nachrief : » A propos , wissen Sie nicht , was aus der Jenny geworden ist ! « Lupinus , halb schon aus der Thür , war im Augenblick zurückgeschnellt , und mit derselben Elasticität verklärte sich sein Gesicht zu einem Ausdruck , der das grade Gegenstück zu dem während dieser peinlichen Unterhaltung war . Es war die allmächtige Natur , welche die Folterbande gesprengt hatte . » Die ging ja nach Leipzig - nach dem Vorfall - « » Das weiß ich . Aber von da ? « » Man sagte , nach Paris . Ah ! ces souvenirs ! « Der Geheimrath von der Vogtei küsste seine Finger . » Wie eine Gazelle , « sagte der Wirkliche . » Und eine Taille ! « » Quand elle pirouettait autor d ' elle-même - « . » En petit comité viel ravissanter , als hinter den Lampen . Diese Grazie ! « » Augen wie eine étincelle . « » Et sont esprit ! « » Witzig ! Sie konnte fünf Mann todt machen . « » Et ses délicieux petits pieds ! Erinnern sich Herr Geheimrath noch an jenen Abend , wie sie auf den Tisch sprang ? « - » N ' en parlons pas ! « Bovillard wehrte mit der Hand . Mit einem eigentümlichen Blick setzte er hinzu . » Mon cher conseiller , c ' est à vous taire - et surtout à présent ! « » A moi ! « Lupinus senkte die Augen , die Hand auf der Brust . » D ' ailleurs ces souvenirs dureront plus que ma vie . « » Ja , sie hat manche Erinnerungen hinterlassen , « schmunzelte Bovillard . » Und man kann sie ordentlich historisch verfolgen , « setzte der Andere hinzu . » So was kommt doch nicht wieder . Sind Herr Geheimrath nicht auch der Meinung , es verschlechtert sich Alles in der Welt . « » Es kann aber auch Einiges besser werden , « sagte Bovillard . Noch einmal rief er dem Scheidenden nach : » Also , un peu plus de morale et - de modération . « Neuntes Kapitel . Der dritte August . Der dritte August fing in Berlin an ein Feiertag zu werden . Die Bürger freuten sich , daß sie einen guten König hatten . Sie hatten lange keinen guten König gehabt ; denn der alte Fritz war wohl ein großer König , aber er war ein Fürst gewesen , den eine tiefe Kluft des Respekts von seinem Volk trennte . Es verehrte , es bewunderte ihn , aber den Bürger schauerte , wenn er dachte , daß er mit ihm auf einer Diele , unter einem Dache stehen sollte . Der Müller von Sanssouci war ein einzelner Mann . Und zuletzt war der alte Fritz sehr alt geworden und grämlich , und seine Kaffeeriecher drangen in die Häuser und die Hütten . Wenn er durch die Linden ritt auf seinem alten Schimmel , liefen ihm die Kinder nach und schrieen und waren glücklich , wenn sie die Sohle seines Stiefels , den Saum seines Rockes anfassen konnten , auch leuchtete sein Auge noch immer groß und durchdringend , und die Bürger erstarrten in Ehrfurcht vor dem großen Könige , aber Liebe hat der matte Strahl des großen Auges nicht mehr geweckt . Und als der große Mann im Sterben lag , durchschauerte es auch wohl die guten Bürger , daß so ein großer Mann wie der kleinste unter ihnen von dieser Welt scheiden müsse . Aber an seine großen Schlachten und , was noch größer , seine Thaten für den Staat , und daß er die Seele dieses Staates gewesen , und ob eine andre Seele und welche in diesen verlassenen Körper fahren werde , daran dachten sie nicht . Den guten Bürgern fiel es überhaupt nicht ein , daß der Staat ein Leib sei , der eine Seele braucht . Sie dachten vielmehr - ganz still - wenn der Alte todt ist , hören die Kaffeeriecher auf , und vielleicht auch die Tabaksregie . Unter diesen Gefühlen der guten Bürger , die man später die Gutgesinnten nannte , entschlief der größte Mann seines Jahrhunderts . Wenn er ' s gewusst , vielleicht hätte sein letzter Seufzer geklungen : das hatte ich nicht verdient ! Und