. Seit langer Zeit war das sein Lieblingsgang . In den Fischweihern , die dort zur Spendung klösterlicher Fastenspeise künstlich angelegt sind , spiegelten sich die Tannen ; ein leiser Luftzug kräuselte die Wellen , die Fische tummelten sich . Lächelnd ging er vorüber : » Wann werd ' ich wohl wieder einen von euch verzehren ? « Im Tannwald oben auf dem Freudenberg war ' s feierlich still . Da hielt er an . Ein weites Rundbild tat sich auf . Zu Füßen lag das Kloster mit all seinen Gebäuden und Ringmauern ; hier sprang der wohlbekannte Springquell im Hofe , dort blühten die Herbstblumen im Garten - dort in langer Reihe die Fenster der Klosterzellen , er kannte jedwede und sah auch die seinige : » Behüt ' dich Gott , stilles Gelaß ! « Der Ort , wo Tage strebsamer Jugend verlebt wurden , wirkt wie Magnetstein aufs Herz ; es braucht so wenig , um angezogen zu sein , nur der ist arm , dem das große Treiben der Welt nicht Zeit vergönnt , sich örtlich und geistig an einem stillen Platz niederzulassen . Ekkehard hob sein Auge . Hoch aus der Ferne , wie reiche Zukunft , glänzte des Bodensees Spiegel herüber , in verschwommenen Duft war die Linie des anderseitigen Ufers und seiner Höhenzüge gehüllt , nur da und dort haftete ein heller Schein und ein Widerschein im Wasser , die Niederlassungen der Menschen andeutend . » Aber was will das Dunkel in meinem Rücken ? « Er schaute sich um , rückwärts hinter den tannigen Vorbergen reckte der Säntis seine Zacken und Hörner empor , auf den verwitterten Felswänden hüpfte warmer Sonnenstrahl unstet im Kampf mit dem Gewölke und strahlte vorüberfliehend auf die Massen alten Schnees , die in den Schluchten neuem Winter entgegenharrten ... Über dem Kamor stand eine dunkle Wolke , sie dehnte und streckte sich , bald war die Sonne verdeckt , grau und matt wurden die Bergspitzen gefärbt , es schickte sich an , zu wetterleuchten ... » Soll mir das ein Zeichen sein ? « sprach Ekkehard , » ich verstehe es nicht . Mein Weg geht nicht zum Säntis . « Nachdenkend schritt er den Berg hinunter . In der Nacht betete er am Grabe des heiligen Gallus . Frühmorgens nahm er Abschied . Der Virgilius und Thietos Fläschlein waren in die Reisetasche verpackt , sein übrig Gepäck kurz beisammen . Wem selbst nicht der Körper , die Wünsche und Begierden zu eigener Verfügung stehen dürfen , soll auch weder an fahrender Habe noch an liegendem Gut ein eigen Besitztum ausüben . Der Abt schenkte ihm zwei Goldschillinge und etliche Silberdenare als Zehr- und Notpfennig . Mit einem Kornschiff des Klosters fuhr er über den See , - die Segel von günstigem Wind , die Brust von Mut und Wanderlust geschwellt . Mittag war ' s , da rückte das Kastell von Konstanz und Dom und Mauerzinnen immer deutlicher vor den Augen der Schiffahrer auf . Wohlgemut sprang Ekkehard ans Land . In Konstanz hätt ' er sich verweilen , im Hof des Bischofs Gastfreundschaft ansprechen mögen . Er tat ' s nicht . Der Ort war ihm zuwider , zuwider von Grund seines Herzens ; nicht wegen seiner Lage oder etwaiger Mißgestalt , denn an Schönheit wetteifert er kühnlich mit jeglicher Stadt am See , sondern wegen der Erinnerung an einen Mann , dem er gram . Das war der Bischof Salomo , sie hatten ihn kürzlich mit großem Prunk im Münster begraben . Ekkehard war ein schlichter , gerader , frommer Mensch . Im Dienst der Kirche stolz und hochfahrend werden , schien ihm Unrecht , ihn mit weltlichen Kniffen und Ränken verbinden , verwerflich , - trotz aller Herzensverworfenheit ein weitberühmter Mann bleiben : sonderbar . Solcher Art aber war des Bischofs Salomo Treiben gewesen . Ekkehard erinnerte sich noch wohl aus den Erzählungen älterer Genossen , mit welcher Zudringlichkeit sich der junge Edelmann in das Kloster eingeschlichen , den Späher gemacht , sich beim Kaiser als unentbehrlicher Mann darzustellen gewußt , bis die Insul eines Abts von Sankt Gallen mit der Mitra eines Bischofs von Konstanz auf seinem Haupt vereinigt war . Und vom großen Schicksal der Kammerboten sangen die Kinder auf den Straßen . Die hatte der ränkespinnende Prälat gereizt und gekränkt , bis sie in der Fehde Recht suchten und ihn fingen : aber wiewohl Herrn Erchangers Gemahlin Berchta ihn in der Gefangenschaft hegte und pflegte wie ihren Herrn und den Friedenskuß von ihm erbat und aus einer Schüssel mit ihm aß , war sein Gemüt der Rache nicht gesättigt , bis daß des Kaisers Gericht zu Adingen seinen rauhen Feinden die Häupter vor die Füße gelegt . Und die Tochter , die dem frommen Mann aus lustiger Studentenzeit erwachsen , war itzt noch Äbtissin am Münster zu Zürich91 . All das wußte Ekkehard ; in der Kirche , wo der Mann begraben lag , mocht ' er nicht beten . Es mag ungerecht sein , den Haß , der den Menschen gebührt , auf das Stück Land überzutragen , wo sie gelebt und gestorben , aber es ist erklärlich . Er schüttelte den Konstanzer Staub von den Füßen und wanderte zum Tor hinaus ; dem sich kaum dem See entwindenden jungen Rhein blieb er zur Linken . Von mächtiger Haselstaude schnitt er sich einen festen Wanderstab : » wie die Rute Aarons , da sie im Tempel Gottes aufgrünte , sein Geschlecht schied von den abtrünnigen Juden , so möge dieser Stab , geweiht mit der Fülle göttlicher Gnade , mir ein Hort sein wider die Ungerechten am Wege « , sprach er mit den Worten eines alten Stocksegens92 . Vergnügt schlug ihm das Herz , wie er einsam fürbaß zog . Wie hoffnungsgrün und beseligt ist der Mensch , der in jungen Tagen auf unbekannten Pfaden unbekannter Zukunft entgegenzieht , - die weite Welt vor sich , der Himmel blau und das Herz frisch , als müßt ' sein Wanderstab überall , wo er ihn ins Erdreich einstößt , Laub und Blüten treiben und das Glück als goldnen Apfel in seinen Zweigen tragen . Wandre nur immer zu ! Auch du wirst einstmals müden Fußes im Staub der Heerstraße einherschleichen , und dein Stab ist ein dürrer Stecken , dein Antlitz welk , und die Kinder zeigen mit Fingern auf dich und lachen und fragen : wo ist der goldene Apfel ? ... Ekkehard war in der Tat vergnügt . Wanderlieder zu singen , war für einen Mann geistlichen Standes nicht üblich , aber der Gesang Davids , den er jetzt anstimmte : » Jehova ist mein Hirt , mir mangelt nichts . Auf grünen Triften läßt er mich lagern , zu stillen Gewässern führt er mich « - mag ihm im Himmel in das gleiche Buch des Verdienstes verzeichnet worden sein , in das die Engel der Jugend fahrender Schüler und wandernder Gesellen Lieder einzutragen pflegen . Durch Wiesen und an hohem Schilfgelände vorüber führte ihn sein Pfad . Lang und niedrig streckte sich im See eine Insel , die Reichenau ; Turm und Mauern des Klosters spiegelten sich im ruhigen Gewässer ; Rebhügel , Matten und Obstgärten wiesen dem Auge den Fleiß der Bewohner . Vor zweihundert Jahren war die Au noch wüst und leer gestanden , in feuchtem Grunde die Herberge von Gewürm und bösen Schlangen . Der austrasische Landvogt Sintlaz aber wies den wandernden Bischof Pirminius hinüber , der sprach einen schweren Segen über das Eiland , da zogen Schlangen und Würmer in vollem