. - Die Sklavin entging nicht ihren Verfolgern , sie wurde jenseits ihres mit schwimmenden Eisschollen bedeckten Ohio ' s nicht von freundlicher Hand aufgenommen . - Die weiße Sklavin erhielt für sich und ihr Kind kein warmes Zimmer , kein gutes Bett ; sie fiel der strafenden Gerechtigkeit anheim ; sie ist verschwunden und verschollen , kein Buch beschreibt ihre größere That , keine Ballade besingt ihr Elend und das ihres Kindes . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Nach diesen Worten hob der alte Mann seine Hand wie beschwörend gen Himmel und durchschritt mit hastigen Schritten das Zimmer nach allen Richtungen . So oft er aber bei dem Stuhle seiner Tochter vorüberkam , berührte diese leicht seine Hand , worauf sein Schritt jedes Mal ruhiger , sein Blick sanfter wurde . Endlich blieb er vor Clara stehen , faßte ihre Hand und sagte , nachdem er ihr eine Zeitlang in die dunklen Augen gesehen , mit lächelndem Ausdruck im Gesicht : » ja , ja , es ist leider wahr , mein Kind , wir Alle sind Sklaven ; sieh ' nur mich , deinen Vater , an , glaubst du nicht , daß ich eben so gern ein Zuckerfeld bearbeiten würde , wenn das meine Kräfte zuließen , als diese geistigen Frohndienste zu versehen , die vielleicht hundertste Uebersetzung eines Buches zu machen , das mir unangenehm , ja unheimlich ist ! - - Aber ich weiß mich zu trösten , liebe Clara , « fuhr er nach einer Pause fort , während welcher sein Gesicht wieder den alten gemüthlichen und heiteren Ausdruck erlangt hatte , während seine Augen wieder sanft und freundlich strahlten und um den Mund wieder das alte zufriedene Lächeln erschien . » Ja , ja , ich weiß mich zu trösten , « sagte er , » denn siehst du , mein Kind , wären wir , ich , du und vielleicht noch Tausende von Menschen der gleichen Klasse allein dazu berufen , die Sklaven aller anderen zu machen , es wäre entsetzlich , es könnte das nicht lange fortbestehen , und bald müßten sich die Niedergedrückten mit einem einzigen Schrei der Verzweiflung gegen die usurpirte Herrschaft ihrer Unterdrücker auflehnen . Aber es ist nicht so : Alle sind Sklaven , Alle haben keinen freien Willen , auch die , welche stolz auf uns herabblicken ; und je höher sie stehen , desto herber fühlen sie ihre Sklaverei . « Das junge Mädchen sah ihren Vater fragend an , und sagte : » Aber , lieber Vater , die Reichen , die sich für ihr Geld alle Genüsse dieses Lebens verschaffen können - ? « » Sind die Sklaven eben dieses Geldes , « versetzte rasch der alte Mann , » die Sklaven ihrer Leidenschaften , die Sklaven eines oft kranken und deßhalb für viele Genüsse unbrauchbaren Körpers . Sieh ' dich um , mein Kind , mit offenem , ruhigem Blick , frage durch alle Schichten der menschlichen Gesellschaft , erkundige dich , wer vollkommen glücklich und zufrieden sei ; - du wirst Wenige finden , und wahrlich diese Wenigen am wenigsten in den hohen und reichen Ständen . Dort drückt die unzerreißbare Sklavenkette des sogenannten guten Tons , des Herkommens am stärksten , wenn sie auch der oberflächliche Beschauer nicht sieht , da sie unter Gold und Blumen versteckt ist ; dort verletzt ein Wort , ein Blick die kranken Herzen , dort gelten freundliche Augen und lachende Lippen nicht für den Ausdruck eines zufriedenen Gemüths ; sie dienen nur dazu , Verdruß , Haß , Wuth , Neid zu verdecken : ein Händedruck , ein freundliches Wort will dort nichts sagen , es ist das hundert Mal die Maske eines Sklaven , der viel lieber