. Verehrte Herde , teure Majorats-Mutterschafe und Böcke ! Ihr begreift , daß mich ein wehmütig süßes Gefühl beschleichen muß , wenn ich nach so ungewöhnlichen Fahrten und Schicksalen endlich in euren stillfriedlichen Kreis zurückkehre ( stilles Einverständnis aller Seelen ) . Oh , es ist mir zumute wie einem jener alten Nomaden , die uns das Buch der Bücher in so trefflichen arabeskenhaften Märchen zu schildern sucht . Gleiche ich nicht einem Joseph , einem Benjamin oder lieber jenem - - - Sohne des Hethiten , Der einst die Maultier in der Wüst erfand , Als er des Vaters Esel mußte hüten ? ( Allgemeines Interesse . ) Oh , ihr Gespielen meiner Jugend , ihr lieben Angehörigen der Familie Schnapphahnski , seid mir gegrüßt , ja , seid mir von Herzen willkommen ! Mit euch aufgewachsen bin ich , ihr unvergleichlichen Mutterschafe , und gern denke ich noch daran , wie ich euch oft so zärtlich an die Lämmerschwänzchen faßte . Ja , mit euch habe ich mich entwickelt , ihr herrlichen Böcke , und nie werde ich vergessen , daß ich von euch alle meine tollen Sprünge lernte , bis ich endlich älter und erfahrener wurde und zu einem großen Sündenbock gedieh ( rauschender Beifall ) . Ihr Schafe zur Rechten und ihr Böcke zur Linken , hört meine Rede ! Beide liebe ich euch , und es ist nur aus altadliger Courtoisie , daß ich mich gewöhnlich mehr der Rechten zuwende , ja euch , ihr trefflichen Mutterschafe , da ihr der Stamm und der Hort der ganzen Rasse seid ( Bravo ! Bravo ! auf der Rechten ) . Oh , mein Enthusiasmus für euch und für diese Versammlung kennt keine Grenzen . Mit euch , ihr Schafe und Böcke , will ich schaffen und wirken für alle Schafe und Böcke außerhalb dieser Versammlung ( stürmische Jubelunterbrechung ) . Groß ist unsere Aufgabe , aber nichts wird uns erschüttern . Einer der kühnsten Streiter , stehe ich unter euch , heiter das Haupt erhebend , und nur eins , ach , kränkt mich und schnürt mir das Herz zusammen ( peinliche Aufmerksamkeit und lautlose Stille ) . Ja , eins nur tut mir weh , daß ihr herrlichen Merinomutterschafe und Böcke all miteinander hypotheziert seid und daß ihr nicht geschoren werdet - für mich . « Es wird meinen Lesern nicht entgangen sein , daß die Beredsamkeit unsres Helden namentlich in einer tieftraurigen elegischen Wehmut ihren Hauptreiz hat . Viele der ausgezeichnetsten Schafe und Böcke haben mir versichert , daß sie bei verschiedenen Gelegenheiten wahrhaft davon bezaubert gewesen seien und sich schon bereitgehalten hätten , den Demosthenes der Wasserpolackei mit einem Donner des Applauses auf seinen Sitz zu begleiten , wenn nicht wider Erwarten , trotz aller adligpatriarchalischen Phrasen , schließlich der Finanznot blasse Wehmut , tiefe Trauer zum Vorschein gekommen wäre und der ganze Sermon in einem unsterblichen Gelächter sein Ende erreicht hätte . Ja , die Finanznot ! Sie spielt in dem Leben unseres Helden eine ebenso große Rolle als die Liebe . Die Finanznot war es auch , welche Sr. Hochgeboren vor allen Dingen wieder nach Berlin trieb . Es wäre hier die Stelle , näher auf die Festlichkeiten einzugehen , die bei der Huldigung im Spätjahre 1840 in Berlin statthatten . Wir unterlassen dies aber . Herr von Schnapphahnski hatte sich natürlich sehr darauf gefreut . Er hoffte , daß man bei dem allgemeinen Tumult nicht mehr an seine seltsame Vergangenheit denken würde . Mit der angebornen liebenswürdigen Frechheit glaubte er , das Verlorene wiedererobern zu können und dann auch schnell zu Amt , Ehre und Kredit , kurz , zu allem zu gelangen , was das Dasein wünschenswert macht . » In Berlin « , heißt es in unsern Manuskripten , » wartete