der Amtmännin ebnete ihm auch sonst noch seinen Pfad ; der Schütz und die Scharwächter , welche die Polizei im Flecken handhabten , ließen diese Stimmung ihrer Gebieterin nicht unbeachtet und drückten bei manchen Unregelmäßigkeiten des jungen Burschen , bei manchen kleinen Verstößen gegen die öffentliche Ordnung alle ihre Augen zu . Unter diesen Umständen wär er eines Morgens mit seinem Korbe ins Amthaus eingetreten . Die Amtmännin prüfte den Inhalt und sagte wohlgefällig : » Das gibt ein schönes Brätchen , ich hab alle Konsideration vor Seines Vaters Geschmack , sag Er ihm einen Gruß , und ich sei wohl zufrieden . « » Oh , ich hab ' s selber ausgewählt , Frau Amtmännin « , erwiderte Friedrich . » Um so besser , so darf Er ' s auch selber in die Küche tragen . Geh Er , mein Sohn , und bring Er ' s der Kathrine hinaus . Daß Er sich aber nicht untersteht , dem Mädchen zu flattieren ; ich habe mir sagen lassen , daß Er ein galanter Junker sei . « Friedrich lachte und trug das Fleisch in die Küche . » Da , Jungfer « , sagte er , » und die Frau hat mir einen Kuß aufgetragen als Zugabe . « Das Mädchen ließ mit einem leisen Schrei den Korb fallen und flüchtete sich hinter den Herd . Sie hatte etwas Demütiges und Gedrücktes in ihrem Wesen und sah , obwohl noch jugendlich und nicht unschön , doch blaß und verblüht aus . Sie war eine Verwandte der Amtmännin , die sie unter dem Namen einer Hausjungfer , eigentlich aber als Dienstmagd , zu sich genommen hatte . » Es ist nicht so ernstlich gemeint , Jungfer « , lachte Friedrich . » Nur sachte mit der Braut ! Das Fleischle da hätt so sauber bleiben können , wie Ihre Tugend von meinetwegen bleiben soll . « Er hob das Fleisch vom Boden auf , warf es ihr auf den Herd und verließ die Küche , indem er brummte : » Was sich die nicht einbildet , und ist nur so ein Flügel . « Als er wieder ins Zimmer kam , um zu fragen , was die Frau Amtmännin auf morgen zu befehlen habe , fand er ein Glas Wein eingeschenkt , zu dem er sich nicht lange nötigen ließ . » Hat ' s draußen was abgesetzt ? « fragte sie . » Ich meinte einen Fall zu hören . « » Oh , der Jungfer ist nur ein kleiner Poss passiert . Darauf hab ich weiter gar nichts gesagt als Sachte mit der Braut ! , und da ist sie gleich ganz schiefrig geworden . « Die gestrenge Frau lachte recht gnädig . » Es kommt ja nur auf den Mosje Friedrich an « , sagte sie , » ob er aus dem Sprichwort Ernst machen will . Das Mädchen ist aus einer sehr guten , aber während der Minderjährigkeit des Herzogs unterdrückten und herabgekommenen Familie . Nun , dafür hat sie sich desto besser in der Welt fortbringen gelernt ; das ist auch eine Aussteuer . Sie ist schon bei einem adeligen Geheimenrat in Diensten gewesen und weiß , was Mores sind . Das gäb eine Wirtin , die den vornehmsten Gästen gewachsen wäre . « Sie sagte dies alles auf eine scherzhafte Weise , in welcher gleichwohl etwas Aufmunterndes lag . » Aber freilich « , fügte sie hinzu , » Wirte sehen mehr auf äußeres als auf inneres Metall , und bei Wirtssöhnen wird man ohne Zweifel den gleichen Gout antreffen . « » Konträr , im Gegenteil « , versetzte der junge Mensch , » ich seh bei einem Mädle aufs Herz und nicht auf die Batzen . Liebreich ist über hübsch , und hübsch ist über reich . Aber Exküse , Frau Amtmännin , mein Sinn