dem Oberstock Sir Maubridge , von zwei anderen Dienern und dem Hausaufseher gefolgt , die Stiege herab , denn oben auf dem flachen Dache leckten und schlugen bereits die Flammen empor , die Jan ' s geschleuderte Fackel an dem trockenen Holzwerk entzündet . In dem linken Arm des Briten , halb getragen von ihm , hing ein griechisches Weib in wallenden Nachtgewändern , das bleiche Gesicht umflattert von den fessellosen wallenden Locken . » Diona ! « wiederholte Gregor und das bleiche Frauenbild zuckte zusammen bei den bekannten Tönen und streckte die Hände nach ihm aus , - aber wie von unwiderstehlicher Macht dahingerissen , klammerte sie sich von Neuem an den Geliebten und der flammende Stahl trennte die Geschwister , denn kühn und gewandt schwang Maubridge den Säbel in seiner Rechten gegen die Herandrängenden , und die drei Diener wehrten mit allen Waffen , die in der Eile zur Hand waren , den Angriff ab und sicherten seinen Rückzug . Zwei Mal hob Gregor die Pistole und visirte nach dem Verführer , zwei Mal ließ er sie sinken , denn des Mädchens Brust deckte opfernd den Geliebten . So tobte , der Kampf von Zimmer zu Zimmer , bis der hintere Ausgang des Hauses erreicht war und unter der Hand der Diener aufflog . » Hundert Pfund , wenn Ihr fünf Minuten die Thür haltet ! « bot der Brite und warf sich mit seiner schönen Beute in ' s Freie , während die drei Engländer wie grimmige Bulldoggen sich vor den Ausgang stellten und den Gegnern das Weiße im Auge boten . Ein Schuß durch den Kopf aus Gregors Pistole streckte den einen der Diener zu Boden , dem Hauswart traf ein Messerstich des Buben Mauro in die Weichen , und während der dritte Gegner dem Räuberchef einen gewaltigen Boxerstreich versetzte , der diesen fast zu Boden warf , tönte draußen bereits der Ruf des Triumph ' s ; Welland trug das ohnmächtige Mädchen auf seinen Armen hinab zum Ufer , indeß seine beiden Gefährten den zu Boden geworfenen Baronet mit Stricken zusammenschnürten . Hoch auf schlug die Flamme aus dem Landhause in den blauen Nachthimmel und beleuchtete die blutige Scene . Da eilte vollen Laufs der Bandit herbei , den Jan auf Posten gegen das Dorf gestellt hatte und verkündete das Nahen von Leuten . Im Nu waren Alle an den Booten versammelt , - drei der Männer schwer verwundet , auch Jan blutete aus einem Schulterhieb , - die Boote flott gemacht und besetzt , - in der nächsten Minute stießen sie vom Ufer und flogen in das bergende Dunkel , während hinter ihnen drein noch ein Schuß des entflohenen Khawassen knallte und die jeden Moment sich mehrenden Gestalten am Ufer hin und her eilten . Welland hatte das noch immer von Ohnmacht befangene Mädchen dem Freunde auf den Schooß gelegt und arbeitete rüstig mit zwei Rudern . In der Spitze des Kahns stand Jan , um die Bewegungen zu lenken , damit sie nicht zu nahe der Felucke kommen möchten . In der That war hier Alles wach geworden von dem wiederholten Schießen und dem Brande , der mächtige Rauchwolken in die Morgenluft emporqualmte . Man rief sie an , aber der Räuber antwortete gewandt , daß sie vor dem Angriff flüchteten und bald waren sie außer Schußweite . Im Hauch der frischen Seeluft kam Diona wieder zur Besinnung . Zuerst fuhr sie empor und blickte wild um sich , wie den schützenden Freund suchend , - dann , indem sie den Bruder erkannte , warf sie sich in seinen Schooß und weinte heftig . In der Nähe des Ufers trennten sich die Kähne , und während der Banditenchef das Geschwisterpaar weiter hinauf nach seinen Verstecken führte , landete der Knabe den Arzt in der Nähe der Frankenstadt und geleitete ihn durch die noch einsamen