darum jubelten die guten Bürger dem neuen , gütigen Könige entgegen , der auch wirklich die Kaffeeriecher fortjagte , aber später und sehr bald ward er kein guter König . - Er starb in seinem Marmorpalais am heiligen See , einsamer als der große Friedrich in Sanssouci . Die Kluft war noch tiefer geworden zwischen dem Könige und dem Volke . Und nun hatte man wirklich einen guten König . Durch viele Jahre war er derselbe geblieben ; es war Friede im Lande , keine Kaffeeriecher , den Tabak kaufte man zu müßigen Preisen , die Geisterbanner und Frömmler waren fortgeschickt , Handel und Gewerbe blühten , die Soldaten waren zwar noch Soldaten , aber man konnte sich ja vor ihnen hüten , und der König und die schöne Königin fuhren so bürgerlich geschmückt , so herzlich und zutraulich durchs Volk . Keine Läufer , selten ein Vorreiter , oft in einer einfachen zweispännigen Kutsche . Das Volk fing an , diese Annäherung zu verstehen und zu würdigen , und - es liebte seinen König . Darum war bald der dritte August , des Königs Geburtstag , ein Feiertag geworden . Sie gingen vors Thor , in die Schenkgärten , sie strömten aufs Land , in die Dörfer , die glücklichen Familien , welche die Sorgen abwerfen konnten , um einen sorgenfreien Tag unter Gottes freiem Himmel zu feiern . Auf dem Hochplateau , südlich von Berlin , lag damals ein ländliches Dorf mit hohen schönen , dicht umwipfelten Bäumen , mit moosbewachsenen Schilfdächern und einer alten gothischen Kirche von Granitquadern . Nur eine halbe Meile von der Stadt , versank doch das Dorf fast unter den hohen Kornfeldern , wo die Aehre im Lehmboden üppig wucherte . Von all dem ist nur die Kirche von Granit geblieben , einst eine Besitzung der Tempelherrn , von denen das Dorf den Namen trägt . Diese sind vor alten Zeiten schon von der märkischen , und von der Erde überhaupt verschwunden , und das Feuer , das ihre Edelsten verschlang , hat auch allmälig die schönen Linden und Ulmen der Dorfstraße versengt und die Schilfdächer der Häuser verzehrt . Heut sieht das Dorf aus wie eine mit Bäumen untersprengte Stadt . Aber auf den üppigen Rasen , unter den prachtvollen Baumreihen war zu unsrer Zeit noch ein Spielplatz für ländliche Lust , wie man ihn nur wünschen mochte . Wo konnte man freiere Luft athmen , wo , hingestreckt im Grün , dem Spiel des Laubes , dem Gesang der Vögel ungestörter lauschen ! Wo wölbte sich ein prächtigeres Dach von Aesten , um den Mittagstisch darunter aufzuschlagen ! Noch prangten die Dörfer um die Stadt nicht mit blauen und goldenen Wirthshausschildern , noch lauerten die Kellner nicht am Eingang der Gitter mit der Speisekarte . Die Schenke war eine Trinkstube und Kegelbahn , weiter nichts , die Familien kehrten bei den Bauern ein , die sie vom Markte kannten . Und noch strömte nicht Alles hinaus , was an Sonn- und Feiertagen die Werkstätte schließt , um das Geräusch der Straßen draußen durch neuen Lärm in ersetzen und den Staub , den sie hinter sich gelassen , durch wilde Spiele wieder aufzuwühlen . Es war eine Pilgerfahrt der Familien . Sie brachten eine sonntägliche Stimmung mit . Man hatte sie lang ' vorher besprochen . Man freute sich , einmal unter Gottes freiem Himmel einen Tag zu feiern . Wie Wenige waren gereist und hatten schönere Gegenden gesehen , und wie Viele hatten die Dichter gelesen und konnten auswendig ihre Lieder zum Preise der schönen Natur . Auch wer das Theater besuchte , was damals in den gebildeten Mittelständen viel häufiger geschah als jetzt , hörte und sah , wenn er es glauben wollte , daß die Menschen in den Dörfern andere und bessere wären , als die in der Stadt , weil sie Gott und seiner Natur näher sind . Wenn auch