daß Du Stephan hier treffen würdest , da Du erst hier seine Rückkehr erfuhrst . Uebrigens fragt es sich ja auch noch , ob er kommt . « Aber in diesem Augenblick hörte man schon einen schallenden Sporentritt auf der Stiege - Ursula kannte diesen Tritt , in dem so viel Stolz und Gewalt lag , daß die Treppen unter ihm bebten . Bald darauf öffnete ein Diener die Flügelthüre und Stephan trat ein ; an seinem dunkelgrünen Wamms trug er Ursula ' s Rosen . Elisabeth bewillkommte ihn als Hausfrau und sagte mit schalkhaftem Lächeln : » Es thut wir leid , daß Ihr über den Strauß im Irrthum waret und zwar in einem zwei- und dreifachen : einmal bestand er nicht aus orientalischen Granatblüthen , sondern aus bürgerlich deutschen Rosen ; dann war es nicht die Hausfrau , die ihn verlor , sondern ihr Gast , und dann ward er auch nicht verloren , sondern - geworfen . Ich selbst bin Euch also keinen Dank schuldig für Euren Ritterdienst , und wenn ich Euch dennoch ersuchen ließ , ihn in meiner Behausung Euch zu holen , so sehet , ob Ihr das dennoch vermöget . Erlaubt , daß ich mich jetzt einen Augenblick von Euch entferne , um meinen Gemahl von Euerer Gegenwart zu unterrichten . « So verließ sie mit heiterem Antlitz und edlem Anstand das Zimmer - und das liebende Paar drinnen ahnte nicht , welch ' quälendes Feuer unbefriedigter Sehnsucht sich hinter diesem schönen Gleichmuth verbarg , und wie es das eigene Glück aus der Hand eines Wesens empfangen , das mit gebrochenem herzen auf das gleiche Glück verzichten mußte . Oder vielmehr das Paar dachte gar nicht an sie , denn die Liebe ist immer egoistisch und denkt nur an sich selbst . Stephan und Ursula brachten es lange zu keiner andern Erklärung , als zu Ausrufungen und stürmischen Liebkosungen . Bei ihm waren jene mit Vorwürfen der Kälte und Grausamkeit und diese mit ungezügelter Leidenschaftlichkeit gepaart . Ursula war in seinen Armen wie eine weiche , glühende und doch zarte Rose , die der Sirocco umtobt . Ihre Schwüre und Thränen , ihre Schilderung dessen , was sie gelitten , daß er ohne Abschied von ihr gegangen , besänftigen ihn endlich . Er sagte : » Ich wollte Dich nicht wiedersehen , Dich vergessen , weil Deine Liebe kein Opfer zu bringen vermochte . Es kam mir eben recht , daß an demselben Tag , wo Deine Zeilen den Bann über mich aussprachen , mein Vater eine Botschaft von Herrn Fugger erhielt , daß eine Waarensendung für uns , die von Venedig gekommen , zwischen Augsburg und Füssen verloren gegangen sei . In Füssen war sie abgegangen , aber in Augsburg nicht angekommen , und wir wußten nicht , ob hier Gewalt der Raubritter oder eine Veruntreuung der Fuhrleute die Schuld davon trage . Ich erbot mich sogleich selbst dahin zu reisen , und mein Vater war wohl damit zufrieden . Noch am selben Abend ritt ich davon . In den zwei Monaten , die ich fort war , gelang es mir wohl , die Räuber unseres Gutes zu entdecken und dasselbe zum großen Theil wieder zu erlangen ; aber mit meinem eigenen Herzen bin ich nicht fertig geworden , das blieb mir geraubt ; und ich mußte wieder zurück gen Nürnberg , ob ich vielleicht da es wieder heraus bekäme . « » Du bekommst es nimmer wieder , wenn ich Dir auch zeigen will , wo es hingekommen , « lispelte Ursula mit schmeichlerischem Lächeln und drückte seine Hand an ihr klopfendes Herz . Er nahm sie auf seinen Schooß und flüsterte kosend : » Sieh dort bei Füssen ist die Gegend ein Paradies , als habe der Herr es eben erst erschaffen . Dort schäumt der Lech in einem wilden Wasserfall von den Höhen , und ringsum stehen