steht darauf , daß , wenn ich einmal heiraten tu , so muß es ein freies Mädle sein . Ich will mein Weib nicht aus der Dienstbarkeit holen . Arm darf sie wohl sein , aber keine solche , die schon auf der Adelsbank herumgerutscht und in vornehmen Häusern herumgepudelt worden ist . « Die Amtmännin fuhr aus dem Armsessel auf , und ihre Kontusche von Perse rauschte wie eine Windsbraut durch das Zimmer . » Er Flegel , der Er ist ! « schrie sie , » meint Er denn , ich werde meine Perlen vor solche Schweine werfen ! Eine Zigeunerin wird Er noch kriegen oder des Seilers Tochter , wenn ' s hoch kommt , wozu alle Aussicht vorhanden ist ! Reis Er sich auf der Stelle , und laß Er sich ' s nicht beigehen , mir wieder unter die Augen zu treten . « Friedrich hatte eben das Glas ergriffen , um zur Bekräftigung seiner Rede einen herzhaften Schluck zu tun , als dieser unerwartete Sturm bei vermeintlich heiterem Himmel ausbrach . Er setzte verblüfft das Glas auf den Tisch , ergriff seinen Korb und machte sich rücklings gegen die Türe , wobei er den eben eintretenden Amtmann empfindlich auf den Fuß trat . Dieser neue Fehltritt wär nicht geeignet , ihm seine Fassung wiedergewinnen zu helfen ; vielmehr gelangte er strauchelnd und taumelnd zur Tür hinaus , von grimmigen Blicken und unfreundschaftlichen Segenswünschen verfolgt . » Aber die kann einem den Marsch machen ! « sagte er verwundert zu sich , als er auf der Straße war . Er trug langsam seinen Korb nach Hause , ohne sich recht erklären zu können , wodurch er die Frau so plötzlich gegen sich aufgebracht habe . Desto deutlicher stand ihm die doppelte Tatsache vor Augen , daß er um eine nicht zu verachtende Gönnerschaft ärmer und um einen furchtbaren Feind reicher geworden sei . Er verabredete hinter dem Rücken seines Vaters mit einem Knecht , daß dieser künftig statt seiner das Fleisch ins Amtshaus tragen solle ; aber trotz dieser Auskunft machte ihm der Vorgang nicht wenig zu schaffen . Verschüttet Öl ist nicht gut aufheben , sagte er den ganzen Tag bedenklich mit dem Sprichwort zu sich . Was konnte er unter dem Gewichte dieser Betrachtung Besseres vornehmen , als die Flasche aufzusuchen , in welcher der Deutsche , der Jüngling wie der Greis , der gemeine Mann wie der vornehme , schon so manche Verlegenheit ersäuft oder erst recht großgezogen hat ! Sein Vater war ausgeritten , Ochsen zu kaufen , und wurde erst in später Nacht zurückerwartet ; die Stiefmutter aber stand nicht in so hohem Ansehen bei ihm , um ihretwegen die Hausordnung einzuhalten . Er erlaubte sich , das Nachtessen zu umgehen , und besuchte dafür ein Bäckerhaus , wo er gerne einzusprechen pflegte . Die Stube war halbdunkel , als er sie betrat . Auf einem Ofenbänkchen dämmerte der Bäcker , wie es ihm schien ; die Wärme des Ofens ließ sich bei der vorgerückten Jahreszeit recht behaglich empfinden . Hinter dem erhellten Fenster , das in die Küche ging , bewegte sich eine Gestalt , die er für die Bäckerin hielt . » Duselst , Beck ? « sagte er , dem Manne im Vorübergehen einen freundschaftlichen Rippenstoß versetzend ; » ' n Schoppen Grillengift , Beckin ! « rief er dann , gegen die Küche gewendet , und schlug ein paarmal mit der Faust auf den Tisch . Dann setzte er sich und stützte verdrießlich den Kopf auf die Hand . Ein Licht wurde gebracht und