Straßen bis zum Eingange seines Hauses . Am nächsten Abend versprach er ihn zu dem Freunde zurückzuführen . In Smyrna selbst war der Abend und ein Theil der Nacht zwar ruhig und stürmisch , aber doch ohne Gewalthat der Flüchtlinge vergangen . Der Tiger hatte noch nicht Blut geleckt . Eine Deputation an Herrn von Wexbecker , den österreichischen Consul , war von diesem , der - nachdem die Sache einmal verfehlt angegriffen war - sich männlich und consequent benahm , abgewiesen worden . Die Flüchtlinge und der zahllose Janhagel von Smyrna , der sich ihnen angeschlossen , tobten durch die Frankenstadt , drohten das österreichische Consulat zu stürmen , warfen einige Fenster ein und ließen es bei den Drohungen . Noch bis tief in die Nacht wogte die Bevöllkerung auf und ab durch die Straßen . Bei der Alltäglichkeit von Feuersbrünsten in den großen türkischen Städten , wo die Regierung selbst oft ganze Quartiere abbrennen lässt , um die Bewohner zum zweckmäßigeren Neubau zu zwingen , war der Brand jenseits des Golfs zwar bemerkt worden , aber Niemand achtete darauf , noch weniger fiel es Jemand ein , Hülfe dahin zu bringen . Am nächsten Morgen - Welland hatte von der Erregung der Nacht bis in den Vormittag hinein geschlafen , - begab er sich sofort zum amerikanischen Consul und reclamirte der erhaltenen Weisung gemäß Costa als amerikanischen Schutzangehörigen auf Grund eines Passes , den der Ungar von den Vereinigten Staaten erhalten haben sollte . Zu seiner Verwunderung fand der Arzt den Consul sofort bereit , auf das Verlangen einzugehen . Es schien , als ob er bereits darauf vorbereitet gewesen und er theilte ihm mit , daß am Morgen eine amerikanische Corvette von Constantinopel angekommen sei und im Hafen Anker geworfen habe , ein glücklicher Zufall , der ihrer Forderung den nöthigen Nachdruck geben mußte . Eine Stunde darauf trat , durch einen Boten herbeigerufen , der Capitain der Corvette in Begleitung eines seiner Offiziere bei dem Consul ein und begab sich mit demselben zu Herrn von Wexbecker , um die Reclamation einzulegen . Der österreichische General-Consul empfing sie zuvorkommend , und obgleich er die Begründung der Ansprüche bezweifelte , erklärte er sich bereit , die Amerikaner an Bord des » Hussar « zu begleiten , um durch eine eigene Unterredung mit Costa ihnen genauere Information zu verschaffen . Welland erwartete in aufregender Spannung im Consulats-Gebäude ihre Rückkehr , und als er endlich das Boot von der Brigg wieder abstoßen , zur Corvette rudern und dann zum Lande zurückkehren sah , eilte er ihm auf die Marina entgegen . Der amerikanische Consul brachte jedoch schlechte Nachrichten . Costa hatte trotzig sich als Ungar erklärt und zwar angeführt , daß er sich einige Zeit in Amerika aufgehalten und von dort nach Smyrna gekommen sei , aber über seine Schutzangehörigkeit oder das Vorhandensein eines Passes keine , einigermaßen zum weiteren Einschreiten berechtigende Angaben machen können . Unter diesen Umständen hatten die Amerikaner von der Reclamation Abstand nehmen und den Ungar seinem Schicksale überlassen müssen , das er übrigens mit ungebeugtem Sinne trug . - Welland war sehr bestürzt über die Nachricht , der Consul jedoch führte ihn bei Seite und versicherte ihm , daß in der Angelegenheit noch Nichts verloren sei , da Herr von Wexbecker sich weiter bereit erklärt hatte , vor der Abführung Costa ' s mit dem nächsten Lloyddampfer nach Triest erst die weitere Entscheidung der beiden Gesandtschaften in Constantinopel abwarten zu wollen , an die sofort die nöthigen Berichte gesendet werden sollten . Der amerikanische Capitain war