Sr. Hochgeboren aber ein äußerst schlechter Empfang von seiten der schlesischen Ritterschaft . Nach langen Debatten beschloß dieselbe nämlich , zu einem Diner , das sie als Korporation gab , Herrn von Schnapphahnski nicht zuzulassen . Unser Ritter fand sich aber dennoch ein und setzte sich mit zu Tische . Da erhob sich die ganze Ritterschaft ... « XI Die Nordsee Die Gelehrten , die in keinem Punkte übereinstimmen , sind natürlich auch darüber uneinig , was aus Sr. Hochgeboren , dem Ritter Schnapphahnski , wurde , nachdem er in Berlin so glänzend Fiasko gemacht hatte . Einige behaupten , er sei sofort auf seine Güter nach der Wasserpolackei gereist ; andere lassen ihn dagegen nach Norden ziehen und schwören darauf , daß er plötzlich auf einer Insel der Nordsee unter dem Namen eines Grafen G.v.W. zum Vorschein gekommen sei , um eins der trefflichsten Abenteuer seines Lebens zu bestehen . Schnapphahnski oder vielmehr Graf G.v.W. - erzählt uns einer dieser Herrn - war des Lebens müd und matt , als er von dem Huldigungsfestmahl aufstand . Er sprach kein Wort mehr , er ließ seine Sachen packen und bestellte Postpferde in die weite Welt - zunächst nach Hamburg . In Hamburg hatte unser Ritter nicht im geringsten etwas Böses vor - denn ach , unser Held war zu kaduk . Er fühlte , daß er sehr unglücklich sei , und da gegen alles Unglück nichts besser ist als eine ausgezeichnete Zigarre , so hielt sich der hohe Reisende nur deswegen einige Tage in der liebenswürdigsten aller deutschen Städte auf , um die besten Importierten zu kaufen , die je die Magazine des Jungfernstieg durchduftet . Als aber nun Koffer , Taschen und Büchsen mit den braunen Kindern der Havanna reichlich gefüllt waren , bestieg unser Held den Dampfer und fuhr die Elbe hinab , hinaus in die dicke blaue Meerflut . In der frischen , freien Natur , dachte der Ritter , wirst du all dein Mißgeschick vergessen . Verflucht sei das Land ! Gesegnet sei das Wasser ! Wenn die Wellen dich schaukelnd dahintragen und die Wolken wie geflügelte Gletscher das Blau des Himmels durcheilen und wenn dich endlich ein Eiland aufnimmt , wo nur fromme , robuste Fischer wohnen und stämmige Nereiden und wohlmeinende Austern : oh , da wird dein krankes Herz gesunden , und du wirst ein Glücklicher unter Glücklichen sein und ein billiges , gottgefälliges Leben führen in Ewigkeit . - Wie in so manchen Sachen , irrte sich der Ritter auch in diesem Punkte , denn nichts kuriert einen vernünftigen Menschen weniger als die reine Natur , als eine sogenannte schöne Gegend . Mit unserm kleinen , süßen Gewohnheitsplunder befinden wir uns in der finstersten Gasse einer lärmenden Stadt auf die Dauer besser , als vom Frührot umstrahlt auf dem Gipfel der Alpen unter Gemsböcken und dummen Kuhhirten . Ich lasse es mir gefallen , daß man sich alle Jahre einmal auf den Rigi setzt , auf den Snowdon oder den Blocksberg , um sich davon zu überzeugen , daß unser Herrgott auf eine wahrhaft geniale Weise seine großen Bergklötze durcheinanderwürfelte - eine Stunde , einen Tag lang mag man alles beschauen ; aber dann auch hinab zu der ersten besten verwünschten Prinzessin ! Was geht mich die ganze Schweiz an , wenn ich in ein paar schöne Augen sehe ? Unser Held war daher auf einem ganz gewaltigen Irrwege , wenn er durch ein dauerndes Schwelgen in der schönen Natur zu gesunden dachte . Hätte ich nur die Pläne des Ritters gewußt und wäre ich damals in St. Petersburg gewesen , so würde ich meinem Freunde auf der Stelle geschrieben haben : » Liebster Ritter , kommen Sie wenigstens nach St. Petersburg . Beschauen Sie sich die Paläste Sr. Majestät , des großen Bären . Amüsieren