vor ihn gestellt , ohne daß er den Kopf erhob . Gleich darauf stellte dieselbe Hand den begehrten Wein im Schoppenglase vor ihn auf den Tisch . Ohne aufzusehen , wurde er doch der Hand gewahr , die mit dem Glase vor seinen Augen erschien . Sie hatte , trotzdem daß sie nichts weniger als glatt und geschont aussah , etwas Zartes ; die wohlgedrechselten Fingerchen schlangen sich allerliebst um das Glas , und an die Hand schloß sich ein zierlicher , runder , voller Arm . Eben wollte er verwundert fragen , wie die beleibte Bäckersfrau zu so anmutigen Gliedmaßen komme , als ein fremdes feines Stimmchen das in den Wirtshäusern übliche » Wohl bekomm ' s « dazu sprach . Er tat die Hand von den Augen , sah hin , ließ den Arm auf den Tisch fallen , hob den Kopf und starrte mit freudigem Schrecken die Erscheinung an . Es wär niemand anders als das hübsche Mädchen mit den gelben Zöpfen , das ihm neulich bei seinem unglücklichen Werbungsversuch begegnet war , und das er seitdem nicht aus dem Sinn verloren hatte . » Ei « , sagte er lustig , » heut hätt ich eigentlich einen schwarzen Strich in den Kalender machen sollen , jetzt mach ich aber einen roten dafür . - Was ist denn das , Beckin ? « rief er der eintretenden Frau entgegen . » Habt Ihr Euch eine Kellnerin aus dem himmlischen Reich verschrieben ? « » Das ist keine Kellnerin « , entgegnete sie , » es ist mein Dötle ( Patchen ) , das mir ein bißle im Haushalt und in der Wirtschaft aushilft . « » Wie heiß ' st denn , du Herzkäferle ? « fragte er . » Christine « , antwortete das Mädchen mit schüchternem Lächeln und trat einige Schritte von ihm weg , indem sie zugleich jenen hingebenden Blick auf ihn fallen ließ , der ihm schon einmal durch die Seele gedrungen wär . » Bist du von hier ? « » Ja wäger ist sie von hier « , sagte die Bäckerin , » sie ist ja des Hirschbauern Tochter . « » Daß dich der Strahl ! « rief er . » Ich hätt geglaubt , ich sollt Kind und Kegel im Flecken hier kennen . Ja , dort hinaus bin ich freilich in Jahr und Tag nicht gekommen . « » Arme Leut sind unwert « , versetzte die Bäckerin , » denen läuft niemand nach . « » Oh , Beckin , redet nicht so ! Ihr wißt wohl , daß es mir anders ums Herz ist . Aber « , wandte er sich zum Mädchen , » wo steckst denn du , du Zuckerstengele , daß ich dich noch kein einzig ' s Mal ins Aug gefaßt hab ? Man sollt dich ja wahrhaftig für eine Fremde halten . « » Sie ist nie viel unter die Leut kommen « , antwortete ihre Patin für sie . » Sie ist von Kind auf immer so ein Dürftele gewesen . « » Es ist heut nicht das erst ' mal « , sagte Christine leise und freundlich . » Ja , gelt ? « erwiderte er lebhaft , » neulich sind wir einander auch begegnet ? « » Das ist wiederum nicht das erst ' mal gewesen . « » Ja , das Mädle hat Euch noch einen Dank abzustatten von lang her , für etwas , da Euer Herz nicht mehr dran denkt . Geh , erzähl ' s ihm , Christinele . « » Ich nicht ! « rief das Mädchen und zog sich kichernd hinter den Ofen zurück . » Erzählet Ihr ' s , Dotel « » Muß ich das Maul für dich auftun , du Dichele ? « sagte diese . » Nun also ! Ich will anfangen , wie man ein Märlein anfängt . Es ist einmal ein klein ' s Mädle gewesen , hat Bäcklein gehabt wie Milch und Blut , das Spruchbuch hat ' s unterm Arm getragen , und ein großer Apfel , so rotbackig