himmelhohe Berge mit grünem Wald bedeckt . Tief unten in den Thälern blinken kleine Seen wie Sterne , die vom Himmel gefallen . Doch nein ! ich dachte bei ihnen nur an Deine Augen ! Da kam ich dicht bei ihnen an ein kleines Schlößlein , dahinter stand ein Bergriese , der hohe Säuling , es zu bewachen , und von allen Seiten schlossen Berg und Wald es ein . Dort dacht ' ich , wenn Du bei mir wärest - nur Dir und unserer Minne zu leben - dort wäre das Paradies dann in Wirklichkeit . Von dem Fürstbischof von Augsburg , der jetzt in Füssen seinen Sitz aufgeschlagen , erfuhr ich , daß jenes Schlößlein einem habgierigen Edelmann gehört , der es gern für einen guten Preis verkaufen würde - folge mir dahin , jetzt , gleich , wenn Du willst , und der Fürstbischof , der mir wohlgewogen , würde es schon vermitteln , daß auch der Segen der Kirche uns nicht fehle . « Ursula hatte erst wie zu einem süßen Traume selig gelächelt , aber jetzt traten Thränen in ihre Augen , sie machte sich von ihm los , glitt zu seinen Füßen nieder und flehte : » Schone die Schwäche einer liebenden Jungfrau ! Du zeigst mir ein Paradies - aber der Fluch des Vaters , die Gebote Gottes und der Sitte stehen an seinem Eingang - ich möchte über seine Schwelle , und weiß doch , daß mein Gewissen uns mit seinen Qualen jeden Genuß vergiften wird , wenn ich sie überschritten . « Stephan sprang ungeduldig auf und zog sie empor , er blickte sie vorwurfsvoll und düster an und schwieg . Mit zitternder Stimme begann Ursula wieder : » Wir sind noch jung und können noch warten , können durch treues Aushalten das Glück der Minne uns verdienen . Wenn wir fest und treu sind , können wir den starren Sinn der Väter noch brechen . Sieh ' , eben jetzt hat mir Elisabeth Hoffnung gemacht , daß ihr Gemahl Mittel finden werde , Deinen Vater mit Deiner Wahl zu versöhnen , dann werden meine Bitten auch den meinigen leicht erweichen . Und wenn ich auch Dir folgen wollte - gleich wäre es ja doch nicht möglich - - und sobald mein Vater weiß , daß Du wieder hier , läßt er mich gleich einer Gefangenen bewachen , daß jedes Entkommen unmöglich . Und denke , wenn man uns verfolgte , entdeckte - dann hätten wir für immer die Hoffnung verscherzt , daß die Väter uns gewährten , was wir frevelhaft ihnen und der Sitte trotzend , uns erzwingen wollten . Dann bliebe mir nur das Kloster ! - Horch , ich höre Draußen kommen , gieb mir noch einen Kuß zum Zeichen , daß Du mir nicht zürnst - und dann wollen wir in Gegenwart der Andern uns der Stunden freuen , die uns noch vergönnt sind , nebeneinander zu verweilen . « Wie hätte er nicht versöhnt sein , im Innern den edleren Sinn der Jungfrau erkennen und ihr zustimmen sollen , ja sie um so höher ehren , daß sie seinen verführerischen Bitten widerstand , wenn auch seine sinnlichere Natur es anders verlangen mochte ? Es war gut , daß die Eintretende nur Elisabeth war , weil sie das Paar noch mit vereinten Lippen sah . Stephan ergriff Elisabeth ' s Hand , indeß Ursula in ein kleines Nebengemach entschlüpfte , um ihr in Verwirrung gerathenes Haar zu ordnen , und sagte : » Ihr nehmt alles Edle , Hohe und Schöne in Euren Schutz : die Künstler wie die Gelehrten und die Dichter - und so auch ein liebendes Paar , dem man keine Zufluchtsstätte lassen will . Euch , hohe Frau , danke ich dies glückliche Wiedersehen und vertraue ferner die Geliebte Eurer Huld . « » Werdet Ihr jetzt hier in Nürnberg bleiben ? « fragte Elisabeth ; » ich möchte Euch rathen , was Ihr schon jetzt gethan , noch einmal und freudiger zu versuchen , seit Ihr Euch