hoch auf . Sie wollten ... Aber in demselben Augenblicke schlug Dankmar mit der Peitsche schon auf das Thier ein , rief : Allez ! und ohne weitern Abschied zu nehmen , jagte er aus dem Thorweg hinaus , schwenkte rechts um und hielt Hackerten , der immer schrie : Halt ! halt ! Lassen Sie mich ! auf dem Bocke fest , wie Einen , den man mit Gewalt entführt . So flogen sie von dannen ...... Siegbert wußte nicht , wie ihm dabei geschah . Es schien ihm bald , als wenn Hackert , wie er das Pferd entwendet hätte , so vielleicht auch Absichten auf das Fuhrwerk hegte . Bald schlug er sich wieder an die Stirn über die Gefahr , in die er seinen Bruder sich stürzen sah . Zuletzt mußte er lachen , wenn er bedachte , mit welcher Geistesgegenwart Dankmar plötzlich alle Verlegenheiten über die Rückgabe der hundert Thaler abgebrochen hatte . Ein Eingeständniß an Hackert , daß man von ihm das im Augenblicke so nöthige Reisegeld hätte borgen müssen , wär ' ihm zu peinlich gewesen . Ihm schwindelte , wenn er bedachte , wie fast gewaltsam der Zufall heute diesen Fremden in sein Leben gedrängt hatte - und nun war er mit dem Bruder unterwegs ! Der Wagen rasselte noch eine Weile . Dann keine Spur mehr . Wer ist der Mensch ? fragte der Pelikanwirth . Als Siegbert schwieg , bestätigte Kaspar , daß er während Peters ' Erzählung in den Hof hineingetreten wäre und zugehört hätte . Siegbert besann sich , daß er dem Bruder die zwanzig Thaler glücklicherweise hinter dem großen Frachtwagen , also von Hackert ungesehen , zugezählt hatte . Erst wieder von da hervortretend , wurden sie von ihm angeredet . Zu dem Allem kam noch Kathrine weinend über das Elend ihres Mannes . Er hatte ihr die sämmtlichen Declarationen seiner Fracht eingehändigt und sich wie ein Sterbender ins Bett geworfen mit den Worten : Mach du nun Alles ab : ich werde wol recht lange krank liegen ! Von da an hätt ' er nichts mehr hören und sehen , auch nichts mehr genießen mögen . Siegbert versagte der weinenden Frau nichts von seiner Theilnahme , bezahlte seine Schuld und versprach ihr und dem Pelikanwirth aus der Stadt sogleich einen Arzt zu schicken . Er ging und zuerst zu dem nächsten Arzte , den ihm der Pelikanwirth bezeichnet hatte . Dann aber trieb es ihn in die Lasally ' sche Reitbahn , um zu hören , ob Hackert wirklich das Pferd abgeliefert . Im Gewühl der Stadt angekommen , hörte und sah er nichts von den Menschen , die an ihm spät Abends noch vorüberstreiften , so erfüllt war er von Angst und Schrecken über die fernern Begegnisse seines Bruders , der ihm einem Phantome nachzujagen schien , für das ihm jede reelle Anknüpfung fehlte ! Nur der eine Gedanke wurde ihm in diesem Tumulte zuletzt licht und klar , der ihm heimlich und geisterhaft zuflüsterte : Man tanzt in Hohenberg bis tief in die Nacht ! Dankmar wird Melanie sehen ! Melanie unter geputzten Gästen ! Melanie , die Schönste der Sylphiden , die im Mondenschein schlüpfen ! Melanie in Hohenberg , umschwärmt von Lasally und den jungen Stutzern der Residenz , die ihr zudringlich genug aufs Land gefolgt sind ! Melanie , der bezaubernde Mittelpunkt einer in ihrem Anschauen schwelgenden Gesellschaft .... Die Geigen tönen - die Säle sind erleuchtet - die Blumendüfte einer schönen , reizenden Natur dringen durch die geöffneten Fenster - die Sterne funkeln - der Mond flimmert - Melanie und mein Bruder in Hohenberg ... Da bemerkte Siegbert , daß er schon auf der Ottokarstraße war , in welcher die geschmackvoll angelegte Reitschule des jungen stadtbekannten Lasally lag . Es schlug zehn Uhr , als er heftig die Glocke des großen Thorwegs zog . Fünftes Capitel Der Heidekrug Dämmerung umhüllte die kleinen tempelheider Anhöhen . An einem linden Hauch aus Westen erfrischten die Bäume am Wege ihr bestäubtes Laub . Leichte Wölkchen , die sich am Rande des tiefblauen Horizonts vor die blitzenden Sterne legten , verhießen vielleicht für den Morgen einen erquickenden Regen , dessen die Natur so bedürftig war . Von der großen Stadt her , die fern im Thale abwärts noch wie ein Lichtmeer wogte , schlugen die Thurmuhren die zehnte Stunde . Deutlich trug der Westwind Schlag auf Schlag herüber zu dem einsamen Fuhrwerk , das der aus dem Schlaf geweckte Gaul des Pelikanwirthes noch ziemlich langsam zog ; denn auch der Weg ging jetzt steil aufwärts . Den beiden Passagieren , die wohl fühlten , daß ihnen vor allen Dingen Verständigung noththat , kam dieser mäßige Schritt zustatten . Dankmar drückte sich in die Rückwand des kleinen Wagens , Hackert führte auf dem Vordersitze die Peitsche . Beide schienen ernstlich zu überlegen , wie sie so plötzlich in diese nahe Verbindung gekommen waren . Dankmar , der außer der nächsten Unbequemlichkeit einer zweideutigen , an ihn geketteten Bekanntschaft noch die viel größere Last des Verlustes seiner werthvollen Papiere zu tragen hatte , entschloß sich , um Raum zur Erwägung seines plötzlichen Reisezwecks zu gewinnen und ungestört über die Wege nachdenken zu können , die er zur Wiedererlangung seines Schatzes würde einschlagen müssen , lieber vorerst das nächste Unbehagen abzuschütteln und sich , soweit es bei der zweifelhaften Ehrlichkeit seines Vordermannes möglich war , über diese wunderliche , aufdringliche Begegnung zu verständigen . So begann er denn kurz vor Tempelheide , als sie langsamer die Höhe hinauffuhren : Jene Kirche da hat Sie mit meinem Bruder bekanntgemacht ? Hackert antwortete nicht . Sie haben ihm Aufschlüsse über eine gewisse Gattung protestantischer Johanniterkreuze gegeben ? fuhr Dankmar fort . Das Korn der blinden Henne ! war Alles , was Hackert kurzab antwortete . Damit war die erste Annäherung schon wieder abgebrochen . Dankmar kopfschüttelnd , sah zur Kirche , zum Parke , zum Schlosse des alten Präsidenten hinüber . Tiefe Stille , nächtliches , friedliches Walten .... Eben wollte er wieder eine abgerissene Bemerkung an Hackert richten , als von dem düstern Parke her die Töne einer wahrscheinlich dort aufgehängten Äolsharfe erklangen . Es war ein zauberhafter Accord , der der schweigsamen Nacht eine geisterhafte Feierlichkeit , die Stimmung einer wehmüthigen Melancholie gab . Die Anhöhe ging steil . Dankmar konnte den weichen Tönen aufmerksam lauschen und einige noch helle Fenster des kleinen Schlosses länger im Auge behalten . Es war ihm , als bemerkte er an diesen Fenstern eine weibliche Gestalt , die sicher wie er , aber ohne Zweifel mit unendlich ruhigern und mildern Gefühlen , dem sanften , melodischen Gesäusel des Parkes lauschte .... Hackert erkannte die Dame , die Siegbert Wildungen den labenden Trunk geschickt hatte . Für die Äolsharfe , für den träumerischen Blick jener , wie es schien , leidenden und tieftrauernden Frau zu den Sternen empor hatte er keine Empfindung . Er schien in völlige Apathie oder in tiefes nachdenkliches Grübeln versunken . Die nächtlich stille Scene , verklärt von den Sternen und dem klagenden Lufthauche vom düstern Parke her , wurde oben von einem heftigen thierischen Gekrächze gestört , das die Accorde der Äolsharfe übertönte . Dankmar besann sich . Er wußte , daß der oberste Chef aller Justizcollegien ein großer Freund der Thierseele war und sich in Studien über die Temperamente , Instincte