Exredaktionspudel sprang auch wie toll hinter uns her ; » gaudeamus igitur « tönte des Doktors Baß in das beginnende Konzert der Vögel , unser Sommersonntag im Walde hatte begonnen . Welch ein Tag war das ! Dieses erste Eintreten in die grüne Blätterwelt - dieses Aufatmen aus voller Brust ! Der Doktor hatte mit der sich gewaltig sträubenden Liese einen ordentlichen Galopp angeschlagen und war unsern Augen entschwunden , unsern Ohren aber nicht . Die Kleine lachte - wurde ärgerlich - bat ; der Pudel bellte aus Leibeskräften , und der Doktor fiel aus einem seiner Studentenlieder ins andere . Mit seiner Ausweisung schien der alte Jenenser Bursch alle gesellschaftlichen Bande für aufgelöst zu halten . » Das ist ein sonderbarer Menschentypus « , sagte Roder lächelnd , als wir langsamer hinterhergingen : » die personifizierte Gutmütigkeit unter dieser tollen , barocken Maske . Wir sind Jugendfreunde , welches sonderbar scheinen kann , da er in Lumpenhausen das Gymnasium besuchte , während ich auf dem Seminar mich zum Schulmeisterlein einpuppte . Ebensogut hätte ein Guelfe mit einem Ghibellinen Arm in Arm auf der via dei malcontenti in Florenz spazierengehen können . - Aber es war so , er lehrte mich Zigarren drehen , ich dagegen brachte ihm bei , sich auf dem Klavier mit einem Finger zu dem famosen Liede zu begleiten : Mihi est propositum In taberna mori ... Später verlor ich ihn aus den Augen ; ich wurde Hülfslehrer in Lammsdorf , er ging auf die Universität . Da saß ich eines Abends und untersuchte Moose durch die Lupe , als mich plötzlich jemand auf die Schulter klopfte und eine Bierbaßstimme - wie weiland Leibgeber zum Armenadvokat Siebenkäs - ' n Morgen , Roder hinter mir sagte . Es war Wimmer , der , wegen Übertretung der Duellgesetze relegiert , die große Tour machte , wie er sagte . Geld besaß er schon damals nicht , aber viel Humor und guten Mut , und so hat das Schicksal uns öfters wieder einander in den Weg geführt , und immer war der Doktor Wimmer - derselbe ... « » Und aussterben wird diese Art nicht in Deutschland , solange man noch die Namen : Bier , Romantik und Politik nennen hört « , sagte ich . » Halt « , rief der Lehrer , » welch ein prächtiges Aconitum , entschuldigen Sie ! « Damit sprang er ins Gebüsch , die Pflanze auszugraben , während ich in den Bart murmelte : » Und auch deine Art , deutsche Seele , wird nicht ausgehen , solange noch in eine Blüte das deutsche Gemüt sich versenken kann zwischen Weichsel und Rhein . « » Onkel Wachholder , Onkel Wachholder ! Kommt alle schnell , schnell einmal her ! « rief jetzt Lieschen in der Ferne . » Was gibt ' s denn , Liese ? « ruft Roder , seine Blume in die Botanisierbüchse legend . » Ein wunder-wunderhübsches Vogelnest hat der Onkel Doktor gefunden ! « schallt es wieder , und wir setzten uns in Trab . Auf einem kleinen sonnigen Platz seitab vom Wege stand der Doktor , hochrot vom Singen und Rennen , und ließ die Kleine in einen Fliederbusch schauen . Liese , den Atem anhaltend , um die kleine piepende Welt nicht zu stören , guckte selig durch die Zweige , während der Rezensent das Wunder weiter unten suchte und , den Kopf und Leib im Laubwerk verborgen , nur die Hinterbeine und den wedelnden Husarenbusch zeigte . » Nicht wahr , Liese , das