Heereshaufen aus , die Tausendfüßler im Plänklerzug voran , Ohrklemmer , Skorpione , Lurche und was sonst kreucht , in geordneten Säulen mit , Kröten und Salamander in der Nachhut : des Pirminius Spruch konnten sie nicht bestehen , zum Gestade , wo später die Burg Schopfeln gebaut ward , wälzte sich der Schwarm , dann hinab in die grüne Seeflut - und der Fisch weitum hat damals einen guten Tag gehabt ... Seither war des Pirminius Stift aufgeblüht , eine Pflanzstätte , klösterlicher Zucht von gutem Klang in deutschen Landen . » Reichenau , grünendes Eiland , wie bist du vor andern gesegnet , Reich an Schätzen des Wissens und heiligem Sinn der Bewohner , Reich an des Obstbaums Frucht und schwellender Traube des Weinbergs : Immerdar blüht es auf dir und spiegelt im See sich die Lilie , Weithin schallet dein Ruhm bis ins neblige Land der Britannen « hatte schon in Ludwigs des Deutschen Tagen der gelahrte Mönch Ermenrich93 gesungen , da ihn auf seiner Abtei Ellwangen Heimweh nach den schimmernden Fluten des Bodensees beschlich . Ekkehard beschloß , dieser Nebenbuhlerin seines Klosters einen Besuch abzustatten . Am weißsandigen Gestad von Ermatingen stand ein Fischer im Kahn und schöpfte das Wasser aus . Da deutete Ekkehard mit seinem Stab nach dem Eiland : » Führt mich hinüber , guter Freund ! « Mönchshabit verlieh damals jeder Aufforderung Nachdruck . Der Fischer aber schüttelte verdrossen das Haupt : » Ich fahre keinen mehr von euch , seit ihr mich am letzten Ruggericht um einen Schilling gebüßt ... « » Warum haben sie Euch gebüßt ? « » Wegen dem Kreuzmann ! « » Wer ist der Kreuzmann ? « » Der Allmann . « » Auch der ist mir unbekannt « , sprach Ekkehard , » wie sieht er aus ? « » Aus Erz ist er gegossen « , brummte der Fischer , » von zweier Spannen Höhe , und hält drei Seerosen in der Hand . Der stund im alten Weidenbaum zu Allmannsdorf , und ' s war gut , daß er dort stund , aber seit dem letzten Ruggericht haben sie ihn aus dem Baum gehauen und ins Kloster verschleppt . Jetzt steht er auf des welschen Bischofs Grab in Niederzell , was soll er dort ? Toten Heiligen Fische fangen helfen94 ? ! ... « Da merkte Ekkehard , daß des Fischers Christenglaube noch nicht felsenfest stand , und mochte sich erklären , warum das eherne Götzenbild ihm die Schillingsbuße eingetragen - er hatte ihm ein Zicklein nächtlich als Opfer geschlachtet , damit seine Fischzüge mit Felchen , Forellen und Braxmannen gesegnet würden , und die Rugmänner hatten nach kaiserlicher Verordnung solch heidnisch Rückerinnern geahndet . » Seid vernünftig , alter Freund « , sprach Ekkehard , » und vergesset den Allmann . Ich will Euch ein gut Teil Eures Schillings geben , so Ihr mich übersetzet . « » Was ich rede « , sprach der Alte , » soll sich nicht drehen lassen wie ein Ring am Finger . Ich fahre keinen von euch . Mein Bub kann ' s tun , wenn er will . « Er pfiff durch die Finger , da kam sein Bub , ein hochstämmiger Ferge , der führte Ekkehard hinüber . Wie sie das Schifflein angelegt , ging Ekkehard dem Kloster zu , das zwischen Obstbäumen und Rebhügeln versteckt inmitten des Eilandes aufgebaut steht . Es war die Zeit des Spätherbstes , alt und jung auf der Insel mit der Weinlese beschäftigt , da und dort hob sich die Kapuze eines dienenden Bruders dunkel vom rotgelben Reblaub ab . Auf der Hochwarte standen die Väter der Insel truppweise beisammen und ergötzten sich am Getrieb der traubensammelnden Leute ; sie hatten unter Umtragung eines mächtigen Marmorgefäßes , das für einen Krug von der