außerordentlich lustig her . Allein ich war schon bei dreißig Jahren ein solcher Brummbär geworden , daß ich gar keine Neigung für diese Art von Lustigkeit und Weltfreuden hatte ! « Regina ergriff seine Hand , küßte sie zärtlich und sagte : » Was Du geworden bist , Onkel Levin , das wissen wir besser als Du . « Die schmetternden Töne eines Posthorns hatten sich schon in der Ferne hören lassen ; jetzt erklangen in der Nähe die gellenden Dissonanzen . Corona flog atemlos in die Veranda und rief froh in die Hände klatschend und gleich wieder davonspringend : » Sie kommen ! eben kommen die Vettern an ! Papa läßt Dich rufen , Regina . « Regina bedeckte sorgfältig ihren Stickrahmen , nahm Levin unter den Arm und sagte lächelnd : » Ich werde die Buben gar nicht mehr kennen ! sie sind in den fünf Jahren ja sämtlich junge Herren geworden . « Als sie in den Saal traten , herrschte darin ein ungeheures Getümmel . Der Graf , vier junge Männer , Tante Isabelle und Corona sprachen alle auf einmal . Fragen , Antworten , Begrüßungen durcheinander . Ein riesenhafter Neufundländer hatte die allgemeine Freude benutzt , um mit einzudringen in den Saal und durch leises Freudengeheul seine alten Kameraden zu begrüßen und bald an diesen , bald an jenen hinan zu springen . Hyacinth hatte seinen Mops mitgebracht , der ohne Umstände im Saal erschien und höchst ungnädig von Amour empfangen wurde , welcher sich allein für salonberechtigt hielt und es in ruhigen Zeiten auch war . Ihm mißfiel diese revolutionäre Bewegung , die ihn vielleicht seines Polsters beraubte und er kläffte zänkisch gegen den Mops , während der Arras mit seinem betäubenden Geräusch alle anderen Stimmen von Menschen und Tieren übertäubte . » Ah , Onkel Levin ! « rief plötzlich in dem Wirrwarr eine klingende Stimme und einer der Jünglinge brach sich Bahn und küßte zärtlich Levins Hand . » Grüß Dich Gott , Uriel , « sagte Levin . » Du bist also Uriel ? « fragte Regina freundlich . » Ich muß Euch sämtlich der Reihe nach wieder kennen lernen . « » Aber wir sämtlich kennen Dich , Regina , « sagte Uriel . Sie gab ihm die Hand ; auch an Orestes , auch an Florentin ; als sie sich aber zu Hyacinth wendete , nahm sie seine Hand zwischen die ihren und drückte sie innig und sagte : » O Hyazinth , mein lieber Hyazinth ! Dich kenne ich am besten ! wir waren ja immer zusammen bei der lieben seligen Mutter . « Der Graf beobachtete Regina mit einer fast ängstlichen Spannung . Nichts wäre ihm erwünschter gewesen , als in Reginen » den zündenden Funken der Liebe « zu Uriel wahrzunehmen , von dem zuweilen in Romanen gesprochen wird . Das war aber unmöglich ! sie hielt sich entschieden am meisten zu Hyacinth , der nur ein Jahr älter als sie , und früher ihr unzertrennlicher Gefährte gewesen war . Allmählig legten sich die Wogen der Aufregung , welche mit einem Wiedersehen nach langer Trennung verbunden sind , und der Graf sagte : » Nun , meine Buben , tut und treibt , was Ihr wollt und amüsiert Euch . Den Weg zum Pferdestall kennt Ihr und zur Gewehrkammer auch . Die Hühnerjagd floriert ! Bei jedem Schritte durch die Felder knattert eine Kette Rebhühner wie eine lebendige Rakete in die Höhe . « » Als ob ich ' s geahnt hätte ! « rief Orest , ein wütender Jäger . » Vor acht Tagen erst kaufte ich einen famosen Hund , um schweres Geld freilich ! aber er ist ' s wert , der Nimrod ! dressiert wie ein preußischer Soldat ! der soll uns gute Dienste tun . « » Und in acht Tagen , « fuhr der Graf fort , » haben wir einen Ball . Dann ist Reginens Namens- und Geburtstag , und den wollen wir endlich einmal