Sie sich an der steifen Parade der kaiserlichen Truppen . Suchen Sie vergebens einige hungrige russische Beamten zu bestechen , und fahren Sie auf einem abscheulich guten Wagen nach Moskau oder zu Schlitten nach Sibirien - Sie werden wie gerädert dort ankommen ; Hören und Sehen wird Ihnen vergehen , und Moses und die Propheten werden Sie vergessen und folglich auch Ihr Unglück . Oder reisen Sie nach London ! Ich gebe Ihnen ein Empfehlungsschreiben mit an meine Freunde in Eastcheap . Dort treffen Sie den unvergleichlichen Sir John Falstaff . Er frühstückt bei Frau Hurtig und wird Sie mit Dortchen Lakenreißer bekannt machen und mit Bardolph und Pistol und andern hervorragenden Persönlichkeiten des Jahrhunderts . Mancher wird Ihnen freilich versichern , daß dies nicht die beste Gesellschaft sei ; aber das ist reine Verleumdung . Ein englischer Literat namens Shakespeare ist schuld daran . Er hat in seinen verwerflichen Dramen die nachteiligsten Dinge über den wahrheitsliebenden Sir John und über das tugendhafte Dortchen erzählt . Aber dafür erscheint er denn auch vor der Sternkammer , d.h. vor dem Zuchtpolizeigericht ; die Klage lautet auf Kalomnie , und da der unglückselige Angeklagte in dem rotnasigen Lord Brougham einen sehr schlechten Advokaten hat , so hofft man , daß besagter Herr Shakespeare wenigstens zu 3 Monat Arrest und zu 5 Jahr Verlust der bürgerlichen Rechte verdonnert wird . Was können Sie also Besseres tun , als nach London reisen , um diesen famosen Prozeß mit anzuhören ? Oder reisen Sie nach Paris ! Paris ist der einzige Ort , wo ein vernünftiger Mensch auf die Dauer leben kann . Stellen Sie sich auf die Place de la Concorde , und wenn die Springbrunnen rings um Sie plätschern und wenn seitwärts der Duft aus tausend Orangenblüten emporsteigt und wenn die Hieroglyphen des Obelisks von Luxor im Abendgolde brennen und der Blick sich rechts in dem Lindengrün des Tuileriengartens und links in der Weite der Elysäischen Felder und in dem Duft verliert , der geisterhaft über die Höhe des Arc de Triomphe einherwogt - und wenn sich nun der Abendwind aufmacht und das Tönen der Musik aus entfernten Gärten in leisverhallenden Klängen zu Ihnen herüberträgt und die reizenden Franzosen mit ihrer ganzen Lebendigkeit an Ihnen vorübertanzen und jetzt die sinkende Sonne ihren letzten Purpur , ihre flammendsten Rosenlichter auf die Wipfel der Bäume , auf die Perlen der Springbrunnen , auf das Blau der Wolken und auf die Wangen der lieblichsten Frauen der Welt wirft und endlich die ganze ungeheure Stadt wie im Bewußtsein ihrer Schönheit noch einmal im Rausche der Liebe und der Wollust emporzujauchzen scheint - nun , lieber Ritter , da will ich ein Dromedar sein , wenn Sie sich nicht wie ein Gott fühlen , wenn Sie nicht Ihre Leiden vergessen , wenn Sie nicht gern die ganze Welt für einen Pariser Pflasterstein verkaufen , für einen einzigen dieser heiligen Steine , die heller durch die Geschichte leuchten als alle Kronjuwelen , so den Schädel eines Fürsten zierten , von Salomo bis auf Reuß LXXII . « Doch was hilft es , daß ich mir vorleiere , wie ich zu dem unglücklichen Ritter gesprochen haben würde ? Unser Freund sehnte sich weder nach den Eispalästen Sr. Majestät , des großen Bären , noch nach der Taverne in Eastcheap , noch nach dem Obelisken von Luxor - traurig saß er auf dem Verdeck des schwankenden Dampfers , die Möwen schrien , die Wolken zogen , und » stop ! « rief der Kapitän , da landeten sie auf einer Insel der Nordsee . Ich mag es nicht unternehmen , meinen Lesern diese weltbekannte Insel näher zu schildern . Hunderte der geistreichsten Schriftsteller haben