auf ' s Neue von Ursula ' s Liebe überzeugt hab ' t. Nicht um sie zu vergessen , sondern um sie zu verdienen , möcht ' ich Euch in der Fremde wissen . Wenn Ihr Thaten thut oder Geschäfte leitet , welche Euch den Beifall Eures Herrn Vaters erwerben müssen und unabhängig von ihm machen , so erwerbt Ihr Euch auch vielleicht als Lohn seine Einwilligung - oder das Recht , sie zu erzwingen . « » O Ihr hab ' t Recht , « rief Stephan , » Ihr les ' t in meinem Innern ; ich dürste längst danach , etwas Großes , ein kühnes Unternehmen zu vollbringen , um mir Ursula dadurch zu verdienen , wie die Ritter der Heldengedichte mit Drachen oder Legionen von Feinden kämpften zur Ehre ihrer Dame , und dann erst des süßen Minnelohns sich würdig fühlten . « Ueber Elisabeth ' s Züge flog das ihr eigenthümlich höhnische Lächeln . Sie kannte diese sybaritisch gewöhnten Patriziersöhne , die wohl einmal ihre Kraft an ein verliebtes Abenteuer wagten , aber selten zu einem ernsten Streben sich ermannten . Sie dachte , daß Stephan diese Antwort doch nur gab , um nicht durch ihre Worte beschämt zu sein , und daß er wohl in diesem Augenblick so fühlen möge , aber daß von solchen schönen Empfindungen noch lange nicht auf ihre Ausdauer zu einer edlen Wirksamkeit zu schließen sei . Sie antwortete ihm jedoch in feiner Zustimmung , aber bald war dies Zwiegespräch durch den Eintritt Christoph Scheurl ' s unterbrochen , welcher kam , um die Damen zu Tafel zu führen . Er begrüßte Stephan freundlichst , nahm dann den Arm der wieder zurückgekommenen Ursula , indeß Elisabeth den ihrigen in den Stephan ' s legte . So gingen sie auf weichen Teppichen durch weite Corridore in ein abgelegeneres Prunkgemach , das mit fürstlicher Pracht eingerichtet war . Hier fanden sie noch einige Herren , Elisabeth ' s Brüder , den Propst Anton Kreß , Herrn Martin Ketzel und einige andere Genannte . Sie nahmen an der reichbesetzten Tafel Platz . Man speiste nur von silbernen Tellern , die köstlichsten Gerichte aus silbernen Schüsseln und trank Wein von Cypern oder dem vaterländischen Rheingewächs zur Auswahl aus goldenen Pokalen von zierlich getriebener Arbeit . In der Mitte als Tafelaufsatz standen zwei hohe Figuren von getriebenem Kupfer , aber versilbert , welche Wasser aus einem in der Mitte befindlichen hohen Bassin schöpften , aus dem eine Fontaine in die Höhe sprang . Wer Wasser zu trinken begehrte , der hielt seinen Becher hin , und die eine der schöpfenden Figuren , der Herr oder die Dame , gossen es hinein . Man lobte und bewunderte das Kunstwerk , obwohl damals ähnliche Automaten , Druck- und Uhrwerke keine Seltenheit waren , und in den Häusern der Reichen und Kunstfreunde nicht fehlen durften , und Scheurl sagte : » Ich habe es bei dem Harfenspieler Hans Frey machen lassen , der in diesen Dingen ein sehr kunsterfahrener Mann ist . « » Nicht wahr , « sagte der Propst , » er hat ein eigenes Haus auf der Zisselgasse und eine sehr hübsche Tochter Agnes ? « » Ei , « lächelte Scheurl , » Euer Hochwürden merkt sich doch gleich die Häuser an den hübschen Mädchen , die darinnen wohnen . « » Nun , nun , « antwortete der Propst schmunzelnd , » die Agnes ist noch ein kleines Dingelchen von zwölf Jahren , und ich bewundere mehr noch als ihr kluges niedliches Gesicht ihren Fleiß , denn man kann nie dort vorüber gehen , ohne sie die Spindel emsig drehen zu sehen . « Indeß wandte sich Elisabeth an Martin Ketzel , einen älteren mittelgroßen Mann mit wettergebräuntem Gesicht , in dessen Zügen etwas von bigotter Gedrücktheit und kühner Unternehmungslust