und Angewöhnungen wilder und zahmer Bestien einen Namen erworben hatte . Er sah noch , daß die weibliche Erscheinung , wol auch erschreckt durch die Störung ihrer stillen Abendandacht , vom Fenster verschwand , und fuhr jetzt bergab , verfolgt von einem wirren Durcheinander der , wie es schien , durch Hackert ' s Peitsche wachgewordenen Menagerie des alten Präsidenten . Ein düsterer Tannenwald nahm bald das kleine Fuhrwerk auf . Wie Dankmar seinen Vordermann so schweigsam und stillergeben in seine Kutscherrolle fand , rückte er zur weitern Verständigung mit der aufrichtigen Erklärung heraus : Sagen Sie mir aber bei dieser Gelegenheit , bester Freund , für was halte ich Sie ? Sind Sie Cavalier oder eine Art Commissionair ? Sie staunen über meine resolute Art , Geschäfte zu machen ? sagte Hackert , ohne sich umzuwenden . Allerdings . Sie reiten mir ein Pferd in den Stall , Sie bieten sich mir als Kutscher an . Ich überlege , wieviel ich Ihnen für diese Expedition nach dem Schlosse Hohenberg zu bezahlen habe . Bieten Sie ! sagte Hackert fast höhnisch . Bieten Sie ? wiederholte sich Dankmar . Gut , dachte er , wir wollen bieten . Drei Thaler , bester Freund ! Ich rechne dabei noch die Mühe für das hoffentlich abgelieferte Pferd . Wie Dankmar hierauf gespannt die Erwiderung abwartete , hielt Hackert plötzlich still , legte die Peitsche neben sich hin und wendete sich mit verdächtiger Miene rückwärts . Nun ? sprang Dankmar auf und maß seinen Vordermann , dessen Benehmen in diesem düstern Tannenwalde sonderbar genug aussah . Das Pferd hab ' ich geritten , sagte Hackert ergrimmt , weil ich ' s gern that und weil Ihr Bruder mir Freundlichkeiten erwies , ohne mich zu kennen . Ich hab ' s gethan aus noch einem andern Grunde , den Sie künftig einmal hören sollen , wenn wir uns besser verstehen , als es bisjetzt den Anschein hat . Zum Fahren nach Hohenberg erbot ich mich , weil ich in Hohenberg zu thun habe . Ein Kutscher bin ich nicht , fahre auch jetzt keinen Schritt weiter , wenn Sie mir hier nicht auf der Stelle gestatten , neben Ihnen zu sitzen . In Hohenberg aber fahren Sie , ich steige dort aus oder bin gleichsam Ihr Freund , verstehen Sie ? Nicht um hundert Thaler fahre ich Sie in Hohenberg . Damit wollte er über die Lehne springen und an Dankmar ' s Seite sich setzen . Halt da ! sagte dieser und wehrte dem Beginnen mit Entschlossenheit . Sie als Freund anzuerkennen , hab ' ich keine Veranlassung , erklärte er . Behagt es Ihnen nicht , vor mir zu sitzen , so sind wir noch nahe genug am Pelikan , daß Sie umkehren können .... Hackert ' s Antlitz verzog sich zu einem bitter grimmigen Lächeln . Der innerlich in ihm tobende Zorn gab ihm etwas Grinsendes . Er fühlte , daß er seinen Mann gefunden hatte , und blieb , niedergedrückt von dem viel stärkern Dankmar , auf seinem alten Platze . Also welches waren die Bedingungen ? sagte Dankmar . Wir wollen eine nach der andern prüfen und zugestehen , was den Umständen angemessen ist . Hackert dachte jetzt auf andere Art das Gleichgewicht herzustellen . Er streckte sich nachlässig auf dem Kutscherbock , zog eine Cigarre aus einem schön gestickten , einst gewiß farbig frischen , jetzt etwas abgetragenen Etui , zündete sie an einem portativen Streichfeuerzeuge an und blies die Wolken vor sich hinaus , als verachtete er Den , der ihn mit Gewalt in eine niedrige Stellung hinabdrücken wollte . Also welches waren die Bedingungen ? wiederholte Dankmar . Erstens , Sie sitzen vor mir . Zweitens ... Hackert blieb ruhig und rauchte . Zweitens , fuhr Dankmar fort , bei Hohenberg ergreife ich Peitsche und Zügel . Zugestanden in dem Falle , daß Sie aussteigen und mir die Gnade nicht abschlagen , dann drei Thaler für Ihre Dienste anzunehmen . Hol Sie der Teufel ! rief Hackert lachend , hieb wild auf den Gaul ein und klatschte mit der Peitsche so übermüthig , daß es laut durch den stillen Wald widerhallte . Dankmar schwieg . Er hatte einen Anmaßenden züchtigen , einen Verdächtigen in die nothwendigen Schranken zurückweisen wollen . Den ihm von Pelikanwirth geborgten Mantel über die Füße schlagend , gab er sich nun mit ganzer Seele der Überlegung alles Dessen hin , was er anordnen wollte , um wieder zu seinem verlorenen Gute zu kommen . Daß ihm dieser Unfall begegnen konnte , mitten in dem Gedränge der Hoffnungen , die sich ihm an die Angeroder Entdeckung knüpften , erfüllte ihn fast mit Groll gegen die Launen des Geschicks . Er sah sich nicht etwa gestört in dem Genusse von Reichthümern , die ihm seine Entdeckung gewinnen konnte , er hatte diese Träume so entschieden abgelehnt , daß wir seinem ehrlichen Worte glauben dürfen ... es erfüllten ihn andere , uns noch dunkle Vorstellungen . Vielleicht begeisterte ihn nur der juristische Kampf um die Geltendmachung seiner Ansprüche . Vielleicht spornte ihn die Vorstellung : Du trittst jetzt mit einem verjährt scheinenden Rechte auf , weckst vergangene Misbräuche aus dem Moder der Schreibstuben , kämpfst gegen Besitzthümer , die sich vielleicht in ihrer Begründung unendlich sicher dünken ! Vielleicht verglich er die Zeit selbst mit seinem persönlichen Interesse . Dankmar war Jurist und Politiker . Sein Vater , ein denkender , ernster Beobachter , hatte früh in dieses Kindes Talenten die Fertigkeit der Rede , die schnelle Auffassung , den unverwüstlichen Trieb der Gerechtigkeit erkannt , und Dankmar , dem vielleicht ein anderer Beruf augenblicklich lieber gewesen wäre , mußte sich doch später sagen , daß die Bestimmung des Vaters einer tiefen Beobachtung entsprungen und eine richtige war . Man rühmte allgemein seine juristischen Deductionen . Nur zur rein formelhaften Erfassung des Rechts konnte er sich nicht abtödten . Ein Unrecht vertheidigen , das Recht suchen je nach der spielenden Beleuchtung scheinbarer Rechtssätze und zweideutiger Gesetzesstellen , war ihm auf die Länge unmöglich . Deshalb auch währte die Begründung einer festen Stellung für ihn länger als bei manchem geringern Talente . Er hatte schon seit fünf Jahren die Universität verlassen , alle Prüfungen bestanden , war vor den Gerichten , wie in der Gesellschaft wohlgekannt und seines Freimuths wegen gefürchtet , von der jüngern Frauenwelt , seines männlichen Äußern , fröhlichen Humors und seiner ritterlichen Galanterie wegen ebenso geschätzt wie sein sanfterer Bruder von der ältern Frauenwelt ; aber zu einem ergiebigen Anhalt an Ämter und Würden hatte er es noch nicht gebracht . Nur hier und da flossen ihm zuweilen in Diäten die Mittel zu , die ihm erlaubten , seinen Antheil an dem hinterlassenen kleinen väterlichen Vermögen zum größten Theile noch der Mutter anheimzustellen . Die Urkunden , die ihn vielleicht als den rechtmäßigen Erben eines vermoderten Hugo von Wildungen erwiesen , verwandelten sich in seiner Phantasie keineswegs in die Millionen , von denen er dem Bruder gesprochen . Er wußte , daß der Staat in diesem Augenblicke Alles daransetzte , jene allerdings seit Jahrhunderten offene Erbschaftsfrage in seinem Interesse zu lösen und die städtischen Besitzungen dem Fiscus zu gewinnen . Ihn reizte nur die Theilnahme an diesem Kampfe . Er wollte dem feudalen Staate zeigen , wie sich seine Anmaßungen in den Angeln eines Erbrechts