jetzt bleib ' einmal bei dem was du hast , sei darauf bedacht , daß du auf deinem Platz bleibst . Das ist nichts , so wie ein Kukuk jede Nacht auf einem andern Baum schlafen . Ich könnt ' auch andere Plätze kriegen , aber ich will nicht , und ich hab ' s dahin gebracht , daß mir ' s hier gut geht . Schau , wer jede Minut ' auf einen andern Platz springt , den behandelt man auch wie einen Fremden ; man weiß , daß er morgen nicht mehr zum Haus gehören kann und da ist er schon heut nicht daheim drin . « » Ich brauch ' deine Predigt nicht , « sagte Dami , und wollte zornig davon gehen . » Gegen mich thust du immer kratzig und gegen die ganze Welt bist du geschmeidig . « » Weil du eben mein Bruder bist , « sagte Barfüßele lachend . Es gelang ihr jetzt den Bruder zu beschwichtigen und sie sagte : » Schau , mir fällt was ein , aber du mußt vorher gut sein , denn auf einem bösen Herzen darf der Rock nicht ligen . Der Rodelbauer hat ja noch die Kleider von unserm Vater selig ; du bist ja groß , die sind dir jetzt grad recht und du giebst dir auch ein Ansehen , wenn du mit solchem rechtschaffenen Gewand auf den Hof kommst , da sehen deine Nebendiensten auch , wo du her bist und was du für ordentliche Eltern gehabt hast . « Das leuchtete Dami ein , und trotz vielem Widerspruch , denn er wollte die Kleider jetzt noch nicht hergeben , brachte Barfüßele den alten Nodelbauer dazu , daß er dieselben Dami einhändigte und dann führte Barfüßele den Dami hinauf in ihre Kammer und er mußte sogleich den Rock und die Weste des Vaters anziehen ; er widerstrebte , aber was sie einmal wollte , das mußte doch geschehen . Nur den Hut ließ sich Dami nicht aufzwingen , und als er den Rock anhatte , legte sie die Hand auf die Schulter und sagte : » So , jetzt bist du mein Bruder und mein Vater , und jetzt geht der Rock zum Erstenmal wieder über Feld und es ist ein neuer Mensch drum . Schau Dami , du hast das schönste Ehrenkleid , was es geben kann auf der Welt ; halt ' es in Ehren , sei drin so rechtschaffen wie unser Vater selig gewesen ist . « Sie konnte nicht mehr weiter sprechen und legte ihr Haupt auf die Schulter des Bruders und Thränen fielen auf das Kleid des Vaters . » Du sagst , ich sei weichmüthig , « tröstete sie Dami , » und du bist es weit eher . « Allerdings war Barfüßele von Allem schnell tief ergriffen , aber sie war dabei auch stark und leichtlebig wie ein Kind ; es war wie damals die Marann ' bei ihrem ersten Einschlafen bemerkt hatte , Wachen und Schlafen , Weinen und Lachen hart neben einander ; sie ging in jedem Ereigniß und jeder Empfindung voll auf , kam aber auch rasch wieder darüber hinweg und in ' s Gleichgewicht . Sie weinte noch immer . » Du machst Einem das Herz so schwer , « jammerte Dami , » und es ist schon schwer genug , daß ich fort muß aus der Heimath unter fremde Menschen . Du hättest mich eher aufheitern sollen , als jetzt so , so - « » Rechtschaffenes Denken ist die beste Aufheiterung , « sagte Barfüßele , » das macht gar nicht schwer . Aber du hast Recht , du hast geladen genug , und da kann ein einziges Pfund , das man darauf thut , Einen niederreißen . Aber komm , ich will jetzt sehen , was die Sonne dazu sagt , wenn der Vater jetzt zum Erstenmal wieder vor sie kommt . Nein , das hab ' ich ja nicht sagen wollen . Komm , jetzt wirst schon wissen , wo wir noch hingehen wollen , wo du noch Abschied nehmen mußt ; und wenn du nur eine Stunde weit fortgehst , du gehst doch aus dem Ort , und da muß man dort Abschied nehmen . Ist mir auch schwer genug , daß ich dich nicht mehr bei mir haben soll , nein , ich meine , daß ich nicht mehr bei dir