sonderbar miteinander contrastirte , und sagte : » Ihr hab ' t uns noch wenig von Eurer Reise in ' s gelobte Land erzählt , da Ihr doch heute zum ersten Male in unserer Gesellschaft seid und nur erst wenige Tage zurück . Hab ' t Ihr nun diesmal das Maß der Entfernung der heiligen Stätten glücklich bis nach Nürnberg gebracht ? « » Ja , « antwortete Herr Ketzel , » und ich bin nicht sobald zurückgekommen , als ich schon das Rieter ' sche Haus gekauft habe , das als Pilatushaus soll angesehen werden , und der wackere Steinmetz Adam Kraft soll mir die sieben Fälle Christi in Stein hauen und ein Kapellein setzen , als stünd ' es auf dem Calvarienberg . Von jenem Haus am Thiergärtnerthor aus durch die Seilersgasse bis auf den Kirchhof trifft die Entfernung gerade mit meinem Maß . Dann wird man nicht mehr über meinen Verlust lächeln , sondern erkennen , daß ein rechter Mann mit Geduld , Muth und Ausdauer doch durchsetzt , was er sich einmal vorgenommen , und sollt ' es auch einmal scheinen , als sei schon Alles verloren - wie mein Maß . « » Das ist eine Lehre für Euch , Herr Stephan , « flüsterte Elisabeth diesem über den Tisch zu . Herr Martin Ketzel war nämlich von frommem Eifer getrieben , schon im Jahre 1477 mit dem thatenreichen Herzog Albrecht von Sachsen in das heilige Land gezogen , um dort die Entfernungen der heiligen Stätten vom Pilatushaus nach allen Orten bis auf Golgatha , wo sich bei der Hinführung Christi Merkwürdiges ereignet hatte , auszumessen und in Nürnberg kunstreiche Erinnerungsmale errichten zu lassen . Als er zurück kam , hatte er das Maß verloren . Aber er verzweifelte darum nicht , sondern ging einige Jahre später im Gefolge Herzog Otto ' s von Baiern noch einmal nach Palästina , und war eben jetzt zurückgekehrt . Aber der fromme Eifer , welcher die Kreuzzüge hervorgerufen , und den Antheil , den man den heiligen Stätten zollte , gab sich nur noch in vereinzelten Erscheinungen kund und konnte keine allgemeine Theilnahme mehr erwecken . Mehr als nach dem alten heiligen Land drängte der Geist der Zeit vorahnend nach einer neuen Welt , wenn auch die kühnen Seefahrer vor der Hand nichts weiter begehrten , als einen neuen Handelsweg nach Ostindien . Und die Nürnberger Kaufleute , die hier versammelt waren , die noch nicht berechnen konnten , wie durch die neuen Entdeckungen der Handel eine andere Gestalt annehmen , und ihre große Landhandelsstraße von Nürnberg und Augsburg über Füssen und Kempten nach Venedig veröden werde , sprachen voll froher Theilnahme mit den Geschwistern Martin Behaim ' s von diesem berühmten Landsmann , von dem man mit äußerster Spannung auf neue Nachrichten wartete . Indeß , nachdem man sich nach deutscher Art lange genug von fremden Welttheilen unterhalten , kam man endlich auch auf das deutsche Reich , und Christoph Scheurl sagte zu Stephan und den beiden Damen : » Ihr wißt wohl die große Tagesneuigkeit noch nicht , deren Kunde ich vorhin vor Eurer Anwesenheit durch einen Boten aus Frankfurt empfing , den mir ein Geschäftsfreund sandte : König Max wird in acht oder vierzehn Tagen mit dem Markgrafen Friedrich nach Nürnberg kommen . « » Ei , so kommt er endlich einmal , er hat uns lange genug warten lassen ! « sagte Elisabeth . » Sprecht Ihr uns auf gut nürnbergisch ? « fragte der Propst , » oder sprecht Ihr nur als Frauenzimmer ? Dann klänge es fast wie die Worte der edlen Maria von Burgund , die Gott selig haben möge , und die auch zu ihm sagte : er sei das edelste deutsche Blut , nach dem sie lange verlangt habe . Dann nehmt Euch in Acht , denn König Max ist allen schönen Frauen gefährlich , und sie sind es auch ihm , trotzdem er sich noch nicht hat entschließen können , einen Ersatz für seine Maria zu suchen . « » Ich meine , Ihr wißt , daß ich gut nürnbergisch bin , « antwortete Elisabeth , ohne in Verlegenheit zu kommen , » und kein Potentat , der es nicht ist , wird mir besonders werth sein . « » Von König Max muß sich das erst zeigen , « sagte Georg Behaim : » er ist bisher nur in die niederländischen Händel verstrickt gewesen , und im Reiche ist ja noch immer sein alter Vater das Haupt . « Christoph Scheurl sagte : » Bis jetzt war er immer nur ein Fürst ohne Land ; denn wenn er auch schon bei seiner Vermählung die Titel vieler Herzogthümer und Grafschaften und bei seiner Krönung vor drei Jahren in Aachen den des römischen Königs empfing , so ist ihm doch erst jetzt , wo der alte Erzherzog Sigismund ihm Tirol und seine schwäbischen Länder als sein Erbe überwies , die erste Fußbreite Landes und sind ihm die ersten eigenen Einkünfte zugekommen . Das ist gut für Einen , der so lange nur von einem filzigen Vater , der selbst Nichts hatte , wenn ihm nicht Reichshülfe ward , abhängig gewesen . « » So ist nun auch wirklich der Friede mit Frankreich zu Stande gekommen , wie es schon gestern hieß ? « fragte Stephan ; » habt Ihr genaue Nachrichten darüber , Herr Scheurl ? « » Ganz genaue , « versetzte dieser , und lächelte selbstbefriedigt , als wolle er andeuten , es sei unmöglich einen solchen abzuschließen , ohne daß er mit in ' s Vertrauen gezogen sei . » Der französische Gesandte kam sehr gelegen auf dem Reichstag an , den König Max jetzt auf eigene Hand in Frankfurt hielt , um vom Reiche nicht weniger als vierzigtausend Mann zu fordern zum Kriege in den Niederlanden und Oesterreich . Die Reichsstände handelten die Forderung aber glücklich herunter auf die eilende Hülfe ( sechstausend Mann stark ) , wovon nur zweitausend Mann gestellt waren , als der französische Gesandte mit Friedensbedingungen erschien , die für Max äußerst vortheilhaft waren , und so ward denn am zweiundzwanzigsten Juli der Friede geschlossen . Indeß nur der tapfere Herzog Albrecht von Sachsen die Flamänder vollends unterwerfen soll , wird Max zum alten Kaiser nach Linz reisen , da der Waffenstillstand mit König Mathias wieder zu Ende geht - und auf der Durchreise wird er hier sich einige Tage ruhen . « Man sprach von den Vorbereitungen , die zu dem Empfang des Königs zu machen wären , und da nun der aus immer neugefüllten Bechern maßlos getrunkene Feuerwein anfing die Köpfe und Sinne zu erhitzen , die Männer die Worte noch weniger wogen als vorher , so daß mitunter Schimpfworte fielen und rohe , derbe Spässe laut wurden , welche die weiblichen Ohren , obwohl sie schon an manchen Kraftausdruck gewöhnt waren , verletzten , so winkte Ursula Elisabeth sich zu entfernen . Sie standen auf und Stephan wollte Ursula heimbegleiten , aber auch sein Gesicht glühte vom Wein , und sie brachte ihn endlich dadurch zum Bleiben , daß sie erklärte , wie ihr Vater ihr schon zwei Diener zum Geleit geschickt , die dann seine Gegenwart verrathen würden . Auch Elisabeth ging in ihr stilles Frauengemach , indeß die Männer noch lange zechten und lärmten . Sechstes Capitel Maximilian I Der fünfzehnte August 1489 war der Tag , an welchem die Nürnberger den künftigen Kaiser und jetzigen römischen König zum ersten Male in ihren Mauern zu empfangen erwarteten . Die Nürnberger waren ein stolzes , eigensinniges Völkchen . Sie legten nicht etwa ein großes Gewicht auf die Gunst und