mußte ich dir doch zeigen ? ' s ist doch prächtig , wenn einen die Polizei so früh hinausjagt in den Wald ! « Ein Buch guckte dem Doktor hinten aus der Rocktasche , und der Lehrer zog ' s ihm heraus . Es war - » Reineke de Voß « , des Doktors ewiger Begleiter auf allen seinen Fahrten , den er fast auswendig wußte . Bei der Berührung des Lehrers sah er sich auch sogleich um und begann : De quad deyt , de schuwet gern dat licht : Also dede ok Reinke de bösewicht . He hadde in de stad so vele missdan , Dat he dar nicht dorfte kamen noch gan . He schuwede seer des Konniges hoff Darin he hadde seer kranken loff ! - » Aber hier , Liese , ist ' s was anderes ; wenn wir hier ein Vogelnest finden , so dürfen wir auch hineingucken und unsere Meinung darüber sagen . « » O das ist wunder-wunderhübsch « , ruft die Kleine , welche gar nicht hört , was der Doktor sagt . » Sieh , der alte Vogel fürchtet sich gar nicht - oh , welche große Schnäbel - er sitzt ganz still zwischen seinen Jungen und sieht nur nach dem Rezensenten hinunter ! - Er tut dir nichts , kleiner Vogel , bleib ruhig sitzen ! « - Jetzt ließ der Doktor das Kind auf den Boden gleiten : » Nun lauf zu Fuß « , sagte er , » das Gras ist trocken . « Welch ein Tag ! Noch zogen weiße Wölkchen über die Baumwelt weg , bald aber hatte die Sonne sie verzehrt , und das ewige Blau lächelte rein und klar auf uns herab . Immer tiefer versenkten wir uns in die duftende Wildnis : » Wo lassen wir alle die Blumen , die wir pflücken , Lieschen ? « - Die Händchen sind schon so voll , daß wir bei jedem Schritt eine verlieren und daß der Doktor sagen muß : » Ist ' s nicht wie im Märchen , wo der Vater die verlorenen Kinder durch hingestreute Steinchen wiederfindet ? Ein verfolgter Zeitungsschreiber - schrecklich - die Häscher sind ihm auf den Fersen - wo hat er sich hingewendet ? - Ha , sagt der erfahrenste der Spürer , ein wahrer Pfadfinder auf der Vagabondenjagd - seht die Blumen - untermischt mit Zigarrenenden ! Laßt uns dieser Spur folgen , Bruder ! - Ha , seht hier im weichen Boden die Hundetapfen ! - Er ist ' s , er ist ' s. - Fort , ihm nach ! - Schrecklich ! « » Bravo , Wimmer ! « lachte der Lehrer , der wieder eine Pflanze im Gehen zerlegte . » Welcher Stoff für dein nächstes Werk : wo du es auch schreiben magst , ich hoffe auf ein Exemplar . « » In München werde ich es schreiben , Verehrtester ! Habe ich nicht einen Kontrakt mit dem Buchhändler und Eigentümer der Knospen - Gabriel Pümpel , in der Tasche ? Ist nicht Gabriel Pümpel mein Onkel ? Ist nicht Nannette Pümpel meine Kusine ? Wetter , ich sehne mich ordentlich nach dem Nannerl ! « » Doktor ! Doktor ! « rufe ich lächelnd . » Wahrhaftig « , seufzt der eliminierte Schriftsteller , » ich habe heute ordentlich Lust , solid zu werden . « Ehrlicher alter Bursch ! » Also das waren deine Gedanken « , sagt der Lehrer lächelnd und gerührt , » als du gestern den ganzen Nachmittag auf meinem Sofa lagst ? Ich konnte dich vor Tabaksqualm nicht recht sehen , aber du schienst mir außergewöhnlich nachdenklich und träumerisch . Gottlob , wenn diese Exilierung so ausschlüge . « » Hurra « , schreit der Doktor , den Hut in die Luft werfend : » Es leben die Knospen ! Es lebe das Bockbier ! Es lebe das Haus Pümpel und Kompanie ! « Der Exredaktionspudel ist außer sich ; jetzt hat er die größte Lust , Elise vor Wonne über den Haufen zu werfen , jetzt springt er an seinem Herrn in die Höhe , jetzt ist er im Gebüsch verschwunden , jetzt kommt er auf der andern Seite wieder zum Vorschein ! Bums - da liegt er im Grase , wälzt sich , daß man nicht weiß , was oben oder unten . Beine oder Rücken , Kopf oder Schwanz ist ! » Wer hat eine Uhr ? Niemand ? Desto besser , der Magen ist unsere Uhr . Hier unter dieser prächtigen Buche wollen wir uns lagern . Wie das Moos so weich ist ! Ausgepackt die Taschen , den Korb , die Botanisierbüchse ! Eine Flasche Wein erscheint . Wer hat einen Korkzieher ? Niemand ? Desto besser , wir schlagen ihr den Hals ab ; ein niedliches Glas hat Elise mitgebracht . « » Holla , Roder , aufgepaßt ! Rezensent hat den Kopf in Ihrer Rocktasche ! « » Welch Behagen , sich so im weichen Grase auszustrecken ! Wie das schmeckt im grünen Walde ! - Die alte Martha soll leben , sie hat prächtig gesorgt . « » Komm , Kind , unsere kleinen Beine sind doch wohl müde ! Was bedeuten diese Faden ? Aha , jetzt werden wir Kränze winden . Welche prächtigen wilden Rosen ! « » Sieh , da kriecht ein Marienkäfer auf deinem Arm , Lieschen ; - er entfaltet die Flügel - prr , dahin geht er , ein kleines rotes Pünktchen im Sonnenstrahl . « Elise schaut ihm nach und fängt an zu singen : Marienvogel kleine , Rühre deine Beine , Kriech an meinem Finger ' nauf , Setz dich als das Knöpflein drauf ! Ist er nicht ein hoher Turm Für so kleinen roten Wurm ? Und dann mit ganz feiner Stimme : Roten Purpur trag ich , Flüglein viere schlag ich ! Gar kein Flüglein regst du , Nur zwei Bein bewegst du - Sechs Beine rühr ich , Sieben Punkte führ ich , Fliege höher als der Turm ! Wer ist nun der kleine Wurm ? - Etsch ! Die Sonne muß draußen gar heiß und drückend sein , sie steht hoch im Mittage . Hier aber hat sie die Herrschaft mit dem Schatten zu teilen , und zwar so , daß man gar nicht mehr weiß , wo Dunkel , wo Licht ist , so flimmert und zuckt beides durcheinander . » Wirst du müde , Lieschen ? Berauscht dich der Waldduft , kleines Herz ? Komm , lege dein Köpfchen hierher : keine Mücke , keine Fliege , und wenn sie noch so golden wäre , soll dich im Schlummer stören . Schließe dreist die Augen und träume einen hübschen Elfentraum von Schmetterlingen und Blumen und kleinen Vögeln . « Wie behaglich der Pudel gähnt und , den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt , mit den Augen blinzelt . » ' s ist doch ein ganz ander Ding ohne Maulkorb , nicht wahr , Rezensent ? « Wie , der Doktor so nachdenklich die blauen Zigarrenwölkchen von sich bläst ! Denkt er an seinen ersten Aufsatz in den » Knospen « , denkt er an die Münchener Kusine ? Wie sich der Lehrer mit leuchtenden Augen in die Pflanzenschätze seiner Botanisierbüchse vertieft ! » Heda , Roder , was für ein Heft schaut da zwischen den Blättern und Wurzelwerk hervor ? « » Her damit ! « Der Lehrer errötet und reicht lächelnd das Heft herüber . » Was sehe ich ! Vermag der Schulstaub solche Blüten zu treiben ? ! « Grinsend streckte der Doktor Wimmer den Kopf über meine Schulter und machte nach einigen Blicken auf das Manuskript sogleich Anstalt , es für die » Knospen « mit Beschlag zu belegen , aber der Lehrer tat gewaltig Einsprache dagegen . Später schenkte er es mir . Soll ich ein Blatt daraus der Chronik einschieben ? Es sei ! Da ist eins . » Ich lag am Rande des Bachs und sann nach über die Geschicke der Völker und Könige und über - meine Liebe . Hinten in der Türkei lagen jene einander in den Haaren , und drüben in der kleinen Gartenlaube saß mein Schatz und schmollte . Ah ! Lippe-Detmold ist mein Vaterland - was geht mich die Orientalische Frage an und der General Sabalkanskoi und die Schlacht bei Navarino ? ! Aber das Frauenzimmer dort ? Beim großen Pan , damit muß es anders werden ! Rot wie die Liebe ist der Abendhimmel : goldne Wölkchen , weiße Tauben schweben darin hin und wider wie Liebesgedanken ... Wo sind meine Diplomaten , wo meine Kabinettskuriere ? Es schwanken die Gräser - es regt sich - es läuft , es kriecht , es klettert , es hüpft , es flattert und fliegt - tausendbeinig , tausendflügelig ! Es zwitschert und summt tausendtönig ! Dichter-Minister , Frühlings-Räte , Liebes-Gesandte versammeln sich um mich zu Rat und Tat . Wohlan - die Konferenzen sind eröffnet ! Allen Gegenwärtigen und Zukünftigen Gruß ! Wen send ich zuerst an jene dort hinter , den Holunderblüten ? Ach ! Du da - fort mit dir zu ihr hin - du mein leichtgeflügelter , magenloser Herold , du , den sie den roten Augenspiegel nennen , zeig ihr auf deinen weißen Schwingen die beiden Purpurtropfen , sag ihr , es sei Herzblut - mein Herzblut aus dem wilden Kampf um die Liebe , die rote Liebe ! Da flattert der Bote der Laube zu ; es zittert mein Herz , mein banges Herz . - ( Sie - niest ! ! ! ) O Dank , Dank , ihr ewigen , guten Götter , Dank für , das Omen ! ( Erkälte dich nicht , Luise , nimm ein Tuch um , hörst du ? ) Wer ist der zweite meiner Boten ? Schnell , schnell , meine kleine emsige Biene - hin zu ihr - summe ihr ins Ohr Honiggedanken , Hausgedanken , Leinen- und Drellgedanken ! ( Was hat das Frauenzimmer zu lachen über ihrem Nähzeuge in der kleinen Laube ? ) Und nun mein letzter Bote , mein schwarzer Trauermantel , flattere hin zu ihr ! Hör , was du ihr sagen sollst . Sag ihr : Luise , Luise , der Tag ist zu Ende - die Eintagsfliegen wurden müde , todmüde - der Bach schaukelt ihre armen kleinen Leiber fort , vorüber an den Blumen , über denen sie vor einer Stunde noch tanzten und spielten . Luise , Luise , das Leben ist kurz ; Luise , die Nacht bricht herein ; sieh den rotfinstern Streif im Westen , sieh , wie es im Osten unheimlich zuckt und leuchtet - horch , wie es grollt ! ( Es regt sich in der kleinen Laube ! Sie seufzt ! ) Luise , Luise ! ( Sie tritt heraus ! ) Luise , Luise ! Die Bäume schütteln ihre Blüten herab auf sie : Ave Luisa ! Der Abendwind flüstert ihr zu : Ave Luisa ! Die Blumen des Tages neigen sich ihr : Ave Luisa ! Die Blumen der Nacht öffnen ihre Weihrauchkelche ihr - Ave Luisa ! Ave Luisa ! ( Sie winkt ... sie lächelt ... ) Friede ! Friede ! Friede ! Läutet die Glocken im Reich ! ! ! Erleuchtet die großen Städte , die Dörfer ; erleuchtet jedes einsame Haus , Orgelklang in allen Domen , Kirchen und Kapellen ! Auf die Knie , auf die Knie alles Volk ! Männer , Weiber , Greise , Kinder . Jünglinge und Jungfrauen ! Herr Gott ! Dich loben wir ! Herr Gott ! Wir danken dir ! Friede ! Friede im Himmel und auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen ! « Ich kannte diese » Luise « des Lehrers gar gut . War sie nicht Gouvernante bei den Kindern des Baron Silberheim ? Hat sie nicht später den Lehrer Roder geheiratet ? Hat sie nicht Glück und Kummer und Verbannung mit ihm geteilt ? Seid gegrüßt , Otto und Luise Roder , wo ihr auch weilen mögt ! » Ei , das war schön ! « sagte Lieschen erwachend und das Köpfchen aufrichtend . Sie dachte an ihren Traum im Grünen , nicht an des Lehrers Phantasien - die hatte sie richtig verschlafen . » Was hat dir denn geträumt , Lieschen ? « fragte der Doktor , und das Kind blickte ihn verwundert an . » Hab ich denn geschlafen ? « fragte sie . » Das kann man bei solchem kleinen Mädchen , wie du bist , Liese , niemals recht wissen . Was hat du denn gesehen und gehört ? Erzähle mal ! « sagte ich . » Oh , es war wunderschön , was ich gesehen habe ! Ich konnte gar nicht über das Gras weggucken ; es war wie ein kleiner Wald , und welch eine Menge kleiner Tiere lief darin herum ! Und wenn ich die Augen zumachte , wurde alles so rot , als brennte der ganze Himmel , daß ich sie schnell wieder aufmachen mußte . Ich dachte , ich wäre ganz allein , da kam auf einmal ein wunderschöner gelber Schmetterling mit zwei großen Augen in den Flügeln , die unten ganz spitz zuliefen , der setzte sich dicht vor meinem Gesicht auf einen Halm und sagte mit ganz feiner , feiner Stimme : Ein schönes Kompliment , kleines Fräulein , und ob Sie nicht zum Tee kommen wollten zur Waldrosenkönigin ? Der Herr Lehrer las in diesem Augenblick was vor , ich hätte gern weiter zugehört und sagte es dem Schmetterling auch . Der aber sagte : bei der Königin säße ein gelehrter Herr , namens Brennessel , der hielte gar nichts von der Geschichte , ich solle daher nur dreist mitkommen . Ich fragte den Schmetterling , ob ' s sehr weit wäre ; er meinte : weit wär ' s nicht , aber wir müßten einen Umweg machen , da läge ein groß schwarz Tier im Grase , das habe greulich nach ihm geschnappt , als er vorübergeflogen sei . Das war der arme Rezensent ! Dann sagte der Schmetterling : er müsse auch den giftigen Wolken ausweichen , die da herumzögen und ihm seine hübschen Flügel ganz schwarz machten . Das war des Onkel Wimmers Zigarrendampf ! - Ich war auf einmal so klein geworden , daß mich der schöne gelbe Schmetterling ganz leicht auf seinen Rücken nehmen und forttragen konnte zu dem Rosenbusch dort bei der Buche . Da war eine gar niedliche vornehme Gesellschaft bei der Königin . Da war der brummige , böse , alte Herr Brennessel , dem jeder gern auswich ; da war die dicke Madam Klatschrose , die dicht hinter der hübschen Königin stand . Fräulein Elise , sagte die Königin , ich freue mich sehr , Ihre Bekanntschaft zu machen . Ist das Ihr Onkel dorten , der den häßlichen Dampf ausbläst ? - Nein , sagte ich , das ist der Onkel Doktor , den sie weggejagt haben aus der Stadt ; er schreibt Bücher und ist unartig gewesen und hat zuviel Kleckse und Schreibfehler gemacht ! - So , er schreibt Bücher ? Dann will ich ihn mal besuchen ! sagte der kluge Herr Brennessel böse ... « » Alle Wetter « , lachte der Doktor hier , halb ärgerlich über Liesens Traum , und griff mit der Hand hinter sich , um sich