sein soll ; ich will dich nicht regieren , wie die Leute sagen . Ja , ja , die alte Marann ' hat doch Recht : allein , das ist ein großes Wort , das lernt man nicht aus was da drin steckt . So lang du noch da drüben über der Gasse gewesen bist , und wenn ich dich oft acht Tage nicht gesehen habe , was thut ' s ? Ich kann dich jede Minute haben , das ist so gut als wenn man bei einander ist ; aber jetzt ? Nun , es ist ja nicht aus der Welt . Aber ich bitt ' dich , verhebe dich nicht , daß du keinen Schaden leidest , und wenn du was zerrissen hast , schick ' mir ' s nur ; ich flick ' und strick ' dir noch , und jetzt komm ' , jetzt wollen wir auf den Kirchhof . « Dami wehrte sich dagegen und wieder mit dem Vorhalte , daß es im schon schwer genug sei , und daß er sich ' s nicht noch schwerer machen wolle . Barfüßele willfahrte auch hierin . Er zog die Kleider des Vaters wieder aus und Barfüßele packte sie in den Sack , den sie einst beim Gänsehüten als Mantel getragen hatte und auf dem noch der Name des Vaters stand . Sie beschwor aber Dami , daß er ihr den Sack mit nächster Gelegenheit wieder zurückschicke . Die Geschmister gingen mit einander fort . Ein Hirlinger Fuhrwerk fuhr durch das Dorf . Dami rief es an und packte schnell seine Habseligkeiten auf . Dann ging er Hand in Hand mit der Schwester das Dorf hinaus und Barfüßele suchte ihn zu erheitern , indem sie sagte : » Weißt du noch , was ich dir da beim Backofen für ein Räthsel aufgegeben habe ? « » Nein ! « » Besinn ' dich : was ist das Beste am Backofen ? Weißt ' s nicht mehr ? « » Nein ! « » Das Beste am Backofen ist , daß er das Brod nicht selber frißt . « » Ja , ja , du kannst lustig sein , du bleibst daheim . « » Du hast ' s ja gewollt , und du kannst auch lustig sein ; wolle du nur recht . « Still geleitete sie ihren Bruder bis auf den Holderwasen , dort beim Holzbirnenbaum sagte sie : » Hier wollen wir Abschied nehmen . Behüt ' dich Gott und fürcht ' dich vor keinem Teufel . « Sie schüttelten sich wacker die Hände und Dami ging Hirlingen zu , Barfüßele nach dem Dorf . Erst unten am Berg , wo Dami sie nicht mehr sehen konnte , wagte sie es , die Schürze aufzuheben und sich die Thränen abzutrocknen , die ihr die Wangen herabrollten , und laut vor sich hin sagte sie : » Verzeih ' mir ' s Gott , daß ich das von dem Allein auch gesagt hab ' ; ich danke dir , daß du mir einen Bruder gegeben hast . Laß mir ihn nur , so lang ich lebe . « Sie kehrte in ' s Dorf zurück , es kam ihr leer vor , und in der Dämmerung , als sie die Kinder des Rodelbauern einwiegte , konnte sie nicht ein einziges Lied über die Lippen bringen , während sie sonst immer sang wie eine Lerche . Sie mußte immer denken , wo jetzt ihr Bruder sei , was man mit ihm rede , wie man ihn empfange , und doch konnte sie sich das nicht vorstellen . Sie wäre gern hingeeilt und hätte gern allen Menschen gesagt , wie gut er sei und daß sie gegen ihn auch gut sein mögen ; aber sie tröstete sich wieder , daß Niemand ganz und überall für den Andern sorgen könne . Und sie hoffte , es würde ihm gut thun , daß er sich selber forthelfe . Als es schon Nacht war , ging sie in ihre Kammer , wusch sich auf ' s Neue , zöpfte sich frisch und kleidete sich nochmals an , als ob es Morgen wäre ; und mit dieser seltsamen Verdoppelung des neuen Tages begann ihr fast nochmals ein neues Erwachen . Als Alles schlief , ging sie noch einmal hinüber zur schwarzen Marann ' und ohne Licht saß sie Stundenlang bei ihr am Bett in der dunklen Stube ; sie sprachen davon wie das sei , wenn man einen Menschen draußen in der Welt habe , der doch ein Stück von Einem sei , und erst als die Marann ' eingeschlafen war , schlich sich Barfüßele davon . Sie nahm aber noch den Kübel und trug Wasser für die Marann ' und legte das Holz auf den Herd und so geschichtet , daß es am andern Morgen nur angezündet zu werden brauchte . Dann erst ging sie nach Hause . Was ist Wohlthätigkeit , die in Geldspenden besteht ? Eine in die Hand gelegte fremde Kraft , die wiederum von ihr entäußert wird . Wie anders ist es , die eingeborne Kraft selbst einzusetzen , ein Stück Leben hinzugeben und noch dazu das einzige das verblieben ist . Die Stunden der Ruhe , die Sonntagsfreiheit , die Barfüßele gegeben war , opferte sie alle der schwarzen Marann ' und sie ließ sich dabei noch zanken und schelten , wenn sie Etwas gegen die Gewohnheit der Eigenbrätlerin gethan hatte ; und es fiel ihr nicht ein , dabei zu denken oder zu sagen : wie könnt ' Ihr mich noch zanken und schelten über etwas was ich Euch schenke ? Ja sie wußte kaum mehr daß sie es that . Nur wenn sie an Sonntagsabenden bei der Vereinsamten still vor dem Hause saß und zum Tausendstenmale gehört hatte , welch ein schmucker Bursch der Johannes am Sonntag gewesen sei und wenn dann die jungen Burschen und Mädchen durch das Dorf zogen und allerlei Lieder sangen , da wurde sie etwas davon gewahr , daß sie hier saß und ihre Lustbarkeit opferte und sie sang leise vor sich hin die Lieder mit , die von den Wandelnden im Verein gesungen wurden ; aber wenn sie die Marann ' ansah , hielt sie inne und sie dachte darüber nach , wie es doch eigentlich gut wäre , daß der Dami nicht mehr im Dorf sei . Er war nicht mehr die Zielscheibe allgemeiner Neckerei und wenn er zurückkam , war er gewiß ein Bursch vor dem alle Respekt haben mußten . An Winterabenden , wenn im Hause des Rodelbauern gesponnen und gesungen wurde , da allein durfte Barfüßele mitsingen , und obgleich sie einen hellen , lauten Ton hatte , ließ sie sich doch dazu herbei , fast immer die zweite Stimme zu singen . Die Rosel , des Rodelbauern noch ledige Schwester , die um ein Jahr älter als Barfüßele war , sang immer die erste Stimme , und es verstand sich von selbst , daß auch die Stimme Barfüßele ' s ihr dienen mußte , wie denn überhaupt die Rosel , eine stolze und schneidige Person , das Barfüßele durchaus als Lastthier im Hause betrachtete und behandelte ; allerdings weniger vor den Leuten als im Geheimen . Und eben weil Barfüßele im ganzen Dorf dafür angesehen war , daß sie im Hauswesen des Rodelbauern wacker angriff und Alles in Stand hielt , war es eine Hauptangelegenheit der Rosel , sich bei den Leuten zu berühmen , wie viel Geduld man mit dem Barfüßele haben müsse ; wie ihm die Gänsehirtin in allen Stücken nachginge , und wie sie es als ein Werk der Barmherzigkeit betrachte , das Barfüßele nicht so vor den Augen der Welt erscheinen zu lassen wie es eigentlich sei . Ein besonderer Gegenstand des Aufziehens und des nicht immer wähligen Spottes waren die Schuhe des Barfüßele . Trotzdem es fast immer barfuß ging , und höchstens im Winter in abgeschnittenen Stiefeln des Bauern , ließ es sich dennoch bei jedem halbjährigen Lohne die gebräuchlichen Rahmenschuhe geben ; sie standen aber oben in der Kammer unberührt und Barfüßele ging doch so stolz , als hätte es alle die Schuhe auf Einmal an . Sechs Paar Schuhe standen neben einander seitdem Dami beim Scheckennarren diente . Die Schuhe waren mit Heu ausgestopft und von Zeit zu Zeit tränkte sie Barfüßele mit Fett , damit sie geschmeidig blieben . Barfüßele war vollauf herangewachsen , nicht sehr hoch , aber stämmig untersetzt . Sie kleidete sich immer ärmlich , aber sauber und anmuthig , und Anmuth ist die Pracht der Armuth , die nichts kostet und nicht zu kaufen ist . Nur weil der Rodelbauer es der Ehre des Hauses angemessen hielt , zog Barfüßele des Sonntags ein besseres Kleid an , um sich vor den Leuten zu zeigten ; dann aber kleidete sie sich rasch wieder um , und saß bei der schwarzen Marann ' in ihrem Werktagskleide oder sie stand auch bei ihren Blumen , die sie vor ihrem Dachfenster in alten Töpfen pflegte . Nelken , Gelbveigelein und Rosmarin gediehen hier vortrefflich , und wenn sie auch manchen Ableger davon auf das Grab der Eltern gepflanzt hatte , es wucherte Alles doppelt nach , und die Nelken hingen in windenartigen Büscheln fast hinab bis auf den Laubengang , der sich um das ganze Haus zog . Das weit vorgeneigte Strohdach des Hauses bildete aber auch einen vortrefflichen Schutz für die Blumen und wenn Barfüßele daheim war , fiel im Sommer kein warmer Regen , bei dem sie nicht die Blumenscherben in den Garten trug , um sie dort ganz nahe dem mütterlichen Boden vollregnen zu lassen . Besonders ein kleiner Rosmarinstock , der in dem Topfe war , den einst Barfüßele auf dem Holderwasen zum allgemeinen Gebrauch bei sich gehabt hatte , besonders dieser Rosmarinstock war äußerst zierlich gebaut wie ein kleiner Baum , und Barfüßele ballte oft die rechte Faust und schlug die andere Hand darüber , indem sie vor sich hin sagte : » Wenn ' s eine Hochzeit giebt von meinen Nächsten , ja von meinem Dami , dann steck ' ich den an . « Ein anderer Gedanke stieg in ihr auf , vor dem sie erröthete bis in die Schläfe hinein und sie beugte sich und roch an dem Rosmarin : wie einen Duft aus der Zukunft sog sie Etwas aus ihm ein und mit wilder Hast versteckte sie das Rosmarinstämmchen zwischen die andern großen Pflanzen , daß sie es nicht mehr sah und eben schloß sie das Fenster , da läutete es Sturm . » Es brennt beim Scheckennarren in Hirlingen ! « hieß es bald . Die Spritze wurde herausgethan und Barfüßele fuhr auf derselben mit der Löschmannschaft davon . » Mein Dami ! mein Dami ! « jammerte sie immer in sich hinein , aber es war ja Tag und bei Tag konnten Menschen nicht in einem Brande verunglücken . Und richtig ! als man bei Hirlingen ankam , war das Haus schon niedergebrannt , aber am Wege in einem Baumgarten stand Dami und band eben die beiden Schecken , schöne , stattliche Pferde an einen Baum , und rings herum lief Alles scheckig , Ochsen , Kühe und Rinder . Man hielt an , Barfüßele durfte absteigen , und mit einem : » Gottlob , daß dir nichts geschehen ist , « eilte sie auf den Bruder zu . Dieser aber antwortete ihr nicht und hielt beide Hände auf den Hals des einen Gaules gelegt . » Was ist ? Warum redest du nicht ? hast du dir Schaden gethan ? « » Ich nicht , aber das Feuer . « » Was ist denn ? « » All mein Sach ' ist verbrannt , meine Kleider und mein bischen Geld . Ich habe nichts als was ich auf dem Leib trage . « » Und des Vaters Kleider sind auch verbrannt ? « » Sind sie denn feuerfest ? « sagte Dami zornig . » Frage nicht so dumm . « Barfüßele wollte weinen über dieses harte Anlassen des Bruders , aber sie fühlte rasch , wie durch einen Naturtrieb , daß Unglück sehr oft im ersten Anprall unwirsch , hart und händelsüchtig macht ; sie sagte daher nur : » Dank ' Gott , daß du dein Leben noch hast , des Vaters Kleider , freilich , da ist was mit verbrannt , was man sich nicht mehr erwerben kann , aber sie wären doch auch einmal zu Grunde gegangen , so oder so . « » All dein Geschwätz ist für die Katz ' , « sagte Dami und streichelte immer das Pferd . » Da steh ' ich nun wie der Gott verlaß mich nicht . Da , wenn die Gäule