Gegenwart gekrönter Häupter , denn sie meinten dazu nicht sonderlich Ursache zu haben . Was war denn in ihren Augen solch ' eine blutige Krone eigentlich werth ? Oft nicht halb so viel , als die in den Niederlagen der Tucher oder Behaim , der Ebener oder Haller aufgestapelten Waaren ! Die meisten dieser Fürsten hatten ja kein Geld , sondern mußten es erst von ihren Unterthanen erbitten , oder durch die Brandschatzungen belagerter Länder sich zusammenrauben , und selten lebte Einer friedlich im Besitz seiner Länder , sondern ward ewig in Athem gehalten von dem unruhigen Nachbar . Oft genug mußte ja der Rath von Nürnberg aushelfen mit Geld und Truppen , und daneben noch sich selbst beschützen gegen die Plackereien der Raubritter , welche die Fehdelust ihrer fürstlichen Herren untereinander nachahmten und auf ihren verwitterten Burgen von den Gütern lebten , die sie auf der Landstraße geraubt . Ein Nürnberger Raths- und Handelsherr sah verächtlich auf diese Leute herab und freute sich seines reichsstädtischen Wohlstandes , und ganz Nürnberg rühmte sich , keinen andern Herrn über sich zu erkennen , als den Kaiser . Aus denselben Gründen war auch der Respekt vor diesen Kaisern nicht gar groß , von denen auch nur wenige Kraft besaßen , das Reich in Ordnung zu erhalten und der hohen Würde sich erfreuen zu können ; aber Manches , was auf diese kaiserliche Majestät sich bezog , gehörte mit zu den besondern Privilegien Nürnbergs , und auf deren Bewahrung hielt die Stadt mit eigensinniger Unverbrüchlichkeit . Dazu gehörte das Recht , die Reichskleinodien in der Heiligengeistkirche aufzubewahren , und die Verpflichtung jedes Kaisers seinen ersten Reichstag in Nürnberg zu halten . Dadurch eben , daß sie den Kaiser selbst zuweilen in ihrer Mitte hatten , daß er bei ihnen Wohnung nahm , an ihren Festen sich betheiligte , mit den Rathsherren zechte und mit ihren schönen Frauen tanzte , fühlten sie sich stolz in ihrem Rechte , keine Mittelsperson zwischen sich und ihm nöthig zu haben , denn mit den einzigen , die es etwa gab , den Grafen von Zollern und Brandenburg , die sich auch Burggrafen von Nürnberg nannten , hatten sie ewige Streitigkeiten über unklar bestimmte Gerechtsame . In der That waren diese Verhältnisse sehr verwickelter Art. Auf der Veste von Nürnberg hatte ein Burggraf seinen Sitz , der als kaiserlicher Statthalter das Landgericht über das außerhalb der Stadt gelegene nürnbergische Gebiet zu hegen hatte . Schon seit langer Zeit waren die Burggrafen zu Nürnberg aus der Familie der Zollern und Abenberg . 1427 verkaufte Markgraf Friedrich von Brandenburg die Ruinen der Veste Nürnberg ( die Ludwig der Bärtige 1420 in einer Fehde mit dem Burggrafen Johann hatte niederbrennen lassen , wobei die Nürnberger zwar nicht direkt , aber indirekt betheiligt waren , indem sie » still saßen « und nicht löschen halfen ) mit ihrem Zubehör und Gerechtsamen an die Stadt Nürnberg . Der Kaiser Sigismund bestätigte den Kauf und belehnte die Stadt mit den vom Burggrafen abgetretenen Rechten . Dadurch glaubten die Nürnberger , welche die Veste wieder aufbauten , einen großen Vortheil erlangt zu haben . Aber dieser Handel war nur die Quelle neuer Streitigkeiten mit dem unruhigen Nachbar . Das Burggrafenthum Nürnberg theilte sich früher in zwei Linien : in die Fürstenthümer Baireuth oberhalb Gebirgs und Anspach unterhalb Gebirgs . Beide Linien vereinigte Markgraf Albrecht Achilles ( er hatte diesen Beinamen wegen seiner Schönheit und Ritterlichkeit ) von Brandenburg-Anspach , der Nürnberg heftig bekämpfte und