knirschend in seine Kette beißen möchte , und den nur die Macht , das Ansehen des Anderen dazu zwingt , ein süßes Gesicht zu machen und den Rücken zu krümmen . - « » Und alle schleppen diese Kette mit sich herum und lassen sie erst fallen , wenn der erstarrten Hand mit ihr zugleich die Zeichen der Macht und des Reichthums entfallen . - Es ist dies wahrlich in der Welt recht schön und klug eingerichtet , « fuhr der alte Mann lächelnd fort ; » Einer ist wie gesagt der Sklave des Andern , und so hängen alle Menschen an einer gewaltigen Kette , vom Bettler bis hinauf zum Könige . « » Aber der König ist frei , « sagte lächelnd das Mädchen , » ihn kannst du nicht zu den Sklaven rechnen . « » Gewiß , mein Kind , ihn auch , « antwortete der alte Mann und starrte nachdenkend , doch nicht unfreundlich aussehend vor sich hin . » Er ist auch Sklave der Verhältnisse , seines Schicksals , ja theilweise seiner Umgebung ; sein Wille vermag nicht immer durchzudringen ; und glaube mir , er in seiner Höhe fühlt es doppelt hart , wenn sich ihm eine andere unsichtbare Gewalt gegenüberstellt , wenn sein Befehl an einer Intrigue abgleitet . Es sind vielleicht nur Kleinigkeiten , die den Herrscher mit den unsichtbaren Ketten umgeben und einengen , aber gerade weil er sonst herrscht und gebietet , fühlt er hier um so schmerzhafter , daß er gefesselt ist . - Ja , Alle , Alle sind Sklaven ! « Bei diesen Worten erhob der alte Mann seine Augen , ließ sie einige Minuten auf dem schönen Gesichte seiner Tochter ruhen , dann wandte er sie sinnend gegen die Mauer , welche das Gemach umgrenzte , die aber seinen Blick nicht aufhielt ; sie schien sich vor ihm zu öffnen und er in weite Fernen , in andere Verhältnisse , in fremdes Leben zu schauen . Seinen Mund umspielte ein freundliches Lächeln ; er sah in Gestalten und Bildern vor sich , was er vorhin in Worten ausgesprochen ; er blickte in die Zukunft und zugleich in die nachfolgenden Kapitel dieses Buches . Achtes Kapitel . Arthur . Es mochte etwas über zehn Uhr an dem Abend gewesen sein , als der junge Mann , welcher der Tänzerin , Mamsell Clara , so unverhofft , wenn auch vielleicht nicht unerwartet , einen guten Abend gewünscht , das Haus verließ , nachdem sie die Thüre sanft hinter ihm zugemacht . Als er hierauf durch die Straße ging , konnte er sich nicht enthalten , noch öfters nach dem Hause mit dem hohen Giebeldache zurückzuschauen , und da bemerkte er nur noch ein einziges kleines Fenster erhellt ; das übrige Haus lag schon in tiefer nächtlicher Ruhe und Dunkelheit . An dem Lichte aber , das noch so freundlich hinaus schien , saß sie wahrscheinlich ; sie blickte vielleicht in die Flamme , die auch er jetzt von Weitem sah - sie mochte vielleicht sogar an ihn denken . Unter diesen angenehmen Träumereien setzte der junge Mann seinen Weg fort wie Jemand , der durchaus keine Eile hat . Er befand sich , wie wir bereits wissen , in einem entlegenen Stadttheile , wo die Straßen krumm und winkelig liefen , bald mit Häusern besetzt waren , bald nur mit einfachen Gartenmauern , hinter denen Bäume ihre nackten Aeste emporstreckten , und die seltsam angestrahlt waren von dem Schein einer Gaslaterne , die auf der Höhe der Mauer brannte und sowohl diesseits als jenseits das Terrain beleuchtete . Zuweilen wurde in dieser Gegend der Stadt die Straße von Kanälen durchschnitten , und dann passirte man kleine hölzerne Brücken , auf denen der Fußtritt in der nächtlichen Stille so seltsam klang . Allerlei unregelmäßige Gebäude , Kirchen , große Fruchtspeicher , alte Thürme stellten sich dem Wanderer trotzig und verziert mit weißen Schneekappen in den Weg und man mußte genau seine Richtung kennen , um sich in diesem Labyrinthe nicht zu verirren . Es gab auch freilich noch einen andern Weg , um von dem erwähnten Hause mit dem Giebeldach in die besseren und vornehmeren Stadtviertel zu gelangen , doch suchte der junge Mann , den wir eben begleiten , deßhalb diese andere Straße zwischen den alten Häusern hindurch , weil ihn die seltsamen Formen dieser Gebäude anzogen und er sich ergötzte an dem sonderbaren Lichteffekt , der dadurch hervorgebracht wurde , daß die Straßen immerfort in einer Schlangenlinie liefen , weßhalb oft jener Theil grell beleuchtet ward , während die vorspringende Ecke im tiefsten Schatten lag . Bald befand sich der einsame Spaziergänger in der Nähe des großen Fruchtmarktes , dem ältesten Theile der Stadt , wo es noch mehrere Häuser gab , die durch ihren Aus- und Eingang ein paar Straßen mit einander in Verbindung setzten . Einer dieser Passagen pflegte der junge Mann nie aus dem Wege zu gehen , weder bei Tage noch bei Nacht , und er erfreute sich jedesmal an der förmlichen Tunnelgestalt , welche der Hauptdurchgang zwischen den Gebäuden bildete . Das waren zwei alte , massive Häuser mit großen Thoren und mehreren Höfen ; zwischen jenen lag die Passage , von der wir oben gesprochen . Es war das eine Art gewölbter Gang , der unter dem einen Hause durchlief und mit der Straße in Verbindung stand . In diesem Gange selbst befand sich eine einzige Thüre , welche durch ein eisernes Gitter verschlossen wurde und vermittelst einer steinernen Treppe in den ersten Stock des großen Gebäudes führte , wo sich eine sonderbare Restauration und Gastwirthschaft befand . Hier war nämlich der Aufenthalt sämmtlicher Bänkelsänger , Orgelmänner , Besitzer von Raritätenkasten , Poeten , welche den Leuten Mordgeschichten erklärten , Harfenmädchen und ähnlichem Volk . Alle fanden hier für billiges Geld ein Unterkommen ; man nahm es hier mit den Pässen und Papieren nicht sehr genau , und der Wirth dieser mildthätigen Anstalt , Herr Scharffer , galt nicht blos als sehr entschlossen , wenn es darauf ankam , eine unschuldige Harfenistin vor den Krallen der Polizei zu beschützen , sondern man munkelte auch , er habe schon zum öfteren Male sehr gefährliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft längere Zeit vor den Augen der Justiz zu verbergen gewußt . Dem sei nun wie ihm wolle , dieser Gasthof - er hieß der Fuchsbau - war , wie gesagt , sehr malerisch gelegen , und schon zum Oefteren von armen Künstlern benützt worden , um das Album irgend einer vornehmen Dame mit einem interessanten Gegenstand zu bereichern . Man fand hier Kloster- und andere Höfe , Theile irgend einer Burg , und wenn man dazu eins der Harfenmädchen nahm , die man zuweilen am Fenster sah , so war ein artiges Bildchen fertig . Der junge Mann , dem wir folgen , durchschritt träumend den äußeren finsteren Hof und blieb , als er jenen Durchgang erreicht , still betrachtend vor dem herrlichen Lichteffekt stehen , der sich seinem Auge darbot . Der ganze Schein einer Laterne war förmlich in diesen Durchgang gepreßt und strahlte nur in einzelnen Blitzen auf den Hof hinaus , hier die schönen Sculpturen eines Thorbogens erleuchtend , dort von den matten Scheiben irgend eines alten Fensters abstrahlend . Nachdem er sich dies einige