wieder feiern und uns freuen , daß wir beisammen sind . « » Tanzest Du gern , Regina ? « fragte Uriel . » Nein ! « sagte sie sanft und fest . » Frage sie doch nicht , Uriel , « rief der Graf ; » darauf kann sie Dir nicht antworten , denn sie hat ja noch nie einen Ball erlebt . « » Und im Kloster zu tanzen , das mag nicht sehr amüsant sein , « bemerkte Florentin . » Im Kloster wird überhaupt nicht getanzt , lieber Florentin , « entgegnete Regina . » Im Pensionat bekommen die Zöglinge Tanzunterricht so gut wie jeden anderen . « » Nun , daß der himmelweit verschieden von einem Ball ist , versteht sich von selbst und folglich hat Regina kein Urteil über den Tanz , « sagte der Graf entscheidend . » Vielleicht lern ' ich es noch , lieber Vater , « entgegnete Regina . » Mit meinen Fortschritten im Reiten bist Du ja nicht unzufrieden . « » Bravissimo ! Du reitest , Regina ? - allen Respekt ! « rief Orest . » Tanzen kann jede junge Dame . So gottverlassen ist keine , um nicht einigermaßen gut zu tanzen ; aber reiten .... « » Reiten ist für eine junge Dame ein übernatürliches Talent , « warf Florentin hin . » Vielleicht weißt Du auch mit dem Gewehr umzugehen ? « fragte Orest ; » oder doch wenigstens mit Pistolen ? « » Warum nicht gar mit der Cigarre , « sagte Uriel unmutig . » Ich sehe schon , daß meine Erziehung sehr vernachlässigt ist , « erwiderte Regina munter . » Die Cigarre ist vor der Hand zu viel der Vollkommenheit , « fuhr Orest fort . » Wir müssen erst sehen , ob Du im Stande bist , die Allüren einer Lionne anzunehmen . « » Einer Löwin ! « rief Corona entsetzt und schlug ihre Hände zusammen . » Regina ... und eine Löwin ! « » Kinder , Ihr seid aber wirklich schlecht erzogen , « fuhr Orest fort ; » nun wißt Ihr nicht einmal , daß eine Lionne keine Löwin ist ... « » Sondern was denn ? « fragte Corona gespannt . » Orest ! besinne Dich auf die Antwort ! « rief ihm Uriel zu , dem des Bruders burschikoser Ton mit den Cousinen höchst unangenehm war . » Brauch mich gar nicht zu besinnen , « erwiderte Orest , » ist weltbekannt - ausgenommen im Sacré Coeur . Der modische Kunstausdruck für eine etwas exzentrische , brillante , hyperelegante , durch allerlei liebenswürdige Torheiten berühmte Frau - ist Lionne . Verstehst Du jetzt , Corona ? « » Nein ! « sagte die Kleine treuherzig . Der Graf belustigte sich über allemaßen an diesen Gesprächen . Levin legte die Hand auf Coronas lockiges Haar und sagte zu ihr : » Wer viele Vettern hat , muß viele Neckereien aushalten , Corona . Du kannst Dich jetzt in der Geduld üben . « » Ich werde suchen , mich zu wehren , Onkel Levin , « versetzte sie unverzagt . » Brav , Corona ! « rief Orest , » aus Dir kann vielleicht eine Lionne werden . « » Dann hüte Dich vor mir ! « rief sie . Seit langer Zeit war es auf Windeck nicht so lustig hergegangen , wie eben jetzt . In dem allgemeinen Rausch von Vergnügen und Wohlbehagen blieben nur Onkel Levin und Regina im gewohnten Gleichmute . Regina tat und trieb , was die übrigen taten und trieben . Man wollte spazieren reiten - sie ritt mit ; auf dem Wasser fahren - sie fuhr mit ; Billard spielen - sie spielte mit . Sie war zu allen diesen Dingen freundlich bereit ; aber sie ließ sich keinen Augenblick aus ihrem inneren Gleichgewichte bringen . In der stillen Morgenfrühe , ehe irgend einer von den Dienstboten sichtbar war , stand sie schon auf und eilte in die Kapelle , die einzige Stätte des Schlosses , die einsam blieb und wo nur der Unterschied gegen sonst stattsand , daß Hyazinth sehr andächtig dem Onkel Levin bei der Feier des heiligen Meßopfers diente . Im