ihm in acht Schlachten den Sieg abgewann . Er starb 1486 in Frankfurt , als Max I. zum König gekrönt ward , und sein Sohn Friedrich der Aeltere ward sein Nachfolger . Dies war der Markgraf Friedrich von Brandenburg , der jetzt sammt seinen Mannen mit dem deutschen Reichsheer nach den Niederlanden gezogen war , als Max auf der Kranenburg zu Brügge gefangen saß . Jetzt war er mit auf dem Reichstag zu Frankfurt , und ward nun auf der Veste mit dem römischen Könige erwartet . Ueberall waren die glänzendsten Vorbereitungen zu seinem Empfange getroffen worden . Fast schien es , als habe man den ganzen Reichsforst geplündert , die Stadt in einen Garten mit grünen Bäumen zu verwandeln . Hinter dem Thor , durch das er kommen mußte , war eine Ehrenpforte mit zierlich in Holz geschnitzten Spitzbogen erbaut und zeltartig mit prachtvollen , in Nürnberg selbst gewebten Stoffen in den drei Farben des deutschen Reichs überkleidet . Dazwischen waren auch die Stricke verborgen , an welchen kleine Kinder schwebten , die an ihren weißen Kleiderchen goldene Flügel hatten und sich , wenn sie auch Engel vorstellen sollten , in ihrer gefährlichen Lage keineswegs wie im Himmel befinden mochten . Zwei der schönsten Jungfrauen standen oder schwebten vielmehr auch nur auf hohen Piedestalen zu den Seiten dieses kleinen gothischen Baues . Die tadellosen Gestalten waren nur wenig von dünnen , flatternden Gewändern und Blumenguirlanden verhüllt und trugen goldene , blumengefüllte Füllhörner , deren Inhalt auf den Erwarteten zu schütten . Andere , minder anstößig gekleidete Mädchen standen zum Blumenstreuen bereit . Der Magistrat hatte sich in glänzender Amtstracht auf dem Rathhaus versammelt , dem König entgegenzuziehen . Voran die beiden Loosunger Hans von Tucher und Wilhelm Holzschuher , dann die drei obersten Hauptleute , die sieben älteren Herren , alle Bürgermeister und Schöppen , der ganze große und kleine Rath , darunter auch Christoph Scheurl , sein Schwiegervater Martin Behaim und Gabriel Muffel . Auch die Genannten und Patriziersöhne hatten sich eingefunden , im Reichthum einer ausgesuchten Tracht einander gerade so wie die Frauen überbietend , und unter ihnen war es Stephan Tucher gelungen , sich am meisten hervorzuthun . Alle Zünfte mit ihren Fahnen standen bereit , die Meister voran , gefolgt von dem langen Schweif der Gesellen und Lehrlinge . Auch die Steinmetzen der Nürnberger Baubrüderschaft fehlten nicht , der blonde Hieronymus trug ihre Fahne und hielt sie hoch empor , damit sie mit den goldenen Zirkeln auf strahlendem Himmelblau dem König entgegenwinke , der schon einst auf einem Hüttentag zu Wien sich selbst als Mitglied der Bauhütte hatte aufnehmen lassen und ein Baubruder geworden war . Von allen Häusern zogen sich grüne Festons über die Straßen oder unter den Fenstern hin , aus vielen derselben hingen kostbare Teppiche nach venetianischer Sitte , welche man hier so gern nachahmte , und im gewähltesten Putz schauten die Frauen daraus hervor . Durch die Straßen , durch welche der Zug kommen mußte , drängte sich die Menschenmenge Kopf an Kopf , kaum in Schranken gehalten von den Rathsdienern , Stadtschützen und Bütteln , die seit einem Jahrzehent mit Wehren versehen worden waren , um sich mehr Respekt verschaffen zu können . Ein dreimaliger Stoß in ein großes Horn auf der Veste , das Kaiser Friedrich bei seiner letzten Anwesenheit daselbst hatte anbringen lassen , das seitdem aber außer Gebrauch gekommen , gab endlich das Zeichen von der Ankunft des Ersehnten . Alles gerieth in Bewegung , selbst