bereits angewiesen , sich jeder früheren Wegführung des Gefangenen nöthigenfalls mit Gewalt zu widersetzen . Für das Weitere , meinte mit schlauem Lächeln der Amerikaner , werde man schon in Constantinopel sorgen . Beruhigt schied Welland von ihm und wandte sich wieder zu Marina , um den Fremden Costa ' s diese tröstliche Nachricht mitzutheilen , denn rasch hatte sich die Kunde von der verweigerten Auslieferung in der Stadt verbreitetet . Eine Zeitung zur Hand nehmend , setzte er sich am Eingang des englischen Café ' s ( Café Paulo ) nieder . Es war der Abend des 23. Juni . Das Belvedere des Caffeehauases begann sich nach und nach mit Fremden und Einheimischen zu füllen . Bald darauf traten Arm in Arm zwei junge Offiziere von der österreichischen Brigg auf den offenen Raum , ließen sich an dem zweiten Tisch von Welland nieder und forderten Eis und Limonade . Es waren der Schiffslieutenant von Auerhaummer und der Marine-Aspirant Baron von Hackelberg , der einzige Sohn des Feldmarschall dieses Namens . In dem Zweiten erkannte Welland den Offizier , welcher am Morgen seiner Ankunft zum Egytto gekommen und das Boot der Italiener zurückgewiesen hatte . - Die beiden jungen Leute , keck die allgemeine Mißstimmung herausfordernd , lachten und scherzten ziemlich laut und hatten , wie man später erfuhr , schon während des ganzen Morgens sich unachtsam durch die Straßen Smyrna ' s umhergetrieben . Viele Blicke ruhten mißbilligend oder ängstlich auf ihnen , dennoch ahnte Niemand die schreckliche Katastrophe , die folgen sollte . Auch Welland hatte mit einer gewissen Unbehaglichkeit und Besorgniß die kecke Haltung der beiden hübschen jungen Männer bemerkt , und dies um so mehr , als kurz nach ihrem Erscheinen sein Wiener Reisegefährte sich für einige Augenblicke einfand , heimlich mit den beiden Offizieren sprach und einzelne auf ihn fallende Blicke zeigten , daß von ihm die Rede sei . Er wollte , um dem widrigen Eindruck zu entgehen , sich eben entfernen , als mit Lärmen und Geräusch , offenbar sehr erregt , eine neue Gesellschaft den Platz betrat und am Tische neben Welland , gegenüber dem der Offiziere , Platz nahm . Es waren Fumagalli , der Ungar Bassitsch , dessen Hand fortwährend in der Brusttasche spielte , Lepicq , ein französischer Fechtmeister , zwei andere lombardische Flüchtlinge , Budoli und Cugini , und der Pole Sczukowski . Aller Blicke hafteten sogleich auf den beiden Oesterreichern und Fumagalli gellte ein wildes Lachen auf , indem er Bassisch auf die Schulter schlug und offen auf den Baron wies . » Per bacco amico , da haben wir unser Vöglein von vorgestern ! Jetzt kann ich Revange nehmen ! « - Die Offiziere hatten Besonnenheit genug , die offenbare Beleidigung nicht zu bemerken , und unterhielten sich leise , während die Angekommenen ringsum die Stühle besetzen , so daß kein Ausgang offen blieb , und Welland rasch zu dem in der Nähe befindlichen Wirth des Café ' s , Signor Paulo , trat und ihm einige Worte zuflüsterte . » Bassa manelka ! « fluchte Bassitsch . » Grogk hierher ! Rasch ! « Der Arzt aber nahete sich der Gesellschaft und suchte durch ein geschicktes Manöver die Mitte zwischen den beiden Tischen zu decken . » Zum Teufel , Doctor , « schnob der ersichtlich schon angetrunkene Ungar , » gehen Sie mir da aus dem Wege , Sie geniren mich im Anblick der verfluchten Röcke , die wir an der Theiß und Donau manch liebes Mal geklopft haben . Ein Kossuth ! und der Teufel hole die deutschen Tyrannenknechte ! « Der Wirth , der das Verlangte gebracht , war am Tische der beiden Marine-Offiziere vorübergegangen , und sich dort ein Geschäft