als bei ihrem Vater , und in der Gartenwirthschaft auch einen Bienenhelm , den gerade ein Knecht aus dem Orte vom Schulmeister borgte , um den Bienen das Leid vom eben verstorbenen Herrn anzusagen . Ueber den sonderbaren hierländischen Gebrauch , daß man mitten in die Bienenstöcke hinein den Tod des Hausvaters anzeigen und den Knecht den Bienen melden läßt : » Einen schönen Gruß von der Frau und der Herr wäre todt ! « konnten sich der Kammerherr und der gerade anwesende Graf in Mittheilungen verlieren , die alle Seiten der Geschichte und der Philosophie berührten . Lucinde staunte über den Glauben , der annahm , daß ohne diese Leid-Ansage die Bienenstöcke in Jahresfrist ausgehen würden ; aber der Kammerherr und der Graf , beide warfen verklärt ihre Blicke empor und sprachen jetzt sogar anerkennend von dem früher gemeinschaftlichen verrätherischen Freunde , Heinrich Klingsohr , der auf die Darstellung des Zusammenhangs der Bienen mit den Staats- und Rechtsbegriffen der Menschheit in Göttingen Doctor geworden war . Und so dunkel es nun auch in des Kammerherrn Begriffen aussah , so wurde er doch auf diese Art Lucinden ein Lehrer . Auf Partieen , die er in einem von seinem Diener geführten Einspänner machte , sprach er mit Lucinden , ob sie es nun verstand oder nicht , nur französisch , ein andermal nur englisch , ein drittesmal , wenn er gerade auf Tacitus und die alten Germanen oder auf eine Sammlung alter Marienlieder , die Graf Zeesen zum Druck vorbereitete , kam , nur lateinisch . Sie erwiderte mit dem Wenigen , was sie früher von Englisch und Französisch aufgegriffen hatte , und bewundernswerth war die Geduld , mit der der Kammerherr sich mühte , einer der Erde nicht angehörenden Erscheinung allmählich die Sprachen derselben beizubringen . Die Sprache , die er an dem Riedbruch damals im Walde beim ersten Finden an sie gerichtet hatte , war ein Gemisch von Lateinisch und Plattdeutsch gewesen . Diesen Gewinn an Kenntnissen ließ sich Lucinde , die unter all dem Düster ihre Heiterkeit nicht verlor , wohl gefallen . Der Gewinn mehrte sich , als die langen Abende kamen und der Pfarrer sich gleichfalls geneigt erklärte , die Civilisation des Wildlings zu unterstützen . Auch im Klavier , dessen Grundlagen Lucinde schon im Hause des Stadtamtmanns gelegt hatte , vervollkommnete sie sich unter Leitung des musikalischen Mannes , der seine Kinder , ja selbst noch seine an sich hierin geringer talentirte Frau unterrichtete . Der Herbst und ein langer , schnee- und frostreicher Winter wurde auf diese Art für Lucinden eine Studienzeit , die bei der Leichtigkeit ihrer Auffassung und der geringen Zerstreuung dieses Aufenthalts reiche Früchte trug . Der Kammerherr selbst , dem es an wissenschaftlichem Material nicht mangelte und dessen liebstes Thema sich immer an die Erinnerungen von Rom oder Göttingen hielt , docirte ihr oft Geschichte und Philosophie , die er mit der Mathematik und , sonderbar und für die Schrullen jener Provinz unsers Vaterlandes kennzeichnend genug , auch mit der Kunst des Drechselns verband . Wie die Adeligen Westfalens in ihrer Erziehung und ländlichen Beschäftigung an den Hofbällen von Berlin und in Münster nicht zu erkennen sind , so wird man seltsam finden , daß es berühmte Geschlechter unter ihnen gibt , die neben ihrem angeblichen Berufe , die unerschütterlichen Erben Karl ' s des Großen zu sein und in Demuth vor Gott , dem Papst und dem Landesherrn ihre Renten zu verzehren , auch ein Handwerk lernen . Manche , die nicht gut schreiben können , aber schon in Potsdam ein Porteépée führen und in Verlegenheit kommen zu bekennen , daß sie nicht viel mehr wüßten , als was auf ihren