sich schon an diesem Stoffe versucht , und es hieße wirklich Wasser in den Rhein tragen , wenn ich den trefflichen Reisebeschreibungen jener guten Leute noch meine unvollkommenen Notizen hinzufügen wollte . Beschränken wir uns daher auf die Mitteilung , daß das Leben auf der fraglichen Insel möglichst langweilig ist und daß es wirklich ein Wunder gewesen wäre , wenn der arme melancholische Graf G.v.W. nicht schon nach kurzem recht eigentlich mit sich zu Rate gegangen wäre , wie er durch irgendeinen tollen Streich die Einförmigkeit eines Daseins brechen könne , das gewiß am allerwenigsten geeignet war , um ihn die Stürme der Vergangenheit vergessen zu lassen . Aber wie sollte man auf dieser einsamen Insel einen tollen Streich begehen ? Sollst du mit den Fischern aufs Meer ziehen ? fragte sich der Graf . Sollst du dich mit dem ersten besten Engländer herumboxen ? Sollst du dich in eine Auster verlieben , oder sollst du gar zum Zeitvertreib heiraten ? - - O ihr unsterblichen Götter : heiraten ! welch eine Idee ! Übrigens wäre die Geschichte doch nicht so übel , dachte der Graf . In der Ehe langweilt man sich wenigstens nicht mehr ganz allein : man langweilt sich zu zweien , und dies ist schon ein Vorzug , ein sehr großer Vorzug ! O himmlischer Vater , du weißt es , wozu die Langeweile einen Menschen verleiten kann - - Ja , du weißt alles . Auch meine geheimsten Gedanken kennst du , und gewiß werden dir bei deinem vortrefflichen Gedächtnis noch jene ausgezeichneten Gebete oder , wie der alte Kant sagt , jene » oratorischen Übungen « erinnerlich sein , die ich manchmal in stiller Mitternacht » aus einem Rest von kindlichem Gefühle « zu dir emporlallte , wenn ich mit des Jahrhunderts lieblichen Töchtern des Vergänglichen viel genossen hatte und nun plötzlich auf den närrischen Gedanken kam , daß ein treues Eheweib am Ende doch noch besser sei als alle jene undankbaren , unersättlichen Loretten , die der böse Herr Teufel gezeugt hat mit der schönen Frau Venus . Du hast sie gehört , jene rührenden Gebete , und du wirst sie gnädig verziehen haben . Sieh , o Vater der Götter , Zeus , du Wolkenversammler - sieh , Jehovah oder Odin oder wie du dich nennen willst : auch heute befinde ich mich wieder in dieser heiratslustigen Stimmung . Ich langweile mich auf dieser einsamen Insel ; es ist nicht gut , daß der Mensch alleine sei ; drum erhöre mein Gebet und nimm mir , wie weiland unserm Urgroßonkel Adam , eine Rippe aus der Seite , auf das ich morgen früh ein holdes häusliches Wesen an meiner Brust finde , im leichten Nachtkleid , eine Rose in Steifleinen . Also betete der Graf , und wenn er nicht wirklich der Ritter Schnapphahnski war , so werden meine Leser doch gestehen müssen , daß die » oratorischen Übungen « unsres Helden eine frappante Ähnlichkeit mit den Herzensergüssen Schnapphahnskis hatten . Wie dem aber auch sei , soviel ist gewiß , daß der Himmel das Gebet des unglücklichen Grafen erhörte - wenn auch gerade nicht in streng-alttestamentlichem Sinne . Denn sieh , als unser Graf einst mit mehreren gleichgesinnten Badeseelen in dem hübschen Gemache seines Hotels saß und eben damit beschäftigt war , statt der Diamanten des reinsten Wassers die Perlen des vorzüglichsten Champagners in die Nacht seines gramvollen Lebens hereinstrahlen zu lassen , da wurden plötzlich die Türen geöffnet und herein trat - - - Die schöne Insulanerin war ein liebenswürdiges Mädchen . Sie zählte etwa 24 Jahre , als sie der Herr Graf kennenlernte . Prächtig schwarzes Haar umfloß die blendend weißen Schultern , und der üppige Busen , die schlanke Taille und der kleine Fuß , doch vor allem der Liebreiz