machend , flüsterte er ihnen zu : » Meine Herren , ich rathe Ihnen dringend , sich zu entfernen , es ist hier nicht geheuer für Sie und ich stehe für Nichts . « Eine kurze und leise Berathung zwischen den jungen Leuten folgte , dann standen Beide rasch auf und versuchten fortzugehen . Welland hatte in diesem Augenblicke ihnen den Rücken zugekehrt und war bemüht , Bassitsch , der ihm der Gefährlichste schien , zu beschäftigen . Er gewahrte deshalb nicht , wie das schwarze Auge des Italieners Fumagalli jeder Bewegung des Aspiranten folgte , gleich dem Blick der Schlange , mit dem sie die ängstlichen Windungen ihres Opfers belauert . Fumagalli hielt den Fuß weit vorgestreckt , so daß er damit den Ausgang zwischen den Stühlen versperrte . Der Baron von Hackelberg war voran ; obschon er die offenbare Herausforderung des Lombarden erkannte , hatte er Geistesgegenwart genug , seine Ruhe zu bewahren , faßte mit der Linken an die Mütze und sagte höflich : » Signor , erlauben Sie , daß wir passiren ! « » Zur Hölle ! « gellte die Stimme des Lombarden , der wie ein Raubthier emporsprang und sich auf den Offizier warf . Einen hellen schlanken Blitz sahen die Umsitzenden zucken und sich zwei Mal in die linke Brust des jungen Mannes vergraben , daß die Mordfaust gegen die Uniform stieß . Der Baron taumelte , wie von dem Stoß außer Haltung gebracht , zurück an das Geländer , dann faßte er es mit beiden Händen , stieß einen einzigen lauten , kreischenden Schrei aus und schwang sich mit krampfhaftem Sprung hinüber in ' s Wasser , das ihn spurlos verschlang . Zugleich waren die umsitzenden Flüchtlinge , wie als hätten sie auf dies Mordsignal gewartet , aufgesprungen und stürzten sich mit ihren schweren Stöcken und Dolchen aus den Lieutenant von Auerhammer , ehe dieser noch im Stande war , sein Seitengewehr zu ziehen . Mehrere Hiebe über den Kopf warfen ihn zu Boden , drei Dolchstöße verwundeten ihn , zum Glück nur leicht . Wie ein Rasender rang Bassitsch mit dem deutschen Arzt , der im Innersten empört um Hülfe gegen die Mörder rief . Zu zweien Malen rang der Ungar die Rechte los und schoß jedes Mal ein Pistol gegen den schon am Boden liegenden Offizier ab , zu dessen Beistand jetzt einige Caffeegäste herbei geeilt waren , die mit erhobenen Stühlen und was zur Hand war , die wüthenden Mörder zurücktrieben . Aber die Bemühungen Welland ' s machten den Schuß unsicher , und nur die zweite Kugel streifte leicht den Verwundeten . » Zum Teufel mit Euch ! « tobte Bassitsch ; » Ihr seid auch ein deutscher Verräther , der unsre Feinde schützt ! « » Seid Ihr toll , Signor Dottore ? « knirschte Fumagalli und riß den Arzt zurück . » Wer ein Freund der Freiheit ist , steht zu uns , nicht zu Jenen ! « Welland stieß ihn von sich . » Meuchelmörder ! Wenn das Euer Kampf für die Freiheit ist , wünschte ich Euch nie gesehen zu haben . Fliehet , da es noch Zelt ist ! « In der That drängte eine immer größere Menge herbei ; die blutige That hatte das bessere Gefühl des Publikums wach gerufen und Drohungen gegen die Mörder ließen sich hören . Vor der Ueberzahl zogen sich diese zurück , und die blutigen Waffen schwingend , jubelnd über die gräßliche That , zerstreuten sich auf der Marina , während Welland und zwei Smyrnaer Kaufleute den Verwundeten rasch in eine Barke trugen und hinaus in ' s Meer rudern ließen , um ihn so vor einem neuen Angriff zu retten . Hier auf der See verband der Arzt die Wunden des Offiziers und brachte ihn aus der Ohnmacht zum Leben zurück . Dankbar drückte der junge Mann ihm die Hand und wurde dann von den Kaufleuten zugleich mit der Kunde des Mordes nach dem