düstern , einsamen Kampen der » Hauspape « ihnen zu lernen zugemuthet , verstehen sich vortrefflich auf den Hufbeschlag der Pferde oder arbeiten sich das Sattel- und Riemzeug derselben selbst aus . Das Drechseln aber in grobem und seinem Holze ist eine so weit verbreitete Kunstfertigkeit des westfälischen Adels , daß Lucinde sich nicht hätte zu verwundern brauchen , neben dem Maleratelier ihres Freundes auch eine Kammer anzutreffen , die zu einer vollständigen Drechslerwerkstatt eingerichtet war . Ihr aus Kirschbaumholz allerhand Büchsen und Ringe zu drehen , war selbstverständlich seine liebste Aufgabe ; aber er drehte auch Bälle , Kegel , Pyramiden , konische Ausschnitte und Figuren aller Art , von denen er nicht nur mathematische Auslegungen gab , sondern auch philosophische und religiöse . Oft sprach er dabei von einem in der Nähe seiner väterlichen Güter wohnenden Philosophen , der aus den einfachsten Grundbegriffen unserer mathematischen Anschauungen die tiefsten Wahrheiten der Religion hergeleitet hätte . Je geheimer diese Gespräche vor dem Pfarrer geführt wurden , desto reizvoller wurden sie für einen Verstand , der sich aus den verworrenen Begriffen eines Narren manches Körnlein Vernunft entnehmen konnte . Dennoch wünschte Lucinde diese Lage geändert . Das Aufsehen , das sie in der ganzen Gegend mit dem » tollen « Kammerherrn machte , war nicht gering . Auch hatte der Pfarrer erleben müssen , daß ein Brief , den Lucinde an ihre Schwester geschrieben und eine Meile weit erst von ihr auf die Post gegeben war , zurückkam , mit der vollständigen und wahren Adresse seines Schützlings , ja , daß der Meier von Eibendorf ihm Mittheilungen machte , die jetzt den Zustand , wie man Lucinden im Riedbruch gefunden , vollkommen erklärten . Eine scheue Besorgniß des ganzen Hauses vor Lucinden hatte sich schon längst gesteigert , sie wurde zur Abneigung , als man sie bei Ueberreichung des von der Post geöffnet gewesenen und wieder von der Post verschlossenen Briefes wol aufs äußerste über die offene Angabe ihres Namens erschrocken fand , weniger aber über den von einer ungebildeten Hand gekritzelten Zusatz : » Ist vor vier Wochen am Nervenfieber gestorben . « Der Tod ihrer Schwester Luise , einer einzigen , wie sie öfter gesagt hatte , erschütterte sie weniger als die richtige Angabe ihres Namens ! Daß mit so viel Schönheit , jeweiliger Liebenswürdigkeit , immer mehr sich herausstellendem Geist und zunehmenden Kenntnissen so viel Gefühllosigkeit verbunden sein konnte , als sich jetzt erst offenbarte , nahm vorzugsweise die Pfarrerin gegen den längern Aufenthalt Lucindens ein , und offen wurde dem Kronsyndikus von Wittekind nach Neuhof die Anzeige gemacht , daß sie ohne Lucinden den Kammerherrn nicht mehr bei sich behalten könnten , mit ihr aber länger nicht mehr mochten . Lucinde übersah das alles . Ihrem wühlerischen Umblick entging selten etwas , während sie alles an sich zu verbergen wußte , selbst den Schreck und ihr wirkliches geheimstes Erschüttertsein durch den Tod der Schwester . Trotzig warf sie die Lippen auf und erklärte , sie ginge jeden Augenblick , wenn man ' s wünschte . Man irrte sich keineswegs , wenn man voraussetzte , daß sie auch vom Kammerherrn sich trennen wollte , wenn nicht eine andere Festsetzung ihres Verhältnisses zu ihm stattfände . Die Aussicht sogar , die Gattin desselben zu werden , schien ihr keineswegs zu hoch . Sie besaß einmal die Formel , die diesen verdunkelten Geist einigermaßen zu erhellen vermochte . Sie sagte sich , daß der vornehmen und stolzen Familie wenig daran liegen könnte , sich bei einer doch schon aufzugebenden Persönlichkeit auch noch gegen diese Ausnahme von der Regel zu stemmen . Darin irrte sie sich aber , wie sie von der hierin entscheidenden Persönlichkeit selbst erfuhr . In den ersten Tagen des April erschien der Kronsyndikus , der Vater des Kammerherrn . 