die Rathsherren auf dem Rathhaus , die Züge ordneten sich , die Volkshaufen auf den Straßen machten den Stadtschützen immer größere Noth , und die Frauen legten sich so weit aus den Fenstern , daß man von manchen fürchten konnte , sie möchten gar hinausfallen . Der Zug kam nicht durch die Straße , in welcher Ursula wohnte , darum war sie zu Elisabeth gegangen . Da standen sie wieder Beide in dem zierlichen Chörlein , von dem aus sie so bequem auf die Straße sehen konnten und den Ankommenden gerade in ' s Gesicht . Sie hatten die großen Fenster ganz geöffnet und wurden so auch hier mehr gesehen , als an jedem andern Platz . Unwillkürlich lenkten sich schon alle Blicke nach dem überhaupt noch ganz neuen und darum ganz blank aussehenden Hause , an dem auch jetzt sein Besitzer nichts gespart hatte , die bleibende Pracht desselben noch durch nur auf diesen Tag berechneten Schmuck zu erhöhen . Um die durchbrochene Arbeit an dem Chörlein noch schöner hervortreten zu lassen , waren Blumen dahinter angebracht , und durch Grün und Blumen das Ganze in einen Blumentempel verwandelt . Die Fenster waren ausgehoben und nur die oberen buntgemalten Bogenfenster strahlten im Sonnenglanz , golddurchwirkte Teppiche deckten die Brüstung , und hinter dieser standen die beiden Damen , Ursula in zartes Rosa gekleidet , Haar und Kleid mit weißen Rosenguirlanden geschmückt , und Elisabeth in grünen golddurchwirkten Brokat von auffallendem Schnitt nach portugiesischer Art. Ein dünner Schleier war durch ein funkelndes Stirnband gehalten und gleiche kostbare Steine in Gold gefaßt glänzten an ihren weißen Armen und ihrer Brust . Wohl Wenige zogen vorüber , ohne einen Blick auf die beiden mehr als alle andern sichtbaren Schönheiten zu werfen , und sowohl vor ihnen als vor der Gattin des hochangesehenen Christoph Scheurl neigten die Fahnenträger ihre Fahnen ; selbst Hieronymus that es und flüsterte dem neben ihm gehenden Ulrich zu : » Das ist nicht nur die schönste , sondern auch die aufgeklärteste Frau in Nürnberg . « Unwillkürlich weilten Ulrich ' s Augen mit ihrem begeisterten Ausdruck lange auf der schönen Frau , so daß diese halb von einem höhern Gedanken entzündet , halb von dem ihr zuweilen eigenen Muthwillen erfaßt , eine weiße Rose aus einem für den König bereitgehaltenen Blumenkorb nahm und sie gutzielend in Ulrich ' s Gesicht warf , indem sie zu Ursula lächelnd sagte : » Ich bin eine begeisterte Anhängerin dieser Baubrüder , und ärgere mich doch über sie , daß sie keine Frauen unter sich dulden . Ich glaube , dieser hübsche Geselle mit der stolzen Haltung verdient schon eine Strafe , daß er mich seines Blickes gewürdigt . « » Und Du giebst sie ihm selbst durch diese Handlung oder verdoppelst sie , indem Du die Aufmerksamkeit auf ihn lenkst ? « sagte Ursula erschrocken und vorwurfsvoll . Ulrich hatte indeß die Rose aufgefangen und antwortete mit einem stolzen verweisenden Blick . Die Rose aus profanen Frauenhänden annehmen mocht ' und durst ' er nicht , und gleichwohl mochte er sie auch nicht zertreten lassen . Er warf sie auf gut Glück zur Seite unter die Volksmenge . Elisabeth ' s Augen flammten . Das war ihr noch nicht begegnet , daß ein Mann , der eine Blume von ihr empfangen , dieselbe weggeworfen . Ursula sagte : » Sieh dort das hübsche kleine Mädchen mit den schwarzen Zöpfen , das Deine Rose aufgefangen und jetzt mit glücklichem Lächeln sich ansteckt ? « » Welcher Schimpf ! « rief Elisabeth und starrte das kleine Mädchen an , als habe sie ein Gespenst gesehen . Es war wirklich ein hübsches Kind von