ihres seligen Lächelns : alles das hatte schon manchen Nordsee-Sohn halbtoll gemacht . Ja , schon mancher wilde Bursche war zahm und liebegefoltert vor ihr in den Staub gesunken ; aber keck hatte sie noch immer den Fuß auf ihrer Verehrer Nacken gesetzt , und der alte Ozean war der einzige , der sich rühmen konnte , daß er den Lilienleib der Schönen umschlungen und ihn im Gekräusel der Wogen davongetragen habe . Da betrat Graf G. den Strand der Insel - - aber ich sehe zu meinem Schrecken , daß ich in vollem Zuge bin , eine Liebesgeschichte zu schreiben ! Genug , die schöne Insulanerin verliebte sich in den » reichen « Grafen ; und der » bankrotte « Graf freute sich nicht wenig über sein rasches Glück . Die guten Eltern des armen Kindes waren zu sehr von den noblen Gesinnungen ihres Schwiegersohnes überzeugt , als daß sie seinen Werbungen etwas in den Weg gelegt hätten , und wer sonst von den einfachen Fischern den edlen Herrn mit so unendlichem Anstand Champagner trinken sah , der mußte sich gestehen , daß die jugendliche Insulanerin einen Gemahl bekomme , der überirdisch vornehm und liebenswürdig sei . Se . Hochgeboren spielten die Farçe ausnehmend gut , ja , sie spielten sie schließlich von der Nordseeinsel hinüber nach Hamburg , wo sich wunderbarerweise ein katholischer Geistlicher fand , der nicht die geringsten Schwierigkeiten machte , das abenteuerliche Paar zu trauen . Bei einem Hamburger Advokaten existieren noch heutigen Tages die Akten über diese Vermählung , die später zu einer der interessantesten gerichtlichen Untersuchungen Veranlassung gab . Es geht daraus hervor , daß der schöne abenteuerliche Graf G. eigentlich durch nichts bewies , daß er wirklich der eheliche Sohn des Grafen G.v.W. usw. sei . Da der Herr Pfarrer aber so gefällig war , den Akt der Trauung mit seinem Gewissen zu vereinbaren , so konnte sich die schöne Insulanerin nichtsdestoweniger bald Komtesse de G. nennen und erschien unter diesem Titel mit ihrem Gemahle wieder auf der heimischen Insel , angestaunt von den nachbarlichen Fischern und vielfach bewundert von dem Schwarm neugieriger Gäste , den die Dampfer von Hamburg aus nach dem felsigen Eiland hinüberbrachten . Wochen und Monate flossen so dahin , da trat eines Morgens der Herr Graf zu der liebenswürdigsten aller Gräfinnen und kündigte ihr an , daß er trotz der interessantesten Umstände , in denen sich die jugendliche Komtesse befand , einmal hinüberreisen müsse nach dem Vaterlande , um einige finanzielle Angelegenheiten zu ordnen , die lange genug vernachlässigt worden wären . Vergebens bat die junge Dame , daß der Herr Gemahl so freundlich sein möge , sie mit sich zu nehmen . Der Graf war unerbittlich , und als am folgenden Tage Eos mit Rosenfingern emporstieg und der Schlot des » Patrioten « in die frische Seeluft hinausdampfte , da wurden zum Abschied die Tücher geschwenkt , und die arme Komtesse sah ihren Gemahl - zum letzten Male . Ja , der Herr Graf hat sich seitdem nicht wieder auf der Insel sehen lassen . Umsonst waren alle Nachforschungen . Vergebens arbeiteten Advokaten und Pfaffen und stille Verehrer skandalöser Geschichten jahrelang daran , das Dunkel des gräflichen Verschwindens aufzuhellen . Keine Spur hat sich entdecken lassen wollen - Sollte der Herr Graf vielleicht einige Ähnlichkeit mit unserm Ritter Schnapphahnski gehabt haben ? Doch nein , es ist nicht möglich ! Auf Helgoland sah man aber in jenen Jahren oft beim Sinken der Sonne eine hohe schwarzgekleidete Dame das Ufer entlangwandeln . Sie führte ein reizendes Mädchen an ihrer Hand , und wenn der Abendwind den dunkeln Schleier der seltsamen Frau emporhob , da