Schiffe gebracht , indeß Welland in einem anderen Nachen nach dem Ufer zurückkehrte . Dort hatten unterdeß die Nachsuchungen nach der Leiche des jungen Barons von Hackelberg begonnen . Der österreichische General-Consul mit den Khawassen des Consulats und der gesamten bewaffneten Dienerschaft war herbeigeeilt , bald darauf traf ein Boot mit Marinesoldaten vom » Hussar « ein und die Nachforschungen nach dem Unglücklichen dauerten bis spät in die Nacht , aber erfolglos . Erst am anderen Mittag gelang es , seine Leiche zu finden . Sie lag genau auf demselben Fleck auf dem Meeresgründe , an welchem er sich im Todeskampfe in ' s Wasser geworfen , mit den Händen fest an die Steine des Grundes geklammert . Der zweite Stich des Mörders hatte das Herz durchschnitten . Zwei Tage darauf wurde die Leiche beerdigt ; die Mannschaft der Brigg und das Personal des österreichischen General-Consulats folgten . Von den anderen Consuln , denen allen Anzeige und Einladung zugegangen war , hatten nur der sardinische und der preußische , letzterer aus einer jüdischen Familie stammend und in den Jahren 1849 und 50 ein gewandter Agent des Minister-Präsidenten , Muth und Ehre genug , zu folgen . Am Abend des Mordes und während der nächsten Tage durchzogen die Banden der Flüchtlinge triumphirend und herausfordernd die Straßen in der Nähe des österreichischen Consulats und drohten , dieses zu stürmen , so daß ein Commando der Marinemannschaft darin Posten nehmen mußte . Als Welland , an ' s Ufer zurückgekehrt , nach der nahen Behausung eilte , fand er dort bereits den Knaben Mauro seiner harren , und eilig trat er mit ihm den Weg zu dem Freunde nach dem Versteck des Räubers an . Er begann zu begreifen , daß auf diesem Boden und in diesem Kampf der entfesselten Leidenschaften das Leben des Einzelnen ein werthloses , kaum beachtetes Ding sei , das nicht das Gesetz , sondern die eigene Kraft schützen müsse . Unter banger Besorgniß , auch dort , wohin er ging , Schlimmes zu finden , nahete er durch die Cypressen der Friedhöfe den mächtigen , aus den Schatten des Abends sich erhebenden Ruinen . Fußnoten 1 Besika-Bai . 2 Der türkische Gouverneur einer Stadt . 3 Die Landwehr . Die Doppelgänger . In den glänzenden Salons der Fürsten Lieven , dieses weiblichen Talleyrand ' s der letzten Jahre , in der Straße Saint Florentin 2 , bewegte sich die glänzende Versammlung in jener ungenirten Weise , der höchsten Circles von Paris . Es war der Abend allgemeinen Empfangs , und was die Weltstadt an Notabilitäten der Administration und Diplomatie , der Kunst , der Wissenschaft und der Börse , so wie von Fremden bot , begegnete sich auf diesen Parkets mit den Lions und Lionnes der Mode . Die Salons der Fürstin hatten in dieser Zeit ihre wichtige politische Bedeutung ; denn alle Parteien fühlten sich hier gewissermaßen auf neutralem Felde , und bei der immer ernster sich gestaltenden Spannung zwischen den Höfen von Frankreich , England und Rußland bot sich hier eine Gelegenheit zu Besprechungen und Verhandlungen , die weniger für den offiziellen diplomatischen Verkehr geeignet , doch oft tief einschneidend und von weithin tragender Wichtigkeit waren . Die Fürstin , ganz geschaffen für die politische Intrigue , wußte mit dem ihr eigenen Tact die feindlichen Parteien zu beschäftigen und aus all ' dem bunten und wechselnden Verkehr ihre Vortheile zu ziehen . Jeder Fremde von durch Geburt , Rang , Reichthum oder Ruf ausgezeichneter Lebensstellung , der zu jener Zeit in Paris war , weiß , daß zugleich diese Soireen die reichhaltigsten und angenehmsten an geselligen Vergnügungen waren , die man finden