9. Freiherr von Wittekind-Neuhof , Kronsyndikus des ehemaligen Königreichs Westfalen , setzte durch seinen Namen schon das ganze Pfarrhaus in Furcht und Schrecken . Als der Kammerherr den am Wirthshause haltenden väterlichen Reisewagen gesehen , der über und über bespritzt , langsam durch die morastigen Straßen des Oertchens zog , fuhr er wie ein wildes Thier auf , das seinen Wärter am Käfig vorüberstreifen hört . Er rannte im Hause hin und her , rollte die Augen , hielt den Mund geöffnet , wie in seinen Wuthanfällen , packte , als wollte er sich mit seinem Theuersten schützen , seine Farben , seine Pinsel , seine philosophischen Kugeln , Kegel , Dreiecke zusammen , griff nach einem Crucifix , das er sich selbst geschnitzt und nach vielen kunstgeschichtlichen Controversen mit dem Grafen Zeesen und einem eingeholten Gutachten der Verlobten desselben , des Freifräuleins von Seefelden , selbst bemalt hatte , rief den Diener und schien sogar Lucinden vergessen zu haben . Die Kinder im Hause liefen ebenfalls auf und ab . Die Pfarrerin suchte nach Lucinden , die sich versteckt auf ihrem Zimmer hielt , zugeriegelt hatte und keine Antwort gab . Der Pfarrer griff in die Gläser der Harmonica . Der ganze alte Zustand der Wildheit schien beim Kammerherrn wieder zurückgekehrt , dieser Zustand , der seit fast einem Jahre , so oft er sich während dessen gezeigt hatte , durch einen einzigen Ruf , durch ein geträllertes Liedchen der von der Treppe herabspringenden Lucinde schon aus der Ferne sich besänftigen ließ . Die ängstlichen Kinder riefen vom Garten aus zum Fenster : Fräulein ! Fräulein ! Sie klopften , als keine Antwort kam , an die Thür . Lucinde ließ nichts von sich hören . Mit ängstlicher Unruhe blieb sie in ihrem Versteck , trat leise mit den Zehen auf und hörte mit listig aus Fenster gehaltenem Ohr das Toben des Kammerherrn . Dieser entfaltete seine sonst gewohnte Art , die die eines wilden , auf der Universität alt gewordenen Burschen war , die Natur eines nie anders als mit einem riesigen Neufundländer das Trottoir der Straße beherrschenden Pauk-Senioren alten Stils - er konnte stundenlang von seinen Suiten und den Paukereien auf der Mensur und dem besten , aber verrätherischen Freunde Klingsohr erzählen - ; johlend rief er über den Garten , schlug die Thüren , rüttelte am Fensterkreuz und redete die Rosse und die Kutsche seines Vaters höhnend und herausfordernd an . Bald erschien der Kronsyndikus selbst . Es war eine Gestalt von gleichem Wuchse wie der Sohn , hünenhafter Höhe und trotzigfesten Schrittes , so weiß auch schon sein Haar schimmerte . Er trug einen grünen Jagdrock , hohe Stiefel mit Sporen und ließ eine Reitgerte schon in der Ferne bedenklich in der Hand hin- und hertänzeln . Doch lachte er , am Gartenzaun schon vom Pfarrer empfangen , zum Fenster empor und schien besserer Laune als sein Sohn , den er schon draußen , zum Parterrefenster zu , mit folgenden Anreden seiner väterlichen Huld versicherte : Pinselheld ! Ha ! ha ! ha ! Stubenhocker ! Trifft man dich endlich einmal ? Farbenkleckser ! Schäm ' er sich ! Treibt sich in der Welt herum ! Muß ihn ' mal wieder mit Gewalt holen ! So tändelte er mit fingirter Ueberraschung , den Sohn hier zu finden , und als wenn der Kammerherr hier aus freien Stücken lebte . Dieser ging auch auf den Spaß ein . Der Vater tändelte mit dem Sohn , wie mit einem Hunde , den man zum Wedeln und Springen reizen will . Und im Hause