sah man in ein schönes , totenbleiches Angesicht . XII Die Herzogin Wie ein begossener Pudel , bleich , zitternd , kaduk , verließ unser Ritter Berlin . Es war ihm zumute wie weiland in den Pyrenäen , als er , ein flüchtiger Landsknecht , bespritzt von altspanischem Landstraßendrecke , das Weite suchte und aus Verzweiflung Autor wurde , ja , Schriftsteller - das Schlimmste , was einem Menschen im Leben passieren kann . Es fröstelte unsern Helden . Die Zukunft dehnte sich vor seinen Blicken wie ein langer trüber Regentag . Gläsernen Auges stierte er hinaus in die Leere seines Daseins , einem zerlumpten Auswanderer gleich , der müßig über das wüste , einförmige Wogen des Meeres schaut und mit sich zu Rate geht , ob er die Reise in eine neue Welt wagen oder ob er sich lieber hintereinander ersäufen soll . Die ekelhafteste , hündischste Phase des Unglücks ist die , in der man gleichgültig und dumm wird . Ein Unglücklicher , der weint und wimmert wie ein verliebter arkadischer Schäfer , er kann schön sein , man wird ihn lieben können , und blonde Poeten werden ihn besingen und Stanzen und Sonette auf ihn dichten , und blauäugige Mädchen werden an ihn denken noch manchen stillen Sonntagnachmittag . Ein Mensch , der sich , wie ein Laokoon , schmerzgefoltert durch die Schlangen des Mißgeschickes windet : er wird unsere Herzen mit sich fortreißen , und ein großer Meister wird ihn in Marmor hauen , und ein zweiter Lessing wird vielleicht eine unsterbliche Kritik darüber schreiben , und kunstsinnige Könige und klassische Schulmeister werden sich daran erbauen bis an den Jüngsten Tag . Und ein Mann endlich , der , jenem Römer gleich , mit kalt-heroischer Trauer auf den Trümmern einer Welt sitzt : er wird uns fesseln durch die Ruhe seines Adlerauges , durch die Allgewalt seines Schicksals . - Herr von Schnapphahnski schnitt aber leider weder ein Gesicht wie ein arkadischer Schäfer noch wie der große Laokoon , noch wie ein alter Römer ; er glich einem Unglücklichen , den man zehn Jahre lang in einem Zellengefängnisse marterte , der sich allmählich für den einzigen Menschen auf der Welt hielt , weil er niemand anders als sich sah ; ja , der sich endlich einbildete , daß er längst gestorben wäre und daß der Tod nur in dem Leben eines Zellengefängnisses bestehe , und der sich immer mehr mit seinem Schicksale aussöhnte , bis er zuletzt vor freudigem Wahnsinne stupide lachte , ja , bis seine Seele so gespenstisch durch die eingefallenen Augen schaute wie eine verwelkte Rose durch das zerbrochene Fenster eines Hauses , das morsch und menschenverlassen ist und über Nacht zusammenstürzen wird in Staub und Asche . Genug , unser Ritter war ein verlorener Mann , eine leichtsinnige Fliege , die ins Licht flog und sich Kopf , Beine und Flügel verbrannte . Ja , noch mehr . Unser Held hatte sich blamiert ; er hatte sich lächerlich gemacht ; er war » unmöglich « geworden , in jeder Beziehung ( ridicule et impossible ) . Wir wollen es nicht versuchen , die Monologe unseres Helden wiederzugeben - die Monologe , die er zwischen Berlin und der Wasserpolackei hielt , wenn er bald die Götter bat , ihn in das räudigste Schaf zu verwandeln , das hypotheziert auf seinen Triften ging , und bald wieder wünschte , seinen Kopf in beide Hände nehmen zu können , um ihn gleich einer Bombe in den Olymp zu schleudern , daß der alte Olympos platze mit all seinen Göttern . Schuldbeladen saß unser Held auf seinen verschuldeten Gütern . Seine Häuser , seine Felder , seine Schafe hatte er den Juden und den Christen verpfändet . Ihn selbst hypothezierte das Schicksal . Schnapphahnski war nicht mehr der alte Schnapphahnski . Man sagt , er habe in jenen Tagen manchmal in der Bibel gelesen - - erst nach geraumer Zeit sollte aus der melancholischen Puppe wieder der lustige Schmetterling springen . Diese Wendung in dem Trauerweidenleben unseres Ritters trat dadurch ein , daß ihm einst ein guter Freund aus alten Tagen ermunternd auf die Schulter klopfte und ihn darauf aufmerksam machte , daß er durch die Liebe unglücklich geworden sei und daß er folglich auch suchen müsse , durch die Liebe wieder auf den Strumpf zu kommen . Ein tiefer Sinn lag in diesen Worten , und als der wohlmeinende Freund unseres Ritters noch hinzusetzte , daß sich ganz in der Nähe eine gewisse steinreiche Herzogin aufhalte , die zwar ein höchst dornenvolles , jedenfalls aber ein ungemein ergiebiges Feld der Eroberung darbiete , da erwachte unser Held plötzlich aus seiner Lethargie und faßte den Entschluß , seinen letzten großen Coup zu wagen - - Ich komme jetzt im Laufe meiner Erzählung zum ersten Male an eine Stelle , wo ich unwillkürlich stutze und zurückschrecke . Die Feder versagt mir fast den Dienst ; ich möchte sie gern wegwerfen ; ich bin unschlüssig , ob ich überhaupt noch fortfahren soll : ich bin in der peinlichsten Verlegenheit . Meine freundlichen Leserinnen werden meine Not begreifen , wenn ich ihnen rundheraus sage , daß ich dazu gezwungen bin , mich über eine Dame auszulassen , deren Schicksale so wenig an das Leben einer Heiligen erinnern , daß ich wirklich nicht weiß , ob nicht manche Lilienwange über meine Schilderung leise erröten und manche kleine Hand diese Blätter zornig zerreißen wird in tausend Stücke . - Was soll ich tun ? Bin ich nicht bisher immer höflich gegen die Frauen gewesen ? Suchte ich nicht die Ehre der trefflichen Gräfin S. , jener schönen , edlen Frau , in jeder Weise zu wahren ? Verteidigte ich nicht die Schwester des Grafen G. ? Habe ich nicht von Carlotta die lautere Wahrheit gesagt ? Nahm ich nicht die Tänzerin in Schutz , und schilderte ich nicht die Wiener Damen in ihrer ganzen sonnigen Hoheit ? - Ach , und nun soll ich mit einem Male von einer Frau erzählen , deren Reize so unendlich zweideutig sind , daß ich durch meine Schilderung beim besten Willen und bei der äußersten Zartheit doch mitunter gegen das Gefühl des Anstandes und der Galanterie aufs gröbste verstoßen muß , wenn ich nur einigermaßen der Wahrheit getreu bleiben will , der Göttin der Wahrheit , die bisher meine Feder führte mit unerbittlicher Strenge . Doch wage ich es ! Es sei ! Möge der Stil meinen Gegenstand retten ! Die Form ist alles ! Die Dame , auf welche Herr von Schnapphahnski sein Augenmerk richtet , ist die achtundfünfzigjährige Herzogin - - meine Leser müssen verzeihen ; ich werde dies später erzählen . Die Herzogin ist achtundfünfzig Jahre alt - also fast zweimal » schier dreißig « . Man muß gestehen , unser Ritter hatte plötzlich sehr seltsame Gelüste bekommen . » Unser Leben währet kurze Zeit ; siebenzig Jahre , wenn ' s hoch kommt : achtzig - « , meint der Psalmist ; achtundfünfzig Jahre ist schon ein hübsches Alter ; ohne unhöflich zu sein , darf man von einer Achtundfünfzigjährigen sagen : » c ' est une dame d ' un certain âge . « - Die Herzogin ist klein . Sie ist äußerst zart gebaut ; ja , man könnte sie - mager nennen , wenn dieser Ausdruck nicht gar zu unangenehm wäre . Unter vier Augen würde man sich sogar gestehen , daß die Herzogin mager wie ein Skelett ist . Ich bitte sehr um Entschuldigung ! Die Herzogin trägt falsche Waden - ich stoße immer wieder auf Schwierigkeiten . Falsche Hüften - ich verwickle mich immer mehr . Einen falschen Cul - aber jetzt höre ich auf . Mit der Toilette