bewegten , das zuletzt jedem Andern ebenso gut zustattenkommen könne wie einem Fürsten . Er knüpfte an diesen Proceß nur seine Wissenschaft , seine Kunst und die auf ihr sich gründende Zukunft seines Berufs , für den er ebenso viel Ehrgeiz besaß wie sein Bruder für die Malerkunst . Und nun sollten diese Träume an dem misgünstigsten Zufall , der einen einsamen auf der Landstraße preisgegebenen Frachtwagen treffen konnte , scheitern ? Er sah den Schrein erbrochen , die werthvollen Papiere zerstreut , zu gewöhnlichen Zwecken gedankenlos misbraucht , ja vielleicht gar in den Händen der beiden Parteien , denen vor allen der Besitz dieser uralten , glücklich aufgefundenen Verschreibungen zu entziehen war ! Er verfiel in tiefes , unmuthiges Sinnen . Wenn Sie darüber nachdenken , fing Hackert jetzt , der sich in sein Schicksal ergab , von selbst an , wie Sie zu Ihrem Verluste wiederkommen können , so rechnen Sie dabei nur nicht auf die hohenberger Justiz . Mit der sieht ' s nicht zum besten aus . Dankmar bemerkte : Sind Sie in Hohenberg bekannt ? Bekannt eben nicht , antwortete Hackert ; schlechte Justiz merkt man nie so gut in der Nähe wie in der Ferne . Den dortigen Patrimonialrichter kenne ich aber . Er war oft in der Residenz . Er soll nun in die ordentlichen Gerichte aufgenommen werden , und handelt noch mit der Regierung über seinen künftigen Titel . Fürstlich hohenbergischer Justizdirector hieß er und möchte den langen Schwanz nicht gern aufgeben , wenigstens seine Frau nicht , wenn auch die Stellung draufgehen wird . Wir treffen also ein Patrimonialgericht ? sagte Dankmar . Das ist mir für unsern Fall erwünscht . Es geht da mit einem Processe kurz und bündig zu . Ja , ja , antwortete Hackert , die Hohenberger haben gleich ihren Thurm , drei Klafter tief , bei der Hand . Der Thurm ist Inquisitoriat , Spinn- , Zuchthaus , Festung , Alles in einem Loche . Nach den allgemeinen vaterländischen Zuchthäusern schicken nämlich die Patrimonialrichter nicht gern , das wissen Sie wol ? Da müßten sie ja ans nächste Landesgericht referiren , das gibt Schreiberei , Untersuchung ; da werden von oben her Nasen über schlechte Proceduren ausgetheilt , und so kann Einer einen Mord anstiften , stehlen , einbrechen , falsch schwören und so lustig fort ; der Herr Justizdirector findet immer soviel mildernde Umstände , daß der Mörder mit einem halben Jahre Localhaft davonkommt und die Regierungsjustiz nicht genirt wird . Ein halbes Jahr , länger darf der Fürst von Hohenberg Keinen strafen , sonst muß der Spectakel gleich an das allgemeine Landgericht . Dankmar empfand jetzt fast Reue über die entschiedene Art , wie er Hackert entgegengetreten war . Er sprach da so kundig über Rechtsverhältnisse , daß fast ein collegialisches Gefühl in ihm auftauchte . Um Hackert ' s zurückgekehrte gute Laune im Zuge zu erhalten , sagte er : Ihre Schilderung ist nicht übel . Apropos ! Sie erwähnen den Fürsten von Hohenberg . Wissen Sie etwas von ihm ? Ich wunderte mich , was mein verdammter Fuhrmann von einem Balle auf dem Schlosse fabelte . Der alte Fürst Waldemar von Hohenberg ist todt . Der junge Prinz Egon ist ja wol verschollen ? Prinz Egon , sagte Hackert , der über diese Verhältnisse allseitig unterrichtet schien , Prinz Egon ist in Paris oder sonstwo und kommt schwerlich mehr nach Hohenberg zurück . Wenn die Herrschaft nicht zu Hause ist , halten Hunde und Katzen Hof . In Hohenberg auch die Füchse und Wölfe und Blutegel . Die drei Hauptcreditoren der fürstlichen Masse sind vor ein paar Tagen hinaus mit Kind und Kegel , um Luftbäder zu nehmen . Justizrath Schlurck