wurde es nun ängstlich stiller ; die Furcht des Sohnes vor dem Vater war die des Thieres . Man behauptete , daß der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof trotz seiner Jahre noch im Stande war , den baumstarken , jüngern Mann niederzuwerfen und ihn auch schon oft mit beiden Händen eine Viertelstunde lang auf der Erde gehalten hatte Auge in Auge , Mund gegen Mund den Trotz desselben bändigend . Mit einem kurz zusammengeschleiften , liebkosenden Hui-hu ! Hui-hu ! Hui-hu ! trat der Kronsyndikus ins Haus . Die Verständigung im Erdgeschoß , die Begrüßungen und Auseinandersetzungen hörte Lucinde nicht . Aber das vernahm sie , daß es nicht sanft herging , daß die Kinder , der Pfarrer , die muthige Frau Pfarrerin wie immer thätig sein mußten , die Vermittler und Beruhiger zu machen . Zuletzt kam der Diener des Kammerherrn , mit dem Lucinde schon lange conspirirte , auf den Zehen zu ihr geschlichen und theilte ihr flüsternd mit , daß es sich um die Abreise des Kammerherrn , seine alte doch noch beschlossene Vermählung mit einem Freifräulein handelte , aber auch von seiner Weigerung und dem unwiderruflichen Entschluß , nur Lucinden zu seiner Gemahlin zu erheben ... An dem wilden Lachen des Vaters , das dann und wann heraufschallte , merkte man den Eindruck dieser Eröffnungen des Kammerherrn , der immer stiller wurde und zuletzt sogar in das gewöhnliche Schlußstadium seiner Wuthanfälle fiel , in ein an diesem starken und mächtigen Manne ganz besonders schreckhaftes feiges Verzagen , das sich bis zum Weinen und lauten Wehklagen steigern konnte . Wie dies stoßweise Schluchzen schon vernehmbar wurde , hörte man von unten heraufkommen . Fort ! rief Lucinde dem Diener zu und stand auf dem Sprunge , die Thür zu schließen . Der Diener ging und that , als wär ' er im Begriff gewesen eben auf den Boden zu steigen . Die Pfarrerin aber war ' s , die kam . Sie klopfte leise an und bat Lucinden mit weicher Stimme herunterzukommen , der Vater wünschte sie zu sehen . Er kann heraufkommen ! antwortete sie in beklommener Angst . Ich bitte Sie , Fräulein Schwarz ! sagte die Frau und drängte . Nein ! Nein ! Ich komme nicht ! Damit verschloß sie auch noch ihre Thür . Verriegelt hatte sie sie gleich beim ersten Hineinschlüpfen . Nach einer Weile , während die Pfarrerin seufzend gegangen war , hörte Lucinde den schweren , sporenklirrenden Tritt eines Mannes auf der Stiege . Eines der Kinder zeigte ihm den Weg ; und bald hörte sie ein Klopfen , das unfehlbar mit keinem menschlichen Finger , sondern mit dem Knopfe der Reitpeitsche erfolgte . Zitternd stand sie und wagte nicht zu öffnen . Als das Klopfen mit einigen freundlichen Worten wiederholt wurde , öffnete sie und mußte staunen , den Kronsyndikus ohne Stock oder Reitpeitsche zu sehen ; wirklich waren es nur seine Finger gewesen , die geklopft hatten . Die große Gestalt trat ein . Auffallend war die Aehnlichkeit mit dem Sohne , nur hatten Wuchs und Kopf nichts Gedunsenes wie bei diesem . Wettergebräunt , mit leisen Pockennarben überlaufen und hier und da mit Warzen besetzt war das Antlitz ; rothe Flecken um die stumpfe Nase und die knochigen Wangen verriethen die Liebe zum Wein ; die dicken Augenbrauen waren gelbweiß , die Haare noch stark und von gleicher gelbweißer Farbe . Man sah das Bild eines auf seinen Namen , seinen Rang , seine Verbindungen , vielleicht auch auf seine eigenen Meinungen und Entschließungen sich mit unerschrockener Festigkeit stützenden Adeligen , das Bild eines Mannes , den Widerspruch erbitterte . Lucinde hatte aber kaum einige Worte von ihm gehört , so bemerkte ihre Klugheit auch sogleich , daß diese Art Menschen dann ungefährlich , ja sogar zuvorkommend und liebenswürdig werden kann , wenn man allen ihren Gedanken nachgiebig folgt und sie ganz für etwas ebenso Großes und Vorzügliches nimmt , als wofür sie gehalten sein will ... Auf die ersten von ihm statt drohend sogar im Gegentheil schmeichelnd ausgesprochenen Begrüßungen des schönen Mädchens , auf seine Versuche zur Courtoisie und sogar eine Befangenheit , die von Lucindens Erscheinung geblendet war , gewann sie bald den Muth , seinen Worten Stand zu halten . Sie war in der gewählten Tracht , die der Kammerherr , der sie noch nie unzart berührt hatte , und sie nur anschauend und bewundernd liebte , an ihr besonders gern hatte . Sie trug ein schwarzseidenes Kleid , hatte in ihr geflochtenes , offenes Haar einige bunte Bandschleifen gesteckt , die ihr weit bis in den Nacken hingen , und benahm sich mit der ihr eigenen und , wie alle , die sie näher kannten , es nannten , ihr siegreich zu Gebote stehenden träumerischen Kindlichkeit , die den Eindruck eines Wesens sogar voll Poesie und Unschuld machte . Der wilde Freiherr war sogleich gewonnen und rühmte den Geschmack seines Sohnes mit vielen humoristischen Donnerwettern , Sackerlots und zudringliche à la bonne heures . Ohne viel Umschweife zu machen , erklärte er , daß der Kammerherr eine Baronesse von Tüngel heirathen müsse ; er wisse sehr wohl , und auch seiner künftigen Gemahlin würde es nicht verborgen bleiben , daß der Junge seine tollen Stunden hätte , doch lasse er sich leiten , wie ja dieser Aufenthalt hier in Eibendorf bewiesen hätte . Ferner : Er wisse auch , daß ihm selbst die Kunst abginge , mit einem Menschen , der ganz aus der Art geschlagen , richtig zu verkehren ; daß Jérôme das Pulver nicht erfunden , sei bekannt ; der Titel eines Kammerherrn wäre die Gnade eines benachbarten Fürsten gewesen , in dessen Gebiete einige seiner Güter lägen ; sein älterer Sohn , der Regierungsrath , hätte dafür des Verstandes nur zu viel ; die Natur gliche gern aus , und ein Unglück wär ' es nicht , wenn der Bund mit den Tüngels zur Ausführung käme ; Kinder würde es schwerlich geben ; wie viel eine richtige weibliche Behandlung zu thun vermöchte , hätte ja Lucinde bewiesen , und er wäre ihr von Herzen dankbar dafür . Daß er seinen Dank , wie er gleich aufrichtig hier bekennen wollte , bis zur Adoption einer solchen Schwiegertochter , wie sie wäre , steigerte , davon könnte natürlich keine Rede sein . Der große Narr weine zwar und wolle nicht von ihr lassen ; es würde sich aber auch das bei ihm geben . Einstweilen möchte er selbst nicht allzu lange in dem Hause hier verweilen : er müsse bekennen , weder allzu viel Weihrauchduft noch luthersche Pfarrhausluft wäre sein besonderer Geschmack ; leider hätte er einen katholischen Pfarrer nicht wählen können , da es ja den » armen Käuzen « an einer Pflegerin und zerstreuenden Kindern fehle . Das Beste wäre , sie folgten ihm einmal vorläufig alle beide , der Kammerherr und Lucinde . Schloß Neuhof wäre sehr groß , hätte nicht nur zwei Seitenflügel , sondern im Park auch noch ein paar Pavillons , von denen sie den einen ganz allein beziehen könne und zwar so lange , bis das Arrangement mit den Tüngels getroffen wäre und sie sich dann in aller Stille eines Tages entfernen oder sonstwo auf seinen Gütern etabliren könne . Für ihre Existenz » so oder so « solle schon gesorgt werden ; denn die Undankbarkeit wäre einer der letzten von den alten Fehlern der Wittekinds ... Und nun schloß er , auch von der Bündigkeit seiner eigenen Darstellung geschmeichelt , mit einem Gelächter , daß die ganze Stube schütterte . Er zog dabei Lucinden an sich , um sie zu küssen , was auch erfolgt