nicht bei den Schäfern , doch in der Hütte , die der Fliederstrauch überschattet , sollte der Friede und das Glück des Lebens zu suchen sein . Bei aller Blasirtheit der vornehmen Welt konnte sie dieser Stimmung durch Spott nicht wehren , ja sie erwehrte sich selbst ihrer nicht . Man musste idyllisch sein . Wir sehen eine solche glückliche Familie den langen , beschwerlichen Weg hinaus wandern . Sie steigen über den Sand des Templower Berges , dann suchen sie den festeren Fußsteig , der neben der durchwühlten Straße , fast baumlos nach dem Dorfe führt . Die Sonne brennt am wolkenlosen Himmel , und ihre Schritte sind nicht leicht ; außer der Sonntagsstimmung bringen sie ja in Körben und Pompaduren mit , was zur Erheiterung dieser Stimmung dienen soll . Oft muß der Familienvater das Taschentuch herausziehen , um den Schweiß zu trocknen und oft hält er still und sieht , ob die Andern nachkommen . Da verstummt wohl das Gespräch , aber sie bleiben heiter . Unter den schattigen Ulmen , welche die Avenue des Dorfes bilden , hält endlich die Mutter und setzt ihren Beutel nieder , während der Vater sich umsieht : » Aber wo ist denn Adelheid ? « - » Ach du mein , « ruft die Mutter , » da trägt das Kind doch den schweren Korb der Jette . Hab ' ich ' s ihr nicht verboten ? « Die Adelheid aber hüpft heran und setzt den Korb zu ihren Füßen nieder : » Mütterchen , er war gar nicht schwer . « Die Gluthröthe , die ihr Gesicht überzieht , straft sie Lügen . Sie steht einen Augenblick athemlos . » Aber englisches Mädchen , wie konntest Du das thun ! « Der Vater schüttelte den Kopf . Aber als ihre Röthe verschwindet , weist die Tochter auf das Mädchen , das noch röther gefärbt herankeucht : » Die Jette konnte ja nicht mehr . « Der Vater murmelte : » Dafür ist sie im Dienst , « doch es schien ihm nicht Ernst ; er klopfte die Tochter auf die leuchtenden Schultern : » Knüpfe Dein Tuch zu , Du bist echauffirt , und wir sind gleich im Dorf . « Der Wind wehte in die alten Ulmen , als wollte er die kleine Disharmonie weghauchen ; die Jette nimmt wieder den schweren Korb auf die Hüfte und im Schatten der Bäume geht der Zug munter weiter . Nun fängt der Festtag an . Die Hunde klaffen , als sie das leichte Gitterthor in der Lyciumhecke geöffnet . Adelheid kennt sie , und sie kennen Adelheid ; sie streichelt sie und sie wedeln zu ihren Füßen . Aber es ist tiefstill im Gehöft . Die Flurthür ist nicht verschlossen , doch auch im Innern des Hauses kein menschliches Wesen . Nur der graue Kater springt über den Herd , und im Zimmer schnattert der Staar in seinem Käfig , indeß die Wanduhr monoton tickt . - Ach sie sind Alle auf dem Felde ! Und das Feld ist weit . - Dadurch scheint die Lustbarkeit gestört . Soll man die Jette wieder im Sonnenbrande hinausschicken ? Nein , der graue Kater , der vor den Eindringlingen durch die angelehnte Kammerthür entflohen ist , zeigt ihnen ein anderes Auskunftmittel . Da liegt ja die alte Großmutter im Bette . Sie ist schon etwas närrisch und kann kaum mehr sprechen , aber Adelheid hat es ja neulich zu Pfingsten verstanden , ihr Töne und Verständniß zu entlocken . Ja , die Alte liegt noch da , stumpfsinnig lächelt sie , wie zu allem , auch den Eintretenden zu , ihre Anrede ist ihr nichts anderes , als das Ticken der Uhr . Aber sie gafft Adelheids Gesicht an , ihr Grinsen wird zum Lächeln ; sie muß sich neben sie setzen , sie streichelt ihre Locken mit der dürren Hand und wie durch die Berührung allmälig elektrisirt , kommen Töne hervor , minder kreischend . Es leuchtet auch etwas wie Besinnung im Auge . Sie verständigen sich , ein Wort , ein Blick und sie wissen , daß die Hausfrau im Kuhstall ist . Bald fährt Frau Brösike vom Melken auf , denn ein seltsames Kikeriki schallt ihr aus der Wandluke . » Wetter ! Wo kommen denn die Hühner her ! « und als sie sich umwendet , blitzen ihr zwei wunderblaue Augen entgegen unter einer blonden Lockenfülle , und die kirschrothen Lippen öffnen sich , um zwei Reihen Perlenzähne zu zeigen und ein : » Angeführt mit Löschpapier , Frau Brösike ! « ihr zuzurufen . » I , so soll doch ! « ruft die Bäuerin und lässt den Melkeimer fallen , aber ihre Ueberraschung ist keine unangenehme : » Ach , die seelenhübsche Mamsell Adelheid vom Gensd ' armenmarkt ! « Auf dem Hofe aber hat eine andere Ueberraschung Platz gegriffen , die nicht so angenehmen Eindruck hinterlässt . Das Dienstmädchen hatte eben vom Schöpfbrunnen den vollen Eimer an die durstigen Lippen gesetzt , als eine heftige Ohrfeige , die aus der Luft zu schwirren schien , ihre brennenden Backen noch röther machte . Der Eimer schnellte aus ihrer Hand , und das Wasser , das sie nicht trinken sollte , überschüttete sie aus den Lüften . » Es geht doch nichts über die Unvernunft solcher Leute . Zu trinken wenn sie erhitzt sind ! « - Das Mädchen weint , aber sie beklagt sich nicht . Der Hausherr hat das Recht . Auch die Hausfrau widerspricht nicht : nur flüstert sie ihrem Alten zu : » Alter ! Solchen Leuten schadet es nicht . Das liebe Vieh trinkt auch , wenn es Lust hat und frägt nicht , ob ' s die Doktoren verboten haben . « Nun ist alles helle Thätigkeit inner und außer dem Hause . Jeder hilft mit , denn mitarbeiten an der Herrichtung der Tafel zum Mittagstisch , ist ein Theil der Freude . Jeder , nur der Vater nicht . Ihm wird der erste Schemel unter die Linde gesetzt , daß er in Ruhe seine Pfeife rauchen kann . Die Bäuerin will dem Herrn Kriegsrath selbst die Kohle bringen , aber Adelheid nimmt ihr die Zange ab . Und nachdem er mit dem Finger nachgestopft , und einige Züge versucht , kräuselte es sanft aus dem Meerschaumkopf , und aus den Lippen schießen Rauchwirbel regelmäßig hervor . Die Pfeife zieht , alles ist in Ordnung , der Vater nicht freundlich der Tochter zu , und sie flieht vergnügt ins Haus . Was soll man zuerst ergreifen ! Die Bäuerin eilt aus Heck , auf den kleinen Hügel , und pfeift durch die hohle Hand nach dem Felde . Sie mussten es wohl gehört haben , denn bald wimmelt es von kleinen Semmelköpfen in Flur und Küche , die ihr zur Hand sind . Da knarrt der Ziehbrunnen , das Reisig prasselt auf dem Herde , bald lodern und knallen auch die Scheite frischen Holzes , die der älteste Knab ' noch eben im Hofe gespalten , und die Mutter aus der Stadt packt in der Stube aus den Körben und Beuteln und vertheilt und bespricht mit der Hausfrau . Aber eben so schnell tragen die Knaben und die Magd Tisch , Schemel und Bänke aufs Grüne unter die Linde . Es fügt und schichtet sich , wenn auch nicht ganz regelrecht . Wie kann ein winklich gezimmerter Tisch grad auf der Erde stehen , die ja rund ist ! Das Tischtuch fliegt hinauf , die irdenen Schüsseln und Teller halten es fest , wenn ein Luftzug die Zipfel überschlagen will , und die Schüsseln füllen sich schon , nicht vom Reis , der noch über dem Feuer siedet , aber von den Lindenblüthen , die der Zephyr von den Zweigen schüttelt . Es war ein goldiger Tag . Die Hitze war nicht gering , aber auf den Körper des Familienvaters , der ausruhen sollte von der Arbeit einer Woche , schien sie wie ein Balsam sich zu senken . Seine Frau zog sich einen Schemel neben ihn . Drinnen war alles geordnet , sie konnte es den andern überlassen , und den Strickstrumpf vorholen , um auch der Ruhe zu pflegen . » Es hat Dich aufgeheitert . Du warst heut Morgen anders , « sagte sie ; » noch als wir zum Thor hinausgingen , sahst Du vor Dich hin , daß ich wunders dachte , was es wäre . « » Und Du eiltest so aus dem Thor , daß ich auch dachte , wunders was es wäre . « Sie ließ den Strickstrumpf sinken : » Ja , sieh mal , ich hätte es nicht gern gehabt , wenn uns Einer begegnet wäre . Denn eigentlich , es ist doch nicht , was sich für uns schickt , ich meine nämlich für Dich . Ja , als Du noch Subalterner warst - aber nun , und wer weiß , was Du noch wirst , da der Justizminister es mit Dir so gut meint . « Der Ehemann blies einen langen Dampf in die Luft und ließ die Pfeife am Fuße ruhen : » Das ist nicht immer ein Glück . - Schickt sich Gottes Natur nur für die Subalternen , für die Vornehmen aber nicht ? « » Wie Du wieder bist , Mann ! Ist nicht Gottes Natur auch in den Zelten und im Hofjäger ? - Ins Freie raus ist recht hübsch , ja , und ich sage gar nichts dagegen , aber so zu Fuß mit Sack und Pack ! - Das schickt sich doch nicht mehr . « Er war bei guter Laune : » Nächstes Mal wollen wir einen Wagen nehmen . « Sie nahm die gute Laune wahr : » Es ist mir auch schon recht , daß Du lieber hier raus wolltest , als nach Charlottenburg , denn da sind immer unterwegs die Soldaten und die Gensd ' armenoffiziere flankiren in den Gärten nach hübschen Gesichtern , und Du hast schon recht , hier heraus kommen sie nicht geritten , weil ' s zu sandig ist und die vornehmen Equipagen nicht herfahren , aber sieh mal , unsre Kinder werden doch jetzt größer , besonders die Adelheid - Was siehst Du denn so besonders dahin ? « » Ich freue mich , daß die Adelheid so groß geworden ist . « » Ist Dir sonst was Besonderes ? « » Ja , ich habe Lust nach was Besonderm , « nickte er , » denn ich bin durstig . « Die Erklärung des Besonderen schwebte schon heran . Adelheid kam aus dem Kruge mit einem Glase Weißbier . Wer ein Glas Weißbier , das berliner große Glas , welches in der populären Sprache nicht mit Unrecht eine Stange heißt , gesehen hat , wie der Schaum , wenn es gut eingegossen , noch einige Zoll über den Rand steht , und der Porzellandeckel mit seinem Knopf am Rande des Glases schweben muß ; - und wer die Unebenheit des Weges und die Entfernung erwägt vom Kruge bis zur Linde , der konnte sich über Adelheids Geschicklichkeit wundern , ein Künstler aber würde sich gefreut haben , mit welcher Grazie sie das Glas trug . Die schönen Formen des Mädchens entwickelten sich bei jedem Schritt , und mit jedem trat sie , zuerst vorsichtig ausschreitend , sicherer auf . Als sie aber , die Anhöhe unterm Baume hinaufsteigend , das Glas mit beiden Armen erhob und dem Vater zulächelte , glich sie doch dem Meisterwerk eines griechischen Meißels , der Hebe , die den Göttern die Schaale reicht . » Daß Dir ' s gut bekommt , Papachen ! « Der Vater setzte an und leerte ein gutes Viertel in einem Zuge . Er reichte es der Tochter , weil sie als Botenlohn das nächste Recht habe . Sie nippte und reichte das Glas der Mutter . » Ich mag nichts , « die Mutter musste ja stricken . » Alte , trinke . Schluck runter , was Dich verdrießt . « Sie durstete auch . Sie wollte nur gezwungen nippen , aber sie trank . - Den Unmuth hatte sie nicht ganz hinuntergeschluckt , als sie das Glas zurückgab . » Die Adelheid in den Krug zu schicken ! Das ging wohl an , so lange sie die Flechten im Nacken trug . Und weißt Du denn , ob nicht Soldaten im Kruge sind ! « Der dritte August , oder die warme Sonne , oder das Spiel des Lindenlaubs musste auf der Brust des Kriegsraths das Erz geschmolzen haben . Er fuhr die Frau nicht an , worauf sie doch gefasst war , er sagte nicht , sie solle sich um das bekümmern , was sie anginge , - er gab ihr