aufzurichten . » Au , Teufel ! « schrie er plötzlich . Er hatte wirklich mit der Hand in einen Brennesselbusch gefaßt ! Wir lachten herzlich , und nur Lieschen sagte ganz ernst : » Siehst du , Onkel Wimmer , das war er ! « Dann fuhr sie fort : » Wir tranken nun Tee aus wunderniedlichem Geschirr ( Onkel Wachholder , gib mir noch ein Butterbrot ! ) , und jeder erzählte eine hübsche Geschichte vom Frühling , Sommer oder Herbst ; vom Winter aber wußten sie nichts - da schlafen sie . Dabei hörte ich aber immer den Herrn Lehrer lesen , und Herr Brennnessel brummte dann dazwischen . Der war auch der einzige , welcher vom Winter erzählen wollte , es ward aber nicht gelitten . - Auf einmal hörte Herr Roder auf zu lesen , und ich lag wieder bei dir , Onkel Wachholder , im Grase , und Rezensent steckte dicht vor meinem Gesicht seine schwarze Nase zwischen den Halmen durch und guckte mich groß an . Das habe ich gesehen ! - War das nicht hübsch ? Und nun , Herr Roder - lesen Sie Ihre Geschichten noch einmal - bitte , bitte ! « » Danke schön « , sagte lachend der Lehrer . » Der kluge Herr Brennessel hatte ganz recht , und jetzt sehe ich auch ein : meine Geschichten sind gar nicht hübsch . « Wie lange haben wir so geträumt und erzählt und im grünen Gras und weichen Moos gelegen ? - Schon steigt die Sonne wieder abwärts am blauen Himmel ! Muß nicht der Doktor heute noch durch den Wald nach der nächsten Eisenbahnstation ? - Auf , Liese , winde dem Rezensenten den letzten Kranz um den schwarzen Pelz ! Laßt nichts zurück von euern Sachen ! Vorwärts ! - Auf engen , schattigen Waldpfaden geht ' s nun quer durch das Holz , bis wir endlich das Rollen der Wagen auf der großen Landstraße hören und zuletzt den weißen Streif durch die Stämme schimmern sehen . Horch , Geigen- und Hornmusik ! Im Weißen Roß mitten im Wald an der Chaussee ist Tanz . Die Haustür ist mit Laubgewinden geschmückt ; Stadtvolk und Landvolk drängt sich allenthalben davor und dadrinnen , im Haus und im Garten . Wir erobern noch eine schattige Laube , und der Doktor gerät in sein Element . Jetzt ist er oben im Saal , schwenkt sich lustig herum mit einer frischen Landdirne oder einer kleinen bleichen Nähterin aus der Stadt ; jetzt erregt er unter den Kegelnden ein schallendes Gelächter durch einen wohlangebrachten Witz ; jetzt sitzt er wieder bei uns , den Rock ausgezogen , glühend , pustend , fächelnd . Und überall , wo der Doktor ist , ist auch der Pudel . Jetzt oben im Saal wie toll zwischen die Tanzenden fahrend , jetzt , ausgewiesen wie sein Herr aus der Stadt , steckt er seine feuchte Schnauze unter unserm Tische hervor . Immer tiefer sinkt die Sonne herab . Doktor , Doktor , wir müssen scheiden ! Und der Doktor zieht den Rock wieder an und hängt die Reisetasche um . Wir alle stehen auf . » Also mußt du wirklich fort , Onkel Wimmer ? « fragt Elise weinerlich . » Jaja , liebes Kind ! « sagt der wunderliche Mensch plötzlich ernst . Er hebt die Kleine empor , die sich diesmal nicht sträubt , sondern selbst ihm einen herzhaften Kuß gibt . » Wirst du auch wohl zuweilen an den Pudel und mich denken , Lieschen ? « » Ganz gewiß « , schluchzt Lieschen , » und ich will schreiben , und der Pudel - nein , du mußt ' s auch tun ! « Der Doktor setzt die Kleine vorsichtig