Laufe des Tages wußte sie immer ein paar Stunden zu finden , um sich unbemerkt zurückzuziehen . Dann schlüpfte sie auf ihr Zimmer , las , musizierte oder nahm ihren Hut und besuchte kranke und arme Leute , wie sie das früher mit ihrer Mutter getan hatte . Ihr Vater beobachtete sie mit der höchsten Spannung ; es war ihm unmöglich , etwas Tadelnswertes an ihr zu bemerken . Sie benimmt sich perfekt , murmelte er zuweilen bei sich selbst ; nur scheint sie kein Herz zu haben , und das ist doch ein großer Fehler ! Auch keine Augen hat sie ! sonst müßte sie doch gewahr werden , daß Uriel nur für sie Augen hat . Welch ein Kreuz sind doch die Töchter ! man wird nie aus ihnen klug ! im Grunde freilich - aus keiner Frau . » Ist Uriel nicht ganz geschaffen , um einem jungen Mädchen den Kopf zu verdrehen ? « fragte er einmal Levin . » Je nachdem der Kopf ist ! « antwortete dieser lachend . Uriel war in der Tat ein herrlich begabter Mensch voll Adel der Gesinnung , Kraft des Charakters und hellem Verstande , noch nicht ganz abgeklärt in den innersten Tiefen seines Wesens , noch etwas übermannt von der chaotischen Bildung der Zeit ; ganz verschieden von Orest , der um ein Jahr jünger , aber schon ganz weltfertig in seiner Richtung und sehr entschlossen war , sich das Leben nicht verkümmern zu lassen . Uriel war nichts weniger als befreundet mit Florentin , dessen skeptischer und negierender Verstand in der Schule moderner Aufklärungswissenschaft sein Element gefunden hatte . Orest hatte sich nicht sehr mit den Studien befaßt ; umso williger ging er auf die Ansichten ein , die sich bei Florentin entwickelt hatten und die er ungemein bequem für das Leben fand , ausgenommen einen Punkt . Florentin bezeichnete kurz und bündig seinen Standpunkt so : In der Religion - Protestantismus ; in der Philosophie - Radikalismus ; in den Rechts- und Naturwissenschaften - Empirismus ; in den allgemeinen Weltverhältnissen - Sozialismus . Zu diesem letzten Punkte vermochte Orest sich nicht zu erheben . Die Herrschaft Stamberg war das Bleigewicht , welches seinen Schwung lähmte . Wenn es an den Sozialismus ging , sprang er ab . Florentin hatte ihm hundertmal bewiesen , das sei unlogisch ; untergrabe man das Fundament eines Hauses , so stürzten Mauern und Dach ein , und es sei unmöglich , auch nur einen Dachziegel schwebend in der Luft zu erhalten . Man müsse nur den wahren Sachverhalt allen Gefühlsnebeln entrücken , die Dinge bei ihrem wirklichen Namen nennen , und die Empfindsamkeitsverbrämungen bei Seite schieben . Die Verwerfung der Autorität der Kirche im sechzehnten Jahrhundert sei der erste Akt der Mündigkeit des Menschengeistes und eine Verwerfung derjenigen Lehre gewesen , welche unter dem Namen Christentum von herrschsüchtigen und heuchlerischen Pfaffen ersonnen und gehandhabt , während anderthalb Jahrtausenden die Menschheit in krasser Stupidität erhalten habe . Damit sei selbstverständlich der Christengott über Bord geworfen , dessen Stellvertreterin und Lehrorgan die Kirche zu sein behauptet habe . Sie und ihr Oberhaupt , der Papst , wurden als Lügner gebrandmarkt . Da nun seit anderthalb Jahrtausenden von dieser alten Lügnerin jede Autorität auf jedes Gebiet des Lebens im Namen Gottes übertragen worden sei , so habe ganz folgerichtig jede Autorität durch ihren Sturz einen tötlichen Schlag auf ' s Herz bekommen , ob zwar bornierte Köpfe gewähnt hatten , es sei nur auf den römischen Papst abgesehen gewesen und der König auf seinem Throne , der Prediger auf seiner Kanzel , der Magister auf seinem Katheder , der Familienvater hinter seinem