Augenblicke betrachtet , wollte er seinen Weg fortsetzen , als er hörte , wie das eiserne Thor in dem Durchgange geöffnet wurde ; er vernahm deutlich das Klirren der Schlüssel und hörte Fußtritte , welche die Treppe herab kamen . Da man nicht wissen konnte , mit welcher Gesellschaft man hier zusammentraf , so blieb der junge Mann noch einen Augenblick stehen , um die Anderen vorangehen zu lassen und ihnen alsdann zu folgen . Doch mußte er sich eine Weile gedulden , denn zwei Männer , welche aus dem Hause traten , blieben vor der Gitterthüre plaudernd stehen . Der Eine war der Wirth , Herr Scharffer selbst , ein großer Mann in einer grauen Jacke , einer einfachen Hausmütze , unter der ein sehr entschlossenes und markirtes Gesicht hervorschaute ; es war eine Physiognomie , die man , wenn man sie einmal gesehen , nicht so bald wieder vergißt und die man mit ein paar Bleistiftstrichen treffend hinzeichnen kann . Er hatte eine große und lange Nase , einen breiten , stets lächelnden Mund und einen kohlschwarzen , struppig abstechenden Backenbart . Der andere Mann , der neben ihm stand , hatte einen großen Radmantel über die Schultern geschlagen , der ihm bis über die Nase reichte und so sein Gesicht schwer erkennen ließ . Er trug einen gewöhnlichen runden Hut und in der Hand unter dem Mantel ein Spazierstöckchen , mit dem er heftig auf seine Stiefel schlug . Dem Zuschauer im Hofe waren diese beiden Männer vollkommen gleichgiltig , ja er hatte schon die Absicht , bei ihnen vorbei zu gehen , als der Unbekannte mit dem Mantel einige Worte lauter sprach , worauf der Klang dieser Stimme den jungen Mann plötzlich aufmerksam machte . » Aber sie soll von hier fort , « sagte er mit klarem und bestimmtem Tone . » Sie soll unter allen Umständen und schon morgen fort . Teufel auch ! Man hat ihr noch vor einem halben Jahre mit neuen Papieren ausgeholfen und sie mobil gemacht . Ich kann mich nicht so überlaufen lassen . « » Sie hat so fest darauf gerechnet , « entgegnete der Wirth , » Sie werden ihr nochmals helfen . Deßhalb erlaubte ich mir auch , Sie hieher zu bitten ; übrigens ist sie nicht unbrauchbar ; es ist ein Teufelsmädchen . « » Ja , ja , « meinte der Andere nachsinnend , setzte aber mit lauterer Stimme hinzu : » aber zu bekannt , hier viel zu bekannt . « » Bah ! « versetzte der Wirth , » dafür haben wir Mittel , und die ist mit allen Hunden gehetzt . Was gilt die Wette , sie stellt sich Ihnen irgendwo als französische Gouvernante vor , und Sie sollen sie nicht wieder erkennen . Mein Rath wäre wahrhaftig , sie da zu behalten ; seit die Lisette verschwunden ist , fehlt uns Jemand derartiges . Du lieber Gott ! bei dem ersten größeren Unternehmen befinden wir uns in Verlegenheit . « » Aber es kann nicht sein , es kann wahrhaftig nicht sein ! « erwiderte der Andere , wie es schien , ärgerlich ; » wir wollen ihr Empfehlungen geben , sie soll nach B. gehen , aber hier kann ich sie nicht gebrauchen ; das wäre compromittirend . « » Nur ein paar Tage , « bat der Wirth , » sprechen Sie ein kluges Wort mit ihm . « » Mit wem ? « » Nun , mit ihm , « sagte der Wirth mit leiserer Stimme , indem er sich scheu umblickte . » Ah ! mit ihm ist schlecht Kirschen essen , « entgegnete der Andere . » Und so Kleinigkeiten ! Ich habe wichtigere Sachen für ihn ! « » Aber ich bitte herzlich darum , « fuhr der Wirth dringender fort . » Man kann ihm auch einmal wieder einen Gefallen erweisen . « » Ihr seid wahrhaftig ein eigensinniger