wie es selber , der hat ihm aus dem Schürzentäschle herausgeguckt . So ein Apfel unter der Schulzeit - Ihr werdet ' s wohl noch wissen - , das ist für ein Schulkind so viel oder noch mehr als für einen jungen Burschen ein Schoppen Wein im Beckenhaus . Kommt so ein barfüßiger Flegel daher , ein paar Jahr älter als das Kind , und sagt : Gleich gibst mir dein ' Apfel , oder ich schlag dir ein paar Zähn in Hals ! Mein Christinele schreit und rennt , was gilt ' s , was hast ! Aber der Bub hintendrein und faßt sie am Fittich und schüttelt sie und will ihr den Apfel nehmen . Da kommt aber einer über ihn , und wer anders als der Sonnenwirtle , der Frieder , der nie kein Unrecht mit müßiger Faust hat ansehen können . Der faßt den groben Zolgen und schüttelt ihn ebenmäßig und steckt ihm ein paar , aber nicht wie ' s die Buben austeilen , sondern wie ' s die Buben von einem Mann kriegen , wenn ein Markstein gesetzt wird . « » Gott ' s Blitz ! « rief er fröhlich lachend , » jetzt geht mir ein Licht auf . Das ist ja der Fischerhanne gewesen , ja , ja , den hab ich einmal durchgeliedert , weil er ein Kind mißhandelt hat , wie ein Räuber und Buschklepper . « » Ja , und dann habt Ihr dem Kind noch ein Brot dazu gegeben . Da , nimm , habt Ihr gesagt , damit dir der Apfel kein ' öden Magen macht . « » Kann sein « , sagte er , » das weiß ich nicht mehr , jedenfalls ist ' s gern geschehen . Was , und das Kind bist du gewesen , du Engele , du goldig ' s ? « rief er hinter den Ofen . » Freilich « , erwiderte die Bäckerin . » Aus Kindern werden Leute und so weiter , Ihr wißt ja , wie das Sprichwort sagt . Aber die Guttat , die hat Euch mein Christinele in einem feinen Herzen nachgetragen , beides , das Brot und daß Ihr meinen Apfel verteidigt habt , - denn von mir ist er gewesen . « Er hatte nicht mehr ganz ausgehört . » Ist ' s wahr « , rief er , indem er das Mädchen , das sich sträubte und anmutig lachte , hinter dem Ofen hervorzog , » ist ' s wahr , daß du mich noch kennst und hast selbiges Stück im Herzen behalten ? « » Ja , es ist wahr « , antwortete sie , » und ich hätt gern - « » Was hätt ' st gern ? Wieder ein Stück Brot ? « Sie lachte überlaut . » Heimgegeben hätt ich ' s gern . « » So , du möchtest mir die Laib heimgeben ? « Er schlang den Arm um ihre Hüfte und gab ihr mit einem Wink zu verstehen , daß jetzt die beste Gelegenheit zu einer ihm anständigen Belohnung wäre . Die Bäckerin hatte den Kopf gewendet , der Mann schlief auf der Ofenbank . Er drückte sie an sich und suchte mit dem Munde ihre Lippen . Sie wich ihm lächelnd aus , ohne die vielverheißenden Augen von ihm abzuwenden , und wie er sie am Kinn fassen wollte , um das unbotmäßige Köpfchen in festen Verwahrsam zu nehmen , kam sie ihm plötzlich mit den Lippen zuvor . Sein Wunsch wär in Freiheit gewährt , ehe er zu Zwangsmitteln schreiten konnte ; ein Kuß , nicht lang , nicht voll , nicht feurig , aber blitzartig treffend wär ihm an den Mund geflogen und fuhr ihm durch Mark und Bein . Ihre Lippen hafteten nur einen Augenblick ; im selben Augenblick war sie ihm unter dem Arm durchgeschlüpft und huschte in die Küche hinaus . Mit diesem Kusse wär der Würfel über sein künftiges Schicksal geworfen . In der ersten Aufwallung seiner Leidenschaft wollte er dem Mädchen nacheilen , aber eine andere Regung