wäre , wenn ihn in seinem gewaltigen , selbstzufriedenen Lachen und dem Versuch , seinen rauhen Backenbart an der Sammtwange des Mädchens zu reiben , nicht ein Husten überkommen wäre , den er auf die verdammte Witterung , das heurige zu späte Eintreffen des Frühlings und » allerlei sonstigen niederträchtigen Aerger « schob ... Lucinde hatte keine Veranlassung , diesen Anordnungen Widerstand zu leisten . Sie selbst sehnte sich aus einem Hause hinweg , in dem sie die frühere Werthschätzung vermißte . Die Schraube mit dem Kammerherrn und der Möglichkeit , sich in eine glänzende Lebensstellung zu versetzen , ging ja noch fort . Vorläufig standen die neuen Verhältnisse , die der Kronsyndikus in Aussicht stellte , schon so lebhaft vor ihrer Phantasie , daß sie den Gedanken , in einem großen schönen Park einen eigens für sie eingerichteten Pavillon zu bewohnen , sich schon ganz mit allen möglichen Farben , ausmalte . Ihre ängstliche Schüchternheit aber legte sie nicht ab . Diese war auch vielleicht nicht ganz gemacht . Noch hatte überhaupt das Leben die wirren Stoffe , die in ihrem Innern lagen , nicht verarbeitet bis zur klaren Unterscheidung von Gut und Böse . Ihr Instinct sagte ihr jetzt , daß sie sehr anspruchslos und ungefährlich erscheinen müsse , wenn sie die gute Meinung , die der Kronsyndikus von ihr gefaßt zu haben schien , behaupten wollte . Daß sie sich mit dem , was er in Aussicht stellte , nicht ganz zufrieden geben würde , wußte sie schon . Damit sie aber dahin gelangte , mehr zu gewinnen , war es nothwendig , alles mit sich geschehen zu lassen , was der Kronsyndikus vorschlug . Sie erkannte gleich seine Art , als sie ihm wegen dieser weisen Anordnung ganz besonders innig gedankt und ihn damit noch wohlwollender gestimmt hatte . Sein ganzes Leben war , nach der gewöhnlichen Vorstellung solcher Charaktere , eine einzige große Erfahrung von Undank . Lucinde gefiel ihm immer mehr , und er sagte auch unten , daß in ihren schwarzen Augen etwas läge , was ihn , so alt er wäre , selbst noch thöricht machen könnte . Der unruhige und stürmische Geist des Mannes verlangte die allgemeine Abreise schon vor Ende des Tages . Der Kammerherr ließ alles geschehen , was man anordnete , blieb ihm doch sein Liebstes auf Erden , das Ideal seiner Träume , die ewig gleiche Belebung seiner Bilder , seine Schülerin , seine Heilige . Wie ein Kind nahm er Abschied von dem Hause des Pfarrers und den nächsten Umgebungen . Noch an den Riedbruch in dem Walde war er , bis an die Knöchel versinkend , gegangen und hatte an derselben Stelle , wo er einst Lucinden gefunden , einige schon sprossende Gräser und Schneeglöckchen gepflückt . Schon lange verkündete hier ein Würfel aus Sandstein mit einigen Emblemen des Philosophen jener kleinen Stadt , dessen System er an der Drechselbank und auch aus einigen bei demselben persönlich nachgeschriebenen Heften so bewunderte , und auf diesem Würfel das eingegrabene griechische Wort : » Heureka ! « ( Ich habe gefunden ! ) allen Blumen und Vögeln und Schmetterlingen und Käfern sein Glück - diesen wol allein , denn Menschen verirrten sich des sumpfigen Weges nicht . Der Pfarrer selbst , dem eine bedeutende Einnahmequelle versiegte , sah den oft so unholden Gast mit Rührung scheiden . Die Pfarrerin meinte : Man gewöhnt sich so bald an das , was tägliche Pflicht geworden , selbst wenn Plage und Qual damit verbunden ist . Den Verlust der Einnahme mußte man zu verschmerzen suchen , mischte sich doch auch das angenehme Gefühl in den Scheideaugenblick , erlöst zu sein von einem Alp wie Lucinde . Einen Misbrauch ihrer Schönheit , ein übles Beispiel , das sie den Kindern im Genuß ihrer