Kerl , Scharffer , « sprach der im Mantel , indem er ungeduldig mit den Achseln zuckte . » Laßt sie laufen ; glaubt mir , es ist besser . « » Ich habe es ihr so gut wie versprochen . « » Nun denn , in ' s Teufels Namen ! Ich will ihn darum fragen ; aber wenn er befiehlt , sie solle abreisen , dann macht mir keine Geschichten , und versteckt sie nicht heimlich bei euch . « » Gegen seinen Befehl ? - Gott soll mich in Gnaden bewahren ! « sagte der Wirth , indem er erschreckt zurücktrat . » Nein , nein , durch Schaden wird man klug , und ich verlange in meinem Leben nicht mehr , mit ihm auf unfreundliche Art zusammenzukommen . « » Ja , er kann hart sein , « erwiderte der Andere lachend , während er seinen Mantel , der herabgerutscht war , wieder über die Schultern warf . - » Nun , gute Nacht ! Vergeßt mir nicht Zeichen und Adresse für die nächste Woche ; sichtbar bin ich für keinen Menschen . « » Will ' s schon behalten ! « versetzte der Wirth . » Schneegäßchen Nummer vierundachtzig . « » Schön , « sprach der Unbekannte im Mantel , und ging mit hallenden Tritten den Durchgang hinab . Der junge Mann , der dieser Unterredung , ohne es zu wollen , gelauscht , wäre gerne gefolgt . - Diese Stimme war ihm nicht unbekannt ; doch wenn er daran dachte , der , dem diese Stimme gehörte , solle hier eine solch ' vertrauliche Conversation mit dem verrufenen Wirth zum Fuchsbau halten , so mußte er lächeln . Das war ja gar nicht möglich ! Und doch - wie gern hätte er sich überzeugt ! Aber es war unmöglich , denn Meister Scharffer blieb , sobald der Andere fortgegangen war , aufmerksam lauschend stehen und schaute bald auf die Straße , bald auf den Hof . Erst als die Tritte des Mannes im Mantel gänzlich verklungen waren , trat der Wirth in das Haus zurück , schloß die Gitterthüre hinter sich und stieg langsam die schmale , steinerne Treppe hinaus . So schnell als möglich eilte jetzt der junge Mann auf die Straße und bis zur nächsten Ecke , wo er horchend stehen blieb . Doch war es für dies Viertel schon Schlafenszeit , und man hörte nirgendwo auf der Straße ein Geräusch ; Alles war todtenstill , so sehr er sich auch anstrengte , vernahm er doch keinen Ton von Fußtritten . Kopfschüttelnd schritt er durch mehrere enge Straßen über den großen Fruchtmarkt und kam nach einer Viertelstunde in einen belebteren Stadttheil und in die Nähe des Schlosses . Dort blieb er vor dem hohen steinernen Portal einen Augenblick stehen , denn hier schieden sich drei Wege , die er alle drei verfolgen konnte , den ersten nach Haus , den zweiten in ein beliebtes Kaffeehaus und den dritten zu einem Bekannten , dem jungen Grafen Fohrbach , der vielleicht schon in seiner Wohnung anzutreffen war , und es von jetzt ab bis ein paar Stunden nach Mitternacht gerne sah , wenn man eine Tasse Thee bei ihm nahm und eine Cigarre rauchte . Er entschied sich für das Letztere ; er ließ das Schloß rechts liegen , beging die weitläufigen Nebengebäude desselben und gelangte nach kurzer Zeit in jene lange Straße , in welcher der geneigte Leser zu Anfang dieser wahrhaftigen Geschichte bei Sonnenuntergang einen flüchtigen Blick geworfen . Da wir nun aber im Begriffe sind , dem in der breiten Straße vor uns Wandelnden in eine kleine auserlesene Gesellschaft zu folgen , so halten wir es für unsere Schuldigkeit , dem geneigten Leser zu sagen , daß der junge Mann , dem wir heute Abend gefolgt , der Sohn eines reichen Banquiers der Residenz ist , daß er in einer