ißt gern Forellen , frisch aus dem Murmelbach , wie die Frau Justizdirectorin sagt , die Schlurck ' s schwache Seiten kennt ...... Hat denn Schlurck die Curatel auch über die Hohenberg ' sche Masse ? fragte Dankmar , der den Namen des gefeierten und vielgesuchten Advocaten Franz Schlurck sehr wohl kannte . Wo hätte Franz Schlurck nicht seine Finger im Spiel ! war Hackert ' s scharfbetonte Antwort . Seit dem Tode des Fürsten von Hohenberg geht dort Alles durch seine Hand , bei Lebzeiten des Fürsten war er schon Administrator . Es ist prächtig Das mit so einer Administration ! Die Gläubiger jagen den Besitzer von Haus und Hof , setzen einen Verwalter über die verschuldeten Häuser und Güter , lassen Den den Rahm oben abschöpfen und nehmen Das , was zuletzt von dem Spaße übrigbleibt , als Abschlag für die Zeit , wo ' s besser wird . Alle Jahre feiern sie eine allerliebste Assemblée , die sie die Besprechung der Masse-Creditoren nennen . Man rechnet erst , man schimpft , man droht , man lärmt , aber Abends ist Ball , Versöhnung , Händedruck und wol auch » Gänschen , du liebes Gänschen , was rasselt im Stroh ! « Die letzten Worte sang Hackert mit frivolem Ausdrucke und nach bekannter volksthümlicher Melodie . Dankmar fühlte zwar , daß Hackert aus seinem Schreiberamte eine vielfach unterhaltende Bekanntschaft mit allerhand Privathändeln sich erworben hatte , mochte ihm aber doch , um seine eigenen Angelegenheiten bewegt , in den innern Zusammenhang seiner Ansichten und Empfindungen nicht zu weit folgen . Er begnügte sich , auf alle diese Mittheilungen vorerst zu schweigen . Auf die Länge - die Uhr einer Dorfkirche schlug die zwölfte Stunde - fühlte er eine Anwandlung von Schlaf . Wirklich sah er auch nur mit halbwachem Bewußtsein , daß sie in ein stilles Örtchen kamen , wo nicht einmal das Bellen eines Hundes sich hören ließ . Ein Brunnen plätscherte laut vor einem Hause , das vielleicht eine Herberge war . Dankmar sah nothdürftig , daß Hackert abstieg , den Gaul bei Seite und an den Brunnen führte . Hackert nahm ihm die Halfter ab und ließ ihn an den Rand des Wassers . Dabei langte er ein Stück Brot aus der hintern Rocktasche und theilte mit dem Gaul . Ein großes Messer , das er aufklappte , schnitt bald für das Thier , bald für ihn einen Bissen ab . Auch in das Wasserbecken des Brunnens beugte sich Hackert , trank wie der Gaul und klopfte dann die Tropfen ab , die ihm dabei auf Halstuch und Weste gefallen sein mochten . An diesen sorgsamen Verrichtungen hatte Dankmar , durch die müden Augen blinzelnd , seine Freude . Sie gaben ihm so sehr das Gefühl der Sicherheit , daß er , ohne gerade Neigung für seinen Vordermann zu gewinnen , ihm doch volleres Vertrauen zu schenken anfing und den Schlummer immermehr über sich Herr werden ließ . Doch schlief er nicht so fest , um nicht zuweilen , aufgerüttelt von dem inzwischen wieder weiterrollenden Wagen , seinen Gedanken klarer nachzuhängen . Wie man so oft an sich erfährt , daß jede im ersten Sturme ergriffene Unternehmung nicht immer standhält , wenn die zu ihrer Ausführung nothwendige Zeit langsam schleichend an uns vorüberzieht , so übermannte auch Dankmarn bald das Gefühl der Ergebung in Das , was das Schicksal über seinen Verlust nun würde bestimmt haben . Er konnte sich ausmalen , welche Freude ihm das Wiederfinden des Schreines bereiten würde ; aber ebensosehr rüstete er sich auch schon auf die Gewißheit , daß er all den Plänen , die er an jene Entdeckung im Archivsaale des alten Tempelhauses geknüpft hatte , entsagen müßte . Er warf diese Thatsache wie so viele andere , denen der Erfolg