hielt ihn zurück . Er glaubte in dem hellen , freundlichen Gesichte , obgleich es fast noch unmündig aussah , einen Zug zu erkennen , der keine Zudringlichkeit aufkommen ließ , und besorgte , daß er die gute Meinung , die das Mädchen seit den Kinderjahren in ihrem dankbaren Herzen von ihm behalten hatte , leicht verscherzen könnte . Diese Betrachtungen hüllten sich jedoch in das Gewand des Stolzes . » Was , soll ich den Küchemichel machen ? « sagte er zu sich und setzte sich trotzig wieder an den Tisch . Die Stube füllte sich allmählich mit Gästen . Was auf dem Dorfe Wirtshausbesucher sind , die bilden so ziemlich denselben unveränderten Kreis und wechseln nur den Ort . Heute findet man sie in der Sonne , morgen geben sie dem Dreikönig etwas » zu lösen « , übermorgen sind sie beim Becken , überübermorgen in der Krone , donnerstags gehen sie zum , wütigen Esel ' , freitags kriechen sie zum Kreuz , und am Sonnabend tut ihnen die Wahl weh zwischen dem Dutzend von Wirtshäusern , die noch übrig sind . Friedrich nahm sich den Abend zusammen , um seinen Herzenszustand nicht zu verraten . Er verriet ihn aber jeden Augenblick . Er trank ein Glas um das andere , um Christinens Gegenwart zu genießen und etwa ihre Hand beim Darreichen zu berühren . Hierzu mußte er jedesmal den Augenblick wählen , wo sie gerade im Zimmer anwesend war , und dies nötigte ihn , oft einen starken Rest mit einem einzigen Zuge zu leeren . Die andern hatten sein Treiben schnell durchschaut und gaben ihr mutwilliges Ergötzen bald durch einen Augenwink , bald durch ein schiefgezogenes Maul zu erkennen . Die Gläser , die er aus Christinens Hand empfing , stiegen ihm nach und nach in den Kopf . Er sang , lachte , schwatzte viel und ließ- seine gute Laune an einem und dem andern der Anwesenden aus , endlich aber auch an der abwesenden Frau Amtmännin , die er sich nicht entblödete , eine alte Kupplerin zu schelten . Wer weiß , welch törichtes Zeug er noch angerichtet haben würde , wenn nicht Christine , vielleicht absichtlich zu seinem Besten , den klugen Einfall gehabt hätte , die Magnetnadel nach dem entgegengesetzten Pol zu drehen . Sie wischte auf einmal mit einem Gut Nacht , das wenigstens deutlich auf sein Ohr berechnet war , zur Türe hinaus . Er wagte ihr nicht seine Begleitung anzubieten , aber nun war auch seines Bleibens nicht länger mehr . Allen Neckereien und Herausforderungen der andern zum Trotz machte er sich so schnell als möglich los ; er hoffte , sie noch unterwegs einzuholen . Da er aber bei all seiner Aufregung doch so viel Rücksicht genommen hatte , um einigermaßen den Schein zu meiden , so gelang ihm sein Vorhaben nicht . Er ging mit eiligen Schritten ans Ende des Fleckens , wo etwas abgesondert das Häuschen ihres Vaters lag . Seine Tritte hallten durch die Nacht . Er umging das Haus , aber kein Licht war zu sehen . Er lehnte sich lange an den Backofen , der wie ein großer Bauch aus dem Hause hervorragte . Dann setzte er sich auf die Deichsel des Wagens , der unter dem Schupfe stand . Im Hause war alles stille , nirgends ein Laut , weder ein Tritt in einer Kammer , noch das Krachen einer Treppenstufe zu vernehmen . » Du leichtfüßig ' s Vögele du « , sagte er , » bist schon ins Bett geschlupft und schlafst . Gut Nacht , Christinele , gut Nacht , Schatz ! Mein