wieder auf ihren Stuhl . » Lebt wohl , Wachholder « , sagt er , » leb wohl , Roder , alter Freund ! « Der Pudel blickt ganz verblüfft von seinem ernsten Herrn auf uns und wieder zurück : es muß etwas nicht ganz in der Ordnung sein . » Lebt alle wohl ! Ein fröhliches Wiedersehen ! Alle ! En avant , Rezensent ! « schreit der Doktor , über die Gartenhecke und den Chausseegraben springend , und rennt , ohne sich umzusehen dem Walde zu . Am Rande bleibt er noch einmal stehen und schwenkt den Hut . » Smollis ! « ruft der Lehrer , ihm mit einem Glase zuwinkend . » Grüß die Münchener Kusine , die hübsche Nannerl ! « » Fiducit ! Soll geschehen ! « ruft der Doktor zurück und verschwindet hinter den Büschen . Rezensent steht noch am Rande , blickt nach uns herüber und stößt ein kurzes Gebell aus . Jetzt ist auch er verschwunden . Wir sitzen noch eine Weile still allein . » Gott gehe dem ehrlichen alten Gesellen Glück ! « sagt der Lehrer vor sich hin . Ein Omnibus will eben nach der Stadt abfahren . Was sollen wir noch hier ? Wir nehmen Plätze und steigen ein . Zurück geht ' s nun nach der großen Stadt , die staubige Landstraße hinunter . Fröhliche Gesichter jedes Alters und Geschlechts um uns her im dichtbepackten Wagen ! Wie die Sonne so prächtig untergeht ! Ade , du schöner Wald ! Ade , du alter Freund Wimmer ! Da sind wir schon in den Anlagen . Welche sonntäglich geputzte Menge noch ein- und ausströmt ! Wir steigen aus auf dem freien Platz vor dem Tor ; den Weg durch die Stadt bis in unsere Sperlingsgasse können wir wohl noch zu Fuße machen . Da sind wir , als es eben dämmerig wird . Sieh , dort steht die alte Martha strickend in der Tür ; sie erblickt uns und ruft : » Guten Abend , guten Abend ! « » Ach , Martha , das war schön - und - der Onkel Doktor ist fort ! « sagt die kleine müde Elise . Auch der Lehrer sagt jetzt gute Nacht und kehrt zurück in sein einsames Stübchen , eine lange Woche mühsamer Arbeit vor sich . Das war ein Sommertag im Walde , den ich hier aufzeichne in einer öden kalten Winternacht . Am 25. Januar Die Kälte ist aufs höchste gestiegen . Wenige Nasen werden in der Sperlingsgasse herausgestreckt , und die es werden , laufen rot und blau an . Welch ein Künstler der Winter ist ! Die Spatzen fährt er gelb und den freien Deutschen macht er ausrufen : Mein Haus ist meine Burg ! Was kann ein Chronikenschreiber bei so bewandten Umständen Besseres tun , als sein Haus einzig und allein zum Gegenstand seiner Aufzeichnungen zu machen und die große Welt draußen , die allgemeine Gassengeschichte , gehen zu lassen , wie sie will ? Im Jahre der Gnade 1619 verbrannten sie zu Rom einen Gottesleugner , genannt Julius Cäsar Vanini , der hob , auf seinem Scheiterhaufen stehend , einen Strohhalm zwischen den Holzklötzen auf und sagte lächelnd : » Wenn ich auch das Dasein Gottes leugnen würde , dieser Halm würde es beweisen ! « - Die Geschichte eines Hauses ist die Geschichte seiner Bewohner , die Geschichte seiner Bewohner ist die Geschichte der Zeit , in welcher sie lebten und leben , die Geschichte der Zeiten ist die Geschichte der Menschheit , und die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte - Gottes ! Wohin führt uns das ? Kehren wir schnell um und steigen wir die Treppen hinunter in das unterste Stockwerk . Da sitzt in dem vorderen Zimmer des Hauswirts und Tischlermeisters Werner eine weißhaarige , gebückte Frau in ihrem Lehnstuhl hinter dem Ofen , spinnend vom Morgen bis zum Abend . Das ist die alte Mutter , der Hausfrau , die Tochter des Erbauers des Hauses , welche , den Grundstein legen und den Knopf auf die Giebelspitze setzen sah und mit dem Hause und seiner Geschichte verwachsen ist durch und durch . Manche Leiche hat sie in den langen Jahren ihres Lebens hinaustragen sehen : ihre Eltern und alle ihre Geschwister , ihren Mann und alle ihre Kinder bis auf eins , die Anna , die Frau des jetzigen Besitzers . Sie hat den Sarg Mariens mit schmücken helfen und den Sarg Franzens ; sie hat ihre Freundin , meine alte Martha , mit hinausbegleitet zum Johanniskirchhof , wo dieselbe begraben ward an der Seite ihrer Herrin , und manchen andern vom Dachstübchen bis zur Kellerwohnung . Einst war sie das schönste Mädchen der Gasse - wie sie jetzt noch die schönste alte Frau ist - , und als der Hausknopf geschlossen werden sollte und jedes Glied der damals zahlreichen Familie ein Gedenkzeichen hineintat , legte sie errötend und unbemerkt ein kleines Blättchen hinzu , welches aus fernem Land gekommen war und die Überschrift trug : » Dieses kleine Briefelein kommt an die Herzallerliebste in Herz und Liebe . « und schloß : » ... meiner Liebsten noch einen Gruß und Kuß , und hoff ich zu kommen im Frühling mit den Schwalben und Hochzeit zu feiern freudiglich mit meinen Schatz , den grüßt und küßt in Gedankensinn sein herzlieber Gottfried Karsten Tischlergeselle . « Oft , wenn der Wind die alte Wetterfahne knirschen und kreischen läßt , mag sie wohl an das Blättchen im Knopf darunter denken und an den , der ' s schrieb und der nun auch schon so lange tot und begraben ist . An wie manches Kindbett im Hause aber auch ist die alte Margarete Karsten gerufen , und wie manches junge Leben hat sie aufblühen sehen im Hause Nr. sieben in der Sperlingsgasse ! Wer weiß soviel Wiegenlieder wie sie ? Wer weiß soviel Märchen , die alle anfangen : » Es war einmal « und damit enden daß jemand in ein Faß mit Nägeln und Ottern gesteckt und den Berg hinabgerollt wird ? Wer im Hause hat zu allen Tageszeiten so viele Kinder um sich , die den Geschichten lauschen , dem schnurrenden Rade zusehen und abends mit der zunehmenden Dämmerung immer dichter an den großen Lehnstuhl sich drängen ? Wie oft habe ich einst da die kleine Elise mit Rezensent an ihrer Seite gefunden , andächtig lauschend , und wie oft , wenn ich mit der besten Absicht kam , sie heraufzuholen zu Bett bin ich selbst sitzen geblieben , den Schluß einer Historie ab wartend , bis endlich auch noch Martha herabkam und es uns fast ging wie dem Herrn , welcher den Jochen ausschickte , den Pudel zu holen . Heute freilich treffe ich die kleine Liese nicht auf der Fußbank am Lehnstuhl sitzend , auch die alte Martha kommt nicht mehr herunter , uns beide abzuholen ; aber einen anderen treffe ich häufig genug seit Mitte des vorigen Herbstes , und dieser andere ist kein Geringerer als unser Freund und Nachbar , der Karikaturenzeichner Strobel . In der Werkstatt bei Meister und Gesellen , in der Küche bei der Hausmutter , überall ist der Zeichner ein willkommener Gast