kananäischen Hochzeit galt , die Einsegnung des neuen Weines95 abgehalten . Fröhlicher Zuruf und fernes Jauchzen klang aus den Rebbergen . Unbemerkt kam Ekkehard zum Kloster , auf wenig Schritte war er ihm genaht , da erst ragte der schwerfällige Turm mit seinen Vorhallen , deren Rundbogen abwechselnd mit grauen und roten Sandsteinquadern geschmückt sind , vor ihm auf . Im Klosterhof war alles stumm und still . Ein großer Hund wedelte am fremden Gast hinauf , ohne Laut zu geben , er bellte keine Kutte an ; die Einwohner allesamt hatte der linde Herbsttag hinausgelockt96 . Da trat Ekkehard in die gewölbte Fremdenstube am Eingang . Auch des Pförtners Gelaß nebenan war leer . Offene Fässer standen aufgepflanzt , manche schon mit süßem Moste gefüllt . Hinter ihnen war ein steinern Bänklein an der Wand ; Ekkehard war frisch ausgeschritten und die Seeluft hatte ihm zehrend ums Haupt geweht , da kam ein Zug des Schlummers mächtig über ihn , er lehnte den Wanderstab an den Arm , streckte sich ein weniges und nickte ein . Derweil zog sich ' s mit langsamem Schritt in die kühle Stube , das war der ehrenwerte Bruder Rudimann , des Klosters Kellermeister . Er trug ein steinern Krüglein in der Rechten und ging seines Amtes nach , Mostprobe zu halten . Das Lächeln eines mit der Welt und sich versöhnten Mannes lag auf seinen Lippen und sein Bauch war fröhlich gediehen , wie das Hauswesen des Fleißigen , einen weißen Schurz hatte er darüber geschlungen , gewichtiger Schlüsselbund klapperte an seiner linken Seite . » Zum Kellermeister soll erwählt werden ein weiser Mann von reifen Sitten , nüchtern und nicht vieler Speise gierig , kein Zänker und kein Schelter , kein Träger und kein Vergeuder , sondern ein Gottesfürchtiger , der der gesamten Bruderschaft sei als wie ein Vater97 « - und soweit es des Fleisches Schwäche hienieden möglich macht , war Rudimann bemüht , sotane Kellermeisterseigenschaften in sich zu vereinen . Dabei aber trug er das herbe Amt eines Strafvollziehers , und wenn einer der Brüder der Geißelung sich schuldig gemacht , band er ihn an die Säule und konnte sich keiner über die Milde seines Armes beklagen . Daß er außerdem mit boshafter Zunge dann und wann boshaftige Gedanken aussprach und den Abt mit Verdächtigung der Mitbrüder zu unterhalten wußte , wie das Eichhörnlein Ratatöskr der Edda98 , - das auf-und abrennt an der Esche Yggdrasil und des Adlers zürnende Worte im Wipfel herniederträgt zu Nidhöggr , dem Drachen in der Tiefe : das war nicht seines Amtes , das tat er aus freien Stücken . Heute aber schaute er gar vergnüglich drein , des trug die Güte der Weinlese schuld . Und er tauchte sein Krüglein in ein offenes Faß , hielt ' s gegen das Fenster und schlürfte bedächtig den unklaren Stoff . Des schlafenden Gastes nahm er nicht wahr . » Auch dieser ist süß « , sprach er , » und kommt doch vom mitternächtigen Abhang der Hügel . Gelobt sei der Herr , der vom Notstand seiner Knechte auf dieser Au eine billige Einsicht nahm und nach so viel magern Jahren ein fettes schuf , und frei von Säure ! « Inzwischen ging draußen Kerhildis , die Obermagd , vorüber , sie trug eine traubengefüllte Butte zur Kelter . » Kerhildis « , sprach der Kellermeister leise , » getreueste aller Mägde , nimm mein Krüglein und füll ' es mit dem - Neuen vom Wartberg , der drüben an der Kelter steht , auf daß ich ihn mit diesem vergleiche . « Kerhildis , die Obermagd , stellte ihre Last ab und ging und kam und stand vor Rudimann , reichte ihm das Krüglein , schaute schalkhaft an