Akademie zugleich mit den Söhnen der ersten Familien des Landes erzogen wurde , daß er durch sein gebildetes , feines und liebenswürdiges Betragen in allen Kreisen gern gesehen ward , daß er seines Zeichens ein Maler war und mit seinem Vornamen Arthur hieß ; - den hiezu gehörigen Familiennamen werden wir später noch kennen lernen . Graf Fohrbach war der einzige Sohn seines Vaters , des alten Generals und jetzigen Kriegsministers , und wohnte , seit er mündig geworden , in einem kleinen reizenden Hinterhause des väterlichen Palastes . Der nachsichtige alte Herr hatte ihm in der Mauer , die Hof und Garten umgab , einen neuen Eingang herstellen lassen , an dem sich eine Klingel befand , die mit dem kleinen Hause in Verbindung stand . Eigentlich befanden sich hier zwei Schellenzüge , jede für die Dienerschaft des Grafen von besonderer Bedeutung . Die eine war für die Vertrauten und Freunde , und wenn sie erklang , so sprang die kleine Thüre in der Mauer wie von sich selbst auf , um dann hinter den Eingetretenen sogleich durch eine unsichtbare Macht wieder zugedrückt zu werden . Auf diese Art trat auch Arthur in den winterlichen Garten , dessen Bäume in weißem Reif prangten ; die Blumenbeete waren mit Tannenreisern zugedeckt ; Spaliere und Statuen unter starrenden Strohdecken gaben so recht das Bild des tiefen Winterschlafs , in den die Natur versunken war . Aus dem Schornstein eines kleinen Gewächshauses zur Seite qualmte eine dicke Rauchwolke , und das war das einzige Zeichen von Leben , das man im Hof und Garten sah ; ein Weg , der bei dem großen Hause vorbeiführte , war vom Schnee rein gefegt und brachte den Maler in wenig Augenblicken in die Thüre des Pavillons , in welchem Graf Fohrbach residirte . Auch hier öffneten sich Haus- und Vorthüre wie von selbst und erst , als man die letztere hinter sich hatte , trat man in ein hell erleuchtetes und sanft erwärmtes Vestibül . Ein Diener in Livrée hob schweigend einen schweren Teppichvorhang auf und ließ den Ankommenden in ein Vorzimmer treten , Wo sich der Kammerdiener des Grafen befand . Dieser war ein alter Mann mit weißen sorgfältig gebürsteten Haaren , und schien derselbe im schwarzen Frack und weißer Halsbinde auf die Welt gekommen zu sein ; wenigstens erinnerte sich von der jetzigen Generation Niemand , ihn je anders als in diesem Anzuge gesehen zu haben . Er las gerade in einem Buche , erhob sich aber aus seinem bequemen Fanteuil , als der Thürvorhang rauschte und ging dem Eintretenden freundlich entgegen . » Ah ! Herr Arthur kommen früh , « sagte der alte Mann , der sich diesen vertraulichen Ton seit den Zeiten der Schule , wohin er seinen Herrn begleitet , nicht mehr abgewöhnt hatte und ihn auch auf die genaueren Bekannten und Freunde desselben ausdehnte . Doch war es eine Auszeichnung , also von ihm angeredet zu werden ; entfernteren Bekannten oder Leuten , über deren Charakter er nicht genau in ' s Klare kommen konnte , gab er ihre vollständigen Titel . - » Der Herr Graf ist vor einer halben Stunde aus dem Theater gekommen . « » Und ist schon Besuch da ? « fragte der Maler . » O ja , « entgegnete der Kammerdiener mit freundlicher Stimme , » Herr Eduard , Herr Eugen sind da , sowie auch , « setzte er mit plötzlich ernster werdendem Tone und feierlichem Wesen hinzu , » der Herr Baron von Brand . « Darauf nahm er halbverstohlen eine Prise - die goldene Dose ließ er fast nie aus der Hand - nickte ernsthaft mit dem Kopfe , als wollte er ausdrücken : es ist gewiß so , wie ich gesagt , und ging sodann auf die Thüre des Nebenzimmers zu , diese zu öffnen . » Ist der Herr Baron schon längere Zeit im Salon ? « fragte Arthur . » Er kam vor einer kleinen Viertelstunde , « entgegnete der Kammerdiener . » Zu Wagen oder zu Fuß ? « » Zu Fuß , - wie die Lakaien sagen , von dem Haupthause her ; er schien drüben einen Besuch gemacht zu haben . « » So , so , « erwiderte nachdenkend und mit leiser Stimme der Maler , fuhr aber laut fort , als er den aufmerksamen Blick sah , mit dem ihn der Kammerdiener betrachtete : » ja , das habe ich mir gedacht ; ich glaubte schon , ich hätte ihn anderswo gesehen , aber ich habe mich geirrt . « Nach diesen Worten grüßte er den alten Mann freundlich und trat in einen kleinen Salon , der mit ein paar Lampen erhellt war , in dem sich aber Niemand befand . Dicke Teppiche , die den Boden bedeckten , dämpften seinen Schritt und so konnte er einzelne Worte einer Conversation im Nebenzimmer hören , ohne daß man dort seine Annäherung bemerkte . Arthur hob den Thürvorhang auf und kam in ein achteckiges Gemach , von welchem noch nach drei anderen Seiten Thüren ausliefen : nach dem Eßzimmer , dem Schlafzimmer und nach einem anderen kleinen Vorsaal , der an ein Glashaus stieß , durch welches allein der Pavillon mit der Einfahrt des Haupthauses in Verbindung stand . Zu diesem Eingang besaß nur Graf Fohrbach die Schlüssel , die er selten , fast nie Jemand anvertraute . Das achteckige Gemach war mit einem außerordentlichen Comfort ausgestattet , und erschien namentlich bei Nacht äußerst wohnlich ; silbergraue Tapeten widerstrahlten das Licht eines kleinen Kronleuchters mit Lampen auf die freigebigste Art ; die Fensteröffnungen sah man nicht , da Vorhänge von roth gestreifter Seide davor zusammengezogen waren . Von dem gleichen Stoff waren die meisten Möbel hergestellt , und alle von einer wahrhaft raffinirten Bequemlichkeit . Der Salon war ziemlich groß und hatte Platz für eine Menge Divans , Fauteuils , Chaiselongues , die aber alle ziemlich auffallend durcheinander geschoben waren und von denen drei und vier immer einen kleinen Plauderwinkel bildeten . Ein Smyrnateppich bedeckte den Boden und überall , wo es möglich war , sah man obendrein noch kleine persische Vorlagen . Etwas Eigenthümliches hatte übrigens dieser Salon oder vielmehr die Einrichtung desselben . Ueberall , wohin man blickte , herrschte eine malerische Unordnung , ohne daß übrigens irgend etwas verwahrlost gewesen wäre . So lagen zum Beispiel Handschuhe , Bücher , ein Blumenbouquet zusammen auf einem rothseidenen Fauteuil , ein schwerer Kavalleriesäbel stand mitten in einer Gruppe von Blumen und Sträuchern aufgepflanzt , und über den Schultern eines marmornen Amors hing als Schärpe ein reicher persischer Stoff , den der Graf Gott weiß zu welchem Zwecke gekauft . Obgleich das ganze Haus frei lag und der Wind nach Belieben um dasselbe her sausen konnte , so bemerkte man doch in dem Salon nichts hievon , denn er stieß nur mit der Fensterecke an das Freie ; die übrigen Theile waren , wie bereits erwähnt , von anderen Gemächern umgeben , woher es denn auch kam , daß das Zimmer so behaglich , warm und angenehm war . Im Kamin brannte ein helles Feuer , und vor demselben standen einige Fauteuils , in welchen die jungen Leute , von denen der Kammerdiener vorhin gesprochen , so bequem wie möglich ausgestreckt lagen . Neuntes Kapitel . Coeur de Rose . In dem Augenblick , als