reden könnten , die würden anders reden , aber ich bin eben zum Unglück geboren . Was ich gut thue , ist nichts , und doch « - Er konnte nicht mehr reden , es erstickte ihm die Stimme . » Was ist denn geschehen ? « » Da die Gäule und die Kühe und Ochsen , ja es ist uns kein Stückle Vieh verbrannt außer den Schweinen , die haben wir nicht retten können . Schau , der Gaul da drüben , der hat mir da mein Hemd aufgerissen , wie ich ihn aus dem Stall ziehe , mein zuderhändiger Gaul der hat mir nichts gethan , der kennt mich . Gelt , du kennst mich , Humpele ? Gelt wir kennen einander ? « Der Gaul legte seinen Kopf über den Hals des andern und schaute Dami groß an , der jetzt fortfuhr : » Und wie ich dem Bauer mit Freude berichte , daß ich das Vieh alles gerettet habe , da sagt er : das war nicht nöthig , ist Alles versichert und gut , hätt ' mir besser bezahlt werden müssen ! Ja , denk ' ich bei mir , aber daß das unschuldige Vieh sterben soll , ist denn das nichts ? Ist ' s denn , wenn ' s bezahlt ist , Alles ? Ist denn das Leben nichts ? Der Bauer muß mir was angesehen haben von dem was ich denk ' , und da fragt er mich : du hast doch dein Gewand und dein Sach ' gerettet ? und da sag ' ich : nein , nein , kein Fädele , ich bin gleich in den Stall gesprungen , und da sagt er : du bist ein Tralle ! Wie ? sag ' ich , Ihr seid ja versichert , wenn das Vieh bezahlt worden wäre , da werden doch auch meine Kleider bezahlt und es sind auch noch Kleider von meinem Vater selig dabei und vierzehn Gulden , meine Taschenuhr und meine Pfeife . Und da sagt er : rauch draus ! Mein Sach ' ist versichert und nicht das von den Dienstboten ! Ich sag ' : das wird sich zeigen , und ich lass ' es auf einen Proceß ankommen , und da sagt er : so jetzt kannst du gleich gehen . Wer einen Proceß anfangen will , hat aufgekündigt . Ich hätte dir ein paar Gulden geschenkt , aber so kriegst du keinen Heller . Jetzt mach ' , daß du fortkommst ! ... Da bin ich nun , und ich mein ' , ich sollt ' meinen zuderhändigen Gaul mitnehmen , ich hab ' ihm das Leben gerettet , und er ging ' gern mit mir . Gelt du ? Aber ich habe das Stehlen nicht gelernt , und ich wüßt ' mir auch nicht zu helfen , und es wäre am besten , ich spränge jetzt in ' s Wasser . Ich komme mein Lebtag zu nichts und ich hab ' nichts . « » Aber ich hab ' noch und will dir helfen . « » Nein , das thu ' ich nicht mehr , daß ich dich aussauge ; du mußt dir ' s auch sauer verdienen . « Es gelang Barfüßele ihren Bruder zu trösten und ihn so weit zu bringen , daß er mit ihr heimging ; aber kaum waren sie hundert Schritte gegangen , als etwas hinter ihnen drein trabte . Der Gaul hatte sich losgerissen und war Dami gefolgt und dieser mußte das Thier , das er so sehr liebte , mit Steinwürfen zurückjagen . Dami schämte sich seines Unglücks und ließ sich fast vor keinem Menschen sehen . Weil er sein Unglück nicht verbergen konnte und Spott darüber fürchtete , versteckte er sich selber . Nur an den ersten Häusern des Dorfes hielt er sich auf . Die schwarze Marann ' schenkte ihm einen Rock ihres erschossenen Mannes . Dami hatte einen unüberwindlichen Abscheu davor , ihn anzuziehen , aber Barfüßele , die ehedem den Rock des Vaters als ein Heiligthum betrachtet und gepriesen hatte , fand jetzt eben so viel Gründe zu beweisen , daß ein Rock doch eigentlich nichts sei , daß gar nichts darauf ankäme , wer ihn einst auf dem Leibe gehabt . Der Kohlenmathes , der nicht weit von der schwarzen Marann ' wohnte , nahm Dami mit als Gehülfen beim Holzschlagen und Kohlenbrennen . Dami war das abgeschiedene Leben am willkommensten ; er wollte nur noch