konnte , und daß neben der politischen Intrigue hier manches geheimnißvolle und interessante Band der Herzen sich knüpfte , manches Rendezvous hinter dem Rücken des im Nebenzimmer verkehrenden Gatten oder der wachsamen Familie gegeben wurde . Bei den in dieser Beziehung ohnehin laxen Sitten und Begriffen der pariser Gesellschaft , die nur auf gewisse äußere Gesetze der Schicklichkeit basirt ist , sind die Versammlungen der vornehmen Kreise oft der Kuppler für Verbindungen und Speculationen jeder Art. In einem mit grünem Damast ausgeschlagenen , nur durch die erhobene Portiere von diesem getrennten Nebencabinet des großen Salons , in dem getanzt wurde , saßen auf einer üppigen Causeuse zwei Männer . Der Eine von ihnen , einige Jahre älter als der Andere und etwa sechs- bis achtundzwanzig zählend , trug die prächtig-phantasische Uniform eines Capitains der Garde-Zuaven , jenes Elitecorps aus den gewandtesten und verwegensten Kriegern Algeriens . Sein Gesicht war das männlich-schöne , muthige eines ächten französischen Soldaten mit Zügen , die jene Aristokratie der Geburt zeigen , welche Namen und Wappen nur bestätigen , nicht verleihen können . Auf der breiten Brust mit der silbergestickten blauen Jade prangte das Ritterkreuz der Ehrenlegion , von dem Janin unter Louis Philipp einst schrieb : Il est une honte , de l ' avoir et de ne l ' avoir , das seitdem aber wieder neue Würde gewonnen . Neben ihm , mit dem Lorgnon vor dem Auge , saß einer jener hocharistokratischen Flaneurs in den Modecirkeln von Paris , denen ihr vornehmer Name und ihre elegante Toilette trotz ihrer ruinirten Verhältnisse überall Eintritt verschafft , ja die mit einer scharfen und witzigen Zunge begabt , als Chronik des Tages überall willkommen oder gefürchtet sind . Am Spieltisch eben so zu Hause wie im Boudoir der Damen , an der Tafel des Ministers wie in den galanten Soireen der demi monde leben diese Männer ein rechenschaftsloses Leben des Genusses , das entweder an einem Degenstich im Gehölz von Boulogne oder an einer Pistolenkugel endet , die falsche Wechsel und den Arrestbrief des Gläubigers quittirt . Zuweilen auch , denn mit dem alten Namen voll legitimistischer Bedeutung verbindet sich oft Talent , Geist und Herz , reißt ein unerwarteter Schlag sie aus diesem Leben luxuriösen Müßigganges und wirft sie in eine Bahn , wo alle Eigenschaften des glänzenden französischen Geistes sich ehrenvoll entwickeln . Alfred de Sazé , einer der Modekönige des Tages , gehörte zu den Leuten , denen es nicht an diesen höheren und besseren Eigenschaften fehlte , die aber nur wie Lichtblicke auftauschen aus dem tödtenden Firniß seiner modernen Erziehung . Am anderen Ende der Causeuse , auf einen Sessel gestützt , lehnte ein noch sehr junger Mann in russischer Uniform , dessen eigenthümlicher , wunderschön geformter Kopf sofort auffiel , während sein Auge unruhig und zerstreut umherschweifte und er nur hin und wieder auf die pikanten Plaudereien seines Nachbars zu hören schien . Braunes Haar in wirren Locken umgab ein Gesicht , das in kühnem Oval vorspringend eine überaus schöne leichte Beugung der Nase zeigte , während dunkle hochgezogene Brauen das glänzende Auge einrahmten . Die eigenthümlichste Schönheit dieses Gesichts bildeten jedoch Mund und Kinn , der erstere , von einer halb aufgeworfenen Oberlippe bedeckt , die in ihrer Mitte das glänzende Weiß der Zähne durchschimmern ließ ; das Kinn , von kräftiger runder Contour und von jenem seltenen und stets einen energischen unbeugsamen Charakter voll mächtiger Gefühle oder Leidenschaften verrathenden Schnitt , welcher nicht im scharfen