einer Dame ist nicht zu spaßen . Die Toilette ist etwas sehr Ernstes . Die Toilette ist alles ! Namentlich bei der Herzogin . » Die Herzogin gleicht einem ausgestopften Raubvogel . « Ich wasche meine Hände in Unschuld . Ich habe dies nicht gesagt . Es steht wörtlich so in meinen Manuskripten . Die Herzogin gehört also nach dieser Aussage in das Britische oder in das Leydener Museum . » Die Herzogin trägt auch die Physiognomie desselben , nämlich des Raubvogels : enorme geierartige Nase , Geieraugen , groß wie ein Teller - in früheren Zeiten von hoher Schönheit . « - Die holde Persönlichkeit der Frau Herzogin wird immer deutlicher . » Sehn Sie hier , meine Herren und Damen « , würde etwa ein Wärter des Britischen oder des Leydener Museums sagen , » hier sehen Sie den großen Raubvogel ( jetzt käme irgendein lateinischer Name ) , jenes berühmte Tier , das auf den höchsten Höhen der menschlichen Gesellschaft nistet . Der Zahn der Zeit hat sehr merklich an diesem Vogel gerupft . Trotzdem werden Sie aber an der großen gebogenen Nase und an den grimmigen Augen dieses Tieres bemerken können , daß er von außerordentlich rein adeliger Rasse ist . In seiner Jugend machte dieser Vogel die kühnsten Flüge ; er horstete mit den männlichen Raubvögeln des Jahrhunderts in der Nähe aller europäischen Throne , auf allen Ambassaden moderner Völker . Er lebte mit Adlern , mit Steinadlern , mit Geiern , mit Lämmergeiern , mit Falken und Kranichen ; ja , er ließ sich später sogar zu Raben und Elstern herab , zu gewöhnlichen Haushähnen und ähnlichem gemeinbürgerlichem Geflügel . In jüngster Zeit assoziierte sich unser Vogel aber noch einmal mit einem Männchen aus dem berühmten Geschlechte der Schnapphahnski , und Gott weiß , welch ein naturhistorischer Druckfehler aus dieser Liaison hervorgegangen wäre , wenn nicht ein naseweiser weiser Schriftsteller das alte Tier plötzlich mit seinem Geschosse erlegt hätte , so daß es nun hier in dem Kasten des Museums prangt , ein wahres Kabinettstück , bewundert von allen reisenden Engländern und vielfach besucht von allen wißbegierigen Bürgerschulen . « Die Herzogin ist also eine geiernasige und geieräugige , aus Kunst und Natur zusammengesetzte achtundfünfzigjährige kleine Dame . Wir wünschen Herrn von Schnapphahnski von ganzem Herzen Glück . » Der Teint der Herzogin ist gelb verwittert « , setzt das Manuskript hinzu , » die Herzogin hat höchst scharfe Züge . Ihr ganzes Angesicht gleicht aber der Brandstätte der Leidenschaften . « Brandstätte der Leidenschaften ! Seit wir diesen Vergleich haben , brauchen wir unsere Herzogin weiter nicht mehr zu schildern . Es ist unnötig , wenn wir noch hinzusetzen , daß unsere Heldin sich stets sehr jugendlich kleidet , daß sie eine zweireihige Garnitur falscher Zähne besitzt und daß sie einen total haarlosen Kopf hat und deshalb auch schon seit undenklichen Zeiten eine vollständige Perücke trägt ... Die kahlen Köpfe waren in der Familie der Herzogin von jeher en vogue . Die älteste Schwester unserer Heldin , eine ausgezeichnete Dame , die sich von vier Männern scheiden ließ und eigentlich in der ganzen Familie einzig und unerreicht dasteht , beschäftigte sich während der zweiten Hälfte ihres schönen Lebens fast ununterbrochen mit der Auffindung irgendeines Mittels , das die letzten Reste des herzoglichen Familienhaares konservieren könne . Pythagoras entdeckte seinen Lehrsatz ; Kolumbus entdeckte Amerika , und die Herzogin von ... entdeckte die berühmte schwarze Haartinktur . Ich weiß nicht , ob die Herzogin den Göttern Hekatomben schlachtete , nachdem sie die Tinktur erfunden hatte ; jedenfalls ist es aber für gewiß