ihm hinauf , denn er überragte sie um eines Kopfes Länge , und sprach : » Wohl bekomm ' s ! « Rudimann tat einen langen , frommen , vergleichenden Zug , so daß ihm der Neue auf den Lippen schmelzen mochte wie Schnee in der Märzensonne ; » alle miteinander werden süß und gut « , sprach er , und seine Augen hoben sich gerührt , und daß sie an der Obermagd strahlendem Antlitz haftenblieben , daran trug der Kellermeister kaum Schuld , denn diese hätte sich inzwischen auch zurückziehen können . Da fuhr er mit Salbung fort : » So ich aber Euch anschaue , Kerhildis , so wird mein Herz doppelt froh , denn auch Ihr gedeihet wie der Klosterwein in diesem Herbst , und Eure Bäcklein sind rot wie Granatäpfel , die des Pflückenden harren . Preiset mit mir des Jahrgangs Güte , so getreuste aller Mägde ! « Und der Kellermeister schlang seinen Arm um der schwarzbraunen Obermagd Hüfte99 , die wehrte sich dessen nicht groß - was liegt an einem Kuß im Herbste ? - und sie wußte , daß Rudimann ein Mann von reifen Sitten war und alles mäßig tat , wie es einem Kellermeister geziemt . Da fuhr der Schläfer auf der Steinbank aus seinem Schlummer . Ein eigentümlich Geräusch , das von nichts anderem herrühren kann als von einem wohlaufgesetzten verständigen Kuß , schlug an sein Ohr , er schaute zwischen den Fässern durch , da sah er des Kellermeisters Gewandung und ein Paar fliegende Zöpfe , die nicht zu diesem Habit gehörten ... er richtete sich auf , ein ungestümer Zorn kam über ihn , denn Ekkehard war jung und eifrig , und in Sankt Gallen war strenge Sitte , und es hatte ihm noch nie als möglich vorgeschwebt , daß ein Mann im Ordenskleid ein Weib küssen möge . Sein wuchtiger Haselstock ruhte ihm noch im Arm ; itzt sprang er vor und schlug dem Kellermeister einen wohlgefügen Streich , der zog sich von der rechten Schulter nach der linken Hüfte und saß fest und gut wie ein auf Bestellung gelieferter Rock - und bevor sich jener der ersten Überraschung erholt , folgte ein zweiter und dritter von gleichem Schrot ... er ließ sein steinern Geschirr fallen , daß es am Pflaster zerschellte ; Kerhildis entfloh . » Beim Krug von der Hochzeit zu Kana ! « rief Rudimann , » was ist das ? « und wandte sich gegen den Angreifer . Jetzt erst schauten sich die beiden von Angesicht zu Angesicht . » Ein Gastgeschenk ist ' s « , sprach Ekkehard ingrimmig , » das der heilige Gall dem heiligen Pirmin sendet100 ! « und er erhub seinen Stab von neuem . » Dacht ' ich ' s doch « , schalt der Kellermeister , » sankt gallische Holzäpfel ! Man kennt euch an den Früchten : Boden hart , Glaube roh , Leute grob101 ! Wartet des Gegengeschenks . « Er sah nach etwas Greifbarem um , ein namhafter Besen stand in der Ecke , mit dem waffnete er sich und gedachte auf den Störer seines Friedens einzudringen ... Da rief ' s gebietend von der Pforte her : » Halt ! Friede mit euch ! « Und eine zweite Stimme frug mit fremder Betonung : » Was ist hier für ein Holofernes aus dem Boden gewachsen ? « Es war der Abt Wazmann , der mit seinem Freund Simon Bardo , dem ehemaligen Protospathar102 des griechischen Kaisers , von der Einsegnung der Weinlese zurückkehrte . Das Geräusch des Streits unterbrach eine gelehrte Auseinandersetzung des Griechen über die Belagerung der Stadt Hai durch Josua und die strategischen Fehler des Königs von Hai , da er mit seinem Heer auszog wider die Wüste . Der alte Griechenfeldherr , der die Heimat verlassen , um im byzantinischen Ruhestand nicht an Mattigkeit der Seele zu ersterben , lag in seinen