Arthur eintrat , wurde die Unterhaltung nicht gerade besonders lebendig geführt ; irgend Einer hatte eine Bemerkung hingeworfen , welche den Anderen vielleicht nicht Wichtig genug erschien , um viel darauf zu antworten . Genug , man hörte einige beistimmende Ja , ein Ah ! dann rauchten Alle ruhig ihre Cigarren fort . Graf Fohrbach , der mit dem Rücken gegen den Kamin saß , winkte dem Eintretenden freundlich mit der Hand und sagte : » Es freut mich , daß Sie noch kommen , Arthur ; rollen Sie einen Stuhl herbei . Wo das kleine Rauchmaterial ist , wissen Sie ; wenn Sie aber eine lange Pfeife wollen , so klopfen Sie nach gutem türkischen Gebrauch dreimal in die Hände . « Der Maler dankte und nickte den drei anderen Herren zu , welche sich im Zimmer befanden . Zwei von ihnen , welche der Kammerdiener mit Herr Eugen und Herr Eduard bezeichnet hatte , saßen vor dem lodernden Feuer , der Dritte , der Baron von Brand , lehnte dem Hausherrn gegenüber nachlässig an dem Kamingesims , auf welches er den rechten Arm gestützt hatte , während er die linke Hand zwischen dem zugeknöpften schwarzen Fracke verbarg . Arthur langte nach einer Cigarre und zündete sie an ; nachdem er die einfachen Fragen , als : ob er im Theater gewesen , ob es nicht heute Nacht verflucht kalt werde , mit Ja oder Nein beantwortet hatte , lehnte er sich in den Fauteuil zurück und konnte nicht unterlassen , seine Augen mehreremal über das Gesicht und die Gestalt des Baron Brand hingleiten zu lassen , was uns wir im Interesse des geneigten Lesers ebenfalls zu thun erlauben wollen . Der Baron Brand mochte einige Jahre über Dreißig zählen ; er war von mittlerer Größe , schlanker Taille und , obgleich ziemlich mager , sah man an ihm doch eine hochgewölbte Brust und sehr breite Schultern . Nebenbei , daß die Körperformen dieses Mannes etwas sehr Elegantes , ja Graziöses hatten , entnahm man noch an Allem , was er that , eine außerordentliche Gelenkigkeit , welche auf eine große Körperkraft hindeutete , welche er auch in der That besaß und von der er gerne scherzweise Proben ablegte . Seine Kopfform war eher länglich als rund , sein Teint weiß und frisch , die grauen Augen sehr lebhaft , das Haar von sehr hellem Blond , oder wenn man wollte streifte es , aber kaum merklich , in ' s Röthliche . Er trug es aus dem Gesichte gestrichen , kurz geschnitten und emporstehend , was zugleich mit dem aufgedrehten Schnurrbart seinem Gesichte etwas Keckes , ja Unternehmendes gab . Von den zwei anderen jungen Herrn war Eugen von S. der Aelteste dieser Gesellschaft - er mochte vielleicht nahe an die Vierzig sein - eine feste , gedrungene Gestalt mit schwarzem Haar und großem Schnurrbart gleicher Farbe , und trug als Major die Königliche Adjutantenuniform . Der Andere , Eduard von B. , war ein junger Assessor , der sehnsüchtig nach dem Rathstitel verlangte und sich schon darauf hin ein äußerst bedächtiges Reden und Benehmen angewöhnt hatte . Graf Fohrbach endlich , der Hausherr , ebenfalls Adjutant des Königs , hatte höchstens achtundzwanzig Jahre und war ein hübscher , lustiger Offizier von gutem , treuem Gemüthe , aber etwas zu fröhlicher Natur und namentlich , wenn er Waffenrock und Säbel abgelegt hatte , zu allerlei kecken , zuweilen unüberlegten Handlungen aufgelegt . Es trat eine längere Pause ein , während welcher alle Vier rauchten und sich der Hausherr mit dem Kopf an das Kamin lehnte , um mit großer Aufmerksamkeit dem blauen Dampfe zuzuschauen , wie er