fehlte , in jenes große weite Meer , auf dem schon so viel Hoffen untergegangen , so viele Träume gescheitert sind . Und das Gefühl einer gewissen Leere übermannte ihn so gewaltig , die Gleichgültigkeit gegen jedes Geschick überschlich ihn mit der schwindenden Kraft des jungen , schlafgewohnten Körpers so unwiderstehlich , daß er nach einiger Zeit sich aufraffend den mit großen gespenstisch offenen Augen in die Nacht hinausstarrenden Hackert anrief : Freund , ich will Ihnen sagen , woran wir besser thun . Nun ? fragte Hackert wie aus Träumen erwachend . Beim ersten Wirthshause , das wir entdecken , halten wir , trommeln die Leute aus dem Schlafe , führen den Gaul in den Stall und schlafen im Bette oder auf der Diele oder im Stroh eines Stalles , gleichviel . Was meinen Sie ? Mir ist ' s recht , sagte Hackert und zeigte auf ein Licht , das in einiger Entfernung am Saume eines Waldes sichtbar wurde . Wo sind wir wol hier ? Kennen Sie nicht einmal den Weg , fragte Dankmar , den Sie so muthig fahren ? Dies ist die erste Reise , die ich in meinem Leben mache , sagte Hackert . Ich habe den Sündenpfuhl , in dem ich geboren bin , noch auf zwei Meilen nie verlassen . Nun begreif ' ich , sprach Dankmar lachend und doch wieder von Mistrauen ergriffen , daß Sie die Gelegenheit einer Luftveränderung beim Schöpfe festhielten . Wenn man Sie anschaut , möchte man nicht glauben , daß Sie in irgend Etwas noch ein jungfräuliches Gemüth sein können . Übrigens will ich hoffen , daß wir nicht auf dem Wege nach Hamburg oder Leipzig , statt nach Hohenberg sind . Sie machen mir schöne Sachen ! Jetzt auf das Licht zu ! Und da bleiben wir , bis es hell wird und wir wissen , wo wir hier unter den Sternen herumkreuzen . Hackert pfiff dem Gaule zu , der von dem Lichte auch eine freundlichere Ahnung zu bekommen schien und sich wacker in Trab setzte . Ich bin ja erst zweiundzwanzig Jahre alt , sagte Hackert , gleichsam um sich zu entschuldigen . Was weiß ich , wo die Wegweiser da all am Wege hinzeigen ! Zweiundzwanzig Jahre erst ? antwortete Dankmar staunend und maß dabei , sich vorneigend , die Furchen auf Hackert ' s Stirn , die tiefliegenden Augen , die schlotterige , entnervte Haltung . Seine Lippen waren fahl , das Auge nur dann feurig , wenn es in unheimliche Erregung kam . Zweiundzwanzig Jahre , wiederholte er , wie haben Sie das gemacht , schon wie ein Sechsunddreißiger auszusehen ? setzte er nicht ohne Bitterkeit hinzu . Ich habe geschrieben , antwortete Hackert . Wer von seinem vierzehnten Jahre an nur auf dem Schreiberbocke reitet , kann keine so farbigen Wangen haben , wie meine Haare sind . Sechs Tage in der Woche habe ich acht Jahre lang Actenstaub geschlürft und Proceßgift eingeathmet . Abends und Sonntags hab ' ich gelebt .... .... Gelebt ? wiederholte Dankmar . Was nennen Sie leben ? Es scheint , leben hieß bei Ihnen soviel als sich langsam umbringen . Hackert gab auf diese Bemerkung keine andere Antwort , als daß er nach einer Weile bemerkte : Das Licht ist ein Wirthshaus . Ein gewaltiges Hundegebell begrüßte die nächtlichen Ankömmlinge . Sie standen vor der Pforte eines großen Gehöftes , aus dem im Dämmerlichte Leitern , Stangen und Scheunen hervorsahen . Ein dem dunkeln Walde zu gelegenes stattliches Wohnhaus schien geschlossen , oben aber in den Fenstern des ersten Stocks brannten noch Lichter . Hackert sprang vom Wagen und stieß mit dem Griffe der Peitsche an den Thorweg , daß die Hunde nur noch zorniger bellten . Auf ein mehrmaliges Heda ! kamen endlich über den gepflasterten Hof die Pantoffeln des Hausknechts angeschlorrt . Ein großer