mußt du werden , und wenn ich die Stern vom Himmel reißen müßt ! « Seine Zechgenossen , als er die Stube verlassen hatte , sahen einander erst stillschweigend an , dann machten sie allerlei Bemerkungen , sowohl über den unerhörten trunkenen Freimut , mit dem er die Maria Theresia des Fleckens anzutasten gewagt , als über das plötzliche Feuer , das sich durch Flammen und Rauch verraten hatte , und zwar kreuzten sich die Bemerkungen über diese beiden Gegenstände . » Ich glaub , der hat ' n Leibschaden unterm Hut « , fing einer an . » Schätz wohl , und unterm Brusttuch desgleichen « , sagte ein anderer . » Der hat dem Dr- ' n Ohrfeig geben ! « versetzte ein dritter . » Reitet der das Maul spazieren , oder das Maul ihn ? « » Ja , der reitet sich selber hinein . « » Und die Augen sind auch mit ihm durchgegangen . « » Ich glaub , die hat ' s ihm angetan . « » Beckin , ich glaub , Euer Dötle kann hexen . Sie gäb übrigens eine zierliche Sonnenwirtin , heißt das , wenn ihm der Alte , nach Gestalt der Sachen , die Regierung übergibt . « » Oh , ihr Leut , redet doch nicht so gottlos ! « sagte die Bäckerin lachend dazwischen . » Der wird ankommen , wie die S- im Judenhaus . « » Er ist und bleibt halt des Sonnenwirts sein Frieder . « » Ja , ja ! « riefen alle zusammen , und nachdem sie in solchen sprichwörtlichen Redensarten dem » Geist « Luft gemacht hatten , gingen sie heim , um denselben für dieses Mal » ruhen zu lassen « . 5 Der trotzigste Bursche in ganz Ebersbach war mit einem Schlage so umgewandelt , daß ihn sein eigener Vater nicht mehr erkannte . Er zeigte sich demütig , dienstfertig und zu allem willig ; seine angeborene Gutherzigkeit brach siegreich hervor , wie wenn nach langem Unwetter der Himmel wieder blau erscheint . Sein Vater wurde täglich zufriedener mit ihm : denn einmal ersparte ihm Friedrich ein paar Knechte , so fleißig und anstellig war er jetzt ; dann tat er der Kundschaft sichtlichen Vorschub , sowohl in der Metzig , wo der weibliche Teil des Fleckens die Fleischeinkäufe am liebsten bei ihm besorgte , als auch in der Schenke , wo seine heitere Laune an die Gäste , während er selbst sich des Schlemmens enthielt , manche Flasche mehr absetzte ; und endlich konnte es dem Alten doch auch nicht ganz gleichgültig sein , den einzigen Sohn , in dessen Hände dereinst die Sonne kommen sollte , so einschlagen und in sich gehen zu sehen . Von dem Vorfall mit der Amtmännin erfuhr er nichts , denn diese hatte ihre Pille stillschweigend verschluckt ; und als es ihm nach einiger Zeit auffiel , daß Friedrich kein Fleisch mehr ins Amthaus trug , so entschuldigte dieser sein Wegbleiben damit , daß die Amtmännin nicht undeutlich die Absicht blicken lasse , ihm ihre Köchin zu kuppeln , worauf der Alte sein Betragen höchlich billigte . Er ließ schon in der Stille sein Auge unter zwei oder drei Posthalterstöchtern in der Gegend umherschweifen , denn wie die alten Grafen von Württemberg auf den Herzogshut , so war der Sonnenwirt mit allen erdenklichen Mitteln darauf bedacht , der Sonne durch Verbindung mit einer Postgerechtigkeit , die durch Heirat am wohlfeilsten zu erlangen war , einen höheren Aufschwung zu geben . Noch immer zwar blieb er in Mienen und Worten streng gegen seinen Sohn , denn er hielt es , wie er sagte , für geraten , den Burschen » in der Stange zu reiten « ; aber wenn er sich von ihm unbeachtet glaubte , so schmunzelte er oft recht behaglich hinter ihm her . Unter diesen Umständen mußte auch die Stiefmutter zu einer berechneten Freundlichkeit auftauen , denn bei eintretenden Veränderungen wurde Friedrich , ob es ihr nun gefallen mochte oder nicht , eine bedeutende Person für sie . Übrigens dauerte diese Konsideration , wie die Frau Amtmännin es genannt haben würde , nur kurze Zeit : nachdem ihr der Fischer seinen heimlichen Bericht abgestattet hatte , begann auf ihrem Gesichte ein zweideutiges Lächeln stehend zu werden , welches hinter Friedrichs Rücken oft ebenso höhnisch als das seines Vaters wohlgefällig war . Diesem hatte sie längst seine Pläne abgelauscht und wußte ihn durch gelegentlich hingeworfene Reden eifrig darin zu bestärken . Zu dem Fischer sagte sie bei jener Gelegenheit : » Ich hab mir ' s von Anfang eingebild ' t , daß der Bub nicht gut tun wird , es ist seine Art nicht . « - » So einem reichen Söhnlein « , erwiderte der Fischer , » hätt man Zuchthaus und alles verziehen . Ich möcht nur auch sehen , wie man selbigenfalls mit unsereinem umging ; da wär kein Aufkommen mehr . Wiewohl , der begehrt doch den Berg abe , er kann eben das Glück nicht vertragen . « Inzwischen waren Friedrichs Versuche , Christinen in den nächsten Tagen nach jener Begegnung im Bäckerhause wieder anzutreffen , vergeblich gewesen , und nach einem unangenehmen Auftritt mit dem obern Müller , der aus Groll , daß er ihn nicht unter seine schwiegerväterliche Aufsicht bekommen konnte , sich einige Anzüglichkeiten gegen ihn erlaubte , gab er diese Versuche völlig auf . Nicht daß er das Feld als Besiegter geräumt hätte , denn der Müller war sowohl mit der Zunge als mit der Faust zu kurz gekommen , aber er vermochte es nicht zu ertragen , seine Herzensangelegenheit zum Gegenstand roher Scherze gemacht zu sehen . Er hätte der ganzen Welt verbieten mögen , ein Wort davon zu reden ; wußte er doch nicht , daß es für die menschliche Zunge , wie sie nun einmal bei vielen seiner Nachbarn beschaffen war , keinen köstlicheren Genuß gab , als eine Liebschaft zu verarbeiten , und daß ihr solch ein Festmahl um so süßer schmeckte , je mehr Gift und Bitterkeit sie beimischen konnte . Da er Christinen nirgends zu Gesicht bekam und die Entfernung von ihr nicht länger aushalten zu können meinte , so beschloß er endlich , geradezu in die Familie seiner Geliebten einzudringen , ein Unternehmen , das auf dem Lande meist mit mehr Schwierigkeiten und Verlegenheiten verbunden ist als in der Stadt , weil der Bauer den Dingen ohne Umschweif auf den Grund geht und über den Zweck eines Besuches nicht in entfernten Anspielungen und Feinheiten , sondern ganz rund und glatt und grob belehrt sein will . Auch wird auf diesem Wege nicht leicht eine Liebschaft , sondern nur eine schon vorher abgemachte Werbung ins Werk gesetzt . Nun würde zwar der Eintritt in das Haus des Hirschbauern nicht so viel Kopfzerbrechens erfordert haben als anderwärts ein solcher Versuch , denn die Leute waren bitterlich arm und hatten sogar schon während einer Krankheit des Hausvaters Unterstützungen aus dem Kirchensäckel genossen , der in den Gemeinden für Kirchenzwecke und Armenfürsorge gestiftet ist und gewöhnlich » der Heilig « genannt