Winkel gegen den Hals zurücktritt , sondern bei dem die Linie des Halses am Vorderkinn selbst ihren Anfang zu nehmen scheint und gleichsam gewölbt nach der Brust zu sich herabsenkt . Das Gesicht , von jenem durchsichtig rothen Teint gefärbt , den man Blutteint zu nennen pflegt und der z.B. in jüngeren Jahren das ähnliche Antlitz der Königin Victoria auszeichnete , war zu auffallend , um je wieder vergessen zu werden , und hatte bei dem Mangel jeden Bartes zugleich ein Aussehen , das den Beschauer an stolze Frauenschönheit erinnerte . » Sie sind aber auch der unaufmerksamste Zuhörer , den man sich denken kann , Fürst , « sagte lachend der Lion zu dem eben beschriebenen jungen Mann . » Seit einer halben Stunde bin ich bemüht , mit einem Pinsel , der dreist mit Hogart oder Cruickshank wetteifern kann , Ihnen die Silhouetten der werthen Gäste Ihrer noch wertheren Frau Tante zu geben . Was ich Ihnen da erzähle , würde das Glück eines Memoirenschreibers machen und von unseren Feuilletonisten verschlungen werden , aber Sie sind und bleiben zerstreut und scheinen selbst den Vicomte angesteckt zu haben . Er betrachtet Sie mit Blicken , als wären Sie die Fürstin , Ihre schöne Schwester , der er bekanntlich stark den Hof und die sich eben , wie ich sehe , von Oberst Wassilkowitsch zum Contretanz führen läßt . « Er unterbrach sich lachend und sah die beiden Nachbarn neckend an . » Ah , meine Herren , hab ' ich endlich den rechten Punkt getroffen ? - Sie sind ja Beide ganz roth und erregt . Wäre es wahr , Fürst , daß Sie eifersüchtig sind auf Ihre Schwester wie ein Türke ? und Sie , Mèricourt , kann dies starre lauernde Gesicht , das ich , valga me Dios ! wahrhaftig auch nicht liebe , einen berühmten Krieger , wie Sie , so leicht in Harnisch bringen ? « Der Capitain legte ihm die Hand auf den Arm . » Keine Scherze , de Sazé , « sagte er ernst , » der Gegenstand ist zu hoch dazu . « » Bon ! So wende ich mich zu einem geeigneteren Bilde . Sehen Sie , Fürst , dort jene lange hagere Gestalt mit der hohen fabelhaft weißen Cravatte ? Daß es Einer unserer neuen Herzensalliirten ist , ein Exemplar , das uns Azincourt und Waterloo , Malplaquet und St. Helena vergessen machen soll , brauche ich nicht erst zu sagen . Man wittert den reisenden Briten auf hundert Schritt . Der Mann - Lord Scherkliffe , Parlamentsmitglied und Besitzer einiger solider Grafschaften - macht jetzt Aufsehen in unserer guten Stadt Paris , und wenn er das glattrasirte Kinn in die Loge der italienischen Oper steckt , wenden alle Damen die Gläser nach ihm . Wissen Sie , warum ? Er ist ein Othello ganz neuer Art. Lord Scherkliffe ist einer der ersten Gemäldekenner unserer Zeit und beschäftigte vor etwa fünf Jahren einen jungen Maler in Rom , einen Italiener , der bereits durch seine Bilder auf allen Ausstellungen einen bedeutenden Namen erworben hatte . Der gute Lord besaß neben seinen Millionen eine blonde Lady , der aber der römische Künstler besser gefiel , als der langweilige Bildernarr , ihr Gemahl . Erst nach mehreren Monaten überzeugte sich dieser , daß er auch hier den Narren gespielt , empfahl sich höflich seinem Protegé , dem Maler , und reiste mit der verliebten Dame nach Hause , wo er sie manierlich ihren Eltern ablieferte , nachdem er ihr die in Rom gemachte Entdeckung mitgetheilt . Dann ging er auf Reisen und besuchte Deutschland , Rußland , Italien , und sammelte überall zu enormen Preisen Gemälde . Mit einem ganzen Wagen voll kam er nach Rom , besuchte seinen alten Freund und kaufte alten Freund und kaufte ihm die neuesten Werke seines Pinsels ab . Kaum war er im Besitz derselben , so verlangte er Genugthuung für seine Hahnreischaft und forderte den Erstaunten auf Pistolen . Man schlug sich , und mit dem ersten Schuß lähmte der Engländer dem Künstler den linken Arm . Nach einem halben Jahre kam er wieder und bestand auf einem zweiten Duell . Der Künstler mußte sich fügen und die Kugel des beleidigten Eheherrn traf sein rechtes Handgelenk , so daß die Hand amputirt werden mußte . Als die Kur glücklich vorüber war , erschien der Lord am Krankenbett seines Feindes und sagte ihm gelassen : Ich habe jetzt meine Rache befriedigt . Sie sind als Künstler zu einem lebendigen Tode verdammt . - Sie irren sich , entgegnete der Unglückliche ; meine Werke werden Ihre Bosheit überleben . Der Ruhm meiner Madonna in Paris , meiner Auferstehung in der Gallerie von Petersburg und zahlreicher anderer Werke vermögen Sie nicht zu vernichten . Ich kann nicht mehr malen , aber meine Bilder werden meinen Namen lebendig erhalten . - Der Lord zeigte ihm ein Papier . Ist diese Liste Ihrer Bilder vollständig ? - Mit Staunen bejahte der Künstler . - So bin ich im Besitz aller Ihrer Werke , selbst die Skizzen habe ich nicht vergessen . Es hat mit viel Mühe gemacht und viel Geld gekostet , aber ich habe meinen Zweck erreicht . Wollen Sie mich nach Hause begleiten , um sich zu überzeugen ? mein Wagen wartet . - Der Unglückliche begriff und bat um Gnade . - Sie haben meinen ehelichen Frieden gestört , ich vernichte den Ihren , sagte Scherkliffe eisig . Sie sollen das Gefühl mit sich umherschleppen , daß keine Spur Ihres Namens und Ihres Talents auf der Welt zurückbleibt . - Nach einer Stunde brachte ein Diener dem Verstümmelten eine große Urne voll Asche , - sie enthielt Alles , was von seinen Werken auf der Welt übrig war . « » Das ist teuflisch ! « rief der Capitain . » Ein Mann , der zu hassen und zu lieben versteht ! « versetzte der junge Russe . » Halt , mein Fürst ! « plauderte Sazé weiter , » das verstehen wir wahrhaftig auch , nur auf andere Weise . Sehen Sie dort Marschall St. Arnaud ? Die Fama bezeichnet ihn bereits als Commandeuer en chef , wenn Ihre Maje Majestät unsern kleinen Neffen des großen Onkels im Invalidendom zum Aeußersten zwingt . Der liebe Marschall scheint eine neue Intrigue des Prinzen zu wittern , der gern für seine Reputation einige nothwendige erste Lorbeeren pflücken möchte , und hofft ihr hier auf die Spur zu kommen . Wissen Sie , daß dieser unser lieber General vor kaum Jahresfrist seinem Busenfreund den Säbel durch den gestoßen hat , bloß weil dieser ihn bei Madame , seiner Frau , in zarter Situation getrossen und aus dem Hause geworfen hatte ? « Méricourt lachte . » Sie sind die boshafteste Zunge , die mir noch vorgekommen Sazé , « sagte er . » Ich darf die Ehre der Armee durch Sie nicht so gefährden lassen . « » Eh bien , mein lieber Vicomte , ich bin nicht schwierig . Gehen wir von der Armee zur Diplomatie über . Unser getreuer Verehrer der Rachel ist freilich nicht hier und intriguirt jenseits des Kanals , aber ich kann Ihnen Ersatz geben . Sehen Sie da den Herrn der eben mit Persigny spricht , Oberst Fleury geht gerade an ihm vorüber . Nun wohl ! Der liebe Graf hat kürzlich sein diplomatische Probestück abgelegt und wird sicher Carriére machen . Sie kennen Madame Fontaille , unsere allerliebste Soubrette ? Nicht ? Auch gut ; sie ist die Schönheit des Tages und unsere Börsenkönige ruiniren sich um sie . Der Graf ließ sich ihr im Zwischenakt der großen Oper vorstellen und bat um Erlaubniß , am nächsten Abend eine Tasse Thee bei ihr tête à tête trinken zu dürfen . Madame antwortete ungenirt : Ich nehme zu einer Tasse