Triumphe gegeben , konnte man ihr nicht nachsagen . Da sie aber die gewohnten und allgemeinen Wege in keinem Dinge gehen mochte und an kleinen Verwirrungen , die sie schon genug in den nächsten Beziehungen des Hauses angerichtet hatte , förmlich Freude zu empfinden schien , so sah man sie mit erleichtertem Herzen ziehen . Lucinde wußte das und machte von ihrem Gehen keine Umstände . Nur den Kindern im Hause und manchem Fleißigern in der Schule ließ sie zurück von ihrem Ueberfluß an Kleinigkeiten und hunderterlei Bagatellen , die ihr der Kammerherr verehrt hatte . Die Reise ging über das Eggegebirge der westfälischen Abdachung zu . Obgleich der Kronsyndikus mit der Mehrzahl seiner Güter der großen norddeutschen Monarchie angehörte , schien sein Herz doch mehr an Hannover , an Braunschweig , an Lippe , Bückeburg , Detmold zu hängen , in deren Gebieten er gleichfalls angesessen war . Ja , bis in den höhern Norden hinauf , bis Hamburg , bis Kiel hin besaß er einzelne , durch Verschwägerungen und alte Familienbeziehungen ihm zugefallene Güter . Der Kammerherr schien dabei trotz alledem sein Lieblingssohn . Des ältern , des Regierungsraths , wurde nur mit Gereiztheit gedacht , ja , in den Spott , in den er zuweilen über die Welt , in welcher jener lebte , ausbrach , stimmte der Kammerherr mit ein , sodaß man beide dann in ein mit ganz gleicher Tonart gesetztes Lachen sich ausschütten hören konnte . Die freie , ungebundene , ja zügellose Art des Vaters fiel Lucinden bald genug auf . Der Kammerherr war viel sittsamer . Sein Vater gab ihm das Zeugniß , daß der » alte Schafskopf « , wie er ihn nannte , immer nur Hunde und seine sogenannten guten Freunde geliebt , immer nur vor den Damen wie ein Duckmäuser gestanden hätte und zu seinem höchlichsten Erstaunen nun doch noch in den Apfel der Erkenntniß beißen wollte ... Wenn er eine solche Vergleichung brauchte , lachte er sich selbst Beifall , und Lucinde wußte schon , wie gern er sah , wenn sie darüber auch den Mund in Lächeln verzog . Sie erntete dafür über ihren Verstand und ihre Zähne Schmeicheleien so derber Art , wie sie der Kammerherr nie auszusprechen gewagt hatte . Diese Reise währte eine halbe Nacht und einen halben Tag . Man fuhr mit vier Pferden Extrapost . Am Wege sah man dann und wann Crucifixe und Heiligenbilder . Die an historischen Erinnerungen so ahnungsreiche Gegend war jetzt gemischter Confession . Bei der Frage nach Lucindens Herkunft , sonderbarem Vornamen , religiösem Bekenntniß kam es zu einigen Erörterungen über die Stadt , aus der sie entflohen war . Und nun fragte der Kronsyndikus von Wittekind selbst , ob Lucinde dort nichts von einer gewissen Gülpen oder Buschbeck , wie sie sich nenne , gehört hätte . Und trotzdem , daß sie ja auch dem Kammerherrn schon diese Namen ausgesprochen hatte , antwortete sie : Nein ! Sie fürchtete weitere Fragen über ihre Herkunft und die Ursache der Bekanntschaft mit jener unheimlichen Frau . Der Kammerherr hätte sich der frühern Frage Lucindens nicht erinnert , aber er war auch in dem Augenblick gerade beschäftigt , mit einem Perspectiv die Fenster eines Herrensitzes zu fixiren , an dem sie in einiger Entfernung vorüberfuhren . Er entdeckte dort seinen zweitbesten Freund , den Grafen Zeesen , der trotzdem , daß es erst April war , schon Fliegen zu jagen schien . Lucinde brauchte das Glas nicht , um zu sehen , daß der Graf alle Fenster im ersten Stock seines » Hofes « offen hatte und mit der Fliegenklatsche die dort demnach ganz unglaublich frühzeitigen Störenfriede hinausjagte ... Der Kronsyndikus war offenbar über seine eigene Frage nach der » Hauptmännin « in Gedanken verloren , sonst hätte