Mußestunden im deutschen Kloster eifrig dem Studium der Taktik ob ; sie hießen ihn scherzweise den Hauptmann von Kapernaum , wiewohl er das Ordenskleid genommen . » Gebt dem Streite Raum « , sprach Simon Bardo , der mit Bedauern den Zweikampf unterbrochen sah , zum Abte : » ich hab ' heut im Traume ein Sprühen von Feuerfunken erschaut , das deutet Schläge ... « Der Abt aber , in dessen Augen die Eigenmacht jüngerer ein Greuel war , gebot Ruhe und ließ den Streitfall zur Schlichtung vortragen . Da hob Rudimann an zu erzählen , was geschehen , und verschwieg nichts . » Leichtes Vergehen « , murmelte der Abt ; » Hauptstück sechsundvierzig : von dem , was bei der Arbeit , beim Gärtnen oder Fischfang , in Küche oder Keller gesündigt wird - alemannisches Gesetz : von dem , was mit Mägden geschieht ... der Gegner spreche ! « Da trug auch Ekkehard vor , wie er die Sache angeschaut und in gerechtem Zorn dreingefahren . » Verwickelt ! « murmelte der Abt , » Hauptstück siebenzig : kein Bruder nehme sich heraus , den Mitbruder sonder Ermächtigung des Abts zu schlagen , Hauptstück zweiundsiebenzig : von demjenigen Eifer , der einem Mönch wohl ansteht und zum ewigen Leben führt ... Wieviel Jahre zählt Ihr ? « » Dreiundzwanzig ! « Da sprach der Abt ernsthaft : » Der Streit ist aus . Ihr , Bruder Kellermeister , habt Eure Streiche als wohlverdient Entgelt Eurer Zerstreutheit aufzunehmen ; - Euch , Fremdling des heiligen Gallus , vermöchte ich füglich anzuweisen , Eures Weges weiter zu ziehen , denn es stehet geschrieben : Wenn ein fremder Mönch aus anderweiten Provinzen ankommt , soll er zufrieden sein mit dem , was er im Kloster vorfindet , sich nur einen demütigen Tadel erlauben und sich in keiner Weise überflüssig machen . In Erwägung Eurer Jugend und untadeligen Beweggrundes aber mögt Ihr zur Sühnung am Hauptaltar unserer Kirche eine einstündige Abendandacht verrichten : dann seid als Gastfreund willkommen ! « Dem Abte erging es mit seinem Schiedsspruch wie manchem gerechten Richter . Keiner der Beteiligten war zufrieden ; sie gehorchten , aber unversöhnt . Wie Ekkehard in der Kirche sein Sühngebet tat , mochten ihm allerlei Gedanken durch die Sinne ziehen vom guten Herzen , vom rechtzeitigen Eifer und von andrer Leute Urteil drüber . Es war eine der ersten Lehren , die er im Zusammenstoß mit Menschen erlitt . Durch eine Seitenpforte ging er - ins Kloster zurück . Was Kerhildis , die Obermagd , an jenem Abend den dienstbaren Frauen im Nähsaal zu Oberzell erzählte , allwo sie beim flackernden Scheine des Kienspans ein Dutzend neue Mönchsgewänder zu fertigen hatten , war mit so beleidigenden Ausfällen gegen die Jünger des heiligen Gallus untermischt , daß es besser verschwiegen bleibt ... Fußnoten A1 Apollinaris Sidonius , etwa 430-480 , gallisch-römischer Dichter , Bischof von Clermont . Sechstes Kapitel . Moengal . Um dieselbe Zeit , da Ekkehard in der Klosterkirche der Insel eine unfreiwillige Andacht abhielt , war Frau Hadwig auf dem Söller von Hohentwiel gestanden und hatte lange hinausgeschaut - aber nicht nach der untergehenden Sonne . Die ging ihr im Rücken , hinter den dunkeln Bergen des Schwarzwaldes zur Ruhe . Frau Hadwig aber schaute erwartungsvoll nach dem Untersee und nach dem Pfad , der von seinem Ausgang sich dem Hohentwieler Fels entgegen zog . Die Aussicht schien ihr nicht zu genügen ; wie ' s dunkel ward , ging sie unwillig103 zurück , ließ ihren Kämmerer rufen und verhandelte lang ' mit ihm ... Am frühen Morgen des andern Tages stund Ekkehard gerüstet