Ofen , der Besitzer mit seinem Geldsack übten vor wie nach ihre alte Autorität . Kindischer Wahn ! Der Individualismus habe sich nicht von seiner anderthalbtausendjährigen Knechtschaft erhoben , um nur auf religiösem Gebiet eine heilsame Revolution zu machen und dann wieder schlafen zu gehen . O mit nichten ! er pflanze das revolutionäre Banner mit demselben Recht auf dem politischen und sozialen Boden auf und werde auch dort unfehlbar denselben siegreichen Erfolg haben , denn der Individualismus sei die echte Religion jedes Menschen , das Grundgesetz seiner Natur , das Ziel seiner Entwicklung , die Richtschnur seines Willens . Durch ihn gelange die Menschheit zu ihrer eigentlichen Bestimmung : zu einer erhabenen Freiheit , die keine äußerlich gegebene , sondern nur eine selbstgewählte Schranke anerkenne . So lange noch von außen aufgezwungene Schranken des alten Herkommens , der alten Gesetze , der alten Familien- und bürgerlichen Einrichtungen existierten , sei die Menschheit verkümmert in ihrem Recht und in ihrer Größe , denn innerhalb derselben reibe sich das Individuum wie ein Sklave an seiner Kette wund und werde verhindert , die selbsteigen gewählte Schranke sich zu setzen . Wer nur einen Funken von Liebe zur Menschheit habe , müsse den Sturz der alten Knechtschaft in den bestehenden Verhältnissen fördern helfen und an der Zertrümmerung der Traditionen von Religion , von historischem Recht , von Familie , von Eigentum aus allen Kräften arbeiten . Zu dieser Höhe nun , die für Florentins Denkweise ganz folgerichtig ist , vermochte Orest nicht sich zu erschwingen . Er blieb unerschütterlich bei seiner Behauptung : der Sozialismus streite wider den gesunden Menschenverstand ; wogegen denn Florentin behauptete , der Menschenverstand von heutzutage sei so krankhaft borniert durch Vorurteile , daß er nicht wagen dürfe , sich Gesundheit zu vindizieren . » Findest Du aber in der Tat , daß der Sozialismus gegen den gesunden Menschenverstand streitet , « setzte Florentin hinzu , » so mußt Du auch dasselbe vom Protestantismus behaupten , denn , wie der Stamm , so der Ast . Dann verfällst Du der römischen Finsternis , aber Du bist doch wenigstens konsequent . « Orest hätte allerdings antworten können , daß der Protestantismus den gesunden Menschenverstand wider sich habe , sobald es sich darum handle , eine allgemeine Kirche zu stiften ; denn der gesunde Menschenverstand ist positiv , verlangt Positives und läßt sich nicht abspeisen mit der Verneinung . Bevor er sich dazu versteht , muß er kränkeln durch Einfluß der Leidenschaften , die ihn blenden und verwirren , und durch Unwissenheit , die ihn angemessener Nahrung beraubt . Aber Orest wollte durchaus nicht mit Florentin disputieren , dessen Ansichten ihm soweit zusagten , als sie für seine persönliche Theorie des Individualismus paßten ; die genügte ihm . Um Religionslehren kümmerte er sich nicht . Er legte sie so ziemlich bei Seite , indem er fand , daß der Vorrat , den er in seiner Kindheit eingesammelt habe , übergroß sei . Uriel stimmte weder mit ihm noch mit Florentin zusammen und hielt den Einfluß für schädlich , den Florentin auf Orest übte . Er war froh , daß ihre Wege fortan sich trennten ; Orest wollte die militärische Laufbahn beginnen und Florentin seine medizinischen Studien fortsetzen , um dann praktischer Arzt zu werden und - womöglich ! als Privatdozent an einer Universität den akademischen Lehrstuhl zu besteigen , um zur Bildung der Menschheit für den Sozialismus aufs kräftigste zu wirken . Es waren die gährenden Zeiten des Jahres 1847 , voll der Schwüle , der Unruhe , der Beklommenheit in der geistigen Atmosphäre und der fieberhaften Spannung und Aufregung in den Gemütern , welche dem herannahenden moralischen Erdbeben vorangingen . Lehrstuhl und Journalismus beherrschten despotisch die freiheitsdurstige Welt , jener den werdenden , dieser den fertigen Staatsbürger , welche mit bewundernswerter Kindlichkeit und mit unverwüstlicher Zuversicht an der Unfehlbarkeit ihrer Stimmführer hingen , blind dem Anstoß folgend und die Richtung einschlagend , welche diese angaben . Es ging der großen Menge genau so , wie dem guten Orest : es war ihr gar nicht unlieb , etwas Revolution zu machen gegen Kirche und Könige , gegen Religion und Gesetze ; in dem allen war ja so viel Mißbrauch , Verkehrtheit , Einseitigkeit , Tyrannei , daß das Kind in der Wiege es einsehen mußte , und daß nur der ein Ehrenmann sein konnte , der zur Opposition gehörte . Ein wenig antichristlich ging es wohl dabei zu . Das hatte aber gar nichts zu sagen . Die großen edlen Männer der Opposition beabsichtigten ja nur den Fortschritt , keineswegs einen radikalen Umsturz , und zum Fortschritt gehörte das positive Christentum durchaus nicht , sondern statt dessen eine größere Dosis Aufklärung , die dann den Menschen ganz von selbst äußerst vortrefflich und glücklich machen würde . Wenn man gut wüßte , würde man gut sein : zu dem Punkte der Bildung hatte sich die Menschheit erhoben ; das durfte niemand bezweifeln ; das wäre ein Majestätsverbrechen an der Menschheit gewesen und vor einem solchen schauderte man . War es aber gegen einen Fürsten gerichtet , so blieb man gelassen . Daß aber hinter den großen , edlen Männern der Opposition andere standen , die noch größer und edler waren , weil sie eine noch umfassendere Opposition machten und ein noch erhabeneres Ziel erstrebten , nämlich radikalen Umsturz und darauf radikalen Neubau der menschlichen Vergesellschaftung : das wurde die große Menge nicht gewahr . Kamen ihr Schriften in diesem Sinne vor Augen , so belächelte sie die vereinzelte Uebertreibung oder beklagte die vereinzelte Begriffsverwirrung eines Fanatikers des Fortschrittes , gerade so , wie Orest bei der letzten Konsequenz von Florentins Theorie behauptete : diese und nur diese habe den gesunden Menschenverstand wider sich , weil ja doch unmöglich Revolution gegen den Fideikommisbesitzer von Stamberg gut zu heißen sei . Auf dieser Höhe stand die große Menge , daß jeder Einzelne dachte , wenn auch nicht sagte : revolutioniert gegen wen ihr wollt , nur nicht gegen mich . Nicht ganz so tolerant war Graf Damian . Die Fahne der Freiheit wünschte er nur gegen die Übergriffe der Kirche , wie er sich ausdrückte , aufgepflanzt zu sehen und im übrigen möge es beim Alten bleiben . Preßfreiheit , Lehrfreiheit , allgemeine Volksvertretung schienen ihm überflüssig , da ja das Volk unmöglich diese Massen von Freiheiten genießen könne . » Aber die Freiheit muß es haben , am Sonntage zu arbeiten , statt in die Messe zu gehen , « setzte er hinzu , » denn davon hängt manchmal seine Existenz ab . « Es war Abend . Die Familie war versammelt , man las Zeitungen und diskutierte . Regina mischte sich höchst selten ins Gespräch , welches sich meistens um Gegenstände bewegte , die ihr fremd waren . Nur Angriffe gegen die Kirche suchte sie zu beseitigen . So antwortete sie auch jetzt dem Grafen mit ihrer lieblichen Stimme : » Der Mensch lebt nicht vom Brod allein . « » Sehr wahr , Regina ! « rief Orest ; » er bedarf auch Beafsteak , Austern und Côte rotie . « » Seit einer Stunde sitzest Du hier , als hättest Du die Sprache verloren , « sagte der Graf - » und plötzlich ein Orakelspruch ? Woher hast Du ihn ? « » Aus dem Evangelium , lieber Vater . Christus weist damit den Versucher ab ; und ist das nicht eine sehr passende Antwort für alle , welchen die Versuchung nahe tritt , den Sonntag durch knechtliche Arbeit zu entheiligen ? « » Das Evangelium hat keine Glaubwürdigkeit mehr vor der modernen Kritik , « wendete Florentin ein . » Das heißt , « sagte Uriel erklärend - denn Regina sah erstaunt Florentin an - » ein gelehrter Herr hat die historische Tatsache , daß Christus gelebt und gelehrt hat , zu einer Mythe entgeistet , und diese hat bei einigen Leuten , zu denen auch Florentin gehört , Beifall gefunden . Das Evangelium gilt ihm für ein Menschenmachwerk , vielleicht in böser und gewiß in beschränkter Absicht zusammengesetzt , und er verwirft es . « » Wie seltsam das ist , « sagte Regina , » lieber an einen Gelehrten zu glauben , als an die vom Sohne Gottes offenbarte ewige Wahrheit . « » Jener Gelehrte , « erwiderte Florentin , » ist nur deshalb glaubwürdig für mich , weil er das Bewußtsein einer Menschheit ausspricht , die nach achtzehn Jahrhunderten wohl das Recht hat , Windeln abzuschütteln , welche ihren Fortschritt immer gelähmt haben und jetzt im grellen Widerspruch mit ihren Bedürfnissen und Bestrebungen sind . « » Wäre die Menschheit wirklich im Widerspruch mit dem Evangelium , was ich aber durchaus nicht annehme , « sagte Regina , » so wäre sie im Rückschritt und nicht im Fortschritt begriffen , und müßte geschwind umkehren . « » Die Menschheit ist nicht im Widerspruch mit dem Evangelium , « sagte Uriel ; » aber das Böse in jedem einzelnen Menschen sträubt sich , das Evangelium als eine göttliche Wahrheit anzuerkennen , um nicht von derselben gerichtet zu werden . Das Böse wähnt , es sei genug , die göttliche Wahrheit zu läugnen , damit sie auch in der Tat untergehe , und wenn die schlimmen Leidenschaften ein recht arges Getöse machen , so wähnt man triumphierend , die Wahrheit sei stumm und dumm geworden « . » Wäre das Evangelium , wie man sonst sagte , das Wort Gottes , « entgegnete Florentin , » so müßte es sich notwendiger Weise ein Organ gebildet haben , das seiner Erhabenheit entspräche . « » Nun , das ist die lehrende Kirche , der unter dem Beistande des heiligen Geistes die Unfehlbarkeit zugesichert ist , « erwiderte Regina . » Unfehlbar ? der sündhafte Priester ? « rief Florentin mit schneidender Bitterkeit . » Sie sollten wissen , « entgegnete Regina kalt und hoch , » daß die Unfehlbarkeit der Lehre verheißen ist und dem Priester nur insofern , als er sie verkündet . Wissen Sie das aber nicht , so sollten Sie über die Kirche schweigen . « » Mein Gott , « sagte der Graf halb gähnend zur Baronin Isabelle , » welch ' eine Jugend umgibt uns ! lauter Doktoren der Theologie und Professoren der Moral ! Du aber , mein lieber Florentin , kannst aus dieser Diskussion auch eine Sorte von ewiger Wahrheit entnehmen , nämlich die : daß die Damen immer Recht behalten . Übrigens , meine Kinder , bitte ich recht sehr , solche Gespräche nicht in Onkel Levins Gegenwart auf ' s Tapet zu bringen . Zum Glück betet er jetzt sein Brevier in der Kapelle ! er würde sich vielleicht etwas alterieren ; er ist nicht à la hauteur der modernen Ansichten , die ja übrigens , wie ich hoffe , die Rechtschaffenheit des Charakters und die Geradheit der Gesinnung nicht im mindesten beeinträchtigen ! Nicht wahr , Florentin ? « » Nicht im mindesten , « versicherte Florentin , » und deshalb müssen sich Alle in dem heißen Wunsch begegnen , den Georg Forster aussprach , indem er sagte : Wann wird es doch dahin kommen , daß Menschen einsehen lernen , die Quelle der edelsten , erhabensten Handlungen , deren wir fähig sein können , habe nichts mit den Begriffen zu tun , die wir uns vom lieben Herrgott und vom Leben nach dem Tode machen ! Denn wer daran festhält , gerät mit der ganzen Zeitrichtung in Widerspruch ; sie will die Tugend üben um ihrer selbst willen , nicht aus sklavischer Furcht oder aus kaufmännischer Spekulation , die sich im Jenseits ihren Wechsel zahlen läßt . « » Wer war Georg Forster ? « fragte Regina . » Ein Weltumsegler , Naturforscher und Revolutionär , « sagte Uriel mit leichtem Spott ; » also ein dreifach großer Mann . « » Ein begeisterter Liebhaber der Freiheit , « sagte Florentin . » Wie konnte er das sein , wenn er von Gott nichts wissen wollte ! « rief Regina . » Christus hat gesagt : Die Wahrheit wird euch frei machen ; und : Ich bin die Wahrheit , der Weg und das Leben . « » Die Urwahrheit wird uns allerdings frei machen , « antwortete Florentin ; » nur nicht die geoffenbarte Wahrheit , wie man sie zu nennen pflegt ; sondern die Erkenntnis , daß die Freiheit das Erbgut jedes Menschen ist und in der Verwerfung fremder , aufgedrungener Autorität besteht . Mit dieser Freiheit kommt jeder Mensch auf die Welt , und sie wird ihm später geraubt , indem man ihm eine verkehrte Erziehung gibt . « » Es ist ganz unnütz , daß Du mit Florentin streitest , « sagte Uriel zu Regina . » Du gehst aus von der göttlichen Offenbarung , welche die Würde und das Glück des Menschen in seine sittliche Freiheit , in seine freiwillige Anerkennung göttlicher Autorität setzt ; und Florentin geht aus von einem natürlichen Gesetz in der ungezügelten Menschheit , welche ihren Launen , ihren Bedürfnissen , ihren Leidenschaften und Ansichten nachlebt und gehorcht , und einen Zustand der Barbarei , d.h. gänzlicher Ungebundenheit , zum Ideal menschlicher Würde und menschlichen Glückes macht . « » Der langen Rede kurzer Sinn ist dieser , « rief Orest : » Regina spricht mittelalterlichdeutsch und Florentin jungdeutsch ; und dabei hat er den ungeheuern Vorteil , daß man ihn viel besser versteht . Deshalb sind die Sympathien der modernen Zeit für ihn . « » Denn man weiß sehr gut , « setzte Florentin hinzu , » daß ein Rückschritt in Barbarei nicht von denen zu fürchten sei , welche den Fortschritt der Menschheit im Auge haben und deshalb den hemmenden Wust vermorschter Autoritäten bei Seite räumen . « » Aber mit Maß , Florentin , mit Vorsicht und Maß , « rief der Graf . » Von vermorschten Autoritäten zu sprechen , beweist etwas zu wenig Um- und Rücksicht . Wir sprachen von den Übergriffen der Kirche - und basta ! sonst werden wir demagogisch und räumen hinweg mit Dolch und Guillotine - was dann freilich etwas barbarisch ist - wie auch Du finden wirst , hoffe ich . « » Sie sind allerdings höchst beklagenswerte Notwendigkeiten , welche der Widerstand gegen Freiheit und Wahrheit aber selbst hervorgerufen hat . Man muß hoffen , daß die nächste revolutionäre Bewegung in so begeistertem und großartigem Maßstab und so allgemein in ganz Europa stattfinden werde , daß Niemand an Widerstand denkt , « sagte Florentin pathetisch . » Denn sonst müßte man leider ! die Guillotine als Autorität einsetzen , « sagte Uriel . » Lieber Schwager , « rief die Baronin Isabelle , » tun Sie doch diesen greulichen Gesprächen Einhalt , von denen man ganz nervenschwach wird . « » Ei Tantchen , « sagte Orest , » man darf nicht mehr hypersentimental sein , seitdem der Hypersentimentalsten einer , der berühmte , bewunderte ,