wird . Man konnte deshalb ohne große Scheu voraussetzen , daß sie einen Zuspruch aus der Sonne wohl auch nicht verschmähen und die Überbringung desselben durch den Sohn des Hauses , statt durch einen Knecht , als eine besondere Ehre aufnehmen würden ; allein der junge Mensch war trotz der Roheit , in welcher ihn die herrschende Sitte seiner Umgebung erhielt , zumal wo es sich um das Betragen des Vermöglicheren gegen den Armen handelte , zartfühlend genug , sich die Türe zu dem Mädchen seines Herzens nicht mit einem unumwundenen Almosen eröffnen zu wollen . Er erdachte sich vielmehr einen anderen Weg , der ihn ohne Demütigung derselben , aber doch mit einer kleinen Strafe für ihre Zurückhaltung , zu dem ersehnten Ziele führen sollte . Neben einer Kuh und einer Ziege , die dem Hirschbauer als Überreste eines ohnehin geringen Viehstandes geblieben waren und so kümmerlichen Unterhalt gewährten , daß der Backofen am Hause nur noch wie ein Spott über die Nahrungslosigkeit aussah , besaß die Familie ein Lamm , das aber eigentlich Christinen gehörte , welche es einst als krank , aufgegeben und wertlos vom Schäfer zum Geschenk erhalten , durch ihre mitleidige Pflege jedoch sich selbst und ihrem kleinen Bruder zur Freude davongebracht hatte . Alles dieses war von Friedrich ausgekundschaftet worden , und so trat der junge Bewerber eines Tages mit dem gleichgültigsten Gesichte unter dem Vorwande eines Handels in das Haus . Christine , die ihn vom Fenster aus kommen sah , begab sich geschwind aus der Stube , um ihre Bestürzung nicht merken zu lassen ; aber sie müßte kein Mädchen gewesen sein , wenn sie nicht , nachdem der erste Schrecken vorüber war , das Herz in die Hände genommen und sich wieder an ihre Kunkel gesetzt hätte . Gleichwohl konnte sie es nicht wehren , daß , als sie eintrat und mit demütig leisem Gruße an dem Besuch vorüberging , eine helle Röte ihr ins Antlitz schoß . Dieselbe wich jedoch schnell , als das Mädchen gewahr wurde , daß ihr Schäflein dem jungen Metzger verkauft sei , daß sie es verlieren und an die Schlachtbank abgeben müsse . Das Geld lag schon blank auf dem Tische , ein lockender Preis , dem die Armut nicht wohl widerstehen konnte . Christine erblaßte und hob kindlich zu weinen an ; sie richtete ihre Augen mit einem so schmerzlichen Blick auf den Beschützer ihrer Kindheit , der ihr jetzt das antun konnte , daß dieser , dem der Stachel des stummen Vorwurfs durch das Herz ging , sein Spiel beinahe bereute und es schneller , als er sich vorgenommen hatte , zu Ende führte . » Es scheint « , sagte er , » der Jungfer tut es and nach dem Tierlein ; ich würd mich ja der Sünde fürchten , ihr so ins Herz zu schneiden ; nun ist ' s aber einmal gekauft und bezahlt , und da beißt die Maus keinen Faden davon ; also wird ' s , schätz ich , das beste sein , ich geb ' s ihr derweil in Verwahrung und lass ihr ' s anbefohlen sein , bis ich ' s einmal nötiger hab als just heut ; mir ist ' s nicht so eilig damit , und bei ihr kommt vielleicht einmal eine Zeit , wo sie ihr Herz von dem Tierlein losmacht und an etwas anders hängt . « - Er blickte ihr dabei listig lächelnd ins Gesicht , wo durch die Regenschauer wieder ein Sonnenschein geschlichen kam , und da dem Hirschbauer die Sache weder lieb noch leid zu sein schien , die Mutter aber beifällig