zu weiterer Fahrt an der Schwelle des Klosters . Der Abt war auch schon wach und machte einen Frühgang im Gärtlein . Der Richterernst des gestrigen Tages lag nicht mehr auf seiner Stirne . Ekkehard sagte ihm Valet . Da raunte ihm der Abt lächelnd ins Ohr : » Seliger , der du eine solche Schülerin die Grammatik lehren darfst ! « Das schnitt in Ekkehards Herz . Eine alte Geschichte stieg in seiner Erinnerung auf , - auch in den Klostermauern gab ' s böse Zungen und überlieferte Stücklein , die vom einen zum andern die Runde machten . » Ihr gedenket wohl der Zeit , heiliger Herr « , sprach er höhnisch , » da Ihr die Nonne Clotildis in der Dialektik unterrichtet104 ? « Damit ging er hinab zu seinem Schiffe . Der Abt hätte lieber ein Büchslein mit Pfeffer zum Frühmahl eingenommen als diese Erinnerung . » Glückliche Reise ! « rief er dem Scheidenden nach . Von dieser Zeit hatte Ekkehard es mit den Reichenauer Klosterleuten verdorben . Er ließ sich ' s nicht kümmern und fuhr mit seinem Ermatinger Fergen den Untersee hinab . Träumerisch schaute er aus seinem Schifflein hinaus ins Weite . Im durchsichtigen Duft des Morgens wogte der See , zur Linken hoben sich die schlanken Türmchen von Eginos Klause Niederzell , - dort streckt das Eiland seine letzten Spitzen ins Gewässer hinaus , eine steinerne Pfalz schaute aus den Weidenbüschen vor - aber Ekkehards Blick haftete auf der Ferne , der er zusteuerte ; groß , stolz , in steiler kecker Linie trat ein felsiger Bergrücken aus dem Gehügel des Ufers vor , gleich dem Gedanken eines Geistesgewaltigen , der wuchtig und tatenschwer flache Umgebung überragt , die Frühsonne warf helle Streiflichter auf Felskanten und Gemäuer . Fern zur Rechten hoben sich etliche niedere Kuppen von gleicher Form , bescheiden , als wären sie Feldwachen , die der Große ausgesendet . » Der Hohentwiel ! « sprach der Fährmann zu Ekkehard . Der hatte das Ziel seiner Fahrt in früheren Tagen noch niemals erschaut , aber es brauchte des Schiffers Wort nicht , um ' s ihm zu sagen . So mußte der Berg sein , den sie zu ihrem Sitze erkoren . Eine ernste Stimmung kam über Ekkehard . Züge des Gebirges , weite Flächen , Wasser und Himmel , große Landschaft wirkt jederzeit Ernst im Gemüt , nur des Menschen Getrieb ruft ein Lächeln auf des Beschauers Lippe . Er gedachte des Apostel Johannes , wie der einst der Felseninsel Patmos entgegengefahren , und wie ihm dort eine Offenbarung aufgegangen ... Der Fährmann steuerte rüstig vorwärts . Schon waren sie dem Ufervorsprung , der die Zelle Radolfs und die wenig umliegenden Behausungen trägt , nahe . Da trieb ein seltsam Schifflein im See , roh , ein hohler Baumstamm , aber ganz verdeckt und überbaut mit grünem Gezweig und Schilfrohr , und war kein Ruderer zu erschauen , der es lenkte . Der Wind schaukelte es dem Geröhricht am Gestade entgegen . Ekkehard hieß seinen Fergen das absonderliche Fahrzeug anhalten . Da stieß derselbe mit seiner Ruderstange in die grüne Verhüllung . » Pest und Aussatz Euch ins Gebein ! « fluchte es mit tiefer Stimme aus der Höhlung hervor , » oleum et operam perdidi , Hopfen und Malz ist verloren . Wildgans und Kriekente sind des Teufels ! « Ein Zug Wasservögel , der mit heiserem Geschnatter in der Nähe aufstieg und landeinwärts flog , bestätigte des Fluchenden Ausspruch . Im Buschwerk des Schiffleins aber knisterte es und hob sich auf , ein wettergebräuntes , runzeldurchfurchtes Antlitz schaute herüber , um den Leib schmiegte sich ein verblichen geistlich Kleid , das , an den Knieen mit