Recht . Aussprach er es nicht , aber er zupfte der Lieblingstochter am Ohr : » Die Clara soll das Glas nachher zurückbringen und das Pfand einlösen . « » Vater , es sind im Krug keine Soldaten . Aber den alten Major Rittgarten traf ich da mit dem steifen Beine . - Der lässt Dir sagen , nach Tisch will er uns auf eine Tasse Kaffee besuchen . Er freute sich , mich zu sehen , und freut sich noch mehr , mit Dir ein halb Stündchen zu plaudern . « » Ich will gar nichts damit gesagt haben , Alter , daß Du durstig warst und mal einen guten Trunk Dir machen wolltest , « sagte die Frau , als die Tochter fortgehüpft war , » auch meinethalben mochtest Du sie schicken , aber thue doch die Augen auf ; sie wächst ja aus den Kleidern raus , und wir thun noch immer , als ob sie ein Kind wäre . « » Ist geboren in der Nacht , wo der Gensd ' armenthurm einstürzte , « sagte der Kriegsrath . » Das vergißt sich nicht und lässt sich leicht ausrechnen . « » Nun ja , siehst Du , für uns kann sie immer noch ein Kind sein , aber was sollen die Leute draußen sagen ! Die kurzen Röckchen , das passt doch wirklich nicht mehr . « Nach einer kurzen Pause sagte der Vater : » Soll andere Kleider bekommen , hab ' s schon in meinem Etat mir zurecht gelegt . « In solcher nachgiebigen Laune war er seit Jahren nicht gewesen . Ein Eisen muß man schmieden , so lange es heiß ist . » Sie spricht auch noch manchmal wie ein Kind . « » Ist Dir das wieder nicht Recht ? Soll ich das auch anders machen ? « » Du nicht , Alter , nein , aber die Erziehung . Die Nähschule und die andere , nun ja , so lange ging es . aber wir sind doch nun was anderes . Das Bischen Französisch , das ist ja gar nichts . Sieh mal des Inspektors Töchter , die über uns wohnen , wie parliren die schon ! Und wovon sprechen sie nicht , wenn sie in Gesellschaft sind , von römischer Geschichte und Bonaparte und Afrika , und von dem Dichter Schiller wissen Dir die Tischlertöchter drüben ganze Gedichte auswendig . Mir ist da oft zu Muthe , als müsste ich mich verkriechen , weil ich davon nichts gelernt . Nun , ich bin eine alte Frau , oder werde ' s doch werden , aber um die Adelheid thut ' s mir oft in der Seele weh , wenn sie so gar nicht mitsprechen kann . Nicht einmal einen Roman hat sie gelesen und ein einziges Mal ist sie in der Komödie gewesen . Gott sei Dank , sie hat Mutterwitz , daß sie ' s ihnen geben kann , und darum behält sie Respekt . Aber , lieber Mann , französisch muh sie lernen und ein Bischen auf dem Klavier klimpern und vor allem tanzen . « Der Vater passte drei Mal heftig , und schlug sich auf den Schenkel : » Tanzen soll sie nicht lernen ! Und Romane und französisch parliren und klimpern auch nicht . Daß Dich ! Ich werf ' s zum Fenster hinaus , wenn ich was attrapire . Und - in die Tanzschule schicke ich sie absolut nicht . « Sie ließ ihn sich erholen : » Da hast Du auch ganz recht , Alter , « hub sie , ihre Maschen zählend , wieder an , » und sie wird schon ohnedem tanzen lernen , denn sie hat ein Geschick dazu , und wenn sie nur erst in einem guten Hause ist . Aber sie wird doch älter und ein Mal wird sie heirathen müssen . Der Sohn vom Hofbronceur , der möchte sie gern haben . Die Eltern sind reich . Nun ja , wenn Du sie dem geben willst , da braucht sie nicht mehr zu lernen . « Der Vater schwieg wieder : » Sie konnte ihn ja nie leiden . « » Und weißt Du , was die Jette sagt ? Sie hätte doch bei vielen Herrschaften gedient . Aber eine solche Mamsell wäre ihr noch nicht vorgekommen . Die stäche manches Fräulein aus ; auch manche Gräfin hätte nicht so seine Art. Du bist doch nun einmal Kriegsrath , und wir müssen in Gesellschaften . Sollen wir die Adelheid