ausharren , bis er Soldat werden mußte und dann wollte er als Einsteher eintreten und auf Lebenszeit Soldat bleiben ; beim Soldatenleben ist doch Gerechtigkeit und Ordnung und da hat Niemand Geschwister und Niemand ein eigen Haus und man ist in Kleidung und Speise und Trank versorgt und wenn ' s Krieg giebt , ist ein frischer Soldatentod noch das Beste . Das war es was Dami am Sonntag im Moosbrunnenwalde aussprach , wenn Barfüßele hinabkam zum Meiler , ihm Schmalz und Mehl und Rauchtabak brachte und ihn oft belehren wollte , wie er außer der gewöhnlichen Speise der Waldköhler , die in schmalzgebähtem Brod besteht , auch die Knödel die er sich selbst bereitete , schmackhafter machen könne ; aber Dami wollte das nicht , gerade so wie sie auskamen , war es ihm recht : er würgte gern Schlechtes hinab , obgleich er hätte Besseres essen können und überhaupt gefiel er sich in einer Selbstverwahrlosung , bis er einst zum Soldaten herausgeputzt würde . Barfüßele kämpfte gegen dieses ewige Hinausschauen nach einer kommenden Zeit und das Verlorengehenlassen der Gegenwart , sie wollte den Dami , der sich in innerer Schlaffheit wohlgefiel und sich dabei selbst bemitleidete , immer aufrichten ; aber diesem schien in dem inneren Zerfallen fast wohl zu sein . Er konnte sich eben dabei recht bemitleiden , und bedurfte keiner Kraftanstrengung . Nur mit Mühe brachte es Barfüßele dahin , daß sich Dami von seinem Verdienste wenigstens eine eigene Axt erwarb und zwar die des Vaters , die der Kohlenmathes bei der Versteigerung gekauft hatte . In tiefer Verzweiflung kehrte oft Barfüßele aus dem Walde zurück , aber sie hielt nicht lange an ; die innere Zuversicht und der frohe Muth der in ihr lebte , drängte sich unwillkürlich als heller Gesang auf ihre Lippen , und wer es nicht wußte , hätte nie gemerkt , daß Barfüßele je einen Kummer gehabt oder je einen habe . Die Freudigkeit , die aus der unbewußten Empfindung floß , daß sie straff und unverdrossen ihre Pflicht that und Wohlthätigkeit übte an der schwarzen Marann ' und an Dami , prägte ihrem Antlitz eine unvertilgbare Heiterkeit auf . Im ganzen Hause konnte Niemand so gut , lachen als das Barfüßele , und der alte Rodelbauer sagte : ihr Lachen töne just wie Wachtel schlag , und weil sie ihm allzeit dienstfertig und ehrerbietig war , gab er ihr zu verstehen , daß er sie einstmals in sein Testament setze . Barfüßele kümmerte sich nicht darum und baute nicht viel darauf , sie erwartete nur den Lohn , den sie mit Recht und Sicherheit ansprechen konnte , und was sie Gutes that , that sie aus einem innern Wohlwollen ohne auf Entgelt zu warten . 8. Sack und Axt . Das Haus des Scheckennarren war wieder aufgebaut , stattlicher als je ; der Winter kam herbei und die Loosung der Rekruten . Noch nie war mehr Betrübniß über ein glückliches Loos entstanden als da Dami sich freispielte . Er war wie verzweifelt und Barfüßele fast mit ihm , denn auch ihr war der Soldatenstand als treffliches Mittel erschienen , um das lässige Wesen Dami ' s aufzurichten ; dennoch sagte sie ihm jetzt : » Nimm das als Fingerzeig , du sollst jetzt für dich selber als Mann einstehen . Aber du thust noch immer wie ein kleines Kind , das nicht allein essen kann und dem man zu essen geben muß . « » Du wirfst mir vor , daß ich dich ausfresse ? « » Nein , das mein ich nicht . Sei nicht immer so leidmüthig , steh ' nicht immer da : wer will mir was thun ? Gutes oder Böses ? Schlag ' selber um dich ! « » Und das will ich auch und ich hole weit aus ! « schloß Dami . Er gab lange nicht kund , was er eigentlich vorhatte , aber er ging seltsam aufrecht durch das Dorf