er um einige Meilen weiter nicht so unbefangen von einer jungen Dame gesprochen , die sie auf den Wiesenwegen , die einen kleinen Edelhof umgaben , einsam und , wie es schien , tief nachdenklich spazieren gehen sahen . Es war dies Therese von Seefelden , die Verlobte jenes Grafen Zeesen ... Kaum begann der Kammerherr von den vortrefflichen Eigenschaften seines Freundes , des Grafen , und hatte eine Parallele zwischen ihm und dem » Verräther « , dem Doctor Klingsohr , zu ziehen angefangen , als der Kronsyndikus mit dem Fuß aufstampfend rief : Schweig ! Nenne mir den hundsföttischen Namen nicht ! Man erfuhr jetzt , daß der leidenschaftliche Mann in diesem Augenblick nicht nur von der Zukunft seines Sohnes , sondern von vielen andern Dingen , vorzugsweise aber von seinen Beziehungen zu dem Vater jenes Klingsohr , seinem Generalpachter , auf das heftigste gereizt war . 10. Immer und immer schon war ein gewisser » Deichgraf « genannt worden , ein Titel , nach dessen Bedeutung Lucinde nicht fragen mochte . Wie sicher sie zwar in allem , was zur Bildung gehörte , jetzt schon Stand hielt und einen über Geldangelegenheiten vom Vater in französischer Sprache begonnenen Discurs mit der endlos belachten Bemerkung unterbrach , ob sie nicht lieber polnisch sprechen wollten , was sie weniger verstünde als französisch , so hütete sie sich doch , auf Gebiete einzugehen , wo sie in keiner Weise heimisch war . Sie bildete sich da jenes bekannte aufmerkende und geheimnißvolle Schweigen aus , das bei Leuten , denen Bildung überhaupt zugestanden werden muß , immer annehmen läßt , daß sie über jeden vorliegenden Fall , und beträfe er die Inschrift einer ägyptischen Pyramide , vollkommen au fait sind . Bald merkte Lucinde aus den Drohworten , die der Kronsyndikus ausstieß , daß es mit dem Deichgrafen eine besondere Bewandtniß hatte . Dieser » Graf « schien nur ein Bürgerlicher zu sein . Es war der erste Pachter des Freiherrn von Wittekind . Der Kronsyndikus nannte ihn unausgesetzt bald einen Hund , bald einen Schurken ; ja , er erklärte , daß er ihm bei erster Gelegenheit und , wie er sagte , » stanta pe « eine Kugel vor den Kopf brennen würde . Der Kammerherr wünschte neue Vorkommnisse des Zwistes zu wissen , aber der Vater schien von denselben so ergriffen zu sein , daß er zuweilen die an ihn gerichteten Fragen ganz überhörte ... Das Terrain war eine Zeit lang nur eben gewesen . Auf den Gütern des Freiherrn , die von der Straße ostwärts lagen , wurde es wieder von Anhöhen unterbrochen , und auf der höchsten Höhe lag Schloß Neuhof wie eine leuchtende Krone der ganzen in Saatengrün , Wald und Wiese prangenden Gegend . Diesem Schloß , diesen reichen Fluren nach zu schließen , mußte der Kronsyndikus fürstliche Einnahmen beziehen , womit freilich sein Dingen und Zanken mit den Postillonen und Wirthen in Widerspruch stand . Lucinde hatte den Muth , ihn seines Geizes wegen aufzuziehen , wozu er ganz beistimmend schmunzelte und ihr in die Wangen kniff mit den Worten , daß er von solchen hübschen Kindern wie sie in seinem Leben leider nur zu oft solche Wahrheiten hätte hören müssen . Ehe man auf die bedeutende , aber sanft aufsteigende Anhöhe gelangte , von welcher das im vorigen Jahrhundert gebaute Schloß herniederleuchtete , hatte sich in die jeweiligen Auseinandersetzungen des Kronsyndikus über die Ernte , die neuen Wegebauten , die Kirchen und Klöster , die man in der Ferne aufragen sah , über einen oft citirten Landrath von Enckefuß , den sein Auge da und dort zu erspähen glaubte , dann wieder über den Reichthum und die hohe gesellschaftliche Stellung der Tüngels und über die Vorzüge der freilich nicht mehr ganz