Holzriegel wurde von innen zurückgeschoben , eine Stalllaterne warf ihre trüben Strahlen auf Hackert ' s bleiches Angesicht . Können wir Nachtquartier haben ? war Hackert ' s Frage , der überhaupt so gewandt sich in Alles zu finden wußte , als wenn er Jahrelang auf Reisen zugebracht hätte . Nur herein ! rief der Hausknecht mit einem sonderbar fröhlichen Tone . Hier seid ' s gut geborgen , Kinder ! Juchhe ! Du armes Thierchen du ! wandte sich der fröhliche Hausknecht zum Pferde . Komm ! komm ! mein Hühnchen ! Friß Vogel und stirb mir nicht ! Ja ! Ja ! Wenn ' s immer , wenn ' s immer , wenn ' s immer so wär ' . Hier geht ' s ja spaßhaft zu , sagte Dankmar und sprang von seinem Sitze herunter . Ihr singt ja wie die Nachtigall im Busch . Hört Ihr sie schlagen , Herr ? fragte der Hausknecht . Ihr kennt mein Lieschen im Busch ? Noch drei Tage , dann sagt sie : Adieu Dietrich , Adieu Heidekrug ! Und erst über ' s Jahr kommt sie wieder . Fahr ' wohl ! Hackert erklärte diesen Humor für die Folgen eines gut angewandten Trinkgeldes . Dabei fielen sie fast über einen andern Knecht , der lang auf einem Strohhaufen ausgestreckt im Hofe lag . Dietrich und Heidekrug ! bemerkte Dankmar . Soviel haben wir jetzt weg . Der Heidekrug ... Ja , ja , der Heidekrug - komm , Schimmel ! Im Stall - im Stall - im Stall ist ' s kühl . Damit zog der fröhliche Hausknecht vom Heidekrug singend den Gaul von dem Einspänner in den Hof und begann ihn vorm Stalle auszuschirren . Heidekrug ? sagte Hackert . Wohnt denn hier der Heidekrüger ? Ja , Kutscher , das habt Ihr gut gerathen . Hier wohnt der Heidekrüger . Dankmar , dem der Name ebenfalls auffiel , bemerkte : Der Heidekrüger ? Das wird doch nicht Herr Justus sein ? Just Herr Justus , sagte Dietrich und führte den Gaul in den Stall . Kennen Sie den gelehrten Gastwirth auch ? fragte Hackert . Ich wundere mich , daß Sie ihn kennen . Hackert wurde über diese Replik wieder verdrießlich . Dankmar ' s unausgesetzter Zweifel an seiner Bildung und die offenbar geringschätzige Ansicht von seinem Herkommen verletzten den bizarren und , wie es schien , mannichfach mit der Welt bekannten und wieder mit ihr zerfallenen jungen Mann . Während Dietrich mit dem Gaul beschäftigt war , hatten sich die beiden Gefährten im Hofe des Heidekrugs genauer umgesehen . Er machte einen freundlichen , willkommenheißenden Eindruck . Rings begrenzten ihn Scheunen und Schuppen . Im Stalle hatten sie mehre Pferde bemerkt . Der Rinderstall grenzte dicht daneben . Ein wohlgehaltenes Stacket schied den Hof von einem reichen Baumgarten ab , der sich hinten zum Walde verlor . Die Düngerhaufen hier und dort gehörten zum Wesen einer großen Ökonomie . Das Wohnhaus hatte hinterwärts einen Anbau für die Küche . An der Seite , die nach dem Hofe ging , zog sich ein Spalier in die Höhe , das den weißen Kalk mit grünem dichten Weinlaub bedeckte . Vor den untern Fenstern waren große Blumentöpfe und Rankengewächse in Kästen aufgestellt , auf deren einem gerade eine Katze lag , die mit funkelnden Augen hier wahrscheinlich das Schlafzimmer der Herrschaft hütete . Der Eingang des Hauses nach vorn war geschlossen , aber hinterwärts , von dem Eingange zur Küche her , fanden sie eine offene Thür und unter ihr eine Magd sitzend , die hier auf der Schwelle ebenfalls eingeschlafen war , vom Lärm der in ihren Hütten festgeschlossenen Hunde aber nun erwachte . Als sie die Augen aufschlug und die Fremden erblickte , griff sie rasch nach einem glänzenden Gegenstande , der in ihrem Schooße lag und ihr entfallen schien . Es war ein neuer blanker Thaler . Wie sie sich besann und ihr