unsicherem Messerschnitt gekürzt , zerzaust herabhing ; im Gürtel stak ein Köcher statt des Rosenkranzes , die gespannte Armbrust lag auf des Schiffleins Vorderteil . » Pest und Aussatz « - wollte des Fahrzeugs Insasse nochmals anheben , da schaute er Ekkehards Tonsur und Benediktinergewand und änderte den Ton : » Hoiho ! salve confrater ! Beim Bart des heiligen Patrik von Armagh , so mich Euer Fürwitz noch eine Viertelstunde länger ungehindert gelassen , könnt ' ich Euch zu einem weidlichen Bissen Seewildbret einladen . « Mit Bewegung schaute er den in die Ferne streichenden Wildenten nach . Ekkehard aber hob lächelnd den Zeigefinger : » Ne clericus venationi incumbat ! Kein Geweihter des Herrn soll der Jagd pflegen105 . « » Stubenweisheit « , rief der andere , » gilt nicht bei uns am Untersee . Seid Ihr etwann gesendet , beim Leutpriester zu Radolfszelle Kirchenschau zu halten ? « » Beim Leutpriester zu Radolfszelle ? « frug Ekkehard . » Steht hier der Bruder Marcellus vor mir ? « Er tat einen Seitenblick auf des Weidmanns rechten Arm , an dem sich die Kutte zurückgestreift hatte ; in rauhen Linien war ein von einer Schlange umwundenes Heilandbild eingeätzt und stund mit punktierten Buchstaben drüber Christus vindex106 . » Bruder Marcellus ? « lachte der Gefragte und strich mit der Hand über die Stirn , » fuimus TroesA1 , willkommen in Moengals Revier ! « Er stieg aus seinem hohlen Baum in Ekkehards Schiff hinüber . » Der heilige Gallus soll leben ! « sprach er und küßte ihn auf Wange und Stirn , » lasset uns ans Land fahren , Ihr seid mein Gast , wenn auch ohne Wildenten . « » Euch hab ' ich mir anders vorgestellt « , sprach Ekkehard . Das war kein Wunder . Nichts gibt ein falscher Bild von Menschen , als nach ihnen an denselben Ort kommen , wo sie einstens gewirkt , vereinzelte Reste ihrer Tätigkeit sehen und aus dem Gerede der Zurückgebliebenen sich eine Vorstellung des Weggegangenen schaffen . Tiefstes und Eigenstes bleibt dritten meist unbeachtet , auch wenn ' s offen zutag ' liegt , in der Überlieferung schwindet ' s ganz . Als Ekkehard ins Kloster trat , war der Bruder Marcellus schon nach der verlassenen Zelle Radolfs als Pfarrherr abgegangen . Etliche zierlich geschriebene Urkunden , Ciceros Buch von den Pflichten , und ein lateinischer Priscianus mit irischer Schrift zwischen den Zeilen erhielten sein Andenken . Viel verehrt lebte sein Name noch an der innern Klosterschule , er war der tüchtigsten Lehrer einer gewesen , tadellos sein Wandel . Seither war er in Sankt Gallen verschollen . Darum hatte sich Ekkehard statt des Weidmanns im See einen ernsten , hagern , blassen Gelehrten erwartet . Das Gestad von Radolfs Zelle war erreicht ; eine dünne , nur auf einer Seite geprägte Silbermünze stellte den Fährmann zufrieden107 . Sie gingen ans Land . Wenig Häuser und schmucklose Fischerhütten standen um das Grabkirchlein , das Radolfs Gebeine birgt . » Wir sind an Moengals Pfarrhaus « , sprach der Alte , » tretet ein . Ihr werdet hoffentlich dem Bischof zu Konstanz keinen Bericht von meinem Hauswesen erstatten wie jener Dekan von Rheinau , der behauptete , er habe bei mir Krüge und Trinkhörner von einer jedem Zeitalter verhaßten Größe erschauen müssen108 . « Sie traten in eine holzgetäfelte Halle . Hirschgeweih und Auerochsenhörner hingen über dem Eingang , Jagdspieße , Leimruten , Fischgarne lehnten in malerischer Unordnung an den Wänden , an das umgestürzte Fäßlein im Winkel schmiegte sich der Würfelbecher : wäre es nicht des Leutpriesters Behausung