immer zu Haus einschließen ? Du siehst es freilich nicht , wie sie zu uns rauf gaffen , wenn sie am Fenster strickt , und ich hab ' s Dir nicht sagen wollen , vom Bäcker nebenan , oben auf dem Boden , kann man in unsere Schlafstube sehen . Da steigen die jungen Herren vom Kammergericht , die Referendare , die beim Bäcker wohnen , hinauf und sehen runter , wenn wir Licht anmachen . Seit ich ' s weiß , darum hab ' ich Dir die dicken Vorhänge abgeschwatzt . Aber willst Du sie immer behüten ? « Der Kriegsrath antwortete nicht . » Du hast schon ganz recht . Wenn wir sie in Gesellschaft führen , da wird ' s ein großes Gaffen geben , und die Herren werden um sie schwenzeln . Aber ich weiß doch nicht Alter , ob sie da besser dran ist , wenn sie nicht französisch kann und nicht Klavier spielen , und wenn die Leute endlich merken , sie ist ein Gänschen , mit der kann man schon was aufstellen , oder , - « Der Kriegsrath war aufgestanden . Die Pfeife stellte er an den Baum , seine Frau nahm er unter den Arm . Sie gingen unter den Linden langsam auf und ab , und er klopfte ihr auf den Arm : » Du bist schon eine kluge Frau . « Sie hatte gesiegt . Sie waren einig , daß Adelheid eine Erziehung erhalten müsse , um in der Welt aufzutreten . Weniger einig waren sie über das wie ? » Davon ein ander Mal , « sagte der Kriegsrath . Aber sie hielt plötzlich inne und sah ihn groß an : » Alter , dahinter steckt noch was andres . Gestern Abend kamst Du nachdenklich nach Haus und Du fragtest nach der Pfeife und hieltest sie schon zwischen den Beinen und heute Morgen auch , Alter , da ist was los . Sonst hättest Du auch nicht so schnell nachgegeben . « Der Kriegsrath sah seine Frau scharf an , aber nicht unfreundlich : » Christine , es ist was los , - eigentlich soll man Frauen so was nicht sagen , bis es gewiß ist , aber ich weiß , Du plauderst nicht . Der Geheimrath Lupinus von der Voigtei - « » Wird kassirt , « fiel sie ein , » weil die Gefangenen die Fensterscheiben eingeschlagen haben . « » Es ist möglich , daß er sein Amt verliert , oder seine Entlassung nehmen muß , « korrigirte der Kriegsrath . » In diesem Falle gedenkt seine Excellenz , der Herr Justizminister - « » Dir - Dir , Mann ! « rief sie verwundert . » Siehst Du wohl , was Konnexionen machen ! Ich weiß es von mehr als Einem , wie Dir der Herr Justizminister gewogen sind . « » Ich verdanke ihm meine Stellung , das weiß ich . Eigentlich wäre das nun nicht meines Amtes , noch ist ' s meine Karriere ; aber Excellenz haben die gute Meinung von mir , daß ich der rechte Mann wäre , um dort die Zucht und Ordnung herzustellen . « » Und Du nimmst sie doch an ? « » Still ! « gebot ein fast drohender Blick . » Die Sache mit Lupinus ist noch nicht entschieden . Und wenn , soll ich mir wieder neue Neider und Feinde machen ? Denn wie Viele , Würdigere , würden um mich zurückgesetzt ! « Die Frau Kriegsräthin wusste sehr viele Gründe , warum er annehmen müsse ; sie wusste , daß er ganz zu dem Posten befähigt sei , denn daran zweifeln , hieße ja an der Autorität seines hohen Vorgesetzten zweifeln , der werde es doch am besten wissen , wozu er tauge . Und um die Andern kümmere sie sich gar nicht . » Und , « schloß sie , » Du würdest dann auch Geheimer - « Sie erschrak und verschluckte das Wort . » Aber - « Aber einig wurden sie doch . Die Adelheid sollte französisch lernen , und ein Lehrer im Hause angenommen werden , für Geographie und Geschichte und was sonst so nöthig ist , damit man nicht dumm in der Gesellschaft ist . Dazu gab der Vater die Einwilligung . Klavierspielen - auch das - aber Aesthetik ! Ja , Gellert und auch Bürger und vor allem der treffliche Gleim ! Er konnte