und sprach frei mit Jedem , er arbeitete fleißig im Walde bei den Holzschlägern , er hatte die Axt des Vaters und mit ihr fast die Kraft dessen , der sie ehedem so rüstig gehandhabt . Als ihm Barfüßele einmal im Frühlingsanfang bei der Heimkehr vom Moosbrunnenwald begegnete , sagte er , die Axt von der Schulter nehmend : » Was meinst , wo die hingeht ? « » In ' s Holz ! « antwortete Barfüßele . » Aber sie geht nicht allein , man muß sie hacken . « » Hast Recht , aber sie geht zu ihrem Bruder , und der Eine hackt hüben und der Andere drüben und da krachen die Bäume wie geladene Kanonen und du hörst nichts davon , oder wenn du willst , ja aber sonst Keiner im Ort . « » Ich verstehe dich vom Simri kein Mäßle , « antwortete Barfüßele . » Ich bin zu alt zum Räthselaufgeben . Red ' deutlich . « » Ja , ich gehe zum Ohm nach Amerika . « » So ? Gleich heut ? « scherzte Barfüßele . » Weißt wie des Maurers Martin einmal seiner Mutter zum Fenster hinaufgerufen hat : Mutter , wirf mir ein frisches Sacktuch ' raus , ich will nach Amerika spaziren ? Die so leicht fliegen wollen , sind alle noch da . « » Wirst schon sehen , wie lang ' ich noch da bin , « sagte Dami und ging ohne Weiteres fort in das Haus des Kohlenmathes . Barfüßele wollte sich über den lächerlichen Plan Dami ' s lustig machen , aber es gelang ihr nicht ; sie fühlte , daß etwas Ernst dabei sei , und noch in der Nacht , als Alles schon im Bett lag , eilte sie zu ihrem Bruder und erklärte ihm ein für allemal , daß sie nicht mitgehe . Sie glaubte ihn dadurch plötzlich besiegt zu haben , aber Dami sagte kurzweg : » Ich bin dir nicht angewachsen . « Sein Plan wurde immer fester . In Barfüßele war auf einmal wieder all das Wogen von Ueberlegungen , das sie schon einmal in der Kindheit befallen hatte ; aber jetzt sprach sie nicht mehr mit dem Vogelbeerbaum , als ob er ihr Antwort geben könne , und aus allen Erwägungen heraus lautete der Schluß : » Er hat Recht , daß er geht ; ich hab ' aber auch Recht , daß ich da bleibe ! « Sie freute sich eigentlich innerlich , daß Dami einen so kühnen Entschluß fassen könne , das zeigte doch von männlicher Kraft ; und that es ihr auch tief wehe , fortan vielleicht allein zu sein in der weiten Welt , so fand sie es doch Recht , daß der Bruder mit gesundem Muth hinausgriff . Dennoch glaubte sie ihm noch nicht ganz . Am andern Abend paßte sie ihm ab und sagte ihm : » Sprich nur mit keinem Menschen von deinem Auswanderungsplan , sonst wirst du ausgelacht , wenn du ' s nicht ausführst . « » Hast Recht ! « sagte Dami , » aber nicht deswegen ; ich fürchte mich nicht davor , mich vor andern Menschen zu binden ; so gewiß als ich die fünf Finger da an der Hand habe , so gewiß gehe ich , ehe hier die Kirschen zeitig sind ; und wenn ich mich durchbetteln und wenn ich mich durchstehlen muß , daß ich fortkomme . Nur das Eine thut mir weh , daß ich fort muß und nicht dem Scheckennarren einen Tuck anthun kann , den er sein Leben lang spürt . « » Das ist die rechte Großmännigkeit , « eiferte Barfüßele , » das ist die echte Herzensliederlichkeit , einen Rachegedanken hinter sich zu lassen . Dort , dort drüben liegen unsere Eltern , komm ' mit , komm ' mit auf ihr Grab und sage das dort noch einmal , wenn du kannst . Weißt , wer der Nichtsnutzigste ist ? Wer sich verderben läßt . Gieb die Axt her , du bist nicht werth da die Hand zu haben , wo der Vater seine Hand gehabt hat , wenn du das nicht gleich mit Stumpf und Stiel aus der Seele reißest ! Die Axt gieb